An die Pforte dieses Werkes, das der Verfasser nicht ohne
verantwortungsvolles Zagen unternimmt, sei eine Geschichte von
hinübergreifender Beziehung gestellt, weniger in sich selber ruhend als
sonst Geschichten schlechthin, doch mit nichten Brevier oder
Verkündigung, nur Brücke, nur Weiser, und so auch Bild und Gespinnst
eher als Vorgang und Ereignis.
* * * * *
Ein Schriftsteller in mittlerem, ja vorgerücktem Alter, er werde Mörner
genannt, erfuhr zu einer bestimmten Zeit des letztvergangenen Jahres
eine unerklärliche Veränderung seines seelischen Gleichgewichts. Er
hatte nach längerer Ruhepause eine neue Arbeit begonnen, die seine
Gedanken despotisch beherrschte, und deren Schwierigkeiten ihn nicht nur
nicht abschreckten, sondern alle freien Kräfte in ihm sammelten und
gegen ein lockendes Ziel trieben.
Auf einmal brachen diese Kräfte. Eines schönen Tages erlahmte der Nerv
des Schaffens. Daß es keine vorübergehende Unlust, keine jener Trübungen
war, die wie Nebel über einer Landschaft und doch im Grunde atmende
Zeugnisse des Lebens sind, spürte Mörner. Es war wie wenn die Feder in
einer Uhr zerbricht, oder noch beunruhigender, wie wenn man eine
Vorratskammer betritt, die man mit Fleiß und Umsicht gefüllt hat, und
sie gänzlich leer findet.
Schließlich war es ein Verlust wie der Tod eines Wesens. Er sprach in
einem Freundeskreis darüber, mit Zurückhaltung anfangs, da es ihm
widerstrebte, innere Wirrungen zum Gegenstand des Meinungsaustausches zu
machen. Die Verstimmung, unter der er litt, war bereits aufgefallen;
was er nun als ihre Ursache bezeichnete, wollte keinem recht einleuchten
und man hielt es für Hypochondrie eines Zwischenzustandes. Man kannte
seine zweifelsüchtige und häufig schwankende Art; er hatte oft genug das
Schauspiel des Selbstquälers gegeben, der nach jeder abgeschlossenen
Leistung sie zerpflückte und hilflos wie vor dem ersten Beginn in die
Zukunft schaute, alles von Schicksal und Fügung erhoffend, nichts oder
wenig von seinem Talent. Aber seine Hingabe war unbegrenzt, seine Arbeit
ein opfervoller Dienst; dem unermüdlichen und redlichen Bemühen war der
reinste Wille gesellt, die Unbestechlichkeit des Gewissens, die jede
Erleichterung und Versüßung ablehnt. Dazu kam, daß ihm der Erfolg nicht
gefehlt hatte; mißtraute er ihm auch, so war er doch von ihm auf eine
gewisse Lebenshöhe getragen worden; war auch sein Name, sein Werk
umstritten, so genoß er doch die Achtung, ja die verehrende Neigung
Vieler und erhielt nicht selten unzweideutige Beweise davon.
Die Freunde nahmen also seine sichtliche Verstörung nicht ernst. Dies
reizte seine Ungeduld, und als einer von ihnen mit etwas zu billigem
Trost geendet hatte, sagte Mörner: »Wenn ein Mensch wie ich nicht mehr
an die Wichtigkeit und Notwendigkeit seiner Mission glaubt, ist er
einfach das allerüberflüssigste Geschöpf auf Erden. Wie erst, wenn ihm
die Aufgabe selber entschwindet, wenn er nicht mehr weiß, was er
überhaupt noch soll und das Fertige wie ein umgeblasenes Kartenhaus
hinter ihm liegt? Da wird alle Wirklichkeit ein Gespenstergraus; sein
Geist hat gar nicht Fassungsraum genug für die Tiefe des Abgrunds, der
vor ihm gähnt.«
Die Freunde stutzten und schwiegen. Einige begriffen nicht recht, was
er meinte, und er fuhr achselzuckend fort: »Mission ist freilich ein
viel zu anspruchsvolles Wort. Man dürfte seinen Ehrgeiz nicht über die
Haltung eines honetten Handwerksmeisters spannen. So war es in früheren
Zeiten. Das Außerordentliche entstand gleichsam durch bescheidenen
Zufall, nicht in priesterhafter Gier und Askese. Was erstrebt man denn,
was ersehnt man denn? Man will das Formlose formen; was die Natur
zerstückelt liegen läßt, zusammenfügen und es der großen Vergeuderin und
Zerstörerin entgegenhalten. Unzulänglich bleibt man dabei immer, aber es
ist wunderbar, so lang das Material gehorcht, und das Auge, und die
Hand. Zerrinnt einem aber der Stein, den man aus dem Bruch schlägt, zu
flüssigem Sand, flattern von der Fackel, die man am großen Weltenfeuer
entzündet hat, statt der Flammen rotgefärbte Papierfetzen empor, so ist
es schlimm, mehr als schlimm, es ist das Ende.«
Mit jäher Bewegung erhob er sich und ging ohne Gruß. Die Freunde sahen
einander verwundert an.
* * * * *
Eine Zeit lang verschanzte er sich in seinem Hause, und niemand konnte
zu ihm gelangen. Dann hieß es, er sei verreist, um in der Stille eines
Landaufenthalts Sammlung zu gewinnen. Aber schon nach ein paar Tagen
kehrte er zurück. Sein Aussehen erregte Besorgnis. Tiefe Gruben hatten
sich in den Wangen gebildet; der Blick war der eines Kranken. Er kam
wieder zu den Freunden und gestand, die Einsamkeit sei ihm Pein. Doch
auch Geselligkeit schien ihn nicht aufmuntern zu können. Man machte ihm
in liebevoll-scherzhafter Weise den Hof, man schmeichelte ihm, man
erwies ihm zarte kleine Ehrungen; umsonst, es war ihm kaum ein Lächeln
abzulocken. Er stellte sich fast jeden Abend ein, wie einer, der vor
sich flieht; er bat, man möge ihn bloß dulden, wenn es zum Ärgsten
komme, werde er trachten, nicht zur Last zu fallen. Was er unter dem
Ärgsten verstand, darüber äußerte er sich nicht; die Hausfrau, die seine
ergebenste Anhängerin war, zog ihn beiseite und beschwor ihn, sich zu
fassen, zu erheben; er mache durchaus den Eindruck eines Menschen, den
ein Phantom zum Narren hält; man sei so viel Befeuerung von ihm gewöhnt,
so viel gesunde, heilsam wirkende Kraft, dies könne doch nicht mit einem
Mal zu nichte werden; ob sie ihm helfen könne, ob er sie des Vertrauens
nicht mehr würdige? Sie sei zu jedem Opfer bereit, sie wie auch alle
andern, die bestürzte Zeugen seiner Verwandlung seien.
Er schüttelte den Kopf. »Zu helfen ist da nicht,« antwortete er; »es
wäre besser, Sie zerrten mich nicht aus der Dumpfheit heraus. Das letzte
Versteck darf man mir nicht nehmen; gegen Beleuchtung wehrt sich alles
in mir, die Dinge bekommen dadurch ein zu prahlerisches Gesicht. Mein
Fall ist an sich gering; legt ihr ihm Bedeutung bei, so werdet ihr nur
zu Urhebern von neuen Leiden. Was ich an mir erfahre, ist doch bloß die
Folge einer vielfach verschlungenen Kette von Selbsttäuschungen und
Selbstüberschätzungen. Man hat sich zu lange gefallen, man hat sich zu
lange beruhigt, man hat immerfort behaglich im lauen Wasser
geplätschert. Die Erkenntnis ist schmerzlich. Wie wäre einem Menschen zu
helfen, der niemals in einen Spiegel gesehen hat, der bis zu dem Moment,
in dem es geschieht, im Wahn befangen war, er sei schön, er sei
wohlgebildet, er habe angenehme Züge, und plötzlich grinst ihm aus dem
Glas eine abscheuliche Fratze entgegen? Wie wollen Sie dem helfen? Daß
mich ein Phantom zum Narren hält, ist außerdem noch wahr.« Er zögerte
in ungewisser Scham und fuhr fort: »Stellen Sie sich vor, daß ich nicht
allein sein kann, ohne daß mir zumute ist, ein dringlich fordernder
Gläubiger sei hinter mir her und verlange die Bezahlung einer Schuld.
