Die Fürstin fragte: »Seit wann ist Ihr Gatte von Ihnen fort?«

»Ziemlich genau ein Jahr. Zu Weihnachten hatte ich den letzten Brief.«

»Und wie ertragen Sie seine Abwesenheit? Es ist ja ein beklommener

Zustand, in jedem Fall, nun erst in einem solchen Verhältnis.«

»Es gehört zum Weg,« sagte Maria. »Ich weiß, daß er mit mir im Raum ist,

kommt es da auf die Ferne an? Schließ ich die Augen nur eine kurze Zeit,

so seh ich ihn, hör ich ihn, muß lächeln über gewisse Eigenheiten beim

Sprechen, die ich an ihm kenne, frage ihn, antworte ihm, berate mich mit

ihm, und so ist es sicher auch bei ihm.«

Die Fürstin entgegnete: »Sie haben Phantasie, Maria Jakowlewna. Ich will

Ihr Gefühl nicht verkleinern; alles, was Sie sagen, flößt mir

Hochachtung ein und bestätigt meine Ahnung von Ihnen. Sie sind so klar

wie das Wasser; Sie sind ohne Heimlichkeiten. Wie beruhigend, mit Ihnen

zu plaudern, ja bloß dazusitzen und Sie anzuschauen. Aber sagen Sie mir

eines. Ich glaube an Ihre Zuversicht; ich glaube daran, daß sie Ihnen

die Sehnsucht, die Ungeduld, die Bangigkeit um das Schicksal eines so

geliebten Menschen überwinden hilft; aber fühlen Sie sich nicht auch

befreit? Erwidern Sie noch nichts, einen Augenblick noch; es ist so

heikel; die Worte sind schwer zu finden; ich möchte nicht in den

Verdacht kommen, daß ich Sie antasten, Verschwiegenes hervorzerren will

–«

»Sie können alles sagen, ich werde es bestimmt nicht mißverstehen,« warf

Maria freundlich ein.

Die Fürstin fuhr fort: »In Ihnen ist viel Leidenschaft. Sie sind sicher

die leidenschaftlichste Frau, der ich je begegnet bin. Dabei aber auch

die unnahbarste. Ich meine das in einem gewissen Sinn. Wie kann man dazu

gelangen, allen Vorrat von Leidenschaft in ein Gefäß zu schließen und

sich den Schritt ins Unbekannte für immer zu verbieten? Wie erreicht man

diese Unerschütterlichkeit? Frauen sind entsetzlich preisgegebene Wesen.

Man gibt sich entweder hin oder man hält sich zurück; im einen wie im

andern Fall strauchelt man und wird um seinen Traum betrogen. Und da ist

nun eine, die sich ein so festes Haus gezimmert hat, daß der Teufel

keinen Platz darin findet. Man rüttelt an Tür und Mauern, um die Stelle

zu entdecken, wo es brüchig ist. Weil man doch selber in einer Ruine

wohnt und der Neid einen quält. Sagen Sie mir also: war es nicht ein

unerträglicher Despotismus? Zuweilen nur, zuweilen –? Sind Sie nicht

jetzt in Ihrem verborgensten Innern irgendwie erlöst oder bloß

erleichtert? Ist nicht eine Last von Ihnen genommen, trotz aller Liebe?

War Ihnen denn nicht die freie Wahl geraubt durch alle die Jahre, und

haben Sie nicht heute die Empfindung, das Leben steht möglicherweise mit

einem kostbaren Geschenk an der Pforte und Sie dürfen es ohne große

Skrupel nehmen? Oder auch mit Skrupeln, nur nehmen, das Geschenk nehmen.

Ich meine: ist Ihr Gemüt und Geist so bis zum Rand ausgefüllt von diesem

einen Menschen und seinem Wollen und Ihrer Existenz an seiner Seite, daß

es darüber hinaus keine Regung mehr für Sie gibt, keine Verlockung,

keine Versuchung? Sie sind ja Weib durch und durch; an Ihnen blüht und

leuchtet ja alles. Wär ich ein Mann, was würde ich nicht aufs Spiel

setzen, um Sie zu gewinnen. Sie erröten; wie schön, wie rührend! Wie ein

junges Mädchen. Aber antworten Sie, antworten Sie mir.«

Maria spürte leisen Schrecken. Fast mechanisch erwiderte sie: »Vier

Kinder, Fürstin. Neben all dem, wie nannten Sie es? dem

Unerschütterlichen, vier Kinder. Haben Sie meine Kinder gesehen?«

Die Fürstin schwieg. Sie hatte beide nackten Arme, die dem schwarzen

Kleid weiß entflossen, auf den Tisch gelegt und Maria, zu spät beschämt

von ihrer mütterlichen Prahlerei, las auf ihrer verdunkelten Stirn den

Gedanken: auch ich war Mutter. Sie stützte den Kopf in die Hand, und

nach einer Weile begann sie: »Das war ein egoistisches Wort, Fürstin.

Ich bin von einem Glücksgeleise aufs andere ausgewichen. Vielleicht aus

Feigheit. Ihre Frage war wie ein plötzliches Feuer. Sie hat mich

geblendet. Die Wahrheit? Wüßt ich sie nur. Mich dünkt, sie liegt in der

Furcht. Dort, wo der Abgrund ist, liegt die Wahrheit. Die freie Wahl war

mir allerdings geraubt, aber ich hatte nicht das kleinste Bedürfnis und

den kleinsten Anlaß, noch einmal zu wählen. Meine Wahl war ja

unwiderruflich gewesen. Sie sagten, daß der Teufel in meinem Haus keinen

Platz hat. Das ist ungeheuer richtig, und nun muß ich sehr kühn sein,

sträflich kühn vielleicht: ich habe ja mein göttliches Teil gewählt. Ich

leugne nicht, daß Versuchung für mich entstehen kann; wer ist gegen

Versuchung gefeit? Das Blut ist eine furchtbare Macht. Aber wenn ich

noch einmal wählen müßte, dann müßte ich den ganzen Kreis bis zum andern

Pol gegangen sein. Das Göttliche kann man nicht zweimal wählen, und in

seiner Nähe herumpfuschen und -experimentieren kann man auch nicht. Dazu

hat es zuviel Unerbittlichkeit. Müßte ich noch einmal wählen, dann müßte

es geradezu der Teufel sein. In Versuchung führen könnte mich nur der

Teufel. Aber so weit kommt es hoffentlich nicht.« Sie lachte.

Die Fürstin erhob sich und umarmte sie schweigend. War es, daß sie keine

Einwände mehr hatte, oder daß sie sich geschlagen fand durch die

unerwartete Wildheit von Marias Argument, sie ließ sich keine Zweifel

anmerken. Ehe sie ging, sagte sie: »Freilich, freilich«; und wieder

bekümmerten Tones: »Freilich. All das Beinahe und Ungefähr, das

Geschehenlassen anstatt des Sichentscheidens verwässert unser Schicksal;

es macht uns müde vor der Zeit. Wir ziehen immer Resultate, aber am

wichtigsten, am Augenblick lügen wir uns vorbei.« Dann, mit

Herzlichkeit: »Ich möchte Ihr Bild besitzen, Maria Jakowlewna. Schicken

Sie mir Ihr Bild sobald wie möglich, es wird mir als Amulett dienen. Wer

weiß, ob uns nicht die nächste Stunde voneinander trennt. Hab ich Ihr

Bild, so hab ich etwas, das mich schützt.«

Maria versprach es.

Den Rest der Nacht verbrachte sie schlaflos. Das Haus, vom Dach bis in

den Keller, glich einem Akkumulator, in dem sich Angst aufsammelt. Über

die Korridore hasteten Schritte. Maria wußte von Liebesbeziehungen, die

sich von Zimmer zu Zimmer spannen und oft nicht länger dauerten als der

Rausch der ersten Stunden. Da eilen sie hin und naschen in Verzweiflung

Verbotenes, um nicht fühlen zu müssen, dachte Maria, halb

geringschätzig, halb mitleidig. Aber auch andere Schritte waren,

Botenschritte, Verräterschritte, Spionenschritte, Wächterschritte.

Durch die geöffneten Fenster drangen Luftwellen bald kühl, bald warm;

gegen Morgen wurde es kalt, und Maria schlief endlich ein und schlief

bis Mittag. Das Schreien des kleinen Wanja weckte sie erst. Jewgenia,

die Pflegerin, trug ihn auf ihren Armen herein, vorwurfsvoll, die

linnenweiß Gekleidete, weil die Herrin sich so lange der Pflicht

entzogen hatte. Wanja ließ nicht mit sich spaßen; er krallte die dicken

Fäustchen in seiner Mutter Fleisch und schnappte zu wie ein böser

kleiner Fisch.

Aus der Umgegend schallte Gewehrfeuer, das bis zum Abend an Heftigkeit

zunahm und sich beständig näherte. Jefim Leontowitsch kam mit Zeichen

von Bestürzung und bat Maria, daß sie ihm erlaube, die Nacht im Zimmer

der Knaben zu verbringen, er habe keine Ruhe sonst. Maria rechnete auf

Nachricht von Menasse. Um bereit zu sein, wies sie Litwina und Arina,

die beiden jungen Dienerinnen, an, die Koffer zu packen, worüber die

Knaben jubelten. Es schien Maria, als habe sie etwas Wichtiges

vergessen, das sie sich vorgenommen. Das Grübeln darüber machte sie

zerstreut. Sie zog ihr Abendkleid an und ging hinunter. Dann kehrte sie

zurück, durchwühlte eine Schachtel nach einer Photographie, schrieb

ihren Namen darauf, steckte sie in ein Kuvert und schickte Arina damit

zur Fürstin Nelidow. Aber das war nicht das Wichtige, das sie vergessen

hatte.

In den Gesellschaftsräumen herrschte das gewöhnliche lärmende Treiben.

Alle diese der Heimat und nun auch der Freiheit beraubten Männer und

Frauen trugen eine herausfordernde Sorglosigkeit zur Schau. Nur wenige

Gesichter zeigten das Bewußtsein der Gefahr. In einer Gruppe wurde

lachend erzählt, daß man bereits in den Straßen der Stadt kämpfe, daß in

einem der Höfe des Hotels Tote und Verwundete lägen. Sie hatten Blut

genug gesehen, waren an das Entsetzen gewöhnt; es handelte sich nur noch

um ihren eigenen Untergang, den sie mit frivoler Neugier fast

erwarteten. In einen Wiener Walzer hinein knatterte beizend das Tacktack

eines Maschinengewehrs von draußen. Man sah Soldaten an den Fenstern

vorbeirennen. Maria fielen finster blickende Gestalten auf, erst drei

oder vier, dann fünfzehn oder zwanzig, die sich in der Halle und den

Speisesälen herumtrieben. Man gab sich Mühe, nicht auf sie zu achten;

man scherzte, schwatzte und tat, als seien sie nicht vorhanden. In

abgerissenen oder doch alltäglichen Gewändern stachen sie drohend von

der Toilettenpracht, den Fräcken und strahlenden Hemdbrüsten ab; sie

stellten sich den Kellnern in den Weg, die mit Sektkübeln liefen,

postierten sich unverschämt neben Klubsessel, in denen vornehme

Kavaliere ruhten und schlenderten mitten durch Gruppen von Plaudernden

durch. Maria dachte: es ist Zeit, daß Menasse sich meldet. Ein gellender

Pfiff wurde hörbar, gleich darauf, da die Kapelle im Speisesaal Pause

hatte, eine fremdartige Musik aus einem entfernten Raum. Zu Maria trat

ein junger Mann, ein Moskauer Schriftsteller, und sagte, im großen Saal

finde eine armenische Hochzeit statt, sie möge doch hingehen, es sei

äußerst interessant. Er bot ihr seine Begleitung an; Maria war immer

fünfzehn Jahre alt, wenn es Neues zu sehen gab, und sie ging sogleich

mit. Die Stimmung bei einem Teil der Gesellschaft hatte sich auf einmal

verändert. Ein alter Herr redete mit gerungenen Händen auf mehrere Damen

ein. Maria vernahm, wie eine flüsterte: »Und mein Schmuck? meine

Perlen?« Der alte Herr sagte: »Es handelt sich ums nackte Leben.« Vor

dem Billardzimmer standen ein paar junge Mädchen, blaß, verzagt, die

Augen aufgerissen. Der Schriftsteller sagte unterdessen zu Maria:

»Unbeschreiblich, welchen Prunk die Armenier bei solchen Anlässen zu

entfalten wissen, Sie werden sich selbst überzeugen; ganz märchenhaft.«

Es hatten sich schon andere Zuschauer eingefunden. Namentlich machte

sich Stepan Nelidow bemerkbar, der in unangenehmer Weise, als wäre er in

einem Zirkus, seine Begeisterung kundgab. Dort, wo Maria stand, vor der

Tür des großen Saals, war die Basis eines zylinderförmigen Schachtes,

der bis zum Dach des siebenstöckigen Gebäudes reichte. In jedem

Stockwerk trat eine kreisrunde Galerie heraus, die gegen den Schacht hin

durch ein geschmiedetes Gitter begrenzt war. In den drei ersten Etagen

sah man auch die gerade ansteigende Treppe zur nächsthöheren Etage.

Während Maria hinaufblickte, spürte sie, daß sich irgendwo dort oben

etwas ereignete, was auch sie anging. Sie hörte, von ganz oben, lautes

Reden und dann gelächterähnliche Schreie, dann war es wieder eine Weile

still, aber kaum hatte sie ihre Aufmerksamkeit den Armeniern im Saal

zugewandt, so begann es von neuem.

Die fremdartige Musik, mehrere Blasinstrumente und zwei dumpfe Trommeln,

war aus einem getragenen Tempo in ein munteres übergegangen. Ein

Jüngling und ein Mädchen traten zum Tanz an; ihre Bewegungen und

Drehungen, anfangs gemessen, schäferhaft lieblich, steigerten sich, von

der Musik rhythmisch unterstützt, zur Ausgelassenheit. Der hohe weite

lichtgebadete Raum war durchlodert von den intensiven Farben gold- und

silbergestickter Gewänder, blau, gelb, grün, rot in stärksten Tönungen;

aus heißem Dunst leuchteten unvergleichlich schöne Frauengesichter und

solche von bleichen, schwarzbärtigen Männern, die majestätisch saßen und

blickten. Nun sah man auch drüben einen zarten Reigen von

spitzenbekleideten, ganz jugendlichen Wesen, die sich bogen und dehnten,

und als die betäubende Musik aufhörte, stimmten sie einen feierlichen

Gesang an. Freudig erregt von den Bildern und Klängen einer abgerückten

Welt, stand Maria lächelnd auf der Schwelle, bedrückt nur von dem Gefühl

ihrer eigenen Fremdheit und ungewünschten Gegenwart, da vernahm sie

abermals die häßlichen Schreie von oben, die sich nun jedoch rasch

näherten; sie trat zurück in die Mitte des Schachtes und sah empor. Über

die dritte Treppe lief mit erschreckender Geschwindigkeit, so daß es

aussah, als müsse sie jede Sekunde in die Tiefe stürzen, ein

Frauenzimmer herab. Die Haare flatterten aufgelöst um den Kopf, das

Gesicht zeigte trotz der Entfernung ein verzerrtes Entsetzen. Sie kam

zur Galerie, hielt sich einen Moment lang am Geländer fest und rannte

weiter zur zweiten Stiege. Maria wußte sofort, daß dies Lisaweta

Petrowna war, zu der sie hatte gehen gewollt, und nun wußte sie auch,

was für ein Vergessen sie gepeinigt hatte. Rasch entschlossen ging sie

zur Treppe; die mit wilden Seufzern Herabeilende war nun auf der ersten

Galerie und hielt sich wiederum kurze Zeit fest. Sie schaute sich um,

stürmisch atmend; hinter ihr kam ein junges Mädchen herab, in dem Maria

die Fürstin Jelena erkannte. Aber deren Gangart und Aussehen

rechtfertigte keineswegs die wahnwitzige Hast und Furcht der andern; sie

ging eher bedächtig, Stufe um Stufe, und ihre Züge, obwohl verfinstert

und anscheinend zu einem bestimmten Vorhaben gesammelt, hatten zugleich

einen Ausdruck von Widerwillen und Mattigkeit. Maria war ein paar

Stufen hinaufgeschritten, die Flüchtende flog ihr entgegen, hielt inne,

glaubte sich vor einer neuen Feindin, stieß einen der Schreie aus, die

so gelächterähnlich geklungen hatten, taumelte und wäre gefallen, wenn

Maria nicht auf sie zugesprungen und sie aufgefangen hätte. Das Mädchen

griff nach ihr, umklammerte sie, glitt mit den Armen herab, kniete vor

ihr. Mittlerweile hatte auch die Fürstin Jelena die Stelle erreicht, wo

dies vor sich ging. Sie blieb einige Stufen oberhalb stehen, der

Ausdruck von Widerwillen verstärkte sich in ihrem wunderbar feinen und

klaren Gesicht und sie stieß hervor: »Anrühren solchen Unflat?

Anrühren?« Ein Schauder überrann ihre Glieder.

Das Mädchen drückte das Gesicht wimmernd in Marias Kleid. »Sie will mich

umbringen,« heulte sie dumpf in den Stoff, in Marias Körper. Die

Zuschauer vor der Tür hatten sich verwundert zur Treppe gedrängt. Stepan

Nelidow stand mit verschränkten Armen und spöttischem Lächeln an die

Mauer gelehnt.

»Wozu, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria, zur jungen Fürstin

emporgewandt, »wozu dies?« Der einfache gütige Ton brachte eine

sichtliche Wirkung auf die Fürstin hervor. Sie senkte den Kopf, ihre

kurzen, gelockten Haare fielen weich über die Wangen, und so verharrte

sie regungslos.

»Kommen Sie mit mir, Lisaweta,« redete Maria der noch immer Knienden zu;

»niemand wird Ihnen etwas zuleide tun.« Sie richtete die Willenlose auf,

lieh ihr den Arm zur Stütze und führte sie durch ein Spalier von Gaffern

in den Korridor und dann weiter zum Lift, in den sie sie sanft

hineinschob. Oben angelangt, mußte sie die verfallen vor sich hin

Brütende mit Gewalt von ihrem Sitz ziehen. Mitja und Aljoscha flogen ihr

jauchzend mit der Kunde entgegen, die Koffer seien geholt worden. Jefim

sagte, es seien drei Männer gekommen und hätten ohne ein Wort zu äußern,

die zwei großen und fünf kleineren Gepäckstücke nach und nach

fortgetragen. Die Dienerinnen hatten nicht gewagt, sie daran zu hindern,

oder sie auszuforschen, wer sie geschickt habe. Handtaschen,

Necessaires, Körbe lagen noch in den Zimmern herum. Indes Maria mit

Jewgenia beriet, erschien ein Bursche mit einem Zettel und verschwand

wieder. Auf dem Zettel stand: »Unverzüglich zu befolgen: verlassen Sie

nach Empfang dieses mit Ihren Leuten das Haus durch die Tür neben den

Küchenlokalitäten. Dort wird jemand stehen und Sie an einen bestimmten

Ort führen, wo Sie eine, möglicherweise zwei Nächte zuzubringen haben

werden. Der Betreffende ist zuverlässig. Säumen Sie nicht länger als

eine halbe Stunde, sonst stehe ich für nichts. Die Koffer sind

untergebracht, Ihre Rechnung ist bezahlt. Menasse.«

Trotz der kritischen Situation war Maria still amüsiert. Mein General

ist streng, dachte sie und half die Knaben fertig ankleiden. Eine Menge

Gegenstände waren einzupacken. Arina und Litwina rannten durch die

Zimmer. Wanja schrie; Jewgenia wiegte ihn auf den Armen. Maria hätte

sich gerne noch von der Fürstin Nelidow verabschiedet; es war keine Zeit

mehr. Lisaweta Petrowna hatte sich in die Sofaecke gekauert und

beobachtete mit den Augen eines scheuen Tieres, was um sie vorging.

Plötzlich sprang sie auf und faltete die Hände gegen Maria. »Nehmen Sie

mich mit,« flehte sie verstört. Maria antwortete: »Wir haben nur noch

Minuten vor uns; wie geht das denn, so wie Sie sind?« Sie trug einen

Kimono und an den Füßen blauseidene Pantöffelchen. »Um keinen Preis mehr

will ich in mein Zimmer gehn,« sagte sie hilflos. Die Knaben, voll

Ungeduld, drängten Maria stumm. Arina belud Jefim Leontowitsch mit den

Handtaschen. Mitja, der ungeachtet seiner Haltung eines jungen Prinzen

immer viel Gefühl für fremde Leiden bezeigte, sagte zu seiner Mutter:

»Die Frau kann ja einen von deinen Mänteln anziehen; wir haben ja

hundert Mäntel.« Auf einen Wink Marias brachte Litwina einen Mantel; und

Lisaweta hüllte sich darein. »Wollen Sie denn Ihre Habe im Stich

lassen?« fragte Maria, und jene erwiderte: »Nur fort, nur fort.«

Jefim, die Knaben, Jewgenia mit dem entschlummerten Wanja, Arina,

Litwina und Lisaweta traten auf den Korridor. Maria folgte als Letzte.

Auf einmal stand Jelena Nelidow vor ihr. »Sie gehen?« murmelte sie

finster verwundert, »gehen? Und diese dort, diesen Abschaum machen Sie

zu Ihrer Schutzbefohlenen? Ihr gewähren Sie Freundschaft, der

Schamlosen?«

»Ich sehe nur eine Unglückliche, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria. »Ich

weiß nichts von ihr als das. Kann ich eine Unglückliche, die zu mir

flieht, wegstoßen, ich, die selber flieht?«

Wieder wirkten Marias Wort und Stimme unmittelbar beschwichtigend auf

die junge Fürstin. Ihr Gesicht zog sich zusammen wie im Krampf.

Plötzlich riß sie mit zitternden Fingern eine Diamantagraffe von ihrem

Kleid und drückte sie in Marias Hand. »Ich will nicht schuldiger werden

als ich schon bin,« sprach sie wie geblendet, wie gegen eine Wand;

»geben Sie ihr das; machen Sie es zu Geld für sie, sie ist arm; ich habe

keins, aber verraten Sie mich nicht.«

Maria konnte nur in einen Blick legen, was hier zum Dank zwang. Der

Boden brannte. Fedja war umgekehrt, um zu spähen, wo sie blieb. Jelena

ging ein paar Schritte an ihrer Seite; nahe der Treppe packte sie Marias

Arm und hauchte mit wehem Kinderlaut: »Ich habe Angst; ich habe solche

Angst,« ihre seltsam gelben Augen öffneten sich überweit; »ich habe

grenzenlose Angst,« wiederholte sie, »und vielleicht aus Angst bin ich

schlecht.«

»Liebe, Sie Liebe,« sagte Maria leise und zärtlich. Die junge Fürstin

bedeckte das Gesicht mit den Händen und ging langsam zurück, während

Maria schweren Herzens die Treppe hinunterstieg.

An der von Menasse bezeichneten Tür stand ein Soldat mit Sturmhaube und

aufgepflanztem Bajonett. Er begab sich schweigend an die Spitze der

Karawane. Es ging durch einen schmalen Hof, dann die Straße entlang,

über die ein Feuerschein bebte. Zur Linken, in der Höhe des Tals,

brannten Häuser; die Funken, so fern, daß sie goldner Stickerei glichen,

stoben gegen den Mond. Gestreckten Galopps jagten Reiter vorbei; Fedja

und Aljoscha blieben bewundernd stehen, Mitja trieb sie weiter wie ein

sorglicher Hirt. Jefim keuchte unter seiner Last, und Maria nahm ihm

trotz seines Sträubens eine der Ledertaschen ab. Der Soldat bog in eine

Seitengasse bergan. Die Häuser wurden armseliger. Er zögerte, sah sich

um, schien sich orientieren zu wollen. Die Gassen waren unbeleuchtet.

Ein andrer Soldat trat aus einem Torweg auf ihn zu und sie sprachen

leise miteinander. Das Krachen eines großen Geschützes erschütterte die

Nacht. Aljoscha begann plötzlich zu weinen. Maria ergriff ihn bei der

Hand. Sie gelangten zu den letzten Häusern der Stadt, in die Nähe des

Bahnhofs. Der Soldat kehrte wieder um und ging ein Stück zurück.

Lisaweta, die in ihren Pantöffelchen Mühe zu gehen hatte, lehnte sich an

eine Hausmauer. Vom untern Ende der Gasse her schallte der Schritt

einer Patrouille. Der Soldat pfiff; Jefim eilte hin und rief Maria und

die übrigen. Sie traten in ein baufälliges Haus, das nur aus einem

Erdgeschoß bestand und völlig unbewohnt schien. Mit dem Gewehrkolben

stieß der Soldat eine Tür auf, dann setzte er ein Streichholz in Brand.

Man sah eine Kammer, etwa vier Meter im Geviert, so niedrig, daß man mit

den Köpfen an die Decke stieß, mit feuchten, verschimmelten, grünlichen

Wänden und ohne alles Mobiliar. Das Streichholz verlosch wieder. Hier

müßten sie bleiben, sagte der Soldat, dürften sich nicht rühren, die

geschlossenen Fensterläden nicht öffnen, wenn ihnen das Leben lieb sei.

Maria fragte, im Finstern, ob er wisse, wo Herr Menasse sei. Nein, er

wisse es nicht, er kenne nicht einmal den Namen; er wisse bloß, daß eine

Anzahl Menschen heute nacht in Häusern rings um den Bahnhof versteckt

worden seien, damit sie fortgeschafft werden könnten, wenn sich die

Gelegenheit bot. Das sei alles, was er wisse. Ob man eine Kerze anzünden

dürfte, wenigstens solange, bis die Kinder gebettet seien? fragte Maria.

Er widerrate es. Wie lang man hier werde bleiben müssen, zehn Personen

in einem so dumpfen Loch? Das könne er nicht sagen. Noch einmal empfahl

er, daß sie durch kein Zeichen ihre Anwesenheit verraten sollten, dann

entfernte er sich.

Eine Weile waren alle still und verfielen in trübe Betrachtungen.

Aljoscha hatte nach der Hand seiner Mutter getastet und schmiegte sein

Gesicht hinein. Sie spürte, daß es vor Beängstigung zuckte. »Wir müssen

Licht haben,« sagte Maria. Jefim Leontowitsch erbot sich,

hinauszuschleichen und den Aufpasser zu machen. Bei verdächtiger

Wahrnehmung wollte er dreimal an den Holzladen pochen, dann mußte das

Licht ausgeblasen werden. Es dauerte einige Zeit, bis Arina eine Kerze

gefunden hatte. Als sie brannte, wurden rasch Decken und Mäntel auf den

von Schmutz starrenden Bretterboden gebreitet; in stummer Hast richtete

jeder eine Ruhestatt für sich; die Knaben, kaum hingelegt, in ihren

Kleidern, schliefen schon.

Lisaweta lag neben Maria an der Mauer. Von ihrem zwischen die Arme

gewühlten Kopf sah man nur die in Eile aufgesteckten wirren braunen

Haare. Über ihre starken Hüften lief bisweilen ein Beben. Während sie

Wanja stillte, ließ Maria den Blick sinnend auf ihr ruhen. Dann, als

Jewgenia ihr den satten Wanja abgenommen und die Kerze verlöscht hatte,

bat sie Litwina, daß sie Jefim Leontowitsch hereinhole, damit auch er

ruhen könne. Aber Jefim ließ sagen, er finde es notwendig, daß einer

Wache halte, er werde sich vor der Tür auf seinen Mantel legen.

In Marias Augen kam kein Schlaf. Sie hörte die kräftigen Atemzüge der

drei Knaben; jeden erkannte sie an Laut und Tempo des Atems; sogar das

dünne, sprudelnde Atmen Wanjas war deutlich vernehmbar. Auch die

Dienerinnen schliefen. Sie wachte, sann, lauschte. Zu ihrer Rechten

ertönte ein schwerer Seufzer. »Können Sie nicht schlafen, Lisaweta

Petrowna?« fragte sie flüsternd.

Die Angeredete bewegte sich und rückte näher. »Wer sind Sie eigentlich?«

fragte sie ebenfalls flüsternd. »Sie haben mich aufgelesen,

mitgenommen ... aus welchem Grund? Wer sind Sie?«

»Bedeutet Ihnen der Name etwas, so mögen Sie ihn wissen,« antwortete

Maria und sagte, wie sie hieß. Dann war wieder eine Weile Schweigen,

dann wieder ein Seufzer wie unter drückender Bürde.

»Was ist Ihnen?« flüsterte Maria; »erleichtern Sie Ihr Herz, sprechen

Sie.«

»O großer Gott!« murmelte die andere.

»Wir sind in der Finsternis und können einander nicht sehen,« fuhr Maria

zu flüstern fort; »alle schlafen, wir sind so gut wie allein. Sprechen

Sie.«

»Jelena Nikolajewna möchte mich am liebsten mit dem Stiefelabsatz

zertreten,« sagte die Stimme bitter; »dabei weiß sie alles. Niemand

außer ihr weiß es. Grigorji hat sich ihr anvertraut. Kalten Bluts könnte

sie mich morden und weiß doch alles. O mein Gott!«

»Ist es denn wahr, daß Fürst Grigorji die Ehe mit Ihnen geschlossen

hat?« fragte Maria.

»Fragen Sie doch nicht,« kam es gequält zurück. »Ja, ja, der Pope hat

uns zusammengetan, damals in Sebastopol, als ich das Schiff verließ. Als

schon alles zu Ende war, hat uns der Pope getraut. Ich weiß nicht, ob es

anfechtbar ist, geschehen ist es jedenfalls, obschon die Umstände

schrecklich waren. Keine menschliche Phantasie kann sich nur annähernd

etwas ähnliches ausdenken. Ja, als ich das Schiff verließ, wurden wir

getraut.«

»Welches Schiff, Lisaweta Petrowna?«

Lisaweta antwortete nicht. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie nach

einer Weile klagend; »ich muß wieder fort. Ich will zurück und meine

Sachen holen. Was soll ich denn tun ohne Kleider und Schuhe? Freilich,

wo soll ich dann hingehn? Zu wem denn?«

»Daß ich nicht vergesse, man hat mir ein Schmuckstück aus Diamanten für

Sie gegeben,« sagte Maria, und indem sie es sagte, bereute sie es, als

füge sie der unsichtbaren andern eine Beleidigung zu; »vielleicht

wünschte man, daß Sie es als Andenken behalten. Vielleicht wollte man

dadurch etwas Begangenes gutmachen.«

Lisaweta verstand. »Vor die Füße werf ich ihrs,« brach sie aus, ohne die

Stimme merklich zu erheben; »und das ist noch Ehre zuviel. Will sie mich

durch ein Almosen dafür entschädigen, daß sie mir glühende Nadeln ins

Fleisch gebohrt hat wie ein Folterknecht? Jammer und Schande. Wenn Sie

keine Gelegenheit mehr haben, es ihr zurückzugeben, so schenken Sie es

einem Bettelweib. An Demütigungen ists jetzt genug.«

Mehr als eine halbe Stunde verging im Schweigen. Die Atemzüge der

Schläfer wurden tiefer. Plötzlich flüsterte Lisaweta: »Hören Sie? Können

Sie mich hören?«

»Ich höre Sie gut,« erwiderte Maria.

»Ich will Ihnen vom Schiff erzählen. Rücken Sie näher, damit uns niemand

belauscht.«

Maria rückte näher.

»Als ich Grigorji kennen lernte, war ich in einem Petersburger

Vorstadtkabarett. Es war die niedrigste Klasse von Lokal, ich verdiente

auch nur gerade soviel, um nicht zu verhungern. Die Sache war nämlich

die, daß ich ein anständiges Mädchen war. Es ist möglich, daß Sie jetzt

skeptisch lächeln, aber trotz meiner fünfundzwanzig Jahre hatte ich noch

keinen Liebhaber gehabt. Abends auf dem Podium sang ich halbnackt dumme

und lüsterne Couplets, verstand sie nicht einmal ganz, und tagsüber

hauste ich in einer Dachkammer und hatte oft kein Mittagessen. Grigorji

war auf Urlaub; in Gesellschaft von Kameraden kam er hin; wir sahen uns

und liebten uns. Wir liebten uns so, – wie soll ich es nur beschreiben?

