Er sagte: »Die Zunge ist schwer; ich bins nicht gewohnt.«

Seine Stirn furchte sich. Ich sah, daß ich nicht weiter in ihn dringen

durfte. Ich wartete. Endlich murrte es aus seiner Brust: »Ich hab ihn

gemacht.« Sein Blick bohrte nach unten. »Wenn ich ihn gemacht habe, darf

ich ihn dann nicht auch vertilgen?« fragte er mit einem seltsamen,

listigbösen Ausdruck. »Das mögt Ihr Leute bestreiten, soviel Ihr wollt:

den einer gemacht hat, den darf er auch wieder vertilgen, wenns nur zum

Unheil war, daß er kam. Ich hab ihn mir geholt; herausgegraben aus

seiner Mutter Schoß. Andere Weiber tragen die Frucht neun Monate. Von

der kann man sagen, sie hat sie dreizehn Jahre getragen. Ich hab ihn von

ihr verlangt; ich hab ihn vom Herrgott verlangt. Ich hab ihn mir

zurechtgerichtet, bevor er noch da war. So und so, dacht ich, wirst du

mir werden. Wie ein Stück Lehm, das einer aus dem Erdreich schneidet und

bastelt daran und knetet es nach seinem Sinn. Auf einmal hat er nichts

als eitel Dreck in der Hand. Da schmeißt ers wieder hin, von wo ers

hergenommen hat.«

Der listigböse Zug verstärkte sich. Er musterte mich durch einen Spalt

zwischen den Lidern. »Daß es zum Unheil war, hat sich erst nach und nach

erwiesen,« sagte ich.

Er unterbrach mich mit einer herrischen Gebärde. »Von Anbeginn mißraten.

Mißratenes Blut; ich hab es mit meiner Nase gerochen. Andere, von

schlechterer Herkunft, wachsen auf, ohne daß man ihrer viel achtet und

mißraten doch nicht. Biegen sie sich am Anfang krumm, so biegt sie die

Zeit wieder grade. Bei ihm wurde das Krumme immer krummer. Da sah ich,

es wird großes Leid entstehn. Und so wars. Jeder Tag ein Sandkorn davon,

zuletzt ein Berg. Da bin ich gestanden und habe mich gefragt: was will

das werden? Hat mans an einer Stelle fortgeschaufelt, wars an der

andern doppelt so hoch; hat mans angegriffen, ists zwischen den Fingern

zerronnen. Es war keine Hilfe.«

»Aber können nicht auch schadhafte Keime durch eine sorgfältige Pflege

zum Gedeihen geführt werden?« hielt ich ihm entgegen. »Haben Sie sein

Gewissen zu wecken versucht? Haben Sie ihn in ernstliche Zucht

genommen?«

Urbas hob zum erstenmal die schweren Lider, und in seinen Augen war

etwas Verstörtes. »Herr,« erwiderte er jäh, »das Element kann einer

nicht bewältigen. Schaffts das Auge nicht, so schaffts auch das Maul

nicht, hab ich mir gesagt. Schaffts das Beispiel nicht, so schaffts auch

der Prügel nicht. In dem Punkt, den Sie meinen, hat die Bäuerin ihre

Schuldigkeit getan. Eine Weibsperson versteht das besser. Wenn er nicht

hat spüren können, daß meine Stimme auch dabei war, was war dann an ihm

nutze? Wenn er nicht hat hören können, was ich ihn ohne mein Reden habe

vernehmen lassen, wär auch des Propheten Wort nur leerer Schall für ihn

gewesen. So hab ich mir gesagt. Ich bin vorangegangen, er hätte

nachgehen können; ich bin ihm nachgegangen, er hätte sich umdrehn

können. Er hat mich nicht gesehen, er hat mich nicht gehört. Mich

widerts, daß ich einen Menschen soll packen und ihm ins Ohr schreien:

