DIE GESCHICHTE VON CHODADAD UND SEINEN BRÜDERN

In der Stadt Harran herrschte einst ein sehr reicher und mächtiger

König, der seine Untertanen ebenso liebte, wie er von ihnen geliebt

wurde. Er war sehr weise und tugendsam, und nichts fehlte ihm zu

seinem vollkommenen Glücke, als ein Erbe. Er hatte die schönsten und

lieblichsten Frauen in seinem Serail, aber er konnte keine Kinder von

ihnen erhalten. Täglich bat er den Himmel um seine Gnade, denn er

sehnte sich sehr nach einem Sohne. Eines Nachts, als er in sanftem

Schlummer lag, erschien ihm ein Mann, der blickte ihn sanft und

gütig an, wie ein Heiliger, und sprach zu ihm: »Deine Bitte wird

erfüllt; dir ist gewährt, wonach du verlangst. Sobald du erwachst,

erhebe dich, sprich dein Gebet und beuge zweimal die Knie; dann gehe

hinaus in den Garten deines Schlosses, und laß dir vom Gärtner einen

Granatapfel pflücken; iß davon so viele Kerne, als dir beliebt, und

deine Wünsche werden erfüllt werden.« — Als der König die Augen

aufschlug, erinnerte er sich des verheißungsvollen Traumes, stand auf,

verrichtete sein Gebet und dankte dem Himmel inbrünstig für seine

Huld. Dann machte er zwei Kniebeugungen, ging in den Garten, nahm

fünfzig Körner des Granatapfels und aß sie. Er hatte einen Harem von

fünfzig Beischläferinnen, die wurden nun alle guter Hoffnung; eine aber

von ihnen, die Piruza hieß, wurde nicht schwanger. Deshalb verabscheute

der König sie so, daß er sie umzubringen beschloß. »Gewiß ist sie dem

Himmel verhaßt, weil er sie nicht würdig findet, Mutter eines Knaben

zu werden,« sprach er bei sich. Er hatte schon den Befehl gegeben, sie

zu töten, als sein Wesir ihm sagte, Piruza könne wohl in gesegneten

Umständen sein, auch wenn man es nicht deutlich an ihr bemerkte. »So

soll sie am Leben bleiben,« entgegnete der König unwirsch. »Aber ich

mag sie nicht mehr sehen; ich will, daß sie sogleich mein Schloß

verlasse.« Er befolgte den weisen Rat seines Wesirs und schickte Piruza

zu seinem Vetter, dem Prinzen Samer von Samarien, mit einem Briefe, in

welchem er ihn bat, sie wohl zu empfangen und ihm Nachricht zu geben,

falls sie eines Knaben genesen sei.

