Der halbe Mai war mit der Reise von Tula in den Kaukasus vergangen. Am
siebzehnten kam Maria von Krüdener in Kislawodsk an, wo sie Nachrichten
von ihrem Gatten zu finden hoffte. Er war bei Ausbruch der Revolution an
die englisch-russische Front nach Persien geflüchtet. Seit fünf Monaten
hatte sie kein Lebenszeichen von ihm.
Unfern von Kislawodsk war die Besitzung seines Bruders, des Marschalls.
Ihm hatte Alexander Botschaft senden gewollt, wenn die andern Wege der
Mitteilung versperrt waren.
Mit ihren vier Kindern und drei Dienerinnen bezog sie Wohnung im
Palasthotel. Das jüngste Kind lag noch an der Brust; sie nährte es
selbst. Es war drei Monate nach der Trennung von Alexander geboren;
hätte sie vorher nicht begriffen, was ein Pfand bedeutet, jetzt wußte
sie es.
Beklemmend stand das ungeheure Gebirge da. Sie konnte nicht schwelgen in
seinem Anblick, es war zu sehr Mauer, und Mauer hinter Mauer bis zum
ewigen Schnee hinauf. Wie sollte man da entrinnen? Schlimm, was gewesen
war; das Blut hatte sich noch nicht beruhigt. In der ersten Nacht
träumte sie, Fäuste, ein Gewirr von Fäusten strecke sich ihr entgegen,
und jede Faust hatte Mörderaugen. Die Schnittwunde am Arm ließ die Szene
im Eisenbahnwagen nicht vergessen, als tierisch betrunkene Soldaten das
Coupefenster zerschmetterten; acht Menschen waren in dem Abteil
eingepfercht und Berge von Gepäckstücken, alles Hab und Gut, das man aus
Tula hatte fortschaffen können. Die Kinder schrien auf, als zwei Kerle
schnaubend an der Türe rissen und andere johlend nachdrängten; Dymow war
in einen Waggon nebenan gegangen, um ein Fleckchen zu finden, wo er
endlich eine Stunde schlafen konnte. Maria hatte den ersten Hieb
aufgefangen und war blutend unter die Leute getreten. Sie wichen zurück,
zu ihrer eigenen Überraschung, und senkten scheu die Augen, als ströme
eine Magie von ihr aus. Es war ihr selbst so zumute; sie glaubte an eine
in ihr verborgene Magie.
Dennoch wäre sie ohne Dymow verloren gewesen. Iwan Dymow hatte als
Schreiber bei Gericht gedient; einfacher Mensch aus dem Volk, hatte ihn
die Revolution hinaufgehoben, er hatte Macht erlangt, die er aber nicht
mißbrauchte. Als Gutsherrin hatte ihm Maria, schon Jahre vorher,
menschliches Wohlwollen bezeigt und während einer Krankheit seinem Weibe
Hilfe geleistet. Sie dachte nicht mehr an ihn, aber in der Stunde der
Gefahr kam er von selbst. Er besorgte Pässe, bestach den Soldatenrat,
wußte den Argwohn der Bauern abzulenken, denen die Herrin eine wichtige
Geisel war, räumte alle Schwierigkeiten für die Reise hinweg, machte den
Spion, den Aufpasser, den Lastenschlepper, den Bürgen, mit immer
gleicher schweigender Ehrerbietung gegen Maria. Als er sich in
Kislawodsk von ihr verabschiedete, fragte sie bewegt, arm an Worten
sogar sie, womit sie ihm danken könne, sie fühle sich tief in seiner
Schuld. Er antwortete: »Ich werde mich glücklich schätzen, Maria
Jakowlewna, wenn Sie mir manchmal schreiben, wie es Ihnen und den
Kinderchen weiter ergangen ist.«
War dies nicht auch Teil und Frucht jener Magie?
Als Dame der ersten Gesellschaft, Frau eines Offiziers, Trägerin eines
großen Namens wurde sie von den Gästen des Hotels mit Freuden begrüßt
und mit Auszeichnung behandelt, obwohl man wußte, daß sie von deutscher
Herkunft war und Russin erst seit ihrer Heirat.
Nun war sie wieder, nach langer Enthaltung, unter den Menschen ihrer
Sphäre, in der Region von Heiterkeit und umgrenzter Übereinkunft, die
ihr früher so gemäß und erwünscht gewesen war. Aber sie merkte bald, daß
nur noch eine äußerliche Zugehörigkeit bestand, und daß die Jahre, die
sie auf dem Gut verbracht, erst mit Alexander und dann allein, und wenn
auch allein, so doch noch unter seinem Gesetz und seiner Führung, sie an
ein anderes Maß und eine andere Benützung der Zeit gewöhnt hatten. Auch
konnte hier niemand in seinem Bereich verbleiben; die Elemente waren
bedenklich gemischt, und dies zu verhindern war unmöglich, weil
gemeinsames Schicksal alle zueinander trieb. Das Haus, der ganze Ort,
ehemals ein Treffpunkt der Aristokratie und Schauplatz des erlesensten
Luxus, glich einer Insel der Schiffbrüchigen und beherbergte lauter
Flüchtlinge mit ihrer letzten Habe und letzten Hoffnung, Großfürsten und
Kammerherren neben Spekulanten und Journalisten, Frauen der exklusivsten
Moskauer und Petersburger Kreise neben Koketten und Kleinbürgerinnen,
die im Krieg zu Reichtum gelangt waren. Sie waren der Hölle entronnen,
aber sie wußten, daß ihnen bloß eine Galgenfrist geschenkt war. Sie
zitterten vor der Zukunft, aber sie praßten und feierten Feste. Sie
hörten von Hinrichtungen ihrer Väter, ihrer Brüder, ihrer Freunde, aber
sie betäubten sich im Hasard und tanzten Tango und Onestep.