Mensch, sei ordentlich. Was soll das frommen, wenns ihm nicht in der Art

liegt? Verzieht einer seine Fratze zum Hohn, während andere beten, so

ist er eine verlorene Kreatur. Zucht schlägt an, wo nicht an der Wurzel

der Wurm schon nagt.«

»Wußten Sie denn das ganz genau?« fragte ich, und wie ich vermute, nicht

ohne Schüchternheit, denn seine Worte, seine Stimme hatten finstere

Wucht, »waren Sie denn von Ihrer eigenen Unfehlbarkeit so fest

überzeugt?«

Er streckte den Arm über den Tisch und antwortete schweratmend: »Wenn

mein Fleisch und Blut wider mich aufsteht, so kann ich nicht mit ihm

rechten wie mit einem Händler, der mich betrügt. Wenn der Same, den ich

ausgestreut, mir als Schlangenbrut entgegenzüngelt, so kann ich nicht

wie ein Schulmeister mit dem Bakel dreinfahren. Das hat kein Verhältnis,

das hat keine Menschenwürde. Wenn einer Böses wirkt und Aberböses, auf

den man die Zukunft gebaut, unabänderlich Böses, bis Haus und Hof im

Schlamm ersticken, was soll man da tun? Soll man ihm die Knochen anders

renken, ein anderes Hirn und Herz einblasen?«

Sein Gesicht, in seiner ganzen Mächtigkeit, bebte und flammte. Derselbe

Mann, der sich so lange, ein Lebensalter vielleicht, der mitteilenden

Rede enthalten, riß vor meinen Augen sein Inneres auf und hatte Worte,

Bilder, Töne, die mich verstummen machten und fast mit Angst erfüllten.

Doch ich hatte plötzlich den unabweisbaren Eindruck, daß er nur

scheinbar mit mir redete, nur scheinbar sich an mich wendete; daß er in

Wirklichkeit sich eines abwesenden Bedrängers zu erwehren suchte, der

nicht erst seit heute ihm mit Fragen und Vorwürfen zusetzte. Mir wollte

es scheinen, als wäre alles, was er gegen mich äußerte, schon als

feuriggärender Stoff in ihm angesammelt gewesen und nun quölle es aus

ihm heraus, schleudre sich hervor; er konnte es nicht hemmen, und

während dies Gewaltige, gewaltig Unterdrückte redete, schien er selbst

in Grimm und Qual und noch immer stumm zu lauschen.

Übrigens klang seine Stimme ruhiger, als er mit eckigen

Kinnladenbewegungen, den Kopf gesenkt, fortfuhr: »Es könnte wer fragen:

wann hast du angefangen, alles zu wissen und wann hast du aufgehört, zu

hoffen? So frage er den Aussätzigen: wann hat deine Haut zu schwären

angefangen? Er hat es am ersten Tag gewußt, natürlicherweise, aber den

Aussatz hat er erst geglaubt, wie es ihn ins Siechenbett gezwungen. Bin

gelegen, Nacht für Nacht; hab gesonnen und gesonnen. Hab mich

durchforscht, hab ihn durchforscht. Hab dies erwogen, hab jens erwogen.

Hab zugesehen und zugesehen, wie der Aussatz um sich gefressen hat. Hab

mir den Geist zermartert, wie das Übel zu fassen wäre. Zucht! Zucht

kommt immer um den Schritt zu spät, den die Unzucht voraus hat. Das

Rohr, mit dem ich seinen Rücken zerbläut, wär mir in der Faust

zerbrochen, und die Narben auf dem Fleisch hätten ihn bloß verhärtet.

Hätt’ ich ihm Regeln vorsagen sollen? Was für Regeln? welche sind

erprobt? Hätt’ ich ihn an Ketten legen sollen wie einen Hund? Alles, was

ich an ihm angepackt, war doch mein. Ich der Baum, er der Zweig; ich der

Docht, er das Licht; ich das Erdreich, er der Quell. Wie soll denn der

Baum zum Zweig reden? es rinnt ja der nämliche Saft durch. Und der Docht

zum Licht? er nährt es ja. Und der Boden zum Wasser? es kommt ja aus

ihm. Schön; aber woher kommt die Schlechtigkeit? Sie ist da und breitet

sich aus wie das Feuer in dürrem Holz; aber woher kommt sie? Und was das

für ein unbarmherziges Gestaffel hat: erst die kleine Lüge, dann die

große; erst den Pfennig stiebitzt, dann den Taler; erst das Tier

malträtiert, dann den Menschen; erst Tagdieberei, dann Ehrabschneiderei;

erst ein Hansguckindieluft, dann ein Hurentreiber. Kein Respekt, kein

Glauben, keine Redlichkeit, keine Liebe. Woher ist das alles gekommen?