Piruza war aber noch nicht lange fort, da erhielt der König von seinem

Vetter, dem Prinzen Samer, ein Schreiben, das ihm die Geburt eines

Sohnes meldete. Der König freute sich sehr darüber und antwortete

folgendermaßen: »Lieber Vetter, da alle meine anderen Frauen hier

ebenfalls einen Prinzen geboren haben, so haben wir jetzt hier eine

so große Menge Kinder, daß ich Dich bitten muß, den Sohn der Piruza

aufzuziehen. Nenne ihn Chodadad, und schicke ihn mir zurück, wenn ich

Dich darum ersuche.«

Der Fürst Samer sparte nichts, um seinem Neffen eine gute Erziehung

angedeihen zu lassen. Er unterwies ihn im Bogenschießen, gab ihm

Unterricht im Reiten und lehrte ihn alle Künste, die einem Königssohne

zukommen, so daß Chodadad, als er achtzehn Jahre geworden war, mehr

als alle seine Altersgenossen galt. Seine Kraft und sein Mut waren

außerordentlich, dazu war er herrlich von Angesicht und von würdiger

Gestalt. Da der Prinz einen männlichen Mut in sich fühlte, sprach

er eines Tages zu seiner Mutter: »Liebe Mutter, ich beginne mich in

Samarien zu langweilen; darum beurlaube mich und laß mich hinausziehen

auf das Schlachtfeld, wo ich meine Tapferkeit erproben kann, denn ich

weiß, daß ich hier niemals Ruhm ernten werde. Der König von Harran,

mein Vater, hat viele Feinde, die es danach gelüstet, seinen Frieden zu

stören und ihn mit Krieg zu überziehen. Ich wundere mich sehr, daß er

mich nicht zu Hilfe ruft. Denn ich bin kein Kind mehr, und es frommt

mir nicht, meine Kraft und Tapferkeit zu Hause erlahmen zu lassen.

Warum hat er mich nicht schon längst an seinen Hof gezogen? Alle meine

Brüder dürfen an seiner Seite kämpfen und dem Feinde entgegenreiten;

warum soll ich hier mein Leben müßig versitzen?« Piruza antwortete:

»Mein Sohn, die Trennung von dir schmerzt mich sehr; dennoch wünsche

auch ich, daß dein Name überall mit Preis und Ruhm genannt werde. Es

geziemt dir wohl, dich gegen die Feinde deines Vaters auszuzeichnen,

aber du solltest warten, bis er um deine Hilfe ruft.« — »Wahrlich,

liebe Mutter,« sprach Chodadad, »schon zu lange habe ich diese

Verzögerung ertragen! Ich muß meinen Vater von Angesicht sehen, denn

ich brenne vor Verlangen, ihm meine Dienste anzubieten; ich glaube, daß

ich sterben werde, wenn ich nicht zu ihm eile und ihm die Füße küsse.

Als ein Fremdling und ein Unbekannter will ich in sein Heer eintreten,

und er wird ohne Zweifel mein Anerbieten nicht verschmähen. Mit Kraft

und Ausdauer will ich ihm auf allen Feldzügen folgen, damit ich seine

Achtung verdienen und ihm beweisen kann, daß ich wirklich sein Sohn und

seiner würdig bin.« Der Fürst Samer aber verweigerte seine Einwilligung

und wollte nicht dulden, daß Chodadad ohne Befehl des Königs aufbräche;

der aber machte sich eines Tages auf den Weg unter dem Vorwande, er

wolle auf die Jagd reiten. Er schwang sich auf ein weißes Roß, dessen

Zügel und Hufbeschläge von Golde blinkten. Decke und Sattel waren aus

blauem Atlas, mit Edelsteinen geziert und mit köstlichen Perlen. Er

trug einen Säbel mit einem Griffe, der aus einem einzigen Diamanten

bestand, und die Scheide aus Sandelholz war mit Rubinen und Smaragden

eingelegt und haftete an einem edelsteinblitzenden Gürtel. Über seiner

Schulter hing ein Bogen und ein Köcher, der ganz in Silber getrieben

war. In dieser herrlichen Ausrüstung, geleitet von seinen Freunden,

traf er in der Stadt Harran glücklich ein. Es gelang ihm auch bald,

sich dem Könige vorzustellen. Der Sultan war entzückt von der Schönheit

und dem stattlichen Wuchse des jungen Unbekannten und erwiderte gar

gnädig seinen Gruß; vielleicht auch war es die Macht des Blutes, die

sein Herz für diesen Jüngling wärmer schlagen ließ, — jedenfalls rief

er ihn voll Huld an seine Seite und fragte ihn nach Stand und Namen.

Chodadad neigte sich tief zur Erde und sprach: »Hoher Herr, ich bin der

Sohn eines Emirs in Kairo; Reiselust und die Sehnsucht nach fremden

Ländern trieben mich aus meinem Vaterlande; lange bin ich umhergezogen,

bis mir neulich die Kunde wurde, daß deine Nachbarn dich mit Krieg

überziehen wollen; sofort eilte ich an deinen Hof, denn es gelüstet

mich sehr, dir meine Dienste anzubieten und meinen Mut zu beweisen.«

Der König freute sich über diese mutigen und heldenhaften Worte und

ernannte ihn sogleich zu einem Befehlshaber in seinem Heere.

