Unter den Aufzeichnungen des kürzlich verstorbenen
Reichsgerichtspräsidenten Diesterweg, eines scharfsinnigen und
geistreichen Kriminalisten vom Schlage des großen Anselm Feuerbach,
befand sich auch die folgende.
An einem Oktoberabend, zu später Stunde, kam der Bauer Adam Urbas aus
Aha, einem Dorf des südlichen Frankens zwischen Altmühl und Hahnenkamm,
auf die Gendarmeriestation in Gunzenhausen und erstattete die Anzeige,
daß er an eben diesem Tag seinem achtzehnjährigen Sohn Simon den Hals
abgeschnitten habe. Er liege tot in der Kammer zu Hause. Das Messer, mit
dem er die Tat verübt, trug er bei sich und überreichte es. Es war noch
blutig.
Die Selbstbezichtigung, in ruhigem Ton und mit äußerst knappen Worten
vorgebracht, wurde protokolliert. Auf alle weiteren Fragen des
Kommissärs verweigerte er die Antwort. Der Lokalaugenschein, der noch in
derselben Nacht vorgenommen wurde, bestätigte seine Angaben. Man traf
ein vor Entsetzen und Jammer halbwahnsinniges Weib und bestürzte Knechte
und Mägde.
Adam Urbas wurde ins Gefängnis nach Ansbach gebracht.
Als ziemlich junger Richter war ich einige Wochen zuvor in diese
Kreishauptstadt versetzt worden, und meinem lebhaften Ehrgeiz war es
willkommen, daß man mich mit der Voruntersuchung betraute.
Der Fall schien von Anfang sonnenklar. Ein anscheinend beschränkter und
in allen Vorurteilen seiner Kaste befangener Bauer hatte seinen
entarteten Sprößling, von dem er nur Schande und Unheil erfahren hatte,
kurzerhand aus dem Weg geräumt, sowohl um ein Strafgericht zu
vollziehen, als auch um noch größerem Übel, das im Entstehen war,
vorzubeugen.
Nach den übereinstimmenden Aussagen der Zeugen war der junge Urbas ein
völlig verlottertes Individuum gewesen, arbeitsscheuer Herumtreiber,
ständiger Gast in allen Wirtshäusern und auf allen Jahrmärkten der
Gegend. Für seinen müßiggängerischen und anstößigen Wandel hatte er viel
Geld gebraucht, und was ihm die gefügige Mutter, die er einzuschüchtern
verstand, nicht gab oder geben konnte, hatte er sich auf andere Weise zu
verschaffen gewußt. So hatte er im August beim Getreidehändler Kohn in
Weißenburg auf eigene Faust achthundert Mark für gelieferte Gerste
abgeholt und das Geld unterschlagen und verpraßt. In Nördlingen hatte er
sich mit einem verrufenen Frauenzimmer eingelassen, das von ihm
schwanger zu sein behauptete; eines Tages hatte er die Person an einen
entlegenen Ort gelockt und zu erwürgen versucht. Durch ihr Geschrei
waren zufällig vorbeikommende Leute alarmiert worden, und so war sie ihm
entronnen. Über diese Angelegenheit war die Untersuchung noch im Gange,
als Adam Urbas den gerichtlichen Maßnahmen zuvorkam.
Auch aus der Knabenzeit Simons wurden Züge und Begebenheiten berichtet,
die seinen Charakter in das übelste Licht rückten. Nichts entstammte
dem Übermut, was er verübte, es war immer voller Tücke und
Abgefeimtheit. So hatte sich z. B. die Großmagd sechs neue Leinenhemden
in der Stadt gekauft; freudig zeigte sie die Erwerbung dem übrigen
Gesinde und der Bäuerin; es wurde zur Vesper gerufen, und sie legte die
blütenweiße Wäsche auf den Tisch in der Tenne. Als sie zurückkam, waren
die Hemden mit Wagenschmiere derart besudelt, daß keines mehr brauchbar
war. Daß Simon die Büberei begangen, bezweifelte niemand, aber bewiesen
werden konnte es nicht, so wenig wie die Sache mit dem Fuhrmann Scharf.
Der hatte seinen mit Mehlsäcken beladenen Wagen vor dem Krug halten
lassen; als er weiterfahren wollte, rann das Mehl in weichen Bächen auf
die Straße; zehn oder zwölf Säcke waren heimlich aufgeschnitten worden.
Das ist der Simon Urbas gewesen und kein anderer, hieß es; bewiesen
werden konnte es nicht.
Zur Heuchelei und Hinterlist gesellten sich später Frechheit und
Gewalttätigkeit, und alle Gutmeinenden waren darüber einig, daß da ein
Menschenunkraut emporwuchs, so hoch, daß keine Schere mehr hinanreichte,
es zu stutzen und kein Spaten stark genug war, es auszujäten. Ich hätte
auf die Fülle des gebotenen Materials verzichten können. Da war kein
Problem, keine Verworrenheit, keine Tiefe; alles war eindeutig, platt
und roh, zumindest, was den Ermordeten betraf.
Der letzte Akt des dörflichen Schauerdramas hatte sich am Gunzenhauser
Kirchweihsonntag abgespielt. Zwei Bauern aus Windsbach hatten sich im
Wirtshaus zu Aha darüber unterhalten, daß gegen Simon Urbas ein
Verhaftsbefehl erlassen worden sei. Adam Urbas saß unbemerkt von ihnen
am Nebentisch. Die anderen Gäste und der Wirt schielten ängstlich nach
ihm hin, denn aus der Art, wie er das Glas absetzte und vom Stuhl
aufstand, war zu schließen, daß er von der Nördlinger Geschichte noch
nichts wußte. Die Schandtaten Simons wurden ihm nämlich so lang wie
möglich verhehlt. Es war seine außerordentliche Schweigsamkeit, seine
achtunggebietende Haltung und nicht zuletzt seine große Beliebtheit in
der Gemeinde und in der ganzen Gegend, die einen schonenden Wall um ihn
errichteten. Durch all die Jahre hatte auch die Bäuerin die schlimmsten
Nachrichten aufzufangen und in ihrer Wirkung auf Urbas zu mildern
gewußt. Aber wenn man annahm, daß er deshalb in Unwissenheit oder nur in
halber, in freiwilliger Unwissenheit lebte, so täuschte man sich. Er
verstand es eben, seine Umgebung über das, was er sah und in ihm
vorging, im Zweifel zu lassen.
Die Bäuerin hatte das drohende Unglück beim Buttern von einer
schwatzhaften Magd erfahren. Als Urbas nach Hause kam, stellte sie sich
ans Fenster, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Da ging, es war
schon gegen Abend, der Ziegelarbeiter Franz Schieferer am Haus vorbei
und rief ihr zu, der Simon sei drüben in Gunzenhausen im Hirschen; er
traktierte die Manns- und Weibsleute und werfe mit Geld herum, daß es
nur so klappre; aber, fügte er lachend hinzu, denn er war stark
angeheitert, man werde den Vogel bald auf Numero Sicher haben, die
Gendarmen seien schon unterwegs. Dem war freilich nicht so, wie sich
später erwies; auch das mit dem Verhaftsbefehl war vorläufig leeres
Gerücht.