Es war ein unaufhörliches Gewitter im Blut. Den Tag, wo der Urlaub zu

Ende war, erwarteten wir wie ein Hinrichtungsurteil. Worte wurden nicht

gewechselt; wir empfanden wie ein einziger Leib. Er hing einem Plan

nach, den ihm die Verzweiflung eingegeben hatte, und eines Abends teilte

er ihn mir mit. Ich glaubte erst, er rede irr. Es war so furchtbar, daß

meine Zunge wie gelähmt war. Aber sein Wille mußte auch meiner werden.

Trennung war das Ärgste. Auf die Rückkehr warten und sich das Herz

absorgen, ob er noch lebte oder nicht, ärger war auch das nicht, was er

tun wollte. Wenigstens schien es mir so, und ich sagte ja. Hören Sie

mich?«

»Ich höre Sie gut,« flüsterte Maria.

»Er wollte mich heimlich an Bord des Kriegsschiffs schmuggeln. Mich in

seiner Kabine verbergen, den Dienst verrichten wie alle andern und die

übrige Zeit bei mir sein. Was das hieß, wußte ich ungefähr. Daß auf die

Entdeckung der sofortige Tod stand, für ihn und für mich, wußte ich.

Eine Frau darf ja ein Kriegsschiff nicht einmal betreten. Wozu so viele

Worte, ich war bereit, trotz allem. Die Hauptschwierigkeit war, daß der

Bursche ins Geheimnis gezogen werden mußte. Ohne einen Dritten, der

Vorschub und Hilfe leistete, ging es nicht. Grigorji dachte, er könne es

mit Pjotr riskieren. Er bestach ihn mit Geld, mit vielem Geld, und immer

von neuem, und doch mußte man immerfort zittern, daß er sich nicht

verschnappte oder bösartig wurde. Auf solchen Schiffen werden ja die

Leute alle bösartig. Es geschah, wie wir es ausgedacht hatten. In

Grigorjis Reisesack, mit Wäsche und Kleidern zum Ersticken umhüllt, trug

mich Pjotr vom Boot in die Kabine. In dieser Kabine, in der nicht soviel

Raum war, daß ich dreimal ausschreiten konnte, blieb ich vierzehn

Monate.«

Maria schlug unwillkürlich die Hände zusammen, Lisaweta Petrowna aber

fuhr fort: »Vierzehn Monate eingesperrt, entweder angstvoll allein oder

Leib an Leib auf einem engen Lager mit Grigorji. Vierzehn Monate in

Todesgefahr und Todesangst auf dem Meer, in einer winzigen dumpfen

Zelle. Vierzehn Monate fast zur Lautlosigkeit und Bewegungslosigkeit

verurteilt, zur ununterbrochenen, fürchterlichen Angst, er und ich.«

Maria lauschte mit weiten Augen stumm.

»Es durfte nicht auffallen, daß die Kabine stets abgesperrt war; schon

dafür zu sorgen, war nervenzerrüttend. Die vielen Schritte, Schritte der

Wachen, Offiziere; die Alarmpfeifen; das Sausen der Maschinen im Ohr,

das eiserne Klirren beständig in dem schwimmenden Ungetüm, das Gerassel

oben, das Anschlagen des Wassers draußen; die Nächte, o die Nächte

voller Angst! Küsse und Umarmungen und Angst! Lust und zärtliche Worte

und Angst! Hinaufgehoben und schwindelnd hinuntergeschleudert immer

wieder. Einmal bei einer Inspektion mußte ich in den Wandschrank

schlüpfen, der so schmal war, daß ich wochenlang nachher an Bruststechen

litt. Am Osterfeiertag erkrankte Grigorji. Da waren wir nahe am

Wahnsinn. Er mußte auf Deck; er mußte Dienst tun, was sonst? Er mußte

sich schleppen, das Fieber aus sich herauspressen mit Gewalt, oder wir

hatten keine Wahl als uns miteinander in die See zu stürzen. In den

dienstfreien Stunden tags oder nachts lag er dann in meinen Armen und

horchte und horchte, auch ich horchte und horchte; wir mußten einander

umarmen, sonst hatten wir kaum Platz, und oft wenn er müde war, trat er

mir ein Kissen und eine Decke ab und ich richtete mir das Lager auf dem

Boden oder ich saß an der Lucke und starrte aufs finstre Meer. Ihn

quälte der Gedanke, was geschehen sollte, wenn das Schiff ins Feuer kam

und er verwundet wurde oder fiel. Ich beruhigte ihn nach Kräften, aber

in einem so verdunkelten Gemüt ist keine große Kraft. Er klagte mich an,

daß ich ihn nicht mehr liebte. Was fruchtete anderes dagegen als

verzweifelte Küsse? Wir verfluchten die Sekunde, die uns das Bewußtsein

wiedergab. Kalter Schweiß bedeckte manchmal seine Stirn, wenn er sich zu

mir legte. Ob wir sprachen, ob wir schwiegen, es schauderte uns täglich

mehr. Er gestand mir, daß er alles rot sähe, auf Deck und im Raum. Er

glaubte, bei seinen Vorgesetzten Argwohn zu spüren. Von seiner früheren

Heiterkeit war nichts mehr übrig. Ich fragte ihn, ob er bereue, was er

getan? Er klammerte sich an mich wie ein Kind, das man schlägt, aber

deutlich erkannte ich, daß in seinen Augen neben der Liebe auch Haß war.

Bei jedem Knacken in der Wand erschrak er, jedes ungewohnte Geräusch

machte ihn zittern. Einmal fuhr er gräßlich schreiend aus dem Schlaf.

Ich umschlang ihn und sagte vor mich hin, es müsse ein Ende werden. Was

für ein Ende? fragte er, und in krankhafter Erregung drängte er mich

solange, bis ich ihm heilig schwor, nichts ohne sein Wissen zu tun. Du

bist mein Weib, sagte er, und ich will dich vor Gott und den Menschen zu

meinem Weib machen, auch wenn wir uns dann nicht wiedersehen sollten.

Und so kam es, genau so. Ich aber dachte: nur heraus aus dieser Hölle,

und wenn ich allein war, lag ich da und biß die Zähne in die Finger. Die

Zeit war wie hinweggewischt; ich hörte sie sausen wie ein Rad; manchmal

wieder schien sie mir schlaff, widerlich und schlaff wie eine zerrissene

schwarze Fahne. Das Ärgste war, daß Pjotr frech wurde. Er fühlte sich in

der Macht. Es war ein aufreibender Kampf mit dem Menschen. Das Essen,

das er jeden Tag heimlich für mich brachte, konnte ich nicht mehr

genießen. Er stand dabei und stierte mich an. Er bettelte, schließlich

drohte er. Ich glaubte, es Grigorji verschweigen zu müssen, indessen

erfuhr ich bald, daß Pjotr auch gegen ihn unverschämt wurde. Eines

Abends stürzte Grigorji schreckensbleich zu mir und stammelte, es sei

kein Zweifel, daß alles verraten worden sei, der und der habe seinen

Gruß nicht erwidert, in der Messe habe man getuschelt, er spüre es, wir

seien verloren. Ich bewahrte meine Ruhe und fragte ihn aus und

überzeugte mich, daß es Wahnvorstellungen waren; aber die hafteten nun

in seinem Geist, und er war von da ab im wilden Fieber. Drei Tage noch,

die schrecklichsten, vergingen, da lief das Schiff in den Hafen; was in

den letzten Stunden geschah, wie ich wieder an Land kam und aus tiefer

Betäubung erwachte, daran habe ich keine Erinnerung. Auch daran eine

ferne nur, daß mich Pjotr in eine elende Herberge schleppte und nicht

dorthin, wo ihm Grigorji angegeben hatte, daß er mich führen sollte; und

daß er am Abend betrunken in mein Zimmer taumelte und ein wehrloses

Opfer zu finden hoffte; und daß ich mich mit aller mir verbliebenen

Kraft gegen ihn verteidigte, mit Worten und Gründen erst, mit Bitten und

Tränen, mit Hilferufen, das keiner hörte als sei das Haus ausgestorben,

und daß mir dann die Welt schwarz wurde im Ekel vor dem Menschen und in

seinem Fuseldunst und seiner Tollwut, und daß dann Grigorji

hereinstürzte, der alle Gasthäuser am Hafen nach mir durchsucht hatte,

bis er endlich meine Spur fand, und daß er das betrunkene Schwein

niederschlug, und daß er vor mir kniete, schluchzend, unaufhaltsam

schluchzend, Verzeihung erbettelte, ja, wofür Verzeihung? und daß am

andern Morgen der Pope kam, ich habe es ja schon erzählt, und die

Nottrauung vornahm, denn ich lag wie ein Brett, steif und still, und daß

mir dann Grigorji Lebwohl sagte; alles dies ist mir nicht mehr faßlich

und ist ausgeronnen, als hätte es eine andere gelebt. Ich bin ja auch

nicht mehr dieselbe geworden wie vorher. Es wundert mich nur, daß ichs

berichten kann; Sie saugen die Dinge förmlich aus einem heraus, wie geht

das denn zu? Nun muß ich aber fort, es ist Zeit.«

Auffallend war es Maria, daß die Erzählung Lisaweta Petrownas immer

langsamer geworden war, zuletzt entstand fast nach jedem dritten Wort

eine Pause; auch war die Stimme allmählich so leise geworden, daß Maria

nur mit Anstrengung verstehen konnte. »Sie wollen fort?« fragte sie,

»wohin aber? Sie sagten ja selbst, Sie wüßten nicht wohin.«

»Nein, ich weiß nicht wohin; gleichviel, ich muß fort.«

»Wie sind Sie denn überhaupt nach Kislawodsk gekommen? Sind Sie mit ihm

gekommen, mit Fürst Grigorji?«

»O nein. Es war ja eine stillschweigende Verabredung daß wir uns nicht

mehr sehen würden. Hab ich das nicht erzählt? Als er von mir wegging,

wußte ich, daß er nicht aufs Schiff zurückkehrte, wußte, daß er in den

Kaukasus fuhr. Er seinerseits wußte, daß ich nach Kiew reisen wollte, wo

meine Schwester an einen Beamten verheiratet ist. Er ließ mir Geld, aber

das hab ich meinem Schwager gegeben. Ich lebte wie taub und blind. Ich

wußte, welchen Weg Grigorji ging. Eines Tages erhielt ich ein Telegramm,

ich solle sofort kommen. Nicht von ihm, sondern von Jelena Nikolajewna.

Möglich, daß sie glaubte, ich könne ihn retten. Wie mußte es um ihn

stehen, daß Jelena Nikolajewna mich rief, mich! Es war auch zu spät. Ich

hätte ihn gewiß nicht retten können, wir waren viel weiter voneinander

geschieden, als wenn wir uns nie gekannt hätten; freilich, daß er so ins

Nichts geschwunden war, ohne Gruß und Zeichen, das war hart. Jetzt will

ich aber gehen, es ist Zeit.«

Das erste Tageslicht drang durch die Ritzen der Fensterläden. Lisaweta

erhob sich. Maria sagte, sie möge doch den Mantel behalten, der Morgen

sei kalt und vielleicht finde sie im Hotel nicht Einlaß. Doch sie lehnte

es stumm ab; plötzlich schien sie von finsterm Trotz erfüllt; ihre

Gebärden waren von krankhafter Ungeduld, und als Maria sich gleichfalls

erhob, erschüttert und von schwesterlicher Hinneigung durchglüht zu ihr

hintrat, um ihr in das dämmernd fahle Gesicht zu schauen, da wandte sie

sich hinweg und war aus der Tür, ehe Maria den Arm nach ihr ausstrecken

konnte. Sie stand regungslos, kalt und heiß im Innern; ihr war als sei

ein Berg vor ihr in die Erde gesunken und als siede die Luft noch über

Schlünden. Sie seufzte, beinahe wie jene geseufzt hatte, bang und

gedemütigt, dann fiel ihr Blick auf die schlafenden Kinder, und es

überströmte sie ein Gefühl unermeßlichen Reichtums. Jedes war Abbild

eines Teuersten, jedes lebendiges, geprägtes Gut; sie seufzte wieder,

aber dieser Seufzer hatte andern Klang.

Sie legte sich zum Schlaf hin, kaum hatte sie jedoch die Augen

zugemacht, als es heftig an die Tür klopfte und auf der Schwelle Jefim

Leontowitsch und der Soldat erschienen. Dieser sagte, alle müßten

sogleich zum Bahnhof, der Waggon stehe auf einem Geleise parat. Die

Kinder wurden aufgeweckt, rasch waren die Großen und Kleinen

marschfertig, zehn Minuten später war man unter Führung des Soldaten auf

der menschenleeren Straße. Es ging an der Station vorüber, ziemlich weit

hinaus. Die Luft war neblig und kühl. Maria forderte Jefim durch einen

Blick auf, neben ihr zu gehen, und sie sagte zu ihm, sie danke ihm für

seine selbstlosen Dienste und es tue ihr leid, sich von ihm trennen zu

müssen; aber sie hoffe, das Leben werde sie später einmal wieder

zusammenbringen, und sie freue sich darauf, ihm dann ihren Dank besser

zeigen zu können.

»Warum danken Sie mir, Maria Jakowlewna,« antwortete er, »und warum

wollen Sie, daß ich mich von Ihnen trenne? Alles, was ich brauche, habe

ich in dem Bündel da,« er wies auf einen Linnensack, den er mit dem

andern Gepäck trug; »warum sollt ich hier bleiben, da ich doch ebensogut

irgendwo sonst sein kann? Sie fliehen von hier, also lassen Sie mich

auch fliehen. Belästigt Sie meine Gegenwart, so geh ich Ihnen aus den

Augen; im schlimmsten Fall denken Sie sich, ich sei ein Fremder; es

werden ja viele Fremde in Ihrer Nähe sein. Darf ich mir auch nicht

anmaßen, daß ich ein nennenswerter Schutz für Sie bin, so hätte ich doch

keine Rast mehr im Leben, wenn ich Sie unter diesen Umständen verlassen

müßte. Dulden Sie mich also und seien Sie versichert, daß ich Ihnen

nicht beschwerlich fallen werde.«

Dagegen gab es keinen Widerspruch. »Nicht einmal eine Hand hab ich frei,

um Ihre zu drücken,« sagte sie mit ihrem gewinnenden Lachen. »Sie sind

wirklich ein seltsamer Mensch, Jefim Leontowitsch; wodurch hab ich

soviel Anhänglichkeit verdient? Sie kennen mich ja kaum.«

»Ich kenne Sie besser als Sie glauben,« entgegnete er und wurde rot.

»Ich denke viel über Sie nach.«

Ein Herr mit einem Strohhut winkte aufgeregt vom Bahngleise herüber.

»Das ist Menasse,« sagte Maria, »schön, daß er da ist.«

Das Winken Menasses bedeutete, daß man sich sputen möge. »Guten Morgen,

Herr General,« begrüßte ihn Maria. Er fragte unwirsch, warum sie so spät

käme, alle andern seien schon einwaggoniert, fange man mit

Unpünktlichkeit an, so werde man mit Katastrophen enden. Er hüpfte

gestikulierend vor dem Trittbrett eines Salonwagens herum, der zwischen

die Wagen eines Güterzugs gekoppelt war. Die Fensterscheiben waren dicht

verhängt; drinnen war ein Gewimmel von Menschen; jeder war bemüht, sich

einen Platz zu erobern. Menasse keifte mit einem alten Herrn, der seine

Koffer um sich herumgestellt hatte; blies eine Dame an, die eine

Auskunft von ihm begehrte; raste von Abteil zu Abteil und vermehrte die

Verwirrung; warf eine Schachtel in den Korridor, riß im Eifer seinen

flachen Strohhut vom Kopf und fuchtelte damit durch die Luft; betonte

zehnmal in höchster Fistel, daß er unbedingten Gehorsam erwarte, und daß

er einfach die Hände in den Schoß lege und alle ihrem Schicksal

überlassen werde, wenn man nicht Disziplin halte. »Wer ist der hier?«

fuhr er Maria grob an und deutete mit dem Ellbogen auf Jefim

Leontowitsch. Maria sagte gelassen und mit einem treuherzigen Ausdruck

ihrer kurzsichtigen Augen: »Herr Menasse, ich würde mich glücklich

schätzen, wenn Sie nicht so schreien würden. Sie erreichen, bei mir

wenigstens, Ihre Absicht viel besser durch Artigkeit. Einigen wir uns

auf dieser Grundlage, nicht wahr? Der junge Mann gehört zu meiner

Gesellschaft, ich bürge für sein Wohlverhalten und für Ihre Auslagen; im

übrigen: seien wir Freunde, Herr Menasse.« Sie reichte ihm lächelnd die

Hand, in die er, einigermaßen verdutzt, die seine flüchtig legte; dann

schoß er davon.