Aus mir? Es ist wohl schließlich an dem. Und da hab ich mich gefragt:

wo, Urbas, und wann ist dein sterblich Teil oder dein unsterbliches so

von der Hölle versengt worden, daß du solchen Stank und Unrat in die

Welt gesetzt hast? Ist denn der Mensch nichts als ein geiler Schleim,

daß er nur wieder geilen Schleim hervorbringt?«

Er sah mich mit seinem großen Blick an wie ein Lastenschlepper, der

unter der schweren Bürde keucht. Es entstand eine Stille. Er wischte

sich mit dem Rockärmel die Feuchtigkeit von der Stirn. Ich begriff seine

Erschütterung und sie teilte sich mir mit, aber mein in Zwiespalt

geratenes Gefühl zieh ihn der Überheblichkeit, und ich konnte mich nicht

enthalten, es zu äußern. »Ein solches Maß von Verantwortung sich

zuzuschreiben, geht meines Erachtens weit über das hinaus, was einem

Menschen verstattet ist,« bemerkte ich; »übernimmt man sich in dem, wozu

man sich verpflichtet wähnt, so vergreift man sich auch in seinen

Rechten. Sie berufen sich in allen Stücken auf sich allein; als Mann und

Vater nur auf sich selbst. Wie steht dann aber die Mutter da, die doch

den gleichen Anspruch auf den Sohn hat, den stärkeren sogar? Die wird

Ihre Gründe nicht billigen und gewiß nicht die Tat, für die Sie alle

Bande der Familie zerreißen mußten.«

»Darüber läßt sich nicht disputieren,« antwortete Urbas hart; »das geht

dorthin, wo das Denken aufhört. Ob sie meine Gründe billigt, weiß ich

nicht. Sie hat verspielt, und ich hab verspielt. Ist bei ihr der Kummer

groß, so ist bei mir die Verdammnis noch größer. Bleibt ihr nichts vom

Leben übrig, so ist mirs schon vergällt seit Jahr und Tag. Freilich ist

sie mehr zu bedauern. Wars doch als gäb ihr Leib ungern die Frucht her

und sträube sich ahndungsvoll gegen meine eitle Torheit und Ungeduld.

Man muß nur die Natur recht verstehn, aber man versteht sie mit nichten

und wills besser machen und rennt wie ein Bock wider die verriegelte

Tür. Es sollte kein Weib ein einziges Kind haben, da steht zuviel

drauf. Meine Mutter hatte neun; davon sind allerdings sieben gestorben;

meine Ahn sechzehn, und auch von denen sind acht früh mit Tod

abgegangen. Solches Sterben hat nichts Bitteres. Von den Körnern bei der

Aussaat gehen auch nicht alle auf. Ein einziges Kind soll man nicht

haben; damit nimmt man sich zuviel vor, wie beim Lotteriespiel. Da ist

kein Ausgleich, da schlägt die Flamme auf einen zurück und wird Qualm.