Der junge Prinz überwachte die Truppen des Königs aufs sorgfältigste

und erwarb sich schnell die Achtung der Hauptleute und die Bewunderung

und Zuneigung der Soldaten, denn er war milde und gütig zu ihnen

und hielt sie alle in Gehorsam und strenger Zucht. Der König war

entzückt, als er sein Heer in so trefflichem Zustand erblickte, und

machte Chodadad zu seinem besondern Günstling; alle Emire und Wesire

und die übrigen Höflinge bewarben sich um sein Wohlwollen und zeigten

ihm, welch hohe Achtung sie ihm, dem Fremdling, entgegenbrachten.

Die anderen Prinzen aber sahen dies nur mit Neid, und ihr Herz

entbrannte in Ärger und Haß, weil sie vor dem Unbekannten an Bedeutung

und Ansehen verloren. Der König dagegen freute sich von Tag zu Tag

mehr über die kluge und einsichtige Rede und den Verstand und Geist

seines Günstlings, so daß er ihn immer um sich haben wollte und

ihm schließlich sogar die Erziehung und Aufsicht über die andern

neunundvierzig Prinzen anvertraute, trotzdem Chodadad im gleichen

Alter wie seine Brüder war. Ihr Haß wuchs durch diese Maßnahme des

Vaters nur um so heftiger, und eines Tages traten sie zusammen und

berieten sich: »Wie ist es möglich, daß unser Vater diesen Fremdling

mehr liebt, als uns, und ihn sogar zu unserm Erzieher einsetzt? Wir

müssen uns seinen Befehlen unterwerfen und dürfen nichts ohne seine

Erlaubnis tun. Wahrlich, dieser Zwang ist unerträglich; wir müssen

trachten, uns von ihm frei zu machen! Laßt uns darüber nachdenken, wie

wir uns dieses unbequemen Hofmeisters auf die beste Art entledigen

können.« Einer von ihnen meinte: »Wollen wir uns nicht vereinigen und

ihn alle zusammen an einem einsamen Orte totschlagen?« Ein anderer

wandte dagegen ein: »Nein! wenn wir ihn erschlügen, würden wir uns

selbst zu Fall bringen, denn wir könnten unser Tun vor dem Könige nicht

geheimhalten; er würde uns mit seinem Haß verfolgen und uns gewiß alle

des Thrones für verlustig erklären. Ich habe einen andern Rat. Laßt uns

zu einer List greifen. Wir wollen darum bitten, auf die Jagd reiten zu

dürfen; wenn wir weit genug vom Palaste entfernt sind, dann wollen wir

in irgendeiner Stadt bleiben und uns dort eine geraume Zeit aufhalten.