Um fünf Uhr morgens war man eingestiegen, um zehn Uhr setzte sich der

Zug in Bewegung; nach Westen, durch das Gebirge, gegen das Meer. Die

Fahrt war nicht schneller als mit einer Kutsche. Das Durcheinander

ordnete sich allmählich. Menasse wurde nicht müde, Ruhe zu gebieten. Ein

Dorn im Auge waren ihm die auf- und abrennenden Kinder. Wenn der Zug

hielt, stürzte er erregt ans Fenster, lugte durch einen Spalt hinaus,

alle schwiegen gespannt, dennoch streckte er den Arm steif zurück wie

ein Dirigent, der eine Fermate verlangt. Maria kannte nur wenige der

Reisegenossen, einen Moskauer Fabrikanten; eine Gutsbesitzersfamilie aus

Tula; einen ungarischen Baron; den Grafen und die Gräfin Duchorski aus

Petersburg, einen Bankdirektor aus Kiew, zwei ältere Damen, die im

Palasthotel gewohnt hatten. Es wurde heiß. Wenn die Kinder zu essen

verlangten, ging es erst an ein langwieriges Suchen unter den

Gepäckstücken. Wenn Wanja die Brust bekam, bildeten Litwina und Arina

eine Mauer. Um vier Uhr nachmittags hielt der Zug auf offener Strecke.

Eine Zeitlang war Stille, dann hörte man Menasses Fistel erbittert.

Mitja kam und berichtete: »Es sind Männer draußen, die befehlen, daß

alle aussteigen müssen.« Die Worte verbreiteten Schrecken. Es verhielt

sich so. Der Zug war von einer streifenden Bande, dreißig bis vierzig

Leute, zum Stehen gebracht worden. Der Anführer forderte Menasses

Papiere. Menasse weigerte sich tollkühn. Drohung mit Gewalt machte ihn

nicht gefügiger. Erst als jene Hand an ihn legten, besann er sich. Er

hatte sämtliche Pässe bei sich. Indem er dies zugab, fing er an, mit dem

Führer zu unterhandeln. Einige Leute waren in den Wagen gestiegen und

trieben die Passagiere heraus. Wie sich alsbald zeigte, wollten sie die

bequeme Fahrgelegenheit für sich haben. Die Überfallenen fügten sich

widerspruchslos, nur einige Frauen jammerten. Die Gräfin Duchorski

stand mit einem Gesicht voll eisiger Verachtung mitten in dem Haufen

von Gepäck, der den blühenden Wiesenhang bedeckte. Menasse redete

leidenschaftlich auf den finster blickenden Anführer der Bande ein. Der

Mensch schüttelte zu allem den Kopf. Den Salonwagen dürfe niemand mehr

betreten; auch keinen der andern Wagen im Zug. Um Gotteswillen, so solle

man hier zurückbleiben, im Gebirge, ohne Unterkunft, ohne Weg und Steg?

Ja, das solle man; solle froh sein, wenn es damit sein Bewenden habe.

Die Summen, die Menasse bot, fanden Unempfindlichkeit. Menasse, in einer

Haltung wie Jago gegen Othello, schmeichelte; umsonst; pochte, in einer

Haltung wie Marquis Posa gegen Philipp, doch immer krähend, auf

menschliche Gefühle. Umsonst. Da trat Maria hinzu. Sie sprach ruhig und

mit kunstloser Würde. Ihre Argumente waren um nichts zwingender als

diejenigen Menasses, aber schon nach den ersten Worten hörte ihr der

Mann, dem Anschein nach ein Bauer, der im Krieg gewesen war, anders zu,

obgleich er die Stirn nicht entrunzelte. Da wirkte eine gewisse

Freiheit, verbunden mit Kenntnis des Volkscharakters; eine gewisse

Pfiffigkeit in den Wendungen, als ob sie sagte: Du weißt doch; erinnere

dich doch; so und so, es wird doch darüber kein Mißverständnis zwischen

uns geben; ganz trocken alles, wie wenn sie über Mais oder Kartoffeln

redete, dabei aber als Herrin, die gewohnt ist, daß man tut, was sie

gebietet. Der Mann hatte Respekt. Sie erlangte, zusammen mit dem

Geldangebot Menasses, die Erlaubnis, daß sich die Flüchtlingsgesellschaft

in zwei leeren Viehwagen einquartieren durfte. Menasse sagte: »Sie sind

eine tüchtige Frau; #à la bonne heure,# das haben Sie gut gemacht.

Immerhin, bei dieser Art von Transport werden wir nichts zu lachen

haben.« Und er fing bereits wieder an, zu kommandieren. Nach einer

Stunde waren alle untergebracht, das Gepäck verstaut, die Türen der

Viehwägen verschlossen und von außen abgesperrt sowie zur Sicherheit

plombiert; der Zug rollte weiter.

Diese Fahrt im Viehwagen dauerte drei Tage und vier Nächte. Mit Maria

eingepfercht waren siebenundzwanzig Menschen, darunter zwölf Kinder;

eingepfercht in einen finstern Raum, in welchem es übel roch;

hingekauert auf mangelhafte Lagerstätten, Kranke und Alte; fast ohne

Schlaf die Nächte, ohne genügende Nahrung die Tage; belästigt von

widrigen Verrichtungen, die jeden sich selbst und den andern zur Pein

machten. Das Rattern der Räder wurde mörderischer Lärm; das stundenlange

Halten in Stationen mörderische Stille; die auf das Dach des Kerkers

niederbrennende Sonne vermehrte die Pestilenz; einige, die im Fieber

lagen, stöhnten, und ein ungewohnter Laut rief entsetzte Schreie hervor.

Dicht an Maria gepreßt lagen die drei Knaben; sie strich dem einen oder

dem andern bisweilen über das Gesicht, prüfend, ob sie schlummerten, ob

die Haut nicht heiß sei, dankbar für ihre Geduld und Ruhe, zugleich in

Sorge darüber. Oft sprach sie zu ihnen; oft auch wandte sie sich an

Jefim Leontowitsch; Wanja hielt sie meist an der Brust, wusch das

Gesichtchen und die Hände mit kölnischem Wasser, tröstete Litwina, die

an Erbrechen litt, schalt mit Arina, die hysterische Anfälle hatte, rief

hie und da ein Wort, eine Frage über die Köpfe der Leidensgefährten und

stritt mit dem rechthaberischen Menasse über die Nähe des Ziels, der

kleinen Hafenstadt am Schwarzen Meer.

Endlich eines frühen Morgens, in einer Haltestation, öffnete die

mitleidige Hand eines Zugbediensteten die Tür. Der hereinquellende

Lufthauch war wie Neugeburt, das Schauspiel, das sich bot, unerhört.

Tief unten dehnte sich die See, blau, als könne man tausend Jahre blauen

Himmel aus ihr erzeugen. Rings die letzten üppig bewachsenen Kuppen des

Gebirges, Gärten, Weingelände, Pinien, Bäume voll Orangen. Niemand

redete; kein Laut. Manche sahen wie Leichen aus, ihre Augen wie

verdorrt; das blühende Land, das Gestade, das schöne Meer ließ sie

schaudern. Die Tür blieb offen, vielleicht in der Annahme, daß die Zone

der Gefahr überschritten war; aber einige Stationen vor der Stadt wurde

Menasse berichtet, daß diese seit zwei Tagen in den Händen der Matrosen

sei, und ihr Oberhaupt Igor Golowin wurde von Flüchtlingen als

gefürchteter Name genannt.

Menasse hatte in der Stadt seine Helfer, die er zu benachrichtigen

vermochte. Wieder außerhalb des Bahnhofs verließen alle den Wagen und

wurden nach Anbruch der Dunkelheit möglichst heimlich in einen Gasthof

am Rande der Stadt geführt. Den Kranken konnte kein Beistand geleistet

werden; sie mußten zu Fuß gehen. In den Straßen herrschte Tumult; vom

Meer her tönten Schüsse.

Der rechteckige Raum, in den sämtliche Zimmer des Gasthofs mündeten,

glich bald einem Koffermagazin. Träger polterten die Treppe herauf und

warfen immer neue Gepäckstücke in den Wirrwarr. Arme griffen

durcheinander; jeder suchte sein Eigentum. Mehrere Knaben waren auf eine

Kiste geklettert und rauften um den Platz. Ein Hündchen trippelte

winselnd um Menschenfüße, die es beschnupperte. Der Bankdirektor, an die

Mauer gelehnt, rauchte eine Zigarette; Graf Duchorski unterhandelte mit

einem schmutzig aussehenden Kellner. Menasse hatte seinen Kneifer

verloren und man sah seinen verzweifelt verrenkten Körper wie zwischen

Felsen auftauchen und verschwinden. Unten gellte ein Trompetensignal;

die Träger verlangten den Lohn, sie schienen in Eile, fortzukommen.

Jemand sagte, der Hafen sei gesperrt, ein anderer hatte erfahren, ein

deutsches Schiff kreuze auf dem Meer draußen. Der Streit um die Zimmer,

deren nur elf zur Verfügung standen, wurde lärmend. Jefim Leontowitschs

Stimme rief von einer Schwelle her: »Maria Jakowlewna, kommen Sie

schnell; ich habe ein Zimmer für Sie besetzt.« Da Maria keinen Durchgang

fand, kletterte sie über die Koffer. Menasse hatte sich vor Jefim

aufgepflanzt und fauchte: »Was fällt Ihnen ein, zu schreien, Herr? Wenn

Sie nicht schweigen, werde ich Ihnen stopfen den Mund. Wir sind gerannt

dem Tiger direkt in die Zähne, verstehen Sie, was ich meine? Gott soll

helfen, und da schreit er!« Maria sagte ruhig zu Jefim: »Man müßte

versuchen, unsere dreißig Kolli aus dem Haufen herauszufischen!« Er

nickte und sah besorgt umher. »Wo sind die Kinder?« fragte er.

Da kamen drei Matrosen die Treppe herauf, einer mit hastigerem Schritt

vor den beiden andern, von denen er sich auch in Kleidung und Gehaben

unterschied. Er trug blendendweiße Leinenhosen und eine Jacke von

elegantem Schnitt. Er hatte keine Charge, trotzdem war seine Haltung

gebieterisch, und zwar in einer brutalen und lässigen Art. Ihm zur Seite

watschelte beflissen der Wirt, ein feister Tartar mit einem Gesicht wie

aus Butter. Der Matrose stutzte beim Anblick des Gewühls und der Menge

von Koffern; es war in der spärlichen Beleuchtung zweier

Petroleumlampen, die an der Wand hingen, ein tristes Bild. »Was sind das

für Leute?« wandte er sich fragend an den Wirt, »was geht hier vor?« Der

Wirt suchte mit furchtsamen Augen Menasse. Dieser zwängte sich heran und

gab sich eine Miene der Autorität. »Woher? Wohin?« fragte der Matrose

barsch und verächtlich. Menasse stotterte. Der Matrose unterbrach ihn:

»Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ihr eure Reise fortsetzt.

Das Gepäck ist beschlagnahmt. Das Weitere wird morgen verfügt.« Ohne die

mehr mimischen als artikulierten Einwände Menasses zu beachten, wandte

er sich wieder an den Wirt. »Ein Zimmer für mich«; und als der Wirt

ratlos den fetten Körper verdrehte, sagte der zweite Matrose ungeduldig:

»Ein Zimmer für Golowin; hast du nicht gehört, du Schwein?« Vor Furcht

seiner Stimme kaum mächtig, erwiderte der Wirt, alle Zimmer seien

vergeben; Väterchen könne sich ja selbst überzeugen; die vielen Menschen

da; er habe nur noch eine Kammer unterm Dach frei; doch die Fenster

seien zerbrochen, die Bretterwand halb eingestürzt; das Loch wage er

Väterchen Igor Semjonowitsch nicht anzubieten; nebenan bei Alexei

Davidowitsch sei noch ein Staatszimmer zu haben, prächtig, mit

Teppichen, auf Ehre, mit schönen Teppichen und Bilderchen an der Wand.

Offenbar hatte er Angst, diesen Gast zu beherbergen und wäre froh

gewesen, ihn los zu werden. Aber Golowin antwortete barsch: »Kein langes

Geschwätz, du schmutziger Narr; ist kein Platz, so wird Platz gemacht.

Habe nicht Lust, nach einem Bett zu hausieren. Hier neben der Treppe das

Zimmer ist für mich. Punktum.« Und er deutete gegen die Tür, auf deren

Schwelle Maria stand. »Verzeihung,« redete Maria ihn an, »es ist das

letzte für mich und meine Kinder übriggebliebene Zimmer. Wir sind sieben

Menschen, Sie einer. Wir sind am Ende unserer Kraft, eine furchtbare

Reise liegt hinter uns. Wäre es nicht billig und großmütig, wenn Sie für

diese Nacht mit der Dachkammer vorlieb nähmen, da Sie sich schon nicht

anderweitig umsehen wollen? Ich weiß nicht genau, zu wem ich spreche;

aber jedenfalls doch zu einem Mann.«

Golowin schien überrascht. Er hob unmutig die Brauen. »Die Suada ist von

euresgleichen unzertrennlich,« murmelte er. »Honig, um meinesgleichen

die Kehle einzuschmieren, habt ihr immer noch auf Vorrat. Der verachtete

Kuli braucht nur einmal die Fäuste zu zeigen, so wird an seine Großmut

appelliert. Es ist eine neue Weltordnung, Madame. Wer sind Sie? worauf

berufen Sie sich?«

Diese für einen Matrosen sehr ungewöhnliche Ausdrucksweise überraschte

nun wieder Maria. Sie bedurfte, um sich einzustellen, ihrer ganzen

Geistesgegenwart. »Ich bin Maria Jakowlewna von Krüdener,« entgegnete

sie mit klarer Stimme und legte die Hand auf Mitjas Haupt, der sich

schützend neben sie gestellt hatte; »mein Mann, Gutsbesitzer im

Tulaschen Kreis und kaiserlicher Offizier, ist ins Ausland geflohen, und

ich bin im Begriff, dasselbe zu tun. Ich kann also Ihnen gegenüber keine

Erwartungen, sondern nur Befürchtungen hegen. Sie haben Recht, die Not

macht uns charakterlos. Die neue Weltordnung muß zunächst an Frauen und

Kindern ausprobiert werden. Litwina, Arina! wir ziehen in die

Dachkammer.«

Golowin schnitt eine ärgerliche Grimasse. »Sie täuschen sich, Madame,«

sagte er und steckte beide Hände in die Hosentaschen, »Sie täuschen

sich. Ich bin unempfindlich gegen die Künste des höheren Tons. Ob

Dachkammer, ob Beletage, das spielt hier keine Rolle. Man wird Sie und

Ihre ganze Gesellschaft morgen vor dem Standgericht aburteilen, und da

Sie so unvorsichtig waren, Ihre Fluchtabsicht offen zuzugeben, können

Sie sich ja ungefähr denken, was Ihr Schicksal sein wird. Wir pflegen

darin kurzen Prozeß zu machen; aus Zeitmangel, Madame, aus Zeitmangel.

Bleiben Sie also immerhin in der Beletage, wenn Sie Wert darauf legen;

auch die andern Herrschaften will ich nicht weiter stören. Niemand wird

natürlich das Haus verlassen; im übrigen ist Ihnen jede Freiheit

unverwehrt bis morgen.« Dies sprach er ironisch gegen den Kreis

erschrockener Neugieriger, der sich um ihn gesammelt hatte. Menasse

machte Schwimmbewegungen mit den Armen, um sich die Herzudrängenden vom

Leibe zu halten und sich in seiner Bedeutsamkeit gewissermaßen zu

isolieren; er blinzelte an Golowin hinauf, als wolle er ihm zu verstehen

geben, daß das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch zwischen ihnen

beiden gewechselt werden müsse und er zuversichtlich auf eine Einigung

rechne. Aber Golowin beachtete ihn gar nicht. Indem er sich abkehrte,

fiel sein Blick auf Mitja, und er sagte: »Hübscher Junge; schade um ihn;

er wird Mühe haben, sich mit alldem zu befreunden. Du sollst später

einer der Unsern werden, mein Junge, was?« Zum erstenmal überlief Maria

ein Zittern, und sie erbleichte, als Mitja mit der stolzen Entrüstung

des Achtjährigen, den Heldengefühle beseelen, erwiderte: »Niemals, ich

werde immer auf Papas Seite sein.« Golowin lachte. »Gute Zucht, Madame,«

sagte er und sah Maria an. »Gute Zucht und gutes Blut,« antwortete sie.

