Lukardis

Im Verlauf der schleichenden Revolution, von der das russische Reich

während des vorletzten Jahrzehnts heimgesucht war, kam es eines Tages zu

einem Straßenkampf in Moskau. Den unmittelbaren Anlaß hatte die

Verschickung von fünfunddreißig Studenten und Studentinnen gegeben, die

das Jubiläum eines verehrten Lehrers, welcher der Polizei verdächtig

geworden war, in überschwenglicher Weise gefeiert und die Feier durch

heimliche Zusammenkünfte vorbereitet hatten. Einige der angesehensten

Familien der Stadt wurden durch die grausame Maßregel betroffen, und die

Trauer und Entrüstung so vieler bis dahin ruhiger Bürger erregte eine

gefährlichere Stimmung als es die Aufwiegelung der politisch Tätigen

vermocht hätte.

Unter den mit tückischer Eile Deportierten befand sich auch ein junges

Mädchen namens Anna Pawlowna Nadinsky. Es lebte in Moskau ein Bruder von

ihr, Eugen, oder wie es im Russischen heißt, Jewgen Pawlowitsch,

Offizier bei einem Dragonerregiment, ein schöner stolzer Mensch von

dreiundzwanzig Jahren, dem man eine rühmliche Laufbahn vorhersagte.

Eugen Pawlowitsch Nadinsky liebte seine Schwester, sie war die

vertraute Freundin in allen Angelegenheiten seines Lebens gewesen. Als

er sie nun verloren sah, für sich wie für die Welt verloren, der

Erniedrigung und den Entbehrungen preisgegeben, welche der jahrelange

Aufenthalt in Sibirien mit sich bringen mußte, war sein Schmerz so groß,

das Gerechtigkeitsgefühl in ihm so tief beleidigt, daß die Fundamente

seines Daseins wankten, und er eine Ordnung nicht mehr anerkennen

wollte, der er sich bis zu dieser Stunde bereitwillig gefügt hatte. Es

geschah fast von selbst und zu seinem eigenen Erstaunen, daß er, als das

Regiment wenige Tage nach jenem Gewaltstreich der Polizei zur

Beschwichtigung der in der Stadt ausgebrochenen Revolte unter die Waffen

treten und in die Straßen reiten mußte, plötzlich die Spitze des von ihm

geführten Zuges verließ, von seinem Pferd sprang und gegen eine aus

Pflastersteinen, Balken, Karren, Körben und allerlei Hausrat

zusammengesetzte Barrikade eilte, wobei er den Verteidigern lebhafte

Zeichen gab, welche sie nicht mißverstehen konnten, zumal ja Überläufer

aus den Reihen der Soldateska, auch während des Kampfes, nicht selten

waren. Kaum aber war Nadinsky auf der Höhe der Barrikade angelangt, die

er übersteigen wollte, um sich gegen die wahren Feinde seines Vaterlands

zu wenden, als ihn aus den Dutzenden wider ihn gerichteten Gewehren der

Dragoner zwei Schüsse trafen. Von der andern Seite der Barrikade

streckten sich ihm Hände entgegen, Augen strahlten ihn begeistert an, es

war wie ein Dank und stillte die letzten Zweifel, die ihn noch

beunruhigen mochten; auch sein Name wurde gerufen; einige kannten ihn

also, und der Jubel in ihren Stimmen belohnte ihn noch in dem Gefühl der

Todesschwäche. Er kehrte sich um, zog den Revolver aus dem Gürtel und

feuerte gegen die Anstürmenden, denen sein empörtes Herz die

Kameradschaft gekündigt hatte, dann stürzte er auf die Brust, und die

Finger seiner rechten Hand krampften sich in das Strohgeflecht eines

zwischen Bretter geklemmten Stuhls.

Sogleich ergriffen ihn zwei junge Leute und trugen den Bewußtlosen auf

die steinerne Treppe eines Haustors. In großer Eile öffneten sie

Nadinskys Rock und Hemd, rissen Streifen aus dem Hemd, verbanden die

Wunden, die stark bluteten, und sahen sich dann hilfesuchend um. Da

erblickten sie den Wagen eines Grünzeughändlers; der Besitzer war

verschwunden; das magere kleine Pferd stand an der Deichsel wie

gefroren. Rasch entschlossen betteten sie den Offizier mitten in Gemüse

und Salat und deckten ihn mit Blättern zu. Der eine von ihnen kehrte zum

Kampfplatz zurück, der andere nahm das Roß beim Zügel und führte es die

Straße hinunter, dann durch mehrere Nebenstraßen, schließlich auf einen

freien Platz, wo die Universitätsklinik war. Er fuhr in das geräumige

Tor und ging in das Zimmer eines Assistenten, der alsbald Auftrag gab,

den Verwundeten in einen der Krankensäle zu schaffen. Die Verletzungen

waren schwer. Eine Kugel hatte zwar nur den Hals gestreift, die andere

jedoch hatte unterhalb des Schulterblattes die Lunge getroffen, steckte

noch im Körper und mußte durch eine Operation herausgenommen werden.

Erst am dritten Tage erwachte Nadinsky aus fieberhafter Ohnmacht und

wußte lange Zeit nicht, wo er sich befand und was mit ihm geschehen war.

Nun hatte aber die Polizei durch einen ihrer zahlreichen Spione in

Erfahrung gebracht, wo sich der junge Offizier befand, von dessen

Desertion ganz Moskau sprach. Es erschien ein Isprawnik in der Klinik,

um den todkranken Mann zu verhaften. Er wurde an Nadinskys Lager

geführt und trotzdem er sich von der Gefährlichkeit seines Zustandes

überzeugen konnte, beharrte er auf seinem Verlangen und pochte auf den

schriftlichen Befehl. Indes der Assistenzarzt noch mit ihm zu

unterhandeln versuchte, trat der Professor hinzu, warf einen schnellen

Blick auf Nadinskys apathisches Gesicht, in welchem ein Zug von

Knabenhaftigkeit Sympathie und Rührung erweckte und sagte: »Wenn man ihn

jetzt von hier wegbringt, wird er in der ersten Viertelstunde sterben.

Es ist vorteilhafter für die Polizei, zu warten.« Der Isprawnik wurde

unschlüssig. Er war noch Neuling und wenig verhärtet; überdies hatte er

in der Fülle der ihm obliegenden Geschäfte und Aufträge den Kopf

verloren. Er überlegte eine Weile und erklärte sich hierauf damit

einverstanden, den Offizier noch so lange in der Klinik zu lassen, bis

seine Kräfte den Transport erlauben würden.

Damit waren einige Tage für Nadinsky gewonnen; in diesen Tagen wuchs die

Teilnahme des Professors für ihn zusehends, und er trug Sorge, sein

Interesse auch andern Personen einzuflößen. Es meldeten sich Freunde,

die ihm zur Flucht verhelfen wollten; eines Morgens wurde er in ein

Zimmer gebracht, worin außer ihm niemand lag. Am selben Abend besuchte

ihn ein junger Mensch, der die Absicht hatte, ihn, als Krankenwärterin

verkleidet, nach Sokolnikin, einen Park in der Nähe von Moskau, zu

schaffen, was bei seiner Schwäche und seiner noch immer fieberhaften

Verfassung ein Wagnis auf Leben und Tod bedeutete. Nadinsky war jedoch

bereit, ihm zu folgen, denn blieb er, so war ihm der Tod oder das

Schlimmere, ewige Kerkerhaft im entlegensten Sibirien, gewiß. So fuhr er

also in tiefer Nacht, bei Schnee und Kälte, es war Mitte des Monats

März, nach Sokolnikin und wohnte in der Villa eines Gelehrten, der bei

der Polizei für unverdächtig galt. Es dauerte aber nur vierundzwanzig

Stunden, da kamen wieder Boten, die sich als Spaziergänger unauffällig

dem Haus genähert hatten, in dessen Mansarde der kranke Nadinsky lag,

und meldeten, daß die Polizei neuerdings auf seine Spur geraten und daß

für die folgende Nacht seine Verhaftung befohlen sei. Es blieb also

nichts übrig als einen anderen Zufluchtsort für ihn ausfindig zu machen.

