Der Tempel von Apamea

»Du gefällst mir nicht, Heinrich,« sagte Franziska am andern Vormittag

zu Hadwiger, als dieser allein in die Villa kam. »Warum sperrst du dich

so zu? Aus Trotz? Oder weißt du nichts zu erzählen? Wenn du stumm

bleibst, wirst du den Spiegel nicht bekommen.«

»Ich wußt' es gleich, daß ich ihn nicht bekommen kann«, antwortete er.

»Du gibst dir nach und gefällst dir als Aschenbrödel«, meinte Franziska.

»Ich bin nicht frei genug«, versicherte Hadwiger, »ich kann die Dinge

weder zusammen- noch auseinander halten, mir sitzt alles auf der Brust,

und es gibt keine andre Wahl für mich als zu schweigen oder zu

beichten.«

»Zu beichten? Wie meinst du das?«

»Wie es gesagt ist. Ja, ich müßte einmal aufräumen in mir; von Jahren

sprechen, die dahinten liegen, weit dahinten, an die ich aber nicht

denken kann, ohne daß mich eine Gänsehaut überläuft.«

Franziska blickte ihn mütterlich verstehend an.

»Verkleiden kann ichs nicht«, fuhr er grüblerisch fort, »und schlankweg

das furchtbar Wahre sagen? Nein. Es paßt nicht her. Hier ist alles so

rund, nur ich bin eckig, alle sind urban, nur ich bin störrisch. Gegen

die Überlegenheit hilft nichts als sich unterzuordnen, sonst wird man

sich und andern unbequem.«

»Ich begreife dich«, erwiderte Franziska. »Es drückt einem das Herz ab,

und doch macht es reich, davon zu wissen, und arm, davon zu reden.«

»Wenn einer da wäre, um es für mich zu tun, hätt' ich nichts dagegen,

und ich könnte mich wenigstens aus dem Zimmer schleichen.«

»Vielleicht zwingt es dich einmal«, sagte Franziska.

»Vielleicht. Oder wenn _du_ reden wolltest«, stieß er plötzlich hervor,

unfähig, ein glühendes Gefühl länger zu beherrschen, »du, Franzi, dann

wollte ich --« Er brach ab, denn Franziska heftete einen bösen Blick auf

ihn, und eine Wolke von Düsterkeit verbreitete sich über ihre Züge. Sie

wollte aufstehen, doch Hadwiger schaute sie so flehend an, daß sie

verblieb, die Arme auf die Kniee und den Kopf in die Hände stützte. Um

sie abzulenken, berichtete Hadwiger zaghaft, daß die Freunde, in Sorge

über ihre Ermattungszustände, davon gesprochen hätten, einen Spezialarzt

aus der Stadt kommen zu lassen. Franziska schüttelte unmutig den Kopf;

ehe sie antworten konnte, kam Lamberg mit dem Affen herein. Ihnen folgte

Emil, der einen Teller mit Äpfeln trug.

Quäcola hatte sich schon einen Apfel zugeeignet und verspeiste ihn mit

Behagen. Neckend reichte ihm Hadwiger die offene Hand hin; das Tier

guckte ganz nahe darauf, aber da es nichts entdecken konnte, feilte es

ärgerlich. Dies erregte Heiterkeit, worüber Quäcolas Ärger wuchs, und er

spuckte auf die Erde, was er von dem Apfel noch im Maul hatte. Lamberg

wurde zornig und beschimpfte ihn, und während Emil das verdrießliche

Geschäft des Aufräumens verrichtete, sagte er: »Gnädiger Herr, es

kommen jetzt im Hause viele Sachen abhanden. Der Köchin fehlt eine

Gürtelschnalle, mir selbst fehlen ein Dutzend Emailknöpfe und ein paar

alte Münzen.« -- »Ach, Sie sammeln Münzen,« erwiderte Lamberg scheinbar

anerkennend, »Münzen und Emailknöpfe? und wen haben Sie im Verdacht?« --

»Man kann da nur ein einziges Individuum im Verdacht haben«, sagte der

vornehm sprechende Diener. »Ich brauche mich ja nicht näher

auszudrücken. Sehen Sie, gnädiger Herr, jetzt hat er wieder die Antike

zwischen den Pfoten. Er hat eine Vorliebe für das Glänzende und verrät

sich selber.«

In der Tat hatte der Affe den goldenen Spiegel genommen und starrte mit

ernsthaft gefalteter Stirn auf die Platte, indem er offensichtlich

Lambergs prüfende Kennermiene nachahmte. Er kniff die Augen zusammen,

schob den Kopf zurück, streckte den Bauch vor und spitzte das Maul

kritisch und besitzerstolz. Nach und nach gelangte die tierische Natur

wieder zur Macht, er betastete argwöhnisch die metallene Schildkröte, --

vielleicht erwachten bei deren Anblick Erinnerungen an seinen heimischen

Inselstrand, -- dann stellte er den Spiegel zur Erde, ließ sich auf alle

Viere nieder und mit einer einfältigen, verschlafenen, komisch-traurigen

Miene schien er sich zu fragen, was mit einem solchen Gerät anzufangen

sei und wie man sich in möglichst ausgiebiger Art daran ergötzen könne.

Als nun Emil bemerkte, daß die Herrschaften an dem Benehmen des Affen

ihr Vergnügen hatten, malte sich in seinem Gesicht neben einem erhabenen

Staunen über diese unbegreifliche menschliche Verirrung auch die

lebendigste Eifersucht, und es war ihm anzusehen, daß er sich in seinem

höheren Bewußtsein schmählich zurückgesetzt fühlte.

»Quäcola!« rief Lamberg. Der Affe erhob sich, blinzelte und hüpfte

heran.

»Hast du gestohlen, Quäcola?« fragte Lamberg streng.

Quäcola richtete sich empor und grinste freundlich. »Er hat nicht

gestohlen, Emil«, entschied Lamberg kurz.

»Also gilt ein Vieh mehr als ein Mensch?« erwiderte der Diener gepreßt.