Einer Mutter bangt vielleicht, und ihr Gemüt fällt in Finsternis, wenn

ihr Eins und Alles verworfen ist vor Gott und Menschen; aber sie ist

drin gefangen für Zeit und Ewigkeit, und träte er mit der aufgehobenen

Hacke vor sie hin, sein Leben gälte ihr mehr als ihres. Kein Gut, kein

Böse mehr; das Blut schreit lauter. Ich derweil! Vater, hats mich

angerufen. Was ist das, Vater? hab ich mich gefragt und hab nach dem

Ursinn geforscht. Wär ich zur Magd ins Bett gegangen und hätte mit ihr

einen Sohn gezeugt, der hätte mich auch Vater genannt. Wärs dasselbe

gewesen? Es wäre nicht dasselbe gewesen. Vielleicht wär der der

Geratene, der Ehrfürchtige, der Gewünschte gewesen. Warum nicht ihn

gezeugt, warum den Mißratenen? Aber da steht das Gesetz dagegen auf, und

das Gesetz ist heilig. Und wär dann das Weib noch mein Weib gewesen? Ich

will einmal sagen: der Mann reicht weiter hinauf und hinunter denn das

Weib. Ich will auch dieses sagen: der Vater ist tiefer in der Schuld

denn die Mutter. Die Mutter sitzt am Rocksaum unseres Herrn, und er mag

ihr nichts zuleide tun. Nach dem Vater wird gefragt, er muß Rechenschaft

ablegen. Mitteninne steht er in der Geschlechterkette; die obern deuten

auf ihn, und die untern deuten auf ihn. Er darf sich nicht gefallen in

der Zärtlichkeit und Liebkosung, denn aus den Augen des Sohnes schaut

ihn die Gemeinde an, schaut ihn der Kaiser an, schauen ihn die

Altvordern an und alle, die nachher sind bis ins vierte und fünfte

Glied. Der Sohn ist ihm verliehen als ein Pfand, will ich einmal sagen,

daß er es der Welt zurückgeben soll, wenn die Zeit reif ist. Weh dem,

der mit leeren Händen kommt und sprechen muß: ich habs verwirkt.«

Er schaute starr in die Luft, erhob sich vom Stuhl und wiederholte laut:

»Ich habs verwirkt.« Dann setzte er sich wieder.

Ich wagte nicht die Versunkenheit zu stören, in die er fiel. Auch suchte

ich in meinen Gedanken einen Weg, der weiter führte. Von Minute zu

Minute war ich meiner Sache sicherer geworden, aber ich hatte Furcht.

Eine solche Sicherheit war in mir, daß Vorgänge, die sich bis jetzt auf

bloße Vermutungen und Kombinationen gestützt hatten, die Leuchtkraft des

Erlebten gewannen, und in einer seherischen Glut fügte sich Bild an

Bild. Zweifellos trug hiezu das Fluidum des Menschen bei, der mir

gegenübersaß, und daher auch die Furcht. Ich habe trotz einer langen

Laufbahn als ausübender Jurist und Richter, oder vielleicht durch sie,

die Übertragbarkeit außerordentlicher Seelenzustände zu oft erfahren, um

sie hier zu leugnen, wo ich plötzlich eine Fähigkeit zu entfalten

vermochte, die ihr entwuchs. Es war etwas Grandioses um den Mann; seines

Geheimnisses mich zu bemächtigen, dünkte mich fast unerlaubt; ich

zauderte; ich fand das Wort nicht; schließlich aber unterbrach ich das

tiefe Schweigen, beugte mich weit über den Tisch und fragte: »Sie sind

in die Kammer hinübergegangen, um ein Ende zu machen?«

Er antwortete nicht. Die aufeinander gepreßten Lippen schienen sich der

Rede wieder verweigern zu wollen. Doch für mich barst diese hartnäckige

Stirn; sie öffnete sich wie ein Buch, und ich konnte in dem Raum

dahinter lesen. »Sie waren zweimal in der Kammer,« sagte ich plötzlich

aufs Geradewohl, oder vielleicht ist das falsch: aufs Geradewohl,

vielleicht geschah es unter der brennenden Eingebung und Vision des

Augenblicks; »zweimal; als Sie sie das erste Mal verließen, lebte Simon

noch. Als Sie das zweite Mal hineingingen, lag er schon als Leiche auf

dem Bett.«

Ich hatte nie gedacht, daß das Gesicht dieses Bauern, das von Natur

braun war wie gebeiztes Holz, so weiß werden könne. Das Weiße quoll

förmlich aus den Poren heraus und überzog die Haut mit einem Schimmer

wie von nassem Kalk. Er stierte mich mit weiten Augen an, seine Backen

schlotterten, und mit beiden Händen griff er an den Hals. Nun gab es

keine Unschlüssigkeit mehr für mich; ich zwang mich zu angemessener Ruhe

und fuhr fort: »Sie sind zu ihm gegangen, um ihm Geld zu bringen. Sie

hatten an dem Sonntag kein Geld im Hause und liehen sich unmittelbar

nach Tisch zweitausend Mark von Ihrem Nachbarn Stephan Buchner aus. Ist

es nicht so? Das Geld sollte dazu dienen, daß sich Simon auf der Stelle

davonmachte. Er sollte nach einer Hafenstadt, am selben Abend noch, und

von dort nach Amerika. Ist es nicht so? Sie boten ihm das Geld, Sie

entwickelten ihm Ihren Plan, und Sie erwarteten, daß er ohne Zögern

gehorchen würde. Aber er gehorchte nicht nur nicht, sondern er schlug

auch das Geld aus. Sie fragten ihn, da begann er zu sprechen. Zuerst

war, was er vorbrachte, wirr und faselnd, denn er war noch benebelt von

dem Trinkgelage, dann aber wurde seine Rede klar, Ihnen jedenfalls

furchtbar klar. Sie standen vor ihm und schwiegen. Sie nahmen nicht

einmal Anstoß daran, daß er auf der Bettstatt liegen blieb und in die

Luft hinein sprach; denn Sie fühlten, daß er nicht den Mut gehabt hätte,

zu sprechen, wenn er Ihnen ins Gesicht hätte schauen müssen. Sie haben

zugehört, nur zugehört, und aus dem Zuhören entstand alles übrige.