Der Haushalt des Gelehrten, eines Deutschen von Geburt, wurde von seiner

Schwester Anastasia Karlowna geführt, einer ebenso beherzten wie

gutmütigen Frau, die seit mehr als vierzig Jahren in Moskau lebte und

nicht nur in der Gesellschaft einflußreiche und wohlwollende Bekannte

hatte, sondern auch bei vielen Leuten im Volk sehr beliebt war. Sie

hatte dem jungen Offizier Speise und Trank gebracht, ihn gepflegt und

seine Anwesenheit klug zu verbergen gewußt. Nun sorgte sie zunächst für

eine neue Verkleidung, und als es dämmerte, brachte sie ihn mit Hilfe

eines Menschen, der ihr ganz fremd war, sich aber zu diesem Dienst

angeboten hatte, im Gewand eines einfachen Arbeiters zu der Familie

eines Drechslers in die Vorstadt. Dort blieb er nur eine Nacht, am

Morgen weigerte sich der Mann, der Argwohn geschöpft hatte und für sich

und die Seinen begründete Furcht empfand, den Flüchtling länger zu

beherbergen. Fünf Tage lang wurde Nadinsky auf diese Weise von Haus zu

Haus geschleppt, von dem des Drechslers in die Wohnung einer

Fuhrmannswitwe, dann in die eines Maurers, dann zu einem Gärtner,

schließlich zu einem Laboranten. Immer merkten die Leute nach wenigen

Stunden, wem sie ein Asyl gewährt hatten, die Angst vor der Polizei

überwog das Mitleid und verstockte sie gegen die Beredsamkeit

Anastasias, die in ihrem Eifer keineswegs erlahmte. Sie war die Nächte

über bei Nadinsky, denn er konnte sich nicht selbst überlassen bleiben;

man mußte ihn ankleiden, waschen und zweimal täglich die Wunden

verbinden, deren Heilung bei der unregelmäßigen und aufregenden

Lebensweise nur langsam vonstatten ging. Als nun auch der Laborant, den

sie mit Geld und vielen Worten bestochen hatten, den aufgezwungenen Gast

fortzubringen befahl, verzweifelte Anastasia Karlowna daran, Nadinsky

retten zu können. Die Freunde, die ihr bisher beigestanden, vermochten

nichts mehr zu tun, die Polizei war auf ihren Spuren, jeder fernere

Schritt mußte sie ins Verderben ziehen, auch sie selbst fühlte sich

bedrohlich überwacht. Zum letztenmal versuchte sie den Laboranten durch

Bitten und Flehen zu erweichen; nur noch eine einzige Nacht möge er

christliche Nachsicht üben, das Leben ihres Bruders – denn sie gab

Nadinsky für ihren Bruder aus – stehe auf dem Spiel; umsonst, sie

schürte bloß das Mißtrauen des Mannes und alles, was sie erreichte, war,

daß er ihr drei Stunden Frist gab; wenn nach Verlauf dieser Zeit

Nadinsky nicht aus dem Haus geschafft sei, werde er die Anzeige machen.

Es war jetzt drei Uhr nachmittags. Bis sechs Uhr mußte also Anastasia

eine Stätte für ihren Schützling gefunden haben. Sie irrte eine Weile

durch die Straßen, ging bald in dieses, bald in jenes Haus, kehrte aber

immer vor den Türen wieder um, weil sie überall eine abschlägige Antwort

oder gar Verrat fürchtete. Da verfiel sie in ihrer Bedrängnis auf den

Gedanken, Nadinsky in eines jener Häuser zu bringen, in denen an

Liebespaare Zimmer vermietet werden, nur dort war es nicht notwendig,

einen Paß vorzuweisen; wenn er noch zwei Tage Ruhe und Pflege haben

konnte, war er gerettet, so hatte ihr der Arzt versichert, den sie am

Morgen zu ihm geführt hatte, dann konnte er zur Grenze gelangen. Um den

kühnen Plan durchzuführen, mußte sie aber eine Helferin haben, ein

Geschöpf, dem man die Liebe glaubte und das stark, verschwiegen und klug

war. Sie ließ alle jungen Damen, die sie kannte, an ihrem inneren Auge

vorübergehen, aber keine schien ihr geeignet, eine solche Tat auf sich

zu nehmen. Unter den Revolutionärinnen hatte Anastasia keine Bekannte,

auch war es nicht geraten, einer Person zu vertrauen, die möglicherweise

den Nachspähungen der Polizei ausgesetzt war; an eine Angehörige der

untern Klasse oder gar an ein Frauenzimmer, das man bezahlen konnte, war

nicht zu denken, es mußte eine Dame oder ein Fräulein aus der

Gesellschaft sein.

Sie war ermüdet von den Anstrengungen der letzten Tage, und mehr um zu

rasten als um eine Erfrischung zu nehmen, ging sie in eine kleine

Konditorei an der Straße, trat in ein Nebenzimmer, in welchem ein

dämmeriges Halblicht herrschte und wo zwei Frauen an einem Tischchen

saßen und Schokolade tranken. Anastasia setzte sich in ihre Nähe, ohne

sie zu beachten, merkte aber dann, daß die eine, die ältere Dame, sie

fixierte und mit freundlichem Nicken herübergrüßte. Da erkannte sie die

Frau; es war Anna Iwanowna Schmoll, die Gattin eines pensionierten

Generals, die taubstumm war, und ihre Tochter Lukardis, ein etwa

neunzehnjähriges Mädchen von nicht gewöhnlicher Schönheit. Kaum hatte

Anastasia einen Blick auf sie geworfen, so sagte sie sich: Die muß es

vollbringen und keine andere. Sie hatte vor Jahren im Hause des Generals

Schmoll verkehrt, als Lukardis Nikolajewna fast noch ein Kind gewesen

war, aber sie erinnerte sich ihrer wohl, sie hatte sich oft mit ihr

beschäftigt, oft mit ihr gesprochen; sie erinnerte sich, daß das damals

dreizehnjährige Geschöpf ihr stets in einer Weise aufgefallen war, wie

es nur Menschen tun, die eine besondere Eigenschaft, eine besondere

Kraft in sich verschließen; was für eine Eigenschaft oder Kraft es war,

hatte sie nie ergründen können, soviel sie auch darüber gegrübelt hatte.

Die Mutter war eine ziemlich einfältige Frau, fromm, apathisch und

harmlos, sogar ihres Gebrechens nur dumpf bewußt.

Anastasia nahm am Tisch der beiden Platz und begann, nachdem sie die

Generalin durch Mienen und Gesten nach ihrem Befinden gefragt, leise mit

Lukardis Nikolajewna zu sprechen. Die Generalin blickte forschend auf

ihren Mund, aber da sie der Unterhaltung nicht zu folgen vermochte,

senkte sie bescheiden die Augen und störte das Gespräch durch kein

Zeichen der Neugierde mehr. Anastasia spürte die Verwegenheit ihres

Vorhabens mit beklommenem Sinn. Sie durfte keine Zeit verlieren; sie

mußte sich kurz fassen; sie mußte in wenigen Sätzen alles sagen, das

Außerordentliche verlangen, Lukardis innerstes Menschengefühl aufrühren

und doch vorsichtig und listig sein, weil Zufall alles vereiteln,

Ungeschick alles verraten konnte. Lukardis wußte wenig von den

revolutionären Umtrieben; sie ahnte vieles, hatte jedoch weder Einblick

noch Urteil; sie lebte in einer Sphäre sanfter Träume, mit der

Erinnerung an Puppen und der Gegenwart hübscher Schmuckkästchen, mit dem

Echo der neckischen Galanterien verheirateter Herren und der

vorsichtigen Beteuerungen lediger und witterte doch, wie ein junges

Waldtier, das fernes Jagdgetöse vernimmt, eine ungeheure Bewegung, Blut,

Schmerz und Tod. Sie war zu handeln bereit, ohne es zu wissen; es gab

Augenblicke, in denen sie eine leidenschaftliche Unruhe empfand, eine

grundlose Ergriffenheit, einen Trieb, den Bezirk heuchlerischer Stille,

in dem sich ihr Dasein formte, zu verlassen. Aber sie fürchtete die

Welt, sie fürchtete die Menschen, sie erbebte vor jeder fremden Hand,

die ihr gereicht wurde, ihr war, als ob alles trübe, ja schmutzig sei,

was außerhalb ihres Hauses, ihrer Kammer war, sie hörte Leute auf der

Gasse nie ohne Schauder reden, sie vermochte keine Zeitung zu lesen,

ohne daß sie neben dem Wilden und Rätselhaften, als welches sich ihr das

Leben, das Draußen darstellte, auch etwas unendlich Beflecktes und

Befleckendes fühlte, selbst die meisten Bücher, ein Vers, ein

Gassenhauer, ein Witzwort erweckten diesen schrecklichen, nicht zu

besiegenden Eindruck.

