Die Gefangenen auf der Plassenburg

Noch heute bietet die Plassenburg mit ihren zyklopischen Mauern, schönen

Toren, mächtigen Türmen, zierlichen Erkern und Rundbögen einen stolzen

Anblick. Es hausten in ihr die Grafen von Andechs, die Herzoge von Meran

und das berühmte Geschlecht derer von Orlamünde; hier spann Markgraf

Johann, der Alchimist, seine goldsucherischen Träume, verübte Friedrich

der Unsinnige seine Greuel, versammelte der wilde Albrecht Alkibiades

seine Söldnerscharen, hielt sich die Sachsenkönigin Eberhardine auf der

Flucht vor dem schwedischen Karl versteckt, und von den Hussiten- und

Bauernkriegen bis zur Leipziger Völkerschlacht hatten kaiserliche,

nordische, preußische und französische Generale ihr Quartier in den

fürstlichen Gemächern. Und plötzlich, nach all den Grafen und Baronen

und Feldherren mit Dienertroß, Kutschen, Pferden und Jagdhunden, nach

den prächtigen Gewändern, Puderperücken und goldenen Degen, zogen ganz

andere Leute ein, verzweifelte Leute, entehrte Leute, enterbte Leute,

arme Teufel, die zwischen den Kiefern des Schicksals zermalmt worden

waren, Verführte, Beleidigte, Besessene, Abenteurer, Schwachköpfe,

Bösewichter, und das Haus wurde zu einem Behälter des Elends, der

Schande, der Wut, der Reue und der Hoffnungslosigkeit. Die Prunkräume

sind zu zahllosen kleinen Zellen verbaut, und wo man vordem gescherzt,

geschmaust, getanzt und pokuliert hatte, da ist jetzt eine Heimat der

Seufzer und eine Stätte des Schweigens.

Vor allem eine Stätte des Schweigens. Denn für die Häftlinge der

Plassenburg bestand eine eigentümliche und furchtbare Strafverschärfung:

es war ihnen aufs strengste verboten, miteinander zu sprechen. Sowohl im

Arbeitssaal, als auch während des Aufenthalts im Hof hatten die Wärter

hauptsächlich darauf zu achten, daß kein Gefangener an den andern das

Wort richtete, und daß selbst durch Zeichen keinerlei Verständigung vor

sich gehe. Auch in den Einzelzellen war es verboten, zu sprechen, und

ein beständiger Wachdienst auf den Gängen hatte sich von der Einhaltung

des Verbotes zu vergewissern. Wenn ein Sträfling eine wichtige Meldung

zu erstatten hatte, etwa inbezug auf sein Verbrechen oder falls er sich

krank fühlte, so genügte dem Wärter gegenüber das Aufheben der Hand; er

wurde dann in die Kanzlei geführt, und zeigte es sich, daß er von dem

Vorrecht in mutwilliger Weise Gebrauch gemacht, so unterlag er derselben

Ahndung, wie wenn er unter seinen Genossen geredet hätte: der

Kettenstrafe beim ersten Mal, der Auspeitschung bis zu hundert Streichen

bei wiederholtem Vergehen. Daß in einem gebildeten Jahrhundert eine so

unmenschliche Maßregel zu Recht bestand, ist kaum zu fassen; unter ihrem

höllischen Druck sammelte sich die Verzweiflung wie ein Explosivstoff

an, in den nur ein Funke zu fallen brauchte, um verderblich zu zünden.

Dies geschah in der Zeit, von der ich erzählen will, in der freilich ein

allgemein empörerischer Geist dem besondern Irrwesen zu Hilfe kam.

An einem Märznachmittag des Jahres 1848 marschierten zwei wohlgekleidete

junge Leute auf der Straße von Bayreuth nach Kulmbach. Sie hatten in

ersterer Stadt ihr Gepäck mit dem Postwagen vorausgeschickt und

benutzten das schöne Vorfrühlingswetter zu einer willkommenen Wanderung.

Sie waren beide Schlesier, und beide waren sie oder gaben sie sich für

Poeten, doch sonst hatten sie wenig Ähnlichkeit miteinander. Der eine,

Alexander von Lobsien, war ein kleiner, blonder, blasser, schüchterner

Jüngling, der andere, Peter Maritz mit Namen, war dick, breit, brünett,

sehr rotbackig und äußerst lebhaft. Sie kamen von Breslau, hatten Wien

und Prag besucht, wollten nach Weimar und von dort an den Rhein. Peter

Maritz, ein ruheloser Kopf, hegte den Plan, nach England zu fahren, die

damalige Zuflucht vieler Unzufriedener und Umstürzler, sein Gefährte

besaß in Düsseldorf Verwandte, bei denen er zu Gast geladen war.

Land und Leute kennen zu lernen, war bei ihrer Reise nur die

vorgespiegelte Absicht; im Grunde waren sie, wie alle Jugend jener Tage,

von dem Drang nach Tat und Betätigung erfüllt. In ihrer Heimat hatten

sie sich der Geheimbündelei schuldig gemacht, das Pflaster war ihnen zu

heiß geworden, und sie hatten das Weite gesucht, als gerade die

Obrigkeit damit umging, sich ihrer zu versichern. Man war ihrer

Zuvorkommenheit froh und ließ sie ungeschoren. An der Grenze von Böhmen

hatten sie durch Zeitungsdepeschen von den Berliner Barrikadenkämpfen

erfahren, und ihre gehobene Stimmung wurde nur durch das Bedauern

getrübt, daß sie nicht hatten dabei sein dürfen, als das Volk nach

langem Schmachten in Tyrannenfesseln -- ich bediene mich der zeitgemäßen

Ausdrucksweise, -- sich endlich anschickte, für seine Rechte in die

Schranken zu treten. Auch in West und Süd erhob sich alles, was nach

Freiheit seufzte, und so war es denn schmerzlich, besonders für den

hitzköpfigen Peter Maritz, so weit vom Spiel zu sein. Er redete

fortwährend, lief seinem Genossen stets um fünf Schritte voraus, blieb

dann stehen, perorierte und fuchtelte mit den Händen wie ein

Tribünenredner. Ich sehe, ihr kennt ihn schon; er erscheint euch als ein

harmloser Schwarmgeist, dessen Idealismus von etwas schulmeisterlichem

Zuschnitt und dessen Berserkerwut gegen Fürsten und Pfaffen je

unschädlicher ist, je geräuschvoller sie sich gebärdet; aber damals

waren auch die Fantasten, die aus wohlbewußter Ferne ihre Pfeile gegen

Thron und Altar abschossen, gefürchtet und verfemt. Peter Maritz

zeichnete sich vorzüglich durch seine Eloquenz aus, die etwas

Blutdürstiges und Henkermäßiges hatte; ob er jedoch nicht ein wenig feig

war, ein wenig Prahler wie viele korpulente und rotbackige Menschen, das

will ich unentschieden lassen. Auch den Nimbus eines Dichters hatte er

sich ziemlich wohlfeil verschafft, indem er bei jeder Gelegenheit von

seinen himmelstürmenden Entwürfen sprach, diejenigen, die mitunter etwas

Fertiges sehen wollten, als elende Philister brandmarkte, und alles, was

die Gleichstrebenden hervorbrachten, entweder mit kritischem Hohn

verfolgte oder durch den Hinweis auf unerreichbare Vorbilder

verkleinerte.

Und wie es oft geht, daß ein Stiller und Berufener, der an sich

zweifelt, einem Hansdampf, der von sich überzeugt ist, unbegrenzte

Freundschaft entgegenbringt, war es auch mit Alexander von Lobsien der

Fall. Er erblickte in Peter Maritz die Vollendung dessen, was er, sich

selbst beargwöhnend, nicht erreichen zu können fürchtete. In seiner

Rockbrust stak ein Manuskript; es waren Lieder und Gedichte, in denen

mit jugendlichem Feuer die Revolution besungen wurde. Er hatte mit

seinem Gefährten noch nie davon gesprochen und hielt die Poesien

ängstlich verborgen, obwohl er innig wünschte, daß Peter Maritz sie

kennen möchte. Aber ihm bangte vor der Mißbilligung des Freundes, dessen

Urteil und unerbittliche Strenge seinen Ehrgeiz entflammten und ihm mehr

bedeuteten als der Beifall der ganzen übrigen Welt.

Die wohlgehaltene Straße, auf der sie wanderten, bot ihnen bei jeder

Wendung einen neuen Ausblick auf das in schönen Spätnachmittagsfarben

glänzende Land, und von einer hügeligen Erhebung über dem Main gewahrten

sie in der nördlichen Ferne die Plassenburg und die Türme von Kulmbach.

Versonnen schaute Alexander hinüber und sagte: »Überall da wohnen

Menschen, und wir wissen nichts von ihnen.« -- »Das ist richtig«,

antwortete Peter Maritz; »alles das ist Botukudenland für uns. Und warum

wissen wir nichts von ihnen? Weil wir vom Leben überhaupt zu wenig

wissen. Ha, ich möchte mich einmal hineinstürzen, so ganz zum Ertrinken

tief hineinstürzen, und wenn ich dann wieder auftauchte, wollt' ich

Dinge machen, Dinge, sag ich dir, daß der alte Goethe mit seinem Faust

alle viere von sich strecken müßte. Gerade dir, mein lieber Alexander,

würd' ich so eine Schwimmtour kräftigst anraten. Du verspinnst und

verwebst dich in dir selber, das ist gefährlich, du läßt dich von deinen

Träumen betrügen, das Leben fehlt dir, das echte, rasende, rüttelnde

Leben.«

Alexander, von diesem Vorwurf schmerzlich getroffen, senkte den Kopf.