Verhält es sich so oder nicht?«

Urbas ließ den angstvollen Blick nicht eine Sekunde lang von mir. »Da

müssen Sie wohl als ein verzauberter Geist im Hause gewesen sein,«

stammelte er verstört.

»Nein,« erwiderte ich; »es sind einfache Schlußfolgerungen aus

Tatsachen. Die unscheinbarsten Tatsachen hinterlassen oft die

eindringlichsten Spuren. Denken Sie nicht an Zauberei und Blendwerk.

Eines Menschen Tun und Treiben wirkt nach allen Richtungen hin mit

sonderbarer Gesetzmäßigkeit. Es ist, als schleudre man einen Stein ins

Wasser; die Ringe breiten sich aus und vergehen, aber die Bewegung kann

noch gemessen werden, auch wo das Auge längst nichts mehr gewahrt. In

dem Betracht kann wirklich keiner entrinnen; jeder Schritt nach jeder

Seite, was er mit dem Finger faßt und mit dem Atem behaucht, knüpft ihn

fester in das Netz. Ich besitze eine Zeugenschaft, der ich anfangs wenig

Wert beilegte; im Lauf der Zeit erst begriff ich ihre Wichtigkeit. Es

gibt da einen Eichstädter Maler namens Kießling, Freund und Zechkumpan

von Simon; ein verbummelter Kerl, eine verkommene Existenz; aber nicht

ohne derbe Aufrichtigkeit. Der wußte mancherlei zu erzählen. Wie Sie

sich erinnern werden, verschwand im vorigen Winter in Ihrem Haus eine

von den alten schönbemalten Porzellankannen. Sie, wie auch die Bäuerin,

dachten nicht anders, als daß Simon sie sich angeeignet und beim Händler

in der Stadt verklopft habe, denn es war ein wertvolles Stück; die

Bäuerin äußerte sogar den Verdacht, Kießling habe bei dem Diebstahl

seine Hand als Hehler im Spiel. Daß Simon die Kanne genommen, ist

richtig; ebenso, daß Kießling daran interessiert war; er hätte wohl den

Beuteanteil nicht verschmäht, wenn er es auch jetzt in Abrede stellt.

Aber so weit kam es gar nicht. Simon zertrümmerte die Kanne vor den

Augen seines Freundes. Sie waren in dessen Bude beisammen, drüben an der

Pleinfelder Chaussee; Simon hatte die Kanne gebracht, Kießling nahm sie,

beschaute sie, prüfte sie und wollte eben seine Anerkennung kundgeben,

als Simon sie ihm wieder entriß und mit aller Kraft gegen den Fußboden

schmetterte, wo sie natürlich in hundert Scherben zerbrach. Der andere

machte ihm zornige Vorwürfe, aber Simon, nachdem er eine Weile finster

vor sich hingebrütet, rief plötzlich aus: ich möcht ihm einmal einen

rechten Tort antun, so daß ers spürt bis in die Eingeweide hinein.