»Ein Vieh kann vielleicht stehlen, aber es kann nicht lügen«, sprach

Lamberg salomonisch tief. Er holte den Spiegel, hielt ihn dem

Schimpansen dicht vor die Nase und sagte: »Wenn du darnach noch einmal

greifst, mein lieber Quäcola, wirst du drei Tage in deinen Käfig

gesperrt, und Emil soll dich durchpeitschen. Merk dir's.«

Der Affe murmelte vor sich hin, doch Emil rief beschwörend: »Er versteht

Sie nicht, gnädiger Herr! er tut nur so, ich kann Ihnen die Versicherung

geben, daß er Sie nicht versteht.«

»Das macht nichts«, entgegnete Lamberg mild, »dafür verstehe ich ihn.«

Es war ein Glück, daß der larmoyante Emil das Zimmer verließ, denn

Franziska und Hadwiger konnten ihre Lachlust nicht mehr bezähmen. »Mir

ist immer, als sei Emil Quäcola eine einzige Person,« sagte Franziska,

»und ich weiß nicht mehr, ob der Diener oder der Affe so heißt.«

Es hatte die ganze Nacht hindurch geregnet und es regnete auch jetzt

noch. Der Abfluß des Sees war zum Strom geworden, alles Erdreich war

gelockert, in allen Rinnen schäumten die Sturzbäche, und die

verspäteten Sommergäste hatten die Flucht ergriffen. Der Ort war leer.

Franziska äußerte ein Bedürfnis nach Blumen, und Lamberg ließ ganze

Körbe voll Alpenrosen ins Haus bringen. Den Nachmittag über ruhte sie,

als gegen fünf Uhr Cajetan von der Gräfin Seewald kam, unterhielt er sie

mit allerlei Gesellschaftsklatsch und fand sie leidlich munter. »Mir

kommt die Welt wie gefroren vor«, sagte sie; »trotzdem ist mir nicht

kalt. Nur wenn ich allein bin, wird mir kalt.«

Sie erkundigte sich nicht nach dem Fürsten, und Cajetan sprach nicht von

ihm. Nach Tisch gab Borsati seiner Verwunderung über die vielen

Alpenrosen Ausdruck und sagte zu Franziska: »Du hast wohl durch die

Geschichte des Geronimo Lust auf Blumen bekommen?«

»Hast du vergessen, daß ich darin den Mexikanern nie etwas nachgegeben

habe?« antwortete sie. »Schade, daß die Alpenrosen so wenig riechen. Und

doch vertrag ich eigentlich für längere Dauer nur den Geruch von

Veilchen. Heute Nacht habe ich im Traum fortwährend Veilchen gerochen.«

»Angenehm«, murmelte Borsati.

»Wer von euch könnte mit Worten beschreiben, wie Veilchen riechen?« fuhr

das junge Weib fort.

»Nun, -- süß«, sagte Hadwiger, worauf Franziska unzufrieden den Kopf

schüttelte.

Lamberg besann sich und meinte dann: »Es ist ein lauer, kühler,

erdig-keuscher Geruch.«

»Ja, das trifft ungefähr«, rief Franziska.

Borsati, der Hadwigers eifersüchtige Miene beobachtete, lachte

plötzlich und sagte: »Mir hat heute Nacht von Hadwiger geträumt. Ich

fuhr mit ihm nach Sibirien. Wir verloren uns in der Steppe, auf einmal

traf ich ihn wieder, er saß in einem Wirtshaus, ich frage ihn, warum er

so finster und unglücklich sei, da antwortet er mit seiner mürrischen

Bestimmtheit: Jeder Mensch hat seine drei Hasen. Ich war sehr betroffen

über diesen Ausspruch, und während ich nachdenke, steht Lamberg vor uns,

starrt Hadwiger durchbohrend an und donnert ihm triumphierend zu: Das

werden Sie mir beweisen! Hadwiger zuckt gleichgiltig die Achseln und

erwidert: Es ist leider so. Ich allerdings habe nur einen Hasen. Die

andern zwei hat der Zar von Rußland. Bei diesem Diktum bin ich vor

Erstaunen aufgewacht.«

»Gottvoll ist diese Paradoxie der Träume, die doch an irgend einem Punkt

eine greifbare Wahrheit hat«, sagte Cajetan, nachdem die allgemeine

Heiterkeit sich gelegt hatte. »Wenn uns ein Mensch, den wir kennen, im

Traum erscheint, ist es manchmal, wie wenn durch ein Wort oder eine

Geste sein moralisches Knochengerüst entblößt würde. Außer den Träumen

dichtet nur noch Shakespeare so. Die drei Hasen sind köstlich; das haben

Sie brav gemacht, Heinrich«, schloß er und klopfte Hadwiger anerkennend

auf die Schulter. Dieser schmunzelte verlegen.

»Neulich träumte mir Folgendes«, begann Borsati wieder; »ich liege in

einem Zimmer über einem gewaltigen Hammerwerk. Ich höre und spüre die

Hammerschläge, ich höre und spüre sie wie eine Drohung. Es erschallen

gellende Schreie: zu Hilfe, zu Hilfe. Es wird ein Mädchen mit

zerschmetterten Gliedern hereingetragen, aber ich kann die Leute nicht

gewahren, ich sehe auch das Mädchen nicht, ich weiß nur, daß sie tot

ist, und mich durchdringt eine atembeklemmende, sinnliche Liebe zu der

Toten. Da scheint es mir, als ob sie lebendig würde, und zu gleicher

Zeit dehnt sich das Zimmer aus wie ein Ballon, der mit Gas gefüllt wird.

Ich will mit dem Mädchen sprechen, stehe auf und schließe nacheinander

die Türen. Es zeigen sich mir immer mehr und mehr Türen, und während ich

eine zumache, öffnen sich beständig andere von selbst. Vor Ungeduld bin

ich dem Weinen nahe, plötzlich hält mich die weibliche Gestalt mit ihren

Händen fest, und voll Abscheu erkenne ich einen Jüngling in ihr, der

mich mit verderbten Blicken anstarrt.«

»Mir träumte vom Weltuntergang«, erzählte Franziska; »der Himmel war

voller Feuer, ich war mit einer großen Menschenmasse in einer engen

Straße, und alles drängt zu einer herrlichen Bronzetür an einem

dunkelbraunen Marmorgebäude. Ich wundere mich, daß die Menschen mehr

neugierig als erschrocken sind, ich wundere mich, daß sie so geduldig

warten, bis die Bronzetür aufgemacht wird, und indes glühende Steine von

oben herunterstürzen, frage ich: warum geht man denn nicht hinein?

