Sechsundzwanzigstes Kapitel

Sechs Monate waren vergangen, und der Winter war gekommen; der starre

Winter mit dem grausamen Schweigen seines Frostes, wo der dichte

Schnee knistert, die Zweige der Bäume leis angehaucht sind von rosig

schimmerndem Reif, wo Kuppeln dicken Rauchs über den Schornsteinen

vom blaßblauen, wolkenlosen Himmel sich abheben, Wirbel warmer Luft

aus den geöffneten Haustüren hervorbrechen, die roten Gesichter der

Vorübergehenden wie gezwickt erscheinen und die vor Kälte zitternden

Pferde in raschem Lauf dahintraben. Ein Tag des Monats Januar neigte

sich zu Ende; die Abendkälte verdichtete die unbewegliche Luft noch

mehr, und die blutrote Dämmerung erlosch mit reißender Schnelle.

Die Fenster des Herrenhauses zu Marino erhellten sich nacheinander;

Prokofitsch in schwarzem Frack und weißen Handschuhen legte mit

besonderer Würde fünf Gedecke auf die Tafel im Speisesaal. Acht Tage

zuvor hatten in der kleinen Kirche des Sprengels zwei Hochzeiten

stattgefunden, still und beinahe ohne Zeugen; Arkad hatte sich mit

Katia, Kirsanoff mit Fenitschka verbunden, und Kirsanoff gab seinem

Bruder, der in Geschäften nach Moskau ging, einen Abschiedsschmaus.

Anna Sergejewna war gleichfalls nach jener Stadt gereist, nachdem sie

den Neuvermählten reiche Geschenke gemacht hatte.

Man setzte sich Punkt drei Uhr zu Tische; Mitia war unter den Gästen;

er hatte bereits ein Kindermädchen mit einem ›Kokosschnik‹[46] von

goldgestickter Seide; Paul Petrowitsch hatte seinen Platz zwischen

Katia und Fenitschka; die jungen Ehemänner saßen neben ihren Frauen.

Unsere alten Freunde hatten sich in letzter Zeit etwas verändert;

sie waren hübscher oder doch wenigstens stärker geworden, nur Paul

Petrowitsch war magerer, was aber das Vornehme seiner Züge noch

erhöhte. Auch Fenitschka war nicht mehr dieselbe. Im schwarzseidenen

Kleid, eine breite Samtschleife in den Haaren, eine goldene Kette um

den Hals, saß sie mit achtunggebietender Unbeweglichkeit da, nicht

weniger achtunggebietend für sich selber als für ihre ganze Umgebung,

und lächelte, als ob sie sagen wollte: »Entschuldigen Sie, ich bin

nicht umsonst hier.« Übrigens hatten die andern Gäste alle ein

Lächeln auf den Lippen, als ob sie ebenfalls um Entschuldigung bitten

wollten; alle fühlten sich ein wenig befangen, ein wenig traurig, und

doch vollkommen glücklich. Jedes war gegen seinen Nachbar von der

freundlichsten Zuvorkommenheit, man schien sich das Wort gegeben zu

haben, eine Art Komödie voll gutmütigen Wohlwollens miteinander zu

spielen. Katia war die Ruhigste von allen; sie blickte zuversichtlich

umher, und man konnte leicht bemerken, daß Kirsanoff schon ganz in

sie vernarrt war. Er erhob sich gegen das Ende der Tafel, ein Glas

Champagner in der Hand, und sprach zu Paul Petrowitsch gewendet:

»Du verläßt uns ... du verläßt uns, lieber Bruder; hoffentlich

für kurze Zeit, doch kann ich dem Wunsche nicht widerstehen, dir

auszudrücken, was ... ich ... was wir ... wie sehr ich ... wie sehr

wir ... das Unglück ist, daß wir Russen keinen ›~Speech~‹ zu halten

verstehen. Arkad, rede du an meiner Stelle.«

»Nein, Papa, ich bin nicht darauf vorbereitet.«

»Du bist immer noch besser vorbereitet als ich! Kurz, lieber Bruder,

erlaube mir, dich einfach zu umarmen und dir alles denkbare Glück zu

wünschen; komm so bald als möglich wieder zu uns zurück.«

Paul Petrowitsch umarmte sämtliche Mitglieder der Gesellschaft, ohne,

wohlverstanden, Mitia auszunehmen; er küßte zudem Fenitschka die Hand,

die sie ihm ziemlich linkisch darreichte; dann trank er ein zweites

Glas Champagner aus und rief mit einem tiefen Seufzer:

»Seid glücklich, Freunde! ~Farewell!~«

Dieses englische Wort blieb unbeachtet, die Gäste waren alle zu bewegt.

»Dem Andenken Bazaroffs!« flüsterte Katia ihrem Manne ins Ohr und stieß

mit ihm an. Arkad drückte ihr die Hand, wagte aber nicht, den Toast

auszubringen.

Damit, dünkt mich, ist die Geschichte zu Ende. Vielleicht aber wünschen

einige unserer Leser zu wissen, wie sich die verschiedenen Personen

unserer Erzählung augenblicklich befinden. Es macht uns Vergnügen,

diesem Wunsche zu entsprechen.

Anna Sergejewna hat sich ganz kürzlich verheiratet; sie hat eine

Vernunftheirat geschlossen. Der, den sie zum Gemahl genommen,

ist einer unserer zukünftigen Aktionsmänner, ein bedeutender

Rechtsgelehrter, von ausgesprochen praktischem Sinn, mit starkem

Willen und großer Redegewandtheit begabt; übrigens noch ziemlich

jung, brav, aber von eisiger Kälte. Sie führen eine musterhafte Ehe

und werden es schließlich zu häuslichem Glück, vielleicht gar bis

zur Liebe bringen. -- Die Fürstin X ist tot und seit dem Tage ihres

Hinscheidens vergessen. Vater und Sohn Kirsanoff haben sich in Marino

eingerichtet; ihre Geschäfte fangen an, etwas besser zu gehen;

Arkad ist ein tüchtiger Landwirt geworden, und das Gut wirft bereits

eine ziemlich beträchtliche Rente ab. Nikolaus Petrowitsch wurde

zum Friedensrichter[47] erwählt und erfüllt seine Amtspflichten mit

dem größten Eifer, er durchreist unaufhörlich den ihm angewiesenen

Bezirk, hält lange Reden, denn er ist der Ansicht, daß dem Bauern

»Vernunft beigebracht«, das heißt, ihm dieselbe Sache bis zum Überdruß

wiederholt werden müsse; indessen, um die Wahrheit zu gestehen, gelingt

es ihm weder die aufgeklärten Herren Edelleute, welche über die

»~mancipation~« bald geziert, bald schwermutsvoll diskutieren, noch

die ungebildeten gnädigen Herren vollständig zu befriedigen, welche

diese unglückselige »~mouncipation~« offen verfluchen; die einen wie

die andern finden ihn zu lau. Katharina Sergejewna hat einen Sohn

bekommen, und Mitia ist schon ein kleiner drolliger Kerl, welcher

artig genug läuft und schwatzt. Fenitschka, jetzt Fedosia Nikolajewna,

liebt nach ihrem Gatten und Sohn niemand auf der Welt so sehr wie ihre

Schwiegertochter, und wenn sich diese ans Pianino setzt, würde sie gern

den ganzen Tag an ihrer Seite bleiben. Noch dürfen wir Peter nicht

vergessen; er ist ganz stupid und von Wichtigkeit aufgeblasener als je

geworden; das hat ihn aber nicht verhindert, eine ziemlich vorteilhafte

Heirat zu schließen; er hat die Tochter eines Gärtners aus der Stadt

geheiratet, die ihn zwei anderen Verlobten vorgezogen hat, weil diese

keine Uhr hatten, während er nicht nur eine Uhr, sondern auch lackierte

Halbstiefel besaß!

Auf der Brühlschen Terrasse in Dresden kann man zwischen zwei und drei

Uhr, der fashionabelsten Promenadenzeit, einem ganz weißköpfigen Mann

in den Fünfzigen begegnen, der an der Gicht zu leiden scheint, aber

noch schön ist, elegant gekleidet, und von jenem besonderen Stempel,

den die Gewohnheit der großen Welt aufprägt. Dieser Spaziergänger

ist kein anderer als Paul Petrowitsch Kirsanoff. Er hat Moskau aus

Gesundheitsrücksichten verlassen und sich in Dresden angesiedelt, wo er

vornehmlich mit den englischen und russischen Fremden umgeht. Ersteren

gegenüber beobachtet er ein einfaches, beinahe bescheidenes, aber

immer würdiges Benehmen; sie finden ihn ein wenig langweilig, halten

ihn aber für »~a perfect gentleman~«. Im Umgang mit den Russen fühlt

er sich behaglicher, läßt seinem galligen Humor die Zügel schießen,

verspottet sich selbst und schont die andern nicht; er tut aber dies

alles mit liebenswürdigem Sichgehenlassen und ohne jemals die gute

Lebensart zu verletzen. Er bekennt sich überdies zu den Ansichten der

Slawophilen, und bekanntlich gilt diese Anschauungsweise in der hohen

russischen Welt für besonders vornehm. Er liest kein russisches Buch,

aber man sieht auf seinem Schreibtisch einen silbernen Aschenbecher

in der Form eines bäuerlichen »Lapot«[48]. Von unseren Touristen wird

er häufig aufgesucht. Matthias Ilitsch Koliazin, der augenblicklich

in die Reihen der »Opposition« getreten ist, hat ihm auf einer Reise

in die böhmischen Bäder seine Aufwartung gemacht, und die Bewohner

Dresdens, mit denen er übrigens keinen näheren Verkehr hat, scheinen

eine Art Verehrung für ihn zu haben. Niemand kann so leicht wie der

»Herr Baron von Kirsanoff« eine Eintrittskarte in die Hofkapelle, eine

Theaterloge usw. erhalten. Er tut Gutes, soviel er kann, und immer

etwas geräuschvoll; nicht umsonst ist er einst ein »Löwe« gewesen, aber

das Leben ist ihm zur Last, mehr als er selber ahnt. Es genügt, ihn in

der russischen Kirche zu sehen, wenn er, zur Seite an die Mauer gelehnt

und den Ausdruck der Bitterkeit auf den festgeschlossenen Lippen,

unbeweglich dasteht und träumt, dann plötzlich den Kopf schüttelt und

sich fast unmerklich bekreuzt.

Frau Kukschin hat schließlich auch das Land verlassen. Sie

ist gegenwärtig in Heidelberg, und studiert nicht mehr die

Naturwissenschaften, sondern die Architektur, und hat da, wie sie sagt,

neue Gesetze entdeckt. Wie ehemals verkehrt sie mit den Studenten,

und besonders mit den jungen russischen Physikern und Chemikern,

von denen Heidelberg wimmelt und die, wenn sie die naiven deutschen

Professoren in der ersten Zeit ihres Aufenthalts durch die Richtigkeit

ihres Urteils in nicht geringes Erstaunen gesetzt haben, dieselben

kurz darauf durch ihren vollständigen Müßiggang und ihre beispiellose

Faulheit in noch viel größeres Erstaunen setzen. Mit zwei oder drei

Chemikern dieser Gattung, welche den Unterschied zwischen Sauerstoff

und Stickstoff nicht kennen, aber alles kritisieren und sehr zufrieden

mit sich selber sind, treibt sich Sitnikoff in Petersburg umher und

setzt in Begleitung des »großen« Eliewitsch und mit dem Bestreben,

diesen Ehrentitel gleichfalls zu verdienen, Bazaroffs »Werk«, wie er

sich ausdrückt, fort. Man versichert, daß er kürzlich geprügelt wurde,

jedoch nicht, ohne sich Genugtuung zu verschