Von Helden und ihrem Widerspiel

Ein langes Schweigen, die vor Spannung größer gewordenen Augen der

Freunde und die vor Mitgefühl feuchten Franziskas belohnten den

Erzähler.

»Die Geschichte hat mir viel Vergnügen bereitet«, sagte endlich Georg

Vinzenz. »Außerdem habe ich eine Vorliebe für alles, was von

Schiffbrüchigen und von Reisen handelt. Man versetzt sich gern in die

Zeit zurück, wo für den Seefahrer die Länder jenseits des Ozeans noch

traumhafte Gebilde waren. Ich beneide einen Magelhaens um die

Empfindung, als er nach den Bemühungen eines halben Lebens das südliche

Amerika umsegeln konnte und endlich den Ozean jenseits des Kontinents

erblickte. Welches Staunen, welche Freude, welche mystische Furcht! Oder

wie mag dem Kapitän Cook zumute gewesen sein, als er zum erstenmal eine

der herrlichen Inseln Polynesiens betrat! Wie riesenhaft geweitet muß

diesen Männern das Bild der Erde erschienen sein, und wie seltsam muß

sich Ahnung und Gegenwart in ihrer Phantasie verwoben haben.«

Hadwiger schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Sie täuschen sich«,

antwortete er. »Man tut gut daran, wenn man derart sachlichen Naturen,

sachlich im schlimmsten wie im besten Sinn, so wenig wie möglich

poetische Erregung zutraut. Wer in einer Arbeit steckt, für den gibt es

keinen Märchen- oder Schönheitsreiz, davon wissen bloß die Zuschauer

und die Dilettanten zu reden. Das wird bei den Entdeckern so sein wie

bei den Ingenieuren und bei den Künstlern.«

»Trotzdem denk' ich mir manchmal«, entgegnete Cajetan, »ob nicht

Christoph Columbus eine ähnliche Verwandlung erlitten haben kann wie

dieser Geronimo de Aguilar; müde und angeekelt von seiner Heimatwelt,

satt der Kriege, des Blutvergießens, der wucherischen Geschäfte, der

Ränke und Lügen, war er vielleicht dem Entschluß nahe, die herrlichen

westindischen Länder seinem König vorzuenthalten und zu verheimlichen.

In einer tropisch kühlen Mondnacht seh ich ihn entzückt und schuldbewußt

unter Basileen und Thalien und Heliconien am Meeresstrand schreiten. Er

ahnt alle Folge, Zerstörung und Gewalttat; auch weiß er, daß seine

Leute, die vom Milchglanz der Perlen und vom Feuer des Goldes geblendet

sind, ihn zur Rückkehr zwingen werden. Doch über dem gemeinen Muß der

Stunde erkennt er noch eine höhere Notwendigkeit, und indem er der

Pflicht gehorcht, hört er auf, ein glücklicher Mensch zu sein. Von

Ferdinand Cortez wird berichtet, daß ihn auf seinem Totenbett das böse

Gewissen über die Gräuel, die er verursacht, beinahe wahnsinnig gemacht

habe. So geschah es dem Columbus vielleicht, als er in Spanien im Kerker

und in Ketten schmachtete.«

»Eine etwas eigenwillige Idee von Columbus«, bemerkte Borsati.

»Empfindsame Fälschung historischer Fakten; sehr zeitgemäß. Man nennt es

Auffassung, scheint mir.«

»Sie sind ein Naturalist, lieber Rudolf; alle Ärzte sind Naturalisten«,

versetzte Cajetan eifrig. »Ich laß' es mir nicht ausreden, daß die

meisten Tatmenschen heimliche Schwärmer waren. Betrachtet doch einen

Kerl wie den Franzesco Pizarro! Mit einer handvoll Leute, dem Abschaum

der damaligen Welt, zieht er aus, um das mächtige Reich der Inkas zu

erobern. Wenn das nicht Schwärmerei ist, was sonst?«

»Es ist ihm gelungen, damit hört es auf, Schwärmerei zu sein«, warf

Hadwiger hin.

»Auch deswegen gelungen, weil jenes Volk dem Untergang geweiht war«,

sagte Lamberg. »Was für Bilder belasten das Gedächtnis der Menschheit!

Gibt es eine Seelenwanderung, so bin ich in irgend einer Gestalt Zeuge

gewesen, wie der meuchlerisch überwältigte Inka in einem alten Haus

gefangen saß, stumm in sein unbegreifliches Unglück ergeben, und wie er

wartet, bis seine Untertanen als Lösegeld für ihn eine ganze Halle mit

Schätzen angefüllt haben. Die Peruaner schleppten herbei, was an edlem

Metall im Lande zu finden war: goldne Ziegel und Platten aus den

Palästen, Becher, Wasserkannen, Kredenzteller, Zieraten, die man von den

Tempeln gerissen hatte, und so wurde das Leben eines großen Fürsten wie

auf einer Wage abgewogen. Als nun der Saal gefüllt war, da sagten sich

die Spanier: was liegt an diesem Leben noch viel? Und der Inka wurde

hingerichtet.«

»Wäre nicht das schöne Vergessen«, meinte Franziska, »wäre uns immer

gegenwärtig, was vor uns geschehen ist und was jetzt geschieht, jetzt,

während wir sprechen, niemand könnte vor Gram und Herzeleid alt werden«.

»Immerhin war Pizarro der Sendling seines Monarchen«, nahm Borsati das

Wort, »und dadurch wurde seine Tat für die Nachwelt sakrifiziert. Nichts

anderes kann der Grund der offiziellen Unsterblichkeit sein, ich

vermöchte sonst nicht einzusehen, warum der Flibustierführer Henry

Morgan nicht ebenso unsterblich ist, der um das Jahr 1685 an der Spitze

von fünf- oder sechshundert Seeräubern das ganze spanische Mittelamerika

samt der befestigten Stadt Panama erobert hat; ein Unternehmen, das an

Kraft und Kühnheit seinesgleichen sucht.«

»Das Gefühl der Legitimität hat oft etwas Geheimnisvolles«, erwiderte

Lamberg. »Wo es verloren geht, tritt das Chaos ein. Die moralische

Ordnung ist offenbar ein Teil unseres Organismus, der erkranken und

zusammenbrechen muß ohne ihre stützende Macht. Dafür scheint mir eine

Geschichte bedeutungsvoll, die sich zu jener Zeit ereignet hat, als

England in seinen Kämpfen gegen Frankreich sich auch der gesetzlich

verschleierten Freibeuterei bediente. Ein mit Kaperbriefen, also mit der

Erlaubnis zum Seeraub versehenes Schiff, das nach Barbados segelte,

griff im karibischen Meer einen französischen Kauffahrer an. Dieser

Kauffahrer trug eine Fracht von siebenhunderttausend Gulden in barem

Gold. Besatzung und Passagiere wurden gefangen genommen und später bei

Trinidad ans Land gesetzt; die Schiffsprise, die zu beschädigt war, um

in einen heimatlichen Hafen gebracht werden zu können, ward in den Grund

gebohrt. Nun befanden sich die Matrosen des Kaperschoners wegen der

grausamen Behandlung, die sie durch ihren Kapitän erlitten, längst in

aufrührerischer Stimmung, der ungeheure Reichtum, den sie an Bord

wußten, bestärkte sie in ihren meuterischen Plänen, und eines Nachts

ermordeten sie, vom Hochbootsmann angeführt, den Kapitän und die

Offiziere. Sie teilten das Gold unter sich auf und überließen sich

wüsten Ausschweifungen der Trunkenheit, indes ihr kaum gesteuertes

Schiff ziellos durch die Meere fuhr und endlich an einer unbewohnten

Insel scheiterte. Mit ihrem Gold bepackt, vermochten sich alle zu

retten, aber auf der Insel trafen sie keinerlei Anstalten, ein Floß zu

bauen oder ihr Leben erträglich einzurichten, sondern der verbrecherisch

erworbene Besitz nährte in einem jeden schleichendes Mißtrauen gegen den

andern, und trotzdem das Gold in ihrer Lage nicht den geringsten Wert

