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[Bild: Prinzessin Marie und Rosaurus
Stahlstich d. Kunst u. geogr. Anst. v. Serz & C^ie]
Leben und Schicksale
des
_Katers Rosaurus_,
oder
die kleine Prinzessin und ihre Katze.
Ein unterhaltendes Lese- und Bilderbuch für Kinder
von
Amalie Winter.
Mit 1 schwarzem und 5 colorirten Stahlstichen.
Leipzig, 1851.
_Baumgärtners Buchhandlung._
Kapitel 1.
Die Ueberraschung.
Meine Freuden.
Wollt Ihr meine Freude hören,
Ruft ein Mädchen voller Lust,
Nun ich will sie gern Euch lehren,
Hegt sie auch in reiner Brust.
Meine Freude sind die Blüthen
Und die Blumen groß und klein
Die des Himmels Lust und Frieden
Durch die weite Schöpfung streu'n.
Meine Freuden sind die Thiere,
Schäfchen, Biene, Schmetterling.
Denn in Gottes Lustreviere
Ist mir keines zu gering.
Die kleine Prinzessin Marie war 6 Jahr alt und führte ein glückliches
Leben. Alle Welt war ihr gut und Jedermann bemühte sich, ihr Freude zu
machen. Täglich wurden kleine Mädchen eingeladen, mit denen sie im
schönen Wagen spatzieren fuhr und mit schönen Spielsachen spielte.
Die Spielsachen waren aber ganz außerordentlich schön. Sie hatte unter
Anderm eine Puppenstube, welche so groß war, daß nicht nur die Puppen,
sondern auch deren Besitzerin, nebst zwei ihrer Freundinnen darin Platz
fanden. Kanapee, Stühle und der Tisch waren so eingerichtet, daß die
Kinder sich ihrer bedienen konnten und oft wurde dort in Gesellschaft
der Puppen von verschiedener Größe Chocolade getrunken. Der kleine Hund
_Joly_ wurde bei solchen Gelegenheiten ebenfalls eingelassen und erhielt
einen Platz auf dem Kanapee, von wo aus er mit wahrhaft menschlicher
Grazie, ebenfalls Chocolade trank und Bisquit fraß. Wenn er sich
zuweilen vergaß und sich allzu gefräßig zeigte, so wurde er ernstlich
ermahnt und das Prinzeßchen drohte mit dem Finger.
Die Puppen waren indeß von verschiedener Größe und von ganz
verschiedener Art. Da sah man eine große Puppe als Königin angethan,
mit einer goldenen Krone auf dem Kopf und dem Hermelinmantel um die
Schultern. Neben ihr saß das Bauermädchen in der Landestracht, mit
Bändermütze, kurzem Rock und goldgesticktem Latz. Ein kleiner Knabe
und ein kleines Mädchen waren in den kurzen Flügelkleidern und weißen
Beinkleidern mit den runden Strohhüten sehr hübsch anzusehen.
-- Außerdem gab es auch Puppen in Haus- und Ball-Kleidern und alle
hatten ihre besondere Garderobe. Viele davon besaßen sehr schönes langes
Haar, und es gewährte den Kindern große Freude, solches zu kämmen und zu
flechten; andere hatten blos Locken, was ihnen auch sehr gut stand.
Alle diese Puppen waren aber, in dem Augenblick wo diese Geschichte
beginnt, ganz vergessen und lagen in einer Ecke der Puppenstube über
einander gehäuft, denn die Prinzessin hatte kürzlich eine Puppe
erhalten, welche alle anderen aus ihrem Herzen verdrängte; das war
nämlich eine schöne Wickelpuppe. -- Kopf, Arme und Beine waren von
Wachs und das Kinderzeug war äußerst vollständig. Es fehlte nicht an
Windeln, Stopfläppchen und Wickelschnuren. Die Wickelkissen waren mit
Bandschleifen versehen und mit Stickereien garnirt. Die Mützchen waren
prächtig, ganz mit Spitzen und Bändern bedeckt. Es gewährte den Kindern
große Freude, das Puppenkind zu wickeln und trocken zu legen, herum zu
tragen und einzuschläfern, und ihm Brei zu geben, mit dem kleinen
silbernen Breilöffel, aus dem vergoldeten Breinäpfchen. Des Abends wurde
die Puppe immer in die Wiege gelegt, welche ebenfalls in der Puppenstube
stand; und das war eine sehr schöne Wiege von Mahagoniholz, wie nur
wenig Menschenkinder sie besitzen. Es schläft sich nun zwar eben so gut
in einer einfachen Wiege; aber für die Puppe einer kleinen Prinzessin
heißt es doch: »je schöner, je besser«. An dieser Wiege waren nun reiche
Vergoldungen angebracht; ein vergoldeter Engel schwebte darüber und
hielt in seinen Händen den grünen Vorhang von schwerem rauschenden
Seidenstoff: Kopfkissen und Decke waren von rosa Atlas mit Ueberzug von
gesticktem Tüll mit Spitzenbesatz.
Das schönste Eigenthum der Wickelpuppe war aber das Taufzeug. Es bestand
aus einem langen Kleid von Spitzentüll über rosa Atlas. Das Kind lag auf
einem Kissen von rosa Atlas und nun gab es Spitzen und Schleifen in
Menge. Besonders schön waren die Aermelchen gestickt, und das Mützchen
erregte allgemeine Bewunderung. Eine arme Stickerin hatte vier Wochen
daran gearbeitet und von dem Lohn, den sie dafür bekam, ihre ganze
Familie erhalten. Die Wickelpuppe sah aber in diesem Taufzeug gerade so
aus, wie das Prinzeßchen selbst bei der Taufe ausgesehen hatte.
»Wir wollen doch Taufens spielen«, sagte _Lisi_ eines Tages, als eine
Gesellschaft kleiner Mädchen bei der Prinzeß versammelt war. Lisi war
die älteste von ihnen und pflegte gewöhnlich die Spiele anzugeben. »Wir
wollen die Wickelpuppe taufen«, sagte sie, »und ich will der Pastor
sein«. Die Kinder nahmen den Vorschlag mit Jubel an; Mademoiselle Gogo,
die Bonne, hatte das Zimmer verlassen wegen eines Besuches und hatte die
Kinder gebeten, recht still zu spielen; nun! bei der Taufe machte man
auch gewiß keinen Spectakel. Lisi wickelte sich in einen schwarzen Shawl
und machte sich von Papier Päffchen an den Hals. Ein kleiner Tisch wurde
als Altar angeputzt. Nun putzten sich auch die Pathen. Das Prinzeßchen
setzte ein Diadem ihrer Mama auf, welches diese wegen dessen Schwere auf
einige Stunden bei ihr abgelegt hatte; ein goldgestickter Longshawl ward
ihr als Schleppe angemacht. Die kleine _Diana_ befestigte zwei
Blumenkränze der Balldamenpuppe auf den Kopf und band ihren himmelblauen
Mantel um die Taille, so daß er hinten Schleppe bildete; die kleine
_Amelie_ hatte eine Echarpe von rosa Flor auf dem Kopfe befestigt und
hüllte sich hinein, so daß sie in einem jener Wölkchen zu stecken
schien, welche Abends vor Untergang der Sonne so schön roth aussehen.
Die lange _Jenny_ hatte aber die Mütze des kleinen Prinzen aufgesetzt,
einen Kindersäbel umgeschnallt und ein Paar Vorhangsquasten als
Epauletten an die Schultern befestigt und wollte durchaus der Herr
Gevatter sein.
Nun sollte die Taufe losgehen. Lisi hatte nämlich ihr Schwesterchen
taufen sehen und nahm sich vor, es gerade so zu machen. Joly mußte sich
auf die Hinterpfoten setzen, um das Mützchen zu halten, was damals Lisis
Amt gewesen war.
Als nun die Vorbereitungen vollendet waren und die Kinder feierlich im
Kreise standen, vernahm man plötzlich ein fremdartiges Geräusch, ein
Poltern, Miauen, Winseln. Die Kinder wußten gar nicht, was es war,
-- die Wickelpuppe konnte es doch nicht sein!
Das Geräusch kam aus dem Kamin, welches im Sommer zugestellt wurde,
damit der Wind nicht herein fauchen konnte. Die Kinder fürchteten sich
und flüchteten schreiend und um Hülfe rufend in das andere Zimmer und
Joly verfiel in ein fürchterliches Gebell. Ueber dem Lärm kam
Mademoiselle Gogo herbei und frug, was es gäbe? Als die Kinder von dem
Spektakel im Kamin erzählten, schüttelte sie bedenklich den Kopf; sie
wußte nicht recht, ob es gerathen sei, das Kamin zu öffnen, es konnte ja
eine Eule oder ein Uhu hineingeflogen sein; diese Vögel haben aber große
Schnäbel und pflegen damit um sich herum zu hacken; es konnte auch eine
Fledermaus sein und Mademoiselle Gogo fürchtete sich vor Fledermäusen.
-- Alles stand um das Kamin in horchender Stellung. -- Ach, die Töne
waren so leise, so hülfebedürftig, man mußte ahnden, daß ein Geschöpf
Gottes sich sehr unbehaglich darin fühle. Lisi riß geschwind das Kamin
auf und siehe, da lag ein kleines allerliebstes Kätzchen. Es konnte kaum
14 Tage alt sein und gefiel den Kindern ungemein. Es war ein buntes
Cypernkätzchen. Es hatte einen langen Schwanz, den es anmuthig bewegte,
kurze Ohren, die es klug zu spitzen wußte und ein Fellchen, so weich und
glatt wie Seide. Dabei schnurrte es äußerst lieblich und schien sich im
Schooß des Prinzeßchens sehr wohl zu befinden. Die Kinder holten Milch
herbei und es leckte dieselbe mit seinem rosarothen Züngelchen. Man sah
es ihm an, daß es ihm gutschmeckte. -- Die Kinder hatten sich um das
Prinzeßchen herumgekauert, um den kleinen Ankömmling recht betrachten zu
können; alle waren davon entzückt, nur nicht Joly, welcher zur Thüre
hinaus gebracht werden mußte, da er Lust zu haben schien, das arme
Kätzchen zu beißen und aufzufressen.
[Buntbild: Das Kätzchen wird im Kamin entdeckt.]
Als Lisi aber die Freundinnen aufmerksam machte auf die Sammetpfötchen
des Kätzchens und auf deren rosarothe Sohlen, wurden die Bedienten zum
Abholen gemeldet und man mußte sich trennen. Das Kätzchen war im Schooß
des Prinzeßchens eingeschlafen, und wir wollen es schlafen lassen, um zu
erforschen, wie der kleine Gast eigentlich in das Kamin gekommen war.
Kapitel 2.
Wie das Kätzchen in's Kamin kam.
In Sonnenschein --
In dunkler Nacht
Für Mensch und Thier
Gottes Auge wacht.
Die Art und Weise, wie das Kätzchen in's Kamin gelangt war, gewährt dem
aufmerksamen Leser einen Blick in die traurigen Familienverhältnisse der
Katzen. Bei dem Vogelgeschlecht ist das Männchen dem Weibchen beim
Nestbauen, Brüten und Füttern der Jungen behilflich. Der liebenswürdige
Gatte der Nachtigall singt seinem brütenden Weibchen vor und erfreut
durch seine herrlichen Liebestöne das Ohr des lustwandelnden Menschen.
Auch bei manchem vierfüßigen Thier findet man väterliche Zuneigung und
Fürsorge für die Jungen; aber bei den Katzen ist das nicht der Fall.
Mancher Katzenpapa hat sogar die schlechte Gewohnheit, seine Kleinen zu
fressen. Vielleicht hält er sie für Mäuse oder Ratten; vielleicht haßt
er sie, weil sie die Katzen zu sehr beschäftigen und von den
Mondscheinpromenaden auf den Dächern, vom Besuch der
Katzengesellschaften und von der Theilnahme an den herrlichen
Katzenconzerten, deren Ihr, lieben Kinder, gewiß schon oft gehört habt,
abhalten. Kurz, der Kater frißt seine Jungen und die liebende Katzenmama
ist genöthigt, dieselben gegen ihn zu vertheidigen oder vor ihm zu
verbergen. Das thut sie nun so gut sie kann, indem sie sich zu ihrem
Wochenbett Stellen aufsucht, wo Niemand so leicht hinkommt. -- Kätzchens
Mutter war nun niemand Anders als Mies Mies, die Hofkatze, und sein
Vater, der sehr ehrenwerthe Hofkater, Namens Murr. Beide Eltern
erfreuten sich einer sehr einträglichen Anstellung bei der Küche und
erhielten eine reichliche Besoldung an Hühnerknochen und Fischgräten,
die sie blos mit dem Hofraben zu theilen hatten. Mies Mies fand indeß
noch nebenbei Gelegenheit, manche verhungerte Stadtkatze zu
unterstützen, denn Mies Mies hatte ein gutes Herz; aber der Kater Murr
und der Hofrabe Hans wollten das nicht leiden und scharrten in die Erde,
was sie nicht fressen konnten, lieber, als andere Thiere damit zu
erfreuen. Man hätte nun meinen sollen, bei so reichlicher Kost würde der
Vater seine Kinder verschonen, aber nein! er hatte von Zeit zu Zeit
förmlich Appetit nach jungen Kätzchen und auch der Hofrabe liebte solche
zu verspeisen. Mies Mies kannte alle diese drohenden Gefahren und war
ernstlich darauf bedacht, ihre Kinder denselben zu entziehen.
Mies Mies hatte auch ein Gespräch der Schloßmagd und des Schloßvoigts
belauscht, worin diese sich vornahmen, keine jungen Kätzchen mehr im
Schloß zu dulden, weil solche Unreinlichkeiten verursachten; alle Kinder
der Mies Mies sollten künftighin ersäuft werden. Man kann sich denken,
wie das Herz der armen Hofkatze schlug, als die Stunde nahte, wo sie
Mutter werden sollte.
In ihre traurigen Gedanken vertieft schlich sie auf einem vorragenden
Haussims, in den Fenstern der fürstlichen Gastzimmer vorüber und
bemerkte, daß der Wind eines dieser Fenster aufgerissen hatte, ohne daß
irgend Jemand es bemerkt zu haben schien. Im Fremdenzimmer stand aber
ein Himmelbett mit blauseidenen Vorhängen, worin schon Fürsten und
Grafen geschlafen hatten; das mußte sich vortrefflich zum Wochenbett
eignen, es war ganz so weich und sanft, wie Mies Mies es für ihre jungen
Kätzchen nur wünschen konnte; sie schlüpfte also zum Fenster hinein,
sprang auf das Bett, wühlte mit ihren Pfoten eine Art von Nest zwischen
Kopfkissen und Plümeau, und sah sich bald von drei allerliebsten
Kätzchen umgeben, die sie auch während neun Tagen ungestört säugte. Nur
ein Mal täglich verließ sie ihre Kinder, um selbst Nahrung einzunehmen;
das that sie aber nur in der Nacht, damit Niemand erspähen möge, wohin
sie ihre Schritte wendete.
Die Kätzchen pflegen bis zum neunten Tag blind zu sein, bis dahin leiht
die sorgsame Mutter ihnen ihr Auge und wacht über sie. Mies Mies
erwartete stündlich, daß ihren Kindern das Licht aufgehen werde und
hatte fleißig die geschlossenen Augen geleckt, um ihnen das Aufschlagen
derselben zu erleichtern. Da vernahm sie eines Tages ein Geräusch an der
Thür; ein Schlüssel wurde in's Schlüsselloch gesteckt, das Schloß
gedreht, die Thür ging auf und herein trat die entsetzliche Schloßmagd,
mit einem furchtbaren Besen an einem langen, langen Stiel. Mies Mies
befahl ihren Kindern ganz still zu sein; sie hoffte, die Hofmagd würde
nur kehren und nicht das Bett machen; ängstlich blinzelte sie durch die
Spalten des Vorhangs und verfolgte jede Bewegung der Entsetzlichen. Ach
-- all ihr Hoffen war vergeblich! -- Es waren Gäste angesagt und die
Fremden-Zimmer und Fremden-Betten mußten in Ordnung gebracht werden.
Eine kräftige Hand riß den Vorhang auseinander und das Plümeau in die
Höh'! Welch eine Unthat war da geschehen! --
Die Schloßmagd erhob einen gewaltigen Lärm; sie schrie und tobte gegen
die Katze, sie schimpfte und drohte sie zu verderben mit ihrer ganzen
Brut. Mies Mies ließ sich aber nicht so leicht einschüchtern, sie machte
wahre Tigeraugen; sie zischte, knurrte, pustete, machte einen
furchtbaren Katzenbuckel und schien sich zu einem gewaltigen Sprung nach
dem Angesichte der Schloßmagd zu rüsten; dabei bewegte sie ihren Schwanz
wie eine Löwin und zeigte ihre spitzen, scharfen Zähne wie ein Leopard.
Sie erschien in ihrer muthigen Mutterliebe so furchtbar, daß der
Schloßmagd ganz angst und bange wurde für ihre Augen und für ihre rothen
Wangen und sie davon eilte, um den Schloßvoigt als Beistand herbei zu
rufen.
Frau Mies Mies war indeß nicht so dumm, diesen Beistand abzuwarten; sie
dachte: wenn der Schloßvoigt und die Schloßmagd sich mit ihren
Besenstielen über mich hermachen, dann bin ich mit meinen lieben Kleinen
verloren, da geht es uns schlecht. -- Sie beschloß also, so schnell als
möglich ihre Kätzchen hinweg zu tragen und ihnen ein anderes Unterkommen
zu suchen. So nahm sie denn ein Kätzchen in's Maul und trug es auf's
Dach; dann holte sie das zweite, dann das dritte, und als die Hofmagd
und der Hofknecht kamen, fanden sie das Bett leer. Dasselbe sah aber
nicht reinlich aus und der Hofknecht hielt sich die Nase zu und lief so
schnell als möglich davon.
Nun ergriff Mies Mies wieder das Kätzchen, das sie zuerst auf das Dach
niedergelegt hatte; sie, deren Zähne so scharf für die Mäuse waren, sie
wußte dieselben ganz stumpf zu machen, damit ihr Kind den mütterlichen
Zahn nicht fühlte. Sie trug es nach einer Bodenkammer, wo sie sich eines
alten Strohsacks erinnerte; dort waren die Kleinen zwar nicht so weich
und vornehm gebettet, wie früher, doch sicher vor Störung. Dann holte
die Mutter das zweite Kind -- unser Kätzchen war aber das dritte,
welches bis zuletzt warten mußte.
So lag es denn allein auf dem Dache; es war bis jetzt noch blind gewesen
und wußte eigentlich nicht, was man mit ihm vorgenommen hatte; es fror
und ihm war ganz unheimlich zu Muthe; da berührt ein Strahl der
scheidenden Sonne das arme Thier und suchte dessen geschlossenes Auge,
welches sich plötzlich öffnete und zum ersten Male das Licht der Welt
erblickte. Kätzchen verfiel darüber in ein ungeheures Nießen und gerieth
durch diese Bewegung in's Rollen; es rollte vom Dachgiebel herab, immer
weiter, immer weiter; es wäre bis in den Schloßhof gerollt, wenn das
Kamin es nicht aufgenommen hätte. So kam es denn in des Prinzeßchens
Zimmer und gewiß in sehr gute, liebevolle Hände.
Kapitel 3.
Wie die Kinder mit dem Kätzchen spielen.
Quäle nie ein Thier zum Scherz,
Denn es fühlt wie Du den Schmerz.
Kätzchens Ankunft war eine große Freude für die Kinder und besonders für
Prinzeß Marie. Wenn sie früh aufwachte, mußte man ihr das kleine Thier
ins Bett bringen, wo sie ihm das Frühstück gab, welches aus Milch und
Bisquit bestand. Joly, der oft eifersüchtig war, wurde ohne Erbarmen
geschlagen und in die Bedientenstube verwiesen, wenn er sich neidisch
zeigte und dem Kätzchen etwas anhaben wollte. Kätzchen fühlte sich auch
bald heimisch in dem blauen mit Sternen besäeten Zimmer, man merkte es
ihm an, daß es in einem Himmelbett zur Welt gekommen war; denn nichts
erschien ihm zu gut, um es zu benutzen. Das Prinzeßchen wollte auch mit
nichts Anderem mehr spielen als mit Kätzchen. Trotzig stand die schöne
große Puppen-Königin in der Ecke, seit 8 Tagen war ihr starkes Haar
nicht gebürstet und geflochten, ihr Staat nicht gewechselt worden.
-- Gabriele, die Balldame, lag eben so lang schon im Himmelbett in der
Nachtjacke und niemand dachte daran, ihr nur ein einziges Mal die
Augenlieder aufschlagen zu lassen, unter welchen doch so schöne blaue
Glasaugen ruhten. Unter dem Tisch lag aber die Wickelpuppe noch im
Taufstaat, denn sie hatte ihre schöne Wiege dem Miaukätzchen einräumen
müssen. Die Puppenstube befand sich aber in großer Unordnung, weil
Miaukätzchen alles darin herumgeworfen hatte; der Kronleuchter war
zertrümmert, die hübschen Nippsachen zerbrochen und die kleine Uhr von
Marzipan sah gar nicht mehr aus wie eine Uhr; denn Miaukätzchen hatte
die süßen Bestandtheile derselben entdeckt und häufig daran geleckt.
Kätzchen durfte sich auch alle möglichen Freiheiten nehmen. Wenn die
Fürstin durch das Zimmer ging mit dem Schleppkleid, sprang es auf die
Schleppe und ließ sich spazieren fahren. Wenn Prinzeßchen mit dem
Batisttuch wedelte, haschte Kätzchen danach und hing sich mit seinen
kleinen Krallen in dessen Spitzen, welche natürlich darunter litten.
Mademoiselle Gogo pflegte in einem Lehnsessel Platz zu nehmen, wenn sie
das Prinzeßchen an- oder auskleidete; dann hüpfte Kätzchen auf die
Lehne. »Kätzchen sieht zu«, sagte Mademoiselle Gogo, und sie meinte, das
könne Prinzeßchen vermögen, hübsch still zu halten. Das war aber eines
Tages gar nicht der Fall und Mademoiselle Gogo schüttelte unzufrieden
das Haupt, so daß die rothen Mützenbänder wackelten, und da Kätzchen
meinte, alles was sich bewege, wolle mit ihr spielen, Wupp! war es auf
Mademoiselle Gogos Kopf gesprungen und hatte die rothen Schleifen in den
Klauen. Mademoiselle Gogo fiel aber beinahe in Ohnmacht vor Schrecken
und das Prinzeßchen konnte vor Lachen vollends nicht still halten; aber
das war auch nicht nöthig, denn die gute Mademoiselle Gogo lachte gleich
darauf von ganzem Herzen mit.
Joly pflegte sein Frühstück und Mittagsmahl beim Kamin in des
Prinzeßchens Zimmer zu erhalten, und Kätzchen, obgleich es schon ganz
gesättigt war, fühlte stets Appetit danach und naschte davon. Wenn nun
der arme zurückgesetzte Joly sich darüber erzürnte, zu bellen anfing und
Kätzchen wegjagen wollte, begann dasselbe zu pusten und zu drohen und
mit ihren Sammetpfötchen Ohrfeigen auszutheilen, so daß Joly das
Schwänzchen einzog und queilte und unter das Kanapee flüchtete.
Kätzchen war noch gar nicht gut erzogen und pflegte oft die schönen
Teppiche zu verunreinigen; Mademoiselle Gogo machte eine Ruthe, um es zu
strafen, aber Prinzeßchen bat immer vor und wenn alle Welt sich die Nase
zuhielt, meinte sie immer, es sei die Resede, welche so stark dufte --
und da gab es auch manche Leute, welche das wirklich zu glauben
schienen.
Eines Tages wurden wieder die guten Freundinnen zu Chocolade gebeten und
alle freuten sich sehr am Kätzchen und spielten mit demselben auf alle
mögliche Weise. Sie bliesen eine Marabout-Feder in dem Zimmer umher und
Kätzchen haschte danach; dann kullerten sie Bälle, ließen ein wächsernes
Mäuschen mit einem Uhrwerk umher laufen; banden eine kleine Puppe an
einen Bindfaden und ließen sie tanzen. Kätzchen machte die
wunderlichsten Sprünge bei solchem Spiel und legte eine wahre
Katzengrazie an den Tag. Eine berühmte Tänzerin soll eine Katze als
Vorbild genommen haben für ihre Pas' und Bewegungen und unser Kätzchen
hätte wirklich Tanzstunde geben können. Zuletzt setzten die Kinder dem
Kätzchen einen Federhut auf und zogen ihm einen Puppenüberrock an, was
sich Kätzchen gefallen ließ, und die Kinder waren ganz vergnügt dabei.
Endlich frug Lisi: »wie heißt denn das Kätzchen?« und alle waren
erstaunt, daß es noch keinen Namen hatte. »O wir sollten es taufen, wie
neulich die Wickelpuppe, das war doch ein gar zu hübsches Spiel«, sagte
Lisi und Prinzeßchen klatschte vergnügt in die Hände.
»Das ist prächtig! das ist allerliebst!« riefen die Kinder.
»Wir kleiden Kätzchen in das Taufzeug der Wickelpuppe«, sagte Diane und
Kätzchen mußte das Schleppkleid anlegen und wurde auf das rosa-atlas
Kissen festgebunden; dabei schien es sich indeß nicht so behaglich und
unterhaltend zu fühlen wie bei den anderen Spielen; es war indeß
gehorsam und lag ganz still, während die Pathen sich putzten. Es war ja
festgebunden.
Das Prinzeßchen schmückte sich wieder mit dem goldgestickten Shawl,
Diane mit dem blauen Mantel, Amelie mit dem rosa Schleier, Lisi kleidete
sich als Pastor und die lange Jenny erschien wieder als Herr Gevatter.
Wir haben bis jetzt noch nicht viel von der langen Jenny gesprochen und
das aus guten Gründen. Es ist nicht angenehm, von unartigen Kindern
sprechen zu müssen, und die lange Jenny war ein unartiges Kind. Freilich
konnte sie nichts dafür; denn sie hatte ihre Mutter sehr früh verloren
und wurde vom Vater und von der ganzen Dienerschaft verzogen, welche
über ihre Unarten lachten und ihr allen Willen thaten. Sie war 8 Jahr
alt und so groß wie ein 10jähriges Mädchen; aber in der Schule wußte sie
nicht mehr als die sechsjährigen, und da sie nie ihre Aufgaben machte,
mußte sie immer im Winkel stehen. Bei den Kindergesellschaften störte
sie gern das Spielen, auch erregte sie immer Zank und man hatte sie
nicht lieb und lud sie selten ein; heute war sie aber eingeladen worden.
»Wie soll das Kätzchen heißen?« frug Lisi.
»Krallkätzchen!« rief Jenny schnell.
»O nicht doch,« erwiederte das Prinzeßchen, »das würde ja Kätzchen an
seine einzigen Fehler erinnern.«
»Schwanzelius,« meinte Diane, »wegen des schönen Schwanzes, den es so
anmuthig zu bewegen weiß.«
»Scheckchen,« sagte Amelie. »Kätzchen ist ja so scheckig wie die jungen
Kastanien, die wir zuweilen aus den grünen Schalen pochen.«
Prinzeßchen wollte aber von all diesen Namen nichts wissen.
»Ich dächte,« meinte Lisi, »wir tauften Kätzchen Röschen, wegen des
hübschen rosarothen Schnäuzchens, was es hat.«
»Ja,« sagte Prinzeßchen, »Kätzchen ist aber ein Kater und darf doch
nicht einen weiblichen Namen haben. Auch wird das liebe Thier, wenn es
so groß und dick ist wie Murr, der Hofkater, nicht gut Röschen genannt
werden können.«
»Nun,« sagte Lisi, »so wollen wir es denn Rosaurus taufen; -- so lang es
jung ist, rufen wir es Röschen, und wird es alt und häßlich, so kann es
Saurus genannt werden.«
Damit waren die Kinder einverstanden und die Taufe begann. Die Pathen
stellten sich im Kreise auf, wie damals, als die Wickelpuppe getauft
werden sollte. Dem Joly wurde indeß die Demüthigung erspart, seinem
Feind das Mützchen zu halten und er durfte im Lehnstuhl schlummern.
Lisi begann:
»Rosaurus, du sollst nicht wie die andern Katzen, arme kleine Vögel
verspeisen; du sollst sie nicht aus ihren Käfigen herauskratzen mit
grausamer Blutgier, worüber die Kinder, denen sie gehören, dann so
bitterlich weinen; du sollst nicht die jungen Vögelchen aus den Nestern
holen, daß die Alten pipen und klagen über ihre unglücklichen Kinder.
Rosaurus, du sollst auch nicht die weißen Mäuschen verfolgen, welche bei
Nacht lustwandeln und durch die rothen Augen und hellen Fellchen sich im
Dunkeln verrathen; Rosaurus, du sollst auch die andern Mäuse ungestört
knuppern lassen an Wurst und Speck, an Zucker und Bisquit. Deine Pathen
versprechen, dich recht gut zu erziehen und dir immer so viel Bisquit
und Braten zu geben, daß du gar nicht an lebendige Leckerbissen denken
kannst. Du sollst durch die Liebe und Fürsorge deiner Pathen aus einem
wilden Raubthiere, aus einem blutdürstigen Hausthiere, in eine edle,
sanftmüthige Schooßkatze umgewandelt werden.« -- --
So weit war Lisi in ihrer Rede gekommen, als sie plötzlich unerwarteter
Weise unterbrochen ward.
Jede Gevatterin hatte nämlich während der Rede den kleinen
Katzen-Täufling einige Secunden auf dem Arm gehalten, wie das bei Lisis
Schwesterchen auch geschehen war, und das Kind hatte ganz still auf dem
Rücken gelegen und nur zuweilen mit den halbzugekniffenen Aeugelein
geblinzelt. Als nun die lange Jenny an die Reihe kam, fing diese an es
heftig zu wiegen, so daß der kleine Rosaurus unruhig ward.
»Ich möchte wohl,« dachte Jenny, »daß der Balg etwas schrie, er führt
sich gar zu langweilig auf.«
Während sie nun in scheinbarer Freundlichkeit das Gesicht über ihn
beugte, fuhr sie mit der Hand unter das lange Schleppkleid und kniff
Kätzchen recht tüchtig in den Schwanz. Kaum war das aber geschehen, als
der kleine Täufling ein durchdringendes Geschrei ausstieß und in der
höchsten Wuth nach Jennys Gesicht sprang; es biß sie in die Nase und
schlug beide Vorderkrallen in ihre Wangen, so daß sie vor Schreck das
Kissen fallen ließ.
Das war Kätzchen eben recht, es schlüpfte heraus aus den seidenen
Fesseln und ergriff die Flucht; dabei überpurzelte es sich einige Mal,
weil das lange Taufkleid den schnellen Lauf hinderte.
Ueber den Lärm erwachte Joly; er bemerkte schnell, welchen Vortheil
Kätzchens Staat seinem Feind in die Hände spiele. Bellend verfolgte er
das arme Thier; aber dieses sprang mit dem Taufkleid auf einen Stuhl und
gab dem wüthenden Joly, trotz den schönen gestickten Aermeln, zwei derbe
Ohrfeigen auf jede Seite, so daß ihm das Blut aus dem Munde strömte, und
Joly heulend und schreiend sich verkroch. Rosaurus aber floh weiter und
blieb mit der Schleppe an einem Thürriegel hängen, so daß dieselbe
abriß; die Mütze hatte er lange schon verloren, dann schlüpfte er aus
dem Taufjäckchen heraus, indem er mit Krallen und Zähnen alle
Hindernisse zerriß und, heilfroh, seine Banden gebrochen zu haben,
entfloh er, niemand wußte wohin. Niemand wagte auch das wilde Thier zu
verfolgen, denn die Kinder fürchteten dessen Verzweiflung; sie lachten
indeß nach überstandenem Schreck nicht wenig; nur Jenny weinte, denn sie
blutete und es war zu vermuthen, daß sie noch lange die Narben der
Katzenkrallen und Zähne tragen würde.
Mlle. Gogo kam herbei und wusch ihr die Wunden mit frischem Wasser;
dabei zankte sie aber die Kinder aus wegen des Spiels und meinte, die
Taufe sei eine heilige Handlung; sie sei eingesetzt, um die Menschen
unter die Christen aufzunehmen und man müsse nicht Scherz treiben mit
Kirche und Religion. Lisi bat sehr um Verzeihung, daß sie das Spiel
vorgeschlagen und versicherte, daß sie es nicht überlegt habe.
Hierauf hatten die Kinder noch viel über den Vorfall zu plaudern, als
die Dienerschaft gemeldet ward, um sie abzuholen; man nahm Abschied und
Prinzeßchen konnte den Moment der Trennung gar nicht erwarten, um das
liebe kleine Kätzchen ans Herz zu drücken, welches sich in seiner Angst
sehr gut verborgen hatte. Es wollte gewiß den Augenblick abwarten, wo
alles still war, um sein Abendbrot zu verlangen. -- Aber es kam nicht.
Prinzeßchen rief mit der süßesten Stimme; sie kroch unter Betten und
Komoden; sie leuchtete ins Kamin: Rosaurus war nicht zu sehen.
Prinzeßchen konnte sich lange nicht entschließen, ins Bett zu gehen; sie
meinte, Kätzchen könnte nicht schlafen, wenn es nicht wie gewöhnlich in
die Puppenwiege gebracht würde. Mlle. Gogo bestand aber darauf, daß die
Prinzessin sich niederlege; diese weinte aber bitterlich, ehe sie
einschlief und glaubte immer im Traum, den kleinen Rosaurus miauen zu
hören.
Kapitel 4.
Das Katzenconzert.
Meine Freuden sind die Spiele
Mit Geschwistern lieb und hold.
In des Abends heit'rer Kühle
Seid ihr theurer mir als Gold.
Meine Freude ist die Liebe,
Die das Herz den Eltern weiht,
Des Gehorsams fromme Triebe
Und die reine Dankbarkeit.
Rosaurus war in seiner Angst über die lange Jenny, die ihn gekniffen,
über Joly, der ihn verfolgt, über das Geschrei der Kinder, welches ihn
erschreckt hatte, in raschem Laufe geflohen und durch alle fürstlichen
Zimmer geeilt, um so viel als möglich Raum zwischen sich und seinen
Feinden zu lassen; im letzten Zimmer hatte es im Kamin eine kleine
Oeffnung entdeckt und war hineingeschlüpft, heilfroh sich in Sicherheit
zu sehen, denn dorthin konnte selbst Joly nicht dringen; er setzte sich
zufrieden auf seine Hinterbeine, schlug den Schwanz um seinen Körper und
begann zu schnurren, was die Katzen immer zu thun pflegen, wenn sie über
das Leben nachdenken. -- Es war dunkel im Kamin, nur von hoch oben drang
zur Oeffnung des Schlotes das Licht ein und erweckte in Rosaurus jenes
Streben nach oben, jenes Bedürfniß der Seele, sich immer höher und höher
zu schwingen, welches dem Katzengeschlecht angeboren ist. Er versuchte,
in die schwarzberußten Wände des Kamins die scharfen Krallen zu fügen
und siehe da! das kluge Thier, welches bisher nur auf ebener Erde und
auf weichem Teppiche gewandelt hatte, es konnte klettern. Ja, Rosaurus
kletterte und kletterte, bis er oben angelangt war, an das Ende der
dunkeln Höhle, die nach einem neuen Leben führte. Rosaurus saß auf dem
Dach; über sich hatte er den Himmel, zu seinen Füßen die Welt, d. h.
den Schloßhof und einen Theil der Stadt. Die letzten Strahlen der
untergehenden Sonne ließen die blechernen Dachrinnen in wunderbarer
Pracht erglänzen; hie und da flatterte noch ein verspäteter Vogel. Der
Hofrabe saß auf dem Balkon und krächzte sein Abendlied, während der
Hofhahn sein letztes Kickeriki, welches wahrscheinlich eine »gute Nacht«
für seine Hühner bedeuten sollte, von sich gab; Rosaurus saß staunend
und entzückt auf dem Dache und wußte gar nicht, was er über alle die
Schönheiten dieser Welt, die sich ihm erschlossen, denken sollte.
Da sah er aus einem Bodenfenster drei Gestalten hervorkriechen, bei
deren Anblick sein Herz heftig zu schlagen begann. Er hatte diese
Gestalten noch nie gesehen, er wußte nicht, wie sie hießen, es waren
keine Menschen, denn sie gingen nicht auf zwei Füßen, es waren keine
Hunde, obgleich sie auf allen Vieren einherschritten; o nein! es waren
Wesen höherer Art; es mußten Katzen sein. Er vermochte sein Auge nicht
von ihnen hinwegzuwenden, ihre anmuthigen Bewegungen hatten einen
unwiderruflichen Reiz für ihn -- die kleinen Kätzchen sprangen an der
Alten empor; diese legte sie sanft mit der großen Sammetpfote auf den
Rücken und tändelte mit ihnen in freundlicher Herablassung; dann leckte
sie die Kleinen. Dieses ist nämlich die Art und Weise, wie die Katzen
der Reinlichkeit pflegen, und für Rosaurus war dieses Beispiel eine
ernste Mahnung. Ach, wie sah er aus! Auf der einen Katerpfote hatte er
noch den Spitzenärmel des Taufkleides; der übrige Körper war geschwärzt
vom Ruß des Kamins. Rosaurus streifte den Aermel ab und begann nun auch
sich zu lecken, indem er jedoch die Katzenfamilie immer im Auge hatte
und dann und wann durch ein zartes Miau ihre Aufmerksamkeit auf sich zu
lenken suchte. Plötzlich erblickte die große Katze ihn; sie stutzte
einen Augenblick und hielt ein mit dem Tändeln; sie setzte sich auf die
Hinterbeine und sah ihn unverwandt an; dann näherte sie sich ihm mit dem
Zeichen der größten Gemüthsbewegung! -- Plötzlich fühlte Rosaurus sich
von zwei zärtlichen Armen umschlossen und es ahnete ihm, daß seine
Mutter ihn an's Herz drückte. Ja es war Mies Mies, die Hofkatze, welche
den verlorenen Liebling so unverhofft wieder fand, nachdem sie ihn
vierzehn Tage lang beweint hatte. Heute zum ersten Mal führte sie ihre
beiden zurückgebliebenen Kinder in die Welt ein, jetzt hatten sie nichts
mehr vom unnatürlichen Vater noch vom bösen Hofraben zu fürchten, diesen
Gefahren waren sie entwachsen; auch konnte die grausame Schloßmagd sie
hier nicht erreichen. O, das war eine große Freude des Wiedersehens! wie
glücklich fühlte sich Rosaurus! wie hübsch spielte es sich mit den
Geschwistern! welche zierliche Sprünge wurden im Mondenschein von den
drei jungen Kätzchen aufgeführt! Die Mutter hatte ihre große Freude
daran und schaute mit würdiger Miene dem muntern Treiben zu. Plötzlich
drängten die Kleinen sich ängstlich um die Mutter, denn aus einem
Bodenfenster leuchteten ein Paar unheimliche Augen, die sie mit Furcht
erfüllten. Sie hatten aber keine Ursache zum Fürchten, denn es war
niemand Anderes als Murr, der schwarze Hofkater, welcher nur noch zum
Familienglück gefehlt hatte. Es gab eine rührende Erkennungsscene; dann
setzte sich der Kater neben Mies Mies, und während die beiden Alten
plauderten, spielten die Kleinen von Neuem und freueten sich des Lebens.
Als sie das Bedürfniß nach Nahrung fühlten, führte Mies Mies sie alle
nach der Bodenkammer, wo sie auf dem alten Strohsack eine leckere
Mahlzeit anrichtete; dieselbe bestand aus Häringsgräten und
Taubenknöchelchen. Rosaurus fand indeß keinen Geschmack daran; er
rümpfte die Nase und dachte an die guten Bissen des prinzeßlichen
Tisches.
»Ich habe,« sagte Murr leise zu Mies Mies, »ein Sperlingsnest entdeckt;
die Jungen müssen jetzt ziemlich flügge sein; wie wäre es, meine Liebe,
wenn wir sie jetzt zusammen verspeisten, während die Jugend sich so
herrlich belustigt.«
»Mein Lieber,« sagte Mies Mies, »wie könnte ich schwelgen in solchem
Genuß, während meine lieben Kleinen denselben entbehren müssen; ich habe
schon längst ein solches Nest gesucht, um ihnen den ersten Unterricht zu
ertheilen, in jenem schönen anmuthigen Vogel- und Mäusespiel, worin
unser Geschlecht so große Geschicklichkeit entwickelt; denn wir stürzen
uns nicht gierig auf unsere Beute, wie andere Thiere, wir zeigen uns
nicht gefräßig und sinnlich: o nein, wir wissen den Genuß zu verlängern
und bekunden dadurch einen höhern Ursprung. Unsere Kinder hatten noch
nie Gelegenheit, dieses Talent zu entwickeln.«
Murr schien nicht große Lust zu haben, die gute Mahlzeit mit so Vielen
zu theilen, indeß schämte er sich, seinen Eigennutz einzugestehen und so
bewegte sich denn die ganze Familie nach einem andern Theil des Dorfes,
wo in dem Winkel einer Dachrinne ein Sperlingspaar auf seinem Nestchen
schlief. Murr ergriff die Sperlingsmutter mit scharfer sicherer Kralle,
während das Männchen schreiend entschlüpfte. Ach, das Angstgeschrei des
Weibchens erreichte sein Ohr. Murr hatte dasselbe der Mies Mies
gebracht, welche die kleinen Katzen lehrte, wie sie den Vogel bald am
Flügel, bald am Schwanz packen mußten, wie sie ihm bald eine Feder dort,
bald eine hier entreißen sollten und wie sie das frische Blut zu lecken
hatten; endlich fraß Murr das arme Thier, um ihnen zu zeigen, wie man
mit Anstand einen Vogel verzehren müsse. Als nun Murr sich dem Neste
wieder näherte, flatterten die jungen Vögel erschreckt auf; der
Sperlings-Vater saß trostlos auf dem Schornstein, er schwang sich hoch
in die Luft, von wo er Zeuge war des Todes seiner Kleinen; die ganze
Katzenfamilie stürzte sich über dieselben her und entwickelte ihr Talent
zum Vogelspiel; besonders Rosaurus zeigte sich sehr geschickt darin; er
hatte sich nicht umsonst an Maraboutfedern, Knäulen und Puppen geübt;
sein Vögelchen lebte am längsten -- endlich fraß er es auf, wofür er
eine derbe Ohrfeige vom Murr erhielt, welcher dieses auch hatte
verzehren wollen, wie es mit den andern geschehen war. Diese Ohrfeige
nahm Rosaurus sehr übel; er war nicht an eine so unwürdige Behandlung
gewöhnt; auch verglich er im Stillen die guten Bissen in Prinzeßchens
Zimmer, die Bisquits und gebratenen Fleische mit diesem Vögelchen au
naturel. Mies Mies merkte seine Verstimmung, und um ihn auf andere
Gedanken zu bringen, schlug sie einen Gesang vor. Mies Mies hatte eine
wunderschöne Alt-Stimme, Murr einen guten Baß; Beide stimmten ein
herrliches Duett an und die Discantstimmen der drei Kätzchen bildeten
den Chor. Es war eine erhabene Musik! So etwas hatte Rosaurus nie am
Hofe gehört. Thränen der Rührung traten ihm in's Auge, als er im
herrlichen Mondschein, so nah dem Himmel, seine Familie auf den
Hinterbeinen sitzend, mit halbzugekniffenen Augen, weitgeöffneten
Schnauzen und auf die Seite gebeugten Häuptern, so herrlich singen
hörte.
[Buntbild: Das Katzen-Concert.]
Aber dieser Gesang sollte fürchterlich enden. Aus dem Schornstein
tauchte ein schwarzes entsetzliches Wesen -- es war ein Schlotfeger!
Er schwang ein furchtbares Instrument und schrie gewaltig über den
Katzenspectakel. Dann schleuderte er das Instrument mitten unter die
Armen, welche in ihrer künstlerischen Begeisterung auf solche Störung
keineswegs gefaßt waren; sie flohen nach allen Seiten zu unter lautem
Jammergeschrei; das weiße und das schwarze Kätzchen waren schwer
verwundet. Rosaurus entkam aber glücklich und fand auch das bekannte
Kamin, wo er geschickt hinabsprang. Leise schlich er in die fürstlichen
Zimmer und legte sich allein in die Puppenwiege, als der Morgen schon
graute. Rosaurus dachte: Ja, hier lebt es sich doch besser als auf dem
Dach, hier ruht es sich besser als auf dem alten Strohsack und die
Hofspeisen schmecken besser als die Hofgräten. Rosaurus nahm sich vor,
noch fernerhin hier zu bleiben und nur dann und wann Spatziergänge auf
das Dach zu halten, um sich den Genuß der herrlichen Concerte zu
gewähren. -- Groß war des Prinzeßchens Freude, als sie am andern Morgen
Rosaurus das Frühstück reichen konnte; aber wie sah Rosaurus aus! Sein
ganzes Fell war schwarz geworden vom Ruß des Kamins und er hatte auch
die schöne Puppenwiege und des Prinzeßchens weißes Nachtkleid schwarz
gemacht. Er saß neben der kleinen Prinzessin, als sie folgendes Gedicht
in den Lehrstunden aufsagen mußte:
Die Katzen und der Hausherr.
Murner, eine Cyperkatze
Gab unlängst den Gildeschmauß,
Und ersahe sich zum Platze
Eines Bürgers Wohnung aus.
Mensch und Thiere schliefen feste,
Selbst der Hausprophete schwieg,
Als ein Schwarm geschwänzter Gäste
Von den nächsten Dächern stieg.
Murner kommt, sie zu begrüßen,
Führt sie d'rauf in einen Saal,
Und setzt jeden auf ein Kissen
Von der feinsten Katzenzahl.
Sechzig feiste Mäusezimmel
Machten die Versammlung satt;
Ob geschickt, das weiß der Himmel,
Jeder giebt's so gut er hat.
Von der Mahlzeit ging's zum Tanze,
Wo der Wirth sich hören ließ,
Und auf einem Rattenschwanze
Manch verliebtes Stückchen blies.
Hinz, des Erstern Schwiegervater,
Sang darein erbärmlich schön,
Und zween abgelebte Kater
Quälten sich, ihm beizusteh'n.
Jetzo tanzen alle Katzen,
Poltern, lärmen, daß es kracht,
Zischen, heulen, sprudeln, kratzen,
Bis der Herr im Haus erwacht.
Dieser springt mit einem Stecken
In den finstern Saal hinein,
Schlägt um sich, sie zu erschrecken,
Schmeißet einen Spiegel ein.
Stolpert über einige Späne,
Stürzt im Fallen auf die Uhr,
Und zerbricht zwei Reihen Zähne.
Blinder Eifer schadet nur!
Was mochte wohl Rosaurus denken, als die Prinzessin dieses Gedicht
aufsagte? Gewiß erweckte es in ihm Erinnerungen an die vergangene Nacht.
Kapitel 5.
Katzenerziehung.
Artig, flink und rein
Müssen Kätzchen sein.
Rosaurus wurde nun zu einem recht liebenswürdigen Kätzchen erzogen; ja
er zeigte täglich mehr seine großen Anlagen zu den bei einem wirklichen
Hofkater so nöthigen Hofmanieren. Er eignete sich immer mehr den Ton der
feinen Welt an, und wenn auch die kleine Prinzessin sich nicht sehr
bemühte, zu seiner Erziehung beizutragen, indem sie ihn eigentlich nur
verzog, so erwarb sich doch Mlle. Gogo große Verdienste um seine
Bildung.
Eines Tages hatte Rosaurus sich gerade auf den Sammtsessel gelegt, den
die Prinzessin bei der Lection einnehmen sollte und schien sehr süß zu
schlafen, denn er schnarchte laut. Als nun die Prinzessin ihn vom Stuhl
herunter schieben wollte, so leise und zart als möglich, indem sie ihm
noch gute Worte gab, da ließ das böse Thier ihm seine Krallen fühlen und
vier blutige Streifen liefen auf dem weißen Arm herab. Da ergriff Mlle.
Gogo aber eine kleine Ruthe und schlug Rosaurus damit recht derb auf den
Rücken; er schrie und floh unter das Kanapee. Aber er war ein kluges
Thier und man hat es nie wieder erlebt, daß er sein Sammetpfötchen
verleugnet hätte, wenn die Prinzessin sich mit ihm abgab. -- Ja er legte
sich nie wieder auf ihren Sammetsessel, sondern auf ein Fußbänkchen ihr
zu Füßen; dort rührte Rosaurus sich nicht, während sie Unterricht hatte;
ja zuweilen hörte er so aufmerksam zu, daß man hätte meinen sollen, er
verstände alles, was die Lehrer lehrten. Nur bei dem Klavier-Unterricht
wurde es ihm unheimlich zu Muthe und man sah oft, daß er sich mit seinen
kleinen Pfoten die Ohren zuhielt, wenn die Prinzessin spielte.