Sicherlich wird dann der König über unsre Abwesenheit verwundert sein

und sich grämen; und wenn wir nicht mehr zurückkehren, wird er Argwohn

hegen und die Geduld verlieren und dann unsern Peiniger gewiß fortjagen

oder töten lassen. Dies scheint mir der sicherste Weg zu sein, um den

Verhaßten aus dem Wege zu räumen.«

Dieser Vorschlag wurde allgemein anerkannt und fand ungeteilten

Beifall. Die Brüder gingen nun zu Chodadad und ersuchten ihn darum,

auf die Jagd ziehen zu dürfen, zugleich versprachen sie, mit

Sonnenuntergang desselben Tages zurückzukommen. Er ging auch in die

Schlinge und gewährte ihnen ihre Bitte. Sie ritten fort, kehrten aber

weder an diesem, noch am nächsten Tage ins Schloß zurück. Drei Tage

waren vergangen, da wurde der König unruhig und fragte Chodadad: »Ich

vermisse die Prinzen sehr; warum zeigt sich keiner vor meinem Throne?«

— »Erhabener Herr,« erwiderte dieser, »sie baten mich darum, auf die

Jagd reiten zu dürfen; aber sie versprachen mir, bald heimzukehren,

und ich bin selbst in Sorge, weil sie ihr Wort nicht gehalten haben.«

Der König war ratlos, und seine Unruhe wuchs. Als auch der folgende

Tag verstrich und die Prinzen nicht erschienen, konnte er seine Wut

kaum zurückhalten und sprach zu Chodadad in hellem Zorne: »Nachlässiger

Fremdling, wie konntest du so verwegen sein und meine Söhne allein zur

Jagd reiten lassen, ohne sie zu begleiten? Wahrlich, du verwaltest das

Ehrenamt schlecht, das ich dir anvertraut habe! Mache dich sogleich

auf und suche sie; wenn du sie aber nicht zurückbringst, so werde ich

dich des schrecklichsten Todes erbleichen lassen!« Bei diesen Worten

erschauderte Chodadad und erschrak sehr; auf der Stelle schwang er

sich auf sein Roß und ritt zur Stadt hinaus, um nach den Verlorenen

zu forschen. Gleich einem Hirten, dessen Herde sich verirrt hat, zog

er von Land zu Land, durchstreifte alle Gefilde und fragte in allen

Dörfern; aber weder in der Wüste, noch in den Städten konnte er eine

Spur von den Prinzen finden. Da wurde er sehr traurig und rief in

heftiger Bekümmernis: »O meine Brüder, wohin seid ihr verschlagen? Hat

euch ein grimmiger Feind erbeutet, oder ist euch ein anderes Unglück

widerfahren? Niemals kann ich an den Hof von Harran zurückkehren, denn

der König wird vor Herzeleid und Verdruß mir seine Gnade gewiß nie

wieder zuwenden.« Er fand keinen Trost darüber und bereute bitterlich,

daß er die Prinzen ohne seine Begleitung hatte auf die Jagd ziehen

lassen.

Schon lange war er von Feld zu Feld und Wald zu Wald gezogen, als

er an eine sehr große und weite Ebene gelangte, in deren Mitte ein

riesiger Palast aus schwarzem Marmor stand. Langsam und vorsichtig

ritt er darauf zu und erblickte an einem Fenster ein Fräulein von

wunderbarer Schönheit, das mit keinen anderen Reizen, als mit ihrer

eigenen Lieblichkeit geschmückt war; denn ihre Kleider waren zerrissen,

ihre Haare hingen gelöst und verwirrt, und auf ihrem Gesicht lagen

die Züge tiefster Kümmernis und nagender Trauer. Als Chodadad so nahe

herangekommen war, daß er ihre Worte hören konnte, vernahm er folgende

Warnung: »Fliehe vor diesem verhängnisvollen Palaste, Jüngling, sonst

wirst du in die Hände des Ungeheuers fallen, das hier wohnt! Ein

schwarzer Menschenfresser haust in diesen Räumen; er ergreift alle

Leute, welche das Unglück in diese Ebene geschickt hat, und sperrt

sie in finstere, enge Kerker ein und befreit sie nur, wenn er sie

auffressen will.« Chodadad verwunderte sich über diese Rede und rief:

»Sage mir, Herrin, wer du bist und woher du stammst! Wegen mir sei

unbesorgt.« Sie erwiderte: »Ich stamme aus einem edlen Hause und bin

aus Kairo gebürtig; neulich, als ich auf einer Reise nach Bagdad in

diese Ebene kam und an dem Schlosse vorbeizog, begegnete mir der

Abessinier, erschlug alle meine Leute und schleppte mich in diesen

Palast, wo er mich jetzt in Gewahrsam hält. Ich fürchte den Tod nicht,

aber ein gräßliches Unglück steht mir noch bevor; denn dieses Scheusal

verlangt von mir, daß ich mich seinen unreinen Liebkosungen ergeben

soll! Wenn ich mich ihm morgen nicht willfährig zeige und mich seinen

rohen Lüsten nicht ausliefere, wird er mich schänden und mir Gewalt

antun. Eile von hinnen und rette dich, ehe der Schwarze zurückkommt! Er

ist vorhin ausgegangen, um einige Wanderer zu verfolgen und wird bald

heimkehren. Du darfst keine Zeit verlieren, denn das Ungeheuer sieht

weit und breit, wer durch die Ebene zieht, und wird dich gewiß fangen

und in eine dunkle Zelle werfen.«

Kaum hatte die Jungfrau diese Worte gesprochen, als der Abessinier

erschien; er war riesengroß und hatte furchtbare Züge, ritt auf einem

mächtigen tatarischen Pferde und trug ein breites, langes Schwert, das

niemand schwingen konnte, außer ihm. Der Prinz Chodadad entsetzte sich

gewaltig über diese Erscheinung, und sein Herz krampfte sich zusammen;

er betete leise und empfahl sich dem Schutze Gottes. Dann zog er sein

Schwert und erwartete mutig und unerschrocken den Abessinier, welcher

seinen Gegner für so schwach hielt, daß er ihm zurief, er möge sich

ohne Widerrede ergeben, denn er wolle ihn lebendig fangen. Chodadad

aber war entschlossen, um sein Leben zu kämpfen, sprengte auf ihn zu,

packte seine Klinge und versetzte dem Schwarzen einen so kraftvollen

Hieb in das Knie, daß er ein lautes Geschrei erhob und vor Wut

schäumte, so daß die ganze Ebene von seinem Geheul erscholl. Rasend vor

Schmerz, erhob sich der Schwarze in seinen Steigbügeln und ließ sein

Schwert herabsausen, um Chodadad mit einem einzigen Streiche zu Boden

zu schlagen.

Der Prinz wäre wie Gurke gespalten worden, wenn er nicht seine

Geschicklichkeit gezeigt hätte; aber mit einer gewandten Schwenkung

seines Rosses wich er dem Hiebe aus und versetzte selbst dem Mohren

einen zweiten Streich von solcher Gewalt, daß er ihm die rechte Hand

abhieb, die den Schwertgriff gepackt hielt. Die Klinge fiel zugleich

mit der Faust zu Boden, und der Schwarze war von der Heftigkeit des

Schlages so erschüttert, daß er das Gleichgewicht verlor und aus dem

Sattel sank, so daß die Erde weithin von dem Anprall erdröhnte. Behende

schwang sich der Prinz von seinem Pferde, trennte den Kopf des Feindes

vom Rumpfe und warf ihn in großem Bogen über das Feld. Das Fräulein

hatte aus dem Fenster dem furchtbaren Kampfe zugeschaut und fortwährend

innige Gebete für den tapfern Jüngling zum Himmel emporgeschickt;

als sie den Fall des Ungetüms erblickte, schrie sie laut auf vor

Überraschung und Entzücken und rief dem Prinzen zu: »Preis und Ehre

sei dem allmächtigen Gott, der dir die Kraft und den Mut verliehen

hat, dieses Ungeheuer zu vernichten: Wahrlich, nur bei Allah ist

Schutz und Hilfe! Nun aber gehe hin zu dem Abessinier, und nimm die

Schlüssel zum Palaste, die er bei sich trägt; öffne das Tor und befreie

mich aus meinem Kerker!« Chodadad folgte ihren Worten und fand die

Schlüssel am Gürtel des Erschlagenen, dann öffnete er die Pforte und

trat in einen großen Saal, wo er das Fräulein antraf, daß ihm voll

Jubel entgegeneilte. Sie wollte sich ihm aus Dankbarkeit zu Füßen

werfen, doch er hinderte sie daran. Sie pries ihn wegen seines Mutes

und erhob ihn über alle Helden der Erde; er aber erwiderte ihren Gruß

und ihre Höflichkeit, denn er sah, daß sie in der Nähe noch reizender

und liebenswürdiger war, als von ferne. Darum freute sich der Prinz

ebensosehr über ihre Befreiung, als darüber, daß er sich dem schönen

Mädchen hatte gefällig erweisen können; er setzte sich zu ihr, rastete

und plauderte mit ihr.

Plötzlich vernahm Chodadad Schreien und Jammern und Stöhnen und fragte

das Mädchen erstaunt und erschrocken: »Woher kommen diese kläglichen

Töne, die an mein Ohr dringen?« Sie deutete mit dem Finger auf eine

niedrige Pforte in der Ecke des Hofes und sagte: »Mein Prinz, von

dorther klingt das Geschrei. Dort härmen sich viele Elende in ihrem

Kerker, die das Unglück in die Klauen dieses Ungeheuers fallen ließ;

der Schwarze fesselte sie und warf sie ins Gefängnis, damit er jeden

Tag einen von ihnen braten und fressen könnte.« Der Prinz freute sich

über diese Kunde, und seine Augen leuchteten. »Wie glücklich bin ich,«

rief er aus, »daß ich diesen Unglücklichen das Leben wiedergeben kann!

Komm, Herrin, und zeige mir den Weg zu ihren Zellen; du wirst gewiß

meine Freude teilen, da du selbst dem Unheil entronnen bist, das dir

täglich drohte.« Sie näherten sich zusammen den Kerkertüren, und immer

lauter wurde das Kreischen und Weinen der Gefangenen, so daß Chodadad

erschauderte. Eilends stieß er einen der Schlüssel in das Schloß, aber

er hatte nicht den rechten gefaßt und mußte einen andern nehmen; mit

dem öffnete er hastig das Tor. Da die Unglücklichen das Rasseln der

Schlüssel vernahmen, glaubten sie, daß der Mohr zu ihnen herabsteige,

um ihnen wie gewöhnlich Speise zu bringen und sich einen von ihnen zur

Nachtmahlzeit auszusuchen; jeder fürchtete, daß die Reihe an ihn käme,

und so wuchs das Gestöhn und Geschrei, daß es klang, als ob aus dem

Mittelpunkte der Erde unaufhörlich Seufzer und Klagelaute herauftönten.

Als der Prinz die Türe geöffnet hatte, fand er eine sehr steile und

tiefe Treppe, auf welcher er in eine finstere und feuchte Höhle

hinabklomm; darin waren mehr als hundert Menschen mit gefesselten

Gliedern an Pfähle festgebunden; durch ein kleines rundes Loch schien

das spärliche Licht des Tages herein. Er rief ihnen zu: »Ihr armen

Unglücklichen, fürchtet euch nicht mehr, denn ich habe das Ungeheuer

erschlagen; preiset mit mir den erhabenen Allah, der euch durch meinen

Arm erlöst hat! Ich komme, um euch die Fesseln abzunehmen und euch die

Freiheit wiederzugeben.« Als die Gefangenen diese frohe Kunde hörten,

erhoben sie vor Seligkeit und Entzücken ein lautes Geschrei. Chodadad

und das Mädchen begannen nun, die Eingesperrten loszubinden, so daß

sie bald alle ihrer Fesseln ledig waren. Sie küßten Chodadad die

Füße, dankten ihm und stiegen mit ihm aus der tiefen Grube ans Licht

herauf. Wie verwunderte sich Chodadad, als sie in den besonnten Hof

traten und er unter den Gefangenen auch seine Brüder erkannte, die zu

finden er so lange umhergeirrt war! Rief Chodadad: »Ruhm und Preis sei

dem Herrn, daß ihr mir wiedergegeben seid! Täuschen mich meine Augen

nicht? Seid ihr es, liebe Prinzen? Der König, euer Vater, trauert sehr

und härmt sich über euer Ausbleiben; wie froh bin ich, daß ich euch

meinem edlen Herrn zurückführen kann!« Die neunundvierzig Prinzen

umarmten ihren Erretter und dankten ihm im Übermaße des Glückes; dann

erzählten sie ihm, auf welche Weise sie in die Gewalt des grausamen

Abessiniers gefallen waren. Chodadad bereitete allen Gefangenen ein

Gastmahl, dann durchforschte er mit ihnen den Palast und entdeckte

untermeßliche Schätze: chinesische Seidenstoffe, Atlas, Brokat, Gold

und Silber und unzählige Warenstücke, welche der Mohr den Karawanen

nach und nach geraubt hatte. Der Prinz forderte nun einen jeden auf,

sein Eigentum zu suchen und wieder an sich zu nehmen, und was noch

übrigblieb, das verteilte er zu gleichen Teilen unter sie alle. Dann

sagte er zu ihnen: »Wie aber wollt ihr eure Ballen fortbringen, da wir

hier in der Wüste sind und keine Lasttiere finden?« Sie antworteten:

»Herr, der Abessinier hat uns mitsamt unseren Waren auch unsere Kamele

geraubt; sicherlich stehen sie noch in den Ställen dieses Schlosses.«

Sie begaben sich in die Stallungen und fanden nicht nur die Kamele der

Kaufleute, sondern auch die neunundvierzig Pferde der Prinzen, die dort

angebunden waren. In den Ställen hockten aber auch viele abessinische

Sklaven; als sie sahen, daß die Gefangenen alle befreit waren, wußten

sie, daß ihr Herr tot war und flohen vor Schrecken auf geheimen Wegen

hinaus in den Wald; und keiner dachte daran, sie zu verfolgen. Die

Kaufleute packten ihre Waren voll Freude auf die Rücken der Kamele,

dankten dem Prinzen nochmals, wünschten ihm Glück und Segen und machten

sich alsbald auf den Heimweg. Lange blickte ihnen Chodadad in Gedanken

versunken nach, bis sie fern in der flimmernden Wüste verschwunden

waren; dann wandte er sich an das Fräulein und sprach zu ihr: »Edle

und schöne Dame, sag mir, woher du kamst, als der Abessinier dich

überfiel, und wohin du jetzt zu reisen gedenkst. Ich will dich wieder

in deine Heimat führen, und ohne Zweifel werden alle diese Prinzen dir

gern das Geleit geben.«

»Mein Retter,« entgegnete das Fräulein, »ich stamme aus einem fernen

Lande, ich lebe in Ägypten, und der Weg ist so weit, daß ich dein

Anerbieten abweisen muß, um deine Großmut nicht länger zu mißbrauchen.

Vorhin sagte ich dir, ich sei ein Mädchen aus Kairo; aber da du mir das

Leben gerettet und mir so viel Edles erwiesen hast, wäre es undankbar

und stünde es mir übel an, wenn ich dir meine Geschichte länger

verhehlen wollte. Ich bin die Tochter eines weitbekannten Königs, der

über Said regiert; ein Räuber bemächtigte sich seines Thrones und

nahm ihm das Leben; da entfloh ich, um meine Ehre zu retten.« Nach

diesen Worten baten Chodadad und seine Brüder die Prinzessin, ihnen

ihre Geschichte zu erzählen und was ihr widerfahren sei, und sprachen

zu ihr: »Wir werden alles aufbieten, damit du hinfort in Glück und

Wohlstand leben kannst, denn wir wollen dich schützen und dir dein

Reich wieder gewinnen helfen.« Als sie sah, daß sie die Neugierde der

Brüder befriedigen mußte, begann sie mit folgenden Worten:

Arabische Nächte(#75699) · 第 16 / 21 题