Darauf antwortet mir ein eleganter Herr sehr höflich: ja, es wird erst

um zwölf Uhr geöffnet, und es fehlen noch fünf Minuten.«

»Das Gefühl der Verwunderung ist überhaupt charakteristisch für Träume«,

sagte Lamberg. »Verwunderung, Angst und Ungeduld. Besonders Ungeduld;

Ungeduld ist Wollust.«

»Ich ging einmal mit einer Frau, die ich liebte, auf einer von beiden

Seiten durch Mauern abgeschlossenen Chaussee«, berichtete Cajetan. »Da

stürmt eine Herde von weißen und braunen Pferden geisterhaft flüchtig

wie Schmetterlinge vorüber. Sie fliehen, daran ist kein Zweifel, und in

einiger Ferne machen sie auf dem Abhang eines Hügels halt und kehrt. Ich

sage zu der Frau: diese Pferde sind unsere verzauberten Leidenschaften,

sieh nur, wie traurig sie herüberschauen. Plötzlich springt in

ungeheuern Sätzen ein Tier auf uns zu, das ich kaum beschreiben kann,

ein Mittelding zwischen Reptil und Fleischerhund, gelb, feist und

widerlich boshaft. Im selben Augenblick kommen zwei von den Pferden

zurück, ein weißes und ein braunes. Sie laufen mit fabelhafter

Geschwindigkeit, beide dicht nebeneinander, und wiehern stolz. Sie

stellen sich dem Ungeheuer in den Weg und zwingen es in einer herrlich

plastischen Stellung, beide Köpfe gegen den Hals des Scheusals gepreßt,

stille zu stehen. Wir haben uns in eine Mauernische geflüchtet, und ich

weiß, daß in der nächsten Minute mein Kopf abgebissen sein wird. Ich

überlege, wie ich es anfangen könnte, mich ritterlich zu benehmen, und

ich habe die deutliche Empfindung, daß meine Liebe für die Frau zu Ende

ist, weil es ihr ganz selbstverständlich scheint, daß ich mich für sie

opfere. So heftig wird meine Erbitterung, daß ich darüber erwache.«

»Ich sah im Traum eine Frau«, nahm Borsati wieder das Wort, »sie ist

sehr schön, nur ihre Hände sind aus Terracotta. Ich frage: warum sind

deine Hände aus Terracotta? Sie antwortet: daran sind deine Brüder

schuld. Ich versichere ihr, daß ich keine Brüder habe, darauf nennt sie

mich einen meineidigen Verschwender. Dieses Wort grämt mich so, daß ich

plötzlich graue Haare bekomme, denn ich kann mich zugleich von außen

sehen. Sie führt mich auf einen Weg, und wir kommen zu einem Spiegel. Da

ist dein ältester Bruder, sagte sie. Nein, ich bin es selbst, erwidre

ich. Sie lacht und wir gehen durch den Spiegel durch, und ich befinde

mich in einer Versammlung zahlreicher Menschen. Da sind deine andern

Brüder, sagte die Frau, und ich bemerke, daß alle diese Menschen mir

ähnlich sehen. Ich hatte eine grauenhafte Empfindung von Verlassenheit

unter ihnen, mir war, als ob ich unsichtbar würde, und als ich erwachte,

war meine erste instinktive Handlung, daß ich einen Wandspiegel

herabnahm, um mich zu betrachten.«

»Ich träumte einmal eine Landschaft«, erzählte nun auch Georg Vinzenz,

»eine purpurrote Landschaft mit einem meergrünen Himmel darüber, und in

der Mitte eine zu unermeßlicher Höhe ansteigende Felsenstraße, die sich

zwischen blauen Eisfeldern verlor. Beim Erwachen konnte ich nicht

glauben, daß dies ein Traum gewesen sei, und mir schien, diese

Landschaft sei ein mit meinem Geschick tief verbundenes Erlebnis. Ich

suchte die Verknüpfungen, die zeitlich vor dem Traum lagen, und konnte

nicht fassen, daß ich etwas so wahr und mit so vertrautem Auge Gesehenes

erst seit dem Traum kennen sollte. Ich wurde mir selber fremd und

mißtraute meiner Wahrnehmung in einer Weise, die nah an Wahnsinn

grenzt.«

»Wie meisterhaft sich oft Menschen im Traum selbst zeichnen«, sagte

Borsati, »davon lieferte mir unlängst einer meiner Patienten den Beweis.

Er ist ein sehr beschränkter, sehr geiziger und sehr neugieriger Mann,

dies das Thema zu der Traum-Variation. Er erzählte mir, er habe

geträumt, daß er ins Theater gegangen sei, obwohl er sich nicht leicht

hätte entschließen können, einen Sitz zu kaufen. Er läßt sich nieder,

jedoch eine kolossal dicke Dame versperrt ihm den Ausblick. Er geht auf

einen andern Platz, da ragt eine Säule vor ihm auf. In den Traumtheatern

ist den Menschen offenbar eine ungehemmte Bewegungsfreiheit gestattet,

auch müssen sie so hoch sein wie die Wolkenkratzer, denn er steigt in

den vierten, in den fünften, in den sechsten Stock, aber nirgends lassen

ihn die Menschen durch. Ha, denkt er, ich will euch zeigen, daß ich mich

nicht lumpen lasse und daß ich auch wer bin, geht an den Schalter und

kauft sich eine Loge, die er freudestrahlend betritt, dabei aber

immerfort nachdenkt, ob ihn der Billetteur nicht beim Geldwechseln

übervorteilt habe. In dem Augenblick jedoch, wo er sich endlich dem

Genuß des Schauspiels hingeben will, fällt der Vorhang und das Stück ist

aus. Entzückend war in seiner Schilderung der Ärger, den ihm die

vergebliche Geldausgabe im Traum verursacht hatte. Ich bin überzeugt, er

hat sich noch im Wachen geärgert. Auch hat es einen eigenen Tiefsinn,

daß er trotz seiner Neugier das Stück nicht zu sehen bekam.«

»Es gibt wirkliche Erlebnisse, die fast wie Träume sind«, ließ sich

Cajetan vernehmen. »Vor ein paar Jahren hatte ich einen Winter hindurch

ungewöhnlich viel unter Menschen verkehrt, und Beziehungen allerlei Art

wuchsen mir über den Kopf. Ich war müde des Redens und begab mich am

Anfang des Sommers ins Hochgebirge. Der Ort war ziemlich entlegen, aber

ich traf doch Bekannte, und da ich schon erregt wurde, wenn ich aus

einem Nebenzimmer oder auf einem Spazierweg die Stimmen von Menschen

vernahm, entschloß ich mich, mit dem Rucksack ein paar Tage lang auf die

Berge zu wandern. In einer Mondnacht brach ich auf und marschierte

stundenlang wie in Schlafesruhe. Als der Osten sich lichtete, sah ich

den Gipfel vor mir, aber das Herz stockte mir vor Enttäuschung, als ich

von weitem eine Schar von Leuten erblickte, die wie Schattenrisse gegen

den geröteten Himmel gestellt waren und sich eifrig zu unterhalten

schienen. In der ersehnten Einsamkeit wieder das unvermeidliche

Geschwätz hören zu sollen, kränkte mich bitter, und da ich vom Pfad

nicht abweichen konnte, schickte ich mich an, rasch vorüberzueilen. Ich

kam näher, gewahrte ihre lebhaften Gesten, hörte aber keinen Laut. Sie

bewegten die Arme, ihre Mienen waren beredt, ihre Augen glänzten, und

alles war totenstill. Mir gruselte, als ich unter sie trat, und ich

hatte das Gefühl, als ob mein Zorn, mein Haß sie der Zunge beraubt

hätte. Es war eine Gesellschaft von Taubstummen.«

»Das hat allerdings etwas Traumhaftes«, bestätigte Lamberg, »aber

vieles, was mit uns geschieht, und das meiste von dem, was in der Welt

geschieht, hat, für mich wenigstens, denselben Charakter. Je bildhafter

und sinnlich wahrer mir Dinge oder Menschen werden, die außerhalb meiner

Erfahrung stehen, je mehr nähern sie sich zugleich dem Traum. Ich

kannte eine Frau, die so selbstverständlich von ihren Träumen sprach wie

wir von unsern Eindrücken bei einem Spaziergang oder in einem Museum

sprechen. Man braucht sich niemals eines Traumes zu erinnern, und man

ist doch voll von Träumen, ja, was man Seele nennt, ist vielleicht nur

das Spiel der Träume in uns, und ein Mensch ist um so seelenvoller, je

dünner die Wand ist, die ihn von seinen Träumen scheidet. Gestalt und

Farbe und Handlung der Träume sind dabei von geringem Belang. Der

tiefste und mächtigste Traum mag nur ein Chaos sein, eine schwarze,

schwere Flut, die durch die Unterwelten unserer Bewußtlosigkeit zieht.«

»Schön gesagt, und ich verkenne nicht die Wahrheit dieser Bemerkung«,

versetzte Cajetan. »Auch was Sie von dem Traumhaften der

Weltbegebenheiten andeuten, scheint mir richtig. Ich entsinne mich der

Erzählung eines englischen Diplomaten, wie die Kaiserin von China und

ihr Sohn nach dem letzten Aufstand, der die Dynastie erschüttert und das

Land in unheilvolle Parteiungen zerrissen hatte, einander gegenüber

traten, um sich zu versöhnen. Möglich, daß er es gar nicht so

geschildert hat, wie ich es dann sah und jetzt noch sehe, aber das Bild

hat sich mir mit einer wundersamen Unverlöschlichkeit eingeprägt, und

wenn ich daran denke, tue ich es wie an einen unverlöschlichen Traum.

Sie gehen durch verschiedene Türen in ein Zimmer des Palastes; die

Mutter wie auch der Sohn, beide haben an diesem Morgen unwissend ein

tödliches Gift zu sich genommen, das in den Tee gemischt worden war; die

Mutter hat den Sohn, der Sohn hat die Mutter vergiften lassen, ein

jedes auf Drängen und Anstiften der Höflinge, von denen sie umgeben

sind, weil die Zwietracht eine Gefahr für Monarchie und Staatsform zu

werden drohte. So sehen sie sich denn, und der junge Kaiser wie die alte

Kaiserin sind von Ehrfurcht gegeneinander erfüllt. Sie sind ermattet vom

Kampf um die Herrschaft, und es ist, als habe es nur des Aug' in

Augschauens bedurft, um eine langverhaltene, vielleicht nie zuvor

geäußerte menschliche Regung in ihnen zu wecken und das Andenken an

Feindschaft, an Ehrgeiz, an Neid und an Verleumdungen zu ersticken. Sie

sprechen nicht, sie blicken wie über einen Abgrund, der sich langsam

schließt, zu einander hinüber, sie fühlen sich dem Lärm in eine Stille

entronnen, die ihr Blut entzündet, und nur noch schüchtern glimmt die

Furcht in den sehnsüchtigen Mienen, denn ein Herrscher von China ist das

einsamste Wesen auf der Welt. Und nun bückt sich der junge Kaiser zum

Kotau, bückt sich zur Erde und kann sich nicht mehr erheben, so

plötzlich und mit solcher Gewalt beginnt das Gift zu wirken. Die

Kaiserin-Mutter kniet neben ihm nieder, auch sie wird von der

körperlichen Qual ergriffen. Sie umarmt ihren Sohn, sie bricht in Tränen

aus, er umschlingt sie gleichfalls weinend, und sie liegen Arm in Arm,

bis sie beide sterben.«

»Unbedingt eine Szene von großer Art und wie aus einer Mythe«, bemerkte

Borsati; »ich bin sicher, hier war schon ein stärkerer Genius an der

Arbeit als die Wirklichkeit einer ist.«

»Als ob die Wirklichkeit nicht alle Erfindungen überträfe!« rief

Franziska.