Vielleicht waren es einige falsche Töne, die dem für Katzenkonzerte so
gebildeten Ohre weh thaten. Oder liebte Rosaurus überhaupt nicht alles,
was zu laut war? Ja! wenn die Prinzeß die Janitscharen-Musik anstimmte,
da begann Rosaurus oft zu miauen und mußte zum Zimmer hinausgebracht
werden. Eine andere üble Angewohnheit mußte der junge Kater ablegen. Er
liebte nämlich vor Allem zu klettern, und da es im fürstlichen Zimmer
weder Bäume, noch Mauern, noch Dächer gab, um seinem angeborenen Trieb
zu genügen, sprang er gern auf die Tische. Da stieß er im kühnen Sprung
manches hübsche Nipp herab; ihm war es ganz einerlei, ob eine schöne
vergoldete Tasse, ein kostbares Kristallglas oder ein sonstiges
Kunstwerk zu Grunde ging; da mußte Mlle. Gogos Ruthe ihm erst den
richtigen Kunstsinn beibringen. Einstmals war er auf des Prinzeßchens
Schreibtisch gesprungen, hatte erst mit ihren Federn gespielt, dann ein
kostbares in Leder gebundenes Album zernagt und zuletzt noch das
Tintefaß umgeworfen. Das war eine schöne Bescherung! Der arme Rosaurus
mußte gewaltig dafür büßen.
Rosaurus hatte eine große Abneigung gegen die Ruthe; wir glauben, daß es
nicht blos um des physischen Schmerzes willen war, sondern auch wegen
seiner Ehre; dann mochte er auch nicht leiden, daß sein Fell in
Unordnung gerieth; er hatte den Grundsatz, daß wenn man in guter
Gesellschaft lebe, man auch anständig gekleidet sein müsse. Die Katzen
pflegen nun Toilette zu machen, indem sie sich lecken. Das rosa
Züngelchen dient ihnen als Kleiderbürste, der eigene Speichel als
Schönheitswasser. -- Rosaurus hatte nun ein Plätzchen gefunden, wo es
keinen Schaden anrichten konnte; das war nämlich die Fensterbrüstung.
Dort saß er viel und leckte sich. Sein Fell glänzte wie Schillertaffet;
den Schwanz schlang er auf anmuthige Weise um den Körper, so blickte er
hinaus in die Welt, und alle Vorübergehenden, die ihn sitzen sahen,
blieben stehen und sagten: -- »ach seht doch das hübsche Kätzchen der
Prinzessin!«
Als nun einstmals die Freundinnen wieder eingeladen wurden, waren sie
höchst erfreut, ihren kleinen Taufpathen wieder zu sehen und alle
streichelten ihn freundlich, nur Jenny nicht, welche noch immer Spuren
seiner Zähne und Krallen im Gesicht trug. Wenn sie ihn ansah, dachte sie
immer: »Das abscheuliche Thier, wenn ich ihm nur etwas anhaben könnte!«
Rosaurus mochte ihre üble Absicht ahnden, denn er entfernte sich und
ließ sich den ganzen Abend nicht mehr sehen.
Als die Kinder nun abgeholt wurden, war Jenny die erste, welche sich
entfernte, und als sie im Vorzimmer ihren Mantel umnehmen wollte, siehe,
da hatte sich Rosaurus auf demselben gebettet und schlief so fest und
süß, daß er nicht einmal von einer Störung träumte.
»Du häßliches Thier,« sagte Jenny leise, »da hab' ich dich endlich; du
sollst mir nun für deinen Frevel büßen« und geschwind, ehe es Jemand
sah, und ehe Rosaurus sich auf ein hülferufendes Miau besinnen konnte,
steckte sie ihn in den Arbeitsbeutel und trug ihn mit sich fort.
»Das ist recht gut, dachte sie im Gehen bei sich selbst, daß das Thier
auf gute Manier fortkommt; denn seitdem es beim Prinzeßchen ist, kann
gar nichts Ordentliches mehr gespielt werden, alles bewegt sich um das
dumme Thier! Wie ich es hasse!«
Jennys Weg führte über eine Brücke; »ich werde Rosaurus ins Wasser
werfen,« sagte sie zu sich selbst, »da ist es mit ihm auf immer vorbei!«
Als das Prinzeßchen vor Schlafengehen ihren Rosaurus vergebens suchte,
da dachte sie: O er wird gewiß wieder zur Esse hinauf sein auf das Dach
zu seinen Geschwistern; denn sie hatte durch die Hofmagd von der
Katzengesellschaft gehört, die der Schlotfeger an jenem Abend gestört
hatte, so wie auch von den zwei schwer verwundeten Kätzchen, und sie
ließ dem Schlotfeger befehlen, ihren Rosaurus nicht wieder zu
erschrecken; dann legte sie sich nieder und tröstete sich mit der
Hoffnung, am andern Morgen Rosaurus wieder zu sehen. Diese Hoffnung
sollte aber nicht in Erfüllung gehen.
Kapitel 6.
Die Kinder der Armuth.
Trockne deine heißen Zähren
Von dem bleichen Angesicht;
Bald wird Gott dir Trost gewähren,
Er vergißt dich ewig nicht.
In einer engen Straße lebte in einem kleinen Häuschen eine arme Familie.
Sie bewohnte ein niedriges rauchgeschwärztes Hinterstübchen. Vater,
Mutter und Kinder waren in Lumpen gehüllt. Der Vater lag auf einem
Strohsack, welcher des Nachts als Familienbett diente; er hatte den
ganzen Tag darauf gelegen in jenem halbwachen Zustand, den der Genuß
geistiger Getränke, vereint mit Trägheit des Körpers und Verstimmung der
Seele hervorzubringen pflegt. Ob er nicht arbeiten konnte oder wollte?
wer weiß das. Die Mutter arbeitete auch nicht, sondern saß auf einer
hölzernen Bank und hatte ein dreijähriges Töchterchen auf dem Schooß,
welches eben so schmutzig und ungekämmt war, als sie selbst. Ein anderes
kleines Mädchen von 8 Jahren kauerte im Winkel und weinte; sie hatte Weh
am Fuß, weil sie in einen Glasscherben getreten hatte; denn das arme
Kind mußte immer barfuß laufen, weil die Eltern ihr keine Schuhe kaufen
konnten.
Dieses kleine Mädchen hieß Dorothea und wurde gewöhnlich Dorte genannt.
»Mich hungert's so sehr«, klagte Dorte, »wäre nicht mein bößer Fuß, so
hätte ich Euch schon längst etwas heim gebracht. Wilhelm braucht immer
mehr Zeit, um etwas zusammen zu betteln.«
»Wie kommt das nur?« fragte die Mutter.
»Ja, er kann sich nie ein Herz nehmen, die Leute anzubetteln, da schiebt
er mich immer vor; er maust viel lieber.«
»Halts Maul, Mädchen!« schrie der Vater, »wenns Jemand hört, so --«
»Ich wollte ja eben, daß Vater und Mutter es hören möchten,« sagte
Dorte; »mir gehorcht Wilhelm nicht, und ich fürchte immer, daß er noch
sich selbst und uns Alle ins Unglück bringt.«
»Wir armen Leute,« erwiderte der Vater, »müssen eben so gut leben, als
die Reichen, und wenn diese uns nichts geben, so nehmen wir's.«
_Dorte._ Ich habe neulich in der Schule ein Verschen gelernt, welches
ich immer befolgen will: »Du sollst nicht lügen und nicht stehlen, und
was du findest, nicht verhehlen.«
_Mutter._ Dabei wirst Du aber nicht sehr reich werden!
_Dorte._ Und doch brachte ich neulich einen ganzen Thaler mit nach
Hause. O der glänzte! Prinzeßchen hatte ihn mir geschenkt, als es im
Winter so kalt war und ich so bitterlich weinte, weil mich so hungerte.
_Mutter._ Ich weiß wohl, daß du nie so gut weinen kannst, als wenn du
Hunger hast.