Kießling wußte nicht gleich, auf wen der Ausbruch gemünzt war; seine

Bekanntschaft mit Simon war damals noch neu; später wurde ihm dann die

Sache klar. Er sagte, er habe nie einen jungen Menschen gesehen, der

einen solchen Haß gegen seinen Vater gehegt hätte. Von Zeit zu Zeit

wiederholten sich die Anfälle, ähnlich jenem ersten; eine ohnmächtige

Erbitterung kam über ihn, ein Trieb, zu zerstören; zu anderer Zeit

wieder war es eine krankhafte Freudlosigkeit, ein melancholisches

Hindämmern und stilles Glosen. Oft schien es nicht Haß zu sein, sondern

Furcht; oft nicht Furcht, sondern etwas viel Unergründlicheres. Eine

Äußerung, die auch von dritten Personen bezeugt ist, war die: möcht ihm

einmal alles ins Gesicht sagen können, dann würde mir wohl. Was konnte

er damit gemeint haben? Abgesehen von Kießling, schildern ihn auch sonst

Leute, die ihn kannten, nicht als schlecht; es sind meist Leute, denen

man ein unbefangenes Urteil zutrauen darf. Sie bezeichnen ihn als

schwachen, leicht verführbaren Charakter, als einen Menschen ohne

Verwurzelung gleichsam; ausschweifend wie einer, der sich betäuben will,

arbeitsscheu wie einer, der fortwährend auf der Flucht ist und verfolgt

wird, lasterhaft aus innerer Öde, aber keineswegs schlecht. So beurteile

auch ich ihn jetzt. Aber von wem fühlte er sich eigentlich verfolgt? wem

hat er getrotzt? was war zu betäuben? Ich glaube, wir beide, Urbas, wir

wissen es. Wenn auch die ganze Welt darüber sich den Kopf zerbricht, wir

wissen es. Bis zu jenem Abend in der Kammer haben Sie es nicht gewußt.

Dort haben Sie es erfahren.«

Er atmete auf; sein Gesicht zuckte wie von inneren Stößen; er schien

etwas sagen zu wollen, aber er vermochte es nicht. Doch die Lichter und

Schatten in diesem kantigen, kraftvoll bewegten und wahrhaftigen Antlitz

hatten ihre eigene Beredsamkeit; das düstere Staunen, der fast

abergläubische Schrecken über die plötzliche Enthüllung dessen, was er

für sein unantastbares, ewig verwahrtes Geheimnis gehalten, war von ihm

gewichen, aber da er das Geheimnis nicht mehr zu schützen hatte, war

auch das Gemüt der schweren Last entledigt; daher dies tiefe Aufatmen,

das mich bewegte. Ich fand mich verpflichtet, ihm noch über die letzten

Hemmnisse zu helfen, und ich sagte: »Erwägt man es genau, so sind die

Menschen weit übler daran als die Tiere. Die Tiere können einander nicht

mißverstehen. Die Menschen mißverstehen einander im Blut wie im Geist;

der Bruder den Bruder, der Freund den Freund, der Vater den Sohn. Jeder

steckt in seinem Mißverstehen wie in einem schwarzen Kellerloch, aber

eine wunderliche Verblendung macht, daß er es für eine hellerleuchtete

Wohnstube hält. Und wenn er meint, daß der Herrgott selber sich um ihn

bemüht und ihn zu seinem Sprachrohr auserwählt, so zeigt sichs am Ende,

daß es bloß der Teufel war. Dreizehn Jahre lang war Ihr ganzes Trachten

auf einen Sohn gerichtet, und wie er dann da war, haben sie achtzehn

Jahre lang gebraucht, um dahinter zu kommen, was es mit ihm für eine

Bewandtnis hatte; und da wars zu spät. Ists also nicht kläglich bestellt

um die menschliche Vernunft und Weisheit? Wozu noch fernerhin sich

verstecken, Urbas? Welchen Zweck soll es haben, sich eines Verbrechens

anzuschuldigen, das Sie nicht begangen haben? sich Mörder zu nennen an

dem, der sich selbst den letzten Weg gewiesen hat? Wozu das frevle Spiel

mit der irdischen Gerechtigkeit? wozu, Mann, wozu?«

»Das will ich Ihnen einbekennen, wozu,« sagte Urbas, »weil nun meine

Partie doch ganz und gar verloren ist. Ich will es Ihnen einbekennen,

aber haben Sie Geduld mit mir; es fällt mir schwer.« Seine Blicke

suchten innen; seine Finger bewegten sich, als suchten auch sie: das

einschränkendste und unbedingteste Wort, die verläßlichste Übermittlung.