Einen verläßlichen Mann zu finden, den sie mit einem Brief auf das Gut
des Marschalls schicken konnte, war Marias Bemühung sogleich. Zu ihrer
Freude erfuhr sie, daß Josef Menasse in Kislawodsk sei; er hatte von ihr
ebenfalls gehört und kam, sich zu ihrer Verfügung zu stellen. Er war
Prokurist eines großen Odessaer Bankhauses, mit welchem Alexander von
Krüdener geschäftliche Verbindung gehabt hatte. Da sie sich erinnerte,
aus Alexanders Mund hie und da das Lob von Menasses Redlichkeit
vernommen zu haben, war ihr Vertrauen sogleich unbedingt und auch in der
Folge nicht zu erschüttern. In lebhaften Ausbrüchen klagte er ihr sein
Unglück; einer wichtigen Transaktion halber war er vor mehreren Wochen
hergekommen; am Tage, wo er hätte abreisen sollen, fuhren keine Züge
mehr und jeder Versuch, den Ort zu verlassen, hieß das Leben gefährden.
Maria hörte ihm teilnehmend zu, und erst als er sich erschöpft hatte,
sprach sie von ihrer Angelegenheit. Er überlegte, sagte, er werde
Umschau halten, und drei Stunden später erschien er mit einer
Tscherkessin, die er trocken und kategorisch als die zu dem Zweck
taugliche Person empfahl.
Der Marschall hatte seinerzeit die Heirat des jüngeren Bruders
mißbilligt. Es war zum Bruch zwischen den Brüdern gekommen, der
Marschall zeigte sich unversöhnlich und hatte sich starr geweigert,
Maria zu sehen. Man meldete ihm die Geburt der Kinder, er nahm keine
Notiz davon. Alexander hatte es ertragen ohne zu murren und ließ auch in
Maria keinen Unmut Wurzel fassen, denn er beugte sich vor dem Bruder
als einem überlegenen Charakter, dessen Handlungen und Entschlüsse er
von seiner Kritik ausschaltete. Er beugte sich, damit war alles gesagt
und auch in Maria jeder Widerspruch erstickt. Bei Ausbruch des Krieges
hatte der Marschall in einem Privatschreiben an den Zaren seine Ämter
und Würden niedergelegt, da nach seiner Überzeugung der Krieg gegen
Deutschland zum Verhängnis für Rußland werden mußte. Er hatte im
japanischen Krieg glänzende Leistungen vollbracht, und schon deshalb war
dieser Schritt keiner üblen Deutung ausgesetzt. Nun lebte er in
äußerster Zurückgezogenheit und beschäftigte sich, leidenschaftlicher
Hegelianer, mit profunden philosophischen Studien.
Wie sich Menschen gegen sie verhielten, war Maria gleichgültig, wenn sie
ihrerseits an ihnen Freude haben oder sie ehren konnte. Würde stand ihr
über den täuschenden Einflüsterungen der Sympathie. Dazu hatte Alexander
sie erzogen. In vielen Gesprächen vieler Nächte hatte er ihr bewiesen,
daß das Prinzip der Vergeltung die Quelle alles Bösen sei. In der
Befolgung seiner Lehre war sie zu der ihr eigentümlichen geistigen
Konstanz gelangt. Der Brief an den Marschall war ein Meisterstück
unbefangener Werbung.
So wartete sie, wartete auf Alexanders Wort und Weisung von dorther und
ahnte doch die Vergeblichkeit schon. Um sich zu zerstreuen, begann sie
den ältesten Sohn, den siebenjährigen Mitja, zu unterrichten, fand sich
aber unzureichend, das Bedürfnis des Knaben heftiger als sie vermutet
und suchte einen Lehrer für ihn. Ein Moskauer Bekannter nannte ihr einen
Studenten, Jefim Leontowitsch Tatjanow, der in einem geringen Wirtshaus
vor der Stadt wohnte. Sie ließ ihn kommen und engagierte ihn. Er war im
Gefolge eines Industriellen als Sekretär oder dergleichen gereist;
unterwegs war der Mann und die meisten seiner Leute von einer
herumziehenden Bande von Soldaten ermordet worden; nun saß Jefim
Leontowitsch völlig mittellos in diesem Ort des Überflusses. Maria
behandelte ihn mit Rücksicht und mit Achtung; dies schien ihm neu zu
sein, und seine Dankbarkeit hatte etwas Kindliches. Er kam nicht nur zu
den ausbedungenen Stunden, sondern widmete seinem Schüler alle freie
Zeit; auch die beiden Kleinen, Fedja und Aljoscha zog er durch seine
einfache Güte an sich.
Eines Morgens war Aljoscha, der Mutter im Korridor vorauseilend, in der
Hast in ein falsches Zimmer gerannt. Maria folgte ihm lachend; er stand
bei einer majestätisch gewachsenen Dame, die ihr entgegentrat und ihr
die Hand reichte. Es war die Fürstin Nelidow. Maria geriet in
Verlegenheit, ihres Lachens halber, denn die Fürstin war in tiefer
Trauer, und die Ursache war Maria bereits bekannt. Ihr Sohn, der
dreiundzwanzigjährige Fürst Grigorji, Offizier in der kaiserlichen
Marine, hatte sich vor wenigen Tagen bei einem Ausflug im Gebirge
erschossen.
Die Fürstin, eine Frau Mitte der Vierzig, war noch sehr schön. Sie gab
sich Maria gegenüber herzlich. Sie kannte Alexander von Krüdener von der
Zeit her, wo er im Ministerium gewesen war und sprach mit Wärme von ihm.
»Ihre Gegenwart tut mir wohl,« sagte die Fürstin, »ich hoffe, wir werden
uns häufig sehen.« Sie schlang ihren Arm um Aljoscha und streichelte ihm
das Haar. »Heute abend feiern wir das Totenmahl für Grigorji,« fuhr sie
fort; »kommen Sie doch; kommen Sie zu mir.«
Maria empfand Mitleid; nicht nur mit der Fürstin und ihrem besonderen
Schicksal; das Mitleid mit allen diesen Menschen überflutete ihr Herz.
Namentlich den Frauen galt ihr bedauerndes Gefühl; die sorglosen und
glänzenden Wesen, bestimmt, sich zu schmücken, sich zu freuen, schienen
ihr verloren.
Sie wollte gehen, aber die Fürstin hielt sie noch zurück. So schickte
sie Aljoscha hinaus. Die Fürstin erzählte: »Hören Sie, was sich begeben
hat. Es ist eine Person hier, sie wohnt im Hause, eine gewisse Lisaweta
Petrowna. Sie behauptet mit Grigorji verheiratet gewesen zu sein. Kurz
vor seiner Abreise aus Sebastopol, behauptet sie, sei sie ihm angetraut
worden. Sie hat keinerlei Dokumente, keine Bestätigungen, keinen Brief;
die Papiere habe man ihr gestohlen, redet sie sich aus. Sie hat sich mir
zu Füßen geworfen, hat mir die Hände geküßt und mich Mutter genannt. Den
ganzen Tag sitzt sie oben in ihrem Zimmer und weint und schluchzt. Dann
schickt sie wieder den Kellner mit Zettelchen: Erbarmen Sie sich,
Fürstin, erbarmen Sie sich Ihrer Lisaweta Petrowna, erbarmen Sie sich.
Ich kenne sie nicht. Ich weiß nichts von ihr. Grigorji hat nie mit einer
Silbe ihrer erwähnt. Wir haben sie vorher nie gesehen. Ihre Angaben zu
prüfen ist unmöglich. Was soll man da tun? Erbarmen, wie denn erbarmen?
Wahrscheinlich hat sie kein Geld; nun, man wird ihre Rechnung bezahlen.
Gestern spielte sich eine abscheuliche Szene ab. Sie kommt herein, setzt
sich zu den andern und fängt an zu weinen. Meine Nichte Jelena steht auf
und nennt sie eine Lügnerin. Lisaweta Petrowna ballt die Fäuste, wirft
sich auf den Boden und verfällt in einen Schreikrampf. Man mußte sie mit
Gewalt aus dem Zimmer schaffen. Heute früh hat man sie ohnmächtig auf
Grigorjis Grab gefunden. Sie hat einen Selbstmordversuch gemacht, so
heißt es. Jelena meint, es sei simuliert. Jelena ist außer sich, das
arme Kind. Was soll man da sagen, was soll man tun?«
Maria beschloß sogleich, diese Lisaweta Petrowna zu besuchen, aber sie
äußerte nichts von ihrem Vorsatz, sondern lenkte das Gespräch auf den
jungen Fürsten und fragte nach Einzelheiten seines Lebens, ohne Neugier,
mit einem zarten Durchblickenlassen des gemeinsamen Gefühls der Mütter.
Die Fürstin willfahrte dankbar; es bedeutete Linderung für sie, indes
Maria aus wenigen mitgeteilten Zügen ein Bild gewann. Sie saß still und
aufmerksam vor der Fürstin, rauchte eine Zigarette und sah, und sah. Die
Gabe des inneren Gesichts wurde manchmal Last, und doch schien es ihr
wunderbar, viel zu wissen von den Menschen. Als sie sich verabschiedete,
sagte die Fürstin: »Mir ist als seien wir seit Jahren befreundet.« Maria
lächelte.
Im Verlauf des Tages erlangten die beunruhigenden Gerüchte Gestalt, und
zwar drohendste. Kislawodsk war von den Revolutionstruppen umzingelt.
Mitja sagte mit dem stolzen Trotz, der an seinen Vater erinnerte: »Nicht
wahr, Mama, wir werden unser Leben so teuer wie möglich verkaufen?« Sie
erwiderte: »Ja, mein tapferer Liebling.« – »Schade, daß Iwan Dymow nicht
mehr bei uns ist,« seufzte er. Aber sie tröstete ihn. »Erstens bist du
ja selbst ein Held, und dann vergißt du, daß wir Jefim Leontowitsch
haben.« Mitja schaute den Studenten prüfend an, dieser errötete und
sagte mit einem Blick scheuer Ergebenheit auf Maria: »Sie haben nur zu
befehlen. Befehlen Sie, und ich gehorche.« Es lag ein Ernst und eine
Festigkeit in den Worten, die Maria veranlaßten, ihm die Hand
hinzustrecken, die er demütig mit den Lippen berührte.
Was sollte mir zustoßen können, dachte sie, da gute Menschen um mich
sind?
Als sie sich am Abend den Nelidowschen Gemächern näherte, drang ihr
Gelächter, Johlen, Pfropfenknallen, Gläserklirren entgegen. Eine
Streichmusik spielte eine brutal-wilde russische Melodie. Sie öffnete
die Tür zum Salon; zehn oder zwölf junge Männer, Anverwandte der
Familie, saßen um eine Tafel, zechten, sangen, rauchten; bisweilen erhob
sich der eine oder andere und warf den Musikanten Rubelscheine zu. Maria
ging in das nächste Zimmer; hier befanden sich einige ältere Herren und
Damen, aber auch ein junges, etwa achtzehnjähriges Mädchen von
blendender Schönheit. Sie hatte kurzes gelocktes Haar, eine Haut von
opalisierender Blässe und gelbliche, große, unsehende, strenge Augen.
Fasziniert blieb Maria stehen. Da wurde sie von der Fürstin Nelidow
gerufen, die in ihrem Schlafzimmer allein saß. »Ich habe auf Sie
gewartet,« sagte sie, als Maria eintrat; »setzen Sie sich zu mir,
sprechen Sie; ich höre Ihre Stimme gern.«
Vom Salon herüber, wo so expressiv das Totenmahl gehalten wurde, tönte
ein klagender Chorgesang.
In ihrem Bestreben, den abgeirrten, in Trauer verirrten Sinn der Fürstin
zu erwecken, kam sich Maria wie jemand vor, der sich in einem fremden
finstern Raum zurechtzufinden sucht. Die Fürstin schaute sie beständig
an, aber nur nach und nach belebte Verstehen den Blick. Maria erzählte
von der Einsamkeit der letzten Monate auf dem Gut, von Wanjas Geburt und
wie sich während der Schmerzensnacht die Sehnsucht nach Alexander zur
Gestalt verdichtet habe, so täuschend, daß sie jeden Schrei erstickt
habe, um ihm nicht zu mißfallen. Bei allem was sie getan und gedacht,
sei er unsichtbar richtend gegenwärtig gewesen. Sie erzählte von ihrem
Verkehr mit den Bauern; von dem Geist der Widersetzlichkeit und der
Feindschaft, der plötzlich in alle gefahren sei; auch die Sanftesten und
Verständigsten hätten versagt. Eines Tages hatten sie ihr Besitzrecht an
dem Wald verkündet; der Wald sollte abgeforstet und verkauft werden. Sie
habe unterhandelt; vergebens; ihnen ins Gewissen geredet; vergebens; da
sei sie allein mit den Ältesten in den Wald gegangen, wo die schlimmsten
Aufrührer schon begonnen hatten, die Stämme zu fällen. Einem von diesen
habe sie das Beil entrissen und ihm zugerufen: keinen Schlag mehr! Sie
habe ihnen vorgestellt, was für eine Sünde sie begingen; wie sie sich an
Heiligem vergriffen, an Lebendigem und wie sie das Gedächtnis ihres
Herrn schändeten, der gerecht und gütig gegen sie gewesen sei. Viele
hätten gemurrt, viele hätten aber geschwiegen und zur Erde geblickt. Sie
habe ihnen gesagt, ein Baum sei eine Kreatur Gottes wie jeder von ihnen,
und dieses seien junge Bäume, in Liebe gepflanzt und gehegt, zur
Nutznießung bestimmt für ihre Kinder und Kindeskinder und noch nicht
reif für die Axt. Ob sie Gottes Kreaturen verschachern wollten um
elendes Geld? Dann sollten sie doch auch sie selber verschachern, dann
wollte sie ihre Herrin nicht mehr sein, und sie werde nicht vom Platze
weichen, ehe sie ihr nicht in die Hand gelobt, daß sie den Wald würden
unversehrt lassen oder sie müßten sie selber niederschlagen. Darnach
hätten sie sich beraten, und die Ältesten seien zu ihr gekommen und
hätten ihr in die Hand gelobt, dem Wald solle kein Fäserchen gekrümmt
werden und sie bäten sie um Vergebung ihrer Sünde. So habe sie damals
den Wald gerettet; ob er jedoch heute noch stehe, das getraue sie sich
nicht zu sagen.
Die Fürstin nahm Marias Hand und drückte sie. »In diesem Land leben,
heißt jede Stunde dem tückischsten Ungefähr ausgeliefert sein«, sagte
sie; »oder ist das überhaupt die Eigenschaft des Lebens und wir wußten
es nur bisher nicht, wir Begünstigten? Mir ist jetzt manchmal so bang.
Ich persönlich habe ja nicht mehr viel zu verlieren, aber mir ist so
bang um alle, die ich sehe, bang um das Volk, um die ganze Menschheit,
wenn auch die Mehrzahl nichts als Böses schafft.«
»Es kommt wahrscheinlich auf die Mehrzahl nicht an,« erwiderte Maria;
»es kommt immer bloß auf den Einzelnen an, glaube ich. Der Einzelne ist
oft wie der wundertätige Tropfen Medizin, der einen vergifteten
Organismus heilt. Immer geht von Einem das Licht aus. In Tula mußte ich
mit meinen Kindern Quartier im Hotel nehmen; der Zug nach dem Süden fuhr
nur zweimal in der Woche. Gleich in der ersten Nacht war Alarm. Das
Hotel war von Soldaten besetzt worden, und alsbald wurde der Befehl
ausgegeben, alles Bargeld sei unverzüglich abzuliefern, niemand dürfe
das Zimmer verlassen, um acht Uhr morgens werde eine scharfe Nachsuchung
sein und jeder, bei dem dann noch irgend eine Summe sich finde, werde
standrechtlich erschossen. Bedenken Sie meine Lage; ich hatte
achtzigtausend Rubel am Leibe verborgen, alles was ich hatte flüssig
machen können; wenn man es mir nahm, war ich samt den Kindern so gut wie
verloren. Meine Dienerinnen und den treuen Begleiter hatte man von mir
entfernt, vor dem Zimmer stand eine Wache, das Geld im Zimmer zu
verstecken, war aussichtslos, ich wußte ja wie gründlich diese Leute zu
verfahren pflegten, es blieb also nichts übrig, als abzuwarten, was mit
mir geschehen würde, denn das Geld freiwillig herzugeben, daran dachte
ich keinen Augenblick. Von drei Uhr nachts bis halb zehn Uhr morgens
ging ich unaufhörlich im Zimmer auf und ab; Furcht empfand ich keine; in
meiner Absicht wankend wurde ich nicht; eine klare Vorstellung von dem,
was meiner harrte, war ebenfalls nicht in mir; fest stand einzig und
allein, daß ich mich und meine vier Knaben aus dieser Gefahr zu retten
habe, daß das meine Pflicht sei und daß es auch gelingen werde. Um neun
Uhr betraten drei Soldaten, ein Unteroffizier und ein Weib das Zimmer
der Kinder nebenan. Die Knaben wurden aus dem Schlaf gezerrt, die Möbel,
die Betten, die Dielen, die Wände, die Vorhänge, die Koffer aufs
genaueste durchsucht. Ich ging hinein. Ich sah mir die Leute an.
Finstere Gesichter, unmenschliche Stirnen, da schien keine Hoffnung.
Einer wies mich barsch hinaus; einer folgte mir ein paar Schritte, um
die Tür zu schließen. Wie ich den Kopf zurückwende, ist es mir, als sei
in den Augen dieses Menschen ein Etwas, ein gewisser Schimmer, etwas
unnennbar Fernes von Weicherem als bei den andern. Er hatte rote, kurze,
borstige Haare, die Haut besät mit Sommersprossen, und hinter seinen
wulstigen Lippen waren Zahnlücken und schwarze Zähne. Aber mich
durchbebt es; in der Eingebung eines Moments winke ich ihm. Stumm tritt
er näher. Ich reiße die Knöpfe des Kleides auf, nehme das Paket mit den
achtzig Scheinen heraus und gebe es ihm in die Hand. »Fünf Menschenleben
sind in deiner Hand,« sage ich zu ihm, »jetzt mache was du willst.« Ohne
mit der Wimper zu zucken, steckt er das Paket in die Rocktasche und
verschwindet. Die andern kommen gleich darauf in mein Zimmer. Wie
drüben wird alles um und um gewühlt, Wäsche, Kleider, Schuhe, jede
Ritze, jede Schublade untersucht. Dann bleibt das Weib allein bei mir,
ich muß mich entkleiden. Auch das ging vorüber, und sie entfernt sich.
Eine Viertelstunde danach, das Herz hatte mir die ganze Zeit bis in die
Fingerspitzen geschlagen, erscheint der rothaarige Soldat im Zimmer,
horcht eine Sekunde, zieht das unversehrte Rubelpaket aus der Tasche und
überreicht es mir schweigend. Ich stammle ein paar Worte, fassungslose,
dankverwirrte; ich frage, was ich für ihn tun könne; ihm Geld anzubieten
hatte etwas Unsinniges, da er mir ja achtzigtausend Rubel schenkte. Er
schüttelt den Kopf und sagt: »Machen Sie sich keine Gedanken darüber,
Mütterchen. Es ist leider so, daß wir in Blut und Sünde stecken bis an
den Hals. Vielleicht läßt mir Gott jetzt ein wenigs nach. Vielleicht
legt er das auf die andere Schale.« Damit geht er. Und ich, es ist ein
Zustand von Scham, in dem ich mich befinde, als hätte ich mich an dem
Menschen vergangen durch die Angst und die Zweifel vorher.«
Während der letzten Worte noch war die schöne junge Person eingetreten.
Sie ging auf die Fürstin zu und sagte mit einer Stimme wie aus Glas und
zitternd vor Zorn: »Stepan Fedorowitsch erzählt eben, daß er diese
Lisaweta Petrowna von Petersburg her kenne. Sie sei in einem Kabarett
als Coupletsängerin gewesen und im übrigen, nun, das kann man sich ja
denken. Sie sehen also, Tante, daß Sie einer Betrügerin zum Opfer
gefallen sind und daß es nur lächerlich wäre, sich weiter um sie zu
kümmern.«
»Meine Nichte Jelena,« stellte die Fürstin vor und nannte auch Marias
Namen. Diese lächelte in schweigendem Wohlgefallen an der Erscheinung
der jungen Fürstin.
»Sie ist ohne Kopeke, das elende Frauenzimmer,« fuhr Jelena erbittert
fort; »der Hoteldirektor hat bereits gestern gedroht, sie auszulogieren.
Und was die Komödie an Grigorjis Grab betrifft, die darauf berechnet
war, Sie, Tante, hinters Licht zu führen, so hat die Kugel nur die Haut
gestreift, am linken Arm; sehr vorsichtig. Pfui, was für eine
unappetitliche Geschichte!«
»Aber wenn nur ein Fünkchen Wahrheit darin ist, müssen Sie Nachsicht
haben, Jelena Nikolajewna,« sagte Maria.
Jelena erbleichte. »Wie kann sie es wagen!« rief sie und schüttelte sich
vor Widerwillen; »abgesehen davon, daß sie für ihre verleumderische
Erfindung auch nicht den Schatten von Beweis aufbringen kann, bestehen
auch innere Gründe, ja innere Gründe, –« sie preßte die Lippen zusammen
und stand noch schlanker, in noch angespannterer Haltung da als bisher;
»darf man es geschehen lassen, daß sie Grigorjis Bild besudelt? Was
verlangen Sie? Warum ergreifen Sie Partei?«
»Ich ergreife nicht Partei,« entgegnete Maria, die plötzlich den
unbestimmten Eindruck hatte, als sei Schuld und Verstellung in dem
jungen Mädchen, »ich wollte nur verhüten, daß Sie vorschnell urteilen.
Seien Sie mir nicht böse.« Sie erhob sich und ging.
Vor ihrem Zimmer schritt Menasse auf und ab. »Das Hotel ist umstellt und
bewacht,« redete er sie sogleich an, »vor den Ausgängen stehen lauter
bis an die Zähne bewaffnete Kerle. Es ist bei Todesstrafe verboten, nach
Anbruch der Dunkelheit das Haus zu verlassen. Auf wessen Befehl, weiß
vorläufig niemand. Ob man uns schützen will oder die Mäusefalle nur
zuklappt, damit keiner entrinnt, weiß niemand. Die Sache wird ernst, es
geht an den Kragen.«
Er öffnete eigenmächtig die Tür ihres Zimmers und zögernd wurde er
durch eine Erinnerung an gute Manieren bewogen, ihr den Vortritt zu
geben. »Passen Sie auf,« begann er wieder mit seiner komischen
Vertraulichkeit, »zu warten, bis man uns an die Mauer stellt und die
Hirnschale kaput schießt, ist Blödsinn. Wer sich nicht aus dem Staub
macht, hat sich selber zuzuschreiben die Folgen. Ich habe einen Plan.