Und zwar ein Gläubiger, dem ich zu Dank verpflichtet bin, der mir große
Dienste geleistet hat, den ich wiederholt, mit guten und schlechten
Gründen, habe vertrösten müssen und der nun, selbst in Bedrängnis, das
langgefristete Darlehen nicht mehr stunden will. Das ist keine Figur,
liebe Freundin, kein Gleichnis für einen beengten Zustand, es ist eine
Realität. Auch okkulter Einfluß kann eine Realität sein. Sie wissen, daß
ich Skeptiker genug bin, um solchen Anfechtungen zu widerstehen. Wer hat
sich nicht schon über meine Trockenheit beklagt, in dieser wie in
anderer Beziehung! Hier scheitern vernünftige Erwägungen an einer
Vision, an der der ganze Organismus teil hat, das furchtbar genaue
Wissen darum, wie es um mich bestellt ist. Leute meines Schlags kennen
ihr eigenes Innere so gut wie die Bureauschreiber ihren
Registrier-Apparat, und wo da die Tugend aufhört und die Sünde beginnt,
ist schwer zu sagen. Die Quelle, die uns nährt, ist zugleich vergiftet,
und wir sterben daran, ohne das Gift zu spüren.«
»Aber was _wir_ davon spüren, wir Zuschauer und Zuhörer, ist Freude und
erhöhtes Leben,« versetzte die Freundin herzlich und reichte ihm beide
Hände.
Mörner blickte grübelnd vor sich hin. »Bei alledem, sollte man es
glauben,« sagte er mit einem Rest von Selbstverspottung im Ton, »bei
alledem ist es wie eine letzte Genugtuung, daß er kommt, dieser
Gläubiger, daß er mahnt. Er hält mich also noch für zahlungsfähig, ich
habe also noch Kredit in der Geisterwelt. Sonderbar, daß wir nicht
ärmer werden, wenn wir dort unsere Schulden begleichen, im Gegenteil.
Nur muß man eben zahlen können, und ich kanns nicht. Die Kassen sind
leer bis auf die Neige. So arm darf man nicht werden, oder man hat
miserabel gewirtschaftet.«
Mörner begab sich wieder zu den übrigen, die harmlos plauderten, die
Hausfrau folgte ihm mit zwiespältigem Gefühl. Die unerbittliche Logik in
der Verwirrung überraschte sie und stimmte sie nachdenklich. Da ging
eine Abrechnung vor sich, hartnäckiger und ernsthafter als dem bloß für
Alltags-Ungemach geschulten Blick erkennbar war.
Das Gespräch geriet auf die Zeitumstände, und ein junger Lehrer der
Philosophie machte die Bemerkung, in einer Epoche, wo die Wirklichkeit
soviel Stoff produziere wie in der gegenwärtigen, das stürmisch
fließende Schicksal soviel rohes Material ans Ufer schwemme, in einer
solchen Epoche müsse die schaffende Phantasie durch ein automatisch
funktionierendes Ausgleichsgesetz erlahmen; erst spätere Geschlechter
seien wahrscheinlich imstande, das chaotisch Hingeworfene, Strandgut der
Geschichte, zu neuen Bauten zu benutzen. Daher der Verfall der Kunst,
daher das Versagen der Künstler.
Mörner, der bislang schweigend zugehört hatte, unentschlossenen Anteil
in den Mienen, zuckte plötzlich auf. Es war eine nicht sehr taktvolle
Äußerung im Hinblick auf ihn, das empfanden alle, auch der Sprechende
selbst, der errötend abbrach. Aber sie war nun einmal getan. Mörner
erhob die Hand mit gespreizten Fingern, als wolle er verhüten, daß ihm
ein anderer im Wort zuvorkomme und sagte: »Ach nein, nein, nein.
Unleugbar steht uns die Zeit entgegen, aber nicht wegen der Überfülle
des Geschehens, sondern wegen der Zerstörung der Geister und der
Seelen. Von welchen Flammenausbrüchen genialer Naturen sind vergangene
Umwälzungen begleitet gewesen! Wollt ihr Namen? Sie wimmeln. Jede
Revolution hat Propheten und Gestalter aus ihrem Schoß geboren; einen,
der die Eroica in die brüllende Woge schleuderte, einen, der seinem
grandiosen Schmerz die Hermannsschlacht entriß, einen, der mitten in
gewaltigen Gärungen die Tribüne der #Comedie humaine# errichtete.
Gerufen von der Sehnsucht ihrer Welt, gaben sie ihr Stimme und Bild,
wiesen ihr die Wurzel und den Gipfel ihres Geschicks. Heute aber? War
jemals eine Menschheit so zu Boden getreten? Sagt mir nicht, er sei
vielleicht da, irgendwo unter uns, der glühende Zeuge und wunderbare
Architekt, und ich vermöchte ihn bloß nicht zu sehen und zu hören. Du
und du und Sie und Sie und ich, warum sollten ihn wir nicht ahnen, nicht
kennen? Würden nicht unsere Nerven bei seinem geringsten Hauch
vibrieren? Wäre er nicht Fleisch von unserm Fleisch, Blut von unserm
Blut? wer sollte ihn wissen, wenn nicht wir? Es gibt ihn nicht. Seine
Entstehung schon wird im Keime erstickt. Der Schoß ist unfruchtbar
geworden, es kommt nicht mehr bis zur Kristallbildung; es bleibt beim
Ansatz; in den Elementen ist kein Wille, sich zu ballen; die ruhende
Sehnsucht ist nicht produktiv. War jemals eine Menschheit so zu Boden
getreten? frag ich noch einmal; so müde, so stumpf, so entblättert, so
kurz von Atem und so kühl im Hirn? Spürt ihr es nicht, wie keine
Resonnanz wird? Kein Sinn will mehr aufnehmen; es sei denn die gröbste
Nahrung; nichts ist Besitz, alles Erwerb; nichts Erlebnis, alles Kitzel;
keinem Gemüt prägt sich das Wesen ein, nur die Verzerrung davon; die
Ehrfurcht ist geschwunden, die Überlieferung abgeschnitten, der Glaube
tot, das Wissen ein mörderisches Narkotikum. Kein Zusammenhang und
Zusammenklang, in der Höhe nicht, in der Tiefe nicht, bei den Guten
nicht, bei den Bösen nicht. Hinten versinkt alles in Abgründen, vorne
öffnen sie sich. Panische Flucht nach allen Seiten; Angst, sich zu
verpflichten, Angst vor der Hand, die sich bietet, Angst vor dem
Schmerz, Angst vor der Wahl, Angst vor jeglicher Entscheidung, Angst
sogar vor der Erinnerung an den verlorenen Gott. Und wird euch denn
nicht ebenfalls Angst, wenn ihr die Heraufkommenden betrachtet, diese
Zuchtlosen, ihre Lust an der Raserei, an der Tobsucht des frierenden
Verstandes; ihren Götzendienst vor der Chimäre, den Kultus vor dem
Golem, die grauenvoll ummauerte Isolierung eines jeden, in der er, um
sich und die andern Isolierten zu betäuben, wie ein verrückt gewordener
Anachoret nach Verbrüderung schreit, rachsüchtig und voll Haß in seiner
Wehleidigkeit? Was soll werden? Man kann eine Ruine aufbauen, wenn das
Material noch halbwegs brauchbar ist, aber aus morschem Plankenwerk und
wurmstichigen Brettern ein seetüchtiges Fahrzeug zimmern, das ist
unmöglich. Da habt ihr die Krankheit. Da ist es aufgerollt, das Gemälde
der Katastrophe, meiner und aller derer, die noch gutgläubig oder weil
sie sich der schrecklichen Klarheit eine Weile noch verschließen wollen,
am Werke sind. Morituri te salutant. Es ist kein Cäsar da; grüßt man
also die Blinden und Tauben, die unsere Geschicke lenken? Sie bilden
sich nur ein, zu lenken, sie werden mitgeschleift und mitzerschmettert.«
Während er so sprach, hatte es Mörner geschienen, daß die Tür
aufgegangen und jemand eingetreten war. Er schaute sich um, bemerkte
aber keinen Hinzugekommenen, auch verriet nichts in den Mienen der
Freunde, daß sie eine gleiche Wahrnehmung gemacht. Die Augen ruhten
groß auf ihm, mit scheuem und betroffenem Ausdruck. Indessen wich das
Unbehagen nicht von ihm, das die verborgene Anwesenheit eines Fremden
verursacht. Sein suchender Blick prüfte die Gesichter. Es war kein neues
darunter; er kannte jedes. Doch dünkte es ihn, im Hintergrund des Raums,
zwischen Flügel und Bücherkasten, wo das Licht sich verlor, sitze eine
Person, die vorher nicht dagewesen war. Er wagte es nicht, sich zu
vergewissern, hielt aber das Gefühl für untrüglich.