oder Nutzen für sie hatte, waren sie nur darauf bedacht, es vor dem Neid

und der Habgier zu bewahren. Keiner wollte allein sein; keiner fühlte

sich aber auch in der Gesellschaft eines Gefährten sicher. Scheinbar

bewährte Freunde, die jahrzehntelang auf demselben Schiff gedient und in

Not und Gefahr einander beigestanden hatten, verwandelten sich in

unversöhnliche Hasser. Sie wagten nicht zu schlafen; an abgelegenen

Orten wie in gegenseitiger Nähe fürchteten sie überfallen zu werden. Die

Entbehrungen verringerten wohl ihre Kräfte, hatten aber keinen

sänftigenden Einfluß auf das Fieber ihres Argwohns; aus bösen Blicken

entstand Streit, aus gereizten Worten blutiger Kampf, die Toten lagen

unbegraben an der Küste, die Überlebenden, weit entfernt, an friedliche

Übereinkunft zu denken, rasten nur um so wilder gegeneinander, und

endlich waren nur noch zwei übrig. Nach Stunden des Lauerns und der

Verfolgung traten sie zum Kampf an, und der Schwächere fiel. Ohne

Hilfsmittel, ohne genügende Nahrung, einsam, hoffnungslos und verstört,

lebte nun der letzte, der Sieger über alle, auf dem weltentlegenen

Eiland wie ein Tier. Er vergrub das ganze Gold unter einer Palme, deren

Stamm er durch ein Kreuzeszeichen kenntlich machte und nachdem er die

toten Körper seiner Gefährten dem Meer übergeben, wanderte er unablässig

am Ufer entlang, auch quer durch das Land. In dieser Verlassenheit

begann ihn ein Gefühl zu quälen, das er vorher nie kennen gelernt; er

sehnte sich mit wachsender Gewalt nach einem Menschen, nach einem

Menschengesicht, einer Menschenstimme. Er hatte Halluzinationen, in

denen die Hingemordeten ihm begegneten und ihn freundlich anblickten,

und seine Träume waren voll vom Lärmen, Lachen und den Zurufen seiner

ehemaligen Kameraden. Als nach vielen Monaten ein Schiff anlief, das

seine Wasserfässer füllen wollte, stürzte er vor die Matrosen hin und

küßte ihnen die Hände. Von seinem Reichtum ließ er, aus Furcht, zur

Verantwortung gezogen zu werden, nichts verlauten, auch hatte zu dieser

Zeit das Gold nichts Wirkliches mehr für ihn. Erst als er in die Heimat

kam, erwachte das Verlangen, doch wenn er hin und wieder scheu und

versuchend von dem unter einer Palme vergrabenen Schatz redete, glich es

dem Stammeln eines Halbverrückten. So schleppte er den Rest seines

Daseins in Armut dahin, besaß etwas, was er nicht erreichen konnte und

haderte ohnmächtig gegen eine grauenhafte Erinnerung und gegen ein

gebrochenes Versprechen des Glücks.«

»Seltsam«, sagte Borsati, »wie hier trotz Roheit und Bestialität die

Leidenschaft zum Gold, gerade weil Gold so wertlos wird, mit der Macht

einer Idee wirkt. Die meisten Menschen sind leere Gefäße; wie mit der

niedrigsten Gier kann man sie unter Umständen auch mit dem Feuer für

eine große Sache erfüllen.«

»Das ist ja eine Hölle!« rief Franziska. »Da wird mir der Schauder noch

verständlicher, den die Mexikaner vor den europäischen Herrschaften

gehabt haben. Wo bleibt denn aber bei solchen Gelegenheiten die berühmte

Kultur, von der doch bei uns immerfort die Rede ist?«

»Was wir Kultur nennen«, erwiderte Cajetan, »konnte dort keine Geltung

erlangen, wo eine natürliche Ordnung die Tugenden und Kenntnisse, die

ihren Ursprung zumeist einer Not verdanken, überflüssig erscheinen ließ.

