»Meine Gemahlin,« fuhr der Prinz Achmed fort, »Ihr werdet bemerkt

haben, daß ich bis zu diesem Augenblick nie eine Gunstbezeigung von

Euch verlangt habe. Was könnte ich auch bei dem Besitz einer so

liebenswürdigen Gemahlin noch weiter wünschen? Es war mir keineswegs

unbekannt, wie groß Eure Macht sei, allein ich hatte es mir zur Pflicht

gemacht, dieselbe nie auf die Probe zu stellen. Bedenkt also, ich

beschwöre Euch darum, daß nicht ich es bin, sondern mein Vater, der

Sultan, der die unbescheidene Bitte an Euch tut, ihm einen Pavillon zu

verschaffen, der ihn, seinen ganzen Hof, und sein ganzes Heer, so oft

er im Felde ist, gegen das Ungemach der Witterung schützt, aber dabei

in der Hand Platz hat.«

»Prinz,« erwiderte die Fee lächelnd, »es tut mir leid, daß eine solche

Kleinigkeit Euch so viel Unruhe und Herzenspein verursacht hat.«

Nach diesen Worten befahl sie, ihre Schatzmeisterin zu rufen. Die

Schatzmeisterin kam, und die Fee sagte zu ihr:

»Nurdschihan« — so hieß nämlich die Schatzmeisterin — »bringe mir den

größten Pavillon, der in meinem Schatze ist.«

Nurdschihan kam binnen wenigen Augenblicken wieder und brachte einen

Pavillon, der nicht bloß in der Hand Platz hatte, sondern den man

sogar in der Handfest verschließen konnte; sie überreichte ihn ihrer

Gebieterin, die ihn nahm und dem Prinzen Achmed einhändigte, damit er

ihn besehen möchte.

Als der Prinz Achmed hörte, daß die Fee Pari Banu einen Pavillon holen

ließ, und zwar den größten Pavillon aus ihrem Schatze, glaubte er, daß

sie seiner spotten wolle, und die Spuren seines Befremdens verrieten

sich in seinen Mienen und Gebärden. Pari Banu, die es bemerkte, lachte

laut auf und rief:

»Wie, Prinz, Ihr glaubt also, daß ich Euch bloß verspotten wolle? Ihr

werdet bald sehen, daß ich keine Spötterin bin. Nurdschihan,« sagte sie

zu ihrer Schatzmeisterin, indem sie den Pavillon aus den Händen des

Prinzen nahm und ihn ihr wiedergab, »geh und spanne ihn aus, damit der

Prinz sehen kann, ob sein Vater, der Sultan, ihn so groß finden wird,

als er ihn verlangt hat.«

Die Schatzmeisterin ging aus dem Palaste und entfernte sich so weit,

daß beim Ausspannen das eine Ende desselben gerade bis an den Palast

reichte. Als sie dies nun getan, fand ihn der Prinz Achmed so groß, daß

zwei Heere, wenn sie auch ebenso zahlreich wären als das des Sultans

von Indien, darunter Platz gehabt hätten.

»Meine Prinzessin,« sagte er jetzt zu Pari Banu, »ich bitte Euch

tausendmal um Verzeihung wegen meines Unglaubens; nach dem, was ich

jetzt gesehen, glaube ich, daß unter allem, was Ihr irgend unternehmen

möget, nichts ist, was Euch unerreichbar wäre.«

»Ihr seht,« erwiderte die Fee, »daß der Pavillon größer als nötig ist;

jedoch Ihr werdet bemerken, er hat die Eigenschaft, daß er größer oder

kleiner wird, je nach dem Maße dessen, was darunter Platz finden soll,

ohne daß man dabei irgendwie Hand anzulegen braucht.«

Die Schatzmeisterin legte den Pavillon wieder zusammen, brachte ihn

in seine vorige Lage und gab ihn dann in die Hände des Prinzen. Der

Prinz Achmed nahm ihn, und schon den folgenden Tag setzte er sich, ohne

länger zu zögern, zu Pferde und eilte in Begleitung seines gewöhnlichen

Gefolges von dannen, um ihn dem Sultan, seinem Vater, zu überreichen.

Der Sultan, welcher geglaubt hatte, ein Pavillon, wie er ihn verlangt

hatte, könne gar nicht gefunden werden, war über die schnelle

Wiederkehr seines Sohnes nicht wenig erstaunt. Er empfing den Pavillon,

und nachdem er die Kleinheit desselben bewundert hatte, geriet er in

Erstaunen, als er ihn in der Ebene errichten ließ und sah, daß zwei

Heere, so groß als das seinige, darunter reichlich Platz hatten.

Dem äußern Scheine nach bezeigte der Sultan von Indien dem Prinzen

seine Dankbarkeit, indem er ihn bat, der Fee Pari Banu in seinem

Namen dafür herzlich zu danken. Und um ihm zu zeigen, wie hoch er es

schätzte, befahl er, es in seiner Schatzkammer sorgfältig aufzuheben.

Allein in seinem Herzen faßte er eine weit ärgere Eifersucht, als ihm

seine Schmeichler und die Zauberin zuvor eingeflößt hatten, indem er

überlegte, daß sein Sohn mit Hilfe der Fee Dinge ausführen könnte,

die weit über die Grenzen seiner eigenen Macht und seines Vermögens

hinausgingen. Dies veranlaßte ihn, alles zu versuchen, um ihn zugrunde

zu richten. Er fragte deshalb die Zauberin um Rat, und diese riet ihm,

den Prinzen aufzufordern, daß er ihm Wasser aus der Löwenquelle bringen

solle.

Als der Sultan am Abend, wie gewöhnlich, seine Hofleute um sich

versammelt hatte und der Prinz Achmed sich ebenfalls zugegen befand,

redete er diesen mit folgenden Worten an:

»Mein Sohn, ich habe dir schon gesagt, zu welchem Dank ich mich dir

wegen des Pavillons verpflichtet fühle; du mußt mir zuliebe noch

etwas anderes tun, das mir nicht minder angenehm sein wird. Ich höre

nämlich, daß deine Gemahlin, die Fee, sich eines gewissen Wassers aus

der Löwenquelle bedient, welches alle Arten von Fieber heilt; da ich

nun vollkommen überzeugt bin, daß meine Gesundheit dir sehr teuer

ist, rechne ich mit Gewißheit darauf, daß du dir von ihr ein Gefäß

voll solchen Wassers erbitten und es mir dann bringen wirst, als ein

Universalmittel, das mir jeden Augenblick gute Dienste tun kann.

Erzeige mir also auch noch diesen wichtigen Dienst und setze dadurch

deiner kindlichen Liebe zu mir die Krone auf.«

Der Prinz Achmed, welcher geglaubt hatte, der Sultan, sein Vater,

werde sich mit dem Besitz eines so einzigen und brauchbaren Pavillons

begnügen und ihm nicht einen neuen Auftrag aufbürden, war bei dieser

zweiten Aufforderung ganz verwirrt, ungeachtet ihm die Fee versichert

hatte, sie werde ihm alles gewähren, was irgend in ihrer Macht stände.

Nach einem Stillschweigen von einigen Augenblicken erwiderte er:

»Herr, ich bitte Euer Majestät versichert zu sein, daß ich alles

zu tun bereit bin, um Euch alles zu verschaffen, was irgendwie zur

Verlängerung Eures Lebens beitragen kann; indes ich wünschte bloß,

daß es ohne die Vermittlung meiner Gemahlin geschehen könnte. Aus

diesem Grunde wage ich denn auch nicht, Euer Majestät zu versprechen,

daß ich dies Wasser bringen werde. Alles, was ich tun kann, ist,

Euch zu versichern, daß ich darum bitten werde, obwohl mit demselben

Widerwillen wie damals, als ich um den Pavillon bat.«

Als der Prinz Achmed den folgenden Tag zu der Fee Pari Banu

zurückgekehrt war, stattete er ihr einen aufrichtigen und treuen

Bericht von alledem ab, was am Hofe seines Vaters bei Überreichung

des Pavillons vorgegangen war, den der Sultan mit vielem Dank für sie

angenommen hatte. Er unterließ nicht, ihr die neue Bitte, die er in

seinem Namen ihr zu machen beauftragt war, vorzutragen, und schloß mit

den Worten:

»Meine Prinzessin, ich teile Euch dies bloß als einfachen Bericht über

das mit, was zwischen meinem Vater und mir vorgefallen; im übrigen

steht es ganz in Eurem Belieben, seinen Wunsch zu erfüllen oder nicht,

ich werde mich gar nicht darein mischen, sondern will bloß das, was Ihr

wollt.«

»Nein, nein,« erwiderte die Fee Pari Banu, »es ist mir sehr lieb, wenn

der Sultan von Indien erfährt, daß Ihr mir nicht gleichgültig seid.

Ich will seinen Wunsch befriedigen, und welche Ratschläge ihm auch

immer die Zauberin eingeben mag — denn ich sehe wohl, daß er nur auf

sie hört —, wir wollen ihm gegenüber stets auf der Hut sein. Es liegt

in seiner diesmaligen Forderung etwas Boshaftes, wie Ihr aus meinem

Bericht bald ersehen werdet. Die Löwenquelle befindet sich nämlich

mitten in dem Hofe eines großen Schlosses, dessen Eingang von vier

ungeheuren Löwen bewacht wird, von denen immer zwei schlafen, während

die andern wachen. Indes, das darf Euch nicht in Schrecken setzen. Ich

werde Euch ein Mittel an die Hand geben, vermöge dessen Ihr ohne Gefahr

mitten durch sie hindurchgehen könnt.«

Die Fee Pari Banu war gerade mit Nähen beschäftigt, und da sie in

ihrer Nähe mehrere Zwirnknäuel liegen hatte, nahm sie eines davon,

überreichte es dem Prinzen Achmed und sagte:

»Zuerst nehmt dieses Knäuel; ich werde Euch bald den Gebrauch lehren,

den Ihr davon machen könnt. Zweitens, laßt Euch zwei Pferde anschirren,

eines, um selber darauf zu reiten, das andere, um es neben Euch her

als Handpferd zu führen, beladen mit einem in vier Teile zerhackten

Hammel, der heute noch geschlachtet werden muß. Drittens verseht

Euch mit einem Gefäß, das ich Euch geben lasse, damit Ihr es morgen

dort voll Wasser schöpfen könnt. Ganz früh setzt Euch dann zu Pferde

und führt das andere Pferd am Zügel nebenher, und sobald Ihr aus der

eisernen Tür hinaus seid, werft das Zwirnknäuel vor Euch her; dies wird

dann anfangen zu rollen und so immer fort rollen bis an das Tor des

Schlosses. Folgt demselben bis dahin nach, und wenn es stillsteht und

das Tor sich öffnet, werdet Ihr die vier Löwen erblicken. Die beiden

wachenden werden durch ihr Gebrüll die beiden andern schlafenden

sogleich wecken. Fürchtet Euch indes nicht, sondern werft einem jeden

ein Hammelviertel hin, ohne vom Pferde abzusteigen. Ist dies geschehen,

so spornt ohne Zeitverlust Euer Pferd und reitet im gestreckten Galopp

zur Quelle hin, füllt dann Euer Gefäß, ohne abzusteigen, und eilt dann

mit derselben Schnelligkeit wieder zurück. Die Löwen werden noch mit

Fressen beschäftigt sein und Euch einen freien Rückweg gestatten.«

Der Prinz Achmed reiste am folgenden Morgen um die Stunde, welche die

Fee Pari Banu ihm bestimmt hatte, ab und vollzog pünktlich, was sie ihm

vorgeschrieben hatte. Er kam an dem Tore des Schlosses an, verteilte

die Hammelviertel unter die vier Löwen, und nachdem er unerschrocken

durch sie hindurchgeritten war, drang er bis zu der Quelle vor und

schöpfte das Wasser ein. Sowie er das Gefäß gefüllt hatte, wandte

er um und gelangte wohlbehalten und gesund wieder aus dem Schlosse

hinaus. Als er etwas davon entfernt war, sah er sich um und erblickte

zwei Löwen, die gerade auf ihn losstürzten. Ohne zu erschrecken zog er

seinen Säbel und setzte sich zur Wehr. Doch da er unterwegs bemerkte,

daß der eine in einiger Entfernung seitwärts ablenkte und mit Kopf und

Schweif zu verstehen gab, daß er nicht komme, um ihm etwas zuleide zu

tun, sondern bloß, um vor ihm herzulaufen, und daß der andere ihm

folgen würde, steckte er seinen Säbel wieder ein und setzte so seinen

Weg bis nach der Hauptstadt von Indien fort, wo er in Begleitung

der beiden Löwen ankam, die ihn nicht verließen, bis an die Tür des

Palastes des Sultans. Dort ließen sie ihn hineingehen und kehrten

sodann denselben Weg wieder zurück, den sie gekommen waren, zum großen

Entsetzen des Volkes und aller derer, die sie erblickten.

Mehrere Palastbeamte, welche sogleich erschienen, um dem Prinzen

Achmed vom Pferde herabzuhelfen, begleiteten ihn bis an das Zimmer des

Sultans, wo dieser sich eben mit seinen Günstlingen unterhielt. Hier

näherte er sich dem Throne, setzte das Gefäß zu den Füßen des Sultans,

küßte den reichen Teppich, welcher die Stufen desselben bedeckte, stand

dann wieder auf und sagte:

»Herr, hier ist das heilsame Wasser, welches Euer Majestät in der

Sammlung von Kostbarkeiten und Seltenheiten zu besitzen wünschte, die

eine Zierde Eurer Schatzkammer sind. Ich wünsche Euch übrigens eine

vollkommene Gesundheit, daß Ihr niemals davon Gebrauch zu machen nötig

habt.«

Als der Prinz seine Anrede beendet hatte, ließ der Sultan ihn zu seiner

Rechten Platz nehmen und sagte dann zu ihm:

»Mein Sohn, ich bin dir für dein Geschenk großen Dank schuldig, da du

dich mir zuliebe in so große Gefahr begeben hast. Tue mir jetzt den

Gefallen, mir zu sagen, durch welche Geschicklichkeit oder durch welche

unglaubliche Kraft du dich dagegen sichergestellt hast?«

Der Prinz erzählte ihm nun alles, und als er geendet hatte, stand der

Sultan, der ihn mit den größten Freudenbezeigungen, doch innerlich mit

derselben, ja mit noch größerer Eifersucht angehört hatte, von seinem

Sitze auf und zog sich in das Innere seines Palastes zurück, wo die

Zauberin, nach welcher er sogleich geschickt hatte, vor ihn geführt

wurde.

Die Zauberin hatte bereits ein — wie sie meinte — unfehlbares Mittel

ausgedacht. Sie teilte dies Mittel dem Sultan mit, und der Sultan

zeigte es dem Prinzen Achmed mit folgenden Worten an:

»Mein Sohn, ich habe nur noch eine einzige Bitte an dich, nach dieser

will ich dann nichts mehr, weder von deinem Gehorsam, noch von deiner

Gemahlin, der Fee, verlangen; diese Bitte besteht darin, daß du mir

einen Mann herbeischaffst, der nicht über anderthalb Fuß hoch ist,

einen Bart von dreißig Fuß Länge hat, und der auf der Schulter eine

fünfhundert Pfund schwere Eisenstange trägt, die ihm als Stab dient,

und welcher reden kann.«

Prinz Achmed, welcher nicht glauben konnte, daß es auf der Welt einen

Menschen gäbe, der so wäre, wie sein Vater ihn verlangte, wollte sich

entschuldigen, doch der Sultan blieb bei seiner Forderung, mit der

Begründung, daß die Fee noch weit unglaublichere Dinge vermöge.

Den folgenden Tag, als der Prinz in das unterirdische Reich der Fee

zurückgekehrt war, teilte er derselben das neue Begehren seines Vaters

mit.

»Mein Prinz,« erwiderte die Fee, »dieser Mann ist mein Bruder Schaïbar,

welcher, obwohl er mit mir denselben Vater hat, anstatt mir zu

ähneln, von einer sehr heftigen Gemütsart ist, daß nichts imstande

ist, ihn zurückzuhalten, daß er nicht sogleich blutige Beweise seines

Rachegefühls gibt, wofern man ihm mißfällt oder ihn beleidigt. Übrigens

ist er der beste Mensch von der Welt und stets bereit, gefällig zu

sein, wo und wie man es irgend wünscht. Er ist ganz so gestaltet, wie

der Sultan, Euer Vater, ihn beschrieben hat, und trägt keine anderen

Waffen als die fünfhundert Pfund schwere Eisenstange, ohne die er

niemals ausgeht. Ich werde ihn gleich kommen lassen, und Ihr mögt dann

selbst urteilen, ob ich wahr gesprochen habe. Doch vor allen Dingen

bereitet Euch vor, daß Ihr nicht vor seiner seltsamen Figur erschreckt.«

Die Fee ließ sich in die Vorhalle ihres Palastes ein goldenes

Räucherpfännchen mit glühenden Kohlen und eine Kapsel von demselben

Metall bringen. Aus der Kapsel nahm sie wohlriechendes Räucherwerk,

und als sie es in die Räucherpfanne geworfen, stieg ein dicker Rauch

daraus empor.

Einige Augenblicke nach diesem Verfahren sagte die Fee zu dem Prinzen

Achmed: »Mein Prinz, da kommt mein Bruder, seht Ihr ihn?«

Der Prinz sah hin und erblickte Schaïbar, welcher nicht mehr als

anderthalb Fuß hoch war und mit seiner fünfhundert Pfund schweren

Eisenstange und seinem stattlichen, dreißig Fuß langen Barte, der

sich nach vorn zu aufstützte, feierlich einhergeschritten kam. Sein

verhältnismäßig dicker Knebelbart war bis zu den Ohren aufgestülpt und

bedeckte ihm fast das ganze Gesicht; seine Schweinsohren steckten tief

im Kopfe, der ungeheuer dick und mit einer nach oben spitz zulaufenden

Mütze bedeckt war; außerdem war er vorn und hinten bucklig.

Hätte der Prinz es nicht vorher erfahren, daß Schaïbar der Bruder der

Fee Pari Banu sei, hätte er ihn nicht ohne das größte Entsetzen ansehen

können. Doch durch diese Nachricht beruhigt, erwartete er ihn festen

Fußes mit der Fee und empfing ihn, ohne eine Spur von Schwäche blicken

zu lassen.

Schaïbar, der beim Näherkommen den Prinzen mit einem Blicke ansah, der

ihm das Herz im Leibe hätte in Eis verwandeln können, frug die Fee

sofort, wer der Mann da sei?

»Lieber Bruder,« erwiderte sie, »es ist mein Gemahl, sein Name ist

Achmed, und er ist der Sohn des Sultans von Indien. Der Grund, warum

ich dich nicht zu meiner Hochzeit eingeladen habe, war der, daß ich

dich nicht von deinem Kriegszuge abhalten wollte, den du damals

vorhattest, und von dem du, wie ich mit vielem Vergnügen höre, jetzt

so siegreich zurückgekehrt bist. Bloß um seinetwillen bin ich so frei

gewesen, dich rufen zu lassen.«

Bei diesen Worten sagte Schaïbar, indem er den Prinzen Achmed mit einem

freundlichen Blicke ansah, der indes sein stolzes und wildes Aussehen

nicht im geringsten milderte:

»Liebe Schwester, kann ich ihm mit irgend etwas dienen? Er darf es bloß

sagen.«

»Der Sultan, sein Vater,« erwiderte Pari Banu, »ist neugierig, dich zu

sehen; ich bitte dich also um die Gefälligkeit, dich von ihm hinführen

zu lassen.«

»Er darf bloß vorangehen,« antwortete Schaïbar, »ich bin bereit ihm zu

folgen.«

»Lieber Bruder,« erwiderte Pari Banu, »es ist wohl schon zu spät,

um noch heute diese Reise zu unternehmen, du wirst sie also wohl

gefälligst auf morgen früh verschieben. Indes, da es gut ist, daß du

von dem unterrichtet wirst, was zwischen dem Sultan von Indien und dem

Prinzen Achmed seit unserer Verheiratung vorgefallen, so werde ich dich

diesen Abend davon unterhalten.«

Am folgenden Morgen brach Schaïbar, von allem, was ihm zu wissen nötig

war, unterrichtet, sehr zeitig auf, begleitet von dem Prinzen Achmed,

der ihn dem Sultan vorstellen sollte. Sie erreichten die Hauptstadt,

und sobald Schaïbar sich am Tore zeigte, wurden alle die ihn sahen,

beim Anblick eines so scheußlichen Menschen von Entsetzen ergriffen,

und versteckten sich teils in Buden und Häusern, deren Türen sie

hinter sich zuschließen ließen, teils ergriffen sie die Flucht und

teilten allen, denen sie begegneten, dasselbe Entsetzen mit, die dann

sogleich umkehrten, ohne sich weiter umzusehen. Je weiter Schaïbar und

Prinz Achmed mit abgemessenen Schritten vorwärts kamen, je öder und

menschenleerer fanden sie alle Straßen und öffentlichen Plätze bis

zum Palaste des Sultans. Dort aber ergriffen die Pförtner, anstatt

Vorkehrungen zu treffen, daß Schaïbar nicht hereinkäme, nach allen

Seiten hin die Flucht und ließen das Tor offen stehen. Der Prinz und

Schaïbar gelangten ohne Hindernis bis an den Saal der Ratsversammlung,

wo der Sultan auf seinem Throne sitzend jedem Gehör gab, und da auch

die Türsteher beim Erscheinen Schaïbars ihren Posten im Stich ließen,

traten sie ungehindert hinein.

Schaïbar näherte sich stolz und mit erhobenem Kopfe dem Throne, und

ohne erst zu warten, bis Prinz Achmed ihn vorstellte, redete er den

Sultan von Indien mit folgenden Worten an: »Du hast mich zu sehen

verlangt; hier bin ich. Was willst du von mir?«

Der Sultan hielt sich, anstatt zu antworten, die Hände vor die Augen,

und wandte das Gesicht seitwärts, um eine so fürchterliche Gestalt

nicht ansehen zu müssen. Schaïbar, voll Unwillen darüber, daß man

ihn erst herbemüht habe, und ihn nun auf eine so unhöfliche und

beleidigende Weise empfing, hob seine Eisenstange empor, und mit den

Worten: »So rede doch!« ließ er sie ihm auf den Kopf herabfallen, und

schlug ihn tot, ehe noch der Prinz Achmed daran denken konnte, für

ihn um Gnade zu bitten. Er vermochte nichts weiter zu tun, als zu

verhindern, daß er nicht auch den Großwesir totschlug, der nicht weit

von der Rechten des Sultans entfernt war, indem er ihm vorstellte, daß

er mit den guten Ratschlägen, welche derselbe seinem Vater gegeben,

nicht anders als zufrieden sein könne.

»Diese beiden also sind es,« sagte Schaïbar, »die ihm immer so

schlechte Anschläge eingegeben.«

Mit diesen Worten schlug er die andern Wesire zur Linken und Rechten

tot, die sämtlich Günstlinge und Schmeichler des Sultans und Feinde

des Prinzen Achmed waren. So viel Schläge, so viel Leichen gab es, und

nur diejenigen entkamen, deren Schrecken nicht so groß war, daß er sie

regungslos gemacht und sie gehindert hätte, ihr Heil in der Flucht zu

suchen.

Als das schreckliche Gemetzel zu Ende war, ging Schaïbar aus dem

Versammlungssaale heraus, und als er mit seiner Eisenstange auf der

Schulter mitten in den Hof gekommen war, sah er den Großwesir an, der

den Prinzen Achmed, seinen Lebensretter, begleitete und sagte:

»Ich weiß, daß es hier auch noch eine Zauberin gibt, die eine weit

ärgere Feindin des Prinzen, meines Schwagers, ist als die unwürdigen

Günstlinge, die ich soeben bestraft habe. Ich will, daß man diese

Zauberin vor mich führe.«

Der Großwesir ließ sie holen, und man brachte sie geführt. Schaïbar

schlug sie mit der Eisenstange und sagte:

»Ich will dich lehren, verderbliche Ratschläge zu geben und die Kranke

zu spielen.« Die Zauberin blieb auf der Stelle tot.

»Aber das ist noch nicht genug,« fügte Schaïbar hinzu, »sondern ich

werde jetzt auch noch die ganze Stadt totschlagen, wenn sie nicht

augenblicklich den Prinzen Achmed, meinen Schwager, für den Sultan von

Indien anerkennt.«

Sogleich ließen alle, die zugegen waren und diesen Urteilsspruch

vernahmen, die Luft von dem lauten Ausruf ertönen: »Es lebe der Sultan

Achmed!«

In kurzer Zeit hallte die ganze Stadt von diesem Ruf und Ausruf wieder.

Schaïbar ließ ihm das Kleid des Sultans von Indien anlegen und setzte

ihn feierlich auf den Thron, und nachdem er ihm hatte huldigen lassen,

ging er und holte seine Schwester Pari Banu, führte sie mit großem Pomp

ein und ließ sie ebenfalls für die Sultanin von Indien erklären.

Was den Prinzen Aly und die Prinzessin Nurunnihar betrifft, die an

der Verschwörung gegen den Prinzen Achmed, die soeben gesühnt worden,

keinen Teil, ja nicht einmal die geringste Kenntnis davon gehabt

hatten, wies ihnen der Prinz Achmed ein bedeutendes Jahresgehalt

nebst einer Hauptstadt an, um darin ihre Lebenstage zuzubringen. Auch

schickte er einen seiner Diener an seinen älteren Bruder, den Prinzen

Hussain, ab, um ihm die eingetretene Veränderung anzuzeigen und ihm das

Anerbieten zu machen, er möge sich im ganzen Reiche irgendeine Provinz

nach Belieben auswählen, um sie als sein Eigentum in Besitz zu nehmen.

Doch der Prinz Hussain fühlte sich in seiner Einsamkeit so glücklich,

daß er den Abgesandten auftrug, seinem jüngeren Bruder, dem Sultan,

in seinem Namen herzlich für die Gefälligkeit zu danken, die er ihm

zugedacht, ihn seiner Unterwürfigkeit zu versichern und ihm anzuzeigen,

daß er sich die einzige Gnade ausbäte, ihm zu erlauben, daß er hinfort

in seiner selbstgewählten Zurückgezogenheit verbleiben könne.

DIE GESCHICHTE VON ALI BABA UND DEN VIERZIG RÄUBERN,

DIE DURCH EINE SKLAVIN UMS LEBEN KAMEN

In alten Zeiten lebten in einer Stadt Persiens zwei Brüder; der eine

hieß Casim und der andere Ali Baba. Ihr Vater hatte ihnen nur wenig

Vermögen hinterlassen, und da sie es zu gleichen Hälften untereinander

geteilt hatten, so sollte man meinen, daß ihre äußere Lage ziemlich

gleich gewesen sein müßte; aber der Zufall fügte es anders. Casim

heiratete die Tochter eines Kaufmanns, die nach dem Tode ihres Vaters

einen Laden mit vielen Waren erbte, ein wohlgefülltes Lager und viele

seltene Teppiche und Tücher; daher gehörte Casim bald zu den reichsten

Leuten in der ganzen Stadt. Ali Baba aber nahm eine Frau, die sehr

arm war, so daß er sehr dürftig in einer engen Hütte lebte und seinen

Lebensunterhalt damit verdienen mußte, in einem nahen Walde Bäume zu

fällen, die er auf drei Esel lud und in der Stadt zum Verkaufe ausbot.

Eines Tages war Ali Baba wieder im Walde und hatte soviele Äste

gebrochen, daß er die Esel, sein einziges Besitztum, damit voll laden

konnte — da erblickte er auf einmal in der Ferne eine mächtige

Staubwolke, die hoch emporwirbelte und sich ihm näherte. Er sah

aufmerksam und genau nach ihr hin und entdeckte bald, daß es eine

Reiterschar war, die rasch und scharf auf ihn zukam. Da Ali Baba

fürchtete, die Reiter könnten etwa Räuber sein, die ihn ermorden

wollten, trieb er seine Esel in ein Gebüsch, um sie ihrem Schicksale zu

überlassen, und erkletterte darauf einen starken, alten Baum, dessen

Äste so dichtes Laub trugen, daß er sich bequem darin zu verstecken

vermochte. So sah er alles, was unter ihm vorging, während ihn keiner

von unten erspähen konnte. Der Baum aber stand an einem schroffen

Felsen, der seine Äste überragte und so groß war, daß man ihn auf

keiner Seite zu ersteigen vermochte.

Die Reiter, junge und stattliche Männer, die wohlbewaffnet waren,

führten ihre Pferde dicht unter den Felsen und saßen dort ab. Ali

Baba zählte, daß es ihrer vierzig waren und erkannte aus ihren

Gesichtern und ihrem Gebaren, daß es wirklich Räuber waren, die hier

wahrscheinlich ihre Beute in Sicherheit bringen wollten. Jeder von

ihnen schirrte sein Roß ab, band es an einen Baum und warf ihm einen

Sack voll Gerste vor. Dann nahmen sie ihre Reisetaschen ab, und Ali

Baba sah, daß sie schwer von Gold und Silber waren. Der kräftigste und

stattlichste von ihnen, der ihr Hauptmann zu sein schien, legte seine

Satteltasche auf die Schulter, näherte sich dem Felsen, der dicht an

dem Baume stand, auf den Ali Baba hinaufgeklettert war, bahnte sich

den Weg durch Sträucher und Dornen und sprach die wundersamen Worte:

»Sesam, öffne dich!« Sofort tat sich eine große Türe auf, durch welche

alle Räuber in den Felsen hineingingen; der Hauptmann trat zuletzt

ein, und das Tor schloß sich hinter ihm von selbst. Lange Zeit blieb

die Bande in der Höhle, und Ali Baba mußte notgedrungen oben auf dem

Baume hocken und warten; denn er hatte Angst, hinabzuspringen, weil

vielleicht gerade einige der Räuber zurückkehren, ihn fangen und töten

könnten. Seine Gedanken gingen schließlich so weit, daß er beschloß,

sich eines der Pferde zu bemächtigen, seine Esel vor sich her zu

treiben und so rasch wie möglich nach Hause zu reiten — da öffnete

sich das Tor wieder, der Hauptmann trat heraus, zählte seine Leute,

die er an sich vorbeiziehen ließ, und sprach zuletzt die Zauberworte:

»Sesam, schließe dich!« worauf sich die Tür wieder von selber zutat.

Dann nahm jeder sein Pferd, zäumte es, band die leere Satteltasche

darauf, und alsbald ritten sie hastig denselben Weg zurück, auf dem sie

gekommen waren.

Ali Baba wagte noch nicht, von seinem Aste herabzusteigen, bis sie

alle seinen Blicken entschwunden waren. »Einer von ihnen könnte etwas

vergessen haben,« dachte er, »dann wird er zurückkehren, mich hier

entdecken, und ich wäre trotzdem verloren.« Dann aber ließ er sich auf

den Boden herab, blickte um sich, und als er alles leer fand, sagte er

zu sich: »Ich habe mir die Worte wohl gemerkt, die der Räuberhauptmann

vorhin gesprochen hat, und will sehen, ob sie bei mir dieselbe

Wirkung haben und ob sich auf meinen Befehl ebenfalls das Tor öffnen

und schließen wird.« Er kroch also durch das Gebüsch, entdeckte die

verborgene Türe, stellte sich davor und rief mit lauter Stimme: »Sesam,

öffne dich!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, da sprang die Türe

angelweit auf, und er konnte eintreten. Wie erstaunte er, als er statt

einer finstern und engen Höhle eine weite und geräumige Wölbung fand,

die so hoch wie ein Mensch war und von oben durch runde Fenster in

der Decke erleuchtet wurde. Da sah er viele Warenballen und köstliche

Seidenstoffe, Brokat, bunte Teppiche und viel Mundvorrat. Besonders

aber verwunderte er sich über eine unermeßliche Menge von Gold und

Silber, das teils auf dem Boden in Haufen aufgeschüttet, teils in

ledernen Beuteln und Säcken wohlverwahrt lag. Als er diese unzählbaren

Schätze erblickte, erkannte Ali Baba sofort, daß diese Höhle nicht erst

seit ein paar Jahren, sondern schon seit Jahrhunderten den Dieben als

Zufluchtsort und als Speicher für ihren Raub gedient haben mußte. Er

ging mutig vorwärts, und sofort schloß sich die Türe hinter ihm; doch

er fürchtete sich nicht, denn er hatte das Zauberwort nicht vergessen

und wußte, wie er sich wieder ins Freie retten konnte. Der Teppiche

und Silbermünzen achtete er wenig, sondern machte sich sofort an die

Beutel, in denen das gemünzte Gold lag. Er nahm so viele, als er tragen

und seinen drei Eseln glaubte aufladen zu können. Er trieb sie wieder

zusammen, packte ihnen die Säcke auf und legte Holz und Reisig darüber,

um seinen Raub gut zu verbergen. Dann stellte er sich vor die Türe,

rief: »Sesam, schließe dich!« und alsbald schloß sich der Felsen wieder

von selbst; denn jedesmal, wenn einer die Höhle betrat, ging die Türe

von selber zu, wenn er aber hinausging, blieb sie so lange offen, bis

das Zauberwort gesprochen war.

Ali Baba trieb seine Esel schnell in die Stadt zurück, und als er vor

seinem Hause anlangte, führte er sie in den kleinen Hof hinein. Er

schloß die Türe sorgfältig hinter sich zu, lud dann das Reisig ab, mit

dem er seinen Schatz verdeckt hatte, nahm die Säcke herunter, trug

sie ins Haus und legte sie vor seinem Weibe auf den Tisch. Seine Frau

betrachtete die Beutel, wog sie in der Hand, und als sie fühlte, daß

Münzen darin waren, glaubte sie, Ali Baba habe das Geld geraubt. Sie

schalt ihn aus und rief: »Du solltest nicht so gottlos und sündhaft

handeln!« Ihr Mann aber unterbrach sie und sagte: »Tadele mich nicht,

liebes Weib, und sei außer Sorge; ich bin kein Räuber, aber ich habe

dieses Geld Räubern abgenommen. Freue dich über unser Glück, und

höre, was mir begegnet ist.« Er schüttete die Säcke aus und legte das

Gold auf einen Haufen zusammen, so daß seine Frau von dem Glanze ganz

geblendet wurde; dann erzählte er ihr sein Abenteuer von Anfang bis zu

Ende und befahl ihr besonders, die Sache wohl geheimzuhalten. Die Frau

aber, die vor Freude und Erstaunen wie verwirrt war, begann den ganzen

Geldhaufen, Stück für Stück, zu mustern. Ali Baba wurde ungeduldig und

rief: »Törichtes Weib, was fällt dir ein? Du kannst ja eine Woche lang

diese Münzen wenden und zählen! Ich will lieber hinausgehen und ein

Loch graben, damit wir unsern Schatz darin verstecken können; laß uns

nicht zaudern und warten.« Antwortete das Weib: »Du hast recht; doch

möchte ich gern wissen, wieviel dieser Schatz wert ist. Darum will ich

bei einer Nachbarin ein Maß borgen und ihn damit messen.« — »Liebe

Frau,« entgegnete Ali Baba, »ich rate dir, davon abzulassen. Tue aber,

was du willst, doch achte darauf, daß du das Geheimnis gut bewahrst und

verschwiegen hältst.«

Sofort eilte sie zu ihrem Schwager Casim, der in der Nähe wohnte.

Er war nicht daheim und darum bat sie sein Weib, ihr auf kurze Zeit

ein Maß zu borgen. Die Schwägerin fragte: »Willst du ein großes

oder ein kleines?« und sie entgegnete: »Gib mir ein kleines.« Die

Schwägerin sagte: »Ich will dir gern den Gefallen erweisen; warte

einen Augenblick, damit ich das verlangte holen kann.« Mit diesen

Worten ging Casims Frau hinaus, holte das Maß und bestrich den Boden

heimlich mit etwas Teig und Wachs, denn sie kannte Ali Babas Armut und

war begierig zu erfahren, was seine Frau in dem Gefäße messen wollte.

Dann brachte sie das Maß und entschuldigte sich, daß sie solange

ausgeblieben wäre, sie habe es aber nicht sogleich finden können. Ali

Babas Frau dankte und ging nichtsahnend nach Hause, stellte das Maß

auf den Tisch und begann, es mit dem Golde zu füllen und dann auf

dem Fußboden auszuleeren. Als sie damit fertig war, freute sie sich

sehr über ihren großen Schatz, trug die Münzen hinaus in den Garten

und verbarg sie in der Grube, die ihr Mann soeben vollendet hatte.

Während er das Geld sorgfältig mit Erde bedeckte, trug seine Frau

ihrer Schwägerin das Gefäß zurück, ohne zu merken, daß außen am Boden

ein Goldstück kleben geblieben war. »Liebe Schwägerin,« sagte sie,

»hier gebe ich dir dein Maß zurück; ich bin dir sehr dankbar dafür und

hoffe, daß ich es nicht zu lange behalten habe.« Sofort betrachtete

Casims Frau das Maß und untersuchte es genau; wie erstaunte sie, als

sie am Boden das Geldstück entdeckte! Neid und Wut erfüllten ihr Herz,

und sie sprach zu sich selber: »Wie geht das zu? Ohne Zweifel hat Ali

Baba Gold gemessen; aber woher mag er es genommen haben?« Sie konnte

kaum die Zeit erwarten, bis Casim zurückkehrte, der tagsüber in seinem

Laden war und erst abends wieder nach Hause kam. Kaum war er ins

Zimmer getreten, da lief ihm seine Frau entgegen, zog ihn sogleich am

Arme herein, stellte sich vor ihn hin und sagte mit zornfunkelnden

Augen: »Du glaubst, ein wohlhabender Mann zu sein; aber du irrst dich,

denn Ali Baba, dein Bruder, ist tausendmal reicher als du! Er hat eine

solche Menge Geldes, daß er es nicht mehr zählen kann, sondern messen

muß.« Casim war sehr erstaunt über diese Nachricht und bat um genauern

Bescheid; sie erzählte ihm nun, wie sie Ali Babas Frau hintergangen

habe und zeigte ihm das Goldstück, das am Boden haften geblieben und so

alt war, daß es die Inschrift und das Bild eines Königs trug, der ihnen

völlig unbekannt war.

[Illustration: Sobald er hereinkam, begann sie, ihn zu verspotten.]

Casim wurde von Neid und Habgier ergriffen und konnte die ganze Nacht

keinen Schlaf finden; andern Tages aber, schon früh am Morgen, machte

er sich auf und ging zu seinem Bruder, den er seit langer Zeit weder

gesehen, noch gesprochen hatte; denn Casim war stolz und hochmütig

geworden, seitdem er die reiche Frau geheiratet hatte. Er sagte: »Höre,

Ali Baba, du spielst den Notleidenden und Bedürftigen und gibst dir

den Anschein, ein Bettler zu sein; aber in Wahrheit bist du so reich,

daß du dein Gold in Maßen messen mußt.« Ali Baba tat sehr verwundert

und sagte: »Ich weiß nicht, was du meinst; sprich deutlicher, denn

ich verstehe dich nicht.« Da wurde Casim zornig und sagte mit

wütender Stimme: »Glaubst du, mich täuschen zu können? Sieh hier das

Goldstück, das meine Frau an dem Maße gefunden hat; wieviel hast du

davon?« Bei diesen Worten erschrak Ali Baba, denn er sah ein, daß

durch den Starrsinn seiner Frau Casim und sein Weib bereits um sein

Geheimnis wußten; da nun der Fehler nicht wieder gutzumachen war und

er Verdruß und Unheil fürchtete, erzählte Ali Baba seinem Bruder die

ganze Geschichte, wie er durch Zufall den Schlupfwinkel der Banditen

und den Schatz darin entdeckt habe; er war sogar bereit, sein Gold zu

teilen, wenn Casim nur nichts verlauten lassen und das Geheimnis gut

hüten wollte. »Ich muß alles wissen,« sagte Casim trotzig, »beschreibe

mir den Ort genau, wo der Schatz verborgen liegt, und nenne mir das

Zauberwort, das ich sprechen muß; wenn du mir aber nicht alles der

Wahrheit gemäß gestehst, so werde ich dich beim Richter anzeigen. Dann

wirst du deines Schatzes verlustig gehen und Schande auf dich laden;

und ich werde für meine Anzeige eine gute Belohnung erhalten.« Ali Baba

fürchtete sich keineswegs vor der frechen Rede seines Bruders, aber aus

Gutmütigkeit erzählte er ihm alles, was er verlangte, und nannte ihm

auch die Zauberformel, durch die er in den Felsen hinein und wieder

hinaus gelangen konnte.

Kaum hatte Casim alles erfahren, so eilte er nach Hause, denn er wollte

seinem Bruder zuvorkommen und den herrlichen Schatz für sich allein

behalten. Als die ersten Strahlen des Morgens leuchteten, brach er

auf und trieb zehn Maulesel vor sich her, die er mit großen Kisten

bepackt hatte; denn er gedachte, so viel von dem Golde nach Hause zu

schleppen, als ihm irgend möglich war, und vielleicht noch einmal zu

der Höhle zu gehen, um auch das Übrige mitzunehmen. Er wählte den Weg,

den Ali Baba ihm angewiesen hatte, und gelangte bald an den Felsen;

er erkannte ihn an dem Baume, in dem Ali Baba sich vor den Räubern

versteckt hatte. Sogleich entdeckte er auch die Türe und rief mit

freudiger Stimme: »Sesam, öffne dich!« Alsbald sprang das Tor weit

auf, er trat ein in die Grotte und sah in hellem Erstaunen, daß weit

mehr Juwelen und Reichtümer darin angehäuft waren, als er vermutet

hatte. Kaum hatte er die Höhle betreten, als sich der Felsen von selbst

hinter ihm schloß. Sprachlos wanderte er umher; bestaunte und betastete

die unermeßlichen Schätze, die er gern den ganzen Tag lang bewundert

hätte, wenn ihm nicht eingefallen wäre, daß seine zehn Maultiere mit

den Kisten warteten, um die gefüllten Beutel nach Hause zu tragen. Er

nahm also so viele Säcke, als er schleppen konnte, und ging damit auf

den Eingang zu, um sie draußen den Eseln aufzubürden; aber über allem

Staunen und Erraffen war ihm gerade das entfallen, was für ihn am

bedeutungsvollsten war; er hatte das Zauberwort vergessen, und rief:

»Gerste, öffne dich!« Aber wie bestürzt und erschrocken war er, als

die Türe seinem Rufe nicht gehorchte, sondern verschlossen blieb! In

seiner Angst rief er alle Getreidenamen, die ihm gerade einfielen, nur

nicht den richtigen, der seinem Gedächtnis entschwunden war — aber die

Höhle blieb nach wie vor verschlossen. Bestürzung und Angst beschlichen

wachsend seine Seele, und je mehr er rief und schrie, desto verwirrter

und ratloser wurde er; das Wort »Sesam« war seiner Erinnerung

so entschlüpft, als hätte er es niemals nennen hören. Er rannte

verzweiflungsvoll in der Höhle auf und nieder, nach vorn und zurück,

und warf die Säcke zornig auf die Erde, denn all die Schätze, die ihn

vorher mit Gier und neidischer Freude erfüllt hatten, waren jetzt

nutzlos und bereiteten ihm Schmerz und Furcht. Hoffnungslos setzte er

sich auf eine der Kisten, die mit wertvollen Teppichen vollgepackt war,

raufte sich die Haare und versank in tiefes, dumpfes Brüten. So wollen

wir Casim verlassen, denn unseres Mitleids ist er nicht würdig.

Gegen Mittag kamen die Räuber durch den Wald auf den Felsen zugeritten

und erblickten schon von ferne die mit Kisten bepackten Maulesel,

die ungefesselt im Walde grasten und weideten. Bestürzt über diesen

Anblick sprengten die Räuber näher, trieben die Tiere auseinander

und achteten ihrer nicht weiter, denn ihre erste Sorge war, den

Besitzer aufzufinden. Sie schlichen sich also um den Felsen herum und

suchten alle Gebüsche ab, spähten auf alle Bäume, aber vergebens. Der

Hauptmann schwang sich vom Pferde, zog den Säbel, trat auf die Türe

zu und sprach das Zauberwort. — Casim hatte von drinnen das Getrappel

und Stampfen der Pferde gehört und ahnte, daß es die Banditen seien,

welche neue Beute bringen wollten. In seiner Angst stellte er sich

dicht vor die Türe, denn er hatte beschlossen, den letzten Versuch zu

seiner Rettung zu wagen, ehe er dem sichern Tode anheimfiele. Als sich

der Felsen auftat, stürzte er hastig hinaus und prallte so ungestüm

gegen den Hauptmann, daß er ihn heftig zu Boden warf. Aber sofort

ergriffen ihn die übrigen Räuber, packten ihn, warfen ihn nieder und

schlugen ihm auf der Stelle mit dem Säbel den Kopf entzwei. Dann

stürmten sie in die Höhle hinein und fanden die Säcke, die Casim am

Tore hingeworfen hatte; sie legten alles wieder an die vorige Stelle

zurück, achteten aber nicht darauf, daß noch andere Beutel fehlten,

die Ali Baba vorher weggetragen hatte, denn sie waren sehr bestürzt

und verwundert. Sie dachten nun darüber nach, wie der Fremde wohl in

die Höhle gekommen wäre; durch die Fenster an der oberen Wand, durch

welche das Licht des Tages schimmerte, hatte er unmöglich einsteigen

können, denn der Felsen war zu glatt und hoch; sie verstanden aber auch

nicht, wie Casim durch das Tor hatte hereinkommen können, denn nur sie

allein kannten die Zauberformel, um es zu öffnen. Sie wußten ja nicht,

daß Ali Baba sie auf dem Baume belauscht hatte. Um aber künftighin vor

Spähern sicher zu sein, vierteilten sie den Leichnam Casims und hingen

die Stücke zu beiden Seiten des Tores auf, zwei zur rechten, zwei zur

linken, damit ein jeder abgeschreckt und gewarnt würde, der etwa in

die Grotte einzudringen wagte. Sie kamen überein, nicht eher an diesen

Ort zurückzukommen, bis sich der Leichengeruch verflüchtigt hätte,

schlossen das Tor wieder, bestiegen ihre Rosse und ritten durch den

Wald der Straße zu, um neue Karawanen abzufangen und auszuplündern.

Als nun die dunkle Nacht kam und Casim nicht nach Hause zurückkehrte,

ängstigte sich sein Weib und wurde unruhig. Sie lief zu Ali Baba und

sagte: »Weißt du, lieber Schwager, wohin dein Bruder gegangen ist? Es

ist bereits finster, und er ist noch nicht wieder daheim; ich fürchte

sehr, daß ihm draußen im Walde irgendein Unglück widerfahren ist.« Ali

Baba war an diesem Tage nicht fortgegangen, weil er erriet, daß sein

neidischer Bruder schleunigst die Höhle aufsuchen würde; er vermutete

wohl, daß Casim irgendein Unheil zugestoßen sei, blieb aber äußerlich

heiter und ruhig, tröstete seine Schwägerin, so gut er es vermochte,

und sagte ihr, daß ihr Mann vielleicht mit Absicht erst spät und auf

Umwegen in die Stadt zurückkehre, um seinen Raub geheimzuhalten.

Casims Frau ging nach Hause zurück und wartete, bis die Mitternacht

verstrichen war; aber ihre Sorge und Angst wuchsen, da der Vermißte

noch immer ausblieb; sie wagte nicht zu schreien und laut zu weinen,

damit nicht eine der Nachbarinnen ihr Geheimnis erführe. Sie bereute

sehr ihren Neid und ihre Neugierde und verwünschte ihre Eifersucht, die

sie dazu getrieben hatte, sich in fremde Angelegenheiten zu mischen.

Als der Tag anbrach, lief sie zu Ali Baba und bat ihn unter heißen

Tränen, seinen Bruder im Walde zu suchen.

Mit drei Mauleseln machte sich Ali Baba auf den Weg und ging hinaus

in den Wald, nachdem er seiner Schwägerin zugeredet und sie mit

freundlichen Worten besänftigt hatte. Als er nun zu dem Felsen kam,

staunte er sehr darüber, als er die frischen roten Blutspuren am

Eingang entdeckte, und ahnte sofort Unheil. Er blickte um sich, aber

auch die Maultiere des Bruders waren nirgends zu sehen. Er trat nun

vor die Türe, sprach die Zauberformel und ging hinein. Wie erschrak er

aber, als er in der Höhle den gevierteilten Leichnam seines Bruders

hängen sah, zwei Teile zur rechten und zwei zur linken! Vor Staunen und

Schmerz blieb er lange reglos stehen; dann aber beschloß er, seinem

Bruder die letzten Ehren zu erweisen, nahm aus den Warenballen einige

kostbare Tücher, hüllte die vier Teile seines Bruders hinein und lud

alles einem seiner Tiere auf. Darüber aber legte er Reisig und Holz,

damit niemand Argwohn schöpfen sollte. Dann bepackte er die beiden

anderen Esel mit Goldsäcken, die er ebenfalls unter Reisig versteckte,

schloß das Tor wieder mit der Zauberformel und zog ohne Umstände nach

Hause zurück. Als er mit Anbruch der Nacht die Stadt erreichte, übergab

er die zwei mit Gold beladenen Esel seinem Weibe und befahl ihr, den

Schatz schleunigst zu vergraben. Mit dem andern Tiere aber, auf welchem

Casims Leiche lag, ging er zu dem Hause seiner Schwägerin. Er klopfte

vorsichtig an das Tor, und alsbald öffnete ihm Casims Sklavin Morgiana,

ein kluges und verständiges Mädchen; sie schob leise den Riegel

zurück, führte Ali Baba in den Hof und lud das Holz ab, nebst den

eingehüllten Leichenteilen. Dann sprach Ali Baba leise zu ihr: »Höre,

Morgiana, was ich dir jetzt sage. In diesen beiden Teppichen liegt der

Leichnam deines Herrn; wir müssen sogleich die Bräuche zur Beerdigung

vollziehen, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre. Vor allem

aber sei verschwiegen, denn das Geheimnis ist sehr wichtig und könnte

deiner Herrin Unglück zuziehen. Jetzt führe mich hinein, damit ich

mit deiner Gebieterin reden kann.« Ali Baba trat in das Gemach seiner

Schwägerin, die ihm verstört und ungeduldig entgegenkam. »Gewiß bringst

du mir schlechte Nachrichten von meinem Manne,« rief sie, »denn dein

Gesicht ist umdüstert und kündet mir nichts Gutes.« Ali Baba erwiderte:

»Nicht eher kann ich dir etwas erzählen, als bis du mir gelobst, kein

Wort laut werden zu lassen über das, was nun einmal geschehen ist; für

dich und für mich geziemt es sich gleichermaßen, Verschwiegenheit zu

bewahren.« Bei diesen Worten weinte die Schwägerin und versetzte: »Nun

weiß ich, daß mein Gatte nicht mehr unter den Lebenden weilt; aber ich

erkenne, daß Verschwiegenheit nötig ist und gebe dir das Versprechen,

das du von mir forderst.« Hierauf erzählte Ali Baba, was sich mit Casim

zugetragen hatte und fügte noch hinzu: »Was Allah bestimmt hat, müssen

wir ruhig hinnehmen. Hab' Geduld, und betrübe dich nicht allzusehr,

denn das Unglück ist unabänderlich! Wenn du aber deinen Gatten nach

Gebühr betrauert hast, so will ich dich gern zum Weibe nehmen, wenn dir

das einen Trost geben kann; du brauchst nicht zu fürchten, daß meine

erste Gattin dich durch Eifersucht quälen wird, denn sie ist freundlich

und wird dir gewiß mit Zärtlichkeit entgegenkommen. Vor allem aber

müssen wir jetzt darauf halten, daß die Leiche meines Bruders verbrannt

werde, als ob er eines natürlichen Todes gestorben wäre; überlaß nur

alles deiner Sklavin Morgiana, ich werde mit ihr beraten, was zu tun

ist.« Casims Witwe war gern bereit, auf Ali Babas Vorschlag einzugehen,

denn außer dem Vermögen, das sie von ihrem ersten Mann ererbte, erhielt

sie ja noch einen sehr reichen Mann; sie trocknete ihre Augen, tröstete

sich rasch und entließ ihren Schwager mit der Versicherung, daß sie

sein Anerbieten nicht ausschlagen würde. Der aber setzte sich auf

seinen Esel und ritt gemächlich seiner Wohnung zu.

[Illustration: Mustapha zweifelte stark an seiner Fähigkeit, sich keine

Fragen zu stellen.]

Als Ali Baba das Haus verlassen hatte, eilte Morgiana hinüber in den

Laden eines Apothekers; sie klopfte bei ihm an und verlangte eine

gewisse Arzenei, die man bei den gefährlichsten Krankheiten anwendete.

Er gab ihr, was sie verlangte, und fragte sie: »Wer ist denn im Hause

deines Herrn so krank, daß ihr dieses seltenen Heilmittels bedürft?«

Sie erwiderte mit betrübter Stimme: »Ach, ach, mein armer Herr Casim

selbst liegt danieder! Er ißt und trinkt nichts und spricht seit

einigen Tagen kein Wort mehr, so daß wir fürchten, daß es mit ihm zu

Ende geht.« Damit nahm sie die Arzenei, die dem toten Casim nichts

mehr nützen konnte, und ging. Am nächsten Morgen trat Morgiana wieder

bei dem Kräuterhändler ein, weinte und seufzte sehr und verlangte

einen noch kräftigem Saft, den man den Kranken nur in der letzten Not

einzugeben pflegte, damit der Sterbende schmerzlos entschlafen sollte.

»Ach, ach!« rief sie, »mein armer Herr, mein guter Herr! Er wird gewiß

nicht mehr die Kraft haben, die Arzenei zu trinken, und ich fürchte,

sie wird ebensowenig nützen, wie die gestrige.« Den ganzen Tag über

gingen Ali Baba und seine Frau mit betrübten und klagenden Gesichtern

umher und warteten schon darauf, daß das Jammern der Schwägerin

und ihrer Sklavin ihnen das Zeichen geben sollte, Casims Begräbnis

ehrenvoll und feierlich zu begehen.

Am Morgen des zweiten Tages lief Morgiana zu der Bude eines alten

Schusters, der seinen Laden stets sehr früh, vor den anderen öffnete,

grüßte ihn freundlich und drückte ihm ein Geldstück in die Hand. Der

Schuhflicker, der in der ganzen Stadt Baba Mustapha genannt wurde,

war ein fröhlicher und lustiger Geselle, wendete die Münze hin und

her, weil es noch etwas dämmerig war, und sagte dann: »Schönen Dank,

mein Fräulein! Das ist ja ein gutes Handgeld! Was steht zu Diensten?«

Morgiana sagte: »Lieber Baba Mustapha, mache dich auf und folge mir;

nimm auch alles Handwerkszeug mit, das du zum Flicken brauchst. Du mußt

dir aber die Augen verbinden lassen, bis wir an dem Orte angekommen

sind, wohin ich dich jetzt führen werde.« — »Ach nein, lieber nicht,«

wehrte Baba Mustapha ab, »gewiß forderst du etwas, was gegen das Gesetz

oder gegen mein Gewissen verstößt! Laß mich lieber hier in meinem

Laden bleiben.« Morgiana gab ihm ein zweites Goldstück, beruhigte ihn

und sagte: »Wie kannst du so etwas von mir glauben? Ich werde nichts

verlangen, was du nicht in allen Ehren vollbringen dürftest. Hab'

keine Angst und folge mir getrost.« Baba Mustapha weigerte sich noch

ein wenig, dann aber ließ er sich ein Tuch um die Augen binden, nahm

Morgianas Hand und ließ sich von ihr bis zu dem Hause Casims führen;

als sie in dem Zimmer angelangt waren, in welchem der Leichnam lag,

nahm ihm Morgiana die Binde von der Stirn und sagte: »Baba Mustapha, du

sollst die vier Stücke dieses Toten zusammennähen; eile dich mit der

Arbeit; wenn du dein Werk getan hast, werde ich dir noch ein Goldstück

geben.« Baba Mustapha tat, wie sie ihm gesagt hatte, und als er fertig

war, bekam er die versprochene Münze. Dann ließ er sich wieder die

Augen verbinden und eine Strecke Weges begleiten. Als ihm Morgiana das

Tuch abgenommen hatte, hieß sie ihn nach Hause gehen und verfolgte ihn

mit ihren Augen, bis er verschwunden war; denn sie fürchtete, er könnte

etwa umwenden und ihr heimlich nachgehen.

Als Morgiana nach Hause zurückkam, bereitete sie warmes Wasser, um

den Leichnam zu waschen, und Ali Baba, der zu gleicher Zeit mit ihr

eingetreten war, half ihr dabei, salbte und beräucherte ihn und hüllte

ihn dann in das Leichentuch. Bald kam auch der Schreiner und brachte

den Sarg, den Morgiana an der Türe abnahm; sie legten den Leichnam

hinein und stellten ihn feierlich in dem Zimmer auf. Dann gingen sie

in die Moschee und meldeten, daß alles zum Begräbnis fertig wäre. Sie

sagten, daß die Leiche bereits gewaschen sei und die Dienste der dazu

bestimmten Leute also unnötig wären. Kurze Zeit darauf kam der Imam

mit seinen Dienern, vier Nachbarn hoben den Sarg auf die Schultern

und trugen ihn hinter dem Imam und den übrigen Trauernden, indem sie

fortwährend Gebete sprachen, bis sie an den Begräbnisplatz kamen.

Morgiana ging barhäuptig, jammernd und weinend vor dem Sarge, schlug

sich die Brust und raufte sich die Haare. Ali Baba und die Nachbarn,

die von Zeit zu Zeit die Sargträger ablösten, schritten hinter ihr her.

Casims Frau war zu Hause geblieben und erhob mit den Nachbarinnen ein

großes Wehegeschrei, so daß das ganze Stadtviertel von ihren Klagen

widerhallte. So blieb Casims Tod verborgen, und niemand, außer Ali

Baba, dessen Frau, Morgiana und Casims Witwe, wußte etwas von dem

Geheimnis. — Wenige Tage nach dem Begräbnis brachte Ali Baba seinen

Hausrat und das Geld, welches er aus der Räuberhöhle gestohlen hatte,

zur Nachtzeit in das Haus von Casims Witwe, wo er fortan zu leben

gedachte. Damit vollzog er seine öffentliche Vermählung mit der Witwe

seines Bruders, über die niemand irgendwelche Verwunderung oder Argwohn

hegte. Casims Laden aber mußte Ali Babas Sohn übernehmen, der bei einem

reichen Kaufmann in die Lehre gegangen war und sich ein tüchtiges

Wissen angeeignet hatte; er sollte den Handel weiterhin betreiben

und später, wenn er seine Geschäfte gut und erfolgreich führte, eine

vermögende Frau erhalten. —

Was nun die vierzig Räuber anbetrifft, so kehrten sie nach einer

bestimmten Frist wieder in die Höhle zurück und waren höchst

verwundert, als sie keine Spur mehr von Casims Leiche fanden und auch

bemerkten, daß eine Menge von den schweren Goldsäcken fortgetragen

worden war. Sie sagten untereinander: »Wehe, wir sind verraten! Wir

müssen jetzt die Sache genau untersuchen und auf der Hut sein, sonst

werden wir allmählich den ganzen Schatz verlieren, den unsere Väter und

wir selbst in vielen Jahren, unter so großen Gefahren und Beschwerden,

hier angesammelt haben.« Der Hauptmann sprach: »Sicherlich wußte der

Dieb, den wir in der Höhle erschlugen, das Zauberwort, durch das sich

die Türe auftut, aber noch ein anderer muß Kenntnis davon haben, denn

wer sollte sonst den Leichnam des Ermordeten weggetragen haben? Auch

sind viele Beutel fortgeschleppt worden, so daß unsere Reichtümer

sehr zusammengeschmolzen sind. Wir haben den ersten Dieb gefangen und

getötet, nun wollen wir überlegen, wie wir auch den andern finden und

aus dem Wege räumen können. Sagt mir euere Meinung, Kameraden, und

beratet mit mir.« Einer von ihnen sagte: »Du hast recht, Hauptmann;

unser erstes Streben muß dahin gehen, den Dieb ausfindig zu machen;

laß uns alle Kräfte daran setzen, seiner habhaft zu werden.« — »Klug

hast du geredet,« versetzte der Hauptmann, »nun aber höret folgenden

Vorschlag, meine wackeren Leute! Einer von euch muß sich verkleiden und

in der Tracht eines fremden Reisenden in die Stadt begeben, um in allen

Straßen zu forschen, ob nicht kürzlich einer der Städter gestorben ist,

und wo er gewohnt hat. Ein tapferer und unternehmungslustiger Mann soll

sich sofort dem Wagnis unterziehen, denn es ist wichtig für uns, daß

wir nicht in dem Lande verraten werden, in dem wir so lange unsern

Unterschlupf hatten. Damit aber derjenige, der die Sendung übernimmt,

keine falsche Kunde bringt, die uns etwa Unheil und Verderben zufügen

kann, so soll über ihn die Todesstrafe verhängt werden, wenn er unserer

Sache untreu wird und Verrat übt.« Sofort meldete sich einer der

Räuber und sagte: »Laß mich in die Stadt ziehen und auf Kundschaft

ausgehen! Wenn es mir nicht gelingt, etwas zu erforschen, so sei mein

Leben verwirkt; aber ihr seht dann doch, daß ich tapfer und guten

Willens war.« Der Hauptmann und seine Kameraden lobten ihn sehr und

freuten sich über seinen Wagemut; dann halfen sie, ihren Kameraden zu

verkleiden, so daß ihn auch sein bester Freund nicht wiedererkennen

konnte.

Der Räuber zog aus und kam gerade in die Stadt, als der Tag zu dämmern

begann. Er begab sich sogleich auf den Marktplatz, wo noch alle Läden

geschlossen waren, außer dem des Baba Mustapha. Der Schuster saß auf

seinem Schemel, mit dem Pfriemen in der Hand, und wollte eben seine

Arbeit beginnen. Der Räuber bot ihm einen Gutenmorgen, trat näher und

sagte freundlich zu ihm: »Du bist sehr alt und fängst doch schon so

zeitig dein Geschäft an. Unmöglich kannst du gut sehen, da es noch

graue Frühdämmerung ist.« Der Schuhflicker antwortete: »Ich merke, daß

du nicht aus der Stadt stammst, denn du kennst mich nicht. Zwar bin

ich schon sehr betagt, aber meine Augen blicken noch scharf. Was sagst

du dazu, daß ich vor nicht langer Zeit eine Leiche zusammengeflickt

habe, und zwar in einem Zimmer, das noch dunkler war, als dieser

Morgen?« Der Räuber freute sich sehr, als er diese Worte hörte, weil

er ahnte, daß er sogleich den richtigen Mann gefunden hatte; deshalb

wollte er ihn noch ein wenig ausfragen und sagte: »Du darfst nicht

so mit mir scherzen, lieber Freund! Warum solltest du denn eine

Leiche zusammennähen? Gewiß hast du dich versprochen und meintest das

Leichentuch, in das sie eingewickelt wurde.« Baba Mustapha lachte

verschmitzt und sagte obenhin: »Laß mich nur zufrieden; ich weiß

sehr gut, was ich meine. Ich sehe, du möchtest mich gern mit Fragen

beschwatzen, aber ich werde dir nichts erzählen.« Der Räuber, dem viel

darauf ankam, genauere Auskunft zu erhalten, zog ein Goldstück aus der

Tasche und drückte es Mustapha in die Hand. »Es liegt mir fern, deine

Geheimnisse auszuspüren,« sagte er, »obschon du glauben kannst, daß

mein Herz und mein Mund sehr verschwiegen sind, wie es sich für einen

Mann geziemt. Nur das eine möchte ich gerne wissen, und du wirst mir

die Antwort gewiß nicht verweigern: wo ist das Haus, in welchem du den

Leichnam genäht hast? Kannst du es mir zeigen und mich dorthin führen?«

Baba Mustapha zauderte und steckte das Goldstück nicht in die Tasche,

sondern wollte es dem Räuber wiedergeben; er entgegnete: »Was nützt

mir die Belohnung, wenn ich dir keinen Dienst erweisen kann? Es steht

gar nicht in meiner Macht, deinen Wunsch zu erfüllen. Eine Sklavin

führte mich an eine bestimmte Stelle und verband mir da die Augen; von

dort brachte sie mich in jenes Haus und in das dunkle Zimmer; und als

ich meine Arbeit vollendet hatte, legte sie mir wieder das Tuch um die

Augen und führte mich an denselben Ort zurück, wo sie mich abgeholt

hatte. Du siehst also selbst, daß ich dir das Haus nicht weisen kann;

darum nimm hier dein Geldstück wieder.« Der Räuber entgegnete: »Wenn du

auch das Haus nicht kennst, so erinnerst du dich vielleicht des Weges,

den dich die Sklavin geführt hat. Bitte folge mir bis zu der Stelle,

wo sie dir die Augen verband; dann werde ich dich dieselben Gassen und

Querstraßen leiten, und vielleicht weißt du noch, welche du damals

gegangen bist. Damit du aber deine Arbeit im Laden nicht unnütz liegen

läßt, gebe ich dir hiermit ein weiteres Goldstück.« Baba Mustapha nahm

die zweite Münze, wog sie lange in der Hand, besah sie aufmerksam und

überlegte, was er tun sollte. Dann steckte er sie zufrieden in seinen

Beutel, erhob sich und folgte dem Räuber, indem er sagte: »Zwar kann

ich dir nicht versprechen, deinen Wunsch zu erfüllen; aber ich werde

mich anstrengen und mich besinnen.« Er verschloß seinen Laden nicht

erst, weil er darin nichts Wertvolles liegen hatte, und führte den

erfreuten Räuber an jenen Ort, wo ihm die Sklavin damals die Augen

verbunden hatte. Als sie dort angelangt waren, legte ihm der Räuber ein

Tuch um die Stirn und ließ sich von dem Schuster führen, indem er ihn

an der Hand hielt und allen seinen Schritten folgte. Baba Mustapha ging

vorsichtig und berechnend die Straße entlang; plötzlich machte er halt

und sagte: »Ich glaube, daß wir hier vor dem richtigen Gebäude stehen.«

Der Räuber zog sofort ein Stück weißer Kreide hervor und machte ein

Zeichen an die Haustüre, um sie wiederzuerkennen, dann nahm er Baba

Mustapha das Tuch von den Augen und fragte, wem das Haus gehöre. Der

Schuhflicker entgegnete: »Ich kenne mich in diesem Stadtviertel nicht

aus, denn ich wohne nicht hier, darum kann ich dir keine Antwort

geben.« Der Räuber sah, daß er nichts weiter in Erfahrung bringen

konnte, dankte Baba Mustapha für seine Freundlichkeit und schickte ihn

wieder in den Laden. Dann machte er sich eilends auf und kehrte in den

Wald zurück, wo seine Kameraden auf ihn warteten.

[Illustration: Indem er sich verkleidete, verwandelte er sich.]

Nicht lange danach trat Morgiana aus dem Hause, um eine Besorgung zu

machen; als sie zurückkam, erblickte sie das Zeichen, das der Räuber

mit weißer Kreide an der Türe angemerkt hatte. Sie blieb verwundert

stehen und betrachtete es gedankenvoll. »Was bedeutet das?« fragte sie

sich selbst. »Gewiß will jemand meinem Herrn einen Streich spielen.

Oder sollte ein Mißgünstiger oder Neider irgend etwas im Schilde

führen? Auf jeden Fall ist es gut, wenn man vorsichtig ist.« Mit diesen

Worten nahm sie ebenfalls ein Stück Kreide und bemalte die Türen der

Nachbarhäuser, die fast ebenso aussahen, mit demselben Zeichen und an

derselben Stelle; dann ging sie wieder an ihre Arbeit, ohne ihrem Herrn

oder ihrer Herrin irgend etwas von dem Vorgefallenen mitzuteilen.

Indessen war der Räuber im Walde angelangt und kehrte vergnügt zu

seinen Kameraden zurück. Er erzählte ihnen sein Abenteuer und den

guten Verlauf seiner Reise und freute sich über das Glück, daß er

sogleich den richtigen Mann gefunden hatte, von dem er das Nötige

erfahren konnte. Der Hauptmann war voll Lobes und sagte zu seinen

Leuten: »Wir wollen jetzt ohne Säumen und unbemerkt nach der Stadt

aufbrechen. Bewaffnet euch gut, und laßt Vorsicht walten! Während

ich mit unserm Kameraden, der uns eben jetzt so erfolgreiche Kunde

gebracht hat, zu dem Hause gehe, das er ausgekundschaftet hat, sollt

ihr von verschiedenen Seiten aus auf dem Marktplatze zusammenkommen,

wo ich euch dann alles weitere mitteilen werde.« Diese Worte fanden

allgemeinen Anklang. Zwei und zwei zogen die Räuber in die Stadt, ohne

irgendwie Verdacht zu erregen, da sie auf der Hut waren und getrennt

voneinander gingen. Zuletzt kam der Hauptmann mit seinem Führer und

ließ sich sogleich zu Ali Babas Haus geleiten. Hier wies ihm der

Räuber das Zeichen am Tore, sie musterten das Haus unauffällig, aber

genau, und gingen dann ruhig weiter, als ob sie, wie Fremde, zufällig

diese Straße durchwanderten. Da bemerkte der Hauptmann, daß auch

die folgenden Türen dasselbe Zeichen an derselben Stelle trugen und

sprach entrüstet und barsch zu dem Führer: »Nun sage mir, du Schuft,

welches das richtige Haus ist!« Der Räuber geriet in Verwirrung und

Verlegenheit und wußte keine Antwort. Er fluchte heftig und rief:

»Wahrlich, ich habe nur eine einzige Türe bezeichnet und verstehe

nicht, woher die übrigen Kreidestriche stammen. Nun aber kann ich

nicht mehr mit Sicherheit angeben, welches Haus ich anmerkte, denn ich

habe es nicht genau betrachtet.« Sie gingen also unverrichteter Sache

zum Marktplatze zurück, und dort sagte der Hauptmann zu einem seiner

Leute: »Sage den übrigen, daß unser Weg erfolglos war, und daß sie

alle wieder nach dem Sammelpunkte im Walde zurückkehren sollen.« Er

selbst folgte ihnen und ging zu der Felsenhöhle, wo er die Räuberbande

beisammen traf. Sie hielten Gericht über den ungeschickten Führer und

erkannten ihn einstimmig für des Todes schuldig; ohne Widerrede und

Furcht hielt der Unglückliche seinen Hals hin und ließ sich den Kopf

abschlagen. Dann trat ein anderer aus der Bande auf und sagte, er

würde es besser machen; man solle ihm die Ehre erweisen und ihn das

Haus suchen lassen. Man war es zufrieden und schickte ihn ans Werk.

Auch er traf Baba Mustapha auf dem Markte, schenkte ihm Goldstücke und

ließ sich von ihm zu Casims Hause geleiten, wo er die Türe an einer

verborgenen Stelle mit roter Kreide zeichnete, um sie von den anderen

weißgezeichneten unterscheiden zu können. Aber wieder sah Morgiana

das rote Zeichen, als sie aus dem Hause ging, und bemalte sofort die

übrigen Türen ebenfalls mit Rötel, da sie noch stärkern Verdacht hegte.

[Illustration: »Herr,« sagte er, »ich habe mein Öl von einer weiten

Strecke mitgebracht, um es morgen zu verkaufen.«]

Der Räuber kehrte fröhlich und zufrieden in den Wald zurück, erzählte,

wie schlau er zu Werke gegangen sei und forderte den Hauptmann auf,

sogleich mit ihm in die Stadt zu gehen. Vorsichtig und in derselben

Ordnung, wie am vorigen Tage, begaben sie sich auf den Weg, und

der Hauptmann wanderte mit seinem Führer zu Ali Babas Wohnung.

Aber hier bemerkten sie mit Erschrecken und Staunen, daß auch die

Nachbartüren mit Rötelstrichen versehen waren, und so mußten sie

enttäuscht und bestürzt wieder den Rückweg antreten. Der törichte

Spion wurde gleichfalls enthauptet, wie der erste. Der Hauptmann war

bekümmert darüber, daß er nun schon zwei seiner tapferen Leute hatte

hingeben müssen und fürchtete, daß auch noch andere ihm verloren

gehen könnten, denn sie waren mehr für Angriff und Raub geeignet,

als zu geschickten und listigen Unternehmungen. Er beschloß daher,

selbst auf Kundschaft zu gehen, bestach gleichfalls den Schuster

Baba Mustapha und ließ sich von ihm zu Ali Babas Behausung führen. Er

vermied es aber, irgendein äußeres Zeichen anzubringen, sondern ging

verschiedene Male an dem Hause vorüber und betrachtete es so genau,

daß es sich seinem Gedächtnis unverlierbar einprägte. Dann kehrte er

wieder in den Wald zurück und sagte, als er in der Felsengrotte war

und die Bande um sich versammelt sah: »Jetzt werden wir sicherlich

das Haus wiederfinden, denn ich habe es mir genau gemerkt; es wird

uns gewiß nicht mehr schwer fallen, den Dieb zu finden. Nun hört, was

ich mir überlegt habe! Vor allem darf niemand etwas von unserer Höhle

und dem Schatze erfahren, denn sonst würden wir uns ins Verderben

stürzen. Gehet hin in die umliegenden Dörfer und kauft dort neunzehn

Maulesel, nebst achtunddreißig großen ledernen Ölschläuchen, von

denen der eine gefüllt, die anderen aber leer sein müssen, und bringt

alles hierher; dann soll jeder von euch, wohl bewaffnet, in einen

Schlauch hineinkriechen, und so werde ich euch unbemerkt in die Stadt

hineinbringen; das andere überlaßt mir.« In kurzer Zeit hatten die

Räuber alles beisammen. Nachdem sie in die Schläuche hineingekrochen

waren und sich durch eine kleine Ritze, die sie auftrennten, Luft

verschafft hatten, nahm der Hauptmann Öl aus dem vollen Schlauche

und befeuchtete die übrigen Schläuche damit, um die Täuschung besser

zu vollenden. Dann lud er alle Schläuche, in denen je einer von den

Räubern stak, sowie den mit Öl gefüllten auf die Maulesel und zog,

als Händler verkleidet, in der Abenddämmerung nach der Stadt. Er nahm

sogleich seinen Weg zu Ali Babas Haus, denn er hatte die Absicht, bei

ihm anzufragen, ob er ihm und seinen Maultieren ein Nachtquartier

gönnen wollte. Ali Baba saß behaglich vor der Türe, denn er hatte

soeben sein Abendessen eingenommen und wollte noch ein wenig frische

Luft atmen. Der Räuber grüßte ihn, hielt die Maultiere an und sprach:

»Herr, ich komme von weit her und möchte morgen mein Öl, das du hier

siehst, auf dem Markte zum Verkaufe ausbieten. Ich bin leider etwas

zu spät in die Stadt gekommen und weiß nicht, wo ich zur Nacht ein

Unterkommen finden kann. Habe Mitleid und nimm mich für diese Nacht

in deinem Hause auf; ich will dir nicht lästig fallen.« Ali Baba

hatte zwar den Banditen damals im Walde, als er auf dem Baume saß,

gesehen und auch seine Stimme gehört, aber infolge der Verkleidung

konnte er in dem Ölhändler den Räuberhauptmann nicht wiedererkennen;

er sagte also: »Tritt ein, Fremder, und sei mir willkommen; du magst

hier nächtigen.« Und er führte den Händler mit seinen Mauleseln in den

Hof. Dort ließ er die Tiere von seinem Sklaven anbinden und mit Heu

und Gerste füttern; er selbst ging in die Küche zu Morgiana und sagte

zu ihr: »Bereite schnell für unsern Gast, der soeben angekommen ist,

ein gutes Nachtmahl, und richte in einem der Zimmer ein Bett für ihn

her.« Dann begab er sich wieder in den Hof und in den Stall, wo der

Hauptmann seine Esel abgeladen hatte. »Du darfst nicht unter freiem

Himmel schlafen, Fremder,« sagte er. »Komm mit herein in meinen Saal,

damit ich dich würdig als meinen Besuch aufnehmen kann.« Der Räuber

weigerte sich, denn er wollte lieber im Hofe bleiben, um sein Vorhaben

desto besser und ungestörter ausführen zu können; aber auf die Bitten

des Hausherrn, denen er nicht länger widerstehen konnte, folgte er ihm

in das Haus. Dort unterhielt ihn Ali Baba aufs beste und ließ ihm ein

leckeres Abendessen auftragen; er leistete ihm so lange Gesellschaft,

bis er sein Mahl beendet hatte; dann stand er auf und sagte: »Ich muß

dich leider jetzt verlassen; wenn du etwas brauchst, so rufe nur, es

soll dir alles im Hause zu Diensten sein.« Darauf ging er hinaus zu

Morgiana und sprach: »Sorge auch weiterhin für unsern Gast, daß es ihm

an nichts fehle. Morgen früh, vergiß es nicht, will ich ins Bad gehen;

lege die Tücher zurecht, und gib sie meinem Sklaven Abdallah; ferner

bereite mir eine gute, kräftige Fleischbrühe, damit ich sie trinken

kann, wenn ich wieder nach Hause komme.« Nach diesen Worten begab sich

Ali Baba auf sein Zimmer und legte sich ins Bett.

Der Räuberhauptmann war indessen in den Hof hinausgetreten, um im

Stalle nachzusehen, ob seine Maultiere Futter und Wasser erhalten

hätten. Er flüsterte seinen Leuten, die in den Schläuchen staken,

heimlich und vorsichtig zu: »Wenn ich um Mitternacht aus meinem Zimmer

kleine Steine herabwerfe, so schneidet mit euren scharfen Messern den

ledernen Schlauch von oben bis unten auseinander, und kriecht sofort

heraus. Ich werde dann augenblicklich zu euch kommen.« Leise ging er in

das Haus zurück, und als er an der Küche vorüberkam, ergriff Morgiana

das Licht, führte ihn in seine Kammer und fragte ihn, ob er noch irgend

etwas brauche, dann solle er nur seine Wünsche äußern. Der fremde

Händler aber dankte, löschte das Licht und legte sich angekleidet auf

das Bett, um ein wenig zu ruhen.

Morgiana ging nun an den Schrank und legte die weißen Badetücher

zurecht, die sie dem Sklaven Abdallah übergab; dann stellte sie den

Topf aufs Feuer, um die Fleischbrühe zu bereiten. Während sie nun damit

beschäftigt war, verlosch plötzlich ihre Lampe, und die Magd bemerkte

mit Schrecken, daß keine Lichter mehr bereit standen und auch alles Öl

verbraucht war, das sie vorrätig hatte. Sie war ratlos und wußte sich

nicht zu helfen; Abdallah bemerkte ihre Verlegenheit und Bestürzung

und sagte: »Warum trauerst du? Gehe doch in den Hof und hole dir aus

einem der vielen Schläuche etwas Öl; der fremde Händler wird dich gewiß

nicht darum schelten, zumal er die Gastfreundschaft unseres Herrn

genießt.« Morgiana dankte für den guten Rat, und während Abdallah

sich behaglich niederlegte, um zu schlafen, weil er in der Frühe Ali

Baba ins Bad begleiten mußte, nahm sie die Ölkanne und ging damit in

den Hof. Als sie nun zu dem ersten Schlauche kam, fragte der Mann, der

darin verborgen war, mit Flüsterstimme: »Ist es jetzt Zeit, Hauptmann?«

Der Räuber hatte sehr leise gesprochen, aber Morgiana hatte trotzdem

seine Worte verstanden, stutzte und wunderte sich um so mehr, weil sie

sich jetzt erinnerte, daß der Händler vorher alle Schläuche geöffnet

hatte, damit seine Leute, welche kaum Atem schöpfen konnten, etwas

frische Luft genießen sollten. Die Sklavin war zwar sehr erschrocken,

als sie statt des Öls einen Mann in dem Schlauche fand, aber sie

bezwang sich und vermied es sorglich, Lärm zu schlagen. Sie war kühn

und wußte sogleich, daß eine Gefahr für Ali Baba und seine Familie

im Anzuge wäre, und daß sie schnell und sicher handeln müsse. Ohne

irgendwie zu zittern oder zu zaudern, antwortete sie mit tiefer Stimme,

indem sie die des Räuberhauptmanns nachahmte: »Die Zeit ist noch nicht

gekommen; aber bald.« Dann ging sie auch zu den anderen Schläuchen und

überall, wo dieselbe Frage erscholl, gab sie dieselbe Antwort, bis

sie zu dem letzten Schlauche kam, der mit Öl gefüllt war. Dort goß

sie schnell ihren Krug voll und ging damit in die Küche zurück, wo

sie die Lampe wieder putzte und entzündete. Sie sprach aber zu sich

selbst: »Wahrlich, das ist kein Händler, sondern der Räuberhauptmann

mit seinen siebenunddreißig Gesellen, die wir beherbergen; der Himmel

schütze und bewahre uns vor Unheil!« Dann nahm sie einen großen Kessel,

setzte ihn auf den Herd und füllte ihn mit Öl aus dem Schlauche; sie

schürte das Feuer zu einer gewaltigen Flamme auf, indem sie immer neues

Holz aufhäufte, bis das Öl kochte und wallte. Rasch ergriff sie den

Kessel, ging damit in den Hof hinaus und schüttete das siedende Öl

in jeden Schlauch, so daß die Räuber, die nicht entfliehen konnten,

verbrüht und erstickt wurden.

Nachdem Morgiana diese Tat geräuschlos vollbracht hatte, kehrte sie

in die Küche zurück, verschloß die Türe, löschte das Feuer, bis nur

noch eine kleine Flamme brannte, und kochte die Fleischbrühe für Ali

Baba. Dann blies sie ihre Lampe aus und setzte sich ans dunkle Fenster,

denn sie wollte alles beobachten, was vor sich ging. Nicht lange

darauf erwachte der Räuberhauptmann, stand auf und blickte in den Hof

hinunter, der nachtschwarz und still vor ihm lag. Kein Licht war zu

sehen. Sofort warf er kleine Steine hinab, um das verabredete Zeichen

zu geben; an dem Schalle merkte er, daß einige die Schläuche trafen,

und er horchte begierig; aber nichts regte sich, kein Ton war zu hören.

Zum zweiten und dritten Male schleuderte er die Steinchen auf die

Schläuche, doch abermals blieb alles stumm, und kein Laut antwortete

ihm. Erstaunt und bestürzt ging er möglichst leise in den Hof hinaus

und trat an den ersten Schlauch; ein übler Geruch von kochendem Öl

und verbranntem Fleische quoll ihm entgegen, und auch alle übrigen

Schläuche waren sehr heiß und in dem gleichen Zustande. Als er aber den

vollen Ölschlauch leer fand, wußte er, was geschehen war, verzweifelte,

kletterte über die Mauer in einen Garten und entfloh, so schnell er

vermochte.

Morgiana hatte alles vom Fenster mitangesehen, und als es still

geworden war und der Hauptmann nicht zurückkehrte, wußte sie, daß er

über die Mauer gestiegen war und die Flucht ergriffen hatte, denn die

Haustüre war doppelt verschlossen. Beruhigt legte sich die wackere

Sklavin nieder und schlief sogleich heiter und zufrieden ein. Am

nächsten Morgen ging Ali Baba mit seinem Sklaven Abdallah in das

Bad, ohne irgendwelche Kenntnis von dem gräßlichen Abenteuer, denn

Morgiana hatte weder ihm, noch Abdallah etwas erzählt, weil sie ihren

Herrn nicht stören und beunruhigen wollte. Die Sonne stand schon

hoch und strahlend am Himmel, als Ali Baba wieder nach Hause kam und

die Ölschläuche noch im Stalle stehen sah; er wunderte sich, daß der

Händler noch nicht mit seinen Maultieren auf den Markt gegangen war,

und fragte Morgiana darum, die nichts im Hofe verändert hatte, damit

ihr Herr um so deutlicher sehen könnte, aus welcher Gefahr sie ihn

gerettet hatte. Sie sagte: »Der allmächtige Gott erhalte dich und dein

Haus noch lange in Frieden und Sicherheit! Was du von mir zu wissen

verlangst, wirst du am besten aus eigener Anschauung erfahren; darum

folge mir, und gehe mit mir in den Hof hinaus!« Die Sklavin führte

ihn an die Ölschläuche, verschloß aber vorher die Türe sorgfältig und

sagte dann: »Sieh einmal in diesen Schlauch hinein, gewiß hast du noch

niemals derartiges Öl erblickt.« Ali Baba tat, wie sie gebeten hatte,

und als er in dem Schlauche einen Mann entdeckte, entsetzte er sich

sehr, sprang zurück und schrie laut auf, als ob er auf eine giftige

Schlange getreten hätte. Morgiana sprach: »Ängstige dich nicht; dieser

Mann wird dir kein Leid zufügen, denn er ist tot; er hat keine Kraft

mehr, etwas Böses zu tun.« Rief Ali Baba: »O Morgiana, sage mir,

welchem Unheil wir entgangen sind! Beim allmächtigen Gott, ich staune

und zittere vor Überraschung!« Morgiana versetzte: »Sprich nicht so

laut, Herr, damit die Nachbarn nichts hören und unser Geheimnis nicht

etwa erfahren. Jetzt aber betrachte dir auch alle übrigen Schläuche.«

Ali Baba prüfte sie der Reihe nach, untersuchte sie und fand in jedem

einen toten und verbrühten Mann. Ratlos blieb er vor Morgiana stehen,

betrachtete bald sie, bald die Schläuche mit weit geöffneten Augen und

wußte nichts zu sagen, so groß war seine Verwunderung. Als er sich

ein wenig erholt hatte, fragte er: »Sage mir doch vor allem, wo der

Ölhändler geblieben ist.« — »Dieser Händler,« erwiderte Morgiana,

»war kein Kaufmann, — ebensowenig wie ich eine Händlerin bin. Ich

will dir jetzt alles erzählen, was sich zugetragen hat und wer jener

Nichtswürdige war. Vorerst aber geh hinein in dein Zimmer, denn du

kommst eben aus dem Bade, und trinke deine Fleischbrühe; so erfordert

es deine teuere Gesundheit.«

Ali Baba begab sich hinein, und Morgiana holte die Fleischbrühe und

setzte sie ihm vor. Ali Baba war sehr ungeduldig, und während er

trank, sagte er: »Erzähle mir nur die wunderbare Begebenheit sehr

ausführlich, denn ich bin unruhig, bevor ich nicht alles erfahren

habe.« Morgiana begann zu erzählen und sagte: »Wie du befohlen

hattest, legte ich gestern die Badetücher zurecht und übergab sie dem

Sklaven Abdallah. Dann bereitete ich deine Fleischbrühe, aber die

Lampe erlosch plötzlich, weil das Öl zu Ende gegangen war. Abdallah

riet mir, neuen Vorrat aus den Schläuchen des Händlers zu holen, und

sein Rat dünkte mich gut. Als ich zu dem ersten Schlauche trat, hörte

ich eine Stimme darin fragen: ›Ist es jetzt Zeit?‹ Ich durchschaute

sofort die List des fremden Kaufmanns und antwortete, indem ich seine

Stimme nachahmte: ›Die Zeit ist noch nicht gekommen; aber bald.‹ Und

so ging ich von einem Schlauche zum andern, und auf jede Frage gab ich

dieselbe Antwort. Als ich meine Lampe aus dem letzten Schlauche wieder

gefüllt hatte, kehrte ich rasch in die Küche zurück, nahm den größten

Kessel und goß ihn voll Öl. Dann machte ich es kochend und siedend

über dem Feuer und schüttete davon in jeden Schlauch, in dem ein Räuber

versteckt war, so daß sie alle verbrüht und getötet wurden. Nicht lange

danach gab der Hauptmann das verabredete Zeichen; aber als ihm niemand

antwortete, ging er selbst hinunter und entdeckte zu seiner Bestürzung,

was geschehen war. Er muß über den Gartenzaun gestiegen sein, denn ich

habe ihn nicht wiedergesehen, und ganz gewiß ist er vor Verzweifelung

entflohen. — Ich will dir nun noch etwas anderes mitteilen; denn ich

habe vor einigen Tagen eine sehr seltsame Entdeckung gemacht, die in

mir einen Verdacht erregt hat. Ich bemerkte nämlich an der Haustüre

ein Zeichen mit weißer Kreide und tags darauf ein rotes. Ich wußte

zwar nicht, zu welchem Zwecke sie angebracht waren, aber aus Vorsicht

bemalte ich unsere Nachbarhäuser ebenso. Ich glaube, wenn du alles

genau überdenkst, wirst du selbst einsehen, daß es sich um die Räuber

aus dem Walde handelt, von denen jedoch zwei nicht mehr unter ihnen

weilen; warum, weiß ich nicht. Jedenfalls sind höchstens noch drei von

ihnen am Leben; du mußt also sehr sorglich und vorsichtig sein, denn

du weißt nun, daß sie dir nach dem Leben trachten. Glaube mir, daß ich

alles daransetzen werde, um dich vor Unglück und Schaden zu bewahren,

wie es einer ergebenen und getreuen Sklavin zukommt. Dies, Herr, ist

die Geschichte, nach der du mich gefragt hast.«

Über diese Worte war Ali Baba hocherfreut und rief: »Wie dankbar

bin ich dir, Morgiana, denn du hast mir einen sehr wichtigen Dienst

erwiesen! Du hast mich vor Gefahr und Tod bewahrt; darum will ich dir

die Freiheit schenken und dir Gutes tun, soviel ich immer vermag. Preis

und Lob sei Gott, dem Erhabenen, daß er mich so glücklich aus der Hand

der vierzig Räuber befreit hat! Möge er mich auch ferner behüten und

vor ihren Nachstellungen schützen, denn wahrlich, sie sind Schurken

und müssen von der Erde getilgt werden! Jetzt aber geziemt es uns vor

allem, die Leichen der Nichtswürdigen zu begraben, damit niemand unser

Geheimnis erfahren und uns in das Gerede der Leute bringen kann.«

Nach diesen Worten ging Ali Baba mit seinem Sklaven hinaus in seinen

großen Garten, der von hohen und alten Bäumen umzäunt war; unter einem

dieser Bäume schaufelten sie eine breite und tiefe Grube; da der Boden

sehr locker und frisch war, hatten sie in kurzer Zeit ihr Geschäft

beendigt. Dann nahmen sie die Leichen aus den Ölschläuchen heraus,

entkleideten sie ihrer Waffen und schleppten sie an das Ende des

Gartens; dort warfen sie die Toten, einen nach dem andern, in das Grab

hinein, schütteten die Gartenerde über sie hin und machten darauf den

Boden wieder eben und sauber, wie zuvor. Die wertvollen Waffen und die

Lederschläuche verbargen sie sorgfältig; die Maulesel aber ließ Ali

Baba an verschiedenen Tagen auf den Markt bringen und durch Abdallah

verkaufen. So blieb alles aufs beste verborgen, und niemand erfuhr, daß

Ali Baba so plötzlich zu einem unermeßlichen Reichtume gekommen war.

Der Hauptmann war inzwischen in den Wald zurückgekehrt; in seinem

Herzen nagten Wut und Ärger, weil seine Unternehmung, auf deren

glücklichen Ausgang er so feste Hoffnungen gesetzt hatte, ein so

trauriges und schmähliches Ende genommen hatte. Sein Geist war

umdüstert; in tiefen und schwermütigen Gedanken wanderte er einsam

durch den Wald, bis er wieder zu der verlassenen Höhle kam. Da wartete

keiner der Gefährten mehr auf ihn, und er mußte bekümmert und verstört

einen Unterschlupf in dem Zauberfelsen suchen. Er rief: »Ihr treuen

Gefährten, ihr wackeren Kameraden und Genossen meiner Raubzüge, wo

seid ihr? Nun muß ich ohne euch auf Abenteuer ziehen, und mit euch

ist ein Teil meiner Kraft und Freudigkeit gewichen, als hätte einer

meiner Feinde mir den rechten Arm vom Leibe geschlagen! Nicht war es

euch vergönnt, in hitzigem Streite und mit dem Schwerte in der Faust

als mutige Männer zu sterben; ein klägliches und unwürdiges Geschick

hat euch hinweggenommen. Nie mehr werde ich eine Schar so tüchtiger

und tapferer Leute um mich sehen! Und euer Tod ist nicht mein einziger

Kummer: der elende Dieb hat mir auch die köstlichsten meiner Schätze

gestohlen, ohne die ich machtlos bin und nichts unternehmen kann. Aber

ich will euch rächen und allein ausführen, was euch versagt war; ich

will den Schatz zurückgewinnen und den Nichtswürdigen töten, der ihn

uns entwendet hat!« Nach diesen Worten legte sich der Hauptmann zur

Ruhe und sank bald darauf in tiefen Schlaf; denn die Klagen hatten

seinen Schmerz gelindert und sein bedrängtes Herz erleichtert.

[Illustration: Sie goss nacheinander in jedes Gefäß eine ausreichende

Menge des kochenden Öls, um den Insassen zu Tode zu verbrühen.]

Als die Morgenröte zwischen den alten Bäumen des Waldes schimmerte,

erhob sich der Hauptmann und legte ein prunkvolles Gewand an; dann

begab er sich in die Stadt und suchte Wohnung in einer Karawanserei,

da er erwartete, irgend etwas Bestimmtes von dem Morde in Ali Babas

Hause zu vernehmen. Er fragte also den Besitzer des Chans, welche

Neuigkeiten sich jüngst in der Stadt zugetragen hätten, und der Wirt

erzählte ihm die verschiedensten Dinge, die er gehört und gesehen

hatte; aber von dem, was der Hauptmann am sehnlichsten zu wissen

wünschte, konnte er nichts in Erfahrung bringen. Er ersah daraus, daß

Ali Baba sehr vorsichtig zu Werke gegangen war, weil er vermutlich

den Reichtum, den er in so kurzer Zeit erworben hatte, geheimzuhalten

wünschte, um keinen Verdacht damit zu erwecken. Der Hauptmann beschloß

also, alles daranzusetzen, um den Verhaßten sobald wie möglich aus dem

Wege zu räumen. Er ritt zu verschiedenen Malen in den Wald, wo er aus

der Höhle bunte Teppiche, schimmernde Seidenstoffe und feine Schleier

holte, und als er die Ballen beisammen hatte, mietete er sich einen

Laden, der ihm günstig erschien, brachte seine Waren dorthin und bezog

ihn ungesäumt. So begann er, das Gewerbe eines Kaufmanns zu betreiben,

um seine List möglichst schnell und geschickt ausführen zu können.

Er nahm den Namen Chogia Husein an und stattete seinen Nachbarn der

Sitte gemäß alsbald einen Besuch ab; seine übertriebene Gefälligkeit

und seine höflichen Sitten verschafften ihm bald ihre Freundschaft und

Achtung.

Gegenüber dem Laden des Hauptmanns lag der des verstorbenen Casim,

wo jetzt Ali Babas Sohn seine Geschäfte trieb. Der war über die

Freundlichkeit und Huld des neuen Ankömmlings sehr erfreut und

unterhielt sich lange mit ihm, denn es ließ sich angenehm mit ihm

plaudern. Wenige Tage darauf besuchte Ali Baba seinen Sohn und traf ihn

in dem Laden des Chogia Husein; der Hauptmann erkannte seinen Feind

sofort wieder und fragte den Jüngling, als sein Vater wieder nach Hause

gegangen war: »Sage mir doch, lieber Freund, wer dieser Mann gewesen

ist?« Jener antwortete: »Er ist Ali Baba, mein Vater, und er besucht

mich von Zeit zu Zeit in meinem Laden.« Da erwies ihm der Hauptmann

noch größere Gefälligkeiten, beschenkte ihn reichlich, überhäufte ihn

mit Gunst und lud ihn oft an seine Tafel, wo er ihm erlesene Gerichte

vorsetzen ließ.

Der Jüngling überlegte sich nun, daß er die Höflichkeiten seines

Nachbars erwidern müsse; aber er bewohnte nur ein enges und kleines

Haus und war nicht vornehm genug eingerichtet, um Chogia Husein auf

würdige Weise bewirten zu können. »Es schickt sich wohl, daß ich meinen

Nachbar einmal zum Nachtmahl einlade,« sagte er zu seinem Vater. Jener

erwiderte: »Mein Sohn, es ist recht, wenn du deinem Freunde vergelten

willst, was er dir Gutes erwiesen hat. Morgen ist Freitag, da magst du

deinen Laden schließen, wie es alle großen Kaufleute tun; führe Chogia

Husein am Nachmittage in der Stadt spazieren und zeige ihm alles,

was er zu sehen wünscht; richte es aber so ein, daß du ihn auf dem

Rückwege unversehens zu meinem Hause bringst. Bitte ihn dann, bei uns

einzutreten, denn ich möchte, daß wir eine förmliche Einladung umgehen.

Ich werde Morgiana Befehl geben, ein gutes Abendessen herzurichten und

alles bereitzuhalten, was unsern Gast ergötzen kann.« Am kommenden

Tage, dem Freitag, unternahmen also Ali Babas Sohn und Chogia Husein

einen Spaziergang durch die Stadt und betrachteten alle Paläste und

prangenden Gärten; auf dem Rückwege aber gingen sie durch die Straße,

wo Ali Baba wohnte, und ab sie vor der Haustüre anlangten, blieb der

Jüngling stehen, pochte an und sagte zu seinem Gefährten: »Hier ist

das Haus meines Vaters, lieber Freund; ich habe ihm schon viel von

deiner Liebenswürdigkeit und Güte erzählen müssen, und er wünscht

sehr, deine Bekanntschaft zu machen. Erweise mir nun die Ehre, hier

einzutreten und ihm einen Besuch abzustatten; du würdest damit meinem

Vater eine große Gefälligkeit erzeigen.« Der Hauptmann freute sich

im Innern sehr, daß er endlich zum Ziele seiner Wünsche gelangt war

und Zutritt in das Haus seines Feindes erhalten hatte, wo er ihn ohne

allzu großes Aufsehen beiseite schaffen konnte; dennoch zögerte er

eine Weile, suchte allerlei Entschuldigungen hervor und stellte sich

so, als wollte er weitergehen. Da aber öffnete ein Sklave das Tor,

der Jüngling ergriff seinen Gast bei der Hand und führte ihn höflich

und artig ins Haus, so daß er nicht weiter widerstreben konnte. Ali

Baba empfing ihn mit Ehrfurcht und Freundlichkeit, dankte ihm für die

Ehre seines Besuches, wünschte ihm Glück und Wohlergehen und sagte

dann: »Wir sind dir sehr verpflichtet, weil du meinem Sohne so viel

Aufmerksamkeit und Güte erwiesen und ihm aus den Schätzen deiner

Erfahrung mitgeteilt hast.« Der Fremde erwiderte Ali Babas Gruß und

Höflichkeit und sagte: »Zwar schmückt deinen Sohn noch nicht die

Weisheit der Greise, da er noch jung an Jahren ist; aber sein Verstand

ist schnell und gesund, so daß ich mein Wohlgefallen an ihm gefunden

habe.« So plauderten sie noch eine Weile heiter und ungezwungen

über mancherlei Dinge, dann aber erhob sich Chogia Husein, um sich zu

verabschieden. Ali Baba hielt ihn jedoch sanft und bittend zurück und

ließ ihn nicht gehen; er sagte: »Wohin willst du ziehen, mein Freund?

Ich wollte dich bitten, das Nachtmahl bei mir einzunehmen; erweise uns

die Gunst und speise an unserer Tafel. Zwar wird das Essen nicht so

glänzend und lecker sein, als du es gewohnt bist; aber ich denke, du

wirst es dennoch annehmen, da ich es dir mit dankbarem Herzen anbiete.«

— »Herr,« erwiderte Chogia Husein, »ich bin dir sehr verpflichtet für

dein höfliches Anerbieten und bin vollkommen von deiner huldvollen

Gesinnung überzeugt; glaube mir, daß ich mit Vergnügen deiner Einladung

folgen würde und daß ich sie nicht aus Mißachtung oder Unhöflichkeit

ausschlage, aber ein besonderer Umstand zwingt mich dazu, nach Hause

zurückzukehren.« Erwiderte Ali Baba: »Sage mir, Herr, was für ein Grund

das sein mag?« Der Kaufmann entgegnete: »Ich will es dir mitteilen;

ich darf nämlich kein Fleisch und keinerlei Fische essen, die mit Salz

bereitet sind; gewiß würde ich dir bei Tisch nur Unannehmlichkeiten

bereiten.« — »Wenn dies allein der Grund ist,« sagte Ali Baba und bat

noch dringender, »so sollst du uns nicht der Ehre deiner Gesellschaft

berauben. An unserm Brote, das du bei uns essen wirst, ist niemals

Salz, und was den Fisch und das Fleisch betrifft, so werde ich der

Köchin Befehl geben, bei ihrer Zubereitung ebenfalls kein Salz zu

gebrauchen. Entschuldige mich einen Augenblick, denn ich will der

Köchin selbst Bescheid bringen; ich kehre im Augenblick zu dir zurück.«

Sogleich begab sich Ali Baba in die Küche zu Morgiana und gebot ihr,

in keine der Schüsseln, die sie heute auftragen würde, Salz zu tun und

außerdem noch einige Gerichte zu bereiten, die ebenfalls ungesalzen

wären. Morgiana erstaunte höchlich über diesen neuen Befehl und war

sehr unzufrieden darüber; mit verdrossenem Gesicht wandte sie sich

um und fragte ihren Herrn: »Wer ist denn dieser seltsame Mann, der

alle Speisen ungesalzen haben will? Das Essen wird verderben, wenn

ich es nicht sogleich auftragen kann.« — »Sei nicht böse, Morgiana,«

besänftigte sie Ali Baba, »sondern tu nur nach meinem Geheiß. Ein

redlicher, wackerer Mann ist bei uns eingekehrt.« Morgiana befolgte,

was Ali Baba gesagt hatte; aber sie war widerwillig und wunderte sich

im stillen; auch plagte sie die Neugierde, den Mann zu sehen, der so

wunderliche Forderungen stellte. Als das Essen bereitet war, half sie

dem Sklaven Abdallah, der soeben den Tisch gedeckt hatte, die Speisen

hineinzubringen. Sie betrachtete Chogia Husein mit scharfen und

mißtrauischen Blicken und erkannte sofort, wer er war, trotz seiner

Verkleidung; zudem bemerkte sie, als sie ihn aufmerksam von der Seite

musterte, daß er einen Dolch unter seinem Gewande verborgen hatte.

»Nun weiß ich,« sprach sie entrüstet in ihrem Herzen, »warum dieser

Gottlose kein Salz mit meinem Herrn essen mag: er ist sein Todfeind und

trachtet ihm nach dem Leben, darum verschmäht er das Sinnbild der Treue

und Unverletzlichkeit. Aber ich will ihm zuvorkommen und ihn auf immer

daran hindern, meinem Herrn ein Böses zuzufügen.«

[Illustration: Als Morgiana die ganze Zeit auf der Hut gewesen war.]

Nachdem Morgiana alle Speisen hineingebracht hatte, ging sie wieder

in die Küche zurück und überlegte, während die Herren aßen, wie sie

ihren Plan am besten und sichersten ausführen könnte. Während sie noch

nachdachte, kam Abdallah herein und meldete, daß Ali Baba befohlen

habe, den Nachtisch zu reichen. Der Sklave räumte den Tisch ab, und

Morgiana trug frische und getrocknete Früchte auf, stellte sie auf ein

kleines Tischchen, zugleich mit einer Flasche Wein und drei Schalen

und ging dann mit Abdallah hinaus, um die Schmausenden nicht etwa beim

vertraulichen Gespräche zu belästigen; sie stellte sich so, als wollte

auch sie nun ihr Nachtmahl einnehmen.

Da freute sich Chogia Husein, oder vielmehr der Räuberhauptmann, denn

er glaubte, daß endlich der günstige Augenblick nahe sei, und sprach

bei sich selbst: »Jetzt ist die Luft frei, und ich kann Rache nehmen!

Ich will die beiden betrunken machen und dem Dieb mein Messer in die

Brust stoßen; seinen Sohn will ich gern verschonen, wenn er sich nicht

widersetzt oder Lärm schlägt. Ich muß aber warten, bis die Köchin und

der Sklave ihr Abendbrot gegessen und sich zur Ruhe begeben haben. Ich

werde wie das erstemal über die Mauer steigen und in den Nachbargarten

entfliehen.«

Morgiana, welche die Absicht des falschen Kaufmanns mit klugem Sinne

durchschaut hatte, war darauf bedacht, ihm keinen Vorteil zu gewähren

und ihn sobald wie möglich an der Ausführung seines arglistigen

Planes zu hindern. Sie legte rasch ein reizendes Kleid an, wie es die

Tänzerinnen zu tragen pflegen, schmückte sich mit einem schillernden

Kopfputze und umgürtete sich mit einem golddurchwirkten Gürtel, in

welchem sie einen Dolch befestigte, dessen Scheide mit herrlichen

Edelsteinen geschmückt war; ihr Gesicht verhüllte sie mit einem

fließenden Schleier. Als sie sich so verkleidet hatte, sprach sie zu

dem Sklaven Abdallah: »Geh und hole deine Schellentrommel, und laß

uns vor unseren Gästen tanzen und ein fröhliches Spiel aufführen,

damit wir sie nach Gebühr erheitern.« Der Sklave tat, wie sie befohlen

hatte, spielte die Schellentrommel und ging so vor Morgiana her in

den Saal hinein. Morgiana verneigte sich tief und mit Anmut und erbat

sich die Erlaubnis, zu tanzen und zu singen. »Unterhaltet nur unsern

werten Gast,« sagte Ali Baba lächelnd, und zu dem Kaufmanne gewandt,

fuhr er fort: »Glaube nicht, mein Freund, daß dieses Vergnügen mir

große Unkosten bereitet; du siehst, es ist niemand anders als meine

Köchin und der Sklave, die uns oft ihre Tänze zum besten geben. Ich

hoffe, auch du wirst dich ein wenig durch die beiden belustigen

lassen.« Chogia Husein war über diesen Zwischenfall sehr verstimmt,

denn er glaubte, daß ihm der günstige Augenblick nun entglitten sei; er

verwünschte die beiden Tänzer, stellte sich aber so, als wäre er sehr

erfreut über diese unerwartete Unterhaltung und sagte: »Ich bin dir

sehr dankbar für deine Überraschung; was dir Vergnügen bereitet, lieber

Gastgeber, das will ich nicht verschmähen, denn auch ich werde gewiß

viel Vergnügen daran finden.«

Sofort begann Abdallah aufs neue die Schellentrommel zu schlagen

und ein frisches Lied zu singen. Morgiana erhob sich und fing an zu

tanzen; sie wiegte sich und beugte sich, hüpfte vorwärts und zurück

in zierlichsten Schritten, bewegte sich heiter und ungezwungen und

erntete bei allen Anwesenden besondern Beifall. Nur der falsche

Kaufmann beachtete ihre Kunst sehr wenig und blickte oft verdrossen

und enttäuscht vor sich hin. Nachdem Morgiana verschiedene schwierige

Stellungen ausgeführt hatte, zog sie plötzlich den Dolch aus dem

Gürtel, schwang ihn in der Hand und begann einen neuen Tanz, der den

drei Zuschauern am meisten gefiel. Sie bildete die verschiedensten

und kühnsten Figuren, streckte bald den Dolch wie zum Stoße empor,

richtete ihn bald auf ihren eigenen Busen und ließ ihn in der

Luft blitzen und funkeln. Dann riß sie dem Sklaven Abdallah die

Schellentrommel aus der Hand, während sie in der Rechten noch den Dolch

hielt und bot den Zuschauern die hohle Seite der Trommel dar, um Geld

einzusammeln, wie es die gewerbsmäßigen Tänzer und Tänzerinnen zu tun

pflegen. Ali Baba warf ihr ein Goldstück in die Trommel; dann trat sie

vor seinen Sohn hin, der ihr auch eine hohe Münze gab, und schließlich

vor Chogia Husein, der schon seinen Beutel hervorzog, als er sie auf

sich zukommen sah. Eben wollte er eine Gabe in die Trommel werfen, als

Morgiana mit Mut und Entschlossenheit ihm den blitzenden Dolch mitten

durch das Herz stieß, so daß der Räuber tot wie ein Stein zurücksank.

Ali Baba und sein Sohn sprangen entsetzt empor und erhoben ein lautes

Geschrei. »Unselige!« rief Ali Baba und packte Morgiana heftig bei der

Hand, »was hast du getan! Du hast mich und meine ganze Familie in das

Unglück gestürzt!« Morgiana blieb sehr ruhig und sagte: »Du irrst dich,

Herr, ich habe dich vielmehr vor einem Unglück errettet; merk auf, was

ich dir zeige.« Damit löste sie Chogia Huseins Kleider und zeigte Ali

Baba den Dolch, den der falsche Kaufmann in seinem Gewande verborgen

hatte. »Blick ihn dir genau an,« fuhr Morgiana fort, als Ali Baba

voll Staunen und Erschrecken zurückwich; »du siehst, daß du deinen

Todfeind vor dir hattest. Erkennst du nicht den Ölhändler wieder und

den Hauptmann der vierzig Räuber? Nun weißt du, warum der Schändliche

kein Salz mit dir zu essen wünschte; ich schöpfte Argwohn wider ihn

und blickte ihm prüfend ins Angesicht, denn ich war davon überzeugt,

daß er dich verderben wollte. Mein Verdacht war nicht grundlos, wie

du dich soeben überzeugt hast; dem Himmel sei Preis und Lob, daß er

dich aus der Gefahr befreit hat!« Ali Baba war tief gerührt über ihre

Wachsamkeit und Treue und überschüttete Morgiana mit Dankesbezeigungen,

weil sie ihm zum zweiten Male das Leben gerettet hatte. »Ich habe

dir die Freiheit geschenkt; nun möchte ich dich auch fest an unsere

Familie binden, denn ich will dich mit meinem Sohne vermählen.« Dann

wandte er sich zu seinem Sohne und sprach: »Ich glaube, du wirst meinen

Wunsch gutheißen und dich nicht widersetzen, wenn ich dir Morgiana zur

Frau gebe. Denn auch du bist ihr zu Dank verpflichtet; Chogia Husein

hat ja deine Freundschaft nur darum gesucht, damit er desto leichter

Gelegenheit fände, mich meuchlings zu ermorden. Aber Morgiana hat

uns durch ihren Mut und ihre Entschlossenheit gerettet, und du wirst

erkennen, daß ihre Pflichttreue und ihre Klugheit unserer Familie

zur Zierde gereichen werden bis ans Ende unserer Tage.« Der Jüngling

zeigte nicht das geringste Widerstreben, sondern erklärte sich ohne

Umschweife bereit, Morgiana zu heiraten, nicht nur aus Gehorsam gegen

den Vater, sondern auch aus inniger Zuneigung zu dem wackern Mädchen.

Dann nahmen alle drei die Leiche des Räuberhauptmanns, trugen sie

hinaus in den Garten und vergruben sie in aller Stille und mit Eile

neben den übrigen Banditen, so daß erst nach langen Jahren, als

niemand von den Beteiligten mehr am Leben war, die Geschichte dieses

wunderlichen Abenteuers bekannt wurde.

Kurze Zeit darauf feierte Ali Baba die Hochzeit seines Sohnes mit

seiner ehemaligen Sklavin; er richtete ein glanzvolles Fest her und

verschönte es durch Tänze und mancherlei Lustbarkeiten. Er freute sich

aber besonders, daß alle Nachbarn, die er geladen hatte, die Vorzüge

Morgianas priesen, ohne die wahren Beweggründe zu ihrer Vermählung zu

kennen.

Seitdem Ali Baba zum letzten Male in der Höhle gewesen war und dort die

Leiche seines Bruders gefunden hatte, war er nie wieder an den Felsen

zurückgekehrt, da er sich vor den Räubern fürchtete und beständig in

der Gefahr lebte, er könnte vielleicht von ihnen überrascht werden.

Noch lange Zeit nach dem Tode des Hauptmanns hütete er sein Geheimnis,

weil er besorgte, daß noch die beiden übrigen Banditen am Leben sein

könnten. Erst nach einem Jahre, als ihm keine Unannehmlichkeiten

wieder begegnet waren, bestieg er eines Morgens sein Pferd und

ritt vorsichtig hinaus in den Wald nach der Grotte; er fand weder

Spuren von Menschen, noch von Tieren und freute sich über dieses

gute Vorzeichen; sein Roß band er an einem Baume fest, näherte sich

dann der Türe und sprach die Worte, die er nicht aus dem Gedächtnis

verloren hatte: »Sesam, öffne dich!« Sofort tat sich die Türe auf,

er trat ein und sah die Waren und den Schatz noch unberührt; daraus

konnte er erkennen, daß niemand mehr in dem Felsen gewesen und daß

keiner von den Räubern mehr am Leben war. Dies überzeugte ihn, daß er

allein um das Geheimnis der Höhle wußte; er war Herr all der Schätze,

die in unermeßlichen Mengen vor ihm ausgebreitet lagen. Er nahm einen

Sack, füllte ihn mit soviel Gold, wie sein Tier zu tragen vermochte,

und kehrte dann vergnügt und zufrieden in die Stadt zurück. Er lebte

noch lange in Glanz und Reichtum; und als er sein Ende nahen fühlte,

weihte er seinen Sohn in das Geheimnis ein, so daß durch den Segen des

Schatzes von Kind zu Kindeskindern Glück und Wohlstand blühten, weil

sie ihren Reichtum mit Mäßigung und durch Wohltun genossen.

Arabische Nächte(#75699) · 第 18 / 21 题