Er verbeugte sich spöttisch, ohne den Blick von ihr zu lassen, einen

scharfen, grausamen, unaufhaltsamen Blick, der kalt prüfte und mehr und

mehr einen bestimmten Vorsatz verriet. Maria hielt den Blick eine Weile

aus, und erst als sie der Verwunderung der Zuschauer inne wurde, glitt

ihr Auge zu Boden. Golowin wurde von seinen Begleitern angerufen und

wandte sich zu ihnen. Auf der Treppe waren noch zwei Matrosen

aufgetaucht, die einen sich sträubenden Menschen zwischen sich

schleppten, den Koch des Hauses, welcher als Spion denunziert worden

war; man wollte bemerkt haben, daß er von einem Fenster der Küche aus

Signale gegeben hatte. Er beteuerte seine Unschuld und schlug mit den

Armen um sich. Golowin rief seinen Leuten einen kurzen Befehl zu, und

sie fesselten ihn. Der tartarische Wirt, zu dem der Koch in seiner Angst

flüchten gewollt und den er mit Gebärden anflehte, erhob jammernden

Einspruch, der ungehört verhallte. Menasse hatte indessen mit dem Grafen

Duchorski und dem Ungarn leise gesprochen und näherte sich nun Golowin.

Er zupfte ihn am Ärmel und nahm eine vertraulich-zwinkernde Miene an,

ohne sich durch die finstere Geringschätzung des andern irremachen zu

lassen. Er wisperte. Das Schweigen Golowins, statt ihn bedenklich zu

stimmen, erhöhte seinen Mut. Das ihm geläufige Schema auch hier als

praktisch betrachtend, nannte er die Summe, die als Ausgangspunkt für

Verhandlungen dienen könne. Da legte ihm Golowin die Hand auf die

Schulter und sagte zu dem ihm zunächst stehenden Matrosen: »Was meinst

du, Maxim Maximowitsch, was das komische Insekt da will? Er will mich

kaufen? Möchtest du ihm nicht mitteilen, was ich wert bin? Vielleicht

gefriert ihm die geschwätzige Zunge, wenn er meinen Preis erfährt.«

Menasse gab Zeichen äußerster Bestürzung von sich. Das war neu; ein

Faktum, das ihn unvorbereitet traf. Die Matrosen gingen lachend die

Treppe hinab. Golowin schickte sich an, ihnen zu folgen, blieb aber vor

der Treppe unschlüssig stehen.

All dies hatte sich ziemlich schnell abgespielt. Die letzten Vorgänge

hatte Maria nur wie etwas Fernes wahrgenommen. Sie trat ins Zimmer, wo

Jewgenia und Arina die Lagerstätten für die Kinder bereiteten. Litwina

trug das Handgepäck herein. Maria setzte sich in eine Ecke und nahm den

ungebärdig schreienden Wanja an die Brust. Mitja stand vor ihr, der

Anerkennung bedürftig, denn es waren Zweifel in ihm, ob er sich gut

benommen habe. »Du warst lieb und tapfer, mein Sohn«, sagte sie, worauf

er sogleich das Gespräch ablenkte und sich erkundigte, wo Jefim die

Nacht verbringen solle. Jefim schnitt für Fedja und Aljoscha Brot ab und

winkte Mitja, daß er schweige. Maria antwortete nicht. Sie war

zerstreut. Ihre Gedanken waren von der Erscheinung Golowins in Anspruch

genommen. Seine Manier, seine Geste, seine stechenden, bald farblosen,

bald metallisch glitzernden Augen, die hagere rasche Gestalt, der dünne

rasche Mund mit kleinen, dichten weißen Zähnen, die rasche Rede, die

Stimme, die mit befremdlicher Virtuosität durch alle Register lief, es

wollte ihr nicht aus dem Sinn, das Einzelne nicht und das Ganze nicht.

Plötzlich ging die Tür auf, und er trat ein.

Kälte entstand in ihr wie ins Herz gehaucht. Wanja hörte auf zu trinken,

als sei die Milch versiegt und zappelte erbost. Sie schob das Tuch, sich

vor Blicken zu schützen, bis an den Hals und sah Golowin fragend an.

»Ich wünsche mit Ihnen, Maria Jakowlewna,« sagte er förmlich, »einige

Worte unter vier Augen zu sprechen.«

Sie wunderte sich. Sie schaute sich achselzuckend um. Da er schwieg und

wartete, drehte sie den Kopf mit stummem Geheiß zu Jewgenia, die Arina

und Litwina zunickte. Auch Jefim hatte begriffen; er rief die drei

Knaben zu sich. Alle verließen das Zimmer. Marias Blick behielt den

fragenden Ausdruck.

Golowin sagte: »Ihr jüdischer Mittelsmann hat mich für eine Art

Straßenräuber gehalten, dem man Lösegeld anbietet. Ich vermute, Sie

wissen davon. Wäre er weniger lächerlich, so hätte ich ihn heute noch

ans Wirtshausschild hängen lassen.«

»Er ist nicht mein Mittelsmann, und ich weiß nicht, was er unternommen

hat,« erwiderte Maria kühl.

»Ganz egal, Madame, Ihre Mitschuld ist unbestreitbar. Die

Gefahren-Aktien sind eben verteilt. Naiv ist es freilich, den

ahnungslosen Hebräer ins Treffen zu schicken. Sie hätten es verhindern

müssen. Haben Sie mich so schlecht angesehen, mit diesen Augen im Kopf?

Warum haben Sie selber denn die Gelegenheit versäumt, das Terrain zu

sondieren? Ich hatte es erwartet. Daß ich statt dessen zu Ihnen kommen

muß, gibt kein Plus in Ihrer Rechnung.«

Maria überlegte erregt: wohin zielt das alles?

Er ging ein paarmal auf und ab, Hände in den Hosentaschen. Seine Stimme

wurde glatter und heller, als er fortfuhr: »Bin vor der Treppe gestanden

und habe gegrübelt: was ist das für ein Gesicht? was ist das für eine

Sorte Frau? Kennst du das Gesicht? wie geht es zu, daß du es nicht

kennst? Na, da beschloß ich, Avancen zu machen. Es freut Sie nicht, wie?

Ich bin mir natürlich bewußt, daß meine Person eben das repräsentiert,

was Sie mit gutem Grund verabscheuen. Trotzdem stehe ich da. Komme

trotzdem mit einem Vorschlag zu Ihnen, der nach Waffenstillstand

aussieht.«

»Was ist es für ein Vorschlag?« fragte Maria unbefangen.

Sein rotes, muskulöses, von Wettern gegerbtes Gesicht zeigte

Verkniffenheit. Da jeder Nerv in ihm auf beschleunigtes Tempo gestimmt

war, entfachte die langsame Entwicklung offenbar seine Ungeduld. Er

stieß die Worte hervor, die einen Klang von Brutalität hatten: »Ich

habe mich Ihnen zu Gefallen mit der Dachkammer begnügt; ich denke, Sie

werden mich dafür entschädigen.«

»Entschädigen? in welcher Weise? was meinen Sie damit?«

»Ich meine, daß Sie mich da oben besuchen sollen.«

»Wie, besuchen? Ich verstehe Sie nicht ganz.«

Er verzog ärgerlich das Gesicht. »Ich meine, daß Sie mir heute nacht die

Ehre Ihres Besuchs erweisen,« wiederholte er in bösem Ton.

Maria lächelte belustigt.

»Es liegt mir daran,« fuhr er fort und streckte das Kinn vor; »es liegt

mir viel daran, ich werde Ihnen schon erklären, warum. Ich habe mirs in

den Kopf gesetzt, und mich von einer Sache abbringen, die ich mir in den

Kopf gesetzt habe, ist nutzlos. Versuchen Sie das gar nicht erst.«

Maria lächelte. In dieses Lächeln gehüllt, war sie von oben bis unten

Dame. »Sie überschätzen mein Interesse an fremden Zwangsideen,« sagte

sie leicht; »ich will es durchaus nicht versuchen.«

Er machte zu ihr hin eine Bewegung wie eine Katze. »Bleibt es bei der

Antwort?« fragte er mit unerwartetem Ausdruck von Neugier.

Sie nickte. Wanja begann zu weinen. »Geben Sie doch den Balg weg,«

herrschte er sie an, »er stört mich.« Maria klopfte Wanja den Rücken,

und er wurde still. Golowin sah auf ihre Hand. Sie verbarg sie hastig

unter Wanjas Kissen.

Nach einer Pause fing er an: »Gut, stellen wir uns auf den Boden der

gesellschaftlichen Form. Was haben Sie zu fürchten?«

»Nur meine Meinung von mir selbst.«

»Sonst nichts?«

»Doch. Ich kann mich nicht in eine Situation begeben, deren ich mich

später vielleicht zu schämen hätte. Wie sie auch verläuft, ich müßte sie

vor einem rechtfertigen, der Rechenschaft von mir verlangen darf.«

»Unsinn,« murrte Golowin; »das klingt ja so als wollte ich die

Geschichte von #boule de suif# mit Ihnen aufführen. Knallerbsen werf ich

nicht. Bin nicht lustig genug dazu.« Er bemerkte ihr aufblitzendes

Erstaunen über das literarische Zitat, ging aber mit einer Grimasse

darüber hinweg. »Ihre Bedenken sind schwächlich,« sagte er; »außerdem

nicht sehr klug. Ich biete Ihnen einen Vorwand, der Ihnen Schlupflöcher

nach allen Seiten läßt. Ich verhandle mit Ihnen über Ihr Schicksal und

das Ihrer Kinder und Ihrer Reisegenossen. Weisen Sie mich zurück, so ist

es von vornherein besiegelt. Demnach riskieren Sie nur, was ein

vernünftig erwägender Mensch riskieren muß.«

»Weshalb denn eine nächtliche Verhandlung in der Dachkammer?« fragte

Maria kopfschüttelnd. »Nennen Sie Ihre Bedingungen, ich werde Ihnen

sagen, ob sie annehmbar sind.«

Er lachte. »Nein, ich bedaure, das liegt nicht in meinem Plan,«

erwiderte er spöttisch. »Da hätte ich mich ja ebensogut mit dem eifrigen

Israeliten aufs Feilschen einlassen können. Aber das liegt nicht im

Plan. Der Preis, von dem hier die Rede ist, kann nicht mit Münze bezahlt

werden. Chance ist Chance, Madame. Es wäre ja geschmacklos, wollte ich

vor Ihnen den Attila mimen; aber ich bin nun einmal der Diktator der

Stadt, und alle die Seelen sind in meiner Gewalt wie Fische in einem

Behälter. So stehen die Dinge. Andrerseits weiß ich, daß eine solche

Affäre wie die zwischen uns beiden zart anzufassen ist, und wenn Sie die

Pression, die ich auf Sie ausübe, unanständig finden, bin ich bereit,

ein Versprechen zu leisten. Ich verspreche feierlich, Ihnen nicht um

Breite eines Haares näherzutreten als Sie es zu Ihrer Sicherheit für

wünschbar halten. An dieses Wort will ich mich binden, dürfen Sie mich

binden. Weigern Sie sich noch immer, so haben Sie die Folgen selbst zu

tragen.« Er drehte sich auf dem Absatz um und ging zur Tür. »Ich warte,

Maria Jakowlewna,« sagte er; »von jetzt an in einer Stunde werde ich auf

Sie warten. Zögern Sie nicht zu lange; die Nacht ist kurz.«

Maria sah sorgenvoll vor sich hin. Als er schon die Klinke in der Hand

hielt, wandte er noch einmal das Gesicht zurück und sagte, wieder mit

gestrecktem Kinn: »Ich bin ein waghalsiger Spieler, aber auch ein

ehrlicher. Meine Herrschaft dahier steht, bei Licht besehen, auf

ziemlich schwachen Füßen. Es ist möglich, daß ich morgen in aller Frühe

mit meinen Leuten werde abziehen müssen. Deutsche Truppen sind gemeldet.

Vielleicht haben wir dann gar nicht mehr die Zeit, euch den Prozeß zu

machen, und Sie kommen mit dem Schrecken davon. Denken Sie einmal nach,

was für ein Einsatz auf der Karte steht, die ich jetzt so unvorsichtig

aufgedeckt habe. Denken Sie mal nach, es lohnt sich.«

Er verschwand.

Die Kinder und die Dienerinnen kamen wieder herein. Alle legten sich

gleich hin und verzehrten nur ein paar Bissen zum Nachtessen, halb

schlafend schon. Jefim hatte eine Liegestätte unter der Treppe gefunden.

Auch Maria warf sich aufs Bett; sie behielt die Kleider an. Es klopfte.

Menasse bat noch um eine Unterredung. Er ließ sich nicht abweisen. Er

wollte erfahren, was sie mit Golowin gesprochen habe. Auch die andern

draußen seien aufs äußerste gespannt; ein Stein sei ihnen vom Herzen

gefallen, als sie den schrecklichen Menschen zu ihr hatten gehen sehen.

Maria fühlte sich erschöpft; sie vertröstete ihn auf den nächsten

Morgen. Er sagte, nur sie könne das Unheil abwenden; Graf Duchorski

lasse ihr seine unbegrenzte Verehrung wissen; die Herren samt und

sonders erwarteten geradezu das Wunder von ihr. Jewgenia drängte den

Schwatzhaften endlich über die Schwelle.

Maria schlief ein. Als sie wieder die Augen aufschlug, geschah es wie

auf Befehl. Ihre Gedanken waren im Nu gesammelt und klar. Der Raum war

voll Mondlicht. Sie sah auf die Uhr; es war halb zwölf, sie hatte also

drei Stunden geschlafen. Sie erhob sich leise, richtete ihr Haar,

brachte das Kleid in Ordnung, zog aus der Handtasche ein Spitzentuch und

nahm es um die Schultern, dann verließ sie auf Zehen das Zimmer. Sie

stieg die enge Holztreppe empor; der Treppe gegenüber war eine Tür.

Während sie überlegte, öffnete sich die Tür, und Golowin stand vor ihr.

Er forderte sie schweigend auf, einzutreten. Da kein Licht drinnen war,

verharrte sie betroffen. Doch lag die Kammer auf der Mondseite, und der

Mond erzeugte solche Helligkeit, daß jede Bodenritze und jedes

Spinngewebe erkennbar war. Es war ein Bretterverschlag, nicht viel

breiter als die Fensteröffnung, nicht viel länger als die eiserne

Bettstelle. Außer dieser war nur noch ein Tisch und ein Stuhl vorhanden.

Die Wandbretter hatten zum Teil ihre Befestigung verloren und hingen

schief und morsch. In den Fenster-Rahmen fehlte das Glas. Man sah über

niedrige, mondglänzende Dächer bis zum Hafen hinaus, dessen Fläche

ebenfalls im Mond schimmerte.

»Wenn Sie Wert darauf legen, will ich die Kerze anzünden, obwohl nur

noch ein Stümpchen da ist,« sagte Golowin; »ich meinerseits ziehe die

natürliche Beleuchtung vor. Die ganze Zeit, während ich hier geduldig

auf Sie gewartet habe, hat es mich beschäftigt, mir Ihr Gesicht im

Mondlicht zu denken. Eine romantische Veranlagung, nicht wahr? Ich bin

sicher ein heimlicher Romantiker; außen ein wenig ruppig, aber innen

Romantiker, ganz sicher.« Er lachte.