»Das wohl, aber sie kann nicht dargestellt werden, sie ist kaum faßbar,

und indem man ihr Sinn und Bedeutung unterschiebt, wird sie schon

Geschichte oder Gedicht.«

Franziska, die eine Wendung des Gesprächs ins theoretisch Nüchterne

fürchtete, wollte wissen, ob nicht die rätselhaften Fälle von

Doppelexistenz eines Menschen auf den Einfluß der Träume zurückzuführen

sei. »Ich hatte eine Kollegin,« erzählte sie, »ein junges Ding noch und

keineswegs extravagant. Sie lebte bei ihren Eltern, aber in jedem Monat

war sie drei bis vier Tage lang spurlos verschwunden. Alle

Nachforschungen wußte sie mit einer Geschicklichkeit zu vereiteln, die

man ihr kaum zutrauen wollte, und Fragen an sie zu richten war

gefährlich, denn sie versank dann in eine Lethargie, aus der sie

stundenlang nicht zu befreien war. Endlich stellte sich heraus, daß sie

an den geheimnisvollen Melusinentagen in einem Elendsviertel der Stadt

verschwand; dort ging sie zu einer Herbergsmutter, legte zerrissene und

schmutzige Kleider an, nahm einen kranken Säugling auf den Arm und

postierte sich als Bettlerin vor eine Kirchentüre. Wenn sie am Abend

nicht genug Geld in die Herberge brachte, wurde sie von einem rohen Kerl

geschlagen, und nachdem sie mehrere Tage und Nächte in solcher Weise

gelebt hatte, erwachte sie aus ihrem dunklen Zustand, vergaß ihn

vollständig und kehrte in ihre Häuslichkeit zurück.«

»Das erinnert mich an die nicht so tragisch zugespitzte, aber recht

merkwürdige Geschichte des alten Sinzenheim«, sagte Lamberg. »Dieser

Sinzenheim war Kaufmann gewesen und hatte bei vorgerückten Jahren sein

Geschäft einem Neffen überlassen. Die Rente, die er bezog, gestattete

ihm, mit Anstand zu leben. Er hatte immer noble Passionen gehabt, doch

nur in der Stille, jetzt ging er daran, seine Wünsche zu verwirklichen.

Er kleidete sich wie ein Kavalier, und seine hagere, nicht unansehnliche

Gestalt wie auch eine gewisse hochmütige Gleichgültigkeit, die er

eingeübt, waren ihm behilflich, einen Kavalier vorzustellen. Einige

aristokratische Bekanntschaften waren bald gemacht, und der Umstand, daß

er Jude war und in seinem Judentum ein Hindernis auf dem Weg zur großen

Gesellschaft fand, wurde durch eine bigotte alte Gräfin beseitigt, die

ihn zur christlichen Religion bekehrte und Freudentränen vergoß, wenn

sie ihn jeden Sonntag in der Kirche sah. Bald zeigte sich ein großes

Übel; seine bürgerlichen Verhältnisse erlaubten ihm nicht, in dem

eroberten Bezirk dauernd so zu leben, wie man um des Respekts willen

dort leben muß, wenn man bloß ein Eindringling ist. Da er ein guter

Rechner war, und eine tiefgewurzelte Abneigung gegen finanzielle

Mißwirtschaft hegte, so beschloß er, seine Existenz in zwei Teile zu

teilen. In den ersten sechs Monaten des Jahres hauste er in einer

Mansarde am äußersten Rand der Vorstadt. Er kochte sein Frühstück

selbst, briet sich mittags ein paar Äpfel und ging nur des Abends aus,

um in einer elenden Kneipe warm zu essen. Um unkenntlich zu sein, ließ

er sich den Bart wachsen, sein Anzug war schäbig, sein Gang schlotterig,

sein Wesen voll Bescheidenheit. Was ihn aufrecht erhielt, beschäftigte

und zerstreute, war die Erwartung der Zeit des Glanzes, das Ausspinnen

luxuriöser Pläne, die Sehnsucht nach seinem aristokratischen Ich. Genau

am ersten Juli begann die Wiedergeburt. Er rasierte sich, schob zwei

Reisekoffer aus dem Winkel, kleidete sich in heiterer Laune um, fuhr im

Wagen vor das elegante Hotel, wo er als Grandseigneur zu wohnen pflegte,

tauchte plötzlich wieder auf den Rennplätzen und im Theater auf, reiste

in teure und vornehme Badeorte und erzählte allen, die es hören wollten,

von Erlebnissen in Biarritz, an der Riviera und in Ägypten, wo er

während jener sechs Monate gewesen zu sein vorgab. Die Mansarde vertrug

viel Geographie, von Madrid angefangen bis nach London und Petersburg,

und das Studium verläßlicher Handbücher war belehrender als Wirklichkeit

und Augenschein. So trieb er es eine lange Reihe von Jahren, bis er sich

eines Tages während der Bettlerperiode ernstlich krank fühlte. Ein

großer Schreck erfaßte ihn, daß er inmitten der künstlichen Armseligkeit

sterben könne. Er bot seine ganze Willenskraft auf, nahm noch einmal die

Verwandlung vor, begab sich in sein Hotel, mietete einen Diener und eine

Pflegerin und schickte nach allen Richtungen der Windrose Einladungen,

damit seine vermeintlichen Freunde ihn besuchen sollten. Es kam aber

niemand außer dem Arzt, den er bezahlte, und einem ruinierten Lebemann,

dessen ehrwürdiges Wappen er durch kleine Geldbeträge hin und wieder

aufgeputzt hatte. Die alte Gräfin, die für sein Seelenheil besorgt war,

erschien erst kurz vor seinem Tod. Sie brachte ihr Enkelkind mit, einen

vierzehnjährigen, verschmitzt aussehenden Knaben, der eben die Kommunion

erhalten hatte, und den sie infolgedessen für so sündenrein hielt, daß

sie sich von seinem Gebet eine erlösende Wirkung auf den ehemaligen

Juden versprach.«

»Kein übler Narr«, sagte Borsati, »und kein unwahrscheinlicher. Ich

kannte einen Baron Rümling, einen achtzigjährigen Greis, aus

herabgekommenem Geschlecht, der in den dürftigsten Verhältnissen lebte.

Sein wertvollster Besitz war eine Lakaienlivree, die er viele Jahre

hindurch wie eine Reliquie aufbewahrte und zu Anfang jedes Herbstes und

Ende jedes Frühjahrs einmal anzog, um in den Häusern vornehmer Familien,

als sein eigener Diener maskiert, seine Namenskarte abzugeben.«

Man sprach noch über ähnliche Marotten, und Cajetan erzählte eine

Episode aus dem Leben der verwitweten Gräfin Siraly, Schloßherrin von

Tarjan. »Die Gräfin war eine sehr sittenstrenge Dame, und alle

weiblichen Dienstboten mußten ihr einen Eid leisten, daß sie keine

Liebesverhältnisse eingehen würden. So nachsichtig und mütterlich sie

diejenigen behandelte, die sich ihren tugendhaften Forderungen fügten,

so erbarmungslos verfuhr sie mit den Wortbrüchigen, und einmal sperrte

sie ein junges Geschöpf, das sich vergessen hatte, drei Wochen lang in

ein unterirdisches Verließ. Das geschah nicht etwa vor hundert Jahren,

sondern vor einem oder zwei. Einst beschloß sie, ihren Mädchen eine

Freude zu machen, mit ihnen in die Hauptstadt zu reisen und sie ins

Theater zu führen. Sie kamen eines Sonntags in die Stadt, und die

imponierend und entschlossen aussehende Gräfin marschierte zum Erstaunen

der Bevölkerung an der Spitze eines Dutzends hübscher, festlich

gekleideter junger Frauenzimmer durch die Straßen. Wie eine Henne auf

die Küchlein, achtete sie sorgsam darauf, daß alle hübsch beisammen

blieben und keine einen Schritt vom Wege tat. In dem Garten eines

Restaurants nahmen sie ihr Mittagsmahl ein, und die Gräfin war

fortwährend beschäftigt, das zudringliche Gaffen junger und alter Herren

durch eine Kanonade von gebieterischen und niederschmetternden Blicken

zu erwidern. Wahrscheinlich erweckte sie dadurch doppelten Argwohn;