Die wohllautende Stimme eines jungen Mädchens sagte: »Ist denn nicht,
wer schafft, im tiefsten Sinne ohne Zeit? Ist es denn diese eine, nahe,
bestimmte Welt, die ihm notwendig ist, und nicht vielmehr eine
übertragene obere, die sein Traum wahrer macht als die untere? Sie
selbst haben es uns so gelehrt. Nicht in Worten; im Beispiel. Und was
wir so oft mißverstanden und falsch verstanden haben, daß der Dichter
ein entselbsteter Mensch ist, so nannten Sie es ja, der Mensch ohne
Partei, ohne Meinung fast, dem alles Leben zur Speise wird, ist das denn
nicht mehr das Gesetz, dem Sie sich demütig beugen, wie Sie immer getan
haben?«
Mörner senkte den Kopf, und als er antwortete, war es ihm, als stehe er
nicht der sanften Fragerin Rede, sondern der verborgenen Person, die er
im Zimmer wußte. »Widerstände können wachsen,« sagte er; »es ist
jedesmal ein harter Weg dorthin, in die obere Welt; eines Tages sind die
Schranken unübersteiglich. Die Kraft reicht nicht mehr zu; der Mut ist
nicht mehr da. Werktätigkeit beruht auf Wechselwirkung. Das Leben ist
meine Speise, freilich; wenn aber die Speise faulig wird, wie dann? Wenn
die Augen nicht mehr sehen können, das innere Membran nicht mehr
erzittert, das Bild nicht mehr zu fassen ist, das Gefühl seine
Sicherheit einbüßt? Wie dann? Beide Welten, die obere und die untere
sind mir zu Schemen verblaßt. Ich kann nichts mehr greifen, es bleibt
mir nichts in der Hand, ich bin zur Ohnmacht verurteilt, ich bin ein
Selbst geworden.«
Er lächelte traurig, zuckte die Achseln und schwieg. Sein Ohr lauschte
in die Richtung, wo der Unsichtbare saß. Der aber verriet seine
Gegenwart durch keinen Laut und keine Bewegung. Als das junge Mädchen
sich zum Flügel setzte und ein Bachsches Präludium zu spielen begann,
schien er seinen Platz zu verändern.
Mörner wollte die Freunde durch seine Gegenwart nicht länger bedrücken
und entfernte sich still. Durch die mitternächtlich verödeten Straßen
trat er den Heimweg an, doch war ihm nicht wohl zumute bei der Aussicht
auf Alleinsein in seinem Hause.
* * * * *
Er hörte Schritte hinter sich, eine Weile schon. Es folgte ihm jemand.
Die Luft war mild, das Gewölbe bis in die Unendlichkeit umschleiert. In
der Dunkelheit wuchtete Ahnung, die die Seele zusammenpreßte und sie
aufsteigen machte gleich einer artesischen Säule. Er erinnerte sich
solcher Nächte aus seiner Jünglingszeit. Es waren dieselben
flaumsüchtigen Wolken gewesen, damals, in der Stadt seines Elends,
mitten im Herzen Deutschlands, dieselbe bittersüße Feuchtigkeit in der
Atmosphäre, dasselbe heimliche Säuseln und Brodeln in der Erde. Warum
war ihm das Längstvergangene heute nah? Kündigte sich Prüfung an und
neue quälende Überschau? Parade über die Truppen vor der Abdankung? Ein
Laut war wie Vogelruf, genau wie damals aus dem Gebüsch am trüben Fluß,
der die Fabrikwässer führte. Aber damals war es Verheißung gewesen,
heute war es Verzicht; damals Ankunft, heute Abschied; damals hatte
Romantik um die verschlossenen Tore und schwarzen Fenster geschauert,
heute das frostige Wissen. Drei Jahrzehnte vergeblichen Wegs in eine
Sackgasse!
Er ging langsamer; der ihm folgte, verzögerte ebenfalls den Schritt. Er
ist es, durchfuhr es Mörner, und seine erste Regung war, zu fliehen.
Doch trotzte er ihr; an einer Ecke unter einer Gaslaterne blieb er
stehen. Der andere kam heran, lüpfte den steifen niedern Hut und sagte
leise: »Guten Abend.«
Es war ein Mann von nicht genau bestimmbarem Alter; Mitte der Dreißig
ungefähr; jugendlich schlank, aber in der Haltung etwas schlaff und im
Gang schleppend. Soviel sich im ungewissen Licht ausnehmen ließ, waren
die Haare blond. Die Kleidung war adrett, obwohl ein wenig abgetragen.
Das bartlose Gesicht war auffallend hager, mit tiefliegenden blauen
Augen und erstaunlich scharfen Kerben um den Mund. Alles in allem war es
ein schönes, zumindest ein schön gewesenes Gesicht, das nichts Vulgäres
an sich hatte.
»Ich hoffe, Sie nicht zu stören,« sagte der Unbekannte mit
achtungsvoller Artigkeit, die den Mann von Erziehung verriet; »wir haben
den nämlichen Weg, scheint es; darf ich Sie begleiten?«
Mörner verbeugte sich kühl. Er zürnte sich wegen der Beklommenheit, die
er empfand. Seite an Seite setzten sie den Weg fort.
Der Unbekannte sagte: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich nicht
vorstelle; aber ich habe keinen Namen. Ich mache wenigstens schon lange
keinen Gebrauch mehr von ihm. Nur im Notfall nenne ich mich, so oder
so; es gibt ja zwingende Situationen; ich schütze dann einen erfundenen
Namen vor. Ich denke, Sie legen auf diese Formalität kein Gewicht.«
Immerhin ein merkwürdiger Geselle, dachte Mörner und sah geradeaus auf
das Pflaster. So auch, vor sich hin, erkundigte er sich: »Sie sind fremd
in der Stadt? Seit kurzem erst hier, wenn ich fragen darf?« Er ist es,
dachte er wieder, und mit einer Anwandlung von Haß: wozu die gezierten
Vorbereitungen? weshalb spielt er Verstecken mit mir? was ist seine
Absicht?
»Ja, ich bin fremd,« gestand der Herr mit seiner leisen, freundlich und
rücksichtsvoll klingenden Stimme; »aber daran bin ich gewöhnt. Ich bin
eigentlich überall fremd. Das heißt, obenhin betrachtet, bin ich fremd,
genau genommen nicht. Ich reise fortwährend, wissen Sie, bin immer wo
anders, ohne festes Domizil. Ich liebe es nicht, Aufenthalt zu nehmen.
Wenn man sich aufhält, entstehen Versäumnisse. Viele Jahre bin ich schon
unterwegs, und es ist manchmal schwer, der Müdigkeit nicht nachzugeben.
Aber wir wollen nicht von mir sprechen. An mir ist nichts interessant.
Sie werden es mir nicht verübeln, wenn ich offen gestehe, daß ich Ihnen
aus reiner Neugier nachgegangen bin. Wären Sie mir entschlüpft, ich
hätte wirklich nicht gewußt, was tun. Ich hätte Sie bestimmt noch heute
Nacht in Ihrer Wohnung aufgesucht, und diese Zudringlichkeit wäre Ihnen
wahrscheinlich sehr unangenehm gewesen.«
»Sie waren also dort, dort oben bei meinen Freunden?« stammelte Mörner;
»ich habe mich also nicht geirrt ...?«
Der Unbekannte nickte. »Gewiß, ich war dort,« erwiderte er etwas
beschämt; »es hat mich unwiderstehlich hingezogen. Ich wußte von Ihnen.
Ich hatte irgendwelche Botschaft. Aus tausend Stimmen dringt eine
hervor, vernehmlicher als die andern. Ein Blatt Papier, ein
aufgefangenes Wort, was kann das nicht alles bedeuten. Und zufällig saß
ich Ihnen neulich im Eisenbahncoupé gegenüber, entsinnen Sie sich nicht?
Da erfaßte mich sofort die Neugier, trotzdem ich über das Wichtigste
gleich im Klaren war, und ich blieb unablässig auf Ihren Spuren.«
In der Tat glaubte sich Mörner zu entsinnen, den Unbekannten während
einer vielstündigen Fahrt im halbdunkeln Abteil gesehen zu haben. Er
wunderte sich, daß ihm das erst jetzt einfiel, denn Gestalt und Gehaben
des Menschen waren ihm ungewöhnlich erschienen, das vollkommen
unbewegliche Sitzen, der intensive Blick, eine gewisse Naivität und
Bescheidenheit in den Mienen, verbunden mit einer schwer definierbaren
lächelnden Undurchdringlichkeit, alle diese Einzelheiten sah er lebhaft
vor sich. Seine Spannung und Unruhe wurde dadurch nicht vermindert.
»Wieso waren Sie sich über das Wichtigste im Klaren?« fragte er und
suchte seine Erregung hinter einem gereizten und mürrischen Ton zu
verbergen. »Bin ich denn so auf den ersten Blick zu ergründen? Nichts
für ungut, aber gegen das Hellsehn hab ich meinen Argwohn; es ist durch
einige Leute von meinem Metier diskreditiert und läuft gewöhnlich auf
Charlatanerie und Mystifikation hinaus.«
»Ich habe ja auch Ihre _Worte_ gehört,« antwortete der Fremde einfach.