Das ganze Gesinde war zur Kirchweih gegangen. Die Bäuerin ließ sich auf
die Wandbank nieder; Urbas wanderte mit schweren Schritten in der Stube
auf und ab. Da hörte man von der Straße herein schlürfendes Gehen, dann
wurde an der Haustürklinke gerüttelt. Fäuste polterten wider das
massive Holz, dazu erschallten Flüche. Die Bäuerin sprang auf und wollte
hinaus; Urbas hob den Zeigefinger, nichts weiter; sie verharrte auf der
Stelle. Nun zeigte sich Simons Gesicht am Fenster, von Trunkenheit
gerötet, mit Augen voller Bosheit. Die Bäuerin schrie auf und winkte ihm
zu, er solle weggehen. Er verschwand wieder, eine Weile blieb es ruhig,
dann war auf der Tenne Lärm. Er war durch die Tür auf der Hofseite ins
Haus gelangt. Im Dunkeln stieß er gegen das Gerät; man vernahm einen
Sturz; die Bäuerin riß die Stubentür auf und im hinauslohenden
Lampenschein gewahrte sie, wie sich der betrunkene Mensch mühsam vom
Boden aufrichtete. Die Arme gegen die beiden in der Stube reckend, drang
eine gräulich lästernde Rede aus seinem Mund; vielleicht war dieser
Augenblick entscheidend für Urbas. Die Bäuerin sagte aus, daß sie ihn
vom Kopf bis zu den Füßen habe zittern sehen. Simon hatte sich indessen
zu seiner Kammer getastet; er schlug dröhnend die Tür hinter sich zu,
dann war es wieder still. Urbas schaute in die finstere Tenne hinaus,
die Bäuerin stand hinter ihm, das Gesicht in die Schürze gepreßt. Das
dauerte so an fünf Minuten. Hierauf verließ Urbas die Stube und ging
hinüber in die Kammer. Die Bäuerin versicherte, daß sie geahnt und
gespürt habe, was kommen würde, daß ihr aber die Glieder wie gefroren
gewesen seien und sie während der ganzen Zeit ihrer Sinne nicht mächtig
war. Ob Simon so berauscht gewesen, daß er gleich, nachdem er sich auf
die Bettstatt geworfen, in Schlaf verfiel, oder ob sie noch miteinander
geredet, Vater und Sohn, ließ sich deshalb nicht ermitteln. Einmal sagte
sie, es sei alles still geblieben, dann wieder, sie hätten miteinander
geredet, und zwar ziemlich lange; die beiden Türen waren aber
geschlossen gewesen, und da sie nach ihrer Behauptung im Ofenwinkel
gesessen war, konnte, wie durch mehrmaligen Versuch erwiesen wurde, der
Schall von bloßem Sprechen unmöglich zu ihr gedrungen sein. Auch ihre
Angaben, wie lange Urbas in der Kammer geweilt, waren auffallend
unsicher; bald sagte sie, es könne nur eine Viertelstunde, bald, es
müßte mehr als eine Stunde gewesen sein. Das Mordmesser hatte nicht
Urbas gehört, sondern dem Sohn; ob es dieser bei sich getragen oder ob
es in der Kammer gelegen, war ebenfalls nicht zu ermitteln. Hierüber
verweigerte Urbas jede Auskunft, und so wichtig der Umstand war, er
konnte vorerst nicht ins Klare gebracht werden.
Ich gestehe, daß mir alle diese Vorgänge trotz ihrer Unheimlichkeit
zunächst wenig Interesse einflößten. Sie waren als Begleiterscheinung
eines solchen Verbrechens typisch. Der Vater ein unbeugsamer Starrkopf,
beleidigt in seinem bäuerlichen Ehrgefühl, in echt bäuerlichem Dünkel
keine Instanz über sich anerkennend, der Sohn ein Lump, dessen
vorzeitiges und gewaltsames Ende man kaum recht bedauern konnte; die
Mutter haltlos zwischen beiden schwankend; es war die übliche
Konstellation, und die Gerechtigkeit konnte ihren Lauf nehmen, ohne daß
sie auf hemmende Dunkelheiten stieß.
Nach und nach aber, bei genauem Einblick in die Vergangenheit und die
Art des Adam Urbas, wurde meine Aufmerksamkeit nachhaltiger gefesselt.
Es war als gingest du an einer Mauer entlang, die aussieht wie alle
andern Mauern in der Welt; plötzlich gewahrst du, erst kaum bemerkbar,
dann immer deutlicher, gewisse Zeichen und Runen, die zu prüfen ein
Etwas dich zwingt; du kommst nicht mehr los, du beginnst Gruppe um
Gruppe zu entziffern, und schließlich wird dir eine unerwartete
Mitteilung über das verschlossene Gebiet, das hinter dieser Mauer liegt.