Maria stand eine Weile, dann griff sie nach der Stuhllehne. Er sagte:

»Der Stuhl hat nur drei Beine, er ist höchstens für mich zum Balanzieren

praktikabel. Ich muß Ihnen das Bett zum Sitzen anbieten; #I know, that’s

a funny misfortune,# aber alles ist nun einmal aufs Heikle zugespitzt,

wir wollen uns bei der mangelhaften Inszenierung nicht aufhalten. Bitte

nehmen Sie Platz.«

Die Bettstelle war niedrig; Maria setzte sich, spürte daß sie errötete,

fröstelte unter einem kühlen Luftzug vom Fenster her, zog das

Spitzentuch fester, schaute Golowin schweigend an. Ihre großen dunklen

Augen, denen die Kurzsichtigkeit einen lange verweilenden Blick verlieh,

glänzten feucht. »Wer sind Sie eigentlich?« fragte sie in ihrer mutigen

und offenen Art; »ich werde das Gefühl nicht los, als ob Sie in einer

Verkleidung steckten. Sind Sie wirklich Matrose von Beruf? Wer sind

Sie?«

Er hatte sich nachlässig auf die Tischkante gesetzt und die Arme

verschränkt. »Also #curriculum vitae#?« antwortete er lachend.

»Verkleidung? Nein. Ein bißchen buntscheckig, ja. Oder zwiebelähnlich,

mit vielen Schalen.« Er räusperte sich und heftete den Blick ins Freie.

»Ich sehe ein, daß es unartig wäre, Ihre Wißbegier nicht zu

befriedigen,« begann er; »ich will knapp sein wie ein Lexikon. Geboren

in Warschau. Vater: Pole, mit deutschem Einschlag im Blut; Mutter:

Engländerin, Pastorentochter. Alter: sechsunddreißig. Erzogen in der

Kadettenschule. Dumme Streiche gemacht, davongejagt worden. Müßig

herumgetrieben, mit der Hefe gelebt, nach dem Tod der Eltern völlig

mittellos. Eines Tages die Kräfte zusammengerafft; Elektrotechnik

studiert; gehungert; nach Schweden gegangen, nach Norwegen. Mich

anheuern lassen auf einem Walfischfänger; zwei Winter im grönländischen

Eis verbracht. Nach Edinburgh gegangen. Monteur geworden. Nach Island

gegangen und in Rejkjavik ein Elektrizitätswerk gebaut. Geheiratet;

Tochter eines Rheeders; mit ihr nach London gereist; höllisch betrogen

worden von ihr; kurzen Prozeß gemacht: eine Kugel durch ihren Kopf, bei

Nacht und Nebel davon. Nach Amerika. In einer Dampfwäscherei gearbeitet;

auf einem Kohlendock in Monreal; in einer Wurstfabrik in Chikago; bei

der #Illinois railway company#; als Zeichner und Ingenieur in San

Franzisko. Große Affäre: die beiden Töchter eines Holzmagnaten verführt;

von gedungenen Strolchen beinah erschlagen worden; sechs Monate Spital.

Nach Paris gegangen; Reporter für Newyork-Herald geworden; im Jahre 12

nach Petersburg geschickt; den geheimen Organisationen beigetreten; im

Jahre 14 Einberufung zur Marine; Vertrauensmann der Besatzung geworden;

den Umsturz mitherbeigeführt, und nun,« er verbeugte sich bizarr, »der

Auszeichnung gewürdigt, meinem verehrten Gast diesen Steckbrief

überliefern zu dürfen.«

»Viel in wenig Worten,« sagte Maria lächelnd.

»Braucht es mehr? Die Ereignisse geben ja doch nicht den Inhalt. Fast

jedes Leben, meines auch, ist eine unordentlich gepackte Kiste, und wenn

man sie ausräumt, haben die meisten Dinge längst nicht mehr den Wert,

den sie beim Einpacken hatten. Ich bin kein Freund von Ausräumen. Lieber

noch ein paar Nägel in den Deckel.«

»Sie laufen sich selber voraus, Sie laufen mit sich selber um die

Wette,« bemerkte Maria.

»Ja, das sagen Sie so, ob Sie aber das richtige Bild davon haben, möchte

ich bezweifeln,« antwortete er. »Eigentlich war kein Tag der Rast. So

eine Stunde wie die jetzige, wo man spricht und sich zurückbesinnt, hat

es eigentlich nie gegeben, denken Sie. Man war wie auf einem Schiff, das

mit vollen Segeln vorm Sturm rennt. Bö auf Bö; da ein Leck, dort ein

Leck; alle Mann an die Pumpen; zuletzt immer ein verzweifelter Sprung

von der Takelage ins Rettungsboot. In so einem nüchternen Taumel; in so

einer betrunkenen Entschlossenheit; mit dem Zittern bis in die Rippen;

und niedergetrampelt wurde jeder, der im Weg stand. Ja, so war es.«

»Immerhin haben Sie ein Stück der Welt mit Appetit verspeist,« sagte

Maria und zeigte ihre herrlichen Zähne.

»Das ist wahr,« erwiderte er und nickte. »Sie ist mir nichts schuldig

geblieben, die Welt, ich ihr auch nichts. Ich habe sie kennen gelernt

von unten bis oben, die brüchigen Fundamente, die verfaulten

Schanzwerke, die verrostete Maschinerie, die rissige Verschalung, die

schadhaften Ankertaue, wie gesagt: vom Kiel bis in die Raaen. Und was

die Bemannung betrifft: kranke Gehirne, ein tollwütiges Fieberwesen,

eine bestialische Raserei der Untiefe zu. Es war ein Riesenspaß, Maria

Jakowlewna, eine Labung fürs Gemüt. Es gab Zeiten, wo ich

quietschvergnügt gewissermaßen neben dem hochgespannten Dampfkessel

hockte und mir an den Fingern ausrechnen konnte, wie lang es noch dauern

würde, bis der ganze pomphafte Plunder mit ungeheuerm Krach in die Luft

flog. Eigentlich waren das die schönsten Momente. Ich habe etwas von

einem Propheten in mir, oder wenigstens von einem Diagnostiker. Das kam

mir auch beim Dienst auf dem Kriegsschiff zustatten. Einen schöneren

Explosionsherd konnte man sich im verwegensten Traum nicht ausmalen; ein

Faß Dynamit mit der Lunte am Spund ist ein Spielzeug dagegen. Lehrreich,

zu beobachten, wie unwiderstehlich es die Mäuse zum Speck in der Falle

zieht. Ich hielt mich kunstvoll am Rande, immer zwischen Beförderung und

Disziplinarverfahren; sie konnten mir nicht beikommen, auch nicht mit

dem Köder der Rangerhöhung; warum hätte ich den schnappen sollen? Ich

fühlte mich auf der Pulvertonne am richtigen Platz. Ich vermochte meinen

Leuten den Tag vorauszusagen, an dem die Mine springen würde; und an

genau dem Tag haben wir den Kapitän, die Offiziere, die Maats und was

immer Epauletten und Sterne trug in die Feuerungslöcher befördert; eine

zu schnell funktionierende Hölle, leider, wenn man bedenkt, was für eine

lange Hölle sie andern bereitet hatten.«

Er sprach völlig ruhig, beinahe heiter, in einem flüssigen Plauderton,

wie von einer Sportleistung, auch mit der dazu gehörigen halbironischen

Prahlerei. Er zündete eine Zigarette an, und beim Aufflammen des

Streichholzes erschien Maria sein Gesicht kindlich harmlos. Mit ruhenden

Händen im Schoß saß sie da und fand keine Worte.

»Famos, wie ihre Hände sich im Mondlicht ausnehmen,« sagte Golowin; »wie

weißer Bernstein.«

Sie fuhr zusammen. »Sie haben meine Gegenwart gewünscht, um mit mir zu

verhandeln,« sagte sie mit verzogener Stirn; »das war die Abmachung. Ich

habe mich Ihrer Laune gefügt, weil ich schließlich von Ihrer Laune

abhänge, und nicht nur ich allein. Kommen wir also zur Sache.«

»Es wundert mich, daß Sie damit solche Eile haben,« antwortete er mit

einem kichernden Ton. »Seien Sie doch froh, wenn ich meine Zunge

spazieren führe. Am Zweck, den ich verfolge, sollte Ihnen wenig gelegen

sein. Oder sind Sie so naiv, daß Sie glauben, es gehe um die Schale und

nicht um die Nuß? Sind Sie wirklich da heraufgekommen in der Meinung,

wir würden eine unverfängliche diplomatische Schachpartie spielen?«

Maria, beunruhigt, stand auf. »Ich dachte, um Knallerbsen zu werfen,

seien Sie nicht lustig genug.«

»Es muß ja nicht #boule de suif# sein,« entgegnete er zynisch, »es kann

ja, beispielsweise, auch Maß für Maß sein. Das ist dann schon minder

lustig. Es hängt meistens von der Frau ab, ob es lustig ist oder nicht.«

Maria sagte verletzt, und ihre dunkelsonore Stimme bebte: »Es besteht

keine Gemeinschaft zwischen uns. Sie sind ein Liebhaber von Späßen, ich

bin zu spaßen nicht aufgelegt. Sie tanzen um einen Weltbrand einen

Freudentanz; so suchen Sie sich wenigstens nicht einen Partner aus,

dessen Lebensglück in den Trümmern liegt. Was ist Ihre Absicht?«

Er näherte sich rasch, die flachen Hände aufgehoben. »Vor allem: nehmen

Sie wieder Platz. Nicht diese Miene! Zucken Sie nicht zurück, ich rühre

Sie nicht an. Bei Gott, ich rühre Sie nicht an. Ist Ihnen kalt? Wollen

Sie meinen Mantel haben? Nein, nein, bleiben Sie sitzen, ich lasse ihn

am Nagel; kann mir denken, daß Ihnen vor solchem Mantel widert. Das

bißchen Zimperlichkeit halt ich zugut. Und nun merken Sie auf.«

Er zog den dreibeinigen Stuhl heran, flink und plump in den Bewegungen,

und setzte sich auf den äußersten Rand, um des Gleichgewichts sicher zu

sein. Er legte die Hände um seine Knie, beugte sich vor, streckte das

Kinn. Alles hatte eine gewisse Anmut, eine plumpe Geschmeidigkeit,

kraftvolle Zierlichkeit. »Seit zweieinhalb Jahren habe ich nicht in das

Gesicht einer Frau gesehen,« begann er und lächelte knabenhaft; »habe

ich nicht die Luft geatmet, die um eine Frau ist, nicht die Bezauberung

verspürt, die davon ausgeht, wie eine Frau die Hände regt, die Lider

hebt und senkt, die Lippen öffnet und schließt. Ich habe Kohlenrauch

gerochen, Kohlenstaub in die Lungen gepumpt und mit Salzluft mühsam

wieder ausgespült, die gräuliche Atmosphäre in Schlafsälen, den heißen

Ölgestank im Maschinenraum geschmeckt; ich habe Zähne fletschen gesehen,

Flüche murmeln gehört, allen Unrat der Menschennatur sich über mich

ausgießen lassen, die eingequetschte, wimmernde, wütende, brüllende Qual

eines riesigen Kerkers mitgelebt, und ich bin hungrig. Nicht in der

Weise hungrig, wie Sie zu fürchten scheinen. Man hat seine Erziehung,

man hat seine Erfahrung, man ist kein Geier. Nicht hungrig wie einer,

der aus Mangel an Nahrung krepiert, an Nahrung überhaupt. Wenns weiter

nichts wäre! Der Tisch für die andern ist reichlich gedeckt. Ich bin

hungrig wie ein Mann, den eine Fiebererscheinung in Trance versetzt hat.

Wir hatten mal in Boston eine spiritistische Sitzung. Es kam, im blauen

Licht, ein weibliches Gespenst herein. Sah ungefähr aus wie Sie, Maria

Jakowlewna; wunderbar sehen Sie aus, wie Sie da sitzen und mir zuhören.

Na, ich ging entschlossen auf das Gespenst los, ohne mich um die

hysterischen Entsetzenskrämpfe der verzückten Gesellschaft zu kümmern,

griff mit Armen darnach, und siehe da, es war ein warmer, weicher

Menschenleib. Ich entsinne mich, es war ein unvergeßliches Wohlsein in

mir, als ich den warmen, weichen Weiberleib hatte. Der Gespensterunfug

nahm gar nichts weg von dem Wohlsein, im Gegenteil, es war so diabolisch

verboten, daß es mir göttlich behagte. Man muß nur mit Armen zugreifen,

wenn es um einen gespenstert. Und es gespenstert schon lange um mich.«

Er lächelte abermals; strich mit der Hand über die dünnen,

schlichtliegenden Haare; sah alt aus, verbraucht, zerwühlt, plötzlich

wieder straff, elastisch, jugendlich und fuhr nach einigem Besinnen

fort: »Sprechen wir ein wenig von der Fieber-Erscheinung und davon, wie

sie entstanden ist. Denken Sie sich also hunderte von Männern,

primitiven Männern, denken Sie sie monatelang an einem und demselben

Ort; hunderte, doch in ihrer Gesamtheit absolut einsam auf dem Ozean;

durch die militärische Knute in Atem gehalten, durch harten Dienst

niedergezwungen; in ihren Trieben und Instinkten vollständig geknebelt.

Überlegen Sie sich einen Augenblick, was daraus erwächst. Ich bin ein

Mensch, der das Grauen nicht kennt und auch den Ekel nicht. Ich nehme

alles von der einfachsten Seite; es ist da, also hat es da zu sein. Aber

wenn man so buchstäblich in den Miasmen watet, die aus den Seelen

dunsten, das reißt an den Nerven. Es gibt bei Männern einen Zustand der

Entbehrung, der stillen, stumpfen, folternden Begierde, der macht alles

zu Gift und Brand in ihnen. Gefehlt, wollte man meinen, daß die

aufreibende Arbeit, die körperliche Erschöpfung dem entgegenwirkt; die

vergiften und verbrennen nur noch mehr, bis das ganze Individuum ein

von tobsüchtigen Bordellbildern geschütteltes Ding ist mit zwei

Existenzen, jede tierisch genug: die wirkliche, graue, trostlose und die

in der Bruthitze der Erinnerungen und der Wünsche. Ich habe nie an die

friedlichen Robinsons geglaubt; ist so ein Bursche gesund und ein

ehrliches Mannsbild mit seinem Geschlecht im Leibe, so muß er ja

komplett verrückt werden. Oder es stirbt ein Stück Leben in ihm ab. Ich

trete zum Beispiel in einen Schlafraum und sehe mir die Schläfer einzeln

an. Da ist einer, liegt in Schweiß gebadet, mit dicht aneinander

gerückten Falten auf der Stirn. Jede von den Falten ist eine mit

Ausschweifungen gefüllte Grube. Er hält sich schadlos, der Kerl; er

dichtet; er lebt sich aus in seinem lasterhaften Schlaf; kein Hirn eines

abgefeimten Erotikers ist je auf solche Möglichkeiten verfallen. Ein

anderer windet sich wie in Krämpfen der Pubertät; er ist leichenblaß und

trinkt seine eigenen Lippen. Ein anderer sieht aus, als klettre er an

einer Felswand hinauf, angespannt wie ein Seil, lüstern wie ein Affe.

Sie keuchen, schlagen mit gekrallten Fingern um sich, grinsen gierig,

flüstern einen Namen, umklammern etwas in der Luft, sind vollständig

aufgerissen, in einem Chaos glühender Visionen. Noch ein Beispiel. Ich

sitze unter ihnen; dienstfreier Abend; man redet; sie werfen sich ihre

Schlagworte zu; Anspielung auf Anspielung; grobes Geschütz, daß einem

die Ohren sausen; eh mans recht weiß, ist der Siedepunkt erreicht: die

Augen kochen, die Zungen wirbeln, das kaum Ausdenkbare wird gesagt,

geschrieen, schamlos hingemalt, sie wälzen sich in einer heißen Pfütze,

übersteigern sich, neiden einander das frechste Bild, den unflätigsten

Ausdruck, und man sieht dabei, wie es sie über alle Begriffe martert.

