DIE GESCHICHTE VON DEM ZAUBERPFERDE

In längst vergangenen Tagen lebte ein König in Persien, der hieß Sabur

und war der gewaltigste und mächtigste Herrscher seiner Zeit, denn

er besaß unermeßliche Reichtümer und viele Truppen, die sein Land

beschützten. Sein Herz kannte Güte und Milde, und seine Hand tat sich

den Armen auf und gab viele Almosen. Er war ein Trost der Kranken und

Mühseligen; Verfolgte und Verirrte fanden bei ihm gastliche Unterkunft.

Er war sehr klug und gerecht, er bestrafte die Bösen, zürnte allen, die

unrecht handelten, und die Unterdrückten beschützte er großmütig vor

Gewalt und Missetat. Seine Gattin schenkte ihm drei Mädchen und einen

Sohn, die er von Herzen liebte, denn sie waren edel und wohlgestaltet.

Der König Sabur feierte in jedem Jahre zwei Feste, die waren Niradj und

Mihrdjan genannt. An diesen hohen Festtagen verteilte er Gaben, ließ

seine Paläste und Gärten öffnen, so daß alle Untertanen freien Zutritt

zu ihm hatten, ihm Geschenke bringen und ihre Anliegen vortragen

konnten. Es geschah aber, daß an einem dieser Festtage drei sehr weise

und gelehrte Männer in seiner Stadt erschienen, um ihm seltene und

kostbare Geschenke zu bringen. Sie kamen aus drei verschiedenen Ländern

und hatten alle verschiedene Sprachen. Der eine war ein Grieche, der

zweite ein Perser und der dritte ein Indier. Dieser trat zuerst vor

den König, beugte die Knie vor ihm, wünschte ihm Glück und Heil und

übergab ihm eine goldene Bildsäule. Sie war ganz mit prachtvollen,

funkelnden Edelsteinen geschmückt und trug in der Hand ein goldenes

Horn. Der König Sabur freute sich sehr darüber, nahm sie in Augenschein

und fragte sodann: »Sage mir, weiser Mann, wozu soll mir dein Geschenk

dienen?« Der Indier erwiderte: »Großer König! Diese Bildsäule hat die

Eigenschaft, daß sie sogleich in das goldene Horn stößt, wenn sich ein

Spion in die Stadt einschleichen will. Alsbald beginnt er zu zittern

und fällt tot zu Boden.« Der König verwunderte sich sehr über diese

Rede und sprach: »Wahrlich, wenn deine Worte wahr sind, so werde ich

dir alle Wünsche gewähren.« Dann kam der Grieche heran, küßte die

Erde und übergab dem König ein Becken aus Silber; in der Mitte saß

ein goldener Pfau, und um ihn herum waren vierundzwanzig Junge. Der

König betrachtete das Geschenk mit Entzücken und fragte: »Sage mir,

wozu mir dieses Kunstwerk dienen soll?« Der Grieche antwortete: »Mein

König, wenn eine Stunde verflossen ist, wird dieser Pfau eines seiner

Jungen aufpicken und dir so die Tageszeit anzeigen. Nach einem Monat

aber wird er immer den Schnabel öffnen, und dann wird darin der Mond

erscheinen.« Als der König dieses Wort vernahm, sagte er: »Wahrlich,

wenn du wahr sprichst, so werde ich dir alle deine Wünsche erfüllen.«

Dann nahte der persische Gelehrte, neigte sich tief und überreichte dem

Könige ein Pferd aus Ebenholz; das war vollkommen ausgerüstet, hatte

Zaum und Steigbügel und einen prächtigen Sattel und war ganz mit Gold

und Edelsteinen geziert. Der König erstaunte sehr und fragte, welches

der Zweck dieses kunstreichen, leblosen Tieres sei. »Mein König,«

erwiderte der persische Weise, »es ist nicht das äußere Ansehen, warum

ich dir dieses Pferd zum Geschenk bringe. Es birgt ein wunderbares

Geheimnis; denn es legt mit seinem Reiter in einem Tage eine Strecke

von einem Jahre zurück; es fliegt durch die Luft an jeden Ort der Erde,

wohin du dich wünschest.« Der König war sehr verwundert über diese

Worte und sprach zu dem Perser: »Beim allmächtigen Gott, der die Welt

und die Menschen geschaffen hat, wenn du die Wahrheit gesprochen hast,

so sei dir jede Bitte gewährt, die du an mich richten wirst.« Darauf

nahm er die drei Weisen gastlich auf und prüfte ihre Gaben. Ein jeder

von ihnen zeigte dem König, daß er wahr geredet hatte. Das Bildnis

stieß in das goldene Horn, der Pfau pickte die Jungen auf, und das

Zauberpferd schwang sich mit dem Perser hoch in die Lüfte und ließ sich

darauf mit großer Leichtigkeit wieder zur Erde herab. Der König war

in äußerster Freude über die seltenen Geschenke und sagte: »Da ihr die

Wahrheit eurer Rede durch die Tat bewiesen und euer Versprechen erfüllt

habt, so will ich euch jetzt gewähren, was ich vordem versprochen habe.

Jeder von euch mag etwas fordern; ich werde es ihm sogleich gewähren.«

Die Weisen aber hatten schon von den drei lieblichen Prinzessinnen

vernommen und sagten daher: »Wenn du mit unseren Geschenken zufrieden

bist, o Herr, und uns eine Bitte gewährst, so möchten wir, daß du uns

deine Töchter zur Frau gibst und uns zu deinen Schwiegersöhnen machst.«

— »Eure Bitte sei erfüllt,« sprach der König und ließ sogleich den

Kadi rufen, damit er den Ehevertrag aufsetze.

[Illustration: Angesichts einer so arroganten Behauptung brachen alle

Höflinge in lautes Gelächter aus.]

Hinter einem Vorhange hatten die drei Prinzessinnen gelauscht, denn

sie waren neugierig, die unerhörten Schauspiele mit anzusehen; als

die jüngste von ihnen den Perser erblickte, den sie heiraten sollte,

erschrak sie sehr; denn er war ein hundertjähriger Greis und hatte

viele Runzeln und Falten. Das Haupthaar starrte wie Borsten, aber die

Augenbrauen und der Bart waren ihm ausgefallen. Seine Augen waren rot

und triefend, seine Wangen ganz eingefallen und so gelb wie Leder, und

die Backenknochen traten spitz und scharf hervor. Seine plumpe Nase

sah einer Gurke ähnlich, die Zähne wackelten oder waren ausgefallen,

seine Lippen waren blau und glichen den Kamelnieren, und seine Hände

zitterten beständig. Wahrlich, er war der häßlichste aller Menschen

und von Aussehen wie der Teufel, so daß selbst die Vögel des Himmels

vor seinem Anblick flohen! Die Prinzessin aber war sehr schön und

liebreizend, leichtfüßig wie eine Gazelle, mild wie der Zephir und

sanft und leuchtend gleich dem Mondlichte. Sie tanzte zarter und wiegte

sich leichter wie die Zweige der Büsche im Morgenwinde, und keine

Gazelle glich ihr an Geschmeidigkeit und behendem Spiele der Glieder.