Die Urbassche Ehe war dreizehn Jahre kinderlos gewesen. Die Frau hatte
es als unabwendbares Schicksal getragen, der Mann aber hatte sich
aufgelehnt gegen den Spruch der Natur. Er war der Letzte eines uralten
Bauerngeschlechts; in fränkischen Chroniken des vierzehnten Jahrhunderts
schon werden die Urbas genannt. Ihn dünkte es wie Schmach, daß er keinen
Leibeserben haben sollte. Wozu war das Schaffen und Sparen, Säen und
Ernten? Wozu das Haus mit den gefüllten Truhen, das Vieh im Stall, das
Getreide in der Scheune, wozu Acker und Wiese, Mühle, Fluß und Wald?
Er äußerte sich nicht; gegen sein Weib nicht, gegen andere Menschen
nicht. Er verzog keine Miene, wenn die andeutende Rede darauf fiel. Kein
hartes Wort das Jahr über, keine Erkundigung.
Aber einmal im Monat geschah es, daß er den Blick auf der Frau ruhen
ließ. Es ging höhere Gewalt aus von dem Blick. Er wurde dabei nicht von
einer bestimmten Absicht gelenkt; es gewann Macht über ihn und brach
hervor. Auf dem Feld konnte es sein: er hörte auf, die Garbe zu binden
und schaute sie an; beim Abendessen: er ließ den Löffel in die Schüssel
fallen und schaute sie an; in der Nacht: die Bäuerin erwachte, er lag
da, auf den Arm gestützt und schaute sie an. Auf dem Platz vor der
Kirche: sie stand im Gespräch mit andern Weibern, plötzlich verstummte
sie, denn er stand drei Schritte vor ihr und schaute sie an. Ohne Zorn,
ohne Drohung, ohne Vorwurf, nur prüfend, aus umbuschten Augen still und
lang.
Einmal im Monat geschah es und war mit Sicherheit zu erwarten. Anfangs
ging es der Bäuerin nicht nah. Sie hielt es für eine Schrulle. Sie gab
sich keine Rechenschaft, worauf es abzielte. Sie lachte; sie zwang sich
zu einem muntern Wort. Später duckte sie sich, flüchtete mit Sinn und
Auge; aber es kamen Stunden und schließlich Tage, wo sie in Grübeleien
verfiel und die Frage, die sie an den Bauern nicht zu richten wagte, an
seinen geisternden Schatten richtete.
Können Menschen nicht miteinander reden? grübelte sie; wozu hat einer
die Zunge im Maul, daß er nicht sagt, was er begehrt? Sie beschloß, den
Mann anzuhalten. Doch wenn es so weit war und sie vor ihn hintrat,
entfiel ihr der Mut. Verschuldung wuchs, um Aufschluß drängte eine
Stimme, Aufschluß kam nicht, sie fühlte sich nicht schuldig, etwas war
schuldig, aber das Etwas war in ihr.
Das wechselnde Tun während der lebendigen Jahreszeiten zwang die Tage
immer wieder ins gleiche, aber für eine immer kürzer werdende Spanne.
Die Angst vor des Bauern Blick, der auf sie eindrang, so oft das
Blutzeugnis die Schuld vergrößerte, lähmte die Gedanken. Vom November
bis zum Februar rückten die Steine und Balken des Hauses gefährlich
aneinander, in den Stuben war schwerere Luft, der Himmel klebte an den
Fensterscheiben, der Abend war ein nasser Sack um den Leib, das Linnen
schleifte bleich über die Diele, die Kühe lagen in rosigem Dampf, und
durch die Schneeschlucht heran zum Stall schwankte durch Irisringe
breitgängig, die Laterne in der Hand, die hochschwangere Magd.
Alles war Leib, alles war Angst. Achtundzwanzig Tage und Nächte waren
ohne Einschnitt; Urbas saß am Ofen, die Pfeife zwischen den Zähnen; ging
ins Wirtshaus und kehrte am Abend zurück; saß wieder am Ofen und
studierte die Zeitung; erhob sich, wenn der Topf mit Kraut und Klößen
hereingetragen wurde; sprach das Gebet; hörte still zu, wenn die andern
redeten, und nichts Heimliches war in seinen Mienen, kein Groll, der
sich sammelte, nur Schweigen.