»Daß Sie mißtrauisch sind, begreife ich. Sie kennen mich ja nicht. Ich
habe mir noch kein Recht auf Ihr Zutrauen erworben. Ich bin ein
Namenloser, wie gesagt, ein Niemand; es steht bei Ihnen, mich für einen
Charlatan zu halten. Nur bitte ich Sie, Ihr endgültiges Urteil noch zu
verschieben.«
Er wich einem Hund aus, der über die Straße lief und fuhr mit derselben
unerheblichen Stimme fort: »Nein, Hellseher bin ich nicht, und daß ich
Sie auf den ersten Blick ergründet habe, behaupte ich auch nicht. Was
mich zu Ihnen getrieben hat, ist neben der Neugier, die mir angeboren
ist, die sonderbare Leidenschaftlichkeit in Ihnen, die sich auf alles in
Ihrem Umkreis unmittelbar überträgt. Sie ist sehr selten, diese Art von
Leidenschaft, diese entselbstete; der Ausdruck stammt ja von Ihnen. Es
hat mich magnetisch angezogen; ich meine das nicht bildlich. Ob ich
wollte oder nicht, ich mußte dorthin, wo Sie waren. Auf dem Meer, mitten
in einer Windstille, bei blauem Himmel, hat man manchmal die deutliche
Empfindung, daß ein furchtbarer Sturm irgendwo hinter dem Horizont
wütet, der das Schiff förmlich in seinen Trichter saugt. So war Ihre
Wirkung auf mich. Die meisten Menschen wissen nichts von ihrer eigenen
Wirkung. Das Leben stumpft sie ab dagegen. Viel notwendiger ist es, die
eigene Kraft kennen zu lernen, als die der andern. Mächtige Seelen
liegen oft faul da und ahnen nichts von dem Magnetismus, der in ihnen
aufgesammelt ist. Ich unterscheide die Menschen danach. Es ist eine
Stufenleiter; von denen, die oben stehen, strahlt die größte Kraft aus,
die Schicksalskraft, die Verantwortlichkeitskraft. Das ist der Kitt, der
bindet. So war wenigstens meine Erfahrung. Das ist auch der Grund, warum
mich Ihre Leidenschaftlichkeit so beschäftigt hat. Worauf sie eigentlich
gerichtet ist, kann ich nicht genau ermessen; ich habe nur zum Teil
verstanden, was Sie dort in dem Haus sagten; ich bin kein sehr
gebildeter Mensch und habe wenig gelesen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich
habe mir nur einige Fähigkeiten angeeignet, durch die es mir möglich
geworden ist, – aber lassen wir das, davon erzähl ich Ihnen später,
falls es sich ergibt. Folgende Überlegung war es, die mich berührt hat
wie seit langem nichts. Ich sagte mir: wenn man mit einer solchen Flamme
in der Brust vor der Menschenwelt steht, wie kann es sein, was muß da
geschehen sein, daß die Flamme nicht leuchtet, daß nicht alles in
blendender Helligkeit vor ihr liegt, daß der, der sie besitzt, sich über
Finsternis beklagt und eben dadurch in Gefahr kommt, tatsächlich in
Finsternis zu versinken? Wie geht das zu? Ich sagte mir weiter:
Vielleicht kannst du da Nutzen stiften, es ist dir ja schon manchmal
gelungen; da liegt so eine Seele, sagte ich mir, eine mächtige Seele und
windet sich in Zuckungen; vielleicht kannst du das trübe Medium von der
Netzhaut dieses Menschen lösen, mehr ist vielleicht nicht zu tun; das
Ganze ist eine Erkrankung des Auges; freilich nicht des physischen
Auges; was darf nicht alles Auge heißen bei den Edleren: das Herz ist
selber Auge.«
Die häufig stockende, wie aus Bescheidenheit unsichere und zögernde Rede
des Fremden drang mit jeder Silbe unhemmbarer in Mörners Inneres. Harte
Schlacken schmolzen, der Krampf lockerte sich.
Was für ein Mensch ist dies? dachte er zwischen zwei Atemzügen, von
denen der eine noch Qual war, der nächste schon Hoffnung.
* * * * *
Sie saßen im Arbeitszimmer des Schriftstellers. Der Unbekannte begann zu
erzählen. Er hatte es gewiß noch nie getan, denn es hatte unverkennbare
Erstmaligkeit.
Es war viele Jahre her, daß er als Sohn eines reichen Hauses, verwöhnt,
umworben, wie ein Thronfolger umschmeichelt, eines plötzlichen Tages
alles von sich geworfen, alles Überflüssige, wie er sich ausdrückte:
Geld, äußere Würde, gesellschaftliche Stellung, die Freunde, die Frauen,
die Dinge, die Gewöhnungen, den Ehrgeiz, den Namen; alles von sich
abgestreift, bloß um zu leben, um wirklich zu leben.
Mörner glaubte sich zu erinnern, davon gehört zu haben. Aber die Zeit
hatte den Eindruck des damals Vernommenen und wahrscheinlich Entstellten
verwischt.
Der Schritt des jungen Mannes hatte Verwunderung und Kopfzerbrechen
erregt. Er verursachte auch vielen Menschen Leiden, die ihm bluts- und
wesensnah waren, aber danach durfte er nicht fragen. Er verzichtete auf
alles, was ihm lieb und unentbehrlich gewesen war und ging den Weg, den
er sich selber bahnen mußte, und der umso schwieriger und mühevoller
war, als es ein bestimmtes Ziel auf ihm nicht gab. Man mußte sehen,
wohin man kam.
Was er unter »wirklich leben« verstand, das vermochte er weder damals
noch später befriedigend zu erklären. Man hielt ihn deshalb für einen
unklaren Kopf, und selbst diejenigen Leute, die seine herausfordernde
Luxusexistenz verurteilt hatten und seinen Bruch mit der Vergangenheit
im Prinzip billigten, zuckten über die Ausführung die Achseln. Sie
hatten etwas Besonderes, Niedagewesenes erwartet und machten aus ihrer
Enttäuschung keinen Hehl. Sich seinen Verpflichtungen entziehen, die
Schiffe hinter sich verbrennen, das kann schließlich jeder, so sprachen
sie ungefähr; Geld und Gut fortwerfen, schön; in freiwilliger Armut
leben, schön; aber angenommen sogar, daß man nicht zu den ägyptischen
Fleischtöpfen zurückkehrt, wenn einem die Geschichte eines Tages zu bunt
wird, wo ist die Idee? Was für ein Dienst wird der Menschheit damit
geleistet? Was wird bewiesen, wodurch etwas geändert? Verkündet er eine
neue Lehre? Lockt das Beispiel zur Nachahmung? Ist es überhaupt
nachahmenswert? Hat er die Welt um einen fruchtbaren Gedanken
bereichert? Nein, stellten sie fest, es ist unreife Schwärmerei,
bestenfalls eine moderne Donquichoterie; Herrenlaune im Grund, nur
verblüffender als die früheren, und genau besehen ist er derselbe Snob
geblieben, der er war, wenn auch nicht geleugnet werden soll, daß ihm
Übersättigung und Verzweiflung den Antrieb gegeben haben.
So äußerten sich die meisten. Er aber kümmerte sich nicht darum. Ihre
Reden drangen bald nicht mehr zu ihm. Er schied aus ihrer Mitte. Er
schwand aus ihrem Gesichtskreis. Binnen kurzem war er verschollen. Er
ging in die Tiefen hinunter. Umkehr gab es für ihn keine.
* * * * *
Er erzählte, daß er ziemlich lange in der Borinage gelebt, bei den
Bergleuten; damals noch als Müßiggänger und neugieriger Gast. Der
Anblick des Elends hatte ihm diese Rolle unerträglich gemacht. Es hatte
sich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Amerika geboten. Drüben war er
gezwungen, sein Brot zu verdienen. Er griff zum Schwersten, ging unter
die Verlader am Hudson und war gegen Tagelohn angestellt. Er wurde
krank. Genesen, unterrichtete er die Kinder eines polnischen Flüchtlings
im Lesen und Schreiben.
Er hielt sich in seiner Erzählung bei den selbstverständlichen
Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens nicht auf. Um seine Person war
es ihm ja nicht zu tun. Seine eigenen Leiden kamen nicht bloß nicht in
Frage dabei, sondern er nahm gar keine Notiz von ihnen, sie waren kaum
vorhanden für ihn.
Er erzählte, immer in dem nämlichen gleichmäßigen Tonfall und ohne die
geringste Eindringlichkeit, daß er sich bei einem großen Grubenunglück
in Pensylvanien an den Rettungsaktionen beteiligt habe und wochenlang in
den Schächten gewesen sei; wochenlang in der Gesellschaft verwaister
Kinder, verwitweter Frauen, dann daß es ihn immer weiter getrieben wie
einen, der unstillbaren Durst hat und bei jedem Trunk nur noch durstiger
wird. Daß er das Leben der Metallarbeiter kennengelernt habe, berichtete
er, und das der Maschinenbauer, und das der Eisenbahnarbeiter, und das
in den Schlachthäusern, den Konservenfabriken, Spinnereien, Sägewerken
und Druckereien. Daß er mit Fischern gelebt, mit Holzfällern, mit
Kleinbürgern, mit Beamten, mit Kellnern, mit Defraudanten, mit
Bar-Tänzern, mit Negern, mit Farmern, mit Journalisten. Daß er Diener
eines Sekten-Oberhaupts gewesen, Schreiber bei einem Börsenmakler, Agent
für ein Annoncenbureau. Daß er in einer Besserungsanstalt und in einem
Zuchthaus war, nicht als unbeteiligter Besucher, sondern als Sträfling,
indem er sich mittels gefälschter Papiere für einen andern ausgegeben.
Daß er wochenlang in den unterirdischen Kanälen von Neuyork genächtigt;
in den Opiumhöhlen von Chicago gelebt und unter den Auswanderern auf
Ellis-Island als Lazarettgehilfe gedient. Daß er ein Jahr darauf mit
einer Goldsucher-Expedition nach Alaska gegangen sei; von dort nach
Japan; von dort nach China. Daß er von Peking aus ins Innere, den Fluß
entlang, gewandert sei, und mit einem tibetanischen Lama nach Madjura,
der heiligen Siedlung mit dem Lilienteich und den Türmen aus
Götterbildern; immer unter den Menschen, dicht bei den Menschen, immer
einsam, dicht bei sich, von Tag zu Tag einsamer, von Tag zu Tag
reicher, beladen mit Reichtümern, und immer noch durstig. Er erzählte
weiter. Das alles war erst Untermalung; Figur und Umriß zeigten sich
später.
Er sprach von Schiffen und Dschunken; vom Himmel, vom Meer; von Wäldern
und Gärten; von Tempeln und Festen; von Städten und Wüsteneien; von
Heiligen und von Verbrechern; von religiöser Versunkenheit und
weltlicher Mühsal; von Aufruhr und Unterdrückung, von innigem Werkfleiß
und liebender Tat. Vom Schicksal und abermals vom Schicksal, seinem
Wechsel, seinem Grauen, seiner Herrlichkeit, seiner in alle Seelen
gewirkten Vielfältigkeit.
Er hatte erkannt; vom Erkennen war er voll. Er hatte Kräfte in sich
geschlürft mit Begierde. Er hatte die Bindungen und Verflechtungen des
Menschheitskörpers sehen gelernt wie man die Lagerungen der Muskeln und
Adern an einem hautlosen Leib wahrnimmt. Er war vertraut mit dem Fühlen
und Denken aller Verlorenen, Irrenden, Geplagten und Duldenden an allen
Enden und Ecken der Erde. Er kannte die Lasterhaften, die Mörder, die
Diebe, die Hehler, die Geknechteten, die Einfältigen, die Erglühten, die
stummen Unverdrossenen. Für ihn zogen sich Fäden von der Küste des
indischen Ozeans bis zu den Palästen europäischer Metropolen. Alles war
ein einziger, bebender, heißer Leib; alles wie die verschlungenen Zweige
eines ungeheuren Baums. Er drückte dergleichen nicht aus, dazu war er
nicht imstande, aber es lag in seinem Aug und Wesen.
Er war, vom Osten her, durch den Krieg gegangen, unangefochten,
bewillkommt, von schonender Luft und schonenden Händen umgeben, und wo
er war, schien er für die andern von jeher gewesen zu sein. Er hatte die
Schlachtfelder durchzogen, die Brandstätten, das blutbesudelte Land,
hüben und drüben, das zermalmte, seufzende Land. Er war Zeuge geworden
von Plünderung und Metzelei, Hunger und Haß, Wahnsinn und Lüge,
Bestialität und Verzweiflung. Aber auch von verborgenem Heldentum und
dem kleinen Glück der Genügsamen, von Opferdienst und Wundern der
Vollbringung. Er wurde nicht müde; er durfte es nicht werden, denn er
sah noch kein Ziel.
Was mag das Ziel sein? ging es Mörner durch den Sinn, indes er lauschte
und mitlebte; in dem unendlichen Zirkel der Bilder und Vorstellungen
dachte er plötzlich an Buddhas Wiese, an die seligen Gefilde der letzten
Entäußerung, des letzten Wissens, des letzten Friedens, der letzten
Inkarnation, Höhenscheide zwischen irdischer und himmlischer Welt.
Wußte er nicht, wohin er ging, der überaus Seltsame? Darüber war kein
Zweifel, daß er sich übernatürliche Fähigkeiten angeeignet hatte, das
heißt, von denen aus betrachtet, die noch nicht an die Natur reichen: Er
hatte sie erworben, weil sein Einsatz übermenschlich war, das heißt, von
denen aus betrachtet, die noch nicht ans Menschliche reichen.
* * * * *
»Ich durfte mir keinen Zweck setzen, so wie ich mich nicht binden
durfte,« sagte der Unbekannte; »im Zweck liegt schon das Übel; der Zweck
hat die Welt so ins Fieber gebracht. Nein, ich durfte mich niemals
binden, sonst hätte ich den Zusammenhang verloren. Ich mußte immer
wieder Abschied nehmen, immer wieder brechen, sonst hätte ich mich
versäumt und die wichtige Stunde. Die wichtige Stunde ist die nach der
Überwindung und dem Entschluß. Da ist die Kraft ohne Maß und Grenzen.«
Die Stimme blieb gleich nüchtern, gleich karg, gleich unbetont; gleich
höflich die Haltung, sparsam die Gebärde. Oft spielte ein Lächeln um die
Lippen, die ungealtert waren, indes sich andere Teile des Gesichts
eigentümlich verwittert zeigten, besonders die Stirn und die
Schläfengruben; auch das Haar war an manchen Stellen silbrig angegraut.
Das scheue Lächeln schien die Versicherung zu enthalten, daß die Distanz
nicht überschritten werden würde, die der Andere vorschrieb. Der
unerhobene Ton aber, die zarte, rücksichtsvolle Bemühung um das
äußerlich Konventionelle und Gestattete verlieh den Worten eine
vollkommene Durchsichtigkeit, und Gestalt um Gestalt, Vorgang um Vorgang
entfalteten sich so rein, als lägen Schall und Stimme nicht mehr
vermittelnd dazwischen.
»Ich liebe die Dinge,« sagte die höfliche Stimme; »ich liebe sie
manchmal bis zur Unvergeßbarkeit; sie sind oft wie Laternen über dem
Schicksal des einzelnen Menschen aufgehängt. Ich weiß nicht, ob das eine
Schwäche von mir ist, aber ich kann mich dem nicht entziehen. Ich bin
mit einem Mann gegangen, in einer kleinen Stadt, und es war Abend. Er
hatte Furcht, allein zu gehen, weil die Frau während seiner langen
Abwesenheit wieder geheiratet hatte und ihn für tot hielt. Er hatte
Furcht, wollte aber zu seinen Kindern, und ich bin mit ihm gegangen. Das
Haus lag in einer Gasse gegen den Fluß und hatte ein schiefes Dach.
Rechter Hand im Flur war ein Backofen, davor kniete eine Magd, von
schwacher Glut beschienen, und schob mit einer Stange die fertigen Brote
von den heißen Ziegeln. An der Treppe oben stand das Weib des Mannes;
sie ahnte noch nichts und trällerte ein Lied. Zu ihren Füßen spielten
zwei Kätzchen. Draußen war es feucht, das Pflaster glänzte, man hörte
den Fluß rauschen, und bisweilen ging ein Mensch an dem offenen Tor
vorüber, gebückt und eilig. Der Mann neben mir zog in seiner
Gemütserregung ein blaues, zerrissenes, wie ein Schachbrett mit
Quadraten bedecktes Tuch aus der Manteltasche und trocknete sich die
Stirn damit. Das Tuch war mir in dem Augenblick etwas unbeschreiblich
Teures; es läßt sich wirklich nicht erklären, warum, aber alles war in
ihm drin, der ganze Mensch.«
Er senkte ein paar Sekunden lang den Kopf und fuhr fort: »So ist es mit
Schachteln, die bei armen Dienstboten in der Kommode liegen und mit
Erinnerungszeichen gefüllt sind; und mit geborstenen Steintreppen an den
Toren; und mit Photographien an den Wänden; mit einer Kerze, die nachts
irgendwo an einem Fenster brennt, und mit dem Brett, das der Tischler in
der Werkstatt hobelt. Mit den Fußspuren im Weg ist es so und mit den
Brücken über die Flüsse, aber besonders mit allem, was durch
Menschenhände geht und auf Menschen Einfluß hat. Ich habe den Ring am
Finger einer gestorbenen Frau gesehen; von wie vielem der wußte! Auf
einer Straße, durch die ich ging, lag ein zerrissener Vorhang, den man
aus einem ausgeraubten Haus geworfen hatte; wieviel Leben daran klebte!