Als das reizende Mädchen den ihr erwählten Bräutigam erspähte, war ihr

Herz sehr bekümmert; sie eilte in ihr Zimmer, zerriß ihre Kleider,

streute sich Asche aufs Haupt, schlug sich Brust und Gesicht und weinte

bittere Tränen. Ihr Bruder aber, der sie vor allen seinen Schwestern

liebte, kehrte soeben von einer Reise zurück. Als nun ihr Klagen bis

in seine Gemächer klang, lief er zu ihr und fragte sie nach dem Grunde

ihres Kummers. Sie aber warf sich ihm in die Arme und rief: »Was habe

ich Schändliches getan, daß mein Vater so mit mir handelt? Ist ihm

das Schloß zu eng geworden, so will ich mich gern von hier entfernen.

Ach, mein Bruder, ich Unglückliche werde dich verlassen; aber es gibt

ja einen allmächtigen Gott, der wird mich führen und mit mir sein!«

Ihr Bruder schüttelte mißmutig den Kopf, denn er konnte die Worte der

Schwester nicht begreifen, und bat sie, ihm deutlicher zu erklären,

warum sie so verzweifelt und traurig sei. Da sagte sie: »Wisse, lieber

Bruder, mein Vater hat mich mit einem alten, lahmen und runzeligen

Zauberer verlobt, der ihm ein Pferd aus Ebenholz geschenkt hat.

Wahrlich, er hat sich überlisten lassen! Ich aber verabscheue diesen

jämmerlichen Alten, denn ich weiß, daß ich nicht seinetwegen zur Welt

gekommen bin.« Ihr Bruder erschrak über das Vorhaben seines Vaters,

sprach ihr Trost zu und eilte sofort zu dem Könige. »Wo ist der alte

Zauberer, mit dem du meine liebe schöne Schwester verlobt hast? Ich

will ihn strafen für seine unverschämte Forderung! Wo ist das Geschenk,

um dessentwillen meine Schwester sich in Gram und Leid verzehren soll?

Wie kannst du so grausam an deinem eigenen Kinde handeln!« Als der

weise Perser diese Rede hörte, ergrimmte er in seiner Seele über die

heftigen Worte des jungen Prinzen. Der König aber sagte: »Besichtige

nur erst das Pferd; wenn du seine Kunst gesehen hast, wirst du gewiß

verstummen und vor Verwunderung fast von Sinnen kommen.« Er ließ das

Geschenk des Persers holen, und der Prinz ging um das Pferd herum

und fand Gefallen daran. Er schwang sich sogleich auf seinen Rücken,

denn er war ein guter Reiter, und stieß ihm den spitzen Sattel in den

Leib. Das Tier aber rührte sich nicht und bewegte sich nicht von der

Stelle. Da sprach der König zu dem Weisen: »Zeige ihm, wie man das

Roß in Bewegung setzen muß, dann wird er sich dir gewiß nicht mehr

widersetzen.« Der Perser, in dessen Seele grimmiger Haß gegen den

Prinzen keimte, wies ihm nun einen Wirbel an der rechten Seite des

Pferdes, dann verließ er ihn. Sofort rieb der junge Prinz den Wirbel,

und alsbald erhob sich das Pferd mit rasender Geschwindigkeit und

flog mit ihm davon, so daß er bald aller Augen entschwunden war. Der

König ängstigte sich um seinen Sohn, und alle, die es sahen, erhoben

ein lautes Geschrei der Verwunderung. Der König fragte den Alten:

»Sage mir, wie der Prinz das Pferd wieder zur Erde lenken kann?«

Der Weise aber entgegnete mit kalter Stimme: »Diese Kunst ist mir

unbekannt, Herr; nicht meine und nicht seine Schuld ist es, wenn du

ihn bis zum jüngsten Tage nicht wiedersiehst. Warum hat er auch aus

unverständigem Hochmute verschmäht, mich um Rat darum zu fragen, auf

welche Weise er wieder zur Erde zurückfliegen kann? Ich selbst war so

bestürzt, als ich ihn plötzlich aufsteigen sah, daß ich den Gebrauch

meiner Sprache verlor und nicht daran dachte, ihm das Geheimnis zu

verraten.« Der König ergrimmte über diese Worte und sprach: »Ich kann

dir nicht mehr trauen; darum soll dein Kopf mir für das Leben meines

Sohnes haften,« und er ließ den Perser peitschen und in ein enges

Gefängnis einschließen. Dann begab sich Sabur in sein Gemach, sorgte

sich und seufzte und war in großer Betrübnis darüber, daß das Fest

so schmachvoll zu Ende gegangen war. Alle Tore des Palastes wurden

geschlossen, und in der ganzen Stadt herrschten Trauer und Klage. Der

König, seine Gemahlin und seine Töchter weinten Tag und Nacht über den

Verlust des geliebten Prinzen.

Der Prinz aber war unterdessen mit schwindelnder Eile zum Himmel

emporgeführt worden, so daß er nahe der Sonne schwebte und auf der

Erde nichts mehr zu erkennen vermochte. Als er zurückkehren wollte,

drehte er den Wirbel an der rechten Seite nach der verkehrten Richtung,

jedoch das Pferd trug ihn immer höher. Da erschrak er, denn er meinte,

daß er nun seinem gewissen Tode entgegenritte. Er war aber ein

entschlossener und kluger Jüngling; deshalb faßte er Mut, untersuchte

aufmerksam Kopf und Hals des Rosses und entdeckte auf der linken Seite

einen zweiten, kleineren Wirbel, den er sogleich zu drehen begann.

Augenblicklich senkte sich das Tier, und bald konnte er wieder Berge,

Städte und Ströme auf der Erde unterscheiden. Dann rieb er wieder

an dem rechten Hebel und stieg in geringe Höhe hinauf. Als die rote

Sonne hinter den Bergen sank und der Abend dunkelte, kam er in eine

blühende Ebene; dort wiegten sich viel bunte, duftende Blumen, und ein

klarer, silberner Bach murmelte durch das Gras, und Gazellen sprangen

leicht und lustig durch die Wiesen. Bald sah er unter sich eine große

Stadt mit vielen Häusern, festen Türmen und starken Mauern. Auf der

andern Seite der Stadt erhob sich ein prächtiger, stolzer Palast,

um den vierzig bewaffnete Sklaven mit Bogen und Lanzen aufmerksame

Wache hielten. Der Prinz blickte sich um und dachte: »In welches Land

bin ich hier verschlagen worden; werde ich hier Freunde oder Feinde

finden?« Nach einigem Zögern entschloß er sich, die Nacht im Dunkel der

Terrasse zuzubringen, und bemühte sich, sein Pferd nach dem fremden

Schlosse hinzulenken. Es war schon Nacht geworden, als er abstieg,

hungrig und durstig und von Müdigkeit überwältigt. Er tappte durch die

Finsternis und entdeckte endlich eine Treppe an der Terrasse, welche

in das Innere des Schlosses führte. Er stieg die Stufen hinunter und

trat auf einen Platz, der mit weißem Marmor gepflastert und vom Monde

schwach beleuchtet war. Vorsichtig spähte er umher und sah ein Licht,

das aus dem Innern des Schlosses glänzte. Er schritt darauf zu und kam

an eine Türe, vor welcher ein Sklave schnarchte. Der war so groß wie

ein Baum und so breit wie eine steinerne Bank und glich einem Geiste

Solimans. Neben ihm brannte eine kleine Lampe, und an seiner Seite

lag ein Schwert, das funkelte und blitzte wie eine Flamme. Der Prinz

zögerte einige Augenblicke, denn dieser ungewohnte Anblick erschreckte

ihn; dann aber faßte er Mut und sprach: »Allmächtiger Gott, dich flehe

ich um Rettung an! Verleihe mir Kraft, und verschone mich vor allem

Ungemach!« Nach diesen Worten ergriff er ein Tischchen mit steinernen

Pfeilern, das neben dem schlafenden Sklaven stand, schob es zur Seite

und nahm die Decke weg. Da fand er köstliche, duftende Speisen und

Getränke, und er aß und labte sich daran, bis er gesättigt war. Dann

trug er das Tischchen wieder zurück, schlich auf den Zehen zu dem

Schlafenden und zog ihm leise das Schwert aus der Scheide. Langsam und

vorsichtig schritt er weiter und entdeckte abermals eine Tür, welche

durch einen Vorhang verschlossen war. Er zog den leichten Seidenstoff

zur Seite und trat in das Gemach. Darin stand ein Thron aus weißem

Elfenbein, der war mit Rubinen und Smaragden und anderen Edelsteinen

geschmückt; um ihn herum lagerten vier schlafende Sklavinnen. Er

schlich sich näher und sah auf dem Throne ein schlummerndes Mädchen;

in ihr mildes Gesicht fielen die langen, glänzenden Haare, ihre Stirn

leuchtete wie das Mondlicht, und ihre Wangen glichen den Anemonen.

Der Prinz bewunderte ihre Anmut und ihren stolzen Wuchs; zaghaft und

zitternd näherte er sich ihr und küßte sie leise auf die rechte Wange.

Alsbald erwachte das Mädchen, öffnete die hellen Augen und blickte den

Prinzen fragend an. »Wer bist du, Jüngling, und wo kommst du her?«

begann sie mit sanfter Stimme. Er antwortete: »Ich bin dein Geliebter

und dein Sklave; der allmächtige Gott hat mich zu dir, du Schönste,

geführt. Laß mich bei dir bleiben, und weise mich nicht ab!«

[Illustration: Er sah schwarze Eunuchen schlafend liegen.]

Die Prinzessin aber war kürzlich von ihrem Vater mit einem der

vornehmsten Männer der Stadt verlobt worden und glaubte nicht anders,

als daß der unbekannte Prinz ihr Bräutigam sei. Sie betrachtete ihn

mit Wohlgefallen, und da er schön war wie der Glanz des Mondes,

so entflammte er alsbald ihr Herz zu heißer Liebe. Sie plauderten

traulich und scherzten miteinander. Plötzlich erwachten jedoch die

vier Sklavinnen und riefen, als sie den fremden Mann neben ihrer

Gebieterin erblickten: »Wer ist dieser Jüngling, der hier bei dir

weilt, o Herrin?« Die Prinzessin erwiderte: »Ich weiß es nicht. Als

ich erwachte, sah ich ihn neben mir stehen. Ohne Zweifel ist er mein

Verlobter.« Die Sklavinnen aber sprachen: »Beim allmächtigen Gott! Wehe

dir! Dein Verlobter kann nicht einmal der Diener dieses Mannes sein!«

und sogleich liefen sie zu dem schnarchenden Sklaven, rüttelten ihn,

daß er erwachte, und riefen: »Beschirmst du das Schloß so schlecht,

daß du nicht siehst, wenn fremde Leute hier eindringen, während wir

ruhen?« Bei diesen Worten sprang der Sklave erschrocken in die Höhe

und griff nach seinem Schwerte; da er es aber nicht fand, stürzte er

voll Angst und Entsetzen hinein zu seiner Herrin. Er sah den Prinzen

bei ihr sitzen, lief auf ihn zu und schrie: »Du Dieb! Wie bist du

hereingekommen, du Betrüger?« Bei diesen Schimpfworten reckte sich

der Prinz empor, packte das Schwert und drang wie ein grimmiger Löwe

auf den Sklaven ein; den aber trieb die Furcht, daß er floh und

zitternd zu dem Könige eilte und ihm das Vorgefallene meldete. Der

König erschrak und zückte in bebender Wut sein Schwert. »Du Hund!«

rief er, »was bringst du mir für schlechte Kunde, du Nichtswürdiger!«

Der Sklave wich zurück und erwiderte mit leiser Stimme: »Habe Mitleid,

hoher Herr! Der Schlaf hatte uns überwältigt; als wir erwachten,

erblickten wir einen vornehmen Mann neben meiner Gebieterin; wir wissen

nicht, woher er kam, und wie er zu uns hereingedrungen ist.« Der

König stürzte mit der Waffe in der Hand zu dem Zimmer seiner Tochter,

und als er hereintrat, sah er den Prinzen in vertrautem Gespräch bei

der Prinzessin sitzen. Da packte ihn sinnloser Zorn; er hob sein

Schwert und wollte den Prinzen erschlagen. Der aber blickte ihm fest

ins Auge, streckte ihm sein Schwert entgegen und sprach: »Weiche

zurück! Bei Gott, dem Allmächtigen! wäre das Haus nicht heilig durch

meinen Eintritt, so würde ich dich zu denen senden, die in der Gruft

deiner Väter schlummern.« Der König rief: »Wer bist du, Elender? Wer

ist dein Vater, du Niedriggeborener, daß du es wagst, meine Tochter

heimtückisch zu überfallen? Ich bin der größte und mächtigste König

der Erde, und du führst eine Sprache, als ob ich dein niedrigster

Sklave wäre. Du Dieb, ich will dich zum Schrecken aller Welt auf die

jammervollste Weise umbringen; das schwöre ich beim erhabenen Gott!«

Der Prinz lächelte und sprach: »Herr, du zeigst eine grobe Art und

einen recht schwachen Verstand! Denn was nützt es dir, wenn du mich

töten läßt? Würde nicht ein Gerede bei allen Leuten umgehen, daß du

einen Jüngling bei deiner Tochter gefunden und niedergeschlagen hast?

Schmach und Spott würden dir folgen, und niemals wärest du vor Schande

sicher. Aber auch wir sind Könige und Söhne von Königen und könnten

dich leicht vom Throne stürzen. Doch Gott bewahre dich vor Unheil!