plötzlich trat ein polizeilicher Funktionär an den Tisch und fragte, was

die Dame mit den Mädchen vorhabe. Die Gräfin wurde grob, weigerte sich,

ihren Namen anzugeben, der Funktionär zeigte sich in der Hoheit seines

Amtes, die wütende Gräfin mußte dem Ordnungsmann auf die Wachtstube

folgen, und sämtliche Dienerinnen wie auch ein Haufen Volks zogen

hinterdrein. Die Gräfin befahl ihren Mädchen, sie zu erwarten, aber es

dauerte geraume Zeit, bis der höhere Beamte erschien, dem die

Angelegenheit übergeben worden war. Dieser erklärte der Gräfin kalt, daß

sie im Verdacht stehe, Mädchenhandel zu treiben. Ich bin die Gräfin

Siraly! schrie die zornige Frau. Der Beamte zuckte die Achseln und

meinte, das sei erst zu beweisen. Beweisen? brüllte die Gräfin, deren

Feudalbewußtsein sich bäumte, ich werde dir die Zähne in den Hals

treten, du bissiger Spitzbube, ist das Beweis genug? Nein, Madame, war

die Antwort. Endlich mäßigte sie ihren Grimm soweit, daß sie einen

Vetter herbeiholen ließ, der ein hoher Offizier war und ihre Identität

glaubhaft bezeugte, worauf man die Racheschnaubende unter vielen devoten

Entschuldigungen entließ; sie führte auch nachher eine Reihe von

Prozessen, konnte jedoch nichts ausrichten. Zunächst wollte sie sich

ihrer Schutzbefohlenen versichern, aber denen war die Zeit lang

geworden, die ganze Gesellschaft hatte das Weite gesucht und in der

Meinung, die Frau Gräfin werde die Nacht über in Gefangenschaft bleiben

müssen, in ein Tanzlokal begeben, um ihrer sündhaften Jugendlust zu

fröhnen. Dabei hatte es nicht sein Bewenden, es war Frühling, die

klösterlichen Rücksichten hielten fern vom Auge der Herrin nicht Stand,

und das Unheil nahm seinen Lauf. Die Gräfin, nachdem sie bis zum Abend

vergebliche Nachforschungen angestellt, fuhr in finsterer Laune auf das

Schloß zurück, und andern Tags kamen auch die zerknirschten Flüchtlinge

mit mehr Ausreden und Lügen als Gewissensbissen nach Hause. Sie waren

alle recht bleich und müde, von dem ungewohnten Pflaster in der Stadt,

wie sie sagten; und einige blieben auch bleich und müde, obwohl ihr

körperlicher Umfang in einer auffallenden Weise zunahm, bis nach neun

Monaten, oder auch etwas darüber, Schloß Tarjan um vier oder um fünf

oder vielleicht auch um mehr Insassen, ich weiß es nicht genau,

bereichert wurde. Die Gräfin erlitt eine Gemütsstörung und mußte sich

zur Heilung ihrer Nerven in ein Seebad begeben.«

»Ich habe diese Wendung erwartet und bin deshalb ein wenig enttäuscht«,

sagte Lamberg. »Die Wirklichkeit bleibt gewöhnlich um eine Pointe

zurück, oder sie ist uns um eine voraus. Stimmt die Gleichung, so ist

das in mathematischer Hinsicht erfreulich, in bezug auf Lebensdinge

macht es stutzig.«

»Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, die Sache hat sich so zugetragen«,

antwortete Cajetan. »Sie würden manchmal gut daran tun, die Spitze nicht

zu überspitzen und das Stumpfe stumpf zu lassen«, fügte er etwas

ärgerlich hinzu.

»Also wünschen Sie meinen Tod?« fragte Lamberg mit entwaffnender

Heiterkeit.

»Georg will uns beschämen«, fiel Franziska ein, »er strahlt von

Geringschätzung des Alltäglichen. Er kehrt zu den Träumen zurück.«

»Er wird uns die höhere Wahrheit von Wunder und Magie verkünden«, sagte

Cajetan versöhnt und zugleich herausfordernd. »Er liebt es, ferne Zeiten

aufzusuchen, und ich nehme mir die Freiheit, ihn mit einem Fechtmeister

zu vergleichen, dem zwischen vier Wänden zu eng wird für seine Kunst.

Stimmt die Gleichung?«

»Also ein Wunder, Georg, erzähl' uns von einem Wunder!« rief Franziska.

