GESCHICHTE DES PRINZEN ACHMED UND DER FEE PARI BANU

Es war einmal ein Sultan, welcher nach einer vieljährigen friedlichen

Regierung im Alter die Freude hatte, zu sehen, daß seine drei Prinzen,

als würdige Nachahmer seiner Tugenden, nebst einer Prinzessin, die

seine Nichte war, die Zierde seines Hofes ausmachten. Der älteste von

diesen Prinzen hieß Hussain, der zweite Aly, der jüngste Achmed und

seine Nichte Nurunnihar.

Die Prinzessin Nurunnihar war die Tochter des jüngsten Bruders des

Sultans, der schon wenige Jahre nach seiner Vermählung gestorben

war und sie als zarte Waise zurückgelassen hatte. Mit einer

unvergleichlichen Schönheit und mit allen Vollkommenheiten des Körpers

verband die Prinzessin einen ebenso außerordentlichen Verstand, und

ihre fleckenlose Tugend zeichnete sie unter allen Prinzessinnen ihrer

Zeit aus.

Der Sultan, als Oheim der Prinzessin, der sich schon längst vorgenommen

hatte, sie, wenn sie mannbar geworden sein würde, zu verheiraten und

durch ihre Vermählung ein Verwandtschaftsbündnis mit irgendeinem

benachbarten Fürsten anzuknüpfen, dachte jetzt um so ernsthafter daran,

da er bemerkte, daß seine drei Prinzen dieselbe leidenschaftlich

liebten. Er betrübte sich darüber außerordentlich, nicht sowohl

deswegen, weil ihre Zuneigung ihn hinderte, die beabsichtigte

Verbindung zu schließen, als vielmehr wegen der Schwierigkeit, sie alle

drei über diesen Punkt zu einigen und die beiden jüngeren wenigstens

zu veranlassen, die Prinzessin dem ältesten zu überlassen. Er sprach

mit jedem von ihnen besonders, und machte ihnen die Unmöglichkeit klar,

daß eine einzige Prinzessin drei Männer auf einmal heiraten könne, und

zugleich, welche Uneinigkeit daraus entstehen würde, wenn sie alle

drei bei ihrer Leidenschaft beharrten. Er bot alles auf, um sie zu

bewegen, daß sie entweder der Prinzessin die entscheidende Wahl unter

ihnen dreien überlassen oder selber von ihren Ansprüchen abstehen, an

eine andere Wahl denken und sie mit einem auswärtigen Prinzen vermählen

lassen sollten. Doch als er bei ihnen auf eine unüberwindliche

Hartnäckigkeit stieß, ließ er sich alle drei kommen und richtete die

folgenden Worte an sie:

»Meine Kinder, da es mir nicht gelungen ist, euch zu eurem Glück und

zu eurer Ruhe dahin zu vermögen, daß ihr euch nicht weiter um die Hand

meiner Nichte bewerben möchtet, und ich von meinem väterlichen Ansehen

nicht Gebrauch machen und sie einem von euch geben will, so glaube ich

ein Mittel gefunden zu haben, um euch alle zufrieden zu stellen und

die Einigkeit unter euch zu erhalten, sofern ihr anders auf mich hören

und das, was ich euch sagen werde, tun wollt. Ich finde es nämlich am

passendsten, daß ihr alle drei, doch jeder anderswohin, eine Reise

macht, so daß ihr euch durchaus nicht treffen oder begegnen könnt,

und da ihr wißt, wie neugierig ich auf alles bin, was in seiner Art

selten und einzig ist, so verspreche ich die Prinzessin demjenigen zur

Gemahlin zu geben, der mir die außerordentlichste Seltenheit mitbringen

wird. Ihr sollt dann selber über die Vorzüglichkeit der von euch

mitgebrachten Sachen entscheiden und euch selbst euer Urteil sprechen,

indem ihr den Vorzug demjenigen unter euch gebet, der ihn verdient. Zu

den Reisekosten und zu dem Ankauf von Seltenheiten, die ihr euch zu

verschaffen suchen werdet, will ich jedem von euch eine eurem Stand

angemessene Summe mitgeben. Indes, ihr dürft sie nicht auf Reisegefolge

oder Reisegepäck verwenden, weil ihr dadurch verraten würdet, wer ihr

seid und dadurch jede Freiheit einbüßen würdet, deren ihr nicht bloß

zur Ausführung dieses Planes, sondern auch sonst noch bedürft, um alles

das, was eurer Aufmerksamkeit wert ist, beobachten zu können.«

[Illustration: Piruza, die Schönste und Ehrenhafteste von allen.]

Da die Prinzen sich stets den Wünschen des Vaters willig gefügt

hatten, und da überhaupt ein jeder von ihnen hoffte, das Glück werde

ihm günstig sein und ihm den Besitz der Prinzessin Nurunnihar

verschaffen, so antworteten sie ihm, daß sie ihm zu gehorchen bereit

wären. Ohne Verzug ließ ihnen nun der Sultan die versprochene Summe

auszahlen, und noch denselben Tag gaben sie ihre Befehle zu den

Vorbereitungen zur Reise, ja sie nahmen sogar von ihrem Vater, dem

Sultan, Abschied, um den folgenden Tag ganz früh schon abreisen zu

können. Sie zogen alle drei, mit allem Nötigen wohl versehen und

ausgerüstet und als Kaufleute verkleidet, zu einem und demselben Tore

der Stadt hinaus, jeder bloß von einem einzigen vertrauten Diener in

Sklavenkleidern begleitet. So gelangten sie miteinander bis zur ersten

Nachtherberge, wo der Weg sich in dreifacher Richtung teilt und wo sich

jeder einen Weg zur Fortsetzung seiner Reise wählen konnte. Als sie

hier miteinander die Abendmahlzeit verzehrten, verabredeten sie sich

untereinander, daß ihre Reise gerade ein Jahr dauern sollte, und sie

bestellten sich nach Ablauf dieser Frist wieder in dieselbe Herberge,

mit der Bedingung, daß, wer zuerst da einträfe, auf den andern, und

beide dann auf den dritten warten sollten, so daß sie alle drei, so wie

sie miteinander zugleich von ihrem Vater Abschied genommen, auch bei

ihrer Rückkehr sich ihm alle zusammen wieder vorstellen könnten. Den

folgenden Morgen stiegen sie bei Tagesanbruch zu Pferde, und nachdem

sie sich umarmt und einander glückliche Reise gewünscht hatten, schlug

jeder von ihnen einen von den drei Wegen ein.

Der Prinz Hussain, der älteste von den drei Brüdern, welcher viel von

der Größe, der Macht, dem Reichtum und dem Glanze des Königreichs

Bisnagar hatte erzählen hören, nahm seine Richtung nach dem indischen

Meere. Nach einer Reise von etwa drei Monaten, auf der er sich an

verschiedene Karawanen anschloß und bald öde Wüsten und Gebirge, bald

sehr bevölkerte, angebaute und fruchtbare Länder durchzog, gelangte

er endlich nach Bisnagar, welches die Hauptstadt des gleichnamigen

Königreichs und zugleich der Sitz der Könige dieses Landes ist. Er

kehrte in einen Chan ein, in welchem die fremden Kaufleute abzusteigen

pflegten, und da er hörte, daß es hauptsächlich vier Orte in der Stadt

gäbe, wo die Kaufleute und Verkäufer aller Arten von Handelswaren

ihre Läden hatten, begab er sich gleich am folgenden Tage nach einem

dieser Plätze. In der Mitte desselben lag das Schloß oder vielmehr der

königliche Palast, welcher einen großen Raum einnahm und gleichsam den

Mittelpunkt der Stadt bildete, die drei Ringmauern hatte und deren Tore

zwei volle Stunden Weges weit voneinander entfernt waren.

Der Prinz Hussain konnte das Stadtviertel, in dem er sich befand, nicht

ohne Verwunderung betrachten. Es war sehr geräumig, und von mehreren

Straßen durchschnitten, welche gegen die Sonnenglut oben überwölbt

und doch alle sehr hell waren. Die Kaufläden waren alle gleich groß

und von ein und derselben Form, und die Läden derjenigen Kaufleute,

welche dieselben Waren verkauften, waren nicht zerstreut, sondern in

ein und derselben Straße beisammen, und ebenso war es mit den Buden der

Handwerker.

Die Menge der Läden, welche mit derselben Gattung von Waren angefüllt

waren, wie z. B. mit den feinsten indischen Schleiertüchern, mit

buntgemalten Linnentüchern, welche in den lebhaftesten Farben ganze

Landschaften, Menschen, Bäume und Blumen darstellten, mit Brokat

und Seidenstoffen aus Persien, China und andern Orten, ferner mit

japanischem Porzellan oder Fußteppichen von allen Gattungen und von

jeder Größe, überraschte ihn so sehr, daß er nicht wußte, ob er seinen

eignen Augen trauen dürfte. Doch als er zu den Läden der Goldschmiede

und Juweliere kam — beide Gewerbe wurden nämlich von einer und

derselben Klasse von Kaufleuten betrieben —, war er beim Anblick der

ungeheuren Menge trefflicher Gold- und Silberarbeiten ganz außer sich

und wie geblendet von dem Glanze der Perlen, der Diamanten, Smaragde,

Rubine, Saphire und anderer Edelsteine, die hier in Fülle zum Verkauf

ausgeboten wurden. Wenn er nun schon über so viele, an einem einzigen

Orte aufgehäufte Reichtümer verwundert war, so mußte er sich noch

mehr über den Reichtum des Königreichs im allgemeinen wundern, als er

bemerkte, daß — mit Ausnahme der Brahmanen und der Tempeldiener,

die es zu ihrem Berufe machten, fern von den Eitelkeiten der Welt

zurückgezogen zu leben — es im ganzen Reiche nicht leicht einen Inder

oder eine Inderin gab, die nicht Hals- und Armbänder, Schmuck an den

Schenkeln und Füßen von Perlen und Edelsteinen gehabt hätten, die um so

glänzender erschienen, als die Hautfarbe der sämtlichen Einwohner so

schwarz war, daß sie den Glanz derselben bedeutend hob.

Nachdem Prinz Hussain das ganze Stadtviertel von Straße zu Straße

durchkreuzt und den Kopf ganz voll von den Reichtümern hatte, die

sich seinen Augen darboten, empfand er endlich das Bedürfnis, etwas

auszuruhen. Er sagte dies einem Kaufmann und dieser lud ihn sehr

höflich ein, in seinen Laden einzutreten und sich zu setzen, was er

denn auch annahm. Er hatte noch nicht lange dagesessen, als er einen

Ausrufer vorübergehen sah, mit einem Teppich von etwa sechs Fuß ins

Geviert, den er zu einem Preise von dreißig Beuteln ausbot. Er rief

den Ausrufer heran und wünschte den Teppich zu sehen, der ihm nicht

bloß wegen seiner Kleinheit, sondern auch in Hinsicht auf die Güte

viel zu teuer ausgeboten zu werden schien. Als er den Teppich genug

besichtigt hatte, sagte er zu dem Ausrufer, daß er nicht begreife, wie

ein so kleiner und so unscheinbarer Fußteppich zu einem so hohen Preise

feilgeboten werden könne.

Der Ausrufer, welcher den Prinzen für einen Kaufmann hielt, antwortete

ihm:

»Gnädiger Herr, wenn Euch dieser Preis schon so übermäßig hoch

vorkommt, wie werdet Ihr Euch erst wundern, wenn ich Euch sage, daß ich

Befehl habe, ihn bis zu vierzig Beuteln zu steigern und ihn bloß für

diesen Preis, und zwar in barem Gelde abzulassen.«

»So muß er,« erwiderte der Prinz, »diesen Preis um irgend einer

Eigenschaft willen wert sein, die mir unbekannt ist.«

»Ihr habt es erraten, edler Herr,« antwortete der Ausrufer, »und Ihr

werdet mir gewiß zugeben, daß der Preis nicht zu hoch ist, wenn Ihr

erst wißt, daß, wenn man sich auf diesen Teppich setzt, man sich auf

ihm überall hin versetzen kann, wohin man sich wünscht, und daß man

augenblicklich da ist, ohne daß einem irgendein Hindernis unterwegs

zustoßen kann.«

Diese Äußerungen des Ausrufers bewirkten, daß der Prinz von Indien,

mit Rücksicht darauf, daß der Hauptzweck seiner Reise ja doch nur der

sei, seinem Vater, dem Sultan, irgendeine Seltenheit mitzubringen, der

Meinung wurde, er könne nicht leicht einer Sache habhaft werden, die

dem Sultan mehr Freude zu machen imstande wäre.

»Wenn der Teppich,« sagte er zu dem Ausrufer, »wirklich die Eigenschaft

hätte, die du ihm beilegst, so würde ich den dafür verlangten Preis von

vierzig Beuteln nicht zu hoch finden, ja, ich könnte mich wohl selbst

entschließen, auf diesen Preis einzugehen und außerdem dir noch ein

Geschenk zu machen, womit du gewiß zufrieden sein würdest.«

»Gnädiger Herr,« erwiderte der Ausrufer, »ich habe Euch die Wahrheit

gesagt, und es wird mir leicht sein, Euch davon zu überzeugen, wenn Ihr

erst den Handel für vierzig Beutel eingegangen seid, mit der Bedingung,

daß ich Euch zuvor einen Versuch der Art machen lasse. Da Ihr nun die

vierzig Beutel nicht hier habt, und ich Euch doch, um sie in Empfang

zu nehmen, erst nach dem Chan begleiten müßte, wo Ihr als Fremder

eingekehrt seid, so wollen wir mit Erlaubnis des Besitzers in diesen

Laden treten. Dort werde ich den Teppich ausbreiten, und wenn wir uns

beide darauf gesetzt haben und Ihr den Wunsch geäußert haben werdet,

mit mir nach Eurem Zimmer in dem Chan versetzt zu sein und es nicht

auf der Stelle in Erfüllung geht, so soll der Handel ungültig und Ihr

zu nichts verpflichtet sein. Was das Geschenk betrifft, so werde ich

es — da meine Mühe mir ja von dem Verkäufer bezahlt werden muß — als

eine Gnade betrachten, die ihr mir erzeigt, und für die ich Euch stets

verpflichtet sein werde.«

Der Prinz ging im Vertrauen auf die Redlichkeit des Ausrufers auf

diesen Vorschlag ein. Er schloß den Kauf unter der erwähnten Bedingung

ab und trat mit Erlaubnis des Kaufmanns in den Laden ein. Der Ausrufer

breitete den Teppich aus, beide setzten sich darauf, und kaum hatte

der Prinz den Wunsch, in das Zimmer seines Chans versetzt zu werden,

geäußert, so befanden sie sich auch schon dort, und zwar in derselben

Lage. Da er weiter keine Versicherung für die Kraft des Teppichs mehr

bedurfte, zahlte er dem Ausrufer die Summe von vierzig Beuteln in

Gold aus und fügte noch für ihn besonders ein Geschenk von zwanzig

Goldstücken hinzu.

So war denn nun der Prinz Hussain Besitzer des Teppichs und hatte die

Freude, gleich bei seiner Ankunft in Bisnagar ein so seltnes Stück an

sich gebracht zu haben, das, wie er nicht zweifelte, ihm den Besitz

der Prinzessin Nurunnihar verschaffen mußte. In der Tat hielt er es

für unmöglich, daß seine beiden jüngeren Brüder etwas von ihrer Reise

mitbringen könnten, daß mit demjenigen verglichen werden könnte, was er

so glücklich gewesen war, zu finden. Er hätte sich jetzt nicht länger

in Bisnagar aufzuhalten brauchen, denn der Teppich ermöglichte es ihm,

sich in einem Augenblick nach dem verabredeten Zusammenkunftsort zu

versetzen. Allein da er dann so lange hätte warten müssen, bechloß er,

da er neugierig war, noch einige Monate zu bleiben, um den König von

Bisnagar und seinem Hofe, sowie seine Streitkräfte, Gesetze, Sitten,

die Religion und die Verfassung des Reichs kennen zu lernen.

Das tat er denn auch und er sah so viele merkwürdige Dinge, daß er

sich wohl bis zum Ablauf des Jahres hätte angenehm zerstreuen können,

nach welchem er sich, der Verabredung gemäß, wieder mit seinen

Brüdern zusammenfinden wollte; allein, da er auch durch das, was er

gesehen, völlig befriedigt und beständig mit dem Gegenstand seiner

Liebe beschäftigt war, dünkte ihm, sein Gemüt werde ruhiger und er

selber zugleich seinem Glücke näher sein, wenn er durch eine geringere

Ferne von ihr getrennt wäre. Nachdem er daher dem Wirte des Chans

den Mietzins für das Zimmer, welches er innegehabt, bezahlt und ihm

die Stunde bezeichnet hatte, wo er sich den Schlüssel seines Zimmers

abholen könne, ging er, ohne ihm weiter zu sagen, wie er abreisen

würde, in sein Gemach, machte die Tür hinter sich zu, ließ aber den

Schlüssel darin stecken. Hier breitete er den Teppich aus und setzte

sich mit seinem vertrauten Diener darauf. Sodann sammelte er seine

Gedanken, und kaum hatte er recht ernstlich gewünscht, daß er doch

in der Herberge sein möchte, wo seine Brüder mit ihm zusammentreffen

sollten, als er auch schon da war. Er kehrte dort ein, indem er sich

für einen reisenden Kaufmann ausgab, und erwartete die andern.

Der jüngere Bruder Hussains, Prinz Aly, welcher sich eine Reise nach

Persien vorgenommen hatte, war mit einer Karawane, an die er sich

schon am dritten Tage nach der Trennung von seinen beiden Brüdern

angeschlossen, dahin abgegangen. Nach einer Reise von beinahe vier

Monaten kam er endlich nach Schiras, welches damals die Hauptstadt

des persischen Reiches war. Da er unterwegs mit einer kleinen Anzahl

von Kaufleuten Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen hatte, doch

ohne sich ihnen weiter zu erkennen zu geben, nahm er seine Wohnung in

demselben Chan mit ihnen.

Den folgenden Tag, während die anderen Kaufleute ihre Warenballen

öffneten, zog der Prinz Aly andere Kleider an und ließ sich nach

dem Orte führen, wo Edelsteine, Gold- und Silberarbeiten, Brokat,

Seidenstoffe, feine Schleiertücher und andere seltene und kostbare

Waren zu verkaufen waren. Dieser Ort, der sehr geräumig und sehr

dauerhaft angelegt war, war oben überwölbt, und das Gewölbe wurde

von dicken Pfeilern getragen; die Buden aber waren teils um diese

herum, teils an den Mauern entlang, sowohl von innen, als von außen

angelegt. Der Ort selbst war in Schiras allgemein unter dem Namen

Besastan bekannt. Gleich anfangs durchstreifte der Prinz Aly den

Besastan in die Länge und die Breite und nach allen Seiten und schloß

voll Verwunderung aus der erstaunlichen Menge kostbarer Waren, die er

ausgelegt sah, auf die Reichtümer, die da beisammen sein möchten. Unter

allen Ausrufern, welche da kamen und gingen und die verschiedensten

Sachen zum Kauf ausboten, sah er zu seinem Erstaunen auch einen, der

ein elfenbeinernes Rohr in der Hand hielt, das etwa einen Fuß lang und

von der Dicke eines Daumens war, welches er um einen Preis von dreißig

Beuteln ausrief. Anfangs glaubte der Prinz, der Ausrufer sei nicht

recht bei Verstande. Um sich darüber Auskunft zu verschaffen, trat er

in den Laden eines Kaufmanns und sagte zu diesem, indem er auf den

Ausrufer hindeutete:

»Herr, sagt mir doch, ich bitte Euch, ob ich mich täusche. Ist jener

Mann, der ein kleines elfenbeinernes Rohr zu einem Preise von dreißig

Beuteln ausbietet, wohl bei völligem Verstande?«

»Herr,« erwiderte der Kaufmann, »wenn er nicht etwa seit gestern seinen

Verstand verloren hat, so kann ich Euch nur sagen, daß er der klügste

unter allen unseren hiesigen Ausrufern ist und zugleich am meisten

gesucht ist, wenn man Sachen verkaufen will, weil man zu ihm am meisten

Zutrauen hat. Was indes jenes Rohr betrifft, das er zu einem Preise von

dreißig Beuteln ausruft, so muß es wohl aus irgendeinem Grunde, den

wir nicht wissen, soviel und vielleicht noch mehr wert sein. Er wird

augenblicklich wieder hier vorbeikommen, wir wollen ihn dann anrufen,

und Ihr mögt Euch selber über die Sache unterrichten. Unterdes könnt

Ihr Euch ja auf mein Sofa hier setzen und etwas ausruhen.«

Prinz Aly lehnte das höfliche Anerbieten des Kaufmanns nicht ab, und

kaum hatte er eine Weile dagesessen, als der Ausrufer schon wieder

vorbeiging. Der Kaufmann rief ihn beim Namen, und jener trat herein.

Hierauf sagte er zu ihm, indem er auf den Prinzen hinwies:

»Gebt einmal diesem Herrn da Antwort, der mich fragt, ob Ihr wohl bei

Verstande wärt, daß Ihr ein elfenbeinernes Rohr, daß so wenig Wert zu

haben scheint, für dreißig Beutel ausbietet. Ich würde mich selbst

wundern, wenn ich nicht wüßte, daß Ihr ein verständiger Mann seid.«

Der Ausrufer wandte sich jetzt zu dem Prinzen und sagte zu ihm: »Herr,

Ihr seid nicht der einzige, der mich wegen dieses Rohres für einen

Toren ansieht; doch Ihr mögt selber urteilen, ob ich einer bin, wenn

ich Euch die Eigenschaft desselben gesagt haben werde. Ich hoffe, daß

Ihr dann ein ebenso hohes Gebot darauf tun werdet, wie diejenigen,

denen ich es bisher gezeigt und die eine ebenso üble Meinung von mir

hatten als Ihr.«

»Zuerst,« fuhr der Ausrufer fort, indem er dem Prinzen das Rohr

überreichte, »müßt Ihr wissen, daß dieses Rohr an jedem Ende ein Glas

hat, und daß, wenn man durch eines dieser Gläser sieht, man sogleich

alles erblickt, was man irgend zu sehen wünscht.«

»Ich bin bereit, Euch eine feierliche Genugtuung zu geben,« erwiderte

der Prinz Aly, »wenn Ihr mir die Wahrheit dessen, was Ihr behauptet,

beweisen könnt.« Und da er das Rohr in der Hand hatte, besah er

sich die beiden Gläser und fuhr dann fort: »Zeigt mir doch, wo ich

hineinsehen muß, um mir darüber Aufklärung zu verschaffen.«

Der Ausrufer zeigte es ihm. Der Prinz sah hinein, und als er

seinen Vater und Nurunnihar zu sehen wünschte, sah er die beiden

augenblicklich in der vollkommensten Gesundheit auf dem Dache des

Schlosses sitzen.

Es bedurfte keiner Probe weiter, um den Prinzen zu überzeugen, daß

dieses Rohr die kostbarste Sache wäre, die in der Stadt Schiras, ja in

der ganzen Welt damals existierte, und er glaubte, daß wenn er diese

zu kaufen unterließe, so würde er nie mehr, weder zu Schiras, wenn er

auch zehn Jahre dabliebe, noch auch anderswo eine Seltenheit der Art

antreffen, die er von seiner Reise mitbringen könnte. Er sagte daher zu

dem Ausrufer:

»Ich nehme meine unvernünftige Ansicht, die ich von Eurem Verstande

gehabt habe, gern zurück. Da es mir leid tun würde, wenn ein anderer

als ich das Rohr kaufte, so sagt mir aufs genaueste den Preis, den der

Verkäufer dafür haben will. Ohne Euch mit Hin- und Hergehen zu ermüden,

dürft Ihr dann nur mit mir kommen, und ich werde Euch die Summe bar

auszahlen.«

Der Ausrufer versicherte ihm mit einem Schwur, ihm sei befohlen,

es durchaus für vierzig Beutel zu verkaufen, und wenn er daran

zweifele, so wolle er ihn zu dem Verkäufer selber führen. Der Prinz

glaubte seinem Wort, nahm ihn mit sich nach Hause, und als sie in

seiner Wohnung in dem Chan angelangt waren, zahlte er ihm die vierzig

Beutel in den schönsten Goldstücken aus und wurde so Besitzer des

elfenbeinernen Rohres.

Als der Prinz Aly diesen Kauf gemacht hatte, freute er sich um so mehr

darüber, als er glaubte, daß seine zwei anderen Brüder gewiß nichts

so Seltnes und Bewunderungswürdiges angetroffen haben würden, und

daß folglich die Prinzessin Nurunnihar der Lohn für die Beschwerden

seiner Reise sein werde. Er dachte jetzt bloß noch daran, unerkannt den

Hof von Persien und die Merkwürdigkeiten der Stadt Schiras und ihrer

Umgegend kennen zu lernen, bis die Karawane, mit welcher er gekommen

war, wieder ihren Rückweg nach Indien antreten würde. Er hatte seine

Neugierde vollkommen befriedigt, als die Karawane Anstalten zur Abreise

machte. Der Prinz schloß sich an sie an und machte sich mit ihr auf den

Weg. Kein Unfall störte oder unterbrach die Reise, und ohne weitere

Unbequemlichkeit, außer den gewöhnlichen Beschwerden des Weges, kam

er glücklich an dem bestimmten Ort an, wo der Prinz Hussain bereits

eingetroffen war. Prinz Aly fand ihn schon vor und wartete mit ihm

daselbst auf den Prinzen Achmed.

Prinz Achmed hatte unterdessen seinen Weg nach Samarkand genommen, und

gleich am folgenden Tage nach seiner Ankunft hatte er es wie seine

beiden Brüder gemacht und war nach dem Besastan gegangen. Kaum war er

eingetreten, als ein Ausrufer zu ihm trat, mit einem künstlichen Apfel

in der Hand, den er zum Preise von fünfunddreißig Beuteln ausrief. Er

hielt den Ausrufer an und sagte zu ihm:

»Zeigt mir diesen Apfel und sagt mir, welche außerordentliche Kraft

oder Eigenschaft er wohl hat, daß Ihr ihn zu einem so hohen Preise

ausbietet?«

Der Ausrufer gab ihm den Apfel in die Hand, damit er ihn in Augenschein

nehmen möchte, und sagte dann zu ihm:

»Herr, dieser Apfel, wenn man ihn bloß äußerlich betrachtet, ist

wirklich etwas sehr Unbedeutendes, doch wenn man die Eigenschaften und

Kräfte desselben in Erwägung zieht, so muß man sagen, daß er eigentlich

unschätzbar ist. Es gibt keinen Kranken, er mag mit einer tödlichen

Krankheit behaftet sein, mit welcher er nur immer will, mit anhaltendem

Fieber, mit rotem Friesel, Seitenstechen, Pest und anderen Krankheiten

der Art, der nicht, und läge er auch schon im Sterben, durch den Apfel

geheilt würde. Er erhält seine Gesundheit so vollständig wieder, als

wäre er niemals krank gewesen, und das auf die leichteste Art von der

Welt, nämlich durch das bloße Riechen daran.«

»Wenn man Euch glauben darf,« erwiderte der Prinz Achmed, »so ist das

freilich ein Apfel von wunderbarer Kraft, ja man kann sagen, er ist

unschätzbar; allein, wodurch kann denn ein rechtlicher Mann wie ich,

der ihn gern kaufen möchte, sich überzeugen, daß bei Eurer Lobpreisung

des Apfels keine Verstellung oder Übertreibung stattfindet?«

»Herr,« erwiderte der Ausrufer, »die Sache ist in der ganzen Stadt

Samarkand bekannt und bewährt, und ohne erst weit zu gehen, könnt Ihr

ja alle hier versammelten Kaufleute befragen und zusehen, was sie Euch

sagen werden. Ihr werdet darunter mehrere finden, die, wie sie es Euch

selber versichern werden, heute nicht mehr am Leben sein würden, wenn

sie nicht dieses treffliche Mittel gebraucht hätten. Es ist die Frucht

der Studien und Nachtwachen eines sehr berühmten Philosophen dieser

Stadt, der sich sein ganzes Leben hindurch auf die Erforschung der

Kräfte der Pflanzen und Mineralien gelegt hatte und endlich auf den

Punkt gelangt war, daraus diese zusammengesetzte Masse zu bereiten, die

Ihr hier seht, und mit der er in dieser Stadt so erstaunliche Kuren

bewirkt hat daß sein Andenken hier nie in Vergessenheit kommen wird.

Vor kurzem raffte ihn der Tod so plötzlich hin, daß er selber nicht

mehr so viel Zeit hatte, um von seinem Universalmittel Gebrauch zu

machen, und seine Witwe, welcher er nur ein sehr geringes Vermögen und

eine große Anzahl unerzogener Kinder hinterlassen, hat sich endlich

entschlossen, diesen Apfel verkaufen zu lassen, um sich und ihre

Familie etwas bequemer einrichten zu können.«

Während der Ausrufer ihn von den Eigenschaften des künstlichen Apfels

unterrichtete, blieben mehrere Personen stehen und umringten sie.

Die meisten bestätigten das Gute, das er von demselben erzählte, und

einer derselben sagte, er habe einen Freund, der so gefährlich krank

sei, daß man an seinem Aufkommen zweifle. Dies bot eine sehr bequeme

Gelegenheit, um einen Versuch damit zu machen, und Prinz Achmed nahm

das Wort und sagte zu dem Ausrufer, er wolle ihm vierzig Beutel dafür

geben, wenn der Kranke durch das bloße Riechen daran geheilt würde.

Der Ausrufer, welcher Befehl hatte, ihn um diesen Preis zu verkaufen,

sagte zu dem Prinzen:

»Herr, wir wollen diesen Versuch machen, und der Apfel ist somit Euer,

denn es ist gar kein Zweifel, daß er nicht diesmal ebensogut seine

Wirkung tun sollte, als die früheren Male, wo man so oft Kranke, die

schon aufgegeben waren, durch ihn wieder von den Pforten des Todes

zurückrief.«

Der Versuch glückte, und der Prinz erwartete nun, nachdem er die

vierzig Beutel dem Ausrufer, der ihm den künstlichen Apfel überließ,

bar ausgezahlt hatte, mit Ungeduld den Abgang der ersten besten

Karawane, um nach Indien zurückzukehren. Er benutzte die Zwischenzeit

unterdes, um in Samarkand und dessen Umgebung alles zu besehen,

was irgend seine Neugierde reizte, besonders das Tal Sogd, welches

von dem gleichnamigen Flusse seinen Namen hat, und das die Araber

wegen der Schönheit seiner Gefilde und seiner Gärten und Paläste,

sowie auch wegen seines Überflusses an Früchten aller Art und wegen

der Annehmlichkeiten, welche man da während der schönen Jahreszeit

genießt, für eines der vier Paradiese der Welt halten. Dann reiste er

ab, und ungeachtet der Unbequemlichkeiten, die bei einer langen Reise

unvermeidlich sind, gelangte er dennoch bei vollkommener Gesundheit in

der Herberge an, wo die Prinzen Hussain und Aly ihn erwarteten.

Prinz Aly, welcher etwas früher als Prinz Achmed dort eingetroffen war,

hatte den Prinzen Hussain, welcher zuerst angekommen war, gefragt, wie

lange er schon da sei. Und als er erfuhr, daß es fast schon drei Monate

her wäre, hatte er zu ihm gesagt: »Du mußt also wohl nicht weit gewesen

sein.«

»Ich will jetzt,« erwiderte Prinz Hussain, »von dem Orte, wo ich

gewesen bin, weiter nichts sagen; allein ich kann dir versichern, daß

ich mehr als drei Monate gebraucht habe, um hinzukommen.«

»Wenn das der Fall ist,« sagte darauf der Prinz Aly, »so mußt du dich

sehr kurze Zeit da aufgehalten haben.«

»Mein Bruder,« antwortete ihm der Prinz Hussain, »du täuschest dich.

Mein Aufenthalt daselbst währte länger als vier bis fünf Monate, und es

hing bloß von mir ab, ihn noch zu verlängern.«

»Wofern du nicht etwa zurückgeflogen bist,« erwiderte darauf Prinz Aly,

»begreife ich nicht, wie es schon drei Monate her sein kann, daß du

hier bist, wie du mich überreden willst.«

»Ich habe dir die Wahrheit gesagt,« fuhr der Prinz Hussain fort, »und

das Rätsel werde ich dir erst bei Ankunft unseres Bruders Achmed lösen,

wo ich dir sogleich sagen werde, welche Seltenheit ich von meiner

Reise mitgebracht habe. Was dich betrifft, so weiß ich nicht, was du

mitgebracht hast, aber es mag wohl eben nichts Bedeutendes sein; ich

sehe nicht, daß dein Reisegepäck ansehnlicher und größer geworden wäre.«

»Und was dich betrifft,« erwiderte der Prinz Aly, »so kommt es mir

vor, daß, wenn ich den unscheinbaren Teppich ausnehme, womit dein Sofa

überdeckt ist, ich deinen Spott durch einen gleichen erwidern könnte.

Indes, da du, wie es scheint, aus der mitgebrachten Seltenheit ein

Geheimnis machen willst, so wirst du es mir nicht übelnehmen, wenn ich

es ebenso in Hinsicht auf die meinige mache.«

Der Prinz antwortete: »Ich setze die Seltenheit, welche ich

mitgebracht, so weit über jede andere, von welcher Art sie auch sein

mag, daß ich sie dir ohne Schwierigkeiten zeigen und dich durch eine

nähere Angabe ihres Wertes leicht dahin bringen würde, mit mir

übereinzustimmen, ohne zu fürchten, daß die, welche du vielleicht

mitgebracht, ihr vorgezogen werden könnte. Doch es ist am passendsten,

daß wir erst die Ankunft unseres Bruders Achmed abwarten; dann können

wir mit mehr Rücksicht und Anstand uns einander das Glück mitteilen,

das uns zuteil geworden ist.«

Prinz Aly wollte sich mit dem Prinzen Hussain nicht weiter wegen des

Vorzugs der von ihm mitgebrachten Seltenheit in Streit einlassen,

und so verabredete er mit ihm, mit dem Vorzeigen bis zur Ankunft des

Prinzen Achmed zu warten.

Als der Prinz Achmed bei seinen beiden Brüdern wieder eingetroffen

war und sie sich einander zärtlich umarmt und sich zu dem glücklichen

Wiedersehen an diesem Orte Glück gewünscht hatten, nahm Prinz Hussain

als der älteste das Wort und sagte:

»Meine Brüder, wir werden noch Zeit genug übrig haben, um uns von den

einzelnen Umständen unserer gegenseitigen Reisen zu unterhalten. Für

jetzt wollen wir davon reden, was uns zu wissen am wichtigsten ist,

und wollen uns nicht verhehlen, was wir mitgebracht. Und indem wir

es uns gegenseitig vorzeigen, wollen wir im voraus jedem sein Recht

widerfahren lassen und zusehen, welchem von uns wohl der Sultan, unser

Vater, den Vorzug erteilen könnte.«

»Um euch mit gutem Beispiel voranzugehen,« fuhr Prinz Hussain fort,

»will ich euch nur sagen, daß die Seltenheit, die ich von meiner Reise

in das Königreich Bisnagar mitgebracht, in dem Teppich besteht, worauf

ich sitze. Es ist freilich ein sehr gewöhnlicher und unscheinbarer, wie

ihr seht; doch wenn ich euch seine Eigenschaft auseinandergesetzt habe,

werdet ihr euch um so mehr wundern, da ihr wohl nie von etwas Ähnlichem

der Art gehört habt, wie ihr selbst eingestehen werdet. Wenn man sich,

wie wir jetzt, darauf setzt und an irgendeinen Ort hin versetzt zu

werden wünscht, wie entfernt er auch sein mag, so ist man fast in

einem Augenblicke da. Ich habe es selber versucht, ehe ich die vierzig

Beutel, die er mich kostet, bezahlte, und habe es nicht bereut. Als ich

meine Neugierde am Hofe und im ganzen Königreiche Bisnagar befriedigt

hatte und heimkehren wollte, bediente ich mich keines Fahrzeugs weiter

als dieses Wunderteppichs, um sowohl mich hierher zurückzubringen,

als auch meinen Reisegefährten, der euch sagen wird, wieviel Zeit ich

gebraucht habe, um hierher zu gelangen. Ich werde euch beiden, sobald

ihr es nur haben wollt, eine Probe davon zeigen. Ich erwarte nun, daß

ihr mir sagt, ob das, was ihr mitgebracht habt, mit meinem Teppich

irgendwie verglichen werden kann.«

Prinz Hussain hörte mit diesen Worten auf, seinen Teppich anzupreisen,

und Prinz Aly nahm das Wort und sprach:

»Mein Bruder, man muß gestehen, daß dein Teppich eines der

wunderbarsten Dinge ist, die man sich nur denken kann, wenn er

wirklich, wie ich nicht zweifle, die Eigenschaft besitzt, die du von

ihm ausgesagt hast. Indes, du wirst zugeben, daß es noch andere Dinge

geben kann, die, wenn auch nicht noch mehr, doch wenigstens ebenso

wunderbar in ihrer Art sind, und um dich zu dieser Ansicht zu bekehren,

— fuhr er fort, — so ist zum Beispiel dies elfenbeinerne Rohr hier,

so gut wie dein Teppich, eine Seltenheit, die alle Aufmerksamkeit

verdient. Ich habe sie minder teuer gekauft, als du deinen Teppich,

und ich bin mit meinem Kauf nicht minder zufrieden, als du mit dem

deinigen. Wenn man nämlich in das eine Ende hineinsieht, so erblickt

man alles, was man nur irgend wünscht. Du darfst mir nicht auf mein

bloßes Wort glauben,« fügte der Prinz Aly hinzu, indem er ihm das Rohr

überreichte, »hier ist es, siehe zu, ob ich dir bloß etwas vorspiegele

oder nicht.«

Der Prinz Hussain nahm das elfenbeinerne Rohr aus der Hand des Prinzen

Aly, hielt es mit dem von ihm bezeichneten Ende ans Auge und wünschte

die Prinzessin Nurunnihar zu sehen und zu erfahren, wie sie sich

befinde. Der Prinz Aly und der Prinz Achmed, welche die Augen auf

ihn geheftet hatten, gerieten in das äußerste Erstaunen, als sie ihn

plötzlich die Farbe verändern sahen, und zwar auf eine Weise, die die

höchste Bestürzung und eine große Betrübnis verriet. Der Prinz Hussain

ließ ihnen nicht erst Zeit, um ihn nach der Ursache dieser Erscheinung

zu fragen, sondern rief aus:

»Brüder, es ist umsonst, daß wir alle drei eine so beschwerliche

Reise unternommen haben, in der Hoffnung, durch den Besitz der

reizenden Nurunnihar dafür belohnt zu werden; sie wird binnen wenigen

Augenblicken nicht mehr am Leben sein. Ich sah sie eben in ihrem

Bette, umgeben von ihren Frauen und Verschnittenen, die alle in Tränen

schwammen und jeden Augenblick zu erwarten schienen, daß sie den Geist

aufgeben würde. Da nehmt und seht sie selber in diesem traurigen

Zustande und vereinigt eure Tränen mit den meinigen.«

Der Prinz Aly nahm das elfenbeinerne Rohr aus der Hand des Prinzen

Hussain, sah hinein und gab es, nachdem er zu seinem tiefen Schmerz

dasselbe erblickt hatte, an den Prinzen Achmed weiter, damit dieser

ebenfalls ein so trauriges und betrübendes Schauspiel, das sie alle

drei gleich nahe anging, betrachten möchte.

Als der Prinz Achmed das elfenbeinerne Rohr aus den Händen des Prinzen

Aly empfangen und beim Hineinsehen ebenfalls die Prinzessin Nurunnihar

dem Tode nahe erblickt hatte, nahm er das Wort und sagte zu den beiden

anderen Prinzen:

»Brüder, die Prinzessin Nurunnihar, welche der gemeinsame Gegenstand

unserer Wünsche ist, befindet sich wirklich in einem höchst

beunruhigenden Zustande, indes, wie es mir scheint, ist es wohl

noch möglich, wenn wir nur keine Zeit verlieren, den Tod von ihr

fernzuhalten.«

Zugleich zog der Prinz Achmed aus seinem Busen den künstlichen Apfel,

den er sich gekauft hatte, zeigte ihn seinen Brüdern und sagte:

»Der Apfel, den ihr hier seht, hat mich nicht weniger gekostet als der

Teppich und das elfenbeinerne Rohr, das ein jeder von euch von seiner

Reise mitgebracht hat. Um euch nicht länger in gespannter Erwartung zu

halten, sage ich euch hiermit, er hat die Kraft, daß jeder Kranke, und

läge er auch schon in den letzten Zügen, durch das bloße Daranriechen

seine Gesundheit auf der Stelle wiedererlangt. Der Versuch, den ich

selber damit angestellt, läßt mich nicht daran zweifeln, und ich kann

euch selber die Wirkung desselben an der Prinzessin Nurunnihar zeigen,

wenn wir die nötige Eile anwenden, um ihr zu helfen.«

»Wenn dies der Fall ist,« sagte hierauf Prinz Hussain, »können wir

nicht schneller dahin kommen, als wenn wir uns vermittelst meines

Teppichs augenblicklich in das Zimmer der Prinzessin hinversetzen. Laßt

uns keine Zeit verlieren, kommt und setzt euch mit mir hierher, er ist

groß genug, um uns alle drei ohne Unbequemlichkeit aufzunehmen; doch

vor allen Dingen muß jeder von uns seinem Diener anempfehlen, daß er

mit den andern sogleich abreise und uns dort im Palaste aufsuche.«

Als dieser Befehl gegeben worden war, setzten sich die Prinzen Aly und

Achmed nebst dem Prinzen Hussain auf den Teppich, und da sie alle drei

dasselbe Interesse hatten, wünschten sie sich alle drei, in das Zimmer

der Prinzessin Nurunnihar versetzt zu werden. Ihr Wunsch ward erfüllt,

und sie wurden so schnell dahingebracht, daß sie es nicht eher merkten,

als bis sie an dem erwünschten Ort angelangt waren.

Die unerwartete Erscheinung der drei Prinzen erschreckte die drei

Frauen und die Verschnittenen der Prinzessin, welche nicht begreifen

konnten, durch welche Zauberei auf einmal drei Männer in ihrer Mitte

erschienen. Sie erkannten sie sogar anfangs nicht einmal, und die

Verschnittenen waren schon im Begriff, auf sie loszustürzen, als auf

Leute, die sich an einen Ort eingedrängt hatten, wohin sie nicht

gehörten; allein sie kamen sehr bald von ihrem Irrtum zurück und

erkannten die Prinzen.

Kaum sah sich Prinz Achmed in dem Zimmer der sterbenden Nurunnihar,

als er nebst seinen Brüdern von dem Teppich aufstand, sich ihrem Bette

näherte und ihr den Wunderapfel vor die Nase hielt. Einige Augenblicke

später schlug die Prinzessin die Augen auf, wandte den Kopf nach beiden

Seiten, sah die Umstehenden an, setzte sich dann aufrecht und verlangte

angekleidet zu werden, und zwar mit derselben Unbefangenheit, als ob

sie bloß von einem langen Schlaf erwache.

Während sich die Prinzessin ankleidete, gingen die Prinzen von ihr

aus zu ihrem Vater, um sich ihm zu Füßen zu werfen und ihm ihre

Ehrerbietung zu bezeigen. Als sie vor ihm erschienen, fanden sie,

daß der Oberaufseher der Verschnittenen der Prinzessin ihnen bereits

zuvorgekommen war und ihm ihre unvermutete Ankunft und die durch

sie erfolgte vollständige Heilung der Prinzessin gemeldet hatte.

Der Sultan umarmte sie um so freudiger, da er in dem Augenblick, wo

er sie wiedersah, auch zugleich erfuhr, daß seine Nichte, die er

wie seine eigne Tochter liebte, nachdem sie von den Ärzten bereits

aufgegeben worden, auf eine so wunderbare Weise ihre Gesundheit

wiedererhalten habe. Nach den Begrüßungen zeigte ihm jeder der Prinzen

die mitgebrachte Seltenheit vor: der Prinz Hussain seinen Teppich, der

Prinz Aly das elfenbeinerne Rohr und der Prinz Achmed den künstlichen

Apfel. Nachdem jeder das Seinige gepriesen, händigten sie ihm der Reihe

nach alle drei Stücke ein und baten ihn, zu entscheiden, welchem von

den drei Stücken er den Vorzug erteile und welchem von ihnen er, seinem

Versprechen gemäß, die Prinzessin Nurunnihar zur Gemahlin gebe.

Nachdem der Sultan von Indien wohlwollend alles, was ihm jeder der

Prinzen zum Lobe der von ihm mitgebrachten Seltenheit gesagt hatte,

angehört und sich nach allem, was bei der Heilung der Prinzessin

Nurunnihar vorgegangen, erkundigt hatte, schwieg er eine Weile still,

als überlegte er, was er ihnen antworten solle. Endlich unterbrach er

dieses Schweigen und hielt folgende sehr weise Rede an sie:

»Meine Kinder, ich würde sehr gern einen unter euch nennen, wenn ich

es mit voller Gerechtigkeit tun könnte; allein überlegt selber, ob ich

es kann. Dir, o Achmed, und deinem künstlichen Apfel verdankt freilich

meine Nichte ihre Heilung; aber ich frage dich selber, würdest du

sie haben bewirken können, wenn nicht zuvor das elfenbeinerne Rohr

Alys dir Gelegenheit gegeben hätte, die Gefahr kennen zu lernen,

in der sie schwebte, und wenn nicht der Teppich Hussains dir seine

Dienste geleistet hätte, um ihr schnell zu Hilfe eilen zu können? Dein

elfenbeinernes Rohr, o Aly, hat wiederum dazu gedient, dir und deinen

Brüdern zu zeigen, daß ihr auf dem Punkte standet, die Prinzessin zu

verlieren. Doch mußt du auch gestehen, daß dir deine Kenntnis für

die Erreichung deines Zwecks nichts genützt hätte, wenn nicht der

Teppich und der künstliche Apfel gewesen wären. Und was dich, Hussain,

betrifft, würde die Prinzessin sehr undankbar sein, wenn sie dir nicht

wegen des Teppichs, der zur Bewirkung ihrer Wiederherstellung so nötig

gewesen, vielen Dank wissen sollte; allein bedenke selbst, daß er dir

hierzu von gar keinem Nutzen gewesen sein würde, wenn du nicht durch

das elfenbeinerne Rohr Alys ihre Krankheit erfahren und Achmed nicht

seinen Wunderapfel zu ihrer Heilung angewendet hätte. Da nun also

weder der Teppich, noch das elfenbeinerne Rohr, noch der künstliche

Apfel irgend einem von euch einen Vorzug vor dem andern geben, sondern

vielmehr euch alle einander gleichstellen, und da ich die Prinzessin

Nurunnihar doch nur einem einzigen geben kann, so seht ihr selber, daß

die einzige Frucht, die ihr von euren Reisen geerntet habt, in dem

Ruhm besteht, daß ihr alle auf gleiche Weise zur Herstellung ihrer

Gesundheit beigetragen habt.«

»Wenn dies nun so ist,« fuhr der Sultan fort, »so seht ihr zugleich

ein, daß ich zu einem andern Mittel meine Zuflucht nehmen muß, um

mich über die Wahl, die ich unter euch treffen soll, bestimmt zu

entscheiden. Geht und nehmt ein jeder einen Bogen und einen Pfeil, und

begebt euch aus der Stadt hinaus auf die große Ebene, wo die Pferde

zugeritten werden; ich werde mich auch dahin begeben, und ich erkläre,

daß ich die Prinzessin Nurunnihar demjenigen zur Gemahlin geben werde,

welcher am weitesten schießen wird.«

Die drei Prinzen wußten gegen diese Entscheidung des Sultans nichts

einzuwenden. Als sie sich von ihm entfernt hatten, verschaffte man

jedem von ihnen einen Bogen und einen Pfeil, und dann gingen sie, von

einer unzähligen Menge Volk begleitet, auf die Ebene hinaus, wo die

Pferde zugeritten wurden.

Der Sultan ließ nicht lange auf sich warten. Sobald er angekommen war,

nahm Prinz Hussain, als der älteste, Pfeil und Bogen und schoß zuerst.

Darauf schoß Prinz Aly, und man sah seinen Pfeil viel weiter fliegen

und niederfallen als den des Prinzen Hussain. Der Prinz Achmed schoß

zuletzt. Aber man verlor seinen Pfeil aus dem Gesicht, und niemand sah

ihn niederfallen. Man eilte hin, man suchte, allein wieviel Sorgfalt

alle und auch der Prinz Achmed selber anwandten, es war nicht möglich,

den Pfeil weder in der Nähe, noch in der Ferne aufzufinden. Obwohl man

glauben mußte, daß er am weitesten geschossen und folglich verdient

habe, daß ihm die Hand der Prinzessin Nurunnihar zugesprochen würde,

so war dennoch, um die Sache augenscheinlich und gewiß zu machen, die

Auffindung des Pfeiles erforderlich, und der Sultan unterließ daher

nicht, ungeachtet aller Gegenvorstellungen Achmeds, sich zugunsten

seines Bruders Aly zu entscheiden. Er gab nun sogleich Befehl, daß zu

der Hochzeitsfeier die nötigen Anstalten getroffen würden, und wenige

Tage darauf ward die Hochzeit mit vielem Glanze gefeiert.

Der Prinz Hussain beehrte das Fest nicht mit seiner Gegenwart. Er

empfand im Gegenteil ein so tiefes Mißfallen darüber, daß er den Hof

verließ und auf sein Recht der Thronfolge Verzicht leistend, hinging

und Derwisch wurde und sich zu einem sehr berühmten Scheich in die

Lehre gab, der wegen seines musterhaften Lebenswandels in hohem Ansehen

stand und in einer anmutigen Einöde seine und seiner Schüler Wohnungen

aufgeschlagen hatte.

Der Prinz Achmed war aus denselben Gründen wie Hussain ebenfalls bei

der Hochzeit des Prinzen und der Prinzessin Nurunnihar nicht zugegen;

doch er entsagte deshalb nicht der Welt wie jener. Da er gar nicht

begreifen konnte, wie der von ihm abgeschossene Pfeil sozusagen

unsichtbar geworden sei, entfernte er sich von seinen Leuten, und

mit dem Entschlüsse, ihn so eifrig zu suchen, daß er sich nichts

vorzuwerfen habe, begab er sich an den Ort, wo die Pfeile der Prinzen

Hussain und Aly von der Erde aufgehoben worden waren. Von da ging er in

gerader Richtung vorwärts, immer rechts und links blickend. Und ohne zu

finden, was er suchte, war er endlich so weit gekommen, daß er seine

Mühe für ganz vergeblich hielt. Indes, gleichsam wider seinen Willen

weiter fortgezogen, verfolgte er dennoch seinen Weg immer weiter,

bis er zu sehr hohen Felsen kam, bei denen er offenbar seitwärts

ablenken mußte, wenn er noch weitergehen wollte. Diese Felsen waren

außerordentlich steil und lagen in einer öden und unfruchtbaren Gegend,

etwa vier Stunden von da entfernt, wo er ausgegangen war.

Als der Prinz Achmed sich diesen Felsen näherte, bemerkte er einen

Pfeil, hob ihn auf, betrachtete ihn und sah zu seiner großen

Verwunderung, daß es der von ihm abgeschossene war.

»Er ist es wirklich,« sprach er bei sich selbst, »aber weder ich, noch

ein Sterblicher auf der ganzen Welt kann die Kraft haben, einen Pfeil

so weit zu schießen.«

Da er ihn auf der Erde liegend und nicht mit der Spitze darin fest

steckend gefunden hatte, schloß er, daß er an den Felsen geflogen und

von da zurückgeprallt sei.

»Es steckt hinter dieser seltsamen Sache,« dachte er bei sich selbst,

»irgend ein Geheimnis.«

Da die äußere Form der Felsen vorspringende Spitzen und auch tief sich

hineinziehende Schluchten hatte, trat der Prinz unter solchen Gedanken

in eine der Vertiefungen hinein, und während er dort seine Augen von

einem Winkel zum andern gehen ließ, zeigte sich ihm eine eiserne Tür,

an welcher aber kein Schloß zu sehen war. Er fürchtete, sie würde wohl

verschlossen sein, doch als er daran stieß, öffnete sie sich nach innen

zu, und er erblickte einen sanft abschüssigen Weg ohne Stufen, den

er sofort mit dem Pfeile in der Hand hinabstieg. Er glaubte hier in

tiefe Finsternis zu geraten; allein an die Stelle des entschwindenden

Tageslichtes trat ein anderes ganz verschiedenes Licht. Nach fünfzig

bis sechzig Schritten gelangte er auf einen geräumigen Platz, auf

welchem er einen prachtvollen Palast erblickte, dessen Wunderbau zu

bewundern er aber nicht Zeit hatte. Denn in demselben Augenblick trat

eine Frau von majestätischem Anstand und Wesen und von einer Schönheit,

die durch den reichen Anzug und durch den Edelsteinschmuck, den sie

trug, nicht noch mehr gehoben zu werden vermochte, unter die Vorhalle,

begleitet von einer Anzahl von Frauen, unter denen aber die Gebieterin

leicht zu unterscheiden war.

[Illustration: Die Dame kam ihm entgegen.]

Sobald der Prinz Achmed die schöne Frau bemerkt hatte, beschleunigte

er seine Schritte, um ihr seine Ehrerbietung zu bezeigen; doch die

schöne Frau, welche ihn kommen sah, kam ihm ihrerseits durch die Anrede

entgegen: »Prinz Achmed, tretet näher, Ihr seid hier willkommen.«

Die Überraschung des Prinzen war nicht gering. Er warf sich zu den

Füßen der schönen Frau und redete sie auf folgende Weise an:

»Gnädige Frau, darf ich wohl so dreist sein, Euch zu fragen, welch

seltsamem Zufall ich es verdanke, daß ich Euch nicht unbekannt bin,

Euch, die Ihr zwar in unserer Nachbarschaft wohnt, doch ohne daß ich

jemals bis zu diesem Augenblick etwas davon erfahren hätte?«

»Prinz,« erwiderte die schöne Frau, »laßt uns in den Saal treten, dort

werde ich mit größerer Bequemlichkeit für mich und Euch Eure Frage

beantworten können.«

Mit diesen Worten führte die Dame den Prinzen in den Saal hinein. Der

wundervolle Bau desselben, das Gold und das Himmelblau, womit das

kuppelförmige Gewölbe geschmückt war, und der unschätzbare Reichtum

des Geräts erschienen ihm als etwas so ganz Neues, daß er seine

Verwunderung darüber an den Tag legte und ausrief: er habe noch nie

etwas der Art gesehen, und er glaube nicht, daß man in der Welt irgend

etwas sehen könne, was diesem hier gleichkäme.

»Gleichwohl versichere ich Euch,« erwiderte die schöne Frau, »daß dies

das unbedeutendste Zimmer meines Palastes ist, und Ihr werdet meiner

Ansicht beistimmen, wenn ich Euch erst die übrigen alle gezeigt haben

werde.«

Sie stieg einige Stufen empor und setzte sich auf ein Sofa, und als der

Prinz auf ihre Bitten neben ihr Platz genommen hatte, sagte sie zu ihm:

»Prinz, Ihr seid, wie Ihr sagt, darüber erstaunt, daß ich Euch kenne,

ohne daß Ihr mich kennt; doch Eure Verwunderung wird nachlassen, wenn

Ihr erst wissen werdet, wer ich bin. Euch wird ohne Zweifel nicht

unbekannt sein, daß die Welt ebensowohl von Geistern, als von Menschen

bewohnt wird. Ich bin die Tochter eines dieser Geister, und zwar eines

der mächtigsten und ausgezeichnetsten, und mein Name ist Pari Banu.

So wirst du dich denn also nicht mehr wundern, daß ich dich, deinen

Vater, den Sultan, und deine beiden Brüder kenne. Ich weiß sogar von

deiner Liebe und von deiner Reise, deren einzelne Umstände ich dir alle

hier wiedererzählen könnte, weil ich es eben war, die zu Samarkand den

künstlichen Apfel, den du gekauft hast, zum Verkauf ausbieten ließ,

so wie zu Bisnagar den Teppich, den der Prinz Hussain bekommen hat,

und endlich zu Schiras das elfenbeinerne Rohr, welches der Prinz Aly

von da mitgebracht hat. Dies mag hinreichend sein, um dir begreiflich

zu machen, daß nichts von alledem, was dich betrifft, mir unbekannt

ist. Ich will nur dies eine hinzufügen, daß du mir ein glücklicheres

Los zu verdienen schienest, als das war, die Prinzessin Nurunnihar zu

besitzen, und da ich zugegen war, als du den Pfeil, den du da in der

Hand hast, abschossest, und voraussah, daß er nicht einmal so weit als

der des Prinzen Hussain fliegen würde, faßte ich ihn in der Luft und

gab ihm den erforderlichen Schwung, so daß er an die Felsen anprallen

mußte, neben denen du ihn gefunden hast. Es wird nun bloß von dir

abhängen, die Gelegenheit, die sich dir jetzt bietet, zu benutzen, um

noch glücklicher zu werden.«

Prinz Achmed erriet sehr leicht, welches Glück hier gemeint sei. Er

überlegte, daß die Prinzessin Nurunnihar nicht mehr die Seine werden

könne und daß die Fee Pari Banu an Schönheit, Anmut und Reiz, sowie

durch einen überwiegenden Verstand und durch ihre unermeßlichen

Reichtümer, soweit er nämlich aus der Pracht des Palastes auf diese

schließen konnte, jene unendlich weit überträfe. Er segnete den

Augenblick, wo ihm der Gedanke eingekommen war, noch einmal den

abgeschossenen Pfeil zu suchen, indem er sich ganz der Neigung hingab,

die ihn nach dem neuen Gegenstände seines Herzens hinzog.

Er näherte sich ihr, um ihr den Saum ihres Gewandes zu küssen. Sie ließ

ihm indes nicht Zeit, dies zu tun, sondern reichte ihm ihre Hand, die

er küßte, und indem sie die seinige festhielt und sie drückte, sagte

sie zu ihm:

»Prinz Achmed, gebt Ihr mir nicht Euer Wort, wie ich Euch das meinige

gebe?«

»Ach, gnädige Frau,« erwiderte der Prinz voll freudigem Entzücken, »was

könnte ich wohl Besseres und Freudigeres tun? Ja, meine Sultanin, meine

Königin, ich gebe es Euch nebst meinem Herzen, ohne Rückhalt!«

»Wenn das ist,« antwortete die Fee, »so seid Ihr mein Gemahl und ich

bin Eure Gemahlin. Die Ehen werden bei uns Feen ohne weitere Zeremonien

geschlossen, sind aber weit fester und unauflöslicher, als die der

Menschen, ungeachtet letztere mehr Förmlichkeiten dabei anwenden.

Jetzt — fuhr sie fort — während man für heute abend die Anstalten

zu unserem Hochzeitsmahle trifft, wird man Euch, da Ihr offenbar

heute noch nichts zu Euch genommen habt, vorerst einen leichten Imbiß

vorsetzen, dann werde ich Euch die Zimmer meines Palastes zeigen, und

Ihr mögt dann selbst entscheiden, ob es nicht wahr ist, was ich Euch

sagte, daß nämlich dieser Saal gerade das schlechteste Zimmer darunter

ist.«

Einige von den Frauen der Fee, die sich bei ihr im Saale befanden,

hatten kaum ihren Wunsch vernommen, als sie auch schon hinausgingen und

bald darauf einige Speisen und trefflichen Wein hereinbrachten.

Als der Prinz Achmed zur Genüge gegessen und getrunken hatte, führte

ihn die Fee Pari Banu aus einem Zimmer in das andere, und er sah darin

Diamanten, Rubine, Smaragde und alle Arten der feinsten Edelsteine im

Verein mit Perlen, Achat, Jaspis, Porphyr und dem kostbarsten Marmor

von allen Gattungen angebracht, ganz von dem Zimmergerät zu schweigen,

welches alles von einem unschätzbaren Reichtum war. Alles war in so

erstaunlichem Überfluß angebracht, daß er, weit entfernt, je etwas

gesehen zu haben, was dieser Pracht auch nur nahe gekommen wäre,

vielmehr eingestand, daß es nichts der Art auf der ganzen Welt geben

könne.

»Prinz,« sagte hierauf die Fee, »wenn Ihr schon meinen Palast so sehr

bewundert, der wirklich sehr schön ist, was würdet Ihr erst zu den

Palästen unserer Geisterfürsten sagen, die von ganz anderer Pracht

und Schönheit sind? Ich könnte Euch auch noch meinen Garten bewundern

lassen, allein — fuhr sie fort — das mag lieber ein andermal

geschehen. Die Nacht kommt schon, und es ist Zeit, daß wir uns zur

Tafel setzen.«

Der Saal, in den die Fee den Prinzen führte, wo die Tafel gedeckt war,

war das letzte Zimmer des Palastes und zugleich das einzige, was der

Prinz noch nicht gesehen hatte; es stand indes hinter keinem derjenigen

zurück, die er bereits in Augenschein genommen hatte. Beim Hereintreten

bewunderte er den Lichtglanz unzähliger, von Ambra duftender

Wachskerzen, deren Menge, anstatt zu verwirren, vielmehr so symmetrisch

aufgestellt war, daß man sie mit Vergnügen ansah. Ebenso bewunderte er

einen großen Schenktisch, besetzt mit goldenen Gefäßen, welche durch

ihre kunstreiche Arbeit einen noch weit höheren Wert hatten als durch

ihren Stoff; ferner mehrere Chöre der schönsten und reichgekleidetsten

Mädchen, welche ein Konzert, aus Gesang und harmonischen Instrumenten

bestehend, begannen, so schön, als er es nur je in seinem Leben gehört.

Sie setzten sich zu Tische. Da Pari Banu sich ganz besonders bemühte,

dem Prinzen Achmed die wohlschmeckendsten Speisen vorzulegen, und

sie ihm jedesmal wenn sie ihn zum Zulangen aufforderte, mit Namen

nannte, da ferner der Prinz noch nie etwas von denselben gehört hatte

und sie ganz ausgesucht wohlschmeckend fand, lobte er dieselben

außerordentlich und rief aus, daß dies treffliche Mahl, womit sie ihn

bewirte, alle Mahlzeiten der Menschen weit überträfe. Auch war er ganz

entzückt über die Vortrefflichkeit des Weines, welcher aufgetragen

wurde, und wovon er und die Fee erst beim Nachtisch, der aus Früchten,

Kuchen und anderem dazu passendem Imbiß bestand, zu trinken anfingen.

Nach dem Nachtisch standen die Fee Pari Banu und der Prinz Achmed

von der Tafel auf, die sogleich weggetragen wurde, und setzten sich

bequem auf das Sofa, indem sie den Rücken an Polster von Seidenstoff

lehnten, die mit großem, vielfarbigem Blumenwerk, alles von der

feinsten Stickerei, bedeckt waren. Sogleich trat nun eine große Anzahl

von Geistern und Feen in den Saal und begannen einen herrlichen Tanz,

welcher so lange dauerte, bis die Fee und der Prinz Achmed aufstanden.

An das Hochzeitsfest schloß sich eine lange Reihe festlicher Tage,

in die die Fee Pari Banu die größte Mannigfaltigkeit zu bringen

wußte, durch neue Speisen und Gerichte bei den Mahlzeiten, durch neue

Konzerte, neue Tänze, neue Schauspiele und neue Ergötzlichkeiten, die

alle so außerordentlich waren, daß der Prinz Achmed während seines

ganzen Lebens unter den Menschen, und hätte es auch tausend Jahre

gedauert, sich dergleichen nicht hätte erdenken können.

Nach Verlauf von sechs Monaten fühlte endlich Prinz Achmed, welcher

stets seinen Vater geliebt und verehrt hatte, ein heftiges Verlangen,

ihn zu besuchen, und bat die Fee, ihm das zu erlauben. Pari Banu aber

fürchtete, er wollte sie verlassen und antwortete:

»Mit was habe ich denn Euer Mißfallen erregt, daß Ihr Euch gedrungen

fühlt, mich um diese Erlaubnis zu bitten? Sollte es möglich sein,

daß Ihr Euer mir gegebenes Wort vergessen hättet und mich nicht mehr

liebtet, die ich Euch doch so zärtlich liebe?«

»Meine Königin,« erwiderte der Prinz Achmed, »ich tat meine Bitte

nicht, um Euch zu kränken, sondern bloß aus Ehrfurcht für meinen Vater,

den Sultan, den ich gern von seiner Betrübnis zu befreien wünsche, in

die ich ihn durch eine so lange Abwesenheit unfehlbar versetzt habe;

denn ich habe Grund zu vermuten, daß er mich für tot hält. Da ihr indes

nicht erlaubt, daß ich hingehe, so will ich tun, was Ihr wollt.«

Prinz Achmed, der sich nicht verstellte und sie wirklich liebte, drang

nicht weiter in sie, und die Fee zeigte ihm, wie sehr sie über seine

Nachgiebigkeit erfreut war.

Übrigens verhielt es sich wirklich so, wie Prinz Achmed vermutet

hatte. Der Sultan von Indien war mitten unter den Lustbarkeiten bei

der Hochzeit des Prinzen Aly und der Prinzessin Nurunnihar durch die

Entfernung seiner beiden Söhne tief betrübt worden. Es dauerte nicht

lange, so erfuhr er den Entschluß, den der Prinz Hussain gefaßt

hatte, die Welt zu verlassen, und auch den Ort, den er sich zu seinem

künftigen Aufenthalte gewählt hatte. Als ein guter Vater, der einen

Teil seines Glückes darin sieht, seine Kinder um sich zu haben, hätte

er es freilich lieber gesehen, wenn er bei ihm geblieben wäre. Indes

aus Liebe zu seinen Kindern ertrug er seine Abwesenheit mit Geduld.

Er wandte alle Sorgfalt an, um Nachricht von dem Prinzen Achmed zu

erhalten; doch alle Mühe hatte nicht den gehofften Erfolg, und sein

Kummer wurde, anstatt abzunehmen, nur noch größer. Oft besprach er sich

darüber mit seinem Großwesir.

»Wesir,« sprach er einst zu ihm, »du weißt, daß Achmed derjenige

unter meinen Söhnen ist, den ich immer am zärtlichsten geliebt habe,

und du weißt, welche Mittel und Wege ich eingeschlagen habe, um ihn

wiederzufinden, doch stets ohne Erfolg. Der Schmerz, den ich darüber

empfinde, ist so lebhaft, daß ich ihm am Ende erliegen werde. Wenn dir

nur irgend etwas an der Erhaltung meiner Gesundheit liegt, so beschwöre

ich dich, daß du mich mit deinem Beistand und deinem Rat unterstützt.«

Der Großwesir sann auf Mittel, um ihm etwas Beruhigung zu verschaffen,

und da fiel ihm eine Zauberin ein, von weicher man Wunderdinge erzählte.

Er schlug ihm vor, diese kommen zu lassen und zu befragen, und der

Sultan erlaubte es. Der Großwesir ließ sie also aufsuchen und führte

sie selbst bei ihm ein.

Der Sultan sagte zu der Zauberin: »Die Betrübnis, in der ich mich seit

der Hochzeit meines Sohnes Aly mit der Prinzessin Nurunnihar wegen der

Abwesenheit des Prinzen Achmed befinde, ist so allgemein bekannt, daß

du ohne Zweifel darum wissen wirst. Kannst du mir nun nicht vermöge

deiner Kunst und Geschicklichkeit sagen, was aus ihm geworden ist?

Ist er noch am Leben? Was macht er? Darf ich hoffen, ihn noch einmal

wiederzusehen?«

Die Zauberin antwortete: »Herr, welche Geschicklichkeit ich auch immer

besitzen mag, so ist es mir doch nicht möglich, sofort der Anfrage

Eurer Majestät zu genügen; doch wenn Ihr mir bis morgen Zeit lassen

wollt, so werde ich Euch Bescheid geben können.«

Der Sultan gestattete ihr diesen Aufschub und entließ sie mit dem

Versprechen, sie gut zu belohnen.

Die Zauberin kam den folgenden Tag wieder, und der Großwesir stellte

sie wiederum vor. Sie sagte zu dem Sultan:

»Herr, ich habe nichts weiter ermitteln können, als daß der Prinz

Achmed nicht tot ist. Dies ist ganz gewiß, und Ihr könnt Euch darauf

verlassen. Wo er sein mag, habe ich jedoch nicht entdecken können.«

Der Sultan von Indien war genötigt, sich mit dieser Antwort zu

begnügen, die ihn wegen des Schicksals des Prinzen fast in derselben

Ungewißheit ließ, als er zuvor war.

Um wieder auf den Prinzen Achmed zurückzukommen, so unterhielt sich

dieser oft mit der Fee Pari Banu über seinen Vater, den Sultan, doch

äußerte er nie den Wunsch, diesen wiederzusehen, und aus dieser

Absichtlichkeit erriet die Fee seine innere Gesinnung. Da sie nun seine

Zurückhaltung und seine Furcht, nach jener abschlägigen Antwort noch

einmal ihr Mißfallen zu erregen, bemerkte, wußte sie, daß seine Liebe

zu ihr aufrichtig sei, und so beschloß sie, ihm das zu bewilligen, was

er so sehnlich wünschte. Sie sagte daher eines Tages zu ihm:

»Prinz, die Erlaubnis, um die Ihr mich batet, daß Ihr nämlich Euren

Vater besuchen wolltet, hatte mir die Besorgnis eingeflößt, daß

dies bloß ein Vorwand sei, um mich zu verlassen; es war der einzige

Beweggrund, warum ich Euch Eure Bitte abschlug. Doch heute bin ich

anderer Ansicht geworden und gewähre Euch diese Erlaubnis, doch nur

unter der Bedingung, daß Ihr mir zuvor schwört, daß Ihr sehr bald

wieder zurückkehren werdet.«

Der Prinz Achmed wollte sich der Fee zu Füßen werfen, um ihr deutlicher

an den Tag zu legen, wie sehr er von Dankbarkeit gegen sie durchdrungen

sei, allein die Fee hinderte ihn daran.

»Prinz,« sagte sie zu ihm, »Ihr könnt abreisen, sobald es Euch beliebt;

aber erwähnt gegen Euren Vater nichts von unserer Verbindung, von

meinem Stande, oder von dem Orte, wo Ihr Euch niedergelassen habt.

Bittet ihn, daß er sich mit der Nachricht begnüge, daß Ihr Euch nichts

weiter wünscht, und daß der einzige Grund Eurer Reise zu ihm bloß

der gewesen, daß Ihr ihm seine Besorgnis über Euer Schicksal nehmen

wolltet.«

Dann gab sie ihm zu seiner Begleitung zwanzig wohlgerüstete und

stattliche Reiter. Als alles bereit war, nahm der Prinz Achmed von

der Fee Abschied, indem er sie umarmte. Man führte ihm das Pferd vor,

welches sie für ihn hatte in Bereitschaft halten lassen: dies war nicht

bloß reich angeschirrt, sondern auch sehr schön und von einem noch

höheren Wert als irgendeines in dem Marstall des Sultans von Indien. Er

bestieg es mit vielem Anstande, winkte ihr sein letztes Lebewohl zu,

und sprengte von dannen.

Da der Weg nach der Hauptstadt nicht weit war, langte Prinz Achmed

binnen kurzer Zeit dort an. Sobald er in die Stadt einritt, empfing

ihn das Volk, voll Freude über sein Wiedererscheinen, mit lautem

Beifallruf, und ein großer Teil begleitete ihn bis an die Zimmer des

Sultans. Der Sultan empfing und umarmte ihn voll Freude, beklagte sich

gleichwohl aber über die Betrübnis, in die ihn seine lange Abwesenheit

versenkt habe.

»Herr,« erwiderte der Prinz Achmed, »es liegt hier ein Geheimnis vor,

und ich bitte Euch, es nicht ungnädig aufzunehmen, wenn ich darüber

stillschweige. Ich bin glücklich und mit meinem Glücke zufrieden. Da in

meinem Glücke nichts war, was mich beunruhigen und dasselbe zu stören

vermochte, als der Gedanke an den Kummer, den Eure Majestät über mein

Verschwinden haben mußte, so hielt ich es für meine Pflicht, Euch

denselben zu benehmen. Dies ist der einzige Grund, warum ich komme. Die

einzige Gnade, die ich mir für die Zukunft von Eurer Majestät erbitte,

besteht darin, daß Ihr mir erlaubt, von Zeit zu Zeit hierher zu kommen,

um Euch meine Ehrerbietung zu bezeigen und mich nach Eurem Befinden zu

erkundigen.«

»Mein Sohn,« antwortete der Sultan von Indien, »ich kann dir diese

Erlaubnis nicht verweigern, doch würde ich es weit lieber gesehen

haben, wenn du dich hättest entschließen können, hier in meiner Nähe zu

bleiben. Indes sage mir wenigstens, wo ich von dir Nachricht erhalten

kann, wenn du mir selber keine zukommen lässest, oder wenn deine

Gegenwart einmal nötig sein sollte.«

»Herr,« erwiderte der Prinz Achmed, »das, wonach Eure Majestät mich

fragt, gehört mit zu dem erwähnten Geheimnis, und ich bitte Euch daher,

mir zu gestatten, daß ich über diesen Punkt schweige.«

Der Prinz Achmed blieb am Hofe seines Vaters nicht länger als drei

Tage, und schon am vierten reiste er sehr früh wieder ab.

Einen Monat nach der Rückkehr des Prinzen bemerkte die Fee Pari Banu,

daß, seitdem der Prinz ihr von seiner Reise Bericht erstattet, er nie

mehr mit ihr über den Sultan gesprochen hatte, was er früher doch so

oft getan hatte, gerade als ob er nicht mehr auf der Welt wäre. Sie

mutmaßte, daß er bloß aus Achtung gegen sie dies vermiede, und nahm

daher eines Tages Gelegenheit, folgendes zu ihm zu sagen:

»Prinz, sagt mir doch, habt Ihr Euren Vater, den Sultan, denn so ganz

vergessen?«

»Verehrte Frau,« erwiderte der Prinz Achmed, »ich fühle mich einer

solchen Vergeßlichkeit nicht fähig, indes ich wollte lieber diesen

Euren Vorwurf unverdient ertragen, als mich einer abschlägigen Antwort

aussetzen, wenn ich Euch gegenüber eine Sehnsucht nach etwas blicken

ließe, was Euch irgendwie hätte in Unruhe versetzen können.«

»Prinz,« sagte die Fee zu ihm, »ich will nicht, daß Ihr länger diese

Rücksicht gegen mich nehmt, und so dächte ich, da Ihr Euren Vater seit

einem Monate nicht gesehen, Ihr ließet keine längere Frist verstreichen

und stattet ihm den schuldigen Besuch ab. Fangt also morgen damit an,

und fahrt so von Monat zu Monat fort, ohne daß Ihr mir deshalb jedesmal

etwas sagt oder von mir eine Äußerung erwartet.«

Prinz Achmed reiste schon den folgenden Tag mit demselben Gefolge

ab, das aber weit prächtiger ausgerüstet und gekleidet war, als das

erstemal. Er wurde von dem Sultan wieder ebenso freudig empfangen.

So setzte er denn seine Besuche mehrere Monate lang fort, und immer

erschien er in einem reicheren und glänzenderen Aufzuge.

Endlich wußten einige Wesire die Freiheit, die ihnen gestattete mit

dem Sultan zu reden, dazu zu mißbrauchen, daß sie in ihm Argwohn gegen

den Prinzen weckten. Sie stellten ihm vor, die Klugheit erfordere es,

zu wissen, wo der Prinz seinen eigentlichen Aufenthalt habe, und wovon

er seinen großen Aufwand bestreite, dann fuhren sie fort und sagten:

»Habt Ihr recht bemerkt, daß jedesmal, wenn er ankommt, er und seine

Leute ganz frisch und munter und ihre Kleider, die Decken der Pferde

und der übrige Schmuck so blank aussehen, als wären sie soeben erst

neu gemacht? Sogar ihre Pferde sind nicht müder, als kämen sie nur von

einem Spazierritt. Dies sind alles Beweise, daß sich der Aufenthaltsort

des Prinzen in der Nähe befindet, und wir glauben unsere Pflicht zu

verletzen, wenn wir Euch dies nicht untertänigst vorstellten, damit Ihr

zu Eurer eigenen Erhaltung und zum Wohl Eures Reichs die erforderliche

Rücksicht darauf nehmen könnt.«

Der Sultan geriet durch die Reden der Günstlinge in einige Unruhe

und beschloß, die Schritte des Prinzen Achmed beobachten zu lassen,

doch ohne seinem Großwesir das mindeste davon zu sagen. Er ließ die

Zauberin zu sich kommen und sagte zu ihr:

»Du hast mir die Wahrheit gesagt, als du mir versichertest, daß mein

Sohn Achmed nicht tot sei, und ich danke dir dafür; allein du mußt mir

noch einen Gefallen tun. Seitdem ich ihn nämlich wiedergefunden habe

und er wieder jeden Monat einmal an meinen Hof kommt, habe ich noch

nicht von ihm erfahren können, an welchem Ort er seine Wohnung hat.

Du weißt, daß er jetzt eben hier ist, und da er von hier immer wieder

abzureisen pflegt, ohne von mir oder irgendeinem an meinem Hof Abschied

zu nehmen, so verliere keine Zeit, begib dich noch heute auf den Weg

und beobachte ihn so gut, daß du erfährst, wo er jedesmal hingeht, und

mir darüber Antwort bringen kannst.«

Die Zauberin entfernte sich aus dem Palast des Sultans, und da sie

erfahren hatte, an welchem Orte der Prinz Achmed seinen Pfeil gefunden

hatte, begab sie sich augenblicklich dahin und versteckte sich bei den

Felsen.

Den folgenden Tag reiste der Prinz Achmed mit Anbruch des Morgens ab,

ohne daß er vom Sultan oder von einem anderen Manne des Hofes Abschied

nahm, wie er dies gewöhnlich tat. Die Zauberin sah ihn kommen und

begleitete ihn mit den Augen so weit, bis sie ihn und sein Gefolge aus

dem Gesicht verlor.

Da die Felsen wegen ihrer Steilheit jedem Sterblichen unzugänglich

waren, schloß die Zauberin, eines von beiden könne hier nur der

Fall sein, nämlich daß der Prinz sich hier entweder in eine Höhle

zurückzöge, oder an einen unterirdischen Ort, wo Feen und Geister

wohnten. Sobald sie nun vermuten konnte, daß der Prinz und seine

Leute verschwunden und in die Höhle oder in das unterirdische Gemach

hineingegangen sein müßten, kam sie aus ihrem Versteck hervor und ging

geraden Weges auf die Schlucht los, wo sie dieselben hatte hineintreten

sehen. Sie ging in diese hinein, schritt bis dahin, wo dieselbe in

allerlei Krümmungen endigte, sah sich nach allen Seiten um und ging

mehrere Male auf und ab. Allein ungeachtet aller Sorgfalt bemerkte

sie doch weder eine Höhlenöffnung, noch die eiserne Tür, welche

früher den Nachforschungen des Prinzen Achmed nicht entgangen war —

und zwar darum, weil diese Tür nur für Männer, und zwar nur für die,

deren Gegenwart der Fee Pari Banu angenehm war, aber nicht für Frauen

sichtbar war.

Die Zauberin ging also wieder zurück, um dem Sultan Antwort zu bringen,

und nachdem sie diesem über alle ihre Schritte Bericht abgestattet

hatte, fügte sie hinzu:

»Herr, ich will Euch gegenwärtig noch nicht sagen, was ich denke,

sondern ich will Euch lieber eine so klare Kenntnis von der Sache

verschaffen, daß Ihr nicht mehr zweifeln könnt. Um dies bewirken zu

können, erbitte ich mir bloß Zeit und Geduld, nebst der Erlaubnis, daß

Ihr mich handeln laßt, ohne nach den Mitteln zu fragen, deren ich mich

hierzu bedienen muß.«

Der Sultan sagte zu ihr: »Ganz nach deinem Belieben! Geh und handle

so, wie du es für angemessen findest, ich werde die Erfüllung deiner

Versprechungen ruhig abwarten.«

Da der Prinz Achmed, seitdem er von der Fee Pari Banu die Erlaubnis

erhalten hatte, dem Sultan von Indien seine Aufwartung zu machen, nicht

unterlassen hatte, dies regelmäßig alle Monate einmal zu tun, wartete

die Zauberin, bis der laufende Monat zu Ende ging. Ein oder zwei Tage

vor dem Ende desselben begab sie sich an den Fuß der Felsen, und zwar

an die Stelle, wo ihr der Prinz mit seinen Leuten aus dem Gesicht

verschwunden war, und wartete da, um den Plan, den sie entworfen hatte,

auszuführen.

Schon am folgenden Tage ritt Prinz Achmed, wie gewöhnlich, aus der

eisernen Tür heraus, und zwar mit dem Gefolge, das ihn immer zu

begleiten pflegte; er kam dicht an der Zauberin vorbei, die er nicht

für das erkannte, was sie war. Da er bemerkte, daß sie den Kopf auf den

Felsen gelegt hatte und wie eine schwer Leidende jammerte, bewog ihn

das Mitleid, seitwärts abzulenken, um sich ihr zu nähern und sie zu

fragen, was ihr denn fehle und was er zu ihrer Linderung tun könne.

Die arglistige Zauberin sah den Prinzen, ohne den Kopf emporzuheben,

mit einer Miene an, die sein schon gewecktes Mitleid noch vermehrte.

Sie antwortete ihm in abgebrochenen Worten, und als könnte sie kaum

atmen, sie sei von Hause weggegangen, um nach der Stadt zu gehen.

Unterwegs sei sie von einem heftigen Fieber befallen worden, die Kräfte

seien ihr geschwunden, und sie sei genötigt gewesen, auszuruhen und in

dieser unbewohnten Gegend, ohne Aussicht auf menschlichen Beistand, in

der Lage zu bleiben, in der er sie gefunden.

»Gute Frau,« erwiderte der Prinz Achmed, »Ihr seid nicht so weit von

aller menschlichen Hilfe entfernt, als Ihr denkt; ich bin bereit, Euch

an einen Ort zu bringen, wo Ihr nicht bloß alle mögliche Pflege finden,

sondern auch bald geheilt werden sollt. Ihr dürft bloß aufstehen und

zugeben, daß einer von meinen Leuten Euch hinter sich aufs Pferd nimmt.«

Bei diesen Worten des Prinzen Achmed stellte sich die Zauberin, als

suche sie sich mit vieler Mühe aufzurichten. In demselben Augenblick

stiegen zwei von den Reitern ab, halfen ihr auf die Beine und setzten

sie hinter einen anderen Reiter aufs Pferd. Während sie sich wieder

aufsetzten, sprengte der Prinz an der Spitze seiner Reiterschar den Weg

wieder zurück und kam bald an die eiserne Tür, welche ihm durch einen

vorausgeeilten Reiter geöffnet worden war. Der Prinz ritt hinein, und

als er in den Hof des Feenpalastes gelangt war, ließ er, ohne selber

abzusteigen, durch einen seiner Reiter der Fee melden, daß er sie zu

sprechen wünsche.

Die Fee Pari Banu eilte um so schneller herbei, als sie nicht begreifen

konnte, was den Prinzen Achmed sobald wieder zur Umkehr veranlaßt haben

könnte. Ohne ihr Zeit zu lassen, nach dem Grunde zu fragen, sagte der

Prinz zu ihr, indem er auf die Zauberin wies, die zwei seiner Leute vom

Pferde herabgehoben hatten und nun unter den Armen geführt brachten:

»Meine Prinzessin, ich bitte Euch, dieser Frau dasselbe Mitleid zu

schenken, das ich ihr geschenkt habe. Ich habe sie in dem Zustande,

in dem Ihr sie seht, unterwegs getroffen und habe ihr den Beistand

versprochen, dessen sie bedarf.«

Die Fee Pari Banu, die während der Rede des Prinzen ihre Augen auf die

angebliche Kranke geheftet hatte, befahl zweien ihrer Frauen, die ihr

gefolgt waren, sie aus den Händen der Reiter zu übernehmen, sie in ein

Zimmer des Palastes zu führen und für sie ganz ebenso zu sorgen, als ob

sie es selber wäre.

Während die beiden Frauen den empfangenen Befehl vollzogen, näherte

sich die Fee Pari Banu dem Prinzen Achmed und sagte mit niedergesenkten

Augen zu ihm:

»Prinz, ich lobe Euer Mitleid; es ist Euer und Eures Standes würdig,

und ich freue mich, Eurer guten Absicht entsprechen zu können: allein

erlaubt mir, Euch zu sagen, daß ich sehr fürchte, diese gute Absicht

werde uns übel belohnt werden. Es scheint mir nämlich nicht, daß diese

Frau so krank ist, als sie vorgibt, und ich müßte mich sehr täuschen,

wenn sie nicht ausdrücklich dazu hergekommen ist, Euch großes Unheil zu

bringen. Indes laßt Euch das nicht kümmern. Was man auch immer gegen

Euch anzetteln mag, Ihr könnt versichert sein, daß ich Euch aus allen

Schlingen, die man Euch irgend legen mag, befreien werde. Geht daher

und setzt Eure Reise fort.«

Diese Äußerungen der Fee beunruhigten den Prinzen weiter nicht und er

antwortete:

»Meine Prinzessin, da ich mich nicht erinnern kann, jemandem etwas

zuleide getan zu haben, und da ich auch gegen niemanden etwas Böses

vorhabe, so glaube ich nicht, daß irgend jemand dergleichen mir

zuzufügen gedenkt. Wie dem aber auch sein mag, ich werde nicht

aufhören, Gutes zu tun, so oft sich mir die Gelegenheit dazu bieten

wird.«

Hierauf nahm er Abschied von der Fee und setzte seine Reise weiter

fort. Nach wenigen Stunden langte er am Hofe des Sultans an, der ihn

fast so wie sonst empfing, indem er sich soviel als möglich zwang,

um weder seine Unruhe, noch den Argwohn merken zu lassen, den die

Äußerungen der beiden Günstlinge in ihm geweckt hatten.

Unterdes hatten die beiden Frauen, denen die Fee Pari Banu die

Sorge für die Zauberin aufgetragen, diese in ein sehr schönes und

reichgeschmücktes Zimmer geführt. Zuerst betteten sie sie auf ein

Sofa; dann machten sie ihr eine Lagerstatt zurecht, deren Kissen aus

Atlas waren, die Stickereien aus Seide trugen; das Bettuch war von

der feinsten Leinwand und die Oberdecke von Goldstoff. Als sie ihr

nun ins Bett geholfen hatten — denn die Zauberin tat, als ob ihr

Fieberanfall sie so quäle, daß sie sich selber nicht helfen könne —,

ging eine von den Frauen hinaus und kam bald darauf mit einem sehr

feinen Porzellangefäß in der Hand zurück, welches mit einer Flüssigkeit

angefüllt war. Sie reichte es der Zauberin, während die andere Frau ihr

half, sich im Bette aufzusetzen, und sagte zu ihr:

»Da, nehmt die Flüssigkeit, es ist Wasser aus der Löwenquelle, ein

Universalmittel gegen jede Art von Fieber. Ihr werdet binnen einer

Stunde die Wirkung davor, empfinden.«

Um noch kränker zu erscheinen, ließ sich die Zauberin lange bitten und

tat, als hätte sie eine unüberwindliche Abneigung gegen diesen Trank.

Endlich nahm sie das Porzellangefäß und schluckte die Flüssigkeit

hinunter, während sie den Kopf schüttelte, als ob sie sich große

Gewalt antäte. Als sie sich wieder gelegt hatte, deckten die beiden

Frauen sie gut zu, und die, welche den Trank gebracht hatte, sagte zu

ihr:

»Bleibt jetzt ganz ruhig und schlaft, wenn Ihr Lust habt. Wir wollen

Euch jetzt verlassen und hoffen, Euch bei unserer Wiederkehr nach einer

Stunde vollkommen genesen zu finden.«

Die Zauberin, die nicht darum gekommen war, um hier lange die Kranke

zu spielen, sondern bloß um den Aufenthalt des Prinzen Achmed

auszuspähen, hätte jetzt gern erklärt, daß der Trank seine Wirkung

getan habe, so groß war ihr Verlangen, zurückzukehren und den Sultan

von dem glücklichen Gelingen des Auftrags, den er ihr gegeben, zu

benachrichtigen; indes, da man ihr nicht gesagt hatte, daß der Trank

auf der Stelle wirke, mußte sie wider ihren Willen die Rückkehr der

Frauen abwarten.

Die beiden Frauen kamen nach Verlauf der angegebenen Zeit wieder und

fanden die Zauberin aufgestanden und angekleidet auf dem Sofa. Bei

ihrem Eintritt stand sie sogleich auf und rief:

»O der bewunderungswürdige Trank! Er hat weit schneller gewirkt, als

ihr mir sagtet, und ich erwarte euch schon seit einer Weile voll

Ungeduld, um euch zu bitten, mich doch zu eurer mildtätigen Gebieterin

zu führen, damit ich ihr für ihre Güte meinen Dank abstatte.«

Die beiden Frauen, welche ebenfalls Feen waren, freuten sich mit ihr

über die Wiederherstellung ihrer Gesundheit und führten sie durch

mehrere Zimmer, die alle weit prächtiger waren als das, woraus sie eben

kam, in den prachtvollsten und reichgeschmücktesten Saal des ganzen

Palastes.

Pari Banu saß in diesem Saal auf einem Thron von gediegenem Golde,

der mit Diamanten, Rubinen und Perlen von ungewöhnlicher Größe reich

verziert war und neben dem rechts und links eine große Anzahl von Feen

stand, die alle reich gekleidet waren und einen entzückenden Anblick

boten. Durch solchen Glanz und solche Majestät ward die Zauberin nicht

nur ganz geblendet, sondern sie ward auch so verwirrt, daß sie, nachdem

sie sich vor dem Throne niedergeworfen, nicht einmal den Mund zu öffnen

vermochte, um der Fee ihren Dank abzustatten. Pari Banu ersparte ihr

diese Mühe und sagte zu ihr:

»Gute Frau, ich will Euch nicht länger zurückhalten; doch es wird Euch

nicht unlieb sein, zuvor meinen Palast zu besehen. Gehet mit meinen

Frauen, sie werden Euch begleiten und Euch denselben zeigen.«

Die Zauberin, welche noch immer ganz verwirrt war, verneigte sich

nochmals mit der Stirn bis auf den Teppich herab, welcher die

Stufen des Thrones bedeckte, und nahm Abschied. Sie vermochte kein

einziges Wort vorzubringen, und ließ sich von den beiden Feen, die

sie begleiteten, herumführen. Sie sah nun zu ihrem Erstaunen und

unter beständigen Ausrufen der Verwunderung dieselben Reichtümer und

dieselbe Pracht, welche die Fee Pari Banu dem Prinzen Achmed, als er

das erstemal vor ihr erschien, hatte zeigen lassen. Was ihr aber die

größte Bewunderung einflößte, war, daß die Feen, nachdem sie das ganze

Innere des Palastes in Augenschein genommen, ihr sagten, daß alles

das, was sie soeben bewundert habe, nur eine Probe von der Größe und

Macht ihrer Gebieterin sei, und daß sie in ihrem Bereich noch andere

unzählige Paläste habe, die alle von verschiedener Form und Bauart,

doch nicht minder stattlich und prächtig wären. Indem sie sich mit ihr

unterhielten, führten sie sie bis zur eisernen Tür, durch welche der

Prinz Achmed sie eingeführt hatte, öffneten dieselbe und wünschten

ihr, nachdem sie von ihnen Abschied genommen und gedankt hatte, eine

glückliche Reise.

Als die Zauberin einige Schritte weit gegangen war, drehte sie sich um,

um sich die Tür zu merken, doch sie suchte dieselbe vergebens; sie war

bereits wieder für sie unsichtbar geworden. Sie begab sich nun also

ganz zufrieden zum Sultan zurück. Der Sultan ließ sie vor sich kommen,

und da er sie mit einem sehr traurigen Gesicht erscheinen sah, mutmaßte

er, die Sache sei ihr nicht gelungen, und sagte zu ihr:

»Deinem Aussehen nach schließe ich, daß deine Reise fruchtlos gewesen

und daß du mir die Aufklärung nicht mitbringst, die ich von deinem

Diensteifer erwartete.«

»Herr,« erwiderte die Zauberin »der traurige Zug, den Ihr vielleicht in

meinem Gesichte bemerkt, rührt aus einer anderen Quelle als daher, daß

mir meine Aufgabe nicht gelungen wäre. Welches die eigentliche Ursache

ist, sage ich Euch nicht; der Bericht, den ich Euch abstatten werde,

wird Euch alles erklären.«

Nun erzählte die Zauberin dem Sultan alles, was sie gesehen, und

schilderte ihm besonders die Majestät der Fee, die auf einem

von Edelsteinen blitzenden Throne gesessen, deren Wert leicht

die Reichtümer ganz Indiens übersteige, und endlich die übrigen

unermeßlichen und unschätzbaren Reichtümer, welche in dem großen Palast

enthalten wären.

Hier beendete die Zauberin ihren Bericht und fuhr dann fort:

»Herr, was denkt nun Euer Majestät von diesen unerhörten Reichtümern

der Fee? Vielleicht werdet Ihr sagen, Ihr freut Euch über das hohe

Glück des Prinzen Achmed, der dieselben mit der Fee gemeinschaftlich

genießt. Ich will gern glauben, daß der Prinz Achmed vermöge seiner

guten Gemütsart nicht fähig ist, etwas gegen Euer Majestät zu

unternehmen, allein wer kann dafür Zeuge sein, daß nicht die Fee durch

ihre Reize, ihre Liebkosungen und durch die Gewalt, die sie bereits

über ihren Gemahl erlangt hat, ihm den verderblichen Plan eingibt,

Euer Majestät zu verdrängen und sich der Krone Indiens zu bemächtigen?«

Wie sehr auch der Sultan von dem guten Gemüt seines Sohnes überzeugt

war, regten ihn dennoch die Äußerungen der Zauberin sehr auf.

Als man dem Sultan die Ankunft der Zauberin gemeldet hatte, unterhielt

er sich gerade mit denselben Günstlingen, die ihm bereits früher

Argwohn gegen den Prinzen Achmed eingeflößt hatten. Er gebot nun der

Zauberin, ihm zu folgen, begab sich zu den beiden Günstlingen und

teilte diesen mit, was er soeben vernommen.

Einer von den beiden Günstlingen nahm das Wort und antwortete:

»Herr, da Euer Majestät denjenigen kennt, welcher dies Unglück zustande

bringen konnte, da er mitten an Eurem Hofe lebt und in Euren Händen

ist, so solltet Ihr ihn ungesäumt verhaften und in einen engen Kerker

werfen lassen.« Die übrigen Günstlinge gaben dieser Ansicht einstimmig

ihren Beifall.

Die Zauberin fand indes diesen Ratschlag zu gewaltsam; sie bat den

Sultan um Erlaubnis zu reden, und als sie dieselbe erhalten, sagte sie

folgendes zu ihm:

»Herr, bei Verhaftung des Prinzen müßte man auch zugleich seine

Begleiter mit verhaften, die aber nicht Menschen, sondern Geister

sind. Wird es aber leicht sein, sich dieser zu bemächtigen? Würden

sie sich nicht auf der Stelle unsichtbar machen und augenblicklich

die Fee von der ihrem Gemahl angetanen Beleidigung unterrichten,

die diese Schmach nicht ungerächt lassen würde? Wäre es daher nicht

angebrachter, wenn der Sultan sich durch ein anderes Mittel gegen

die bösen Anschläge, die der Prinz Achmed etwa haben mag, sicher

stellen könnte? Da die Geister und die Feen Dinge vermögen, welche

weit alle menschliche Kraft übersteigen, so könnte Seine Majestät den

Prinzen Achmed ja bei seiner Ehre fassen und ihn verpflichten, ihm

durch Vermittelung der Fee gewisse Vorteile zu verschaffen, unter dem

Vorwande, daß er, der Sultan, davon großen Nutzen haben und ihm dafür

stets dankbar sein würde. Zum Beispiel, so oft Euer Majestät zu Felde

ziehen will, seid Ihr genötigt, einen ungeheuren Aufwand zu machen,

nicht bloß an Pavillons und Zelten für Euch und Euer Heer, sondern

auch an Kamelen, Mauleseln und andern Lasttieren, um dieses ganze

Gerät fortzubringen. Könntet Ihr ihn nun nicht verpflichten, daß er

Euch einen Pavillon verschaffte, der in der Hand Platz hätte, unter

dem aber Euer ganzes Heer Obdach finden könnte? Wenn der Prinz diesen

Pavillon herbeischaffen sollte, so bleiben Euch immer noch so viele

andere Forderungen an ihn zu stellen übrig, daß er am Ende dennoch der

Unmöglichkeit der Ausführung wird unterliegen müssen. So wird er sich

dann aus Scham nicht mehr sehen lassen und gezwungen sein, sein Leben

bei der Fee, fern vom Verkehr mit der Welt, hinzubringen, und so

wird dann Euer Majestät nichts mehr von seinen Anschlägen zu befürchten

haben.«

[Illustration: Sie rief: »O elender Mensch, was ist das für eine

traurige Wache, die du da aufbewahrst.«]

Als die Zauberin ausgeredet hatte, frug der Sultan seine Günstlinge, ob

sie ihm etwas Besseres vorzuschlagen wüßten, und da sie stillschwiegen,

so beschloß er, den Rat der Zauberin zu befolgen.

Als der Prinz Achmed am folgenden Tag vor seinem Vater erschien und

neben ihm Platz genommen hatte, ließ sich dieser durch seine Gegenwart

nicht abhalten, sein Gespräch über allerlei gleichgültige Gegenstände

noch eine Weile fortzusetzen. Dann erst wandte er sich zum Prinzen

Achmed und sagte zu ihm:

»Mein Sohn, als du erschienst und mich von der tiefen Traurigkeit, in

die mich deine lange Abwesenheit versenkt hatte, befreitest, machtest

du mir ein Geheimnis aus dem Orte, den du dir zum Aufenthalt gewählt

hattest, und in der ersten Freude, dich wiederzusehen, wollte ich nicht

weiter in dein Geheimnis eindringen. Ich kenne jetzt dein Glück, freue

mich dessen und billige deine Wahl, daß du eine Fee geheiratet, die so

liebenswürdig, so reich und mächtig ist. Dem hohen Range eingedenk, zu

welchem du jetzt erhoben bist, bitte ich dich, daß du deinen ganzen

Einfluß, den du bei deiner Fee haben magst, aufbietest, um mir in

Fällen der Not ihren Beistand zu verschaffen und du wirst mir erlauben,

daß ich diesen deinen Einfluß noch heute auf die Probe stelle. Du

weißt, mit welchen ungeheuren Kosten meine Heerführer, Offiziere und

ich selber, so oft ich in Kriegszeiten ins Feld zu ziehen genötigt

bin, Pavillons und Zelte, sowie auch Kamele und andere Lasttiere zum

Fortbringen derselben, anschaffen müssen. Deshalb bitte ich dich, mir

von deiner Fee einen Pavillon zu verschaffen, der gerade in einer Hand

Platz hat, und unter welchem dennoch mein ganzes Heer Obdach finden

kann.«

Der Prinz Achmed hatte sich dessen gar nicht versehen, daß sein Vater

von ihm eine Sache verlangen würde, die ihm gleich von vornherein sehr

schwierig, wenn nicht gar unmöglich schien. Er war daher wegen der

Antwort, die er jetzt geben sollte, in nicht geringer Verlegenheit.

»Herr,« erwiderte er endlich, »ich bin Gemahl der Fee, von der man Euch

gesagt hat, ich liebe sie, und bin überzeugt, daß sie mich ebenfalls

liebt; doch was meinen Einfluß bei ihr anbetrifft, wie Euer Majestät

anzunehmen scheint, so weiß ich davon nichts zu sagen. Ich habe

diesen nicht nur niemals versucht, sondern noch nicht einmal daran

gedacht, ihn zu versuchen. Indes der Wunsch eines Vaters ist Befehl

für einen Sohn. Obwohl höchst ungern und nur mit unbeschreiblichem

Widerwillen, werde ich dennoch nicht unterlassen, meiner Gemahlin die

Bitte, die Euer Majestät hat, vorzutragen. Indes ich kann Euch nicht

versprechen, daß sie mir wirklich erfüllt werden wird, und sollte ich

daher aufhören, vor Euch zu erscheinen und Euch meine Ehrerbietung zu

beweisen, so wird dies ein Zeichen sein, daß ich nichts ausgerichtet

habe, und ich bitte daher im voraus, daß Ihr es mir verzeihen möget.«

Der Sultan von Indien antwortete dem Prinzen:

»Mein Sohn, ich sehe schon, daß du die Gewalt nicht kennst, die ein

Mann über seine Frau hat. Die deinige würde beweisen, daß sie dich

wenig liebt, wenn sie dir bei der Macht, die sie als Fee hat, eine so

geringfügige Sache abschlagen wollte. Geh, bitte sie nur, und du wirst

sehen, daß die Fee dich weit mehr liebt, als du es glaubst.«

Der Prinz reiste voll Verdruß zwei Tage früher ab, als er sonst zu tun

pflegte. Sobald er zu Hause angekommen war, frug ihn die Fee, welche

ihn bisher immer mit heiterem Angesicht hatte kommen sehen, nach der

Ursache der Veränderung, die sie an ihm bemerkte. Der Prinz sträubte

sich lange dagegen, indem er ihr versicherte, es sei weiter nichts;

allein je mehr er sich sträubte, desto mehr drang sie in ihn. Endlich

vermochte er nicht länger den inständigen Bitten der Fee zu widerstehen

und sagte also zu ihr:

»Meine Gemahlin, Gott verlängere das Leben des Sultans, meines Vaters,

und segne ihn bis an das Ende seiner Tage! Ich verließ ihn vollkommen

frisch und gesund. Dies ist es also nicht, was mir die Bekümmernis

veranlaßt, die Ihr an mir wahrgenommen habt, sondern der Sultan selber

ist die Ursache davon. Erstlich, meine Gemahlin, wisset Ihr, wie

sorgfältig ich ihm mein Glück zu verhehlen gesucht habe; gleichwohl hat

er alles erfahren.«

Bei diesen Worten unterbrach die Fee Pari Banu den Prinzen Achmed und

sagte zu ihm:

»Erinnert Euch an das, was ich Euch in betreff der Frau vorausgesagt

habe, die sich krank stellte und mit welcher Ihr so großes Mitleid

hattet; diese ist es, die dem Sultan, Eurem Vater, alles berichtet hat,

was Ihr ihm verhehlt. Indes erzählt nur weiter.«

Arabische Nächte(#75699) · 第 17 / 21 题