Er begann stockend: »Es ist wahr, ich bin hinüber zu ihm, um ihm das

Geld zu geben. An Amerika hab ich nicht gedacht; nur möglichst schnell

fort mit ihm, dacht ich, und möglichst weit, damit einem wenigstens der

Gendarm im Haus erspart wird. Ich bin hinübergegangen, und weils finster

in der Kammer war, hab ich erst die Kerze anzünden müssen, und da ist er

auf seinem Bett gelegen und hat mich angeschaut. Es ist wahr, er hat das

Geld nicht genommen; er hat das Gesicht zur Wand gedreht und die Zähne

geknirscht und gesagt, ihm könne das nicht mehr nützen. Ich bin vor der

Bettstatt gestanden und spreche zu ihm: steh auf, wenn dein Vater vor

dir steht. Da dreht er das Gesicht wieder zu mir, und weil eitel Spott

und Hohn drin geschrieben ist, schwillt mir der Zorn, und ich sage: steh

auf, wenn dein Vater vor dir steht. Er aber spricht: warum soll ich denn

aufstehen, da Ihr mich niedergeworfen habt? Die Fäuste ballen sich mir

wie von selber, und ich frage: wie denn? wie soll ich dich denn

niedergeworfen haben, du Luder? Da kommt es aus seinem Mund hervor: Ihr.

Weiter nichts. Ihr, sagt er. Ich blick ihn an, und er blickt mich an,

und eine Zeit vergeht so, dann wieder: Ihr. Darin war soviel Gift und

Wut und Geifer und solch ein verkrampftes, rabenböses Grollen, daß mir

der Speichel im Munde bitter wird. Was denn, Ihr? ruf ich ihn an; was

denn, Ihr? O Ihr, spricht er hinter den Zähnen hervor, Ihr seid mir auf

der Brust gehockt, mein Lebenlang. Da schwieg ich. Ihr habt gut vor mir

stehn und blitzen mit Euren Augen, fährt er fort; soll denn das nicht

endlich aufhören, daß Ihr mich anschaut mit Euren Augen? So ists immer

mit Euch gewesen; anschaun, anschaun, und kein Wort. Hinterm Tische

sitzen und alles von einem wissen, und kein Wort. Weit habt Ihr mich

gebracht mit Eurem Anschaun und Anschaun. Warum habt Ihr mich nicht

genommen und zu mir geredet? Niemals ein einziges Wort geredet? Da _muß_

einen ja die Verzweiflung packen. Wie soll er denn da nicht zu den

Menschern und zu den Saufbrüdern laufen? Die reden doch, die lachen

doch, die haben doch ein gutes Wort für einen, die sagen Hü und Hott,

und man weiß, wie man mit ihnen dran ist. Ihr aber, hab ich gewußt, wie

ich mit Euch dran bin? Er liegt wieder auf der Lauer, dacht ich; er hat

was gegen dich vor, dacht ich. Ein Büblein war ich noch, ist mir schon

der Bissen im Hals steckengeblieben, wenn Ihr zur Tür hereingetreten

seid. Hundertmal und hundertmal hab ich zu Euch hingewollt, aber die

Angst vor Euch hat mirs verwehrt. Was hab ich denn verbrochen? dacht

ich, und wie ich dann was angestellt, war mir wohl und hab wenigstens

gewußt, warum, und so hat mirs nie Ruh gelassen, bis ich nicht was

Heilloses getan und den Leuten die Galle aufgeregt. Ja, ich bin

schlecht, aber ich weiß nicht, ob ichs von Geburt bin; ja, ich bin zum

Lumpenkerl geworden, aber Ihr braucht Euch deshalb nicht wie der heilige

Geist vor mir aufpflanzen, sondern solltet nachprüfen, was Ihr an mir

gefehlt habt. Denn es hätte sein können, daß ich Euch hochgeehrt hätte,

wies in den zehn Geboten steht und kirre gewesen wäre wie ein Star. Das

hätte sein können, weils in mir war und bloß herausgetrieben worden ist.

Bin ein Hundsfott geworden, und das Leben ist mir leid, und die Menscher

und die Saufbrüder sind mir leid, und es freut mich nicht mehr. Dieses

spricht er, und noch einiges, ich habs vergessen, und wälzt sich auf der

Bettstatt; und knirscht mit den Zähnen; und flennt; und lacht ingrimmig;

und kehrt sich wieder zur Wand; und schweigt. Ich denke mir: Urbas, die

Seele da ist hin, aber deine vielleicht auch. Worte hatt ich keine. Es

war eben so; was hätts gefruchtet, meinen Schöpfer anzuwinseln? Worte

hatt ich keine. Ich geh hinaus. Im Hofe schreit ich bis zum Zaun. Es ist

alles so friedlich wie in Frühjahrsnächten, wenn die Wurzeln in der Erde

ihren Saft spinnen. Ich schaue zu den Sternen hinauf, aber das kann mir

nicht dienen. Ich mache die Stalltür auf und schnuppre die saure, warme

Luft, und einer von den Ochsen hebt den Kopf, indes er mit den Zähnen

mahlt. Da überläufts mich schauerlich, und ich denke: du mußt zurück in

die Kammer, und wenn du gleich keine Worte findest, irgendwas muß sein.