Daß man den Feind mit einer Bleikugel statt mit einem Pfeil tötet, gibt

keinen Vorrang des Geistes; das Wortchristentum, mit dem die Eroberer

ihre Raublust maskierten, drängte edlere Einflüsse dauernd zurück, und

worauf wir uns sonst noch viel zu gute tun, Bequemlichkeit, Luxus,

Kunst, Glätte der Sitten, wirkt nicht so, wie es sich uns zeigt, nicht

als Fortschritt und Erleichterung, sondern als Verwirrung und

Bedrängnis. Dies wird durch die Geschichte einer Tahitierin bestätigt,

die von einem Fregattenkapitän unter der Regierungszeit des vierten

Georg nach England gebracht wurde.«

»Vortrefflich«, sagte Georg Vinzenz mit Behagen; »man gebe uns Beispiele

und wir verzichten auf alle Argumente.«

»Die Tahitierin war ein Mädchen von ausnehmender Schönheit der

Gesichts- und Körperbildung«, fuhr Cajetan fort, und seine Stimme verlor

den schrillen Klang und wurde tieftönig, wie stets, wenn er ruhig

erzählte. »Der Kapitän kleidete sie nach Art der Modedamen, richtete ihr

ein Haus ein und ganz London wollte die Fremde sehen. Ihr Beschützer

liebte sie, er hielt sie in ihrer neuen Umgebung für glücklich, denn in

ihrer Heimat hatte sie zu den Ärmsten des Volkes gehört. Er gab ihr den

Namen Anima und war nicht wenig stolz auf ihre Bescheidenheit und den

seelenvollen Adel ihres Betragens. Anima ehrte ihn wie eine Sklavin,

willfahrte seinen Wünschen, küßte den Damen der Aristokratie die Hände

und als sie eines Tages an den Hof geführt wurde, bewegte sie Männer und

Frauen, auch den König, indem sie beim Anblick der prachtvollen Säle,

der geschmückten Menge, des Lichterglanzes und unter dem Eindruck der

italienischen Musik lebhaft zu zittern begann und in Tränen ausbrach.

Obwohl sie die Sprache erlernt hatte, konnte niemand erfahren, was in

ihrem Innern vorging. Ein scharfsinniger Freund des Kapitäns meinte, sie

werde durch Schauen verzehrt; Häuser, Monumente, Straßen, Fuhrwerke,

Menschen, alles war in ihren Augen wie tausend Bilder in einem zu engen

Schrein, und oft ging sie mit steif auswärtsgedrehten Handflächen vor

sich hin, als wolle sie die Dinge von sich wegschieben. In einer Nacht

kam der Kapitän zu ihr und fand sie auf dem Teppich des Zimmers hockend;

eine Kerze brannte vor ihren gekreuzten Beinen auf der Erde, und sie

schnitt sich das lange braune Haar mit einer Scheere vom Haupt. Zornig

fragte der Kapitän, weshalb sie dies täte, sie antwortete mit weher

Miene, der Kopf sei ihr zu schwer, sie könne ihn sonst nicht mehr

tragen. Er schlug sie, und am andern Tag ließ er eine Perücke für sie

anfertigen und drohte, sie noch empfindlicher zu züchtigen, wenn sie

sich ohne Perücke den Leuten zeigte. Kurz darauf mußte der Kapitän zum

Küstenadmiral nach Portsmouth reisen. Er nahm Anima mit, und während sie

am Hafen spazieren gingen, deutete er auf ein großes Schiff und sagte:

dieses Schiff fährt morgen nach Otahiti, Anima. Da drückte das Mädchen

die Hände vor die Brust, stieß plötzlich den Schrei einer Wilden aus,

lief zur Böschung, entledigte sich mit unglaublicher Geschwindigkeit

aller Gewänder und des falschen Haares und sprang ins Wasser, um bis zu

jenem Schiff zu schwimmen. Der Kapitän rief Leute herbei, ein Boot

verfolgte die Flüchtlingin und brachte sie wieder ans Land. Unter dem

Gelächter eines elenden Pöbels wurde Anima nackt über die Gasse

getrieben, und der wütende Kapitän trug ihre schönen Kleider und

falschen Haare hinterdrein. In einer nahegelegenen Schenke schleppte er

sie in eine dunkle Kammer, warf die Kleider hin, trat das Mädchen mit

den Füßen, dann sperrte er die Türe zu und nahm den Schlüssel mit. Nach

mehreren Stunden kehrte er zurück; streng rief er ihren Namen, und als

sie still blieb, wurde seine Stimme zärtlicher. Aber es regte sich

nichts. Er fuhr fort, ihr zu schmeicheln und sie zu locken, da kam sie

endlich, noch immer unbekleidet, auf allen Vieren herangekrochen wie ein

Hund. Was ist mit dir geschehen, Anima? rief der Kapitän ahnungsvoll,

und da er sie in der Dämmerung kaum gewahren konnte, schrie er die

Treppe hinunter, der Wirt möge Licht bringen. Sie stürzten mit Laternen

herauf, und nun erwies es sich, daß die Tahitierin keine Augen mehr

besaß. Vielleicht hatte sie in der Dunkelheit drinnen eine so

schmerzliche und beseligende Vision der schönen Insel erblickt, auf der

sie geboren war, daß sie mittelst der Vernichtung ihres Augenlichts,

wozu ihr die Nadel eines Schmuckstücks gedient hatte, dieses Bild für

immer festhalten zu können glaubte. Der Kapitän fühlte Reue und schickte

sie mit dem im Hafen liegenden Schiff nach ihrer südlichen Heimat.«

»Ich verstehe«, flüsterte Franziska hingenommen, »wie man das eigene

Herz hassen kann, so auch die eigenen Augen. Aber was für ein Mensch war

der Kapitän? Du sagst, er hätte das Mädchen geliebt? Wie man eine

Rarität liebt, meinst du? Oder einen Papagei? Geliebt? Unsinn.«

»Es ist möglich, daß er zuerst ein echtes Gefühl für sie hegte«,

antwortete Cajetan, »und daß er später, als sie von vielen Menschen

betrachtet und angestaunt wurde, nur noch eitel war. Er hatte sie

vielleicht erziehen wollen und bemerkte dann, daß die Wildheit und

Fremdheit ihr stärkster Zauber war. So bot er sie andern Augen feil, und

die Neugier der Welt entseelte sie. In derselben Weise ist ja Caspar

Hauser für seine uneigennützigsten Freunde gleichsam entseelt worden.«

»Männer, die ein Weib erziehen wollen, sind mir immer verdächtig«, sagte

Franziska. »Als ob ein Geschöpf nicht alles schon wäre, was es wird! Als

ob die Erfahrung besser und reiner machen könnte! Klüger höchstens. Und

wer klüger wird, der welkt bereits. Unsern himmlischen Teil wissen die

Männer nicht zu nehmen, das steht einmal fest.«

»Solche Versuche, Vorsehung zu spielen, beruhen meist auf einem

Mißverständnis der menschlichen Natur«, entgegnete Borsati. »Ihr habt ja

alle den jungen Möllenhoff gekannt. Er war ein sogenannter Idealist, das

heißt, er glaubte an die Existenz des Guten in jedem Individuum, und da

er durch Frauen vielfach enttäuscht worden war, verfiel er auf die

Marotte, sich eine Gattin und Lebensgefährtin aufzuziehen. Er adoptierte

ein zehnjähriges Mädchen von geringer Herkunft, hielt es in ländlicher

Abgeschiedenheit, unterließ nichts, was die körperliche und geistige

Bildung des Kindes fördern konnte, und er glaubte allen Anlaß zur

Zufriedenheit zu haben. Er hatte seine Zukunft, die ganze Stimmung

seines Daseins auf das Gelingen dieses Planes gesetzt, aber als seine

Schutzbefohlene neunzehn Jahre alt war, entdeckte er, daß sie mit einem

Gärtnerburschen und zugleich mit einem Klavierlehrer in sehr

unzweifelhaften Beziehungen stand. Er erholte sich nicht mehr von dem

Schlag und ist seitdem der gründlichste Menschenhasser geworden, den man

treffen kann.«

»Menschenhasser zu sein, ist stets ein wenig médiocre«, bemerkte

Lamberg.

»Sie haben vorhin das richtige Wort gesagt, Rudolf«, äußerte sich

Cajetan. »Vorsehung spielen! Dieses Unterfangen wird in jedem Fall mit

der härtesten Strafe bedacht. Dafür bietet eine Geschichte, die ich

erzählen will, eine recht eindringliche Lehre.