Dann aber kam die Stunde. Die Bäuerin spürte es schon in jeder Ader; die
Haare fingen an zu knistern. Eine Tür ging auf, und er stand da; am
Morgen, am späten Abend; war es nicht in der Stube, so war es in der
Tenne; stand da mit dem unerforschlichen Blick. Kein Räuspern, kein
Aufzucken, kein Wort, nur der Blick: warum nicht? warum alle und du
nicht? warum liegt dein Acker brach?
Zwölf Jahre waren so verflossen, da hatte die Kraft der Frau ein Ende.
Ihr Gemüt umdüsterte sich. In den Nächten wälzte sie sich schlaflos.
Durch die Finsternis brannten die Augen des Bauern, auch wenn er
schlief. Hörte sie bei Tag seinen Schritt, so verkroch sie sich in einen
Winkel der Scheune und kauerte zitternd, bis von allen Seiten das Rufen
nach ihr erschallte. Die Zügel der Wirtschaft waren gelockert, das
Gesinde wurde lässiger.
Sie versagte sich ihm. Ihr graute vor seiner Umarmung. Ergab sie sich
nicht, so hatte er nichts zu fordern, schien es ihr in der Verdunkelung
ihrer Sinne. Sie wurde kalt an Haut und Blut; das Weib in ihr erstarrte.
Da aber fing Urbas an, um sie zu werben. Es war wie nie zuvor. Sie hatte
es nie kennen gelernt. Nicht mit Worten warb er, vielmehr in einem
scheuen Dienst. Es lag oft etwas Beklommenes darin, als habe sie sich
versteckt, und er müsse sie finden; als suche er und könne sie nicht
finden. Er glich einem Tier, das leidet. Ein Jahr lang oder noch länger
währte dies, und in der Zeit verlor sich die Angst der Bäuerin, denn
sie merkte, daß sie nicht bloß eine an ihn hingeworfene Kreatur in
seinen Augen war, der man zu fressen gibt und die man karessiert, wenn
sie geschuftet hat, und einen Fußtritt verabreicht, wenn sie nicht
leistet, was man von ihr verlangt, sondern daß sie noch was anderes für
ihn bedeutete, der Ehrung und der Befragung Würdiges. Sie wandte sich
ihm mit bereitwilligerem Herzen wieder zu; einen Monat darauf wurde sie
schwanger.
Als dies keinem Zweifel mehr unterlag, verwandelte sich ihr Wesen
vollends. Mit jungen Schritten eilte sie durchs Haus, trieb die Säumigen
heiter zur Arbeit, legte selbst überall Hand an, gesprächig, hell,
aufgeblättert. Staunen war um sie. Auch Urbas wunderte sich. Sie mochte
ihm, was bevorstand, nicht geradezu ankündigen; sie wünschte eine Form,
in der es festlich und wie ein Geschenk wirken sollte. Am Gründonnerstag
legte sie das Staatskleid an, dazu die langen schwarzen Kopfschleifen
mit den silbernen Spangen, dann rief sie Urbas in die obere Stube, wo
die Glasschränke standen mit dem alten Silber und Porzellan,
Jahrhunderterbe. Gewichtig setzte sie sich in den Lehnstuhl, faltete die
Hände über dem Leib und sagte, was zu sagen war, kurz und simpel.
Durch Urbas mächtigen Körper ging ein Ruck. Als sie von dieser Stunde
sprach, neunzehn Jahre später sich dieses Geständnisses entsann und wie
Urbas sich dabei verhalten, war ihr noch immer die Erschütterung
anzumerken, die sie damals gespürt. Sein erdbraunes Gesicht wurde rot
wie Mohn. Er stieß eine dröhnende Lache aus. Darnach rann ihm die Nässe
aus den Augen. Er trat auf sie zu und schlug sie so derb auf die
Schulter, daß sie schrie. Bestürzt, sie könne nicht als Liebkosung
nehmen, was so gemeint war, tätschelte er ihr den Rücken, zärtlich,
andächtig und ließ dazu ein melodisches Gebrumm in der Kehle orgeln.