Regungslos hörte sie Anastasia zu. Ihr ovales Gesicht färbte und

entfärbte sich wieder. Da war keine Lockung, kein Prickeln des

Unbekannten, keine mädchenhafte Lüsternheit und ungestandene

Aufregungslust; nichts anderes vernahm sie als den Ruf zur Pflicht.

Nichts anderes las sie in den harten Zügen Anastasia Karlownas. Sie

brauchte nicht einmal einen Entschluß zu fassen; was sie zu tun hatte,

stand sogleich und unabänderlich fest. Sie war Braut. Seit sechs Wochen

war sie mit einem Petersburger Adeligen, dem Staatsrat Michailowitsch

Kussin, verlobt. Ihre Eltern und die Freunde des Hauses glaubten, daß

sie an der Seite des reichen Mannes einem beneidenswerten Schicksal

entgegengehe, auch sie selbst fühlte sich glücklich. Wenn es etwas gab,

das sie irre machen konnte, war es der Gedanke an ihn, dem sie mit

schwesterlichem Gefühl zugetan war. Aber als Anastasia, welche dies

spüren mochte, eine Andeutung fallen ließ, um sie darüber zu beruhigen,

runzelte sie die Stirn und erwiderte, sie bedürfe des Zuspruchs nicht,

ihr Bräutigam werde niemals die Meinung hegen, daß sie etwas Schlechtes

oder Häßliches begangen habe.

»Sie sind also dazu entschlossen?« fragte Anastasia leise, indem sie den

Blick ihrer grauen Augen auf die Hand des Mädchens heftete.

»Ich bin dazu entschlossen,« antwortete Lukardis ebenso leise, ohne die

Lider zu erheben. »Es ist nur noch eine Schwierigkeit –«

»Gibt es noch eine Schwierigkeit, wenn man dazu entschlossen ist?« fiel

ihr Anastasia rasch und mit einem fanatischen Ton der Stimme ins Wort.

»Wie soll ich es anstellen, zwei Tage und zwei Nächte vom Hause

wegzubleiben?« fragte Lukardis, die Finger ihrer weißen Hände

verschränkend.

Anastasia starrte düster sinnend auf einen Kuchenteller.

»Nur das eine ist möglich,« fuhr Lukardis flüsternd fort, »ganz in der

Stille zu verschwinden, der Mutter einen Brief zu schreiben –«

»Ja ja, ein paar Zeilen, irgend was und um Verschwiegenheit bitten und

versprechen, bei der Rückkehr alles zu sagen. Aber auch Sie selbst

müssen schweigen, Lukardis Nikolajewna,« setzte sie fast drohend hinzu.

»Sie müssen schweigen, als ob Sie es nie gelebt hätten.«

Lukardis nickte bloß. Ihre Augen waren jetzt weit geöffnet und blickten

geradeaus. Anastasia schärfte ihr aufs genaueste ein, wie sie sich zu

kleiden und wie sie sich zu betragen habe und nachdem sie ihr noch

gesagt hatte, wo sie sich einzufinden habe und zu welcher Zeit, flocht

sie an das ernste Gespräch, das trotz seiner Gewichtigkeit kaum eine

Viertelstunde gedauert hatte, einige Scherzreden an, um Lukardis zum

Lächeln zu bringen und in der Generalin keinen Argwohn keimen zu

lassen, erhob sich dann erleichterten Herzens und verabschiedete sich.

Sie ging zu Nadinsky und teilte ihm mit, was sie ausgerichtet. Er lag in

dem armseligen Zimmer des Laboranten auf dem Sofa, und nachdem er sie

angehört hatte, drückte er ihr die Hand und sagte: »Mein Leben ist so

vieler Umstände nicht mehr wert, Anastasia Karlowna. Es ist ein

verlorenes Leben.« Anastasia verwies ihm diese Worte; sie entgegnete,

daß sie sich bessern Dank erhofft habe, als so mutlose Redensarten zu

hören, und fing an, den Verband seiner Wunden zu erneuern. Nadinsky

seufzte. »Was solls auch« sagte er mit müder Stimme, »mir ist nun alles

anders, Auge, Hand und Gefühl. Wie von Gespenstern bin ich umgeben, ich

empfinde gar nicht den Abschluß gegen die Welt. Ich sehe meine Mutter

auf dem Gut. Sie ahnt noch nichts. Sie hat ihr Medaillon vom Hals

genommen und betrachtet das Bild darin. Es ist ein Bild von mir. Sie

weiß nicht, daß sie mich nie wiedersehen wird, sie weiß es durchaus

nicht, trotzdem weint sie über dem Bild. Aber ich, ich fühle nichts. Mir

ist alles so wesenlos geworden, weil ich nichts mehr zu lieben vermag.«

Anastasia hielt diese Reden für einen Ausdruck des Fiebers und

schüttelte unwillig den Kopf. Eine Weile, nachdem es dunkel geworden

war, fuhr ein Wagen am Toreingang vor. Anastasia hatte einen hübschen

Anzug für Nadinsky besorgt, sie hatte ihm bei der Toilette geholfen,

besah ihn jetzt noch einmal prüfend und geleitete ihn dann hinunter. Im

Wagen saß Lukardis Nikolajewna Schmoll, tief verschleiert. Anastasia

reichte ihr ein Paket mit Verbandzeug und sagte zu Nadinsky, daß sie ihn

am zweiten Morgen zu einer gewissen Stunde und an einer gewissen Stelle

des Bahnhofs erwarten und daß sie sich bis dahin einen Auslandspaß für

ihn verschafft haben werde. Dann gab sie dem Kutscher die Adresse,

winkte grüßend ins Fenster und der Wagen fuhr davon.

Schweigend saßen Lukardis und Nadinsky nebeneinander. Die Situation war

zu ungewöhnlich, zu drohend, zu schicksalsvoll, als daß sie Verlegenheit

hätten empfinden können. So oft der Schein einer Laterne hereinfiel, sah

Lukardis, daß Nadinsky die Augen geschlossen hatte und daß sein Gesicht

bleich war. Er hatte ihr die Hand gegeben, als er sich neben sie gesetzt

hatte, das war alles. Sie ihrerseits fand, daß seine Nähe sie nicht

schreckte und daß sie schweigen durfte.

Das Haus, zu dem sie fuhren, stand in einer entlegenen Gasse. Nadinsky

mußte alle Kraft zusammennehmen, als sie ausstiegen. Er reichte seiner

Begleiterin den Arm, doch führte sie ihn mehr als er sie. Er forderte

zwei Zimmer. Man war beflissen, ihm gefällig zu sein. Er schleppte sich

mit Mühe die Treppe hinauf, bewahrte mit Mühe die Haltung des Lebemanns,

den ein flüchtiges Abenteuer beschäftigt. Dem Gebrauch des Hauses

entsprechend, wurde ihnen ein Angestellter zu ihrer besonderen Bedienung

überwiesen. Dieser Mensch stak in einer silberbetreßten Livree, hatte

boshafte, aufmerksame Kugelaugen, ein unveränderliches, abgeschmackt

einladendes Lächeln auf den dicken Lippen und war demütig. Lukardis

spürte, wie sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammenzog. Er deckte den

Tisch, blieb hündisch lauschend stehen, während Nadinsky mit erschöpfter

Gleichgültigkeit die Speisen, die Weine, den Sekt bestellte, und sein

messender Blick schien zu verlangen, daß die beiden auch wirklich waren,

was sie zu sein vorgaben. Lukardis war geschminkt; sie hatte ein

dekolletiertes Kleid angezogen; sie durfte sich nicht geben, wie sie

sonst war; die kindliche Unschuld, von der ihre Miene sonst strahlte,

mußte sich in Leichtfertigkeit verwandeln; sie mußte gesprächig sein,

Koketterie zeigen, mußte lachen, mußte den Arm um Nadinskys Schultern

legen und sich bisweilen auf seinen Schoß setzen, sie mußte

passionierte, übermütige, verführerische Gebärden haben; was sie nie

beobachtet, nie zu sehen gewünscht, nie anders als schaudernd bedacht,

nur durch flüchtige Worte und flüchtige Bilder mit abgewandtem Ohr und

Auge erfahren, das mußte sie tun, um jenen Menschen zu täuschen, der mit

Tellern, Schüsseln, Gläsern und Flaschen hereinkam, den Sekt in den

Eiskübel stellte, die Speisen servierte und dann schweigend, lächelnd,

hinter niederträchtig gesenkten Lidern spähend auf Befehle harrte. Sie

mußte es um der üppigen Lichter, der bunten Polster, der spiegelnden

Wände willen tun, um dieses Hauses willen, dessen lügenhafter Prunk ihre

Gedanken in Aufruhr versetzte. Damit nicht genug, durfte sie auch keinen

Zweifel an der Echtheit und Natürlichkeit ihres Benehmens erregen; alles

mußte wie von ungefähr sein, raffiniert und durchsichtig, ohne Zaudern

und ohne Hast; sie mußte von den Speisen essen, sie mußte Wein und

Champagner trinken, sowohl aus ihrem eigenen Glas, als auch, wenn der

Diener draußen war, aus dem Glas Nadinskys, der nicht trinken, aber das

volle Glas nicht vor sich stehen lassen durfte. Des Genusses geistiger

Getränke durchaus ungewohnt, ward ihr bang und schwer zumut, und es

kostete sie immer größere Anstrengung, die Rolle durchzuführen, die sie

mit solcher Instinktgewalt und Aufopferung spielte. So oft der Kellner

das Zimmer verließ, erhob sie sich; in ihrem Gesicht löste sich die

furchtbare Spannung, um einem Ausdruck der Verstörtheit und der

angstvollen Erinnerung Platz zu machen, denn ihr war, als seien viele

Jahre verflossen, seit sie aus dem Elternhaus gegangen war. Nadinsky

schaute sie dann mit einem schmerzlich verwunderten Blick an, suchte sie

wie hinter Masken, beklagte sie stumm, klagte sich selbst mit einer

Gebärde an und es wurde ihm nicht leicht, das studierte Lächeln wieder

auf seine Lippen zu zwingen und mitzuspielen, wenn der Aufpasser

zurückkehrte.

Als der Tisch abgetragen war, kam eine Magd, die ein weißes Häubchen auf

dem Kopf trug; sie war jung und sah alt aus, ihr Gesicht war fahl vom

beständigen Leben im Lampenlicht und in schlecht gelüfteten Räumen. Sie

hatte Wasser zu bringen, das Feuer im Ofen zu nähren und nach den

Wünschen des Paares zu fragen; sie redete mit süßlicher Stimme, aber

ihre Züge waren versteinert vor Haß gegen die obere Welt, gegen die, die

da kamen, um verächtlichen, eiligen Genüssen zu fröhnen. Die Knie

wankten Lukardis, wenn sie den Blick auf die Person richten mußte, und

sie schämte sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses und ihrer

Schultern. Endlich war auch diese Prüfung vorüber und sie konnte die Tür

zusperren; sie waren allein. Von einer Turmuhr schlug es zehn Uhr. Die

aushallenden Klänge vibrierten durch das Gemach. Nadinsky ging ins

andere Zimmer zu dem Doppelbett, über welches ein blauseidener Baldachin

gespannt war; er fiel kraftlos darauf nieder. Erst nachdem er eine

Viertelstunde geruht, konnte ihm Lukardis beim Auskleiden helfen. Die

Decke bis an die Brust gezogen lag er mit nacktem Oberkörper da. Es ist

ein Mensch, sagte sich Lukardis, der plötzlich die Tränen in die Augen

stiegen, und mit einer Art von Schrecken erinnerte sie sich an das

rotwangige Antlitz Alexander Michailowitschs, ihres Verlobten. Sie

wusch Nadinskys Wunden und erneuerte den Verband. Nadinsky spürte die

zarte Hand wie man in einem Halbtraum Wohlgerüche spürt; zu danken war

er nicht fähig; er fürchtete ihr Auge, er fürchtete sie zu beleidigen

durch einen Blick des Dankes, er wünschte, sie möchte ihn nur als Leib

ansehen, als Gegenstand ohne Gesicht und ohne Gefühl. Und so wie sie,

halb entsetzt und halb erbarmend dachte: ein Mensch, so dachte er, halb

beseligt und halb in Angst um sie: ein Wesen.

Er schlief ein. Lukardis setzte sich in einen Sessel und rührte sich

nicht. Sie hatte in ihrem Täschchen ein Buch mitgenommen, aber sie

wußte, daß sie nicht würde lesen können. Sie versuchte, an ihre Mutter,

an ihren Vater, an ihre Freundinnen, an den letzten Ball, an die Oper zu

denken, die sie zuletzt gehört, aber sie konnte nicht denken, alles

verschwamm, alles enteilte. Sie hörte Nadinskys tiefe Atemzüge, sie sah

sein blasses, hübsches, von Schmerzen ermüdetes Gesicht, aber auch er,

den sie pflegen und bewachen sollte, war ihren Gedanken kaum erreichbar.

Ihr schien, daß von ihrem Platz bis zu seinem Bett ein Weg von vielen

Meilen sei. Sie lauschte. Sie vernahm Kichern auf der Treppe und

schlürfende Schritte im Flur. Stimmen, Frauen- und Männerstimmen,

drangen gedämpft durch die Wände, auch von oben herunter und von unten

herauf. Gläser klirrten, dann wurde ein Klavier gespielt. Es war ein

Walzer. Eine Saite des Instruments mußte gerissen sein, denn immer, wenn

eine gewisse Stelle kam, entstand ein Loch in der Melodie wie die

Zahnlücke im Mund eines Lachenden. Von irgendwoher schallte Geschrei,

dann schwieg das Klavier, und an der Mauer zur Linken raschelte es. Dann

war ein Seufzen, bei dem Lukardis das Blut in den Adern gerann. Sie roch

den aufgespeicherten Parfüm aus verschlossenen Zimmern, sie hörte das

Rauschen von Gewändern und wie man Türen öffnete und wieder schloß. Die

Laute riefen Bilder hervor, sie konnte sich ihnen nicht entziehen, sie

zitterte, und zitternd mußte sie schauen. So hatte sie die Welt nie

verstanden, so das Leben nicht geglaubt. Begegnungen im Finstern, Hände,

die einander fremd waren und einander dennoch hielten, ein Taumeln gegen

jäh erhellte Spiegel, Übereinkommen in Worten ohne Scham, das Unbekannte

entschleiert, das Geheimnisvolle leer, die Weihe besudelt, die

heimlichen Schätze der Phantasie entwertet, ach, sie griff an ihr

Gesicht, wurde der Schminke auf den Wangen inne und ihr Herz füllte sich

mit Grauen.

Nadinsky schlug die Augen auf und stöhnte. Sie schritt den meilenlangen

Weg bis zu ihm und reichte ihm ein Glas Wasser. Als sie seine Stirn

fühlte und sie heiß fand, legte sie ein feuchtes Tuch darüber. Da

erwachte er völlig und fing an zu sprechen. Er redete in kurzen Sätzen,

sprach vom Hospital, vom Professor und von Anastasia Karlowna. Lukardis

ließ zaghafte Worte in die Pausen fallen. »Morgen werde ich mich kräftig

genug fühlen, um das Haus zu verlassen,« sagte er. Sie entgegnete: »Das

ist unmöglich, Sie haben noch Fieber und Anastasia Karlowna erwartet Sie

erst übermorgen früh um sieben Uhr.« Die sanft gesprochenen Worte

durchleuchteten ihm ihr Gemüt, ihre bisher ungetrübte Jugend, ihre

reinen und starken Sinne, aber er gewahrte nicht, daß sie fast beständig

zitterte. Jetzt wurde das Klavier wieder gespielt, von einer andern

Hand, roh, tumultuarisch und trunken, und während der ganzen Dauer des

Spiels sahen Nadinsky und Lukardis einander gepeinigt in die Augen. Es

war Mitternacht vorüber, und auf einmal wurde drunten dumpf gegen das

Tor gepocht. Eine Glocke erschallte mit frechem Lärm. Nadinsky richtete

sich halb empor. Seine Finger krampften sich zusammen, sein Blick war

voll düsterer Erwartung. Lukardis stand auf und lauschte ohne Atem. Das

Klavier schwieg. Es währte lange, bis das Tor geöffnet wurde. Schon

hörten sie Schritte auf der Treppe, schauten entgeistert beide auf die

Türklinke, harrten auf das Klopfen an die Tür, das ihr fürchterliches

Los entscheiden mußte, und wirklich drangen Stimmen in hastiger

Wechselrede bis zu ihnen. Aber dann wurde es still, und ihre Pulse

begannen wieder regelmäßig zu schlagen. In diesen drei oder vier Minuten

fühlten sie sich sonderbar vereint, ihre Kraft und ihre Furcht war gegen

ein gemeinsames Ziel gerichtet, es war ihnen, als würden sie von einem

Sturmwind in die Luft gehoben und Brust an Brust gegeneinander

geschleudert, so daß sie sich mit den Armen umfassen mußten, um einer

dem andern Hilfe zu gewähren beim drohenden Sturz. Lukardis vergaß sich

selbst und Nadinsky vergaß sich selbst, er spürte nur die Angstglut in

ihr, Verlust alles Glückes, Schande und Elend, sie aber ergab sich

seinem Geschick, mutig und jetzt erst ahnend, wofür er sein Leben in die

Schanze geworfen hatte.

Indessen übermannte den Fiebernden der Schlaf von neuem. Doch konnte er

festen Schlummer nicht finden, solange die grellen elektrischen Flammen

ihn blendeten. Aus Rücksicht für Lukardis enthielt er sich, den Wunsch

nach Dunkelheit zu äußern, aber an der unruhigen Bewegung seiner Lider

merkte sie, was ihn störte. So löschte sie die Lichter und zündete im

Nebenzimmer eine Kerze an. Auch sie war müde, die späte Stunde wirkte

wie ein lähmendes Gift auf sie, und sie sah sich nach einer Lagerstatt

um. In diesem Raum war kein Bett, nur eine Ottomane; ihr ekelte vor dem

Plüsch, mit dem das Möbelstück bezogen war. Ihr ekelte auch vor den

Stühlen und vor dem Teppich. Bei der Schwelle zu Nadinskys Zimmer rollte

sie den Teppich auf, warf ihren Pelzmantel auf den Boden und legte sich

hin. Die Kerze ließ sie brennen. Aber so war sie dem Haus näher als

vordem, hörte sie abgeteilt die bisher verschwommenen Geräusche, einen

Ruf, ein Gelächter, ein einzelnes Wort, aber sie hörte auch, wie der

Schnee an die Fensterscheiben schlug, und das milde Knistern beruhigte

sie; sie hörte die Atemzüge Nadinskys, und dies mahnte sie an ihre

Verantwortung. Jeder Atemzug knüpfte sie fester an sein Geschick. Die

Wichtigkeiten ihres früheren Lebens wurden bedeutungslos, was sie dort

getan, gewollt, gewesen, dünkte ihr kindisches Tändeln. Sehnsüchtig

blickte sie zurück wie vom Bord eines Schiffes auf die versinkende

Heimat. Sie schlief und schlief gleichwohl nicht. Nadinsky sprach ihr

Trost und Mut zu, das war geträumt; er röchelte in einem Fiebertraum,

das war Wachen. Im Traum war sie über ihn gebeugt und behütete ihn; im

Wachen war sie an den Boden gekettet und vernahm den mänadischen Schrei

eines Weibes. Als der Morgen graute, sah sie eine Ratte über den Teppich

laufen. Das Tier schien phantastisch groß, daß es sich bewegte, war

gespensterhaft; sie richtete sich kniend auf und suchte den Himmel

zwischen den Spalten der Vorhänge. Sie gewahrte nur etwas Graues oben

und weiter unten ein Fenster, aus welchem ein knochiges Gesicht lugte.

Eine Sekunde zermalmender Hoffnungslosigkeit; sie schlich, nein,

flüchtete zu Nadinskys Lager. Sein rechter Arm hing schlaff herab,

Schweiß perlte auf seiner Stirn. Sein Anblick war ihr erschreckend

fremdartig; schmerzlicher Haß loderte in ihrer Brust. Doch gab es auf

der Welt keinen andern Menschen mehr, den sie so anblicken konnte; sie

hatte viel von ihm zu fordern, ja alles, ohne ihn blieb ihr nichts übrig

in der Welt als dieses Haus.

Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht gesagt, wie lange sie in den Zimmern

bleiben wollten; es war nicht gebräuchlich, sie länger als eine Nacht zu

benutzen. Anastasias Plan war gewesen, daß sie sich über Mittag

einschließen und dann den Wirt wissen lassen sollten, sie wünschten auch

die folgende Nacht hier zu verbringen. Zu diesem Zweck sollten sie dem

Diener und dem Stubenmädchen ein Goldstück geben. Aber man brauchte

frisches Wasser für die Wunden, und Nadinskys Zustand heischte Nahrung.

Es mußte auffallen, wenn sie zu früh läuteten, und wie sollten sie das

Verweilen über den ganzen Tag rechtfertigen? Nadinsky war mit offenen

Augen wortlos dagelegen, jetzt fing er selbst davon zu sprechen an. Er

bat sie um seinen Rock und reichte ihr sein Portefeuille; zwei

Goldstücke seien zu wenig, meinte er, man müsse fünfzig Rubel geben;

Lukardis erwiderte, das verschwenderische Übermaß werde Verdacht

erregen, und man müsse gewärtigen, daß der Eigentümer käme, um zu

spionieren. Sie hielt die Geldnote mit bebenden Fingern, und nie war ihr

Geld etwas so Wirkliches und zugleich so Unbegreifliches gewesen. Sie

verhandelten beide mit äußerster Kälte, doch ihre Stimmen klangen

erstickt. Eine Bemerkung Lukardis über das gemeine Gesicht des

Aufwärters veranlaßte Nadinsky, ihr, spöttischer als er beabsichtigte,

zu entgegnen, sie habe gewiß allzu behütet gelebt, wie in Wolle, und von

denen, die da unten hausten, in Schmutz und bösem Wetter, könne keiner

ihr Gefallen finden. Es war ein Empörungsversuch gegen das Joch der

Dankbarkeit, das sie ihm auferlegte, die Begierde, sie aus sich

herauszulocken und Licht und Dunkel in ihren Zügen wechseln zu lassen.

Sie blickte traurig zu Boden. Sie gab ihm recht, und er war entwaffnet.

Ihre Sanftmut rührte ihn, stachelte ihn aber immer wieder zur

Grausamkeit an. Er wollte den Zufall nicht gelten lassen, der sie für

achtundvierzig Stunden als Gefährtin an seine Seite gezwungen hatte, er

fand sich schuldig an der Erniedrigung, unter der sie litt und zürnte

ihr deshalb. Ihm war, als hätte sie, ehe sie ihn getroffen, nur weiße

Gewänder getragen und von ihren schönen Lippen hallten nur leere Worte

nach, die sie geredet, Abschaum ihrer verwöhnten Klasse. Jetzt erst

wurde er zum wahren Rebellen, jetzt, in ihrer Nähe; seine Verborgenheit

und seine Flucht kamen ihm schimpflich vor, und er hielt es für

wahrscheinlich, daß ihn dies in Lukardis Meinung verkleinerte. Darum

sagte er plötzlich, er wollte aufstehen und das Haus verlassen; er wolle

sich zeigen, es läge ihm nichts daran, ja es sei seine Pflicht, das Los

so vieler Gerichteter zu teilen, die mehr erreicht und mehr gewagt

hätten als er. Wem könne er noch nützen, nachdem er über die Grenze

geflohen? Dem Volke nicht, den Freunden nicht, seiner unglücklichen

Schwester nicht.

Lukardis beschwor ihn, sich zu fassen. Nur allgemeine Gründe konnte sie

nennen, nur mädchenhafte Argumente finden. Aber als er verstockt blieb,

nahm sie einen gebieterischen Ton an und sah aus wie eine junge Königin.