Sie gefallen mir, die Kinderchen dauern mich, Ihren Mann verehre ich,
das ist ein Gentleman durch und durch, und wenn ich mich seiner Familie
nicht annähme in der Not, wäre es eine Gemeinheit von mir. Ich habe
einen Plan, wie gesagt. Die Vorbereitungen sind bereits getroffen.
Allerdings wird die Geschichte viel Geld kosten, aber wo’s ums Leben
geht, hört sich die Billigkeit auf.«
Er schaute sich unruhig um, hastete zur Tür, lugte durch einen Spalt
hinaus, kam wieder auf Maria zu und fuhr mit heiser gedämpfter Stimme
fort, es werde so gottlos viel Geld kosten, daß nur eine ganze Kompagnie
dafür aufkommen könne. Er habe bereits einige Leute ins Auge gefaßt, an
denen ihm gleichfalls gelegen sei, Leute, um die es gleichfalls schade
wäre; er habe ihnen von seiner Absicht gesprochen, und sie hätten ihm
Blanko-Vollmacht erteilt. Ob Maria sich anschließen wolle? Ob sie bereit
sei, sich seinen Anordnungen blindlings zu fügen? Nur bei strammer
Disziplin sei Gelingen möglich. Er habe alles genau überlegt; das Wagnis
sei groß, aber alles sei besser als sich hier abschlachten zu lassen und
in Gottes Hand stehe man schließlich überall.
Er war klein, beweglich wie ein Gliedermann, ein bißchen schief
gewachsen, mit Augen, die fast ohne Wimpern und Brauen waren,
stutzerhaft gekleidet als käme er frisch aus dem Modemagazin und von
dem Gefühl seiner zentralen Wichtigkeit durchdrungen.
»Gut, Herr Menasse,« sagte Maria nach kurzem Besinnen, »ich will mich
Ihnen anvertrauen. Wir sind acht Menschen, wie Sie wissen; auch meine
drei Dienerinnen müssen mit. Das ist die Bedingung, die ich meinerseits
zu stellen habe.«
Menasse zuckte die Achseln. Das erhöhe für sie nur die Spesen, bemerkte
er geschäftlich. Mehr als sechzig nehme er nicht an. Jetzt seien es
siebenundvierzig Personen. Erforderlich an Kapital sei ungefähr eine
halbe Million Rubel, es könnten aber Umstände eintreten, durch welche
die Summe bedeutend vergrößert würde. »Vor allem ist notwendig zu
schweigen,« schloß er; »es werden sich in den nächsten Stunden ereignen
schlimme Dinge, aber verhalten Sie sich still und rühren Sie sich nicht,
bis ich Ihnen wissen lasse, was Sie zu tun haben. Von heute ab bin ich
Ihr General; da heißt es Subordination, und zwar auf den Wink. Gute
Nacht.«
Maria sah ihm verwundert nach, wie er aus dem Zimmer schoß, säbelbeinig,
kurzhalsig, stiernackig, geladen mit Energien. Sie trat aufatmend ans
offene Fenster. Der beinah volle Mond schwamm in einem Meer von Frieden.
Schwarze Körper, wölbten sich die Hügel und Berge hinan zu den
feierlichen Riesen, deren Konturen im bläulichen Äther zitterten. Tauige
Feuchtigkeit lag in der Atmosphäre, alles Dunkel strebte nach dem
Silberlicht, die Brust der Erde, mit stummen Seufzern, hob sich gegen
die unerreichbaren Regionen. Maria hätte beten mögen, freudige Inbrunst
war in ihr, aber das Haus mit all den angstvoll pochenden Herzen, mit
all der menschlichen Verworrenheit und Finsternis, streckte Arme nach
ihr, und ihr war als sinke sie zurück. Eine Uhr schlug zwölf, da
klopfte es leise an die Tür; ohne zu erschrecken rief Maria; die Fürstin
Nelidow trat ein. Sie trug einen Schleier über den Haaren; so leise wie
sie geklopft, ging sie auf Maria zu, mit bittender Gebärde, fast wie
eine Untergebene. Ob sie störe? Wolle sich Maria Jakowlewna zur Ruhe
begeben, so werde sie gleich wieder gehen. Für sie selbst sei in diesen
Tagen an Schlaf kaum zu denken. Sie legte beide gefalteten Hände zart
auf Marias Schultern.
Nein, sie störe durchaus nicht, antwortete Maria, auch ihr sei Schlaf
ein lästiges Vorhaben, ihr Inneres sei lauter Aufruhr und Widerklang von
vielen Stimmen. Sie setzten sich. Die elektrische Lampe auf einem
Ecktisch ließ den Raum im Dämmer.