Auf sein strenges Geheiß mußte sie sich pflegen. Er ging heimlich zum
Doktor und bat um Weisungen. Damit die zwei Arme nicht fehlten, heuerte
er noch eine Magd. Er überwachte sie; er räumte ihr aus dem Weg, was sie
beim Schreiten hinderte. Als die Kinderwäsche genäht wurde, saß er
bisweilen mit runden Augen daneben und wiegte den schweren Schädel.
Alles verlief der Natur gemäß, auch die Stunde am Ausgang der neun
Monate. Lange hielt Urbas das Neugeborene in der Hand, lange betrachtete
er das trübselig-ungestalte Ding. Auf seiner Stirn wetterte es freudig
und sorgenvoll.
Simon wuchs auf wie alle andern Bauernkinder; es wurde ihm nichts
leichter gemacht. Keine Kenntnis durfte ihm davon werden, wie lang man
auf ihn gewartet hatte und mit welcher Ungeduld. Was er seinen Leuten
wert war, mußte sich aus seiner Brauchbarkeit ergeben. Frühe Launen
zerschellten an der festgefügten Ordnung; frühe Krankheiten waren die
Probe, die zu bestehen war: taugst du oder taugst du nicht? Allerdings,
wer scharf zusah, konnte dann an Urbas eine unruhige Gespanntheit
wahrnehmen, als behorche er den innersten Blutgang im Leib des Knaben.
Das Behorchen blieb in seinen Zügen. Es grub sich faltenmäßig ein.
Schien es, wie wenn er nicht beachte, was Simon tat und sprach, so war
es falscher Schein. Niemand in seiner Umgebung konnte ermessen, mit
welcher Genauigkeit er in diesem Punkte sah. Ich erfuhr es. Ich erfuhr
es in einer Weise, die weder zu vergessen, noch eigentlich mitteilbar
ist. Es wären dazu andere Behelfe nötig, als sie mir zur Verfügung
stehen.
Eine fast erhabene Vorstellung von dem Verhältnis zwischen Vater und
Sohn war mit seinem Wesen verschmolzen. Er fühlte sich als Bauer, d. h.
er fühlte sich als König. Die Erde war seine Erde. Der Knecht war sein
Knecht. Wetter wurde für ihn gemacht, und für den Acker, und für die
Ernte. Er war Herr über das Land; sein Auge grenzte es ab bis zu dem
Stein, der von altersher unverrückt stand; kein Halm, der nicht in
seinem Namen aufschoß. Eigentum war das Heiligste von allem, und
Eigentum war des Herrn bedürftig, daß er es wachsam und unerbittlich
verwalte, bis auf den Pfennig, bis auf das Saatkorn. Der Sohn übernahm
es vom Vater, der Vater gab es dem Sohn, durch alle Zeiten hindurch; so
war die Ordnung der Dinge, anders war die Welt nicht zu verstehn.
Aber das heißt vorgreifen, und ich will den Faden behalten.
Die förmlichen Verhöre, die ich mit Urbas vorzunehmen verpflichtet war,
führten zu keinem nennenswerten Ergebnis. Die Antworten waren immer
dieselben, und sie jedesmal wiederholen zu sollen, schien ihm
verwunderlich und lästig zu sein. Er beschränkte sich auf die Tatsache;
erklären wollte er nichts. Sich zu verteidigen verschmähte er, auch von
einem Rechtsbeistand wollte er nichts wissen, und meinen Belehrungen und
Ratschlägen setzte er eine obstinate Gleichgiltigkeit entgegen. Als ich
ihm nahelegte, daß er durch eine freimütige Darstellung der Beweggründe
seines Verbrechens eine bedeutende Strafmilderung erzielen könne,
antwortete er lakonisch: »Es ist nicht an dem.« Ich entschloß mich, auf
die fruchtlosen Inquisitionen zu verzichten, zumal die Zeugenaussagen
und alles, was mir über die Person des Ermordeten wie über die des
Angeklagten selbst bekannt geworden war, eine lückenlose Motivenkette
geschaffen hatten.