Lamberg lachte. »Das nenn' ich einen Übermütigen aufs Glatteis führen«,

entgegnete er. »Ihr habt den Faden abgeschnitten, und ich soll die Enden

wieder verknoten, damit ihr mich dran ziehen könnt, wohin ihr wollt. Wie

ist es möglich, euch zufrieden zu stellen, da ihr Ansprüche erhebt? Ein

Wunder? Gut, es sei, ich will von einem Wunder erzählen.«

Unter der Regierung der Söhne Constantins wurde allenthalben im

römischen Reich, namentlich aber in Syrien und Kleinasien, das Heidentum

nach Kräften ausgerottet. Es lebte damals in der Stadt Epiphaneia ein

Jüngling mit Namen Chariton. Er stand allein in der Welt; sein Vater,

seine Mutter und seine drei Brüder waren in einem blutigen Gemetzel von

den Christen erschlagen worden. Er war noch ein Knabe gewesen, als sich

dies ereignet hatte; ein nazarenischer Priester hatte ihn gerettet und

mit der heiligen Taufe versehen. Als er heranwuchs, neigte sich sein

Herz mehr und mehr den Göttern seiner Vorfahren zu, und während er die

Regeln des aufgedrungenen Glaubens dem Scheine nach befolgte, war er im

Geheimen von Schmerz erfüllt über die Schändung und Zerstörung der

Tempel. Nicht als Haß konnte man bezeichnen, was er gegen die Religion

des Heilands empfand, nicht als Frömmigkeit, was ihn trieb, unablässig

im Lande herumzuwandern und die alten geweihten Stätten aufzusuchen; er

war kein Held, kein Krieger, er hatte nichts von einem Fanatiker, nichts

von einem Prediger, er war ein einfacher Mensch, schön allerdings wie

ein Apoll, aber das Besondere an ihm war, daß seine Seele gleichsam im

innersten Kern der Natur wohnte. Der Wind sprach zu ihm mit Stimmen; das

Wasser war ein Wesen, der Baum ein fühlendes Geschöpf, die Nacht hatte

ein Gesicht für ihn, und was seit tausenden von Jahren die Phantasie der

Ahnen, die Träume der Hirten und Dichter an genienhaften Gestalten

erzeugt, das war für ihn wirklich, das lebte in Busch und Fels, in den

Blumen und in den Wolken. Sein liebster Aufenthalt war der

Zypressenhain, in welchem der Tempel von Apamea lag; tausende von Adern

des reinsten Wassers, die von jedem Berg niederrieselten, bewahrten das

Grün der Erde und die Frische der Luft, und ein Strom von Prophezeiung,

an Ruhm und Untrüglichkeit mit dem delphischen Orakel wetteifernd,

entsprang der kastalischen Quelle der Daphne. Der Tempel, obwohl längst

verlassen und beraubt, war eines der herrlichsten Gebilde des

götterfrohen Griechenvolkes, zart trotz seiner Größe, von zauberischer

Harmonie der Formen und seltsam gelenkig, ja anscheinend belebt, dank

jener erlauchten Imagination und Schöpferkraft, die eine Steinmasse in

einen Organismus zu verwandeln wußte. Eines Tages nun zog eine Horde von

mehr als fünfhundert Mönchen von Antiochia heran, in Vernichtungswut

versetzt durch ihren Anführer, der sich Bruder Simeon nannte, und der

sie in einer ekstatischen Rede aufgefordert hatte, den altberühmten

Tempel von Apamea der Erde gleich zu machen. Es waren Zönobiten und

Anachoreten, jene frommen und rasenden Schwärmer, deren Ehrgeiz es war,

den Menschenleib in den Zustand des Tieres herabzuwürdigen, deren

Glieder unter martervollen Gewichten von Kreuzen und Ketten abstarben,

und deren Sinne betäubt waren durch Wahnbilder, denn sie glaubten die

Luft von unsichtbaren Feinden, von verzweifelten Dämonen bevölkert.

Scheu blickten sie an den schimmernden Marmorsäulen empor, um deren

Kapitäle kleine Vögel in lautloser Ängstlichkeit schwirrten. Architrav

und Fries waren einer riesigen Stirn ähnlich, über die ein Schatten

olympischen Unmuts zu schweben schien; die Rinnen zwischen den Metopen

sahen aus wie Zornfalten, und eine von der Abenddämmerung umflossene

Statue im Portikus schaute verächtlich nieder auf den Haufen

verhungerter, bleicher, hohläugiger, halbnackter Männer. Diese legten

nach kurzer Beratung Feuer in die Cella; das Dachgebälk und alles was

den Flammen sonst Nahrung bot, verbrannte während der Nacht, und am

Morgen war der Marmor der Säulen und Kranzleisten an vielen Stellen

geschwärzt, aber der ganze Bau stand noch in gleicher triumphierender

Wucht. Die Mönche zerhieben und zerschmetterten alles, was sie noch an

Statuen, Opfergeräten und beweglichem Zierat fanden, dann fällten sie

die Zypressen und benutzten sie als Prellbäume, um die vierundsechzig

Säulen zu stürzen. Es war umsonst; keine der Säulen zitterte auch nur

unter ihren leidenschaftlichen Bemühungen, vergeblich waren ihre

Bannflüche, ihre Gebete, das Schlagen mit den Äxten, -- es war, als ob

Ratten eine Festungsmauer niederwerfen wollten. In der Nacht kam

Chariton mit seiner Flöte vom Gestade des Meeres her. Er hatte in einem

Dorf den Fischern gesagt, sie sollten in dieser Nacht zu Hause bleiben,

denn es drohe ihnen der sichere Untergang, wenn sie in ihren Booten aufs

Meer führen. Die Fischer hatten ihn zuerst verhöhnt, aber die

prophetische Glut seiner Rede bewog sie schließlich, seiner Warnung

Gehör zu schenken. Schon aus weiter Ferne vernahm er das Geschrei der

Mönche und den Lärm ihrer Werkzeuge. Seit vielen Tagen war seine Seele

von Bangigkeit beladen, der Schlaf hatte ihn geflohen, er spürte, daß

sich im Schoß der Erde geheimnisvolle Kräfte sammelten, aber jetzt,

während er dahinging, schien es ihm, als ob er diese Kräfte zwingen

könne, als harrten sie nur seines Willens und seines Wortes. Dieses

Bewußtsein rief eine stumme Verzückung in ihm hervor, und er war von dem

Glauben durchdrungen, daß ihn die Götter mit der überirdischen Fähigkeit

ausgestattet, um dem Zustand einer Welt ein Ende zu machen, die sich

nur noch im Leiden gefiel. Wie Prometheus einst das Feuer zu den

Menschen getragen hat, so will ich es wieder zu euch zurückbringen, ihr

Götter, betete er, und sein ganzer Körper zuckte unter dem Einfluß der

dumpfempfundenen Gewalten, von denen der Raum zwischen Himmel und Erde

erfüllt war. Doch regte sich kein Blatt, kein Gras, keine Wolke, selbst

die Mönche waren still geworden, als er sich genaht und kauerten

unheimlich um den Tempel. Chariton trat lautlos unter die Säulen; es war

ihm bekannt, daß eine unter ihnen hohl war, auch der Zugang war ihm

vertraut; er hob eine Platte und verschwand unter dem Boden, dann stieg

er eine Treppe im Innern der Säule empor, bis er zu einer Öffnung

gelangte, die von außen nicht sichtbar war, und die als Schalloch

diente. Nun fing er an, seine Flöte zu blasen; die Mönche, von denen

viele bereits schliefen, erhoben sich und folgten den Tönen, die lockend

und traurig waren. Es war ihnen unerklärlich, woher die Musik kam, nicht

einmal über die Richtung vermochten sie einig zu werden, immer mehr

strömten herzu, sie bekreuzten sich, viele weinten und sanken auf die

Kniee, und plötzlich wurde die Dunkelheit zur tiefsten Finsternis, das

Firmament schien zu bersten, die Säulen schwankten, ein furchtbarer

Schrei brach aus hunderten von Kehlen, Quader um Quader löste sich, die

Blöcke polterten krachend herab, und ein Steinmeer begrub sie alle, die

gekommen waren, um für den Gekreuzigten gegen einen Tempel zu streiten.