Und man beobachtet zwei, die sich einander mit verdeckten Blicken

messen, Mann gegen Mann als wärs Mann gegen Weib; stumm und irr faseln

sie vom Fleisch und von Lust; sie verstehen sich vortrefflich, die zwei

in ihrer Entzündung, und sie sind nicht die einzigen. Jag ich Ihnen

Schauder ein? Das ist nicht der Zweck. Ich tünche bloß den schwarzen

Untergrund für mein Lichtgewebe. Hat man sich vollgesogen mit dem

Irdischen der untersten Abgründe, so werden die Himmelsgestalten so weiß

und so zart wie nur Lilien in Pestsümpfen. Man muß aber zu den Seraphim

entschlossen sein. Es muß einem gelingen, die Poren gegen die Ansteckung

zu verstopfen. Zu früh nachgeben, das heiß ich ein Kalb im Mutterleib

schlachten. Ein Mönch ist unter Umständen ein geriebener Genüßling, wenn

er zum Feinschmecker von Illusionen wird. Vielleicht war der heilige

Antonius der größte Liebeskünstler der Welt. Ein brennenderes

Aphrodisiakum kann ich mir nicht vorstellen als die Qualen von

freiwillig Enthaltsamen. Das geht über ein Fest auf dem Blocksberg. Aber

ich bin kein Voyeur, durchaus nicht. Ich bin nur für kluge Steigerung,

überhaupt für Steigerung. Dort in dem Satanskessel, auf dem Schiff, hab

ich mein Verlangen gezüchtet; habe es sorgsam gepflegt, wie man ein Tier

mästet, das eine delikate Mahlzeit zu werden verspricht. Und wonach hat

mich eigentlich verlangt? Schwer zu sagen. Nach einer bestimmten Glätte

der Haut; nach einer bestimmten Rundung der Fessel; einer bestimmten

Modellierung des Handgelenks; einer bestimmten Transparenz der Äderung

an den Schläfen; einem bestimmten Gang und Schritt und Blick. Ist das

etwas? Umschreibt das etwas? Es ist eine Angelegenheit des Geruchs, des

Spürsinns, der Epidermis, der Nerven-Elektrizität. Deutlicher: ich will

eine Ebenbürtige haben, eine sinnlich Ebenbürtige. Kurz und gut, Maria

Jakowlewna, Sie sind es, die ich haben will.«

Marias Auge fiel auf einen Skorpion, der, von Fingerslänge, an einem

Brett ihr gegenüber unbeweglich hing, zierlich in der Gliederung, zart

umgrenzt, ohne Schatten, wie eine japanische Zeichnung. Indem sie das

Tier anschaute, ward ihr leichter zumut; in einem losgelösten Teil ihrer

Seele freute sie sich am Zarten und Zierlichen und vergaß das Giftige

und Gefährliche; dieses wußte sie ja nur, sie hatte es nie erfahren. Sie

heftete den Blick in Golowins Gesicht und sagte in zutraulichem Ton:

»Ist es nicht sonderbar? seit Sie das Wort ausgesprochen haben, bin ich

vollkommen ruhig. Es ist nun nichts Unbekanntes mehr zwischen uns. Ich

habe sogar ein Gefühl von Sympathie für Sie. Das eine Wort, dieses

vernunftlose, rohe, gewalttätige Wort hat es bewirkt. Plötzlich bin ich

die unvergleichlich Stärkere von uns beiden.«

»Verstehe nicht,« murmelte Golowin ziemlich außer Fassung.

»Sie sagen, Sie wollen mich haben,« fuhr Maria in demselben zutraulichen

Ton fort; »ich antworte Ihnen: schön, hier bin ich; bitte.«

Golowin starrte sie sprachlos an.

Sie sagte heiter: »Kann man denn einen Menschen so ohne weiters haben?

so nach Gelüst und Gelegenheit? wie man einen Apfel vom Baum holt, auch

aus einem fremden Garten? Nimmt man eine Frau so einfach, weil man

Appetit hat und weil der Raub sich lohnt? Ist sie sonst nichts als der

Bissen? als die Beute? als das Vergnügen einer Stunde? Wenn Sie dieser

Ansicht sind, – bitte.«

Golowin erhob sich, ging zum Fenster und blieb mit abgewendetem Gesicht

dort stehen. Der Mond beleuchtete nur noch ein kleines Stück der Wand.

»Meinen Sie im Ernst, Sie hätten mich dann gewonnen?« fuhr Maria fort.

»Vielleicht hätten Sie mich zerstört, sicher beschimpft, unerhört

erniedrigt, aber gewonnen? Setzen wir den Fall, Sie erreichen Ihren

Zweck mit Gewalt; bin dann das ich, Maria Krüdener, und nicht vielmehr

eine seelenlose Hülse von mir? Ob man lebendige Menschen in Feuerlöcher

wirft oder sie zu Opfern einer Zufallsbegegnung macht, läuft auf

dasselbe hinaus. Haben, was für ein gemeines Wort! was heißt denn haben,

wenn nicht gegeben wird? Etwas, das halb Verbrechen ist, halb

Einbildung, jedenfalls aber eine Armseligkeit.«

Golowin schwieg noch immer.

»Die Rechnung ist für mich nicht sehr kompliziert,« sagte Maria; »ich

soll das Zahlungsmittel abgeben für die Freiheit, wahrscheinlich auch

für das Leben von etlichen fünfzig Menschen, darunter meine Kinder und

ich selbst. Wenn Sie also auf Ihrem Vorsatz beharren, bleibt mir

offenbar nichts anders übrig, als in den elenden Kaufvertrag zu

willigen. Schön. Es ist nichts Besonderes, nichts Erschütterndes im

Vergleich mit den großen Ereignissen. Es ist ein Schicksal, mit dem man

sich abzufinden hat. Die Zeit wird es verschlingen, das ist ihr Amt.

Aber soll sich darin die neue Weltordnung manifestieren, von der Sie

gesprochen haben, wenn ich nicht irre? Sie tun mir leid. Es ist eine

uralte und furchtbar gewöhnliche Weltordnung, das.«

Ohne sich vom Fenster zu rühren, antwortete Golowin mit dumpfer Stimme:

»Sie mißverstehen mich mit Wissen. Das ist Advokatenkunst. Sie müssen

als Weib unrüttelbar fixiert sein, daß Sie Selbstverständlichkeiten mit

einem solchen Aufwand von Beredsamkeit verfechten. Ich habe meine Augen

im Kopf und meine Witterung in der Nase. Kann sein, daß die Bussole da

drin ein bißchen an Richtung verloren hat; die Nadel schießt verzweifelt

nach links und rechts, als stünde sie überm magnetischen Pol. Daß Sie um

und um und bis in die letzte Faser fixiert sind, habe ich trotzdem

gespürt, und das war ja der Reiz. Ich habe einem was abzuringen, der mir

entgegensteht. Ich habe einen unsichtbaren Widersacher vor mir. Dieses

Gespenst wird sich mir nicht so leicht blutwarm stellen. Aber ich rieche

ihn. Ich schmecke ihn. Ich sehe ihn.«

Durch Marias Körper lief ein Schrecken wie nie zuvor.

Er kehrte ihr das Gesicht zu und sprach weiter: »Sie reden von ihm mit

jedem Blick. Sie gehen, stehen, sitzen wie er es gutheißt und befiehlt.

Aber Sie würden jetzt nicht gezittert haben, wenn es mir nicht schon

gelungen wäre, sein Bild in Ihnen zu verdunkeln. Sie haben Kraft, aber

mich können Sie nicht wegdrängen, und er kann Ihnen bald nicht mehr

helfen, seine Arme werden lahm.«

»Das sind Mittelchen, Igor Semjonowitsch,« sagte Maria.

»Haben Sie mich für einen bübischen Schänder genommen, für einen

Dutzendhallunken? Ich kenne die Wege, die zu den verborgenen Flammen

führen. Wer sagt Ihnen, daß ich auf dieses Blatt-um-Blatt-Entfalten

verzichten will? auf die Entzückungen der Allmählichkeit? auf die

Überraschungen und kleinen süßen bittern Süßigkeiten, die einen Leib mit

einem Leib befreunden? Aber vielleicht bin ich imstande, vielleicht maß

ich mir an, die listige Zauberstufenfolge in zwei oder drei Stunden zu

pressen, die von der Faulheit und dem Mangel an Schwung in so öde Länge

gezogen wird, daß die Ermattung und die Erfüllung nicht mehr Ähnlichkeit

miteinander haben wie ein Schiff, das vom Stapel läuft mit einem Wrack

auf einer Sandbank.«

»Es ist möglich, daß Sie dazu imstande sind,« sagte Maria, »aber Sie

können nicht einen Stoff in einen andern Stoff verwandeln, Sie können

nicht das Gesetz eines Lebens umstoßen.«

Golowin lachte spöttisch. »Käme auf den Versuch an. Es ist eine Frage

der Magie.«

Maria stutzte und sah erblassend in die Richtung, wo er stand.

»Sie sprechen von Zufallsbegegnung,« fuhr er fort. »Ich meinerseits

glaube nicht an solchen Zufall. Sind Sie so fest davon überzeugt, daß

Sie bloß eine Verkettung unbestimmbarer Umstände in diese Stadt, in

dieses Haus gebracht hat und nicht mein Wille, mein Fluidum, mein

Beschluß? Aber gesetzt, es sei der Zufall gewesen. Wir hätten auch

zufällig auf eine entlegene Insel verschlagen werden können, um wieder

von Robinsonaden zu reden. Wieviel Tage hätten Sie sich Frist gegeben

bis zur Hochzeit? Oder wenn Ihnen das zu schroff klingt: wie lang hätte,

einem normalgewachsenen, normalbeschaffenen Mann gegenüber, Ihr Blut

geschwiegen, falls ich sogar aus Schlauheit oder Berechnung unterlassen

hätte, es zu schüren? Würden Sie einen Triumph darin erblicken, eines

Schemens von Treue wegen an meiner Seite die Heilige zu bleiben? Treue;

was ist Treue? Eine Übereinkunft, durch die man Entbehrungen

legitimiert, die Machtprobe eines Besitzenden, das Gitter gegen den

Einbruch der Ausgestoßenen, ein zugeschlossenes Ohr, eine zugekrampfte

Hand.«

»Ich weiß mit derartigen Rabulistereien nichts anzufangen,« antwortete

Maria; »es hängt doch alles davon ab, ob der Funke, den man schlägt,

Feuer gibt oder nicht.«

»Gewiß,« pflichtete Golowin bei und näherte sich wieder; er trat in den

dunkelgewordenen Teil des Raums und lehnte sich an die Bretterwand;

»gewiß. Wir in unserer versteinten Welt haben nur die Methoden verlernt.

Ich habe viel Umgang mit Chinesen gehabt, drüben in Übersee. Das sind

Leute, die sich auf die Methoden verstehen. Es ist eine ererbte Kunst,

von Jahrtausenden her. Sie lächeln über unsere Finten und Schliche, sie

machen sich lustig über unsere Vierschrötigkeit und Dickhäutigkeit, sie

zucken die Achseln über das, was wir unglückliche Liebe nennen. So wie

man dort im Osten ein ausgebildetes System hat, das den Schwächsten

befähigt, einen Athleten zu bändigen und auf die Knie zu bringen,

verleiht eine langwirkende Überlieferung dem mit Erkenntnis Begabten die

Macht, auch in das widerspenstigste Material körperliche Liebe zu

pflanzen. Körperliche Liebe, also Liebe überhaupt, wenn man absieht von

der europäischen Unzucht, die Dinge der Natur ins Blümerante und

Schöngeistige zu verdrehn. Erinnern Sie sich an die berühmte

Skandalgeschichte von der Entführung der Miß Holywood in Neuyork? Sie

war eine Schönheit ersten Ranges, umworben von der männlichen Blüte des

Landes, unnahbar, von makellosem Ruf. Eines Tages war sie verschwunden;

spurlos, rätselhaft. Man setzt für ihre Auffindung Prämien von

schwindelnder Höhe aus, zweihundert Detektivs sind Tag und Nacht am

Werk, aber erst nach Monaten entdeckt man ihren Aufenthalt in einem der

schmutzigsten Winkel der Chinesenstadt. Man verhaftet eine Anzahl

Chinesen, der eigentlich Schuldige ist entwischt. Die junge Dame bringt

man in das Haus ihrer Eltern, aber sie ist nicht wiederzuerkennen. Sie

steht nicht Rede; sie kann sich dem früheren Leben nicht mehr bequemen,

sie leidet unter Ausbrüchen von Wut und krankhafter Depression, die

Ärzte vermögen nichts über sie, die früheren Freunde nichts, und während

man alle Hebel zu ihrer Heilung in Bewegung setzt, gelingt es ihr, eine

Verbindung mit dem Entführer herzustellen; plötzlich ist sie zum zweiten

Mal verschwunden, und wie sie in einem hinterlassenen Brief mitteilt,

ist es ihr freiwilliger Entschluß gewesen, zu dem Chinesen

zurückzukehren. Die amerikanische Gesellschaft war natürlich außer sich,

denn was gibt es in ihren Augen Verächtlicheres als einen Chinaman? Mich

beschäftigte die Sache ungemein. Da ich keinerlei Kasten- und

Rassendünkel kenne, scheute ich mich nicht, meine chinesischen

Beziehungen dahin auszunützen, daß ich über den mysteriösen Fall, der

durchaus kein vereinzelter war, wie ich später erfuhr, verschiedene

Aufschlüsse erhielt. Was nicht leicht war. Die Chinesen sind sehr

zurückhaltend, außerdem behaupten sie, es gäbe auf diesem Gebiet

zwischen ihren und unsern Anschauungen keine Verständigung. Es fehlen

die Vokabeln schon, behaupten sie. Aber das Glück wollte, daß ich auf

einen prachtvollen Lehrmeister stieß, einen Burschen so fein wie

Triebsand und so weise wie ein alter Elefant. Hören Sie auch zu? Ich

sehe nicht mehr genau Ihr Gesicht. Sie werden nichts wissen wollen von

dieser Weisheit und Feinheit, die in ein Labyrinth führt. Und was

fruchtet sie mir, wenn Sie sich am Eingang in das Labyrinth sträuben? Es

weht asiatische Wollust heraus. Das ist ein ander Ding als unsre

Miniaturleidenschaften und gestatteten Gefühle. Bei dieser Mischung von

Gelehrsamkeit und narkotischer Hochglut ist das Wesentliche, daß der

Mensch von der Angst vor seiner untersten Tiefe befreit werden muß. Wer

von uns erreicht seine unterste Tiefe? Der größte Verbrecher nicht.

Dostojewski; aber die Angst bleibt auch bei ihm. Mein Chinese

entwickelte unter anderm eine ganze Philosophie der sinnlichen

Beeinflussungen und Übertragungen. Die Herrschaft über das lebendige

Instrument ist dann nur eine Folge. Die Technik ist sehr individuell,

aber unsere Frauen verlieren schon im ersten Stadium die

Widerstandskraft. Je höher gezüchtet eine ist, je wehrloser ergibt sie

sich. Ich habe das schriftliche Bekenntnis einer solchen Frau gelesen;

die erstaunlichste Epistel, die mir untergekommen ist, schamlos und

kühn. Es war eine vornehme Dame, Gattin eines Professors in

Philadelphia, die mit einem chinesischen Diener durchgegangen war. Sie

sprach von dem Glück des Grauens, von der Wonne der Verlöschung, und daß

sie keine Gewissensbisse darüber empfinde, die Seele, diesen lügenhaften

Frieden der Seele, hingegeben zu haben, für die Flammen, die sie

umprasselten und dem Augenblick des Todes den der Auferstehung des

Fleisches folgen ließen. Das klingt wie Wahnwitz und ist in der Tat

vielleicht eine Form der Hysterie. Überdies soll sie vor ein paar Jahren

in einer Vorstadt von Peking ohne Kopf und mit abgeschnittener rechter

Hand aufgefunden worden sein. Alles das aber reizte mich, es mit der

Praxis zu versuchen, und die Erfolge waren nicht übel; die Schule

bewährte sich. Freilich fehlte das letzte Geheimnis; was hätte ich

gegeben um das letzte Geheimnis! Aber wir sind zu weit dazu und zu

seicht; der europäische Mensch ist nicht eng genug; etwas Ähnliches sagt

schon Dimitri Karamasoff, scheint mir. Ich stellte die Probe bei vielen

an. Die Wildesten wurden zahm; wie Würmer so zahm wurden sie. So

eigentümlich entseelt waren sie nach kurzer Zeit, als hätte man aus

ihrem Gehirn gewisse Bewußtseinskomplexe mit dem Messer entfernt. Man

wendet niemals Gewalt an; man schleicht sich ein, man umschlingt sie

unbemerkt, die wunderbaren Körperchen, bemächtigt sich ihrer, indem man

den Sklaven macht, den unhörbaren Schatten, das unentbehrliche andre

Ich, das verachtete und verstoßene Teil, die böse lockende Chimäre. Und

so zieht man das Menschlein an sich, bis es nicht mehr entschlüpfen

kann. Es gibt da Zärtlichkeiten wie Sammet; das Ohr, das Augenlid, die

Spitze jedes Fingers, jede Stelle der Haut, die Höhle unter der Achsel,

das alles wird belehrt, auf seine ihm zukommende Zärtlichkeit dressiert,

und dankt. Jedes Glied an dem geliebten Leib dankt. Jedes ist

hingeschmolzen in seine besondere Lust, jedes erwacht für sich als wie

ein jauchzendes williges Tierchen, ein Flammentierchen und was man in

Armen hält, ist ein Wesen ohne Scham und Lüge, ohne Geist und ohne

Angst, unergründlich wie der Himmel. Maria Jakowlewna,« seine Stimme,

die zuletzt ein Flüstern geworden war, erhob sich und klang durch den

Kontrast wie ein Schreien, »wenn ich in Ihre Brust lange und Ihr Herz

packe, gehört es mir, so oder so. Lassen wir die Erzählungen, die

Erinnerungen. Es ist eine Welt, die vor hunderttausend Jahren war. Ja,

ich reiße Ihre Brust auf, und innen ist kein Gesicht eines andern mehr,

keine Gestalt, kein Gelöbnis, kein Bild, innen ist nur Liebe. Ich will

drin verbrennen und verdorren, wenn es sein muß, aber geben Sie mir

Liebe.«

Der Mond war untergegangen. Es war völlig finster geworden. Maria erhob

sich, tastete sich zum Tisch und griff nach der Kerze. Sie fand

Zündhölzer daneben und machte Licht. Besorgt sah sie, daß das Stümpchen

nicht lange brennen würde. »Liebe,« murmelte sie, »Liebe.«

»Warum töten Sie das Wort, indem Sie es so aussprechen?« fragte Golowin

zu ihr hinüber.