Dennoch gab es zwei Momente der Ungewißheit, die aufzuhellen noch nicht
gelungen war. Das eine war das Gutachten des Gerichtsarztes über den
Leichenbefund am Tatort. Die Lage des Körpers zeigte nämlich nicht das
geringste Merkmal von verübter Gewalt, weder an der Art wie die
Gliederstarre eingetreten war, noch an den Kleidern, noch am
Gesichtsausdruck. Wäre nicht die Selbstbeschuldigung des Bauern gewesen,
so hätte sich der Beweis des Mordes schwer erbringen lassen. Das zweite
knüpfte sich an das unbestrittene Faktum, daß das Messer dem Simon Urbas
gehört hatte. Der Bauer behauptete, es sei im Hosengürtel Simons
gesteckt, und er habe es einfach herausgezogen; auch zu dieser Angabe
verstand er sich erst nach häufigem, ernstlichem Drängen. Sie trug das
Gepräge der Unwahrscheinlichkeit an sich, und am nächsten Tag widerrief
er sie auch und sagte, das Messer sei aufgeklappt auf dem Tisch gelegen;
Simon habe in der Frühe noch Brot damit geschnitten. Als ich ihm mein
Erstaunen über diese Veränderung einer wichtigen Aussage nicht
verhehlte, blickte er scheu zu Boden. Es war das einzige Mal, daß ich
etwas wie Verwirrung an ihm zu beobachten glaubte.
Den beharrlich schweigenden Mund zum Reden zu bringen, wurde zwangvoller
Trieb für mich. Fast ununterbrochen waren meine Gedanken mit dem
Menschen beschäftigt; die Deutlichkeit der Erscheinung, die
Hartnäckigkeit, mit der sie mich verfolgte, beunruhigte und quälte mich.
Immer wieder rief mir eine Stimme zu: der Mann ist kein Mörder; das ist
der Mann nicht, der hingeht und einem andern den Hals abschneidet wie
man ein Huhn schlachtet; dem eigenen Sohn mit Abscheu erregender
Brutalität zum Henker wird. Doch hatte er es ja gestanden. Was war
vorgegangen? Auf die Frage nach der Dauer seines Aufenthalts in der
Kammer hatte er stets geschwiegen oder höchstens die Achseln gezuckt;
erst beim letzten Verhör waren ihm, beinahe wider Willen, die Worte
entschlüpft, er schätze, es könne eine halbe Stunde gewesen sein. Was
war in dieser halben Stunde vorgegangen? Er gewahrte mein Nachdenken,
und sein Gesicht verfinsterte sich.
Ich sah, den eigentümlichen Zustand meiner Unruhe und Ungeduld zu
beenden, keinen andern Weg, als den Bezirk der Beruflichkeit zu
verlassen und ihm gegenüberzutreten, Mensch gegen Mensch. Ein gewisses
Vertrauen glaubte ich mir bei ihm erworben zu haben; so oft ich mich
bemüht gezeigt hatte, Heikles zart zu behandeln, glaubte ich eine
dankbare Regung in ihm verspürt zu haben. Zögern machte mich nur noch
die Erwägung, ob sich nicht der angeborene Argwohn gegen den Zudringling
aus der fremden Sphäre wenden würde, ob es nicht an den Mitteln zu
natürlicher Verständigung von vornherein mangle. Aber darüber halfen mir
Bild und Gestalt hinweg; Adam Urbas war ja kein Bauer gewöhnlicher
Sorte; er gehörte zu unserer Bauern-Aristokratie, seine bloße Haltung
zeugte von Scharfsinn und Noblesse, und so hoffte ich, daß ich den Weg
zu ihm nicht vergeblich bahnte. Ich überlegte nicht länger; eines Abends
im Dezember war es, als ich in das Gefängnisgebäude ging und mir die
Zelle aufsperren ließ, in der sich Urbas befand.
Ich hatte ihm Vergünstigungen für die Haft erwirkt. Es war ein
wohnlicher Raum, anständig möbliert mit Waschtisch, Bett und Spiegel,
behaglich warm. Er saß bei der Lampe und hatte die Bibel vor sich
aufgeschlagen. Ich grüßte, zog den Mantel aus, hing ihn an den Türhaken
und setzte mich Urbas gegenüber an den Tisch.