Nun bin ich zurückgegangen, und wie ich eingetreten war, ist er bereits

in seinem Blut gelegen. Da bin ich dann eine lange Weile gestanden,

dann hab ich mir gesagt: wenn dem so ist, so bist du der Mörder; hat er

die Schuld bei dir gut, so mußt du sie bezahlen. Das ist es, was ich

einzubekennen habe.«

Er kreuzte beide Hände über der offenen Bibel, und mit leiserer Stimme

und sonderbar umschattetem Blick fuhr er fort: »Ich habe einen Traum

gehabt, den will ich Ihnen noch erzählen. Es war in der Nacht, bevor

sich das ereignet hat. Der Knecht tritt in die Stube und spricht: Bauer,

die Gäule sind eingeschirrt, wir wollen fahren. Ich geh hinaus, es liegt

tiefer Schnee, die Pferde stehn am Wagen, und ich fahre. Mit eins

verlieren wir die Straße, und die Gäule waten im Schnee bis an den

Bauch. Da seh ich auf einmal den Hof hinter mir brennen und das

Schneefeld ist rot beschienen. Die Gäule fangen an zu laufen und ziehn

mich an der Leine mit, daß mir der Atem ausgeht. Ich kann die Leine

nicht loslassen, sie ist um die Hand herumgeschlungen, und wie wir gegen

die Altmühl herunterkommen, dort bei der Eisenbahnbrücke, wo das Wasser

sechzig Ellen breit ist und mehr als zehn tief, da rennen die Gäule noch

toller, und die Brandlohe bedeckt den ganzen Himmel. Der Fluß ist

zugefroren, die Gäule drauf zu, und ich denke mir in meiner Angst: wirds

die Pferde samt dem Fuhrwerk tragen? Die Gäule, schwere Ackergäule,

sausen das Ufer hinunter, aber das Eis hält. Da steht der Simon am

andern Ufer, und weil die Tiere auf der gefrornen Bahn weiterrennen,

schrei ich zu ihm hinüber: Hilf, Simon. Und er: ich muß heimgehen, der

Stall brennt, das Haus brennt. Und ich, ich kann mich nicht auf den

Wagen schwingen, die Gäule schleifen mich bereits, schrei in der

höchsten Not: Hilf, Simon, lös’ mich vom Riemen los. Und er: müßt Euch

selber vom Riemen lösen, uns zweie trägt das Eis nicht. Da ruf ich ihm

zu: alles ist dein, die Gäule und das Fuhrwerk, hilf um Gotteswillen.

Nun kehrt er um, und wie er umkehrt, stehen die Gäule still; aber wie er

den ersten Schritt tut, kracht das Eis, und wie er das hantige Pferd am

Zügel faßt, bricht das Eis, und Fuhrwerk und Gäule und ich samt dem

Simon versinken im Wasser. Und im Versinken bin ich aufgewacht.«

Er verstummte. Er erwartete keine Einrede mehr, ich hatte auch keine

mehr. Mit Erstaunen beobachtete ich, wie sein Aussehen im Verlauf

weniger Minuten um Jahre älter wurde, das Kinn spitz, die Augen stumpf,

der Hals dünn, die Hände welk, die Haltung kraftlos. Der fordernde,

hadernde, gewaltige Mann, der mir gegenüber gesessen, war auf einmal ein

hinfälliger Greis. Als ich mich verabschiedete, sah er nicht empor,

schien es kaum zu merken. Das Schweigen, in das sein ganzes früheres

Leben eingehüllt gewesen, breitete sich wieder über ihn,

undurchdringlich und in den Tod fließend. Denn am andern Morgen, wo er

enthaftet werden sollte, fand ihn der Wärter am Fensterkreuz erhängt.

Der Wendekreis - Erste Folge: Novellen · 第 5 / 24 题