»Ich verscharre nur den Leichnam, getötet haben Sie es,« antwortete sie

ernst. »Ein Leben lang.«

»Moral, flaue Moral,« sagte er achselzuckend; »der Hieb ist zu matt, ich

pariere ihn nicht.«

Maria begann mit jener tiefen Stimme einer Märchenerzählerin, die alles,

was sie sagte, durch den bloßen Klang versinnlichte: »Auf dem Gut hörte

ich eine Geschichte von zwei Bauern, Petruschka und Nikituschka. Beide

waren arm und konnten zu nichts kommen. Da begab sich Petruschka auf die

Wanderschaft und blieb viele Jahre fort. Als er heimkehrte, brachte er

einen Sack voll Gold mit. Woher hast du das Gold? fragte Nikituschka

gierig. Aus dem Bergwerk hab ichs, erwiderte Petruschka und fing an, ein

stolzes Schloß zu bauen. Nikituschka läßt sich den Weg erklären, macht

sich auf, kommt aber nach einer Zeit müde zurück. Ich habe mich verirrt,

sagt er. Da begleitet ihn Petruschka, bis sie zu einem Berg gelangen, in

den der Stollen führt und sagt: in den Stollen mußt du hinunter und

viele Jahre graben. Es dauert nicht lange, da erscheint Nikituschka

abermals unverrichteter Dinge und sagt: ich habe keine Lust, viele Jahre

unter der Erde zu graben; gib mir lieber von deinem Gold, das ist

einfacher. Von meinem Gold kann ich dir nichts geben, sagt Petruschka,

du siehst ja, daß ich mir da ein Schloß baue; wovon soll ich die

Bauleute entlohnen? Hilf auch du mir bauen, dann hast du Teil an meinem

Gold.«

Sie schwieg.

»Der Hieb ist nicht stärker geworden,« sagte Golowin lächelnd;

»Petruschka hätte teilen sollen, als er mit dem Gold zurückkam.«

»Was hätte es Nikituschka genützt?« erwiderte Maria mit Eifer; »er hätte

seinen Anteil verschwendet und wäre so arm gewesen wie zuvor.«

»Besser zu verschwenden als mühselig zu graben,« beharrte Golowin, noch

immer lächelnd und sah sie aus den Augenwinkeln an.

»Der Verschwender ist ein Dieb,« sagte Maria; »man muß im Stollen

gewesen sein; man muß gegraben haben.«

»Man muß, man muß,« spottete Golowin, und der Blick aus den Augenwinkeln

wurde funkelnd; »hab ich etwa nicht im Stollen gerobbotet, ich?«

»Nicht Gold gefördert, nicht Petruschkas Gold,« wehrte Maria mit

erhobener Rechte ab, doch mehr seinen Blick als seine Worte; »wenn

Petruschka fragt: was hast du im Stollen gemacht, so werden Sie ihm

antworten müssen: was dich kränkt, was dein Gemüt vergiftet, was dir

Leiden bereitet, dir und deinen Brüdern. Petruschka hat gebaut.«

Golowin entgegnete nichts. Er drückte den Hinterkopf an die Bretterwand,

fuhr fort zu lächeln, fuhr fort, sie aus den Augenwinkeln zu betrachten.

Eine eigene Unruhe bemächtigte sich ihrer, eine von unten aufsteigende

und sie allmählich ganz einhüllende seltsame Scham. Ihr wäre am liebsten

gewesen, auf der Stelle zu versinken oder zu verschwinden. Es ging so

weit, daß sie sich ärgerte und sich innerlich Vorwürfe machte, die Kerze

angezündet zu haben. Das Herz fing an zu klopfen, es wurde ihr an den

Ohren und im Nacken heiß; sie konnte sich diesen Zustand durchaus nicht

erklären. Plötzlich fragte er, ohne sich zu rühren, in die Luft hinein:

»Glauben Sie an das Ende?«

»An welches Ende?«

»Nicht bloß an das Ende von Maria Krüdener und Igor Golowin, das ist ja

gewiß. An das Ende von Rußland und Europa meine ich, an das Ende von

Eisenbahn und Telegraph, von Zeitungen und Büchern, von Kunst und

Wissenschaft und Politik, an das Ende der Welt, an das Ende der

Menschheit, an das Ende von allem. Glauben Sie daran?«

Maria senkte den Kopf. Nach einer Weile antwortete sie leise: »Ich

glaube nicht daran. Ich glaube an das ewige Leben.«

»Glauben Sie an die Wiederkehr?« fragte Golowin, und sein Lächeln

verdämmerte in den Schatten, die der flackernde Kerzenschein in sein

Gesicht warf.

»Was verstehen Sie unter Wiederkehr?«

»Nichts kehrt wieder,« sprach er, ohne die Frage zu beachten, »und doch

schreit jeder Atemzug im Menschen nach Wiederkehr. Nichts kann noch

einmal sein, was gewesen ist, und doch ist es das unstillbarste

Verlangen im Menschen, daß es wiederkommt. Wieder, wieder, das ist das

Wort, bei dem man schwach wird. Solang man es nicht überwindet, ist man

der Narr des Schicksals. Auch für Sie, Maria Jakowlewna, kehrt nie

wieder, was einmal Ihr Stolz, Ihr Besitz, Ihr unwiderstehlicher Hinweis

gewesen ist. Es kehrt nicht wieder. Er kehrt nicht wieder.«

Mit geschlossenen Augen schüttelte Maria den Kopf und sagte: »Ich weiß

es so fest wie daß die Sonne aufgehn wird: er kehrt wieder.«

»Es gibt eine Zuversicht wider besseres Gefühl; die spricht aus Ihnen.

Sie haben das Unglück gehabt, eine glückliche Ehe zu finden, sonst wären

Sie ein Weib gewesen, mit dem man auf die Barrikaden gehen könnte.

Schade, wenn ein Wesen mit Adler-Instinkten zur Bruthenne erniedrigt

wird. Alles was edel und flugkräftig an Ihnen war, hat die Ehe in eine

Kapsel gepreßt, und Sie wagen sich nicht zu rühren aus Angst, das

Gehäuse zu sprengen. Sie haben nach allen Seiten hin Versicherungen

angebracht, Verpflichtungen, Dankbarkeitsklammern, Entfaltungs-Illusionen;

wozu Sie aber hätten steigen können, wenn man Ihnen die Menschenfreiheit

nicht geraubt hätte, davor verschließen Sie sich. Frauen wie Sie müßten

in ihrer Jugend vom Staat beschlagnahmt werden. Die Ehe zerstört sie. Es

ist als hätte man Sand in ein kostbares Uhrwerk geschüttet. Wenn dann

der große Feind kommt, ist es zu spät. Der große Feind, der große

Abrechnungskommissär, der Unbestechliche.«

Sie schwieg. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck unnennbarer Innigkeit, der

Golowin betroffen machte.

»Glauben Sie auch nicht an den großen Feind?« fragte er verdeckten

Tones.

Sie blickte ihm stumm und gerade in die Augen und antwortete nicht.

»Haben Sie sich schon einmal ein Bild von ihm gemacht?« fuhr er lauernd

und seltsam spöttisch fort; »sicherlich. Sie haben ja Phantasie. Ist er

nicht einnehmend? berauschend? verführerisch? Sieht er nicht aus wie ein

echter Liebhaber? Ist er nicht der Kenner der Geheimnisse? nicht

eingedrungen in alles Geschriebene und Paktierte und Erforschte und

Erlebte, eingedrungen aus Wollust? Die Welt ist voll von ihm. Er fegt

den angesammelten Kehricht weg.«

»Ja, die Welt ist voll von ihm,« sagte Maria; »er schreit Gerechtigkeit

– und mordet; er schwärmt von Bruderliebe – und mordet; er trieft von

Mitleid – und mordet; er faselt von Fortschritt und Erneuerung – und

mordet; er küßt und umarmt – und mordet. Er kennt kein Erbarmen in

seiner – Liebe.« Sie blickte ihm noch immer in die grün funkelnden

Augen. Die Kerze verlosch zischend.

Es entstand ein langes Schweigen. Maria fühlte Schwäche in den Knien,

ging zu der Bettstelle und ließ sich auf die Kante nieder. Daß Golowin

sich nicht rührte, war unheimliche Drohung. Grauer Schimmer webte vor

dem Fenster, die erste Ankündigung des Tages. Sie wagte nicht

hinzuschauen. Sie war in einen bleiernen Panzer geschnürt.

Auf einmal kam seine Stimme: »Sie sind so reich, daß Sie eine Nacht aus

Ihrem Leben ausstreichen können. Für Sie nicht gelebt, für mich

hundertfach gelebt. Ich spreche nicht von dieser; diese ist vorbei. Es

kann die nächste sein. Ist es die nächste nicht, so wird es eine andre

sein. Ich kann warten.«

Maria antwortete zwanghaft, als würde ihr die Rede von einem

unsichtbaren Dritten diktiert: »Es kann keine sein.«

Er sagte: »Wir sind zwei vorgeschobene Posten. Wir können uns

vergleichen ohne Rücksicht auf die kriegführenden Parteien. Es läge eine

gewisse Größe darin. Kein Loskauf, kein Verrat; ein Opfer vielleicht,

das viele andere überflüssig macht.«

»Ich gehöre nicht mir. Kein Haar an mir ist mein Eigentum,« entgegnete

Maria.

Er sagte: »Sie fühlen sehr genau die Feigheit in diesem Argument.

Besteht ein physischer Widerstand, der unbesiegbar ist?«

»Auf die Frage möchte ich lieber nicht antworten.«

»Wo nur die Vergangenheit sich weigert und nicht die Gegenwart, ist

zwischen Ja und Nein kaum mehr zum Besinnen Platz.«

»Ich appelliere heute zum zweiten Mal an Ihre Ritterlichkeit.« Sie

bedeckte die Augen mit der Hand.

Er sagte: »Wenn Sie Ihre Lippen auf meine drückten, könnt ich mir

einbilden, ich sei wieder Knabe und finge von vorn an. Wiederkehr,

Wiederkehr. Fürchten Sie nichts, ich bewege mich nicht von der Stelle.

Ich will ritterlich sein wie ein Troubadour. Doch können Sie mir nicht

verwehren zu träumen. Ich träume, daß ich Ihre Hand halte. Daß ich sie

nur mit meinen Fingerspitzen streife. Sie vergessen, daß Sie Mutter,

Gattin, Dame, Herrin sind, alle diese verruchten Würden einer überlebten

Welt. Sie sind Hand, nichts als Hand. Darin eingeschlossen, daran

geklammert meine, mit Blut, Hirn, Trieb, Seele. Was können Sie dagegen

tun? Still, wunderbare Weiberhand; ich hauche mich in dich hinein, und

du öffnest dich wie ein Kelch ...«

Maria hörte zu, außen und innen Eis, doch von etwas Lauem durchflutet,

das betäubte. Er hatte sie nicht angerührt, trotzdem fühlte sie ihre

Hand wie in einem Schraubstock. Ihre Gedanken stoben durcheinander. Das

Blut wirbelte zum Kopf und wieder zum Herzen. Sie glaubte zu sprechen

und erschrak vor dem Wort, das sie nicht gesagt. Mitjas ernste Augen

blickten sie an. Ihr Körper war ihr fremd, und sie fürchtete ihn. Das

Bild einer Uhr erschien ihr, ein Zifferblatt mit Zeigern, die nicht

weiterrücken wollten. Sie schaute gegen das Fenster. »Es wird Tag,«

murmelte sie. Von der Straße schallten eilige Schritte herauf. Gut, daß

die Menschen erwachen, fuhr es ihr durch den Kopf.

Mit kaum erratbarem Vibrieren der Stimme fuhr Golowin fort: »Ja, es

wird Tag. Schluß des ersten Aktes. Vorhang. Die Länge der Zwischenpause

ist nicht bekannt. Tut auch nichts zur Sache. Wie wollen Sie sich meiner

in Zukunft erwehren? Wie wollen Sie die Macht brechen, die ich über Sie

erlangt habe? Sie werden sich in Pflichten stürzen, Sie werden Aufgaben

zu lösen trachten, Sie werden Menschen an sich ziehen, Sie werden das

Eingestürzte aufzubauen beginnen, aber im Hintergrund werde immer ich

sein, da nützt kein Sträuben und kein Tun.«

Sie konnte jetzt in der Dämmerung sein Gesicht wahrnehmen. Es glich

einem fleckig grauen Tuch. Sie fand keine Widerrede. Inmitten ihrer

bedrückten Versunkenheit wunderte sie sich über seine Haltung, die etwas

Lockeres, beinahe Elegantes hatte. Unten schrillte plötzlich ein

langgezogenes Pfeifensignal. Golowin hob den Kopf wie ein Wachthund. Er

trat zum Fenster, zog eine Metallpfeife heraus und erwiderte das Signal.

Gleich darauf hörte man von der Richtung des Meeres her Geschützdonner.

»Gut,« sagte Golowin, »man schnallt das eiserne Stirnband wieder um.« Er

nahm den Mantel vom Haken und warf ihn über die Schulter. »Ihre Straße

ist frei, Maria Jakowlewna,« fügte er mit einer Verbeugung hinzu.

Maria stand auf. Es war keine Erleichterung in ihr.

»Zwei Worte noch,« sagte er, an der Tür stehen bleibend; »das eine:

prägen Sie sich ins Herz und bitten Sie Ihren Stern darum, daß unsere

Wege sich nie mehr kreuzen.«

»Nein; unsere Wege dürfen sich nie mehr kreuzen,« erwiderte sie.

»Das zweite: es gibt kein Mittel in der Welt, durch das Sie den Frieden

Ihrer Seele wieder gewinnen können, außer es kommt noch einmal zur

Entscheidung zwischen uns. Und das steht dahin.«

Maria lauschte seinen starken Schritten nach, als er gegangen war. Sie

drückte die flachen Hände gegen die Brust und hob das Gesicht, das

bleich war, mit fromm-erschlossener Miene zur Höhe.

Als sie in das untere Stockwerk kam, waren alle bereits auf den Beinen

und rüsteten sich zu neuer Reise. In der Freude über den Abzug der

Matrosen achtete man ihrer gar nicht. Menasse unterhandelte bereits mit

einem Schiffer, der eine Barke zur Überfahrt zu vermieten hatte. Sie

aber fühlte die Wahrheit der Worte Golowins: die Straße war frei, aber

das Ziel des Wegs war unkenntlich verdunkelt.

Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen · 第 7 / 24 题