Sein Anblick frappierte mich jedesmal aufs neue; auch jetzt. Er war
massig wie ein Stier. Sein Kopf hatte die Rundheit der eingeborenen
fränkischen Brachycephalen, doch wies der Schädel, besonders die Bildung
an den Schläfen, Merkmale alter Zucht auf; die Knochen waren dort
auffallend dünn, die Haut bläulichgelb und fast durchscheinend. Der Mund
war weitgeschnitten, mit festverpreßten schmalen Lippen, die Nase
gebogen, mit starkem Sattel; das Gesicht, an das eines alten
Schauspielers erinnernd, war sorgfältig rasiert, die Hände waren die
eines Riesen. Die träglidrigen Augen öffneten sich selten; dann aber
hatte der Blick eine überraschende Durchdringungskraft, so daß es auch
mir nicht leicht war, ihn auszuhalten.
Um das Gespräch einzuleiten, sagte ich, ich hätte schon lange das
Bedürfnis empfunden, ihn aufzusuchen. Ich käme aber nicht in meiner
Amtseigenschaft, sondern, wenn er wolle, als Freund, dem ein Besuch
zufällig erlaubt sei. Im Grunde sei er mein Schutzbefohlener, und ich
trüge die Verantwortung für sein Wohlergehen.
Er blickte mich schweigend an. Nach geraumer Weile sagte er: »Sehr gütig
von Ihnen.«
Ich wehrte ab. »So möchte ich es nicht aufgefaßt haben,« sagte ich
ungefähr; »ich wünschte, Sie sollen mir jetzt nicht mißtrauen. Dem
Richter mißtraut man, unwillkürlich. Sie denken sich: Kommt er nicht als
Beamter, um seine Akten vollzuschreiben, so kommt er doch als
Neugieriger, um zu schnüffeln. Weder das eine, noch das andere ist meine
Absicht. Die Akten sind so gut wie geschlossen; wir stehen vor der
Verhandlung. Zur Neugier ist für mich wenig Anlaß; es ist mir ja alles
bekannt, will mir scheinen. Warum ich gekommen bin, weiß ich selbst
nicht genau. Ich mußte. Es war wie Pflicht.«
Wieder antwortete Urbas lange nicht. Endlich sagte er: »Ich glaube
Ihnen.«
Ich griff das Wort auf. »Wenn Sie mir glauben,« erwiderte ich, »dann
können wir uns ja über das Geschehene wie zwei gute Bekannte in Ruhe
unterhalten.«
Urbas dachte nach. Hierauf sagte er: »Wozu soll ich denn reden? Schlimm
genug, daß es hat geschehen müssen.«
»Das ist eben die Frage,« warf ich ein; »hat es geschehen müssen?
müssen?«
Er hob den Kopf, aber die Lider blieben gesenkt. »Daran zu zweifeln,
wäre die pure Vermessenheit,« sagte er.
»Es gibt nicht nur einen Zweifel,« beharrte ich, »sondern die
menschliche Gesellschaft verwirft Ihre Tat und verabscheut sie. Wollte
jeder in einem solchen Fall nach eigenem Gutdünken entscheiden, so wäre
des Schreckens kein Ende, so lebten wir wie unter reißenden Bestien. Wie
Sie sich vor sich selbst und Ihrem höchsten Richter verantworten werden,
weiß ich nicht. Uns Menschen sind Sie die Verantwortung noch schuldig.«
Urbas schüttelte den Kopf. »Was kann das Reden hinzutun oder wegtun?«
murmelte er gleichgiltig.
»Zwischen Ihnen und uns muß reiner Tisch werden,« sagte ich; »so lange
Sie sich trotzig verschließen, bleibt alles ein wüster Graus.«
»Wenn einer aber nicht die Worte hat?«
»Hat er sie nicht oder verweigert er sie nur aus Hoffart und aus Trotz?«
entgegnete ich; »prüfen Sie sich.«