Kannst du übrigens der Prinzessin einen bessern Mann wünschen? Wisse:

Ich bin Kamr al Akmar, der Sohn des Königs von Persien.« Da fragte

ihn der König etwas sanfter: »Warum bist du nicht zu mir gekommen

und hast um sie angehalten, wie es die Sitte verlangt?« Der Prinz

entgegnete mit ruhiger Stimme: »Was geschehen ist, das ist geschehen!

Aber ich will dir einen günstigen Vorschlag machen. Gebiete allen

deinen Truppen, sich zu versammeln, und ich will ganz allein gegen sie

streiten; wenn ich besiegt werde, so bin ich schuldig, wenn ich sie

aber in die Flucht schlage, so wirst du gewiß meine Würde erkennen und

mir mit Achtung begegnen. Man kann die Menschen nicht wie Korn mähen

und messen.« Der König freute sich im stillen über diese Wendung der

Dinge, denn er war sehr in Verlegenheit gewesen, wie er den Fremden

töten lassen sollte, ohne sich und seiner Tochter Schimpf und Spott

zu bringen. »Dein Vorschlag ist mir angenehm,« antwortete er; und

sobald der Tag begann, versammelte er seine Truppen und ließ sie in

Schlachtordnung aufstellen. Der Prinz trat in glänzenden Waffen aus

dem Schlosse und sprach: »Ich will mein eigenes Roß reiten, bringt

es mir von der Terrasse, wo ich es in dieser Nacht angebunden habe!«

Die Diener führten das Pferd herbei, und der König bewunderte seine

Schönheit und sein künstliches Sattelzeug. Der Prinz stieg auf sein

Roß, und sofort umringten ihn die Truppen und drangen auf ihn ein, um

ihn zu erschlagen. Schnell rieb der Prinz den Wirbel an der rechten

Seite des Pferdes, und augenblicklich stieg es mit ihm in die Luft und

schwebte wie ein leichter Vogel. Der König rannte umher und schrie

in einem fort: »Tötet ihn doch! Erschlagt ihn!« Aber die entsetzten

Soldaten wichen und sagten: »Das ist ein Teufel, beim allmächtigen

Gott! Wie sollen wir ihn ergreifen? Dank sei dem Erhabenen, daß er uns

von diesem Zauberer befreit hat!« Betrübt und beschämt kehrte der König

mit seinen Truppen in das Schloß zurück, er ging sogleich in die Zimmer

der Prinzessin und erzählte ihr, was sich zugetragen hatte. Er schalt

sehr auf den Prinzen und rief: »Dieser Elende! Daß ihn Gott verdammen

möge, den Betrüger, den schändlichen Geist!« Der König wußte freilich

nicht, daß seine Tochter in Liebe für den Prinzen entbrannt war. Als er

ihre Tränen fließen sah, merkte er wohl, daß er sie schlecht getröstet

hatte und verließ sie wieder. Die Prinzessin aber schloß sich ein,

wehklagte und konnte nicht essen und trinken und schlafen.

[Illustration: Die ganze Zeit über hatte die Prinzessin den Kampf vom

Dach des Palastes aus beobachtet.]

Indessen durchflog der Prinz Kamr al Akmar die Luft mit seinem Pferde,

bis er wieder in das Land seines Vaters kam. Er ließ sich vor dem

heimatlichen Schlosse nieder und stieg aus dem Sattel. Die Treppe lag

mit grauer Asche bestreut, und überall war ein dumpfes Schweigen.

Verwundert schritt der Prinz durch die Gemächer und fand dort seine

Eltern und seine Schwestern in Trauerkleider gehüllt, bleich, mit

tränengeröteten Augen. Sein Vater erblickte ihn zuerst und fiel mit

einem lauten Schrei in Ohnmacht; als er wieder zur Besinnung kam,

umarmte er seinen Sohn und weinte vor Freude. Die Königin und die

Prinzessinnen eilten auf ihn zu, herzten und küßten ihn und fragten,

wie es ihm ergangen sei. Er berichtete alles auf das genaueste und

vergaß keine Einzelheit. Als er geendet hatte, rief sein Vater: »Es ist

kein Heil und kein Schutz, außer bei dem allmächtigen Gotte! Gepriesen

sei der Herr, der dich mir wiedergab, du Freude meines Herzens!«

Überall in der Stadt war Jubel und Frohlocken; man blies die Trompeten

und schlug die Pauken und legte Freudenkleider an; alle Häuser waren

festlich geschmückt, und die Großen des Reiches kamen und brachten ihre

Glückwünsche dar. Der König aber veranstaltete ein prunkvolles Fest,

ließ alle Gefangenen frei und gab sieben Tage und sieben Nächte lang

Mahlzeiten, bei denen jeder so viel essen konnte, wie er wollte. Als

die Festlichkeiten zu Ende waren und der König mit seinem Sohne bei

Tische saß, befahl er einer Sklavin, daß sie ein Lied zur Laute singen

möchte. Sie griff in die Saiten und sang mit milder, wohltönender

Stimme folgende Verse: »Ich habe dich nicht in der Ferne vergessen!

Denn wie könnte ich noch denken, wenn ich dich vergäße? Die Zeit

vergeht, aber meine Liebe zu dir ist ewig. Mit dir werde ich sterben,

und mit dir werde ich auferstehen.«

Bei diesen Worten weitete sich das Herz des Prinzen vor Schmerz und

Sehnsucht; Trauer und Wehmut schlichen in seine Seele, und er verließ

seinen Vater heimlich, schwang sich auf das Roß aus Ebenholz, stieg mit

ihm empor und flog, bis er zum Schlosse der Prinzessin gelangte. Er

ließ sich auf der Terrasse herab, stieg dieselbe Treppe hinunter, wie

vormals, und fand den Sklaven, der, wie das erste Mal, schlafend lag

und schnarchte. Vorsichtig schlich er an ihm vorbei und trat hinter den

Vorhang, der die Türe zum Schlafgemach der Prinzessin bedeckte; hier

blieb er stehen und lauschte, denn er hörte, daß sie laut jammerte. Die

Sklavinnen erwachten durch die Klagen ihrer Gebieterin und sprachen zu

ihr: »Warum trauerst du, geliebte Herrin, über einen, der doch deinen

Gram nicht mit dir teilt?« Die Prinzessin antwortete: »Wie seid ihr

unverständig, ihr Mädchen! Wer könnte diesen Mann jemals vergessen?«

Sie brach von neuem in Schluchzen aus und weinte, bis sie darüber

entschlummerte. Der Prinz, der hinter dem Vorhange stand und alles

mit anhörte, war sehr erregt, und sein Herz pochte heftig. Er trat

hastig in das Gemach und ging zu dem Throne, auf welchem die Prinzessin

ausgestreckt lag. Er nahm sie leise bei der Hand und rief ganz heimlich

ihren Namen. Sogleich erwachte sie und schlug die großen Augen auf.

Ein leiser Schrei entfuhr ihr, als sie den ersehnten Prinzen vor sich

stehen sah. Freudig sprang sie empor, warf sich ihm an die Brust,

küßte ihn und rief: »Geliebter, wie glücklich bin ich, daß ich dich

wieder habe!« Der Prinz fragte: »Sage mir, warum weinst du und bist

du so betrübt?« Sie antwortete ihm: »Muß ich nicht klagen und Tränen

vergießen, da ich so lange von dir getrennt war?« Der Prinz sprach:

»Was geschehen mußte, das laß geschehen sein. Freue dich mit mir, daß

ich dich wiedergefunden habe! Jetzt aber befiehl, daß mir Speisen und

Getränke gebracht werden, denn ich bin sehr hungrig und durstig.« Als

er seinen Hunger gestillt hatte, setzte er sich zu ihr, umarmte sie

und plauderte mit ihr bis tief in die Nacht. Der Morgen dämmerte,

und die erste zarte Röte schien durch die Fenster, da erhob er sich,

um Abschied von ihr zu nehmen, ehe der Sklave vor der Tür erwachte.

Die Prinzessin (sie hieß aber Schems ulnahar) fragte ihn verwundert:

»Warum willst du mich schon verlassen? Wohin gehst du?« Der Prinz

entgegnete: »Ich reite mit meinem Pferde zu meinem Vater zurück; aber

ich verspreche dir, daß ich jede Woche einmal zu dir kommen werde, denn

ich habe große Sehnsucht nach dir.« Da umschlang ihn die Prinzessin und

rief: »Warum willst du allein von hinnen reiten? Ich beschwöre dich

beim höchsten Gott, der den Himmel über uns gewölbt hat, nimm mich

mit dir! Laß mich nicht allein zurück, Geliebter, denn die Trennung

nagt an mir, und mein Herz verzehrt sich in Sehnsucht.« Als der Prinz

diese tapferen Worte vernahm, war er hocherfreut und rief: »Ist es dein

fester Wille, daß du mit mir ziehen willst?« Schems ulnahar blickte

ihn vertrauend an und erwiderte: Ȇberall, wo du bist, da will auch

ich sein, mein Geliebter.« Sie erhob sich eilends und ging zu einer

großen Truhe, welche in einer Nische des Zimmers stand, und entnahm ihr

viel köstliche Gewänder und gleißende Perlen und Edelsteine. Darauf

schlichen die beiden leise hinaus, ohne daß die Sklavinnen erwachten,

und gingen auf die Terrasse, wo schon die ersten Strahlen des Morgens

schimmerten. Sie bestiegen das Pferd aus Ebenholz, und als der Prinz

den Wirbel drehte, erhob es sich sogleich in die Lüfte und flog wie

ein Vogel dahin. Es währte nur kurze Zeit, da sahen sie von fern die

Hauptstadt des Perserkönigs im Sonnenlichte funkeln; der Prinz ritt

darauf zu und ließ das Roß in einem Garten außerhalb der Stadt langsam

nieder, hob die Prinzessin sorglich aus dem Sattel und geleitete sie

in ein Lusthaus. »Warte hier auf mich,« sprach er, »ich will zu meinem

Vater gehen und ihm dein Nahen melden. Denn du sollst mit Jubel und

Ehren empfangen werden, und die Großen des Reiches sollen dir mit allem

Volke entgegeneilen.« Er machte sich eilends auf den Weg, ging in das

väterliche Schloß und erzählte seinen Eltern, was ihm in der Nacht

begegnet war. Der König und die Königin schlossen ihn in ihre Arme,

waren hochbeglückt und befahlen, ein Fest zu rüsten. Da erschollen

Pauken und Trompeten in der Stadt, von allen Häusern wehten bunte

Teppiche und Tücher, und das Volk sang und zog jubelnd hinaus in den

Garten, wo die Prinzessin ihres Geliebten harrte.

Es begab sich aber, daß der persische Gelehrte, der vom Könige nach

der Rückkehr des Prinzen wieder in Freiheit gesetzt worden war, oft in

jenem Garten spazieren ging, denn er war ein Freund des Gärtners. Er

hatte von weitem mit angesehen, wie Kamr al Akmar mit einer fremden

Jungfrau angekommen war, und näherte sich alsbald dem Lusthause. Dort

fand er ein schönes Mädchen, das war so lieblich wie der Mond, und

neben ihr stand das Pferd aus Ebenholz, welches er dem Könige zum

Geschenk gemacht hatte. Er zürnte aber dem Prinzen noch wegen seiner

heftigen Worte und sprach in seinem Herzen: »Dieser junge Mann hat

ungehörig zu mir geredet und mich ergrimmt; wahrlich, ich will ihm

Gleiches mit Gleichem vergelten und dieses reizende Mädchen sogleich

mit meinem Pferde entführen.« Er näherte sich der Türe und klopfte

bescheiden mit dem Finger an. Die Prinzessin fragte von drinnen: »Bist

du es, mein Geliebter?« Der Perser erwiderte: »Ich bin der Diener und

Sklave deines Herrn; er schickt mich zu dir und läßt dich bitten, mir

zu folgen. Die Herrin, meine Königin, ist schon alt und kann nicht

einen so weiten Weg zurücklegen; darum soll ich dich auf dem Pferde in

die Stadt bringen, denn sie sehnt sich danach, dich in ihre Arme zu

schließen und zu begrüßen.« Die Prinzessin, welche nicht an den Worten

des Persers zweifelte und schon Sehnsucht nach dem Prinzen fühlte,

öffnete die Türe und trat heraus. Als sie aber sah, daß der Bote sehr

alt war und so welke Züge und gelbe Haut hatte, wurde ihr bange, und

sie rief: »Hat die Königin keine angenehmeren Diener als dich? Warum

wählte sie dich alten Weißbart und runzeligen Greis, um mich zu ihr zu

geleiten?« Der Perser ärgerte sich über diese Worte und sagte: »Alle

Sklaven meiner Herrin sind schöner als ich. Ich aber bin ihr ältester

Diener, und sie hat mich aus Eifersucht zum Boten gewählt, denn du bist

jung und sehr schön und gleichst der strahlenden Sonne.« Die Prinzessin

glaubte der List des Alten und schwang sich mit ihm auf das Pferd. Der

Perser, der hinter ihr saß, rieb an dem rechten Wirbel, und sogleich

erhob sich das Tier pfeilgeschwind und schwang sich empor in der

Richtung nach China.

Indessen ordnete sich vor dem Palaste des Königs der festliche Zug,

welcher die Prinzessin aus dem Lusthause abholen sollte. Der Prinz ritt

in glänzender Rüstung an der Spitze seiner Truppen, und ihm folgten

seine Eltern mit den Wesiren und den Großen des Reiches. Überall

erschollen Jubelgesänge und der Klang der Trompeten und Trommeln.

Als sie nun an dem Garten angekommen waren, stieg der Jüngling vom

Pferde und trat zuerst in das Lusthaus, um seine Geliebte zu holen.

Wie erschrak er, als er das Zimmer leer fand! Er rief, aber niemand

antwortete. Da schlug er sich Gesicht und Brust, stieß tausend

Verwünschungen aus und raufte sich verzweiflungsvoll die Haare.

Zufällig kam der alte Gärtner vorbei und fragte, was hier geschehen

wäre. Der Prinz schrie ihn an: »Du Schuft! Du Elender! Wo ist die

Prinzessin? Sage mir, was du mit ihr begonnen hast, oder ich ziehe mein

Schwert und schlage dir den Kopf vom Rumpfe!« Der Gärtner war sehr

in Angst über den Zorn seines Herrn, und seine Knie wankten. »Mein

Gebieter, ich weiß nicht, von was du redest,« sagte er demütig. »Beim

Barte deines Vaters schwöre ich dir, daß ich nichts gesehen habe. Ich

bin unschuldig: hab Erbarmen mit mir!« — »Wer ist heute in deinen

Garten gekommen?« fragte der Prinz, denn er zweifelte nicht mehr an

der Ehrlichkeit des Gärtners. Dieser antwortete: »Ich habe niemanden

gesehen; nur der persische Weise ging heute unter den Bäumen auf und

nieder.« Da erschrak der Prinz sehr und wußte sofort, daß der Perser

Rache an ihm genommen hatte. Er bebte vor Wut, denn er schämte sich vor

dem Volke. Nach einer Weile ging er zu seinem Vater zurück und sprach

zu ihm: »Ziehe mit deinen Truppen wieder in die Stadt. Wahrlich, Gott

hat ein großes Unglück über mich verhängt, und alles Unrecht findet

seine Strafe! Ich bleibe hier, denn ich will ergründen, was sich

zugetragen hat.« Der König seufzte und sagte: »Fasse Mut, mein Sohn,

und vergiß dein Ungemach. Tröste dich über das, was dir widerfahren

ist! Wähle dir eine andere Prinzessin zur Gemahlin, denn ich will, daß

du glücklich werdest.« Dann zog er mit seinen Truppen wieder in die

Stadt, und alle Freude verwandelte sich in Trauer und Wehklagen. Der

Prinz aber blieb einsam zurück und sann auf Rat und Hilfe.

Der persische Weise ritt unterdessen mit der geraubten Prinzessin

durch die Lüfte, bis er in China war. Als er eine blühende Ebene unter

sich entdeckte, lenkte er sein Zauberpferd in dieser Richtung und ließ

sich an einer sprudelnden Quelle herab. Er hob die Prinzessin aus dem

Sattel und setzte sich mit ihr zur Rast unter einen schattigen Baum.

Die Prinzessin, welche meinte, daß sie nun bald bei ihrem Geliebten

wäre, fragte erstaunt: »Sage mir, wo ist dein Herr, der Prinz, und

wo sind seine Eltern?« Der persische Weise lachte höhnisch, daß

sein gelbes Gesicht noch häßlicher wurde, und sagte: »Verdammt mögen

sie alle sein, die Betrüger! Jetzt bin ich dein Gebieter. Denn dieses

Pferd habe ich gemacht, und mir gehört es an. Niemals wirst du den

Prinzen wiedersehen; vertraue dich mir an, denn ich werde alle deine

Wünsche erfüllen und werde dir prächtige Gewänder schenken und Gold und

Edelsteine, soviel du verlangst. Ich besitze große Schätze und reiche

Güter; mir dienen hundert Sklaven und hundert Sklavinnen, und ich werde

dir ebenso viele schenken.« Er wollte sie lüstern umarmen, doch sie

stieß ihn entrüstet von sich, barg ihr Gesicht in den Händen und weinte

bitterlich. Der Weise aber streckte sich auf den Boden und schlief

rasch und unbekümmert ein. (Der Himmel möge ihn nie wieder erwecken!)

[Illustration: Sie saßen am See und trösteten sich mit süßer Liebe.]

Nun traf es sich aber, daß der Kaiser von China gerade in jener Gegend

eine große Jagd abhielt. Da der Tag sehr heiß war und ihn der Durst

plagte, kam er zu dieser Quelle unter dem Baume, um seinen Gaumen zu

letzen und zu ruhen. Wie erstaunte er, als er ein sanftes, zartes

Mädchen erblickte, und neben ihm ein schwarzes Pferd! Lange stand er

und bewunderte ihre Schönheit und konnte sich nicht satt an ihr sehen.

Da entdeckte er auch den Weisen, der nicht weit davon im Grase lag und

schnarchte. Er stieß ihn mit dem Fuße an, bis der Alte erwachte und

sich gähnend die Augen rieb. »Wer ist dieses liebliche Mädchen, und

warum führst du es mit dir?« fragte der Kaiser. Jener gab mißgelaunt

und kurz zur Antwort: »Es ist meine Frau.« Bei diesen Worten erhob

sich die Prinzessin, und als sie den Fremden erblickte, trat sie auf

ihn zu, küßte die Erde vor ihm und sprach: »Befreie mich von diesem

argen Zauberer! Hab Erbarmen, Herr, und bestrafe ihn, denn er hat mich

überlistet und gestohlen.« Der Kaiser rief seine Diener und befahl

ihnen: »Gebt diesem Alten hundert Streiche, dann bindet ihn und werft

den Schändlichen ins tiefste Gefängnis!« Der Perser winselte und

heulte, aber die Diener taten, wie ihnen gesagt war, und züchtigten

ihn, bis ihm das rote Blut vom Rücken rieselte.

Der Kaiser von China hob das fremde Mädchen vor sich auf sein Roß und

kehrte mit ihr in seine Hauptstadt zurück. Er fragte sie aber, was das

für ein Pferd sei, das er bei ihr gefunden habe. Sie antwortete ihm:

»Ich weiß es nicht, hoher Herr; es scheint ein wunderbares Tier zu

sein, denn der Alte machte allerlei Kunststücke darauf und flog mit mir

durch die Luft.« Als der König diese seltsame Kunde vernahm, befahl

er seinen Dienern, das Pferd wohl zu hüten und in seine Schatzkammer

zu bringen. »Lasset uns heimreiten!« rief er vergnügt, »denn wir sind

ausgezogen, um wilde Tiere zu erlegen, und haben dafür eine menschliche

Gazelle erjagt.« Sie kehrten im Trabe zu dem Palast des Kaisers

zurück, und der Prinzessin wurden reiche und prächtige Gemächer zum

Aufenthalte angewiesen. Der Kaiser hatte Wohlgefallen an dem Mädchen

gefunden und begab sich noch an demselben Tage zu ihr, um ihr seine

Hand anzutragen. Als die Prinzessin seine Worte hörte, erschrak sie

sehr und stellte sich irrsinnig. Sie schrie allerlei unverständliche

Worte, zerriß ihre Kleider, schwang die Fäuste in der Luft und stampfte

die Erde mit ihren Füßen. Der Sultan entsetzte sich gewaltig bei ihrem

Toben und sandte sogleich zu allen Ärzten und Sterndeutern. Er gab der

Kranken viele Sklavinnen zur Bedienung und ließ sie sorgfältig hüten

und bewachen.