Frau von M., erlaubt mir, daß ich den Namen verschweige, hatte nach

zehnjähriger Ehe ihren Gatten verloren und lebte mit ihrem einzigen Sohn

auf einem Landgut am Rhein. Sie hatte die außerordentlichsten

Eigenschaften als Frau sowohl wie als Mutter. Sie war schön; sie war

sehr stolz; sie war belesen, sie hatte viel Blick, viel Geduld, eine

reiche innere Erfahrung und eine imponierende Überlegenheit als

Gebieterin wie als Weltdame. Sie behütete das Kind wie ihren Augapfel,

und es war, als ob die leidenschaftliche Liebe, die sie zu ihrem Mann

gehegt, sich mit verdoppelter Kraft und in reiner Form auf den Sohn

übertragen hätte. Sie unterrichtete ihn selbst, sie las jedes Buch mit

ihm, sie erforschte und kannte seine heimlichsten Gedanken, sie

beschäftigte sich gründlich mit Medizin, um, wenn er krank würde,

sorgfältiger als jeder Arzt die Heilung überwachen zu können, und

betrieb sportliche Übungen, um auch bei diesen in seiner Nähe zu sein.

Der aufwachsende Jüngling verehrte seine Mutter schwärmerisch; er

brachte ihr ein grenzenloses Vertrauen entgegen; je mehr ein geistiges

Bewußtsein in ihm erstarkte, je mehr wurde er, und bis in die Träume

hinein, von ihr ergriffen. Bei der zarten Empfänglichkeit seines Gemüts

fesselte ihn die Kunst frühzeitig; er malte und dichtete. Aber welche

Gestalt er auch immer auf die Leinwand setzte, welches Antlitz immer, es

war Gestalt und Antlitz seiner Mutter. In seinen Versen, die von

schwermütigen Todesahnungen erfüllt waren, und in denen sich Welt und

Menschen nur geisterhaft fern spiegelten, war ebenfalls die Mutter

Gleichnis und Figur. Doch als er achtzehn Jahre alt geworden war,

zeigte sich an ihm eine ungewöhnliche Zerstreutheit und Unruhe. Frau von

M. wußte diesen Zustand wohl zu deuten und ging tief mit sich zu Rate.

Im vergeblichen Schmachten sah sie das Schädliche, es war ein Suchen in

der Finsternis. Trauernd mußte sie eine Gewalt anerkennen, die Körper

und Geist auch des Edelsten unterwirft und unabwendbar ist wie der

Frühlingssturm. Sie fürchtete für den Sohn die schmerzlichen Regungen

einer Sehnsucht, die von Scham begleitet ist; das trübgestimmte Wesen

verlangte nach einem reinigenden Feuer, wenn es nicht die Lauterkeit des

Herzens vernichten sollte. Hier war zu handeln schwer, den Dingen ihren

Lauf zu lassen noch schwerer. Irgend eine Frau, eine Fremde, Ungeprüfte,

Undurchschaubare in den Bezirk dieses vergötterten Lebens treten zu

sehen, konnte kaum in der Vorstellung ertragen werden, es zu wünschen

oder zu befördern, schien ein Verbrechen. So führte Frau von M. einen

jungen Menschen ins Haus, dessen Familie sie kannte, und dessen

Eigenschaften ihr gerühmt worden waren. Seine Offenheit und Herzlichkeit

gefielen ihr, und der junge Robert schloß sich ihm sogleich mit

rückhaltloser Freundschaft an. Damit glaubte Frau von M. die Gefahr

einstweilen beseitigt zu haben. Sie erfuhr die Genugtuung, daß Robert

immer wieder zu ihr zurückkehrte; den Grund wußte sie freilich nicht, er

sagte ihr nicht, daß er enttäuscht sei, daß er sich unter einer

Freundschaft etwas viel Hinreißenderes gedacht, daß er erschüttert sein

wollte, wo er bloß beschäftigt, begeistert, wo er bloß verbunden war.