An die Dinge geben sich ja die Menschen hin, sie sperren ihre Seelen in
sie hinein; sie sind ihr Besitz; und wenn nicht Besitz, dann das Ziel
ihrer Sehnsucht. In einer andern Stadt fand ich in einer kalten
Winternacht einen acht- oder neunjährigen Knaben halberfroren auf einer
Bank. Ich trug ihn zu einem nahegelegenen Spital, dort wurde er der
Lumpen entkleidet, die ihm am Leibe klebten, und es wurde ihm heiße
Milch eingeflößt, da er nicht bloß erfroren, sondern auch bis auf die
Knochen verhungert war. Nachdem man den Körper notdürftig von Schmutz
und Unrat gesäubert hatte, steckte man ihn ins Bett. Er lag bewußtlos,
und ich blieb die Nacht über bei ihm, man hatte es mir erlaubt. Als er
nun die Augen aufschlug und man ihn fragte, wer er sei und woher er
komme, vermochte er nicht zu antworten. Er sah beständig die weißen
Kissen an, tastete beständig mit der Hand über das weiße Linnen, das ihn
bedeckte, und in seinen Mienen war ein so maßloses Staunen, eine so
maßlose freudige Bestürzung, daß man sofort begriff, er war Zeit seines
Lebens nie in einem Bett gelegen, und erst recht nicht in einem solchen
Bett. Er glaubte allen Ernstes, daß er sich im Jenseits befand, und das
einzige, was er sprechen konnte, war: so weiß; so sauber; so weiß; und
wieder, andächtig, ungläubig, völlig verzückt: so weiß; Herr Jesus, so
weiß.«
Der Unbekannte hielt inne und sann mit abgelöster Heiterkeit im Gesicht
vor sich hin. Dann sprach er: »In der nämlichen Stadt fügte es sich, daß
ich mich eines brustkranken Mädchens annehmen sollte, das im Laden einer
Friseurin bedienstet war. Ein Kind von sechzehn Jahren, ich erinnere
mich noch des Namens; Angelika hieß sie. Ihre Herrin hatte sie aus dem
Waisenhaus genommen, sie war ein Findling; ein munteres und zärtliches
Geschöpf, von allen wohlgelitten und ungemein geschickt in den
Verrichtungen, die man sie gelehrt hatte. Die Herrin sah aber bald, daß
das Übel rapid wuchs; der Arzt, den sie zu Rate zog, gab ihr wenig
Hoffnung und empfahl ihr, das Mädchen schleunig in eine Heilanstalt zu
bringen. Sie versuchte es, doch es war umsonst; die Behörden wiesen sie
ab, die humanitären Vereine wiesen sie ab, die reichen Leute, bei denen
sie Hilfe suchte, wiesen sie gleichfalls ab. Sie war eine robuste Frau,
nichts weniger als gefühlsselig, aber sie liebte das Mädchen wie ein
eigenes Kind, und die Aussichtslosigkeit, eine Pflegestätte für sie zu
finden, erbitterte sie. Angelika indessen ahnte nichts davon, daß ihr
Geschick ein so nahes Todesurteil über sie verhängt hatte. Sie lachte
und scherzte den ganzen Tag, und besonders war sie darauf versessen,
sich zu schmücken. In diesem Punkt war sie geradezu erfinderisch; ihre
billigen Gewänder sahen aus wie frisch aus dem Magazin; die kleinen
Geschenke, die sie von den Damen erhielt, Bänder, ein Stückchen Stoff,
eine silberne Nadel, eine Halskrause, waren Kostbarkeiten für sie, und
sie wußte sie anmutig und geschmackvoll zu verwenden. Aber ich will
Ihnen erzählen, wie ich dazu kam, mit eigenen Augen zu sehen, wie
glühend diese jungen Hände die Dinge umklammerten, die ihr Ausdruck und
Abbild des Lebens waren. Es ist eine unbedeutende Begebenheit, im großen
Ring betrachtet, aber sie hat mir viel zu denken gegeben. Die Friseurin
hatte noch ein zweites Lehrmädchen, und diese war nach und nach
eifersüchtig auf die jüngere und hübschere Kollegin geworden. Als nun
eines Tages Angelika zu einem gewöhnlichen Kundenbesuch ihr schönstes
Kleid angezogen hatte, und mit glücklichem Lächeln vor ihr stand, sagte
sie zu ihr; wozu richtest du dich so her und gibst die paar Groschen,
die du verdienst, für Plunder aus? Trachte lieber, daß du gesund wirst,
damit unsere Frau nicht so viel Scherereien deinetwegen hat; es steht
nicht zum besten mit dir, das wissen alle, bloß du nicht; also merk dirs
und werde nicht gar so übermütig. Die Worte erschreckten Angelika, und
sie fing an zu begreifen, was ihr drohte. Sie büßte ihren Frohsinn nach
und nach ein, obwohl ihre kräftige und unbefangene Natur sich immer
wieder geltend machte, selbst dann noch, als sie bettlägerig wurde und
mit jedem Tag mehr verfiel. Es war mir endlich gelungen, in einem Asyl
weit draußen vor der Stadt einen Unterschlupf für sie zu finden,
richtiger ausgedrückt, ich hatte einige schwerbewegliche Personen
aufgesucht, und diese ihrerseits hatten wieder einigen widerwilligen
Funktionären eine Zusage abgerungen, die aus freien Stücken zu geben
ihre Pflicht und ihr aufgetragenes Amt gewesen wäre. Kurz, Angelika
sollte in Pflege kommen, und ich beeilte mich, es der Frau zu melden. Es
war an dem Tage gerade ein blutiger Aufruhr in der Stadt, Soldaten und
Arbeiter zogen durch die Straßen; aus vielen Häusern wurde geschossen.
Am schlimmsten ging es in dem Viertel zu, wo die Friseurin wohnte; ich
konnte mir durch die Massen Volks kaum einen Weg bahnen. Der Laden war
geschlossen, ich stieg ins erste Stockwerk hinauf, wo sich die Wohnung
befand, doch es war niemand zu sehen. Ich wußte, wo Angelikas Kammer
war, ich hatte sie schon einmal besucht und mit ihr gesprochen. Ich
klopfte; es blieb still. Ich dachte, das Kind schlafe vielleicht,
obgleich dies bei dem wilden Lärm, der von der Straße heraufschallte,
sonderbar anzunehmen war. Als ich leise die Tür öffnete, sah ich, daß
sie nicht im Bett lag. Sie hatte sich erhoben; im langen weißen Hemd und
barfuß stand sie vor dem Spiegel, der in den Schrank eingelassen war;
die schwarzen Haare flossen bis zu den Hüften; auf dem Kopf trug sie
einen breitrandigen Hut mit zwei grauen Federn; um die Taille, über das
Hemd, hatte sie ein blauseidenes Band zur Masche geknüpft, und um den
stengelfeinen Hals eine Korallenkette gelegt. Ich trat in das ärmliche
Gemach; es bedurfte nur meines Vorsatzes dazu, daß sie mich weder sah
noch hörte; außerdem war sie viel zu hingenommen von ihrer Beschäftigung
und das Geknall und Geschrei von draußen zu heftig, als daß sie auf
mich hätte aufmerksam werden können. Ich setzte mich also in eine dunkle
Ecke. Ich konnte ihr Gesicht nur im Spiegel sehen, das totblasse, aber
von Begierde, von unbezwinglicher Lebensbegierde über und über bebende
Gesicht. Auf dem Tisch neben ihr lagen ihre Schätze, ein Haufen bunter
Bänder, ein paar wertlose Broschen und Spangen, ein Nähzeug und eine
Schale mit Winterblumen. Auf einem wackligen Stuhl davor standen ein
Paar gelbe neue Stiefletten und über der Lehne hingen Blusen, ein
Ledergürtel und ein grüner Schal. Das alles betrachtete sie mit
fließenden Blicken, bald sich selbst im Spiegel, bald die geliebten
Gegenstände. Die Sachen, nennt man es; ja, jeder hat seine Sachen, und
mit ihnen schützt er sich und schmückt er sich; sie täuschen ihm Fülle
vor, oder Freude; die Habseligkeiten; auch ein merkwürdiges Wort. Sie
griff nach Blumen in der Schale und probierte, ob sie zum Blau der
Schleife paßten; sie nickte ihrem Spiegelbild zu, vertraut, verträumt,
aufmunternd; sie spielte mit ihm und forderte es heraus, sie bog den
Kopf zur Seite und gab sich eine graziöse Haltung, und besonderes
Vergnügen bereitete ihr das Wippen der grauen Federn. Währenddem wurde
der Tumult auf der Straße immer ärger; sie vernahm es nicht. Draußen
schlugen sie eine jahrhundertalte Ordnung in Trümmer, sie genoß, was sie
als Reichtum empfand. Sie beugte sich zu den Stiefelchen herab und sagte
schalkhaft-liebkosend: ihr armen Schuhe, wer wird euch spazieren tragen,
wenn ich gestorben bin? Sie richtete sich wieder empor, schaute lange
und äußerst gespannt in den Spiegel, seufzte herzlich und sagte leise
vor sich hin: ach Gott, nie wird ein Mann bei mir schlafen. Es war
Klage, aber voller Unschuld, so daß es beinahe heiter klang und ich mich
zu lächeln nicht enthalten konnte. Doch schlich ich mich nach einer
Weile hinweg. Mehr durfte ich von dem Geheimnis nicht rauben; ich hatte
mir schon zuviel angemaßt. Den Menschen bei sich selbst erlauschen, geht
nicht an; man verrät ihn und verrät sich. Alles war Spiegelung gewesen;
der wirkliche Spiegel hatte mir Angelikas Gesicht gezeigt der andere
ihre Welt, weit zurück bis zu den Ahnen und Urahnen, die sie
hinausgestoßen hatten, als Letzte, in ein ungenügendes Stück Leben.«
* * * * *
Die Zeit war ohne Marke; wie lange das Schweigen gedauert hatte, konnte
Mörner nicht ermessen, als die höfliche Stimme wieder begann: »Ich
möchte Ihnen die verschlossenen Tore aufschließen; bedenk ichs recht, so
hab ich zu vielen die Schlüssel. Damit man erfahre, damit man erlebe,
muß man vieles gesehen haben, und doch ist Sehen und Erleben zweierlei,
und Leiden und Erleben ist zweierlei. Die Tat macht es nicht, und der
Wille nicht und die Ergriffenheit nicht. Jedes einzeln kann zu etwas
dienen, und doch ist der glockenhafte Widerhall nicht da, der die Sinne
löst und zum Schwingen bringt. In der Wissenschaft, glaube ich gehört zu
haben, werden jetzt mehr und mehr alle Phänomene der Natur auf die
Wellenbewegung zurückgeführt. Meiner Ansicht nach kann man auch die
sinnliche Welt in das Gesetz der Wellenbewegung einbeziehen. Es ist
vielleicht dieselbe Kraft, nicht einmal wesentlich modifiziert, die das
Licht erzeugt und zwischen zwei Menschen Haß oder Liebe hervorbringt;
dieselbe, die ein Gestirn aus seiner Bahn reißt und die Katastrophe
einer Familie oder eines Volkes bedingt. Wir haben keinen Einblick, wir
können es wahrscheinlich nie ergründen, aber wenn der Geist rein ist,
glaubt man oft, man kann es ahnen und fassen. Der nämliche Stoff flutet
durch sämtliche Seelen, und wenn das Gemüt rein ist, kann man sie ahnen
und fassen. Oft ist mir, als wär ich der andere, der mich anschaut; oft,
als wär ich in vielen drin und die Unruhe käme von der Zerstückelung.