Plötzlich verstummte sie. Sie hatte Schritte gehört. Sie hob den

Zeigefinger der rechten Hand und preßte ihn auf ihren Mund. An der Tür

stand jemand und lauschte. Ihr stolzer Blick wurde schutzflehend, und

Nadinsky senkte den Kopf. Da entschloß sich Lukardis zu dem, was nötig

war. Sie schritt auf den Zehen zur Tür, schob den Riegel auf, eilte

dann gegen das Bett zurück, schlüpfte schnell unter die Decke neben

Nadinsky, zog die Decke bis an ihren Hals, griff nach dem Knopf der

elektrischen Klingel, der an einer langen Schnur zu ihren Häuptern

herabhing und läutete. Atemlos lagen sie beide da, bis es an der Tür

klopfte. Es war die Magd, und sie empfing, an der Tür stehenbleibend,

mit nornenhafter Düsterkeit Nadinskys Befehl, frisches Wasser zu bringen

und den Kellner zu rufen, damit man das Frühstück bestellen könne. Sie

holte zwei Krüge voll frischen Wassers und dann kam der Aufwärter. Sein

lauernder Blick durchmaß den Raum und auch den andern, soweit er ihn

erspähen konnte, und es war Lukardis, als suche er ihre Kleider, mit

denen sie im Bett lag, ein Umstand, der seinen Argwohn zu erregen

geeignet war. Sie schloß die Augen, denn diesen Menschen zu sehen war

ihr entsetzlich. Nadinsky hatte die Fünfzigrubelnote wieder genommen und

gab sie jenem. »Zwanzig sind für das Mädchen, dreißig für dich,« sagte

er in einem bemeistert lässigen Ton, »wir wollen noch bis morgen früh

bleiben, wenn es geht.« Der Aufwärter verbeugte sich fast bis zur Erde;

ein so reiches Geschenk hatte er nicht erwartet. Auch die Magd, die

Kohlen in den Ofen warf, kam herzu und wollte Nadinsky die Hand küssen.

Er wehrte sie ab. »Wenn es den Herrschaften gefällt, ist sicher nichts

einzuwenden,« sagte der Kellner mit einer katzenhaften Gebärde und

blinzelte. Nadinsky verlangte ein Frühstück. Es dauerte eine

Viertelstunde, bis der Tee mit allem Zubehör gebracht wurde. Indessen

lag Lukardis wie auf glühendem Rost. Ihren ganzen Leib durchdrang etwas,

das sie nicht bezeichnen konnte, ein Gefühl, aus Kummer und Furcht

gemischt, und ihr Antlitz überzog sich mit tödlicher Blässe. Nadinsky

rührte sich nicht, ihre Empfindung teilte sich ihm mit, er begriff ihre

Qual und vermied es, die Augen gegen sie zu wenden. Der Aufwärter hatte

den Tisch gerichtet, verbeugte sich abermals bis zur Erde und entfernte

sich. Auch die Magd war fertig, und nun schleuderte Lukardis die Decke

weg und erhob sich wie vor Feuer flüchtend. Sie verriegelte die Tür und

öffnete ein Fenster. Ihr Haar hatte sich gelöst, sie ließ es ruhig

hängen, denn es bedeckte ihre entblößten Schultern. Eine Stunde früher

hätte sie sich so vor Nadinsky nicht zeigen mögen, doch seit sie neben

ihm gelegen, hüllenlos trotz aller Hüllen, preisgegeben ohne Maß,

empörten Blutes, seiner Gnade völlig überwiesen, war es nicht mehr von

Belang, daß die Haare von ihrem Haupt herabhingen.

Als das Zimmer von frischer Luft erfüllt war, schloß sie das Fenster und

sagte zu Nadinsky, es sei notwendig, den Verband zu wechseln. Schweigend

entledigte er sich des Hemdes. Da erwies es sich, selbst Lukardis

unkundiges Auge konnte es feststellen, daß die Heilung der Wunde

beträchtlich fortgeschritten war, auch hatte Nadinsky kein Fieber mehr.

Lukardis war schon gewandter als gestern im Legen und Knüpfen der Binde,

und nachdem sie die Verrichtung beendet hatte, reichte sie ihm Milch und

Brot. Er wünschte ein wenig Tee in die Milch, und sie gehorchte. Sie

selbst nahm nur etwas in Hast zu sich, als grolle sie dem Körper wegen

seines Hungers. Im Hause war es sonderbar still. Auf der Straße rollten

Wagen und schrien Kinder. Nadinsky verfiel wieder in Schlaf. Lukardis

begab sich ins Nebenzimmer. Sie zog ihre Halbstiefel aus, um kein

Geräusch zu machen und ging stundenlang auf und ab, wobei sie in beiden

Händen Strähnen ihres Haares hielt. Manchmal blieb sie stehen und sann.

Manchmal betrachtete sie die Bilder an den Wänden, ohne sie wirklich zu

sehen. Eines stellte eine Leda dar, die den Schwan zwischen ihren Knien

hielt. Neben der Tür hing ein anderes: ein deutscher Student mit einem

Ränzel auf dem Rücken schwenkt die Kappe gegen ein Haus, aus dessen

Fenster ein Mädchen mit zwei langen Zöpfen schaut. In den großen

Spiegeln spiegelten sich die zwei Zimmer und die gegenüberliegenden

Spiegel, und es zeigte sich das Bild einer endlosen Folge von Räumen; in

allen Räumen war die Leda in ihrer häßlich fetten Nacktheit und der

sentimentale Student und viele, viele Male das Bett mit dem

schlummernden Nadinsky und darüber ein Bild des Kaisers Nikolaus, viele

Male bis in dämmernde Ferne. Oft stand sie auch am Fenster und sah die

Wagen und die Kinder, den Schnee auf den Simsen, Gesichter hinter trüben

Fensterscheiben und es schien ihr, als ob sich auch dies viele Male

wiederholte bis in dämmernde Ferne. Wo war die Welt hingeschwunden? Wo

war alles, was sie geliebt, mit arglosen Sinnen umfangen? Wo war sie

selbst, Lukardis, die in einem zierlichen Mädchenboudoir gelebt? Wo

Alexander Michailowitsch, der immer rote Backen hatte und immer

lächelte? Und wo war das glänzende Moskau mit den verlockenden Auslagen

seiner Läden, den freundlichen Bekannten, die man überall traf, den

eleganten Offizieren und heiteren Frauen? Wo war die Welt

hingeschwunden? Sie sah nur den Mann, der in den vielen Räumen vieler

Spiegel lag; sie sah seine Wunde vor sich, in vielen Spiegeln die Wunde

auf der weißen Haut, und sie glich einer Flamme, der sie verzaubert

folgen mußte.

Die Glocken schlugen mittag, und dann dauerte es noch lange, wie lange,

konnte sie nicht ermessen, bis Nadinsky erwachte. Er setzte sich

aufrecht, und sie näherte sich ihm zögernd. Mit unerwarteter

Entschiedenheit sagte er, sie müsse gehen, wenn die Dunkelheit

eingebrochen sei, er fühle sich jetzt kräftig genug, um allein zu

bleiben und werde dem Kellner zu verstehen geben, daß sie in der Nacht

zurückkehren wolle. In der Nacht werde sich dann niemand mehr darum

kümmern. Lukardis schüttelte den Kopf. Sie antwortete, es geschehe

ebensowohl um ihret-, als um seinetwillen, wenn sie bleibe; die Wunde

sei erst im Beginn des Vernarbens und müsse mindestens noch zweimal

gewaschen und verbunden werden; wenn sie ging und ihn darnach ein

Unglück traf, würde sie nie wieder schuldlos atmen können. Nadinsky

schaute forschend in ihr Gesicht; dann streckte er den Arm aus, so daß

sie ihm die Hand reichte. In demselben Moment erschraken beide. Es war

wie eine beglückende, aber unheilvolle Verwandlung, die jeder in des

andern Augen erlitt. Da trat Lukardis klopfenden Herzens vor einen der

Spiegel und steckte ihr Haar wieder auf, aber ihre Finger zitterten

dabei. Wenn er ihr jetzt befohlen hätte, zu gehen, hätte sie

wahrscheinlich keinen Widerstand mehr geleistet. Doch fing er an, zu

klagen, daß er nicht den ehrlichen Tod im Kampf gestorben; was wolle er

in den fremden Ländern, ewig wandernd, ewig den nagenden Gram um die

gequälten Brüder in der Seele und mit der Sorge um das bloße Leben? Denn

er sei nicht reich, habe viele Schulden und das mütterliche Gut sei in

Gläubigerhänden. Durch so viel Mutlosigkeit entmutigt, blieb Lukardis

still vor dem Spiegel stehen und schaute ihr übernächtiges Gesicht an.

Er fuhr fort und schmähte seine Tat; er habe nicht gewußt, was er auf

sich genommen, es sei ein Trieb gewesen, kein Entschluß; so seien Helden

nicht beschaffen, daß sie sich dem Ungefähr auslieferten, um zermalmt zu

werden. Und sie, nun wandte er sich gegen Lukardis, die mit ihm in

diese Kloake der großen Stadt geflohen, habe sie in klarer Erkenntnis

gehandelt oder nicht vielmehr sich hinreißen lassen durch ein Gefühl,

dem Mitleid nachgegeben, dem Reiz des Absonderlichen, der Verführung

einer schwärmerischen Freundin? Sei sie nicht erschüttert und

durchwühlt, von medusischen Visionen aller Kraft beraubt? »So sind wir

alle,« rief er zum Schluß und warf sich in die Kissen zurück,

»Ausgelieferte, Hingeworfene, Bettler der Phantasie, Opfer des

Augenblicks, Getäuschte unserer Taten.«

Da ging Lukardis und setzte sich auf den Rand seines Bettes. Ruhig und

fest blickte sie in sein Gesicht. Ihr Auge leugnete seine Worte, im

Ausdruck ihrer Züge war eine seelenvolle Harmonie. Es war als ob die

göttliche Natur in einfacher Stummheit der Verwirrung seines Herzens zu

Hilfe käme. Ein Strahl von Glück flog über Nadinskys Stirne, und sein

zweifelsüchtiger Geist beugte sich beschämt. Unbeirrbare Zuversicht

strömte von ihr aus und trug ihn über Stunde und Raum hinweg. Es

dunkelte und wurde Nacht; sie blieben im Finstern und ohne zu sprechen.

Als dann die Zeit gekommen war, wo sie die Komödie wieder spielen

mußten, die das Haus forderte, machte Lukardis Licht, zog die Gardinen

zu und ging ins zweite Zimmer, damit sich Nadinsky ankleiden konnte.

Nach einigen Minuten rief er sie, weil er ohne Hilfe nicht in die Ärmel

seines Rocks zu schlüpfen imstande war. Wie am Abend vorher wurde das

Diner serviert; wie am Abend vorher bediente der Aufwärter in

silberbetreßter Livree, noch demütiger, noch abgeschmackter lächelnd,

noch wachsamer hinter seiner heimtückischen Grimasse. Unlustig aßen sie

und vermieden es einander anzuschauen; nur ihre Hände waren bewegt,

lautlos gehorsame Geister huschten sie hin und her, den Augen des

Spions Harmlosigkeit vorlügend. Lukardis spielte ihren Part heute

schlecht; ihr Lachen klang gekünstelter, ihr Getändel weniger glaubhaft.

Nadinsky erleichterte ihr die Aufgabe, indem er ihr in einer Pause, wo

sie allein waren, zuflüsterte, sie wollten streiten. Er erfand den Namen

einer Gräfin und behauptete, das Perlenkollier, das die Gräfin Schuilow

beim letzten Jour der Fürstin Karamsin getragen, sei falsch gewesen.

Lukardis widersprach. Er nahm eine verdrossene Miene an und beharrte auf

seiner Meinung. Eine glühende Röte überzog Lukardis Wangen, denn diese

Heuchelei innerhalb der Heuchelei erweckte ihr Erstaunen und eine dunkle

Furcht vor Nadinsky. Der livrierte Mensch ging und kam, schenkte den

Sekt in die Gläser, und seine Miene zeigte ein albernes Bedauern, als

sei er nur an täubchenhaftes Girren gewöhnt. Zum Schluß erhob sich

Nadinsky unmutig und herrschte den Kellner an, er möge abräumen.

Lukardis bittender Blick setzte ihn in Verwunderung. Er tat, als bereue

er sein Ungestüm und schritt mit ausgestreckten Händen auf sie zu. Der

Kellner grinste erfreut. Lukardis stand ebenfalls auf und schmiegte nun

den Kopf an seine Schulter, aber nur, um ihm zuzuraunen, er dürfe nicht

vergessen, für den nächsten Morgen den Wagen zu bestellen. Nadinsky

nickte, wandte sich an den Diener und gab den Auftrag, der Wagen sollte

um die sechste Morgenstunde am Tor sein. Der Mensch verbeugte sich

schweigend und wollte gehen.

Auf einmal erschallte ein durchdringender Schrei. Ein zweiter, ein

dritter Schrei folgte. Lukardis faltete erschrocken die Hände, und

Nadinsky blickte unruhig zur Tür. Der Kellner hatte die Tür geöffnet; er

trug eine metallne Platte und hielt die Tür offen. Ein halbnacktes

Frauenzimmer stürzte vorüber. »Die Tür schließen,« hauchte Lukardis wie

entseelt. Da krachte ein Schuß. Das schauerliche Brüllen eines Mannes

erfüllte das ganze Haus. Nadinsky schob den Aufwärter über die Schwelle

und schlug die Tür zu. Ein paar Minuten lang blieb es still, dann gings

treppauf, treppab in schnellen, bestürzten Schritten. Stimmen murmelten,

eine befehlende Stimme klang von unten, eine jammernde antwortete von

oben. Darnach kam ein so herzzerreißendes Schluchzen, daß Lukardis

händeringend zur Ottomane lief und sich, das Gesicht vergrabend, darauf

niederwarf. Auch auf der Straße schien es nun lebendig zu werden. Es

wurde ans Tor gepoltert. Man hörte deutlich die Stimme eines Polizisten.

Im Flur tönten Schritte, als ob jemand vorbeigetragen würde. Der Diener

kam herein; mit zerknirschtem Gesicht wandte er sich an Nadinsky und

sagte: »Ich bitte Eure Exzellenz ganz unbesorgt zu sein, ich bitte die

Dame, sich zu beruhigen. Es ist ein unbedeutendes Malheur passiert. Eure

Exzellenz werden nicht mehr gestört werden.« Darauf verschwand er.

Nadinsky trat zu Lukardis, setzte sich neben sie und streichelte mit

bebenden Händen ihr Haar. Zusammenschauernd bei seiner Berührung, erhob

sie den Kopf und verbot ihm, dies zu tun. Er entfernte sich von ihr und

war des Lebens überdrüssig. Sturm rüttelte an den Fenstern und

plötzlich, wie zum Hohn, erschallte wieder das Klavier, derselbe Walzer

wie gestern mit derselben zahnlückigen Melodie. Aber lag nur ein Tag

dazwischen? nur ein Tag und eine Nacht? waren nicht Jahre seitdem

verflossen? hatten diese Jahre nicht alle Bilder und Stimmungen des

Daseins vorübergetragen, Lust und Schmerz, Glanz und Armut, Erwartung

und Enttäuschung, Gewinn und Verlust, Traum und Tod? Und war dies schon

das Ende? Stand nicht eine Nacht bevor, eine unendliche, geheimnisvolle

Nacht? Nadinsky war es zumute, als ob er seit jenem Augenblick, wo er

die Barrikade erstiegen und die Wunde erhalten hatte, in eine neue

Existenz mit bisher unbekannten Bedingungen und Forderungen getreten

sei, als ob die frühere Existenz mit allen ihren Beziehungen von ihm

losgelöst sei und als ob er in dieses Haus gekommen wäre, um sein

eigentliches Schicksal auf sich zu nehmen, von Vergangenheit und Zukunft

geschieden, ja ohne Brücken dahin und dorthin.

Beklommen und erregt fiel er auf sein Bett. Nach einer Weile kam

Lukardis. Es war kein Licht im Zimmer, nur im Speisezimmer brannten die

Lampen. In den Spiegeln dehnten sich die Räume grau und unbestimmt.

Lukardis sah nach, ob noch Wasser da war; der eine Krug war noch voll,

und nachdem Nadinsky sich entblößt, wusch sie die Wunde. Während sie aus

ihrer Handtasche das frische Verbandzeug nahm, fiel ein Buch heraus, und

als Nadinsky verbunden war, bat er, sie möge ihm vorlesen. Sie setzte

sich auf einen Stuhl und las aus dem Buch vor. Es waren Lermontows

Gedichte. Nur wenige Minuten hatte sie gelesen, da fielen ihre Arme

schlaff nieder, der Kopf sank zur Seite und der Schlaf überwältigte sie.