Gleichwohl begann Frau von M. zu spüren, daß dieser Mensch ein für

allemal zur Enttäuschung verdammt sei, denn am Eingang seines Lebens

stand eine Erfüllung und eine Harmonie, die sich in keiner Form seiner

künftigen Existenz je wieder finden mochte. Er kehrte zu ihr zurück, das

ist wahr; aber dumpfer, schweigsamer als vordem. Er sah den weiten Riß,

der zwischen ihm und der Welt klaffte, vermochte er doch kaum mit den

Menschen zu sprechen; Gewöhnung an Schönheit und Frieden, an

Dichterwerke und inneres Schauen ließ ihn die breite, satte, lärmende

Häßlichkeit des Alltags über jedes Maß zornig empfinden, und wenn er

Frauen, wenn er junge Mädchen sah, deren Blick und Stimme und Antlitz

sein Herz erzittern machte, wenn in den Nächten das Blut aufrauschte und

jugendliche Begierde im Unbewußten wühlte, so klammerte sich sein Geist

an die Gestalt der Mutter, und übertriebene Erwartung und überfeinerte

Scheu hielten ihn in zwieträchtiger Schwebe zwischen Weltflucht und

Weltsucht, zwischen Sinnenqual und Herzenspflicht. Es geschah eines

Tages im Vorfrühjahr, daß er in das Haus seines Freundes kam, und daß er

nur dessen Schwester antraf; der Freund selbst, seine Eltern, sogar die

Dienstleute waren in die nahe Stadt gegangen, um einen Karnevalsfestzug

zu sehen, und das junge Mädchen war daheim geblieben, weil eine

Verletzung am Fuß ihr das Gehen lästig machte. Sie war siebzehn Jahre

alt, eher dumpfen Gemüts als aufgeweckt, von vielen entgegenstrebenden

Neigungen berückt und fast verstört, eigenwillig und seltsam. Robert

hatte ihr nie sonderliche Beachtung geschenkt, und sie hatte ihn bloß

angeschaut wie einen, den man erraten will, wartend und mit schwankender

Meinung. Er wollte sich entfernen, doch etwas an ihrem Wesen bannte

ihn. Sie saßen einander gegenüber, ohne zu sprechen, sie näherten

einander, ohne es zu wollen, als es dämmerte, schlugen ihre Pulse

heftig, es war, wie wenn die Natur in ihnen den gewaltigsten Magnetismus

entfesselt hätte, und sie waren zusammengeschmiedet, ohne einander zu

kennen, ohne einander zu lieben, ohne einander etwas zu sein.

Unglücklich, ein Geschändeter, ein Verzweifelter, entfloh der Jüngling,

und nachdem er sich viele Stunden lang am Strom und in den kahlen

Weinbergen herumgetrieben hatte, betrat er spät in der Nacht das Zimmer,

in welchem seine Mutter voll Beunruhigung auf ihn gewartet hatte. Sie

lag auf einem Sessel und schlief; ein Buch, in dem sie gelesen, war

ihrer Hand entfallen, ihre noch immer dunklen Haare umrahmten das noch

immer schöne, äußerst bleiche Gesicht, verräterische Feuchtigkeit

schimmerte auf den zuckenden Wimpern, und der schmale, zarte Körper war

wie hineingehaucht in das mitternächtige Halblicht des Raums. So

erblickte er sie. Er schauderte. Er starrte sie an wie einen Engel, der

Vergeltung zu üben noch zögert. Er fühlte sich wertlos werden und sie

über alles Irdische erhoben. Ihrem lebendigen, aus dem Schlummer

erwachten Auge noch einmal begegnen zu sollen, war ein Gedanke, den er

nicht ertrug. Er kniete nieder und küßte den Saum ihres Kleides; noch

knieend riß er ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb: »Mutter!

oder wie darf ich dich nennen! Alle meine Wege waren von deiner Liebe

vorgezeichnet, und keinen konnte ich gehen, ohne Reue auf mich zu laden.