Oft ist mir, als rollte alles Geschehen in seinen Anfang zurück, und was
Tod und Untergang scheint, wenn ich die Augen schließe, ist wie neu,
wenn ich sie dann aufschlage. Oft ist auch alles wie Wiederkehr, und das
macht eigentlich am meisten verzagt; dann wäre ja keine Rettung und kein
Hinauf. Ich hörte einmal die Geschichte von einem reichen Patrizier im
alten Rom, Valerius Asiaticus; der besaß einen so herrlichen
Hügelgarten, daß er den Neid des Kaisers Claudius erweckte, der ihn auf
unbewiesene Verleumdungen hin zum Tod verurteilte. Da man ihn die
Todesart wählen ließ, entschied er sich für die Verbrennung. An dem dazu
bestimmten Tag nahm er seine gewohnten Leibesübungen vor, badete, ging
zu Tisch und öffnete sich die Adern. Aber die Liebe zu seinen Pflanzen
war so groß, daß er in der letzten Stunde den aufgeschichteten
Scheiterhaufen nach einer anderen Stelle schaffen ließ, damit Flammen
und Rauch das Laubdach der Bäume nicht beschädigen sollten. Genau das
Gleiche, Zug für Zug, hat sich unter der Regierung der letzten Kaiserin
in China begeben, und ich habe den Mann gesehen, der das Gleiche erlitt;
ich war dabei, als er auf den Holzstoß stieg. Aber das ist vielleicht
aus zu grober Materie; Ereignis gegen Ereignis, eins der Schatten vom
andern; was besagen sie beide? Die lüsterne Phantasie nascht davon, und
es entsteht Irrtum und Dunkel. Man muß immer zum Geringen niedersteigen,
dann ist die Falte auf einer Stirn und die Windung in einem Ohr beredt
genug, und wo man geht und steht, umdröhnt einen der Lärm des Bluts,
der Wünsche, Begierden, Träume und Gedanken in allen wie das
Hämmergestampf in einer Maschinenhalle. Ohne Aufhören ist es, ohne
Stille; Rad wetzt sich an Rad, Hebel stößt Hebel. Ich bin einmal mit
einer Kolonne von Arbeitslosen marschiert, Männern und Frauen; wie es
hinter den Schädeln raste! Mir war als sausten Knüttel auf mich herab,
und doch waren die Leute ganz stumm. Ich bin einmal auf einem Schiff
gewesen, das auf eine Mine stieß; die Passagiere stürzten auf Deck, und
die Todesangst in den Gesichtern kann ich nicht vergessen. Sie waren
aufgerissen bis in die verborgensten Fasern. Schamlos werden die
Menschen da; Zucht fällt ab wie Tünche, das Gehütetste geben sie preis,
und nur Mütter und Tiere verlieren sich nicht ganz. Ich bin einmal in
Litauen oben mit drei Wucherern in einem Postwagen gefahren. Sie
sprachen wenig, und das Wenige mit Vorsicht; aber ihre Augen und ihr
Lachen und ihre Gebärden erzählten von zugrundegerichteten Existenzen,
von Bitten und Flehen, das an ihrer Unempfindlichkeit abgeprallt war;
jeder schleppte ein Netz, worin die Ausgesogenen wehrlos zappelten; und
es war, als zeigten sie einander ihre Beute. Ich folgte ihnen heimlich;
es ließ mir keine Ruhe, von ihnen viel zu wissen; ich sah Drohbriefe und
Pfandscheine und verfallenes Gut und ausgeräumte Stuben, und den
Leichtsinn der Opfer, die Verzweiflung von einem, der Wechsel gefälscht
und von einem der Geld unterschlagen und von einem, der sein Erbe
verschleudert hatte. Die drei Wucherer waren wie Pirschgänger; sie
brachten Menschen in Rudeln zu Fall; sie häuften Reichtümer an, ohne sie
zu genießen, ohne sich daran zu freuen, ihr einziges Ergötzen war die
Qual und Wut des in die Enge getriebenen Menschenwildes; als ich in
einer Nachtstunde einen allein in seinem Zimmer sitzen sah, durch das
Fenster von der Straße aus konnte ich ihn sehen, da erschrak ich, denn
das Gesicht sah aus wie das eines versteinerten, grauenhaft traurigen
Affen.«
Der Unbekannte bedeckte hastig die Augen mit der Hand und lächelte
enigmatisch. »Um ihn war ein Geruch von Schicksalen wie von Miasmen,«
fuhr er fort; »doch ein jedes Schicksal hat seinen bestimmten Geruch,
seine bestimmte Schwere, seine Flugkraft, seine Intensität, seine
angeborene Gewalt. Es wächst oder welkt wie die Pflanze; es zieht
anderes Schicksal an oder stößt es ab, je nachdem. Es ist über den
Menschen, eine Weile oder ein Jahrtausend, je nachdem, dann in den
Menschen. Sie verhalten sich zu ihm wie mehr oder minder elektrische
Körper zum Blitz. Das Unausdenkbare, sobald es ausgedacht werden kann,
geschieht es schon oder ist geschehen; aber der es erleiden muß, dem ist
es Rätsel und Grauen. Ich war in Böhmen auf einem Gut, dessen Besitzer
seit kurzem geistesgestört war, und zwar aus folgender Ursache. Es war
ein reicher Edelmann, ohne Familie und ohne Freunde, ein menschenscheuer
Sonderling. Die einzige Person, der er vertraute, war sein Diener, mit
dem er fünfundzwanzig Jahre auf dem Schloß gehaust hatte, der für seine
Bedürfnisse sorgte, seine Launen kannte und ihm in allem demütig ergeben
war. Eines Tages wurde der alte Baron von Todesahnungen geplagt;
vielleicht ängstigte ihn die völlige Einsamkeit zum erstenmal; er rief
den Diener zu sich in die Stube und sagte ihm, daß er wahrscheinlich
bald sterben müsse, und daß er, um ihn für seine Treue und
Anhänglichkeit zu belohnen, sich entschlossen habe, ihm den großen
Meierhof zu schenken, der an den Schloßpark grenzte. Er möge für den
nächsten Morgen den Notar bestellen, damit die Schenkung rechtsgültig
festgelegt werde. Der Diener starrte eine Weile stumpf vor sich hin.
Während des ganzen Vierteljahrhunderts nämlich, das er mit seinem Herrn
verbracht, hatte er nie eine Gemütsbewegung an ihm bemerkt, nie eine
Gabe von ihm empfangen, nie ein mildes Wort von ihm gehört. Er fängt an
zu stottern; er verfärbt sich, plötzlich stürzt er vor dem Baron auf die
Knie, schluchzt vor Zerknirschung und sagt, er sei der Gnade des Herrn
unwürdig; er müsse sich eines gräßlichen Vorhabens anklagen, das er
dreimal in Tat umsetzen gewollt; dreimal habe er den Plan gefaßt, den
Herrn umzubringen; dreimal sei er des Nachts unter dem Bett des Herrn
gelegen, um ihn im Schlaf zu erwürgen; dreimal habe ihn ein Zufall daran
gehindert: einmal der Hahnenschrei; einmal das Schlagen der Pendeluhr;
das letztemal, in voriger Nacht erst, das Trompetensignal einer durch
die Dorfstraße ziehenden Militärabteilung. Der Baron wußte nichts zu
antworten. Er hieß den Diener gehen. Er verabschiedete ihn noch an
demselben Tag. Das nachträgliche Entsetzen über die dreimalige nicht
gewußte Gefahr, unter Mörderhand zu enden, umnachtete seinen Geist.«
Der Unbekannte hatte einen Ausdruck in den Augen, als schaue er in ein
Gewühl, das fern und tief unten war. »Aber ist das nicht auch zu grob,
zu tatsächlich, zu zufällig?« fragte er gedankenvoll; »ich greife es
heraus, weil es sich herausdrängt. Ich bin zu erfüllt davon. Es haftet
auch an der Haut. Und immer ist es aneinandergereiht wie die Käfer auf
einem Pappendeckel. Man will beweisen, was man spricht. Ich sehe immer
das Exempel. Ich sehe so viele, die ihren Mörder neben sich haben; sie
füttern ihn förmlich auf und drücken ihm die Waffe in die Hand. Oft ist
es ihr eigener Schatten, der sie mordet, oft ihr Bild in einem Bruder,
einer Geliebten, einem Freund. Keiner weiß etwas vom Bruder, von der
Geliebten, vom Freund, und es ist wunderlich amüsant, zu erfahren, was
er zu wissen vorgibt. Mißverständnisse geben ihnen den stärksten Halt.
Es ist überhaupt wunderlich amüsant alles, finden Sie nicht? Immer
sehen, immer hören, jede Stunde ausschöpfen, jedes Herz aushorchen! Was
hätte ich drum gegeben, wenn ich jenen Diener noch auf dem Gut getroffen
hätte! Die fünfundzwanzig Jahre Gehorsam in Schweigen und Haß, was muß
da in seinem Gesicht zu lesen gewesen sein! Ich habe ihn lange Zeit
gesucht; leider umsonst.«
Er beugte sich vor; die schöngeformten Hände machten eine zaghafte
Geste. »Diener! daß es solche gibt!« fuhr er fort; »daß es Knechte gibt,
und Türsteher; solche, die Kohlensäcke auf dem Rücken tragen;
Schiffszieher; solche, die in Schwefelgruben steigen; solche, die
Kloaken säubern; solche, die Bleidämpfe einatmen. Jeder mit seinem ganz
besondern Sinn. Einer hat nicht dieselben Finger wie der andere; in
zweien sind nicht zwei gleiche Gedanken, und jeder läßt sich die Last
aufbürden und schleppt und schleppt. Warum nur? Man kann nicht fertig
werden, darüber nachzudenken. Millionen Sklaven keuchen unter der Kette;
tausend rebellieren und reißen sich los, und schon zwängen sich tausend
neue an ihre Stelle. So mutlos und wundgerieben ist aber keiner, daß er
nicht ein Weib bei sich hätte und Kinder mit ihr zeugte, die auch wieder
an die Kette geschmiedet werden. Da schwillt das Leiden immer höher. In
manchen Ländern steht es bereits so, daß die Kinder mit einem alten
finstern Herzen auf die Welt kommen. Ich habe mich davon überzeugt. Ich
habe folgendes erlebt. Man geht nichts ahnend hin, und aus dem Erdboden
heraus strecken sich einem Kinderarme entgegen, lauter magere Kinderarme
wie ein Feld von Strohhalmen; die Fäustchen sind krampfhaft geschlossen,
die zarten Gelenke sind rhachitisch. Es ist äußerst merkwürdig: man kann
meilenweit wandern, zwischen Fabrikschloten und flammenden Essen, und
sie strecken sich einem unabsehbar entgegen, lauter magere Kinderarme,
wie Strohhalme, oder wie kleine geschälte Zweige. Manche brechen, manche
wachsen, jedenfalls sind es zahllose, und sie versperren einem den Weg.
Was sagen Sie dazu? Meinen Sie nicht, daß Ihre Ansicht, die Zeit sei
Ihnen entgegen, doch falsch ist? Ist sie nicht geradezu für Sie?
Geradezu wie für Sie gemacht? Ist sie nicht wie ein verdorrter Acker,
der Bewässerung verlangt, Licht und Wärme? Denken Sie nur an die
zahllosen Kinderarme. Sie können sich niederbeugen, die
zusammengekrampften Fäustchen öffnen, die frierenden Hände ergreifen.
Ich fürchte, das klingt sentimental, aber ich halte es Ihnen als
Notwendigkeit vor. Es ist, als schaute man in ein vergiftetes Bassin, wo
viele kleine Fische vor dem Krepieren noch ein bißchen zucken. Das
einzige Mittel, sie zu retten, ist, neue Quellen und Zuflüsse
hineinleiten. Sie sagen, das Werk lasse sich nicht schaffen, weil die
Geister und Seelen zerstört sind. Zum Teil ist das ja richtig. Aber war
die Auslese der Brauchbaren nicht immer sehr gering? Steht und fällt
nicht jedes Werk mit dem einen Hirn, in dem es geboren wird? Und
brauchen Sie denn die Menschen? Genügt nicht das Schauspiel von Aufstieg
und Sturz, das sie Ihnen bieten? Ist denn der große Lebensteppich
zerfetzt oder verbrannt? Sind seine Farben verblaßt? Ist er minder bunt
gewirkt als vor zehn, vor hundert, vor tausend Jahren?«
Der Unbekannte schien in einiger Erregung. Der Ton seiner Fragen war
dringlich; er hatte die Hände ausgestreckt und sich noch weiter
vorgebeugt. »Es scheint mir nicht. Sehen Sie doch hin. Die Paare treten
zum Tanz an, der Wein wird ausgeschenkt, die Musik spielt. Es ist ein
Haus mit vielen Stockwerken; in dem einen ist Fröhlichkeit, im andern
Traurigkeit. Es ist eine Zauberhöhle mit schimmerndem Gestein. Man
braucht nicht einmal Aladdins Wunderlampe; die dienenden Geister
gehorchen dem, der den Weg gefunden hat. Wozu Gericht? Wozu Verdammung?
Nicht einmal urteilen darf man. Zerstörte Geister und Seelen, was heißt
das? Ist das eigene Auge und die eigene Seele unzerstört, so ist die
Welt unzerstört. Gäbe es eine Hölle wirklich und wären alle ihre
Verdammten losgelassen, um aus purer Raserei die Welt zu vernichten, und
es fände sich nur ein einziger unter ihnen, der beim Ruf der Erlösung
sehnsüchtig stutzt, so würde es sich verlohnen, sie von neuem
aufzubauen. Das ist meine Ansicht. Schlagen Sie die Augen empor! Fassen
Sie doch, wie ein Kind es tut, das Ungeheure, das Süße, das
Schmerzliche, das Blühende, den ungeheuren, überflutenden Reichtum.
Freilich ist eines not, wie es auch geschrieben steht. Es steht
geschrieben: Von der Neigung zu geliebten Personen mußt du so frei sein,
daß du, soviel dich anbelangt, ohne alle menschliche Verbindung zu sein
wünschest; umso näher kommt der Mensch Gott, je weiter er sich von allem
irdischen Trost entfernt. Aber das ist eine harte Aufgabe. Geöffnet sein
und im ehernen Panzer; leicht sein und schwer beladen; den Baum hegen,
der die seltenen Früchte trägt, und sie nicht für sich pflücken dürfen.
Trotzdem ist es köstlich, zu wandeln und die Luft der Erde zu atmen,
wenn man die Botschaft versteht, die einem geworden ist.«
* * * * *
Mörner wollte die Hand des Unbekannten ergreifen, doch der Stuhl, auf
dem er gesessen, war leer. Seine Brust hob sich mit einer Sturmwelle, er
wußte nicht, ob in freudigem, ob in wehem Gefühl. Fragen quollen ihm auf
die Lippen, die er an sich selbst richtete, aus einer Morgendämmerung
des Herzens heraus: wo gräbst du? wo wächst du? wo wirkst du? wo ist
dein Feld? wo ist dein Weg? Aber ehe er sie bedenken konnte, waren sie
von einer geisterhaft-entfernten Stimme beantwortet, und er glaubte
einen Arm zu gewahren, der ihm eine goldhäutige, strahlende Frucht
zeigte. Der Tag rauschte über das Firmament, und er begrüßte ihn. Er war
an der Wende angelangt, wo der Ausgleich ist zwischen Finsterem und
Hellem, über welchen der Bogen sich wölbt, an den die Sternbilder
geheftet sind, Inbegriff allen Schicksals.