Jahrzehnte-, jahrhundertelang betrat kein menschlicher Fuß diese

Trümmerstätte, auch meilenweit im Umkreis war das Land wie verzaubert.

Die Wanderer, die in der Nacht vorüberzogen, hörten Flötentöne aus den

Ruinen dringen, eine sanfte, melodische Klage, bei der sie schauderten,

und die nur die Tiere mit rätselhafter Gewalt anzog, den Wolf, den

Schakal, die Antilope und die wilde Katze. Und über den gebrochenen

Säulen entstand ein üppig wucherndes Pflanzenleben, dergleichen man nie

zuvor und an keinem andern Ort gefunden, und zu jeder Zeit des Jahres

blühten die Rosen in solcher Fülle, daß von dem Marmor nichts mehr zu

sehen war und die Hand, die ihn hätte entblößen wollen, von den Dornen

zerfleischt worden wäre.

»Ein schönes Märchen«, sagte Cajetan, »aber am schönsten sind die Rosen,

die schließlich alles überdecken. Die Geschichte ist übrigens dem Geist

einer andern Welt nicht fremd, in der ein Heerführer der Sonne gebieten

konnte, still zu stehn.«

»Und dem Mond im Tale Askalon«, fügte Lamberg hinzu.

»Mir bedeuten diese Wunder nichts,« ließ sich Borsati vernehmen, »sie

kommen mir grobschlächtig und ausgerechnet vor gegen die Wunder der

täglichen Erfahrung. Das Natürliche bleibt immer das größte Wunder. Ein

Forschungsreisender berichtet, daß er in Australien von den Ameisen sehr

belästigt wurde, die seine wertvollen Präparate zu zerstören drohten. Um

sich ihrer zu entledigen, wußte er sich nicht anders zu helfen, als daß

er auf den Ameisenhaufen, der sich unfern vom Lager befand, einen

Brocken Zyankali warf, und er war überzeugt, daß die Tiere dadurch

allesamt zugrunde gehn würden. Am andern Morgen hielt er Nachschau, und

was war geschehen? Das giftige Mineral, das für die Ameisen ungefähr

dieselbe Größe hatte wie der griechische Tempel für die Mönche, lag acht

oder zehn Meter weit von dem Bau entfernt, und dazwischen war das

Erdreich besät mit hunderttausenden von Leichen der Insekten. Sie hatten

immer die toten Körper als Bollwerke benutzt, um den Stein weiter zu

schieben, und unzählbare Individuen hatten sich geopfert, um den Staat

zu retten. Dies, scheint mir, ist ein unfaßbares Wunder.«

»Laßt uns nicht pedantisch an den Worten kleben«, antwortete Cajetan.

»Ohne Wunder und Verwunderung entsteht kein tieferes Leben der Seele.

Nennt ihr die Erfahrung, so nenn' ich die Halluzination und das Leben in

Bildern, die wie aus einer früheren Existenz aufsteigen. Ich komme in

einer Vorfrühlingsnacht nach Hause, und die Tastatur eines offenen

Klaviers grinst mir entgegen wie die Zähne eines großen schwarzen

Totenschädels. Ich bin traurig, weil die Luft so lau und ahnungsvoll

ist, und weil ich unnütze Stunden in langweiliger Gesellschaft verbracht

habe. Da sehe ich plötzlich, ich seh es vor mir, wie der Ritter Kunz von

der Rosen in der Finsternis über das Wasser des Burggrabens von Brügge

schwimmt und wie er von vierzig Schwänen zur Umkehr gezwungen wird. Dies

erregt mich nachhaltig und bis zur Trunkenheit, und ich verstehe auf

einmal die Dichter, ich verstehe das geisterhaft Fremde und zugleich mir

Zugehörige des Gedichts und der Vision. Ich glaube, solche Stunden kennt

jeder von euch, in denen man sich auflösen möchte in allem was

geschieht und das Bewußtsein über die Grenzen schwillt, die ihm die

Natur gesetzt hat.«

Borsati hatte sich erhoben und ging sinnend auf und ab. »Ihre Worte

erinnern mich an eine seltsame Geschichte, die ich erzählen will«, sagte

er stehenbleibend; »es ist darin von Dichtern die Rede und was sie ans

Leben bindet und vom Leben trennt; sie zeigt auch, wie gewisse Wünsche,

die wir hegen, vom Schicksal in gar zu freigebiger Weise erfüllt werden

können, und daß es in unserer sozialen Welt Verkettungen gibt, die erst

Wirklichkeit gewinnen mußten, um wahrscheinlich zu sein. Wie ihr

vielleicht wißt, stammen meine Eltern aus Franken. Mein Vater hatte

einstmals Lust, das Land wieder zu sehen und nahm mich auf die Reise

mit; ich war noch ein ganz junger Mensch. Eines Tages, als wir von

Würzburg aus am Main hinauffuhren, kamen wir zur Plassenburg; ich erfuhr

bei dieser Gelegenheit, daß einer unserer Vorfahren in der

markgräfischen Zeit Archivar auf der Plassenburg gewesen war. Erst als

das Gebiet an Bayern fiel, wurde die Veste in das berüchtigte

Sträflingshaus umgewandelt. Am andern Morgen besichtigten wir die Burg,

und da erzählte mir mein Vater die Geschichte, die ich wiederzugeben

versuchen will.«

»Einen Augenblick Geduld,« rief Lamberg, »ehe Sie beginnen, soll Emil

Feuer machen; Franziska friert.«

Während Emil die Scheite in den Ofen legte, wußte er zu melden, daß sich

die Bauern am Fluß in großer Angst vor einem Wehrbruch befänden. Der See

stehe gefährlich hoch, und wenn es noch einen Tag weiter regne, sei das

Schlimmste zu fürchten. Am Abhang bei der Mühle sei schon ein ganzes

Haus herabgestürzt und von den Fluten der Traun fortgetragen worden.

Es wurden einige Erfrischungen gereicht, dann fing Borsati seine

Erzählung an.

Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen · 第 9 / 36 题