Es sei eine Art Neugier, von der sie herübergetrieben worden, sagte die
Fürstin; sie habe über alles nachgedacht, was Maria gesprochen, sie habe
sich gar nicht davon loszureißen vermocht. »Was ist das für eine Kraft
in Ihnen? und woher kommt sie? Wie ist es möglich, daß Sie, eine Fremde
in unserm Land, alle Verhältnisse überschauen, unseren Menschen
gegenübertreten als seien Sie eingeflochten in generationenalte
Beziehungen? Sie haben Blick und Schritt einer Wurzelnden, und es ist
nicht einmal Ihre Erde. Es ist Ihnen gegeben, die Sprache der Bauern zu
reden, Sie greifen in das dumpfe Gemüt eines vertierten Soldaten, und
Sie haben mit keinem von ihnen wirklich gelebt. Ich erzähle Ihnen von
Grigorji wie einer leiblichen Schwester, und ich bin Ihnen vorher
vielleicht zweimal flüchtig begegnet. Was sind Sie eigentlich für eine
Frau? Was ist denn das Sonderbare an Ihnen? Können Sie es erklären? Oder
bin ich zudringlich, wenn ich darum bitte?«
»Nein, nein,« wehrte Maria lächelnd ab, »Sie überraschen mich nur –«
»Überraschen? Weshalb? Finden Sie denn, daß ich verpflichtet bin, in
meinen Schmerz eingehüllt zu bleiben? Sie haben ihn mir noch tiefer ins
Bewußtsein gedrückt, aber zugleich haben Sie das Selbstsüchtige daran
gelockert. Wir schulden uns selbst nicht so viele Tränen wie uns die
Umgebung dadurch abpreßt, daß sie sich zur Teilnahme berechtigt glaubt.
Das Teuerste wird einem genommen, aber es zieht einen nach sich; Trauer
ist oft nur eine feinste Form von Heuchelei, und nie hungert die Seele
so nach Aufschwung wie mitten im Gram um einen unwiederbringlichen
Verlust. Ich sehe Ihnen an, daß Sie mich verstehen.«
»Ich bewundere Ihren Mut, Fürstin. Das ist es eben, was mich überrascht
hat.«
»Mut ist das letzte. Das letzte vor dem Ende, Maria Jakowlewna. Und wir
sind ja am Ende. Aber wollen Sie nicht meine Fragen beantworten? Können
Sie es? Sie lächeln; dieses Lächeln läßt mich hoffen.«
Maria, die verschränkten Hände im Schoß, beugte sich vor. »Sie haben
erwähnt, daß Sie sich an Alexander von Krüdener gut erinnerten,« sagte
sie. »Die Zeit, von der Sie sprachen, liegt ja ziemlich lange zurück.
Was für einen Eindruck haben Sie von ihm behalten? Ich meine in tieferm
Sinn, nicht gesellschaftlich.«
Die Fürstin überlegte. »Es ist schwer,« gestand sie zögernd, »ich weiß
zu viel von ihm. Wir Angehörige der obersten Schicht wissen zu viel
voneinander, um das reine Bild einer Persönlichkeit bewahren zu können.
Er kam mir sehr geschlossen vor. Unbeugsam, unbiegsam. Er ist Balte,
nicht wahr? Alle Balten sind starr. Er hatte vollendete Formen, jene
Tadellosigkeit bis ins Mark, die wie Wohlgeruch wirkt. Viele junge
Mädchen waren damals verliebt in ihn, aber auf neutral Gestimmte wirkte
er ein wenig erkältend, wie jemand, der lange einsam gewesen ist,
äußerlich oder innerlich, und über die Wege zu den Menschen nicht mehr
orientiert ist. Stimmt das?«
Maria nickte. »Es stimmt wie eine Silhouette an der Wand. Es stimmt und
ist doch nichts. Unbeugsam, unbiegsam; darin liegt etwas vom Wesen. Er
hat mich gebogen; nicht gebeugt: gebogen. Ich hätte brechen können, dann
war ich eben nicht die, die er brauchte. Ich kam aus einer Welt ohne
feste Umrisse; man gehörte nicht zum Adel, man gehörte nicht zum
Bürgertum, man hing gesetzlos dazwischen. Ich war in Deutschland
geboren, aber in Österreich erzogen; die eigentümliche staatliche und
soziale Luft dort bedingt ein gewisses Schwanken von selbst. Ich
forderte durch mein Tun und Lassen zum Widerspruch heraus; ich war immer
anders als andere, immer auf dem Kriegsfuß mit allen. Um mich zu finden
oder etwas außer mir, das ich packen konnte, ging ich auf allen Seiten
in die Irre, schlug allem Herkommen ins Gesicht, wurde ganz wild, ganz
entfesselt, überwarf mich mit meiner Familie und den meisten Freunden,
war von Freiheitsideen besessen und in Gefahr, mich in Schwarmgeisterei
und Libertinage zu verlieren. Da traf ich Alexander. Es war der
kritische Moment. Ich war häßlich verstrickt mit meinen neunzehn Jahren,
das Sinnliche ist ja immer der Anzeiger vom Grad der Zerfallenheit;
entfesselt und verstrickt, wie sonderbar, daß man es in einem sein kann.