So wähle ich den, wohin mir dein Gedächtnis versöhnt folgen wird. Leb

wohl«. Ich brauche nicht die Raserei der Frau zu schildern, als sie an

der Leiche ihres Sohnes stand. Hier endet die Pflicht des Erzählers.«

»Menschen wie dieser Robert haben etwas Schattenhaftes«, sagte Borsati

sinnend, »die Konflikte, in denen sie sich bewegen, sind wie aus der

Geistersphäre. Solche tragische Verdünnung des Handelns und Aufnehmens

ist nur in unserer Zeit möglich. Kinder, die in Furcht geboren und in

Furcht erzogen werden, sind dem Tod von Jugend auf verschwistert. Wir

atmen eine unheroische Luft, Freunde.«

Er erhob sich und öffnete das Fenster. Der Regen flutete in lärmenden

Strömen herab, auch blitzte es und ferner Donner rollte. Man mußte trotz

der vorgerückten Stunde noch verweilen. »Bitte, schließ das Fenster,

Rudolf«, rief Franziska, »ich bin wirklich nicht heroisch genug für die

Kälte.« Hadwiger nahm seinen Stuhl, trug ihn durch das Zimmer und setzte

sich dicht neben sie. Da er es mit der ihm eigenen mürrischen

Ostentation tat, konnte niemand ein Lächeln unterdrücken.

»Ich habe eine Frau gekannt«, begann Borsati wieder, »die zwei

abgöttisch geliebte Kinder besaß. So glücklich sie auch war, so sehr

wurde sie von der Angst um das Leben dieser Kinder gequält. Sie litt am

Bazillenwahn und hatte sich ein vollkommenes System wissenschaftlichen

Aberglaubens zurechtgemacht, worin die Bazillen ungefähr die Rollen der

Teufel und Hexen aus früheren Jahrhunderten übernommen hatten. Ihr Mann,

ein kräftiger und sicherer Charakter, wünschte ihr bessere Einsichten zu

geben, doch sein Widerstand und seine Belehrungen blieben fruchtlos,

und das Verhängnis wollte es, daß sie auf eine schreckliche Art gegen

ihn ins Recht gesetzt wurde. Er bekam eine Halsentzündung, und die Frau

verbot ihm, den Kindern zu nahen, was ohne Frage eine verständige

Maßregel war. Aber der Mann, schon eingesponnen in Hader und

Unzufriedenheit, lehnte sich auf gegen die Gespensterfurcht, wie er es

spottend nannte. Er behauptete, daß sein Übel durchaus nicht auf ein

Kind übertragen werden müsse, er forderte das Schicksal heraus, ein

Verdikt gegen die Frau zu fällen und ohne zu erwägen, daß seine Tat auch

vor einem höheren Forum nicht für beweisend gelten konnte, wenn sie

folgenlos blieb, eilte er im Eifer des Wortstreits an das Bett eines der

schlafenden Knaben und küßte ihn, ehe die Frau es zu verhindern

vermochte. Es kam, wie es kommen muß, wenn die Entscheidung den

tückischen Mächten statt den wohlwollenden zufällt. Das Kind wurde

angesteckt und erlag der Krankheit. So eng verkettet werden dem Menschen

Ursache und Wirkung nur gezeigt, nachdem er ihren Zusammenhang hochmütig

geleugnet hat, und beruft er sich auf die Erfahrung, so muß unter

Umständen auch ein Wunder dazu dienen, ihn von seiner Nichtigkeit zu

überzeugen.«

»Es ist wie beim Roulette«, sagte Cajetan; »man setzt auf Rot, und

Schwarz gewinnt.«

»Nur kann man den grünen Tisch fliehen«, fügte Lamberg hinzu, »und wenn

nicht, setzen soviel man Lust hat; hier muß man verweilen, und der

Bankhalter diktiert die Einsätze.«

Alle sahen still bewegt vor sich hin, und es war, als blickten sie auf

einen gemalten Vorhang, auf dem das Leben und Geschehen, welches sie für

vergängliche Minuten in Worte gezaubert, zu Bild und Figur geworden war.

Franziska schien am weitesten entrückt; auf dem dunklen Schal lagen ihre

weißen Hände gekreuzt; ihre Lippen waren streng geschlossen, und die

Augen, oben unter den Lidern schwimmend, schauten gleichsam über die

Stirn hinaus und zurück, nicht anders als bäume sie sich gegen einen

körperlichen Schmerz.

Cajetan war der erste, der zum Aufbruch drängte. Er war ein wenig

pedantisch in bezug auf die Schlafensstunde.

Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen · 第 8 / 36 题