»Was weißt du vom Volk?« fuhr Peter Maritz begeistert fort. »Was weißt

du von den Millionen, die da unten in der Finsternis sich krümmen,

während du an deinem Schreibtisch sitzest und den Federkiel kaust? Du

wohnst bei den Schatten, sieh dich nur vor, daß du die Sonne nicht

verschläfst. Wie es rund um mich nach Mark und Blut riecht, wie ich das

Menschheitsfieber spüre, wie mich verlangt, die Fäuste in den gärenden

Teig zu stemmen! Ei, Freund, das wird eine Lust werden, wenn ich von

England aus die Peitsche über die dummen deutschen Köpfe sausen lasse!

Erleben will ich's, das Ungetüm von Welt, erleben!«

»Erleben? Ist nicht jede Stunde ein Erleben von besonderer Art?«

erwiderte Alexander zaghaft; »alles was das Auge hält, der Gedanke

berührt, Sehnsucht und Liebe, Wolke und Wind, Bild und Gesicht, ist das

_nicht_ Erleben? Aber du magst recht haben, ich bin wie der Zuschauer im

Zirkus, und auch mich drängt es, den wilden Renner selbst zu reiten.

Schlimm, wenn ein Poet in der Luft hängt, ein Schmuckstück bloß für die

tätige Nation und sein Geschaffenes zur schönen Figur erstarrt. Ja, du

hast Recht und Aberrecht, Peter, es ist ein trübseliges Schleichen um

den Brei, seit langem spür ich's, und mich zieht's hinunter zu den

Dunklen und Unbekannten, nicht um zu schauen, genug ist geschaut, genug

gedacht. _Mit_ ihnen möcht ich sein, umstrickt von ihnen, verloren in

ihnen.«

»Es läßt sich nicht zwingen, mein Lieber«, entgegnete Maritz mit der

Fertigkeit dessen, dem Widerspruch Gesetz ist. »Wenn es dein Fatum ist,

geschieht's. Doch es ist dein Fatum nicht. Deine Natur ruht auf der

Kontemplation. Unverwandelt mußt du bleiben, und wenn die Tyrannen

Hackfleisch aus ihren Völkern machen, du hast ewig nur deine Feder gegen

sie, und nicht das Schwert.« -- »Und du?« fragte Alexander. -- »Ich? Ja,

bei mir, siehst du, ist es doch ein wenig anders. Ich, wie soll ich dir

das sagen, ich hab die Epoche in meinen Adern, ich platze vor Gegenwart.

Da wälz' ich seit Monaten einen Stoff in mir herum, Mensch! wenn ich dir

den erzähle, da kniest du einfach.«

Und Peter Maritz entwickelte in derselben hochtrabenden Suada seinen

Stoff. Es handelte sich um einen hamletisch gestimmten Fürstensohn, der,

mit seinem Herzen ganz beim Volk, zähneknirschend, doch tatenlos, Zeuge

der Bedrückung eines despotischen Regiments ist. Während eines noch zu

erfindenden Vorgangs voll Ungerechtigkeit und Felonie kommt es wie ein

Rausch über ihn, er tötet den Vater, reißt die Gewalt an sich und

verkündet seinen Untertanen die Menschenrechte. Bald zeigt es sich, daß

er zu schwach ist, um die Folgen seiner Handlungen zu ertragen, ein

jedes Gute, das er schafft, schlägt ihm zum Verderben aus, er vermag die

Kräfte nicht zu bändigen, die er entfesselt hat und am Ende töten ihn

die, denen er die Luft zum Atmen erst gegeben.

»Was denkst du darüber?« triumphierte Peter Maritz; »das ist ein

Stöffchen, wie es nicht bei jedem Literaturkrämer zu haben ist.«

Alexander fand das Motiv sehr bedeutend; aber er wagte den Einwand, daß

der Vatermord keineswegs notwendig sei, im Gegenteil, der alte König

müsse zum Mitspieler bei der Niederlage des Sohnes werden. Peter Maritz

war außer sich; er raufte sich die Haare; er erklärte dies für die

größte Tölpelei, die ihm überhaupt je ins Gesicht hinein gesagt worden

sei. Nichtsdestoweniger blieb der sanfte Alexander bei seiner Meinung,

und streitend rückten sie in Kulmbach ein. Ihr Reisegepäck befand sich

schon in der Torhalle des Kronengasthofs, der starkbeleibte Wirt

begrüßte sie mit einem Mißtrauen, das den bei Dunkelheit eintreffenden

Fußgängern nicht erspart bleiben konnte. Sein Mondgesicht erhellte sich

rasch, als sie sich Eigentümer der beiden Koffer nannten, besonders da

auf dem Deckel des einen der Adelscharakter seines Besitzers angedeutet

war. Er wies ihnen die besten Zimmer an und führte die Hungrigen hierauf

in ein Honoratiorenstübchen, das neben dem allgemeinen Gastraum lag.

Peter Maritz hatte sich nach frischen Zeitungen erkundigt, der Wirt

hatte mit respektvollem Witz erwidert, er könne nur mit frischem Bier

dienen, echtem und berühmtem Kulmbacher. Ohne eine Kraftprobe ließ es

aber Peter Maritz keinen Frieden, und mit Fanfarenstimme schmetterte er

durch die offene Tür ins Gastzimmer: »bei der Kronen will ich nicht

wohnen, nur im Freiheitsschein kredenzt mir den deutschen Wein!« worüber

ein paar ehrsame Beamte, die dort zum Abendschoppen versammelt saßen,

ein heftiger Schreck erfaßte, denn bis jetzt war ihre Stadt von allem

Aufrührertum verschont geblieben. Flüsternd steckten sie die Köpfe

gegeneinander.

Eine Weile unterhielten sich die beiden Freunde ruhig, jedoch beim Käse

schlug Peter Maritz ungestüm auf den Tisch und rief: »Ich kann mir nicht

helfen, Alexander, aber es wurmt mich, daß dir mein Plan nicht besser

einleuchtet. Wenn der Alte, der ein Tyrann vom reinsten Wasser ist,

nicht umgebracht wird, ist der Zusammenbruch des Prinzen nicht erhaben

genug. Wozu das ganze Brimborium, wenn alles ausgehn soll wie das

Hornberger Schießen? Eine Revolution muß mit Fürstenblut begossen

werden, sonst ist kein wahrer Ernst dahinter.«

»Tu mit dem König, was du willst,« entgegnete Alexander maßvoll, »aber

daß ihn der eigene Sohn töten soll, das wird den Prinzen in den Augen

des Volks nicht ins beste Licht setzen, fürchte ich.«

»Das ist eine Tat, damit rechtfertigt er sich und dadurch wird er

schuldig«, schrie Peter Maritz. »Gerade er muß ihn ermorden; wie könnte

ich besser die Sklaverei veranschaulichen, unter der das Land keucht?

Kann deine empfindsame Seele nicht begreifen, was für eine grandiose

Katastrophe das gibt?«

Draußen in der Gaststube war es totenstill geworden. Der Lehrer, der

Apotheker, der Schrannen-Inspektor, der Kreisphysikus, sie schauten

verstört vor sich hin, der Busen zitterte ihnen unter der Hemdbrust, sie

wagten nicht mehr, von ihrem Glas zu nippen. Der entsetzt lauschende

Wirt machte mit den Armen flinke beschwichtigende Gesten gegen die

heimische Kundschaft und verließ auf den Zehenspitzen das Zimmer. Ein

paar Häuser entfernt war die Polizeiwache, und es dauerte nicht lange,

so erschienen drei raupenhelmgeschmückte, bis an die Zähne bewaffnete

Stadtsergeanten und begaben sich im Gänsemarsch in das Stübchen, wo die

beiden Poeten noch immer um das Schicksal einer erdichteten Person

rauften. Auch die Bürger und der Wirt drängten sich neugierig und

schlotternd gegen die Schwelle. Das Donnerwort: verhaftet im Namen des

Königs! brachte eine verschiedene Wirkung auf die Ahnungslosen hervor.

Alexander lächelte. Peter Maritz zeigte gebieterischen Unwillen, fragte

nach Sinn und Grund, pochte auf die ordnungsgemäß visierten Pässe. Der

Hinweis auf den mit seinem Kumpan geführten, von Mord und Aufruhr

qualmenden Disput fand ihn von humoristischer Überlegenheit weit

entfernt. Er tobte und unterließ nichts, um die guten Leute in ihrem

Argwohn zu befestigen. Endlich fielen die drei Gesetzesgewaltigen über

ihn her und legten ihm Handschellen an.

Jetzt hörte Alexander zu lächeln auf. Was er für Scherz und

Mißverständnis gehalten, sah er ins Schlimme sich wenden. Sein

bescheidenes Zureden, erst dem Freund, dann der Obrigkeit, fruchtete

nicht. »Wir haben über eine Dichtung beraten«, sagte er höflich zu dem

Apotheker, der sich am eifrigsten als Hüter des Vaterlands geberdete.

»Nichts da, solche Vögel verstehen wir schon festzuhalten«, war die

grobe Antwort. Er ergab sich, überzeugt, daß die Folge alles aufklären

würde. Eine Unzahl Menschen füllte nun das Wirtshaus; Rede und Widerrede

floß leidenschaftlich. Auf der Straße verbreitete sich das Gerücht, man

habe zwei Königsmörder gefangen. Das Echo aufwühlender Ereignisse war

auch zu dieser stillen Insel gelangt, Nachrichten von Fürstenabdankung,

Bürgerschlachten und Soldatenmeutereien; so wurde man also, abends vor

dem Schlafengehen, in den Wirbelsturm gerissen und was Beine hatte, lief

herzu.

Peter Maritz knirschte in seinen wilden Bart, auf dem mädchenhaften

Glattgesicht Alexanders zeigte sich Betrübnis und Verwunderung. Der Gang

zum Polizeihaus war der schaudernd-gaffenden Menge ein willkommenes

Spektakel. Ein leidlich humaner Aktuar, den man aus dem Hirschengasthof

geholt hatte, und der ein wenig angenebelt war, führte das erste Verhör.

Er schien nicht übel Lust zu haben, die beiden Leute für harmlos zu

erklären; da traten zwei gewichtige Magistratspersonen auf, die der

Meinung waren, daß eine Haft im Polizeigefängnis, das in voriger Woche

zur Hälfte abgebrannt war, ungenügende Sicherheit gebe, sowohl gegen die

Mordbuben, wie sie sich ausdrückten, als auch gegen den Ansturm des

entrüsteten Volks. Peter Maritz rief ihnen mit einem gellenden

Demagogen-Gelächter zu: »Nur frisch drauf los! schließlich wird man auch

in Krähwinkel Genugtuung finden für die Niedertracht und die Dummheit

einer verrotteten Beamtenwirtschaft.« Das war zu viel. Der Aktuar wiegte

sein Köpflein; mit Hmhm und Soso und Eiei bekehrte er sich zu der

Ansicht, daß man derart gesinnte Individuen doch auf der Plassenburg

internieren müsse, bis man der Regierung den Sachverhalt dargelegt und

Befehle eingefordert habe.

Eine Leibesdurchsuchung endete mit der Konfiskation eines Revolvers aus

der Tasche von Peter Maritz. Alexander war froh, daß man sein dünnes

Manuskriptheftchen, das er im Innenfutter des Gilets trug, nicht

entdeckt hatte und daß man mit der willigen Ablieferung seines

Kofferschlüssels zufrieden war. Allerdings beunruhigte ihn der Gedanke,

daß unter seinen und des Freundes Habseligkeiten sich mancherlei

Druckschriften befanden, die nicht dazu dienen konnten, ihre

verdrießliche Lage rasch zu bessern.

Der Transport auf die zum funkelnden Himmel getürmte, umwaldete Burg

glich einem Volksfest. Peter Maritz schimpfte und fluchte unablässig,

aber als sie beim Schein eines Öllämpchens vor dem aktenbeladenen Tisch

des Wachoffiziers standen, entschloß er sich, durch Beredsamkeit ein

Letztes zu versuchen. Es fing an wie eine Rapsodie und endete wie ein

Pater peccavi. Alles war umsonst; der kümmerliche und verschlafene Herr

hatte keine Ohren für einen Burschen mit Handschellen. »Zimmer Numero

sechzig.« Das war die einzige Antwort.

Also wenigstens ein Zimmer und keine Zelle; wenigstens zu zweien und

nicht allein. Peter Maritz wurde seiner Fessel entledigt. Der Wärter

sagte ihnen, daß das Gebot des Schweigens, das hier waltete, für sie

nicht giltig sei, da sie noch nicht Verurteilte waren, doch müßten sie

sich hüten, einen der Gefangenen anzusprechen. So erfuhren sie zum

erstenmal von diesem sonderbaren Umstand, und beiden lief ein gelindes

Zagen über die Haut. Durch hallende Korridore, an eisernen Türen vorbei

kamen sie in den Raum, der für ihre Haft bestimmt war: vier nackte

Wände, zwei Pritschen und ein vergittertes Fenster. Der Schlüsselträger,

selbst zur Gewohnheit des Schweigens verpflichtet, deutete auf den

Wasserkrug, dann schnappte das Schloß und sie waren im Finstern. »Ach

was«, seufzte Alexander, »eine Nacht ist kurz.« -- »Jawohl, wenn sie

vorüber ist«, brummte Peter Maritz, der etwas kleinlaut zu werden

begann. -- »Na, findest du noch immer, daß dein alter König umgebracht

werden muß?« stichelte Alexander mit einem scherzhaften Ton, der echt

klang. -- »Laß mich in Frieden«, wetterte der Dramatiker, »verdammter

Einfall, verdammtes Land.« -- »Nur ruhig Blut«, mahnte Alexander aus der

Dunkelheit; »sollte das, was uns passiert ist, nicht auch zu dem großen

Leben gehören, das du mir so gepriesen hast?« -- »Mensch, ich glaube, du

spottest meiner«, rief Peter Maritz wütend. -- »Mit nichten, Freund. Ich

denke eben darüber nach, wer wohl die übrigen Schloßbewohner hier sein

mögen, und von wem uns diese Mauern rechts und links scheiden. Ich komme

mir vor wie in die tiefste Tiefe des Menschengeschlechts entrückt, und

wenn ich mir gegenwärtig halte, wie viel Herzen rings um uns mit aller

Blut- und Pulseskraft nach Freiheit schmachten, dann will mich unser

Unglück nicht mehr so groß dünken.« -- »Der Geschmack ist verschieden,

sagte der Hund, als er die Katze ins Teerfaß springen sah. Das Zeugs,

worauf ich liege, ist steinhart, trotzdem will ich schlafen, weil ich

sonst verrückt werden müßte vor Wut.«

Kurze Zeit nach dieser übellaunigen Replik schnarchte Peter Maritz

schon. Alexander jedoch, mit dem Gefühl des Neides und mit dem andern

Gefühl leiser, fast noch wohlwollender Geringschätzung gegen den Freund,

überließ sich seinen Gedanken. Er war eine jener geborenen

Poetennaturen, denen Welt und Menschen im Guten wie im Bösen eigentlich

nie ganz nahe kommen können, als ob ein Abgrund des Erstaunens

dazwischen bliebe. Nur das Schauen gibt ihnen Leidenschaft, nur die

Teilnahme über den Abgrund hinüber gibt ihnen Schicksal; zu leben wie

die andern, von Welle zu Welle gewirbelt, würde sie zerreißen und

entseelen. Deshalb vermochte er mit neugieriger Ruhe auf das Kommende zu

blicken, das sich seiner Ahnung mehr als seiner Vernunft vorverkündigte.

Welche Phantasie wäre auch imstande gewesen, eine Wirklichkeit wie die

hinter diesen Mauern zu malen, ohne daß leibliche Augen gesehen hatten,

ohne zu wissen und empfunden zu haben, was das Schweigen hier bedeutete?

Die fünfzig oder sechzig Sträflinge, die zur Stunde in der Veste waren,

hatten beinahe vergessen, den Verlust der Freiheit zu beklagen, hatten

die Übeltaten vergessen, durch die sie die Gemeinschaft mit freien

Menschen eingebüßt, und jeden erfüllte nur ein einziger Wunsch: reden zu

dürfen. Nichts weiter als dies: reden zu dürfen. Darin unterschied sich

der Jüngling nicht vom Greis, der Phlegmatische nicht vom Hitzigen, der

Einfältige nicht vom Klugen, der wortkarg Veranlagte nicht vom

Schwätzer, der Trotzige nicht vom Bereuenden. Der Neuling ertrug es

noch; im Anfang schien es manchem leicht; um ihn war die Luft noch von

gesprochenen Worten voll, Gehörtes und Gesagtes tönte noch in ihm. Drei

Tage, zehn Tage, zwanzig Tage vergingen; was er zuerst kaum bedacht,

dann nur als lästig empfunden, war noch immer nicht Qual; die Stille

entwirrte seinen Geist, Erinnerungen stellten sich ein, ein Laut der

Liebe, das mächtige Wort eines Richters, die Mahnung eines Priesters,

die Bitte eines Opfers, all das gab dem Nachdenken Stoff, der

Dunkelheit einiges Licht.

Aber da wurde er gewahr, im Arbeitssaal etwa, oder beim Gottesdienst in

der Kapelle, was in den Zügen der Jährlinge wühlte. Das Zusammensein mit

den Genossen regte eine Frage auf; er durfte nicht fragen. Ein Geräusch

im Haus, Stimmen aus dem Wald, Tierschreie drangen an sein Ohr; er

durfte nicht fragen. Der Unvorsichtige sühnte schwer, wenn er sich

vergaß. Die nicht gesprochenen Worte belasteten das Gedächtnis; wenn

einer den andern anschaute, bewegten sie die Finger, hauchten in die

Luft, scharrten mit den Füßen, strafften oder runzelten die Stirn,

blinzelten oder schlossen die Augen, und diese Merkmale der Ungeduld

bildeten eine Sprache für sich. Lief eine Maus über den Boden des

Arbeitsraumes, so zitterten sie; die Lippen des einen rundeten sich zum

Ruf, die des andern zum Lachen, Arme streckten sich aus, eine ungeheure

Spannung war in ihnen, bis die Aufseher mit ihren Stäben auf die Tische

schlugen und mit Blicken die Zungen bändigten, die sich regen wollten.

In der Zelle für sich ganz leise hinzusprechen, ins leere Nichts zu

murmeln, machte das Verbotene nur fühlbarer und befriedigte so wenig wie

den Durstigen die Feuchtigkeit des eigenen Gaumens labt. Mit dem

Fingernagel oder mit einem Holzspan Worte, Hieroglyphen, Köpfe in den

Kalk der Mauern zu ritzen, steigerte das Verlangen nach dem Schall. Es

überwand oft jedes Bedenken, jede Furcht, und mancher meldete sich zu

einer Mitteilung. Gefragt, was es sei, erwiderten sie, vom bloßen Klang

der Sprache entzückt, sie hätten ein neues Geständnis zu machen und

bezichtigten sich einer Untat, die sie nie begangen hatten, nannten

erfundene Namen, schilderten Umstände und Verwicklungen, die jeder

Wahrscheinlichkeit entbehrten. Man war darauf gefaßt; das Abenteuerliche

wurde schnell durchschaut, dem Ungereimten weiter nicht nachgeforscht

und der Lügner ertrug die Strafe, froh, daß er hatte sprechen dürfen,

daß er Worte gehört, daß man ihn verstanden, ihm geantwortet hatte.

Aber in der Folge, im Verlauf der stummen Tage, Wochen und Monate

erschien ihm seine Zunge wie ein verdorrtes Blatt, und alles rings um

ihn wurde grauenhaft lebendig. Dies aufgezwungene Schweigen machte die

Dinge laut; die Einsamkeit wäre den Zellenhäftlingen erträglich gewesen,

wenn das mitteilende Wort sie an Raum und Zeit und Zeitverlauf gebunden

hätte; nun war sie ein Schrecken. Wer kann es aushalten, immer bei sich

selbst zu weilen? Der Sinnvollste, der Gesegnetste nicht. Was im

Menschen innen ist, strebt nach außen, und äußere Welt soll doch nur

Gleichnis sein. Diesen Gefangenen aber, alt und jung, schuldig oder

minder schuldig, böse oder mißleitet, wurde alles Leben zu einem

Draußen, einem Losgetrennten, Gespensterhaften und Geheimnisvollen, auch

ihre Laster und ihre Wünsche, ihre Verbrechen und die Wege dazu.

So dachte sich der eine den Wald, durch den er täglich vom Dorf zur

Ziegelbrennerei gegangen war, wie eine finstere Höhle, erinnerte sich,

obwohl Jahre seitdem verflossen waren, an gewisse Bäume, glattrindige,

mit ausgebreiteten Wipfeln, und Gräben und Löcher im Pfad waren wie

Furchen in einem Antlitz. Andern war ein Pferd, auf dem sie geritten,

ein Hund, den sie abgerichtet, ein Vogelbauer vorm Fenster, eine

Tabakspfeife, die sie besessen, ein Becher aus dem sie getrunken, der

Winkel an einer Stadtmauer, ein Binsendickicht am Fluß, ein Kirchturm,

ein schmutziges Kartenspiel zu beständig redendem Bild geworden, worin

sie sich verspannen, das ihnen Brücken schlug zum ungehörten Wort. Sie

versetzten sich in Räume, sahen mit verwunderlicher Genauigkeit alle

Gegenstände in den Zimmern der Bürger, in Häusern, an denen sie nur

vorübergewandert: Ofen und Spind, Sofa und Pendeluhr, Tisch und

Bücherbrett, und alles hatte Stimme, all das erzählte, all dem

antworteten sie, jedes Dinges Form da draußen, in fern und naher

Vergangenheit, war Wort und Sprache.

Unter diesem Mantel des Schweigens hatte die Reue keine Kraft mehr.

Deshalb dachten sie in verbissenem Haß der Umstände, die sie einst

überführt. Den einen hatte eine Fußspur verraten, den andern ein Knopf,

den dritten ein Schlüssel, den vierten ein Blatt Papier, den fünften ein

Geldstück, den sechsten ein Kind, den siebenten der Schnaps. Nun

beschäftigte er sich tage- und nächtelang mit diesem Einzelnen, zog es

zur Rechenschaft, fluchte ihm, sah alle Gedanken davon regiert,

erblickte es in jedem Traum. Und die Träume waren angefüllt mit

Gesagtem, ein Chor von Stimmen tobte darin, und sie tönten von

nievernommenen Worten. Die Träume waren für sie was einem Kaufmann seine

Unternehmungen, einem Seefahrer seine Reisen, einem Gärtner seine Blumen

sind. Brach dann für einen, der seine Strafe abgesessen, die Stunde an,

die ihn der menschlichen Gesellschaft wiedergeben sollte, so taumelte er

schweigend hinaus zum geöffneten Tor, die Gewalt des Eigenlebens, das er

plötzlich zu verantworten hatte, erdrückte Hirn und Brust; die

Luftsäule, die Sonne, die Wolken brausten in seinen Ohren, es wirbelte

ihn nur so hin, er mußte in die nächste Kneipe flüchten und trinken, und

es soll sich ereignet haben, daß einige ihrem Leben freiwillig ein Ende

bereiteten, nur darum, weil sie nicht gleich einen Gefährten fanden, um

zu reden.

In eine solche Welt also waren, durch Mißgeschick halbkomischer Art, die

beiden jungen Männer verschlagen worden. Als Peter Maritz am Morgen

erwachte, schlief Alexander noch, denn er hatte erst spät den Schlummer

finden können. Peter rüttelte ihn, äußerte sich spöttisch über die

Langschläferei und behauptete, er habe kein Auge schließen können. Hiezu

schwieg Alexander. Nach einigem Herumschauen machte er den Freund

lächelnd auf einen Spruch aufmerksam, der neben dem Fenster an die Mauer

geschrieben war. Er lautete: »Bis hierher tat der Herr mich hilfreich

leiten, er wird mich auch einmal vom Galgen schneiden.« Darunter hatte

eine ungeübte Hand gekritzelt: »Wenn ich einen Galgen seh, tut mir

gleich die Gurgel weh.« An einer anderen Stelle war ein Beil gezeichnet,

mit den Worten: »Der Teufel hol die Hacke.« Neben der eisernen Tür war

folgender Reim zu lesen: »Herr Gott, in deinem Scheine, laß mich nicht

so alleine, und gib mir Gnade zu fressen, doch nicht so schmal bemessen

wie du dem Sünder gibst, den du so innig liebst.«

»Das nenn ich ein erbauliches Gemüt«, sagte Peter Maritz, »und es ist

immerhin tröstlich zu wissen, daß wir uns unter Kollegen befinden.« Erst

nach einer Stunde erschien der Wärter, fragte, ob sie ihre Kost bezahlen

wollten, und nachdem sie sich dazu verstanden, besorgte er Brot, Fleisch

und Wein. Peter Maritz forderte ungestüm, vor den Richter geführt zu

werden; er erhielt keine Antwort. Ein neuer Wutanfall packte ihn, als

die Tür wieder versperrt wurde; es dauerte lange, bis Alexander ihn

beschwichtigt hatte, und dann zeigte er sich sehr niedergeschlagen.

Alexander begab sich an das vergitterte Fenster, das einen Ausblick auf

den Burghof verstattete, und er sah eine lautlose Kolonne von

Sträflingen, die von einem halben Dutzend bewaffneter Aufseher geführt,

paarweise mit langsamen Schritten über das Steinpflaster wandelten.

Nie zuvor hatte er eine solche Schar wüster und trauriger Gestalten

erblickt; bleiche, grauhäutige Männer, mit tiefen Kerben um die

Mundwinkel, mit rauhen Haarstoppeln am Kinn, oder auch langbärtig, oder

auch ganz glatt, wie es die geborenen Verbrecher oft sind. Die Köpfe

waren geschoren, die Hälse meist auffallend hoch und dünn, Arme und

Beine schlenkerten kurios. Ein Bursche ragte um Haupteshöhe über die

andern; er schien kaum zu atmen, seine Augen waren zugekniffen, der Mund

stand offen und hatte einen Zug von diabolischer Gemeinheit. Neben ihm

ging ein Mensch mit einem Gesicht, das einer Schinkenkeule glich, roh,

gedunsen, tierisch. Ein Schmalbrüstiger, Hinkender fletschte die Zähne,

ein Rothaariger lachte stumm, ein bäurisch Ungeschlachter hatte einen

Ausdruck idiotischer Schwermut, ein schlanker Kerl lächelte süß und

infam. Einer sah aus wie ein Matrose, stämmig, weitblickig,

breitgängerisch, ein anderer wie ein Soldat, ein dritter wie ein

Geistlicher, ein vierter wie ein verkommener Roué, ein fünfter wie ein

Schneider, doch alle nur wie Schattenbilder davon, trübsinnig und

geisterhaft, ins Innere versunken wie in einen Schacht und nach außen

hin nur lauschend gleich Hunden, die sich schlafend stellen und schon

bei einem Windstoß die Ohren spitzen. Das Geräusch ihrer Schritte schien

ihnen wohltuend; als eine Krähe schnarrend über ihren Häuptern hinzog,

schreckten die einen zusammen, die andern hefteten starr und finster die

Blicke empor.

Alexander rief den Freund und deutete hinaus. Peter Maritz runzelte die

Brauen und meinte, das sei eine schöne Sammlung von Charakterköpfen. Das

Fenster war offen, die zuletzt Vorbeiziehenden hörten sprechen, ihre

Gesichter wandten sich den zweien zu, unermeßlich erstaunt, dann

drohend, grinsend, begierig und wild. Die Aufseher ballten drohend die

Faust hinauf und winkten, Alexander und Peter traten bestürzt zurück.

Lebhaft bewegt, schlug Alexander die Hände zusammen. »Was für Menschen«,

murmelte er, »und doch Menschen!« -- »Dich dauern sie wohl?« fragte Peter

zynisch. »Spar dein Mitleid, es macht dich dort zum Schuldner, wo du

nicht handeln kannst. Handle, reiß ihnen die Herzen auf! Treib' sie

gegen das Philisterpack! Freilich, da ziehst du den Schwanz ein, du

Dichterjüngling, weil du träg bist und keine Rage in dir hast.«

Alexander bebte, er griff nach seinem Manuskript, seine Augen brannten

und mit einer Geberde schönen Zorns warf er Peter Maritz die Blätter vor

die Füße. Ruhig bückte sich der andre darnach, ruhig fing er an zu

lesen, schüttelte hie und da den Kopf, machte ein zweifelndes, ein

gnädiges, ein überlegenes, ein prüfendes, ein unbestechliches Gesicht,

und schließlich, dem Harrenden glühten schon die Sohlen, er schämte

sich, bereute schon, schließlich sagte Peter Maritz: »Ganz hübsch. Recht

artig. Eine gewandte Metrik und nicht ohne Originalität in der Metapher.

Aber was sollen Verse, mein Lieber? Das ist für die Frauenzimmer. Wenn

du ehrlich bist, mußt du zugeben, daß du ein schlechtes Gewissen dabei

hast.« Alexander hätte weinen mögen; er verbiß seinen Schmerz,

entgegnete aber nichts. Das Heftchen steckte er wieder in die Tasche,

reicher an Erfahrung und um ein Gefühl ärmer, als er vor einer Stunde

gewesen. Mit hoffnungsloser Miene grübelte er vor sich hin, während

Peters Ungeduld beständig wuchs.

Wenn man in der Stadt nicht der eintreffenden Revolutionsnachrichten aus

dem Reich halber in Angst und Aufregung geraten wäre, hätte sich wohl

unter den Beamten und Gerichtspersonen ein besonnener Mann gefunden, den

die Verhaftung der beiden Reisenden bedenklich gemacht hätte. Trotz der

verbotenen Bücher, die man in ihren Koffern entdeckt hatte, ließ der

Aktuar den Wunsch verlauten, sie in eine minder entwürdigende Umgebung

zu bringen. Der Beschluß darüber wurde aber vertagt, und so kam es, daß

die unrechtmäßig Eingekerkerten in die Ereignisse der folgenden Nacht

verwickelt wurden.

Es war am Morgen ein neuer Sträfling angelangt, ein Friseur namens

Wengiersky, der wegen Kuppelei zu zwei Jahren verurteilt war. Er hatte

sich schon bei der Kopfschur ungeberdig benommen, und als die

Hausordnung verlesen wurde, insonderheit der Paragraph vom Schweiggebot,

lachte er verächtlich. Im Arbeitssaal musterte er die Kameraden mit

flackernden Blicken, stand eine Weile mürrisch und untätig, rührte sich

erst nach dem dreimaligen Befehl des Aufsehers, plötzlich aber schrie er

in die Todenstille des Raums mit einer gellenden Stimme: »Brüder! wißt

ihr auch, daß man im ganzen Land die Fürsten und Herren massakriert?

Eine große Zeit bricht an. Es lebe die Freiheit!« Weiter kam er nicht,

drei Aufseher stürzten sich auf ihn, und obgleich er nur ein

schmächtiges Männchen war, hatten sie Mühe, ihn zu überwältigen. Er

wurde sofort in Eisen gelegt.

Die Sträflinge zitterten an allen Gliedern und sahen aus wie

Verhungernde, an denen eine duftende Schüssel vorübergetragen wird. Erst

allmählich wirkte das gehörte Wort; es gab also diese Möglichkeit, die

bisher nur wie Fantasmagorie und Wahnsinn in den verborgensten Winkeln

ihres Geistes gewohnt hatte? Und wenn es die Möglichkeit gab, dann

konnte sie erfüllt werden. Sie konnte nicht nur, sie mußte. Es ging eine

furchtbare Verständigung von Blick zu Blick vor sich. Es war fünf Uhr

nachmittags; um halb sechs sollten sie in die Zellen zurückkehren. Die

Wärter, den nahenden Aufruhr mehr spürend, als seiner gewiß,

beschlossen, die Arbeitsstunde zu kürzen; auf das erste Kommando wurden

die Werkstücke niedergelegt: Putzlappen, Nadel, Zwirn, Korbrohr, Hobel,

Sackleinwand, auf das zweite zum Antreten, stieß auf einmal der Riese,

Hennecke war sein Name, einen heiseren Ruf aus, warf sich über den

ersten Aufseher, umschlang ihn und schleuderte ihn zu Boden. Im Nu

folgten die Gefährten seinem Beispiel; keuchend und dumpf jauchzend

schlugen sie ihre Peiniger nieder, banden sie mit Baststricken, stopften

ihnen Knebel zwischen die Zähne, dann setzte sich Hennecke an die Spitze

des Haufens und drang in den Korridor. Sie waren dreiunddreißig;

vierundzwanzig befanden sich in den Zellen, fünf in Dunkelhaft. Die

Schar teilte sich; die größere Anzahl unter dem Befehl Woltrichs, eines

blatternarbigen Diebes, zog zur Kanzlei und zum Wachthaus, um die

Schreiber, die Nachtaufseher, den Posten am Tor, die Wache selbst zu

überrumpeln und unschädlich zu machen. Ein Unteroffizier, der

verzweifelt Widerstand leistete, wurde getötet. Der Gewehre hatten sich

die Meuterer mit umsichtiger Schnelligkeit versichert; das Haupttor

wurde zugeschlagen und von innen abgesperrt, und die Gefesselten wurden

in einen Keller hinuntergeschleift. Inzwischen hatte Hennecke sämtliche

Zellen geöffnet und auch die Kettensträflinge befreit. Die ganze Horde

wälzte sich aus dem dunklen Eingang in den Schloßhof. Hennecke fragte,

ob einer von den Muffmaffs, wie sie die Obrigkeits- und Aufsichtsorgane

nannten, entkommen sei, worauf der mit dem Schinkenkeulengesicht

erwiderte, er habe einen Soldaten den Berg hinabrennen sehen. Es wurde

beschlossen, eine Wache auszustellen, und Hennecke kommandierte einen

Alten auf die Mauerbrüstung. Widerwillig gehorchte der, weil er sich

ungern von den Brotlaiben, Würsten und Bierfässern trennte, welche die

Genossen aus der Kantine herzuschleppten.

Auch Peter Maritz und Alexander Lobsien waren befreit worden. Sie traten

unter den Letzten in den Hof und duckten sich scheu in einen Winkel. Am

liebsten hätten sie sich unsichtbar gemacht; in ihrer Zelle hätten sie

sich wohler befunden. Das Heldenherz von Peter Maritz schrumpfte

zusammen; er erwog die Annehmlichkeit von Gesetz und Polizei; es ist

eine mißliche Sache mit Ideen, die in Tat umgesetzt werden, wenn man

gerade dabei ist und mitspielen soll. Alexander hingegen war so kalt,

wie es die Leute von Fantasie nicht selten werden, wenn sie ernstlich in

Gefahr geraten. War doch so viel vom Leben schwadroniert worden; er

sagte sich, daß wirkliches Erleben nur zu finden ist, wo das Leben

abgewehrt, nicht wo es aufgesucht wird. Hier drang Geschehen und Leiden,

Schicksal auf Schicksal gegen ihn ein wie Lichtstrahlen durch eine

zersprengte Tür.

Die anbrechende Nacht wurde den Meuterern unbequem. Ein gewisser Hahn,

Buchbinder seines Zeichens und wegen seines Pergamentgesichts der gelbe

Hahn geheißen, schlug vor, den Holzstoß neben dem Wachthaus anzuzünden.

Die Scheite wurden in die Mitte des Lagers geschafft, bald flammte das

Feuer auf und beleuchtete die ruhelosen Gestalten, die verwitterten

Züge, kahlen Köpfe, grauen Kittel und ununterbrochen sprechenden Mäuler

mit schwarzen, schiefen, einschichtigen oder gelbblitzenden Zähnen. Denn

jetzt brach ein fieberhafter Redesturm los. Manche fanden nur allmählich

den Mut; erst nippten sie wie glückselige Trinker, dann kam über alle

der Rausch. Sie schrieen und gellten durcheinander, lachten und tobten

grundlos, räkelten sich auf der Erde, patschten in die Hände, johlten

unflätige Lieder oder auch ein kindisches Eiapopeia, umarmten einander,

zerschlugen Gläser und Töpfe, rauften, fluchten, meckerten, weinten,

pfiffen, tranken und stopften faustgroße Bissen in den Rachen.

Der Alte auf der Mauerbrüstung, ein vielfach abgestrafter Wildfrevler,

sang fortwährend ein und dieselbe Strophe: »Wie wir leben, so halten wir

Haus, morgen ziehn wir zum Land hinaus,« immer in derselben schläfrigen

und langgezogenen Tonart, nur um am allgemeinen Lärm teilzunehmen.

Woltrich zählte an den Fingern auf, was er bei seinem letzten großen

Fang gestohlen hatte: neunzig Silbergulden, zwei Armbänder, eine

Elfenbeinkassette, ein Dutzend goldene Schaumünzen und vierzehn Uhren.

Und strahlend rief er: vierzehn Uhren! vierzehn Uhren! als ob sie noch

in seinem Besitz wären. Ein Mensch mit einer winzigen Nase, der heitere

Konrad genannt, redete mit Entzücken von der Brandstiftung, die er

begangen und wie er sich dadurch an einem wucherischen Bauern gerächt.

Der mit dem infamen Lächeln hieß Gutschmied und war ein zu sechs Jahren

verurteilter Hochstapler. Er war viel in der Welt herumgekommen, war

immer vierspännig gefahren, wie er versicherte, und trug noch einen Rest

von noblen Manieren und gravitätischem Benehmen zur Schau. Er kannte

alle Hehler der großen Städte, verachtete die Juden und liebte den

Kaviar. Er hatte dem Herzog von Nassau eine Mätresse abspenstig gemacht

und einen Reichshofrat um zehntausend Taler betrogen. Er verstand sich

auf Edelsteine und beklagte es, daß er einmal, um nicht erwischt zu

werden, einen kostbaren Sternsaphir verschluckt habe, der nie mehr zum

Vorschein gekommen sei.

Ihn überschrie mit Kastratenstimme einer, der seiner Geliebten Gift in

den Salat gemengt hatte. Er behauptete, nicht er habe das Weibsbild

geschwängert, sondern der Ortsschulze; auch sei kein Gift im Salat

gewesen, sondern Glasscherben, und gestorben sei sie, weil sie dreißig

Jahre lang an Kolik gelitten. Ein anderer, der Sohn eines Schäfers,

hatte ein ganzes Dorf betrogen durch die Vorspiegelung eines unter

Ruinen vergrabenen Schatzes; den Ärmsten hatte er ihre Ersparnisse mit

der geheimnisvollen Phrase entlockt, er müsse die bösen Geister des

Schatzes besänftigen, und durch nächtliche Beschwörungen und feierlichen

Hokuspokus hatte er die einfältigen Leute in eine wahre Hysterie der

Habsucht versetzt. Und da war Hennecke, der einer umgehauenen Buche

wegen gemordet, im Jähzorn den Nachbar erschlagen hatte; seine Gedanken

hafteten noch immer an dem Baum, dessen Wipfel das Gemüsebeet hinter

seinem Haus zerstört hatte. Wie ein aus Eisen gegossener Riese stand er,

kalt und wild. Da war ein Müller, der den Knecht erstochen hatte, weil

er die Frau verführt und der nicht müde wurde, zu schildern, wie er vom

Wirtshaus zu früherer Stunde als sonst heimgekehrt und die Treppe

hinaufgeschlichen und wie das ehebrecherische Weib ihm entgegengestürzt

und wie das Kind geweint und wie der Schuft entfliehen gewollt und wie

er den Leichnam in den Bach geworfen und wie er in den Wäldern

herumgeirrt, sein winselndes Knäblein an der Hand. »Da griffen sie

mich,« sagte er, »da griffen sie mich, und der Bub hatte solchen

Hunger, daß er den Mehlstaub von meinen Ärmeln leckte.« Der gelbe Hahn

erzählte von einer Erbschaft, die ihm hätte zukommen sollen und die sein

Schwager an sich gerissen. Da hatte er Briefe gefälscht und Zeugen der

Sterbestunde zum Meineid beredet. Wehmütig klang seine Trauer um das

verlorene Erbe, Gold und Scheine zählte er auf und schwärmte, wie er

damit hätte genießen können, wie er ein schuldenfreier Mann geworden

wäre, den Sohn hätte er Theologie studieren lassen. Die zwei Bauern, die

für ihn den falschen Eid geschworen, waren auch zugegen, frömmelnde und

scheinheilige Gestalten; sie leierten Gesangbuchverse und tranken

Schnaps. Peckatel, ein Totengräber aus dem Spessart, hatte einem

durchreisenden Fremden den Hals abgeschnitten, und das war so

zugegangen: er hatte zugleich den Beruf eines Barbiers versehen; da er

aber meist Leichname rasierte, so konnte er dies Geschäft an den

Lebendigen nur verrichten, wenn sie auf dem Rücken lagen wie Tote; als

er nun den Fremden vor sich liegen sah, dachte er: was für einen

schönen, glatten Hals der Mann hat, und so schnitt er den

verführerischen Hals durch und bemächtigte sich der gefüllten Geldkatze

seines Opfers, nur um des schönen, glatten Halses willen.

Betrüger, Diebe, Straßenräuber, Erbschwindler, Kuppler, Meineidige,

Bankrottierer und Fälscher, sie alle redeten vom Geld, priesen oder

verfluchten das Geld, das sie bezaubert, berauscht und verraten hatte.

Fern vom Feuerkreis, einsam auf einem Holzblock gekauert, saß Christian

Eßwein, ein Mann von fünfzig Jahren, mit langem grauem Bart, durch

Blick und Geberde eine stille Gewalt ausübend. Welch ein Dasein! Im

Strom der bürgerlichen Existenz tauchen manchmal Figuren von heroischer

Prägung auf, deren Weg nur darum zum Abgrund führt, weil ihnen die

tragische Lebenshöhe fehlt; Gemeinsamkeit bindet ans Gemeine.

Er hatte alles probiert, was ein Mann probieren kann, um sich und den

Seinen Brot zu verschaffen. Er war Schmelzer, Seifensieder,

Oblatenbäcker, Handschuhmacher, Wirt, Gärtner, Knecht, Kleinkrämer und

Händler gewesen, aber was er auch beginnen mochte, das Unglück war stets

hinterher. War die Wirtschaft gerade im Aufblühen, so brach die Cholera

in der Stadt aus; hatte er zweitausend Oblaten gebacken, so kamen die

neuen Blättchen mit der Namenschiffre in Mode, und sein Vorrat wurde

wertlos; kaufte er Schweine für den Winter ein, weil sie billig waren,

da der Bauer kein Futter hatte und verkaufen mußte, so hatten die

Händler ebenfalls viele Schweine erworben und verdarben ihm die Preise;

bewahrte er Schinken und Würste für den Sommer, so trat eine

entsetzliche Hitze ein und verdarb alles; waren einmal Ersparnisse im

Haus, so erkrankte die Frau und Arzt und Apotheker verschlangen das

bißchen Geld. Er arbeitete Tag und Nacht, aber die Arbeit trug keinen

Segen; es war als ob er von schattenhaften Feinden umstellt sei, und

endlich lähmte ihn die Furcht vor dem Verhängnis dermaßen, daß er bei

jedem Beginnen schon des üblen Ausgangs gewärtig war. Er war nicht

beliebt; er verscherzte es mit der Kundschaft durch ein kurzes und allzu

sachliches Wesen. Sein stolz verschlossener Sinn konnte von den

Mitbürgern nicht gewürdigt werden. In seiner Familie war niemals Zwist.

Am Abend saß er entweder beim Schachbrett, in die Lösung von Problemen

vertieft, oder er las schöne Bücher vor, am liebsten die

Lebensbeschreibungen seiner Helden Abd el Kader, Ibrahim Pascha und

Napoleon. Eines Tages kaufte er ein Klassenlos, und in einer Anwandlung

froher Laune versprach er seiner Schwägerin, die dabei war, die Hälfte

des Gewinns, wenn das Los gezogen würde. Das Los kam mit zweihundert

Talern heraus. Er schickte die jüngere Tochter, um das Geld abzuholen;

sie verlor es unterwegs; es waren Staatsscheine, das Geld war hin. Kein

Wort des Vorwurfs kam aus seinem Mund; nicht nur, daß er das Mädchen

tröstete, sondern er bezahlte auch unter den schwersten Opfern, weil das

Gewinnerglück bekannt geworden war und man den Verlust als schnöde

Ausrede betrachtet hätte, seinem Versprechen gemäß hundert Taler an die

Schwägerin.

Seine beiden Töchter liebte er über alle Maßen. Er hatte sie nie zur

Schule geschickt, sondern beide selbst unterrichtet. In ihnen

verkörperte sich seine Lebens- und Schicksalsangst, für sie zitterte er

vor der Zukunft. Es war Weihnachten vorüber, und nur noch ein einziger

preußischer Taler war im Haus. Die Uhr der Jahre schien abgelaufen, die

Zeit selber still zu stehn, Hoffnungslosigkeit verrammelte alle Wege.

Eßwein war müd und mürb; der ewige nutzlose Kampf hatte ihn verworren

und verzweifelt gemacht, seine Gedanken gehorchten ihm nicht mehr, böse

Ahnungen verfinsterten seinen Geist. Am ersten Januar mußte die Miete

für das Häuschen bezahlt werden, am ersten Januar war ein Wechsel

fällig, der Viehhändler verlangte sein Geld für gelieferte Schweine.

Frau und Töchter wollten leben; wovon? Das Geschäft war so gut wie

vernichtet, alle Vorräte weg, und Eßweins Erwägungen kreisten bang um

den einzigen Taler, den letzten Schutz vor dem Bettlertum. Er

zergrübelte sich das Hirn nach einem Aushilfsmittel; umsonst. Eine

schlaflose Nacht folgte der andern, und nun lagen noch drei Tage da, der

Sonntag, der Montag und der Dienstag. Allein aus der Welt gehen durfte

er nicht. Die Frauen preisgegeben! der Armut, der Schande, der Bosheit,

dem Laster verfallen, hingestreckt vor dem ungerührten Schicksal,

beleidigt, besudelt, zertreten! Vielleicht, daß die Mutter ehrenhaft ihr

Brot finden konnte, aber die Töchter nicht; Jungfrauen, unschuldige,

vertrauende Geschöpfe. Die eine, schön und stolz, schwermütig und weich,

mit ihren zwanzig Jahren noch des Lebens Fülle erwartend; die

fünfzehnjährige, vor der Zeit erblüht, heiter und anmutig, ohne Falsch,

ohne Wissen von der Welt, was sollte aus ihnen werden? Sie werden ihre

Käufer finden, sagte sich Eßwein, sie werden sich der Reinheit

entwöhnen, sie werden die Hand beschmutzen, niedergeschleudert von der

Gewalt des Elends. Wenn es Knaben gewesen wären; aber Töchter! Töchter!

Es gibt einen Punkt, wo das Gefühl eines Vaters tyrannischer wird als

das eines Verliebten, noch angstvoller erregt von den Drohungen des

Geschicks. Ein Kind ist Eigentum, trotzte Eßwein, eigen Fleisch, eigen

Blut; seine Ehre ist meine Ehre, seine Schmach die meine. So gab ihm die

Liebe Kraft zu der furchtbaren Tat. Er schickte sein Weib mit einem

Auftrag in das nächste Dorf, wo sie auch übernachten sollte. In

wunderlichen Gesprächen verbrachte er mit den Töchtern den Abend; er war

eine Art Philosoph und hatte sich vieles von den Lehren der alten

Mystiker zu eigen gemacht. Die beiden Mädchen gingen zur Ruhe, für die

Ewigkeit zur Ruhe. Kein lüsterner Geck soll euch nahen, rief ihnen

Eßwein im Geiste zu, kein Unwürdiger eure keusche Brust öffnen; der

Verrat nicht zu euch dringen, Notdurft euch nicht peinigen, die Kälte

der Herzen euch nicht frieren machen. Wenn auch nur der entfernteste

Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, und wenn es nicht ein Werk der Liebe

gewesen wäre, so hätte ihm sicherlich der Mut gefehlt, als er mit der

Schußwaffe an das Lager der Jüngsten trat, um sie noch einmal zu küssen,

bevor er sie der Menschheit entwand. Und nun hinüber, schmerzlos

hinüber, auch die andere, nicht minder geliebte hinüber, dann zum Ende

mit dem eigenen Dasein. Aber die Kugel traf das Herz nicht. Er sank

nieder, er atmete noch, er lebte weiter; du stirbst nicht, du kannst

nicht sterben, das Schicksal läßt dich nicht aus seiner Faust, schrie es

in ihm. Das Auftauchen von Menschen, die Wochen der Heilung; Haft,

Gericht, Verhör, das alles war ein einziger schwarzer Traum, bis endlich

das ersehnte Todesurteil verkündet wurde. Schuldig konnte er sich nicht

finden, aber den Tod wünschte er mit allen Kräften seiner Seele herbei.

Und »das Schicksal läßt mich nicht!« schluchzte er erschüttert, als ihm

der Richter die Begnadigung des Königs vorlas. »Am Leben bleiben!« rief

er; »gezüchtigt durch Zuchthaus für eine solche Tat, die dem Himmel

selber abgerungen war! Eingekerkert mit dem Abschaum der Kreaturen!« Er

wollte sich durch Verhungern töten, aber die körperlichen

Erniedrigungen, denen er sich dadurch aussetzte, zwangen ihn, dieser

Absicht zu entsagen.

Jetzt, hervorgezerrt aus dem Frieden seiner Zelle, trug er die ganze

Beschwer und Finsternis der Vergangenheit um sich, und während die

andern gegeneinander sprachen, redete es in ihm. Es war etwas

Aufgerissenes in seinem Gesicht; es wehte Todesluft um ihn. Vielleicht

fühlte er in dieser Stunde, daß er ein Verbrechen begangen, erkannte das

Einzige, Einmalige, Unwiederbringliche und Heilige des Lebens und daß er

kein Recht besessen, den Fügungen Gottes vorzugreifen. Die Sträflinge

beachteten ihn kaum; sie wichen ihm in Wort und Blick aus. In Alexanders

Nähe erzählte Wengiersky einem gewissen Deininger, der wegen

Kurpfuscherei verurteilt war, Eßweins Geschichte so verzerrt und böse,

wie eben der seelenlose Klatsch berichtet, denn er war aus derselben

Stadt wie Eßwein und hatte alles sozusagen miterlebt.

Alexander bedurfte der Auslegung nicht und spürte die Wahrheit hinter

dem Gehechel. Schicksale haben ihren Geruch wie Leiber. War er denn

nicht dazu da, sie zu empfinden? Nannte sich Dichter als einer, der

schaut, mit tiefen Augen? Die Elenden schauen, ihren Krampf, ihre Not,

ihre zum Häßlichen entstellte Sehnsucht, ihre Schreie von unten auf

hören, ihr unterirdisches Dasein wissen? Und was sie scheidet von den

Oberen, nennt es Verbrechen, diesen Zufall einer Stunde, diese unlösbare

Verworrenheit eines dunklen Geistes und armen Herzens, nennt so den

Trotz der Verfolgten, den Zwang der Besessenen, den Irrtum der

Gewaltsamen; was sie niedergeworfen hat, ist auch in mir, wächst, will

und seufzt in mir, umflutet mir den Traum, lemurisch groß. O, wie sie

leben, dachte Alexander versunken; und wie ich sie alle gewahre, diese

und hinter ihnen andre, ihre Brüder und Schwestern, ihre Ahnen und ihre

Kinder, diese und die draußen, den Landmann am Pflug, den Drechsler an

seiner Bank, den Schuster vor der Wasserkugel, den Schmied am Windbalg,

den Maurer an der Mörtelgrube, den Bergknappen im Schacht, den

Uhrmacher, die Lupe am Aug' und auf die Rädchen lugend, den Schlächter

und sein Beil, den Holzfäller im Wald, den Boten, der Briefe bringt, den

Drucker am Setzkasten, den Fischer auf dem Meer, den Hirten bei der

Herde; die vielen Schweigsamen, die keine Worte haben, alle die unten

sind, weil sie keine Worte haben, und die nach den Oberen verlangen,

nach den Mächtigen, die mächtig sind, weil sie Worte haben, ihnen

deswegen dienen, weil sie Worte haben, sie deshalb zu vernichten

trachten, weil sie Worte haben. Denn Worte haben bedeutet: Wissen,

Schätze, Ehre, Kraft und Sieg haben. Worte bedeuten Leben. Und diese

haben keine Worte, fuhr der junge Dichter zu grübeln fort, ich aber

besitze die Worte und bin ihnen das Begehrte und die Gefahr zugleich.

Doch nur fern von ihnen besitze ich die Worte, mitten unter ihnen bin

ich stumm; was sie reden, ist Stummheit für mich, was ich rede,

Stummheit für sie. Verstünden wir einander, es wäre der Schrecken aller

Schrecken; sie würden mir aus der Brust zu reißen suchen, was Gott ihnen

versagt hat, sie würden mich zermalmen in ihrer Wut. Ich muß fern von

ihnen bleiben, um nicht zermalmt zu werden. Wirklich leben, heißt

zermalmt werden von denen, die stumm sind.

Indessen war die Aufregung der Meuterer beständig gewachsen. Der Lärm

war ohrenzerreißend. Offenbar ahnten sie, daß die Herrlichkeit nicht

lange dauern könne, und wiewohl ihnen Wengiersky immer von neuem

versichert hatte, im deutschen Reich gehe jetzt alles drunter und

drüber, auch das Militär sei rebellisch, war ihnen keineswegs geheuer

zumut, und sie entfesselten sich mit doppelter Gier. In einen Ruf war

ein Erlebnis gepreßt; einer berauschte sich am Außersichsein des Andern;

Prahlerei klang wie Beichte, Hohn wie Reue; sie brüsteten sich mit

Roheiten und schlechtes Gewissen schimmerte wie fahle Haut durch einen

zerfetzten Rock. Daß sie gehungert, damit schmückten sie sich; daß sie

hinterm Busch gelegen mit einem Mädchen, war heldenhaft; daß sie den

Richter belogen, gezahlte Arbeit nicht vollendet, daß ein niedriger

Schurkenstreich nie ans Licht gekommen, darüber lachten sie sich toll.

Der eine schwärmte von einem Kalbsbraten, den er auf der Kirmes

verzehrt, der andre von Wohlleben und Jungferieren, der dritte

plätscherte förmlich in Unflätigkeiten; einer hüpfte mit beiden Füßen

und gluckste nach Hennenart; zwei, die schon betrunken waren, hatten

einander umhalst und wimmerten dabei; ein krüppelhafter Bursche stieß

Gotteslästerungen aus; Hennecke erzählte, daß er einst einen Bocksbart,

in die Haut eines schwarzen Katers gewickelt, am Hals getragen, um sich

stich- und schußfest zu machen; der Schatzgräber sprach von der

Zauberblume Efdamanila, mit der man alles Gold in der Erde finden

könne; der Hochstapler, dessen Hirn ein Sammelsurium geschwollener

Romanfloskeln war, schilderte ein Liebesabenteuer mit einer Fürstin, der

er dann die Diamanten gestohlen hatte. Der heitere Konrad fragte

vielleicht zwanzigmal, ob jemand die Geschichte des Majors Knatterich

kenne, der sich in Sachsen für den russischen Kaiser ausgegeben.

Dazwischen hörte man Worte, wie: »ich wills ihm schon geben, wie

Johannes dem Herodes will ichs ihm eintränken«; oder: »dem Amtmann hab

ich einen glupischen Streich angetan, der dreht sich im Sarg noch 'rum,

wenn er meinen Namen hört.« Unmöglich, dies Höllenwesen zu beschreiben;

Alexander Lobsien gefror das Mark in den Knochen, und schaudernd dachte

er: das alles enthältst du, Leben, du Nußschale, du ungeheures Meer!

Peter Maritz zitterte wie Espenlaub; mit leiser Stimme sprach ihm

Alexander Mut zu. Er erwiderte: »Ein Hundsfott hat Mut. Ein Kerl, der

auf sich hält, kann hier keinen Mut haben. Es ist des Teufels mit der

bürgerlichen Gesellschaft, daß ihr solche Geschwüre am Körper wachsen.

Mut, wo mirs an die Nieren geht? Ein Hundsfott hat Mut.«

Auf einmal stürzte ein gewisser Jamnitzer, seines Zeichens Friseur wie

Wengiersky, ein schwerer Verbrecher, ein Mörder, der die Manie gehabt,

seine Opfer zu frisieren, wenn sie tot vor ihm lagen, und der nur

deshalb, als kranker Geist, dem Strick entgangen war, dieser Jamnitzer

also stürzte aus dem Tor des Gefängnishauses und wies mit Geberden voll

Entsetzen zurück ins Finstere. »Der Eßwein,« keuchte er, »der Eßwein.«

Urplötzlich ward es stille. Nur der Alte auf der Mauerbrüstung leierte

seinen blöden Gesang weiter. Dann schwieg auch der. Die Sträflinge

erhoben sich und drängten sich zusammen. Haupt um Haupt stieg aus dem

Feuerkreis, und die vielen feuchtglitzernden Augen fragten angstvoll,

was geschehen sei. Jamnitzer deutete mit beiden Armen in die Halle; der

Adamsapfel an seinem hohlen Hals bebte schluckend auf und ab.

Sie ahnten; der Unheimliche, war er nun endlich zu seinen Töchtern

entronnen? Er, dem auch die Freiheit Gefangenschaft war, der die Worte

verschmähte, dem keine Mitteilung mehr hatte dienen können? Alexander,

als er die wilden, tiergleichen Menschengesichter lauschend und

feuerglühend dicht nebeneinander sah, verlor allen inneren Halt, er

taumelte gegen das offene Tor, und ein Schrei entrang sich seiner Kehle.

Peter Maritz packte ihn und preßte die Hand um seinen Arm, aber es war

schon zu spät; sechzig Augenpaare veränderten die Richtung ihres Blicks

und hefteten die Aufmerksamkeit gegen die beiden, die sie auf einmal als

Fremde erkannten; Furcht, Mißtrauen und Haß sprühten aus ihren Mienen.

»Es sind Spitzel;« »es sind Spione;« »wer sind sie?« »wo kommen sie

her?« So wurde gekündet und gefragt. Die Vordersten schoben sich gegen

sie hin. »Wer seid ihr?« gellte eine drohende Stimme aus dem Haufen. --

»Ja, wer seid ihr?« wiederholte der Riese Hennecke; »Eier- und

Käsebettler vielleicht? Muttersöhne und Milchmäuler?« -- »Die wollen

Hasauf spielen,« schrie Gutschmied. -- »Die kommen aus einer guten

Küche,« ein dritter. -- »Die sind weich wie Papier, wenns im Wasser

liegt,« ein vierter. »Heraus mit der Sprache, ihr Schweiger!« rief

Hennecke und ballte die Faust.

Alexander stotterte eine Erklärung, doch sie verstanden ihn nicht. Ein

abscheuliches Durcheinanderschreien begann, voller Wut drängten alle

näher, da trat ihnen Peter Maritz in seiner Herzensangst entgegen und

brüllte mit Donnerstimme: »Ruhig, Brüder! Wir gehören zu euch! Wir sind

Revolutionsleute! Wir sinds, die euch frei gemacht haben! Wir haben

Lieder gedichtet, die den Tyrannen in die Fenster geflogen sind,

verderblicher als Kanonenkugeln.« -- »Hurrah!« heulten die Meuterer. »Her

mit den Liedern! Zeigt uns die Lieder! Singt uns eure Lieder! Heraus

damit!«

Peter Maritz blickte seinen Gefährten flehend an. Alexanders Miene war

verstört. Der Atem der auf ihn Eindringenden verursachte ihm Übelkeit.

Sie forderten stürmischer, ihr argwöhnischer Haß war nicht vermindert,

Alexander schämte sich für den Freund und fürchtete doch auch für sich,

mechanisch zog er sein Gedichtheft aus der Tasche, schlug das erste

Blatt um und fing an zu lesen. Die Worte widerten ihn an. Trotz jäh

eingetretener Stille vermochte ihn keiner zu hören; die hintersten

drängten sich wütend vor, noch war der allgemeine Grimm im Wachsen, da

entriß Peter Maritz das Manuskript aus Alexanders Hand, stellte sich in

große Positur und las mit schmetternder Stimme:

Ich richt euch einen Scheiterhaufen,

auf dem das Herz der Zeit erglüht,

mein Volk will ich im Blute taufen,

das sich umsonst im Staube müht.

Ich will euch Freiheitsbrücken zeigen

und Kronen, die der Rost zerfraß,

euch müssen sich die Fürsten neigen

und wer im Gold sich frech vermaß.

So öffnet denn die dunklen Kammern

und strömt hervor wie Gottes Schar,

es soll mich heute nicht mehr jammern,

daß gestern Nacht und Grausen war.

Auf denn, ihr Armen und Geschmähten,

du seufzend hingestrecktes Land,

genug der ungehörten Reden,

setzt nur das alte Haus in Brand.

Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,

von eurer Not klagt Dorf und Flur,

den stolzen Henkern keine Gnade,

zerschmettert Höfling und Pandur.

Der Feige mag vergebens zittern,

der Held macht seine Brüder kühn,

und aus zerbrochnen Kerkergittern

wird neue Welt und Zeit erblühn.

Eine andächtige Stille folgte. Wie Schulkinder am Lehrer, der zum

erstenmal vom Evangelium spricht, sahen sie empor, die Zuchtlosen, die

Gemeinen, die Verräter am Eigentum, am Leben, an sich selbst und an der

Menschheit. Nachdem sie eine Weile wie atemlos geblieben, brach jählings

ein Begeisterungsjubel von einer Vehemenz los, daß die Mauern der Burg

davon erschüttert schienen. »Wer hat das gemacht?« »Eine tüchtige

Chose.« »Ein wackeres Stück.« »Das geht wie Trompetenschmalz.«

»Geschrieben hat er's?« »Auf Papier steht's geschrieben?« »Der Dicke

hat's gemacht?« »Nein, der Kleine.« »Wer? der Kleene?« »Der Kloane?«

»Der Schmächtige?« »Tausendsassah.« So johlte, schrie, gellte, fragte,

antwortete es in allen Dialekten durcheinander.

Peter Maritz, auf einem leeren Faß stehend, schaute mit triumphierender

Miene herab, denn schon hatte er sich mit Würde in seine Tyrtäos-Rolle

gefunden, und es war ihm etwas unbequem, daß sich der Beifall des

entflammten Publikums an Alexander richtete. Doch erschrak er, als zwei

der aufgeregt tobenden Sträflinge den Freund emporhoben, und ihn über

den vom Feuer lohenden Platz gegen das geschlossene Burgtor trugen. Die

übrigen begriffen, was im Werke war;

»Zerschlagt, was mürb und morsch im Staate,

von eurer Not klagt Dorf und Flur;

den stolzen Henkern keine Gnade,

zerschmettert Höfling und Pandur!«

sangen sie in einer Melodie, die sie irgend einem Vaganten- oder

Soldatenlied entnommen hatten. Fünf oder sechs Kerle rissen den

hölzernen Querriegel vom Tor, die Flügel taten sich weit auseinander,

und der berauschte, gefährliche Haufe wälzte sich ins Freie.

Mit totenbleichem Gesicht hockte Alexander auf den Schultern seiner

Träger. Gedanken von einer absurden Zerstücktheit schwirrten ihm durch

das Hirn. Schon beim Anhören seiner Verse war es ihm zumut gewesen als

hätte ihn Gott auf einer Lüge ertappt. Es ist alles nicht wahr, schrie

es in ihm, ich habe euch und mich selbst betrogen. Jetzt weiß ich erst

was ihr seid, und weiß was ich bin, aber die falschen Worte werden mich

und euch verderben. Trug und Mißverständnis schienen ihm so

ungeheuerlich, daß ihm die Erde wie verkehrt war, wie wenn man Häuser

auf die Dächer baut und Kirchen über ihre Türme stülpt. Zwischen Furcht

und Begreifen, zwischen Menschenliebe und Menschenhaß, Dichtertraum und

Erlebnisqual schwankte sein zerrissenes und nach Wahrheit schmachtendes

Herz, und ihm wurde kalt wie im Fieber. Lüge, Lüge, Lüge, knirschte er,

doch in einer letzten, herrlichen Vision erblickte er ein Bild des

Lebens, das ihn in eine Wolke geisterhaften Schweigens hüllte und ihn

vom Schmerz der Schuld und des Irrtums befreite.

Es war gelindes Wetter und Mondschein. Durch die Allee der blätterlosen

Bäume funkelten die Lichter der Stadt herauf. Vom Hof der Plassenburg

lohte das halbverbrannte Feuer den Davonziehenden nach, die plötzlich

mitten in ihre aufrührerischen Gesänge hinein den Schall von

Trommelwirbeln vernahmen. In der Raserei des Trotzes setzten sie ihren

Weg fort. Peter Maritz, durch die Dunkelheit geschützt, war dem

Sträflingshaufen vorausgeeilt, als er das militärische Signal gehört

hatte. Ihm bangte um das Schicksal des Kameraden, und erleichtert

seufzte er auf, als von fern die Helme und Bajonette aus der Nacht

blitzten. Der Zusammenstoß erfolgte rascher als die Meuterer gedacht.

Eine Kommandostimme befahl ihnen über einen Zwischenraum von zweihundert

Schritten, sich zu ergeben. Sie antworteten mit einem Wolfsgeheul. Da

prasselte die erste Gewehrsalve. Von einer Kugel durchbohrt, stürzte

Alexander Lobsien lautlos von den Achseln seiner Träger auf das

Schottergestein der Straße herab. Die Sträflinge wandten sich zur

Flucht.

Zwei Stunden später saß Peter Maritz unten im Leichenhaus neben dem

Körper seines toten Freundes. Seine Betrachtungen waren sehr ernsthaft

und nicht ohne Reue und Selbstvorwurf. Kann man besser als durch den Tod

bezeugen, daß man gelebt? Stand hier ein Wille über dem Zufall, damit

das versucherische Wort vom Schicksal erfüllt würde? War dies groß oder

niedrig beschlossen? häßlich oder schön geendet? Es kommt nur auf das

Auge an und den Sinn, der es faßt. Über den vergehenden Menschen bleibt

die unendliche, aufgeblätterte Schönheit einer stummen Welt.

Der goldene Spiegel: Erzählungen in einem Rahmen · 第 10 / 36 题