[Illustration: Viele Monate lang reiste er ahnungslos.]

Soviel weiß ich jetzt von der Prinzessin zu erzählen. Was aber den

Prinzen Kamr al Akmar betrifft, so irrte er trostlos von Land zu Land,

von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, und fragte und forschte nach

der Verlorenen. Die Macht des allmächtigen Gottes führte ihn auch

nach China. Nachdem er lange gegangen war, kam er in die Hauptstadt

und wanderte suchend und traurig durch die Straßen. Er ging in alle

öffentlichen Läden und besuchte alle Basare in der Hoffnung, daß er

dort die Vermißte entdecken würde. Vor einem Laden standen einige

Leute, die unterhielten sich eifrig und achteten nicht darauf, als

sich der Fremde zu ihnen gesellte. Der Prinz erlauschte, daß sie von

dem Kaiser sprachen und von einem Mädchen, das man allgemein in der

Stadt bemitleidete. Da mischte sich der Prinz in das Gespräch und

fragte, worüber sie sich so eifrig erregten. Ein alter Mann, der sehr

geschwätzig war, begann sogleich zu erzählen: »Gewiß bist du ein

Fremder, daß du noch nichts von dem gehört hast, was unserm Kaiser

neulich auf der Jagd begegnet ist. An einer Quelle fand er ein schönes

Mädchen mit einem alten Manne und neben ihnen ein hölzernes Pferd.

Der Kaiser fragte den Alten, wer das Mädchen sei, der aber sagte, es

wäre seine Frau. Doch die Jungfrau rief, der böse Zauberer hätte sie

entführt, und bat den Kaiser um Hilfe. Da ließ er den Alten schlagen

und ins Gefängnis sperren und nahm das Mädchen zu sich in das Schloß

und wollte es zu seiner Frau machen. Die Jungfrau aber raste plötzlich

und schrie und zerriß ihre Kleider, denn sie war wahnsinnig geworden.

Alle Ärzte und Sterndeuter sind im Schlosse gewesen, aber keiner wußte

Rat und konnte die Besessene heilen. Der Kaiser trauert, denn er

liebt die Fremde aus tiefer Seele.« — Als der Prinz diese Erzählung

vernommen hatte, jubelte er und rief: »Gepriesen sei der allmächtige

Gott, denn er hat mich den rechten Weg geleitet und mich unerwartet

finden lassen, was ich suchte!«

Alsbald ging er in einen Laden und kaufte sich Kleider, denn er

hatte beschlossen, nichts unversucht zu lassen, um in das Schloß zu

gelangen. Er färbte seine Augenbrauen und seinen Bart weiß, setzte

sich einen großen Turban auf und hing sich ein weites Gewand mit lang

herabfallenden Ärmeln um. Dann nahm er ein dickes altes Pergamentbuch

unter den Arm und steckte eine Schachtel mit Sand zu sich; in der einen

Hand trug er seinen großen Stock und in der andern einen Rosenkranz. So

durchwanderte er alle Straßen und zählte die Perlen des Rosenkranzes

ab, wie die Astrologen zu tun pflegen. Dabei blickte er zu allen

Fenstern empor und rief beständig: »Friede sei mit euch und mit eurem

Hause!« Als er an das Tor des Palastes kam, meldete er sich bei dem

Pförtner und sagte: »Gehe zu dem Kaiser und künde ihm, daß ein weiser

Sterndeuter aus Persien angekommen sei. Ich habe die Geschichte von

der Sklavin vernommen; zwar erscheint es keck von mir, daß ich noch

einmal den Versuch wage, bei ihr eine Heilung zu bewirken, nachdem so

viele gelehrten Ärzte es mit ihr versucht haben. Aber ich kenne sehr

wirksame und eigentümliche Mittel, die, wie ich hoffe, von Erfolg sein

werden.« Der Pförtner eilte sofort zu dem Kaiser und berichtete, was

ihm der Fremde aufgetragen hatte. Der Prinz wurde vor den Thron des

Herrschers geführt, verneigte sich tief und murmelte allerlei dunkle

und unklare Worte, die keiner der Hofleute verstehen konnte. Der Kaiser

begrüßte ihn und sprach: »Weiser Mann, in meinem Palaste habe ich ein

Mädchen, das rauft sich die Haare und zerreißt die Kleider, denn es

ist von Sinnen. Wenn du es heilen kannst, so darfst du jede Belohnung

erwarten, die du von mir forderst.« Der verkleidete Prinz wurde in

die Gemächer der Prinzessin geleitet und hörte schon von weitem, wie

sie klagte und wehmütige Verse sprach. Er trat schnell in das Zimmer

und sah sie auf dem Boden liegen, ganz entstellt, mit eingefallenen

Wangen und geröteten Augen. Kaum erblickte sie den Fremden, da sprang

sie wie eine Wütende empor, überhäufte ihn mit Schmähungen und suchte

ihn aus dem Zimmer zu drängen. Er aber wehrte ihr und sagte halblaut:

»Schems ulnahar, deine Erlösung ist nahe, denn der allmächtige Gott

hat dein Flehen erhört. Vor dir steht Kamr al Akmar.« Als sie seine

Worte vernahm, blickte sie ihn prüfend an und erkannte unter der

Entstellung die Züge ihres Geliebten. Sie warf sich ihm an die Brust,

küßte ihn und fragte: »Wie bist du zu mir gelangt? Denn ich bin

weit entfernt von der Heimat und von dem Hause deiner Eltern.« Er

entgegnete mit leiser Stimme: »Frage mich jetzt nicht darum; vor der

Türe steht der Oberkämmerer und kann uns hören. Ich will versuchen,

dich durch List zu erretten; wenn aber mein Vorhaben mißglückt, so

kehre ich in meine Heimat zurück und werde Truppen sammeln, um dich

mit Gewalt aus dem Palaste des Kaisers zu entführen.« Er wies ihr an,

wie sie sich zu verhalten habe, eilte zu dem Kaiser und bat ihn, mit

ihm zu der Prinzessin zu gehen. Als Schems ulnahar die Eintretenden

gewahrte, schrie sie, schlug mit den Händen um sich und verdrehte die

Augen. Da ging der Prinz mit würdigen Schritten auf sie zu, murmelte

einige Beschwörungsformeln, blies ihr in die Augen und biß sie in das

linke Ohr. Dann sagte er mit ernster und feierlicher Stimme: »Erhebe

dich, du Unglückliche, gehe zum Kaiser und küsse ihm die Hand!« Das

Mädchen tat, wie ihr der Geliebte geheißen hatte, heuchelte eine

Ohnmacht und warf sich zu Boden. Darauf erhob sie sich, starr wie

eine Schlafwandelnde, ging mit steifen Schritten auf den Kaiser zu,

neigte sich vor ihm und küßte ihm die Hand. »Sei gegrüßt, erhabener

Herr,« sagte sie zu ihm mit leiser Stimme, »welche Ehre widerfährt

mir, daß du deine Sklavin besuchst?« Bei diesen Worten schlug der

Kaiser vor Glück und Überraschung die Hände zusammen, hob die Kniende

empor und strich ihr liebkosend über die wallenden Locken. Dann wandte

er sich an den Sterndeuter und sagte: »Wahrlich, du hast ein Wunder

vollbracht, denn dir ist gelungen, was kein anderer vor dir vermochte!