So ohne Widerstand und Übergang entschlummern Kinder; Nadinsky hütete

sich vor jeder Bewegung; seine Blicke hingen an ihrem Antlitz, und es

war ihm, als müsse sein eigenes Gesicht an jedem Wechsel des Ausdrucks

teilnehmen, welchem ihre Züge unterworfen waren. Wunderbarer Friede kam

in sein Gemüt. Er streckte die Glieder und atmete wie in der Luft eines

Gartens. Nun regten sich ihre Lippen. Sie flüsterte, sie lächelte

zärtlich, die Hände ballten sich und das Buch fiel von ihrem Schoß auf

den Teppich. Sie erschrak, öffnete die Augen, ein entsetzter Blick flog

durch das halbdunkle Zimmer, dann schlief sie weiter. Doch nun schien

die Gewalt des Schlafes immer größer zu werden, der Oberkörper verlor

das Gleichgewicht, sie wäre zu Boden geglitten, wenn sie Nadinsky nicht

in seinen Armen aufgefangen hätte; er umschlang ihre Schultern und legte

die Schläferin vorsichtig quer über sein Bett. Ihre Beine blieben auf

dem Sessel liegen, ihr Kopf ruhte auf seinen Oberschenkeln, ihre Arme

waren über dem Haupt gekreuzt, die Brust hob und senkte sich in starken

Rhythmen. Allmählich fühlte sich Nadinsky beschwert, das Blut in den

Schenkeln stockte und er hatte Mühe, so regungslos zu bleiben wie am

Anfang. Er ließ sich langsam auf die Kissen zurückfallen, schob die

Hände unter die Decke und unter den Rücken des Mädchens und versuchte,

die Schlummernde auf diese Art zu stützen. So gelang es ihm, sich

Erleichterung zu schaffen; einmal trugen die Arme, einmal die Schenkel

und Knie die Last. Dabei empfand er eine glühende Freudigkeit, nicht

nur, weil er ihr die Sorgfalt und Mühe vergelten konnte, sondern auch,

weil sie so dicht bei ihm war, so nahe als Kreatur, so unbedingt in

seiner Hut. Oftmals betrachtete er sie, gedankenvoll entzückt, und ihr

Leben, ihr Schlaf, ihr unbewußtes Dasein, die Gliederung des

Menschenkörpers, an dem jede Linie eine sinnvolle Schranke gegen das

Chaos der Welt bildete, gab ihm ein unendlich beglückendes Gefühl der

wiedergewonnenen Herzenskraft.

Stundenlang hatte sie geschlafen, als die Trommel einer auf der Straße

vorübermarschierenden Militärpatrouille sie erweckte. Nadinsky hatte

sich eben zum Sitzen aufgerichtet, da begegnete er ihrem Blick, in dem

sich eine dumpfe Verwunderung malte. Zuerst schienen die Augen heiter

strahlen zu wollen, dann hüllten sie sich in Schleier der Scham; sie

stieß einen hellen, kleinen Schrei aus, sprang empor, und ihr Gesicht

war wie mit Blut übergossen. Sie drückte die Hände gegen die Brust und

sah stumm vor sich nieder. Ihre Befangenheit schwand nicht, auch als

Nadinsky mit ihr sprach. Er zwang sich gleichgültige Worte ab,

erkundigte sich nach dem Wetter und nach der Zeit. Sie antwortete

zerstreut, und ihre Miene war bald scheu und ängstlich, bald dankbar und

heimlich fragend. Zum letztenmal wusch und verband Lukardis die Wunde

Nadinskys, und während sie es tat, hatte sie Mühe, ihre Fassung zu

bewahren; die Welt draußen erschien ihr wie der aufgesperrte Rachen

eines Tieres. Die Uhr zeigte ein Viertel vor sechs, sie mußten ihre

Vorbereitungen treffen. Nadinsky war immer stiller und stiller geworden;

als er angekleidet zu Lukardis ins Nebenzimmer trat, war er sehr blaß.

Er setzte sich an den Tisch. Lukardis setzte sich gleichfalls, ihm

gegenüber; sie hatte den Hut auf, den Pelzmantel an und die Handtasche

stand zu ihren Füßen. So warteten sie stumm, mit abgekehrten Blicken,

bis es Zeit war, daß sie gehen konnten.

Endlich vernahmen sie von der Straße her das Knattern von Wagenrädern,

und bald darauf klopfte es an die Tür. Der Kellner trat ein, diesmal

ohne Livree; er trug einen verschmierten Schlafrock, die Haare hingen

ihm in öligen Bündeln über die Stirn und sein Gesicht war mürrisch und

böse. Er präsentierte die Rechnung, Nadinsky zahlte, gab auch gleich das

Fahrgeld für den Kutscher, dann gingen sie hinab. Zwei Eimer voll

Kehricht standen am Fuß der Treppe, und auf der Torschwelle lag ein

schwarzer Hund, der ihnen schnuppernd bis zum Wagen folgte. Kein Mensch

war in den Gassen zu sehen, schweigend fuhren sie den langen Weg.

In einem der inneren Räume des Bahnhofs stand Anastasia Karlowna an

einer Säule. Sie begrüßte die beiden und fragte nach Nadinskys Befinden.

Dann übergab sie ihm den Paß und einen Koffer, der die notwendigen

Gegenstände für die Reise enthielt. Sie eilten auf den Perron, und

Nadinsky stieg in das Kupee. Nach einigen Minuten kam er wieder heraus,

schritt auf Lukardis zu und reichte ihr die Hand. Eine unbesiegbare

Schwäche im Nacken verhinderte sie, den Kopf zu heben und ihm das

Gesicht zuzuwenden. Dann ergriff er noch ihre andere Hand, die linke mit

seiner linken, und die vier Hände lagen beieinander wie Glieder einer

geschmiedeten Kette. So verharrten sie einen Augenblick und erschienen

sich selbst als Figuren in einem Traum. Anastasia Karlowna machte

warnende Zeichen, da kehrte Nadinsky mit schleppendem Gang zum Waggon

zurück und klomm die Treppe hinauf. Er trat ans Fenster, in dessen

schwarzer Umrahmung und im Grau des Nebels war sein Gesicht ein

kreideweißer Fleck. Nun ertönte die Pfeife, und langsam rollte der Zug

aus der Halle.

Als Lukardis nach Hause kam, fand sie ihre Mutter in Tränen aufgelöst.

Die Frau hatte nicht gewagt, ihrem Gatten von dem Brief der Tochter

Mitteilung zu machen und ihm deren Verschwinden durch mühevolle Listen

verheimlicht. Es gab eine sonderbare Auseinandersetzung zwischen

Lukardis und der Mutter, eine Szene, bei der die taubstumme Frau in der

erregtesten und flehendsten Weise gestikulierte, während das Mädchen nur

den Kopf schüttelte und mit keinem Laut, keiner Gebärde sonst

antwortete. Allmählich wurde die Generalin von einer heftigen Sorge um

Lukardis ergriffen, die sich in Bestürzung verwandelte, als Lukardis

sich beharrlich weigerte, den Staatsrat Kussin zu sehen, der für einige

Tage nach Moskau gekommen war. Auch der Zorn des Vaters fruchtete nicht,

sie sah nur still und ohne zu sprechen vor sich nieder. Die Verlobung

mußte gelöst werden, und beflissener noch als zuvor wich Lukardis den

Menschen aus, den Freunden, den Fremden, der Mutter, dem Vater, den

Schwestern. Sie war ganz in sich gesunken, ganz verwandelt, und da die

Ärzte den Rat erteilten, sie auf Reisen zu schicken, ging die Generalin

mit ihr nach Paris, später ans bretonische Meer. Eines Nachts

überraschte die Mutter sie, wie sie auf den Fliesen der Terrasse ihres

Zimmers lag, die Hände hinter dem Kopf verschränkt und mit

weitgeöffneten, unbeschreiblich strahlenden Augen in den gestirnten

Himmel schaute. Der Ausdruck ihres Gesichts zeugte von einer

grenzenlosen, den meisten Menschen unbekannten Einsamkeit.

Nadinsky blieb verschollen. Einige Leute behaupteten, er lebe auf einer

Farm im westlichen Kanada. Niemals hat Lukardis seinen Namen erfahren,

niemals er den ihren.

Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen · 第 8 / 24 题