Aber es war ja die Zeit, wo man alles halb war, mit keiner Sache Aug in
Aug stand, und beharrte man auf einem Weg, so war man fast verfemt. Wir
sprachen uns nie, Alexander und ich. Er war mit einer offiziellen
Mission beauftragt und erschien bisweilen, sehr unterschieden von
Männern, die ich kannte, in der Gesellschaft. Daß ich seine
Aufmerksamkeit erregte, daß er mich beobachtete, spürte ich natürlich;
war ich auch meines Magnetismus sicher, der seine war noch stärker und
hatte doch nicht die Kraft, mich gleich aus meinen Ketten zu reißen. Der
Entschluß, mich in sein Leben hinüberzunehmen, traf ihn selber
unerwartet. Ich werde mich hüten, Sie mit den Einzelheiten einer
Liebesgeschichte zu langweilen; wichtig ist nur, daß wir uns heirateten
und daß jeder von uns beiden wußte, sein ganzes Schicksal kam dabei in
Frage. Was für Monate, Fürstin, was für Jahre! Wir traten uns gegenüber
wie zwei Duellanten, wie zwei Ringkämpfer. Er verriet es mir einmal:
hätte ihm nicht eine unvergeßbare Erleuchtung den Kern in mir offenbart,
er hätte mich am Anfang schon wieder nach Hause geschickt; denn ich war
zuchtlos, haltlos, voller falscher Begriffe, voller Vorurteile in bezug
auf Liebe und Ehe und Mann und Weib und Gott und Mensch. Du hast das
ganze Europa in dir, sagte er immer, und ich verstand lange nicht, was
er meinte. Ich leistete Widerstand auch hier, ich setzte ihm das
entgegen, was ich meine Persönlichkeit hieß, dieses Treibhauspflänzchen,
das er Blatt für Blatt und Faser für Faser zerrupfte, daß nichts mehr
davon übrig blieb als Beschämung und Trotz, immer noch Trotz. Und er
suchte den Kern; unermüdlich, unablässig, Tag und Nacht, mit einer
leidenschaftlichen Geduld, mit einem tiefen Wissen. Er grub mich aus mir
heraus; er riß mich auseinander, um mich neu zu machen. Es tat weh; ich
versichere Ihnen, Fürstin, es gab Tage, Wochen, wo ich zwischen Liebe
und Haß erstickt und zertreten niederbrach. Und er, hinter mir her wie
mit einer Geisterpeitsche: du mußt durch, mußt es durchleiden und wenns
dich verbrennt; besser, wir gehn ehrlich mit- und aneinander zugrunde als
ein Sterben an dreißig Jahren Mißverständnis und heimlichen Wunden. Und
endlich wuchs ich ihm zu, aus meinen Trümmern; endlich fand er mich,
gewann er mich. Es war um die Zeit, wo ich zum erstenmal schwanger war,
nach fünf Jahren; daß auch er nicht unverwandelt blieb, ist
selbstverständlich; hätte ich ihm nichts zu geben vermocht, so hätte ich
ihm ja nichts sein können, und kluge Verträge gehören zum Sieg. Doch war
ich sein Geschöpf und fühlte mich so. Er zog sich damals vom
öffentlichen Leben zurück, wir gingen auf das Gut und begannen zu
arbeiten. Jedes Ziel war gemeinsam. In Meinungen und Handlungen trafen
wir uns immer an demselben Endpunkt. Wir lasen die gleichen Bücher,
dachten die gleichen Gedanken, fällten die gleichen Urteile. Er verzieh
sich keine Nachlässigkeit, seine Strenge gegen sich hatte etwas
Mönchisches. Unmöglich ihn um eines Vorteils willen zu bewegen, das
kleinste Recht auf seine Seite zu bringen, wenn es auf der andern war;
eher hätte man Granit schmelzen können. Was er für seine Pflicht, für
seine Lebensaufgabe hielt, war nichts Begrenztes, sondern ein
ununterbrochen anschwellender Strom, und seine Hingabe war die äußerste,
er verlangte von sich das äußerste und verlangte es von mir. Ich habe
von Natur aus einen Hang zur Trägheit und Beschaulichkeit; den trieb er
mir gründlich aus; manchmal weinte ich vor Zorn und Mitleid mit mir
selbst, wenn er mir zuviel zumutete; aber es war dann doch das Richtige,
und hatte ich mich bezwungen, so konnte er durch ein gütiges Wort allen
Groll vergessen machen. Nur nicht sich verwöhnen, nur nicht sich
verzärteln, nur nicht Gefühle hinverschwenden, wo man sich entscheiden
muß, sagte er; und so verhielt er sich gegen die Welt, gegen seine
Kinder, gegen die Untergebenen. Er entkräftete jeden Einwand durch
Beispiel. In ihm lebte eine große Idee seines Volkes, eine große Idee
von Herrschaft, die durch Dienst entsteht, durch Gehorsam und Ehrung des
Brauches. Für ihn war der Zar eine göttliche Person wie für den
einfachsten Bauern. Dieses Rußland, dieses russische Volk war ihm der
heilige Nährboden der Menschheit, der Schoß der Zukunft, die
Vorratskammer der Welt. Ich spreche von ihm, ich spreche von mir. Es gab
da kein Anderssein mehr. Er und ich, wir verschmolzen gemeinsam in
dieses Mystische, von dem Kraft ausging. Wir haben es gelebt. Ich wußte,
wenn er eine Handvoll Ackererde aufhob, daß er damit das Ganze wog und
prüfte, sein Land, mit dem Himmel darüber und den Menschen darauf. Ich
wußte, wenn er unter seine Bauern trat, um Recht zu sprechen, daß er es
im Gefühl der höchsten Verantwortung tat, als meißle er den Spruch in
die Ewigkeit. Riefen sie ihn zu Hilfe, so kam er, ob es sich auch ums
Geringste handelte; Schlittenfahrten durch die brennendkalte Winternacht
waren nichts Seltenes. Sie durften ihn fordern. Dabei war er der Herr;
er verstand es, Herr zu sein. Ich war die Herrin; er machte mich zur
Herrin. Ich begriff es nach und nach. Herrin und Mutter, das galt ihm
fast eins, Mutter von vielen, und so sagen sie auch Mütterchen zur
Herrin. Das ist schön und schreibt einem den Weg vor. Wenn Sie das
bedenken, Fürstin, erscheint Ihnen dann nicht alles ganz einfach?«
»Ich verstehe, ich verstehe,« murmelte die Fürstin; »einfach, ja. Das
Wunderbare ist schließlich immer einfach. Ich verstehe die Entwicklung,
verstehe Ihr Herz, aber, #après tout#, sind Sie denn nicht vollkommen
enttäuscht? War es denn nicht vergeblich, jetzt, wo es so steht? wo wir
ohne den Herrn sind, schauerlich verlassen?«
»Ich bin nicht enttäuscht,« antwortete Maria; »der Weg geht weiter. Ich
bin auch nicht ohne den Herrn, welche Bedeutung immer Sie dem Wort
geben.«