Nun wünsche dir, was du willst, deine Bitte sei schon im voraus

erhört.« Der Prinz überlegte eine kleine Weile und entgegnete darauf:

»Noch weiß ich nicht, ob das Mädchen endgültig geheilt ist, denn die

Möglichkeit besteht, daß ihre Krankheit von neuem ausbricht. Laß sie

von zwölf Sklavinnen in das Bad tragen, und schmücke sie mit glänzenden

Edelsteinen und blinkendem Geschmeide, damit sie ihren Kummer vergißt

und wieder freudigen Herzens werde. Dann aber soll sie wieder an den

Ort zurückgebracht werden, wo du sie gefunden hast, denn dort ist der

böse Geist in sie gefahren.«

Der König konnte sich nicht genug über die Worte des vermeintlichen

Sterndeuters verwundern und rief: »O du weiser Mann! Du Gelehrter

und Philosoph! Nie gab es einen geschicktern Arzt, als dich! Denn du

weißt, daß ich das Mädchen außerhalb der Stadt gefunden habe.« Der

Prinz runzelte die Stirn gewichtig und sagte mit bedeutsamer Stimme:

»Mir ist noch mehr bekannt: der Ort, an dem du sie entdeckt hast,

liegt in einer Ebene, wo eine silberkühle Quelle rieselt. Dorthin laß

die Prinzessin führen, damit sie gesunde.« Der Kaiser tat sogleich,

wie ihm der weise Mann befohlen hatte, schmückte die Prinzessin

mit den herrlichsten Kleinodien und befahl, sie unter den Baum zu

tragen, wo er sie mit dem alten Zauberer überrascht hatte. Dann begab

er sich mit Kamr al Akmar und seinen Wesiren an diese Stelle. Der

verkleidete Prinz ließ Räucherwerk bringen, entzündete die Pfannen,

denen ein süßer, dichter Rauch entquoll, wandte die Augen zum Himmel

und rief unverständliche Worte aus. Dann wandte er sich an den Kaiser

und sagte: »Ich weiß jetzt, daß sich der böse Geist, von dem dieses

Mädchen besessen war, im Leibe eines Pferdes verborgen hält, das aus

schwarzem Ebenholz geschnitzt ist. Wir müssen nun das Tier auffinden,

damit ich den bösen Geist vertreiben kann, denn sonst wird er das arme

Mädchen immer wieder peinigen und irreführen.« Da rief der Kaiser voll

Begeisterung: »O du göttlicher Meistert Du Weisester aller Weisen! Dir

ist gegeben, auch das Verborgene zu erkennen. Denn ich sah neben dem

Mädchen und dem alten Zauberer ein Pferd aus Ebenholz stehen; gewiß

ist es das Tier, das du meinst.« Der Kaiser befahl sogleich, das Pferd

herbeizuführen, und der Prinz prüfte es genau, um zu sehen, ob es

noch unbeschädigt sei. Darauf entzündete er wieder die Räucherpfanne,

warf ein Pulver hinein und beschrieb seltsame Zeichen mit den Händen.

Dann gab er dem Kaiser die Büchse mit Sand, die er mitgenommen hatte,

und sagte: »Streuet diesen Sand in die Flammen, sobald ich auf dem

Pferde sitze, denn diesen Geruch liebt es sehr; aber der böse Geist

wird dadurch bezaubert und muß von hinnen fahren.« — Flugs setzte

sich Kamr al Akmar auf das Roß und hob auch die Prinzessin in den

Sattel; er rieb an dem Wirbel, und das Pferd erhob sich und flog in

die Lüfte wie ein Vogel. Der Kaiser traute seinen Augen nicht und rief

seinen Dienern zu: »Haltet ihn fest!« Die aber sagten: »Der Himmel

behüte uns, das ist ein Teufel oder selbst ein böser Geist!« Der

Kaiser starrte den Entfliehenden unverwandt nach, bis das Pferd in

weiter Ferne entschwunden war. Dann tobte er und rief: »Es gibt keine

Hilfe und keine Macht, außer beim allmächtigen Gott! Hat jemals ein

Auge erblickt, daß ein Mensch in den Lüften reiten kann? Wahrlich,

ich bin hintergangen und von einem Zauberer geblendet worden!« Er

kehrte mit seinen Truppen in die Stadt zurück, ließ den alten Perser

aus dem Verließ heraufholen und schrie: »Du Erbärmlicher! Du hast

mich betrogen, denn du verhehltest mir, daß dein hölzernes Pferd eine

wundersame Kraft besaß. Nun hat ein hergelaufener Schwindler mir das

Mädchen geraubt und all die kostbaren Perlen und Edelsteine, mit denen

ich sie geschmückt hatte.« Der Perser warf sich zu Boden, weinte und

rief: »Ich bin es selbst, der dieses kunstvolle Tier erbaut hat! Der

die Jungfrau entführte, heißt Kamr al Akmar und ist der Sohn des

Königs Sabur von Persien; kein anderer kannte das Geheimnis.« Als der

Kaiser diese Worte vernahm, wurde er rot vor Wut, schloß sich in seine

Gemächer und trauerte lange über den Verlust des schönen Mädchens.

[Illustration: Sie gab den Befehl, ein reichhaltiges Bankett

vorzubereiten.]

Der Prinz aber durchflog mit seiner Geliebten die Luft, bis er zur

Hauptstadt seines Vaters gelangte. Er stieg jedoch nicht wieder an dem

Lusthause ab, denn er war durch Schaden klug geworden, sondern ließ

sich im Schloßgarten seines Vaters nieder. Der König war hochbeglückt

über die Ankunft der reizenden Prinzessin und verheiratete sie sogleich

mit seinem Sohne. Das ganze Volk freute sich mit ihnen und jubelte, die

Häuser waren geschmückt, und alle Großen des Reiches kamen in den

Palast und begrüßten die Neuvermählten. König Sabur schickte Boten zu

dem Vater der Prinzessin, gab ihnen die prächtigsten Geschenke mit und

bat um seine Einwilligung zu der Verbindung. Sieben Tage und sieben

Nächte lang dauerten die Lustbarkeiten. Das Zauberpferd aber wurde in

der Schatzkammer aufgestellt und sorglich behütet. — Kamr al Akmar

folgte seinem Vater in der Herrschaft und regierte noch lange und

segensvoll über sein Land, bis ihn der Tod hinwegnahm, der auch die

festesten Bande zu lösen vermag.

Arabische Nächte(#75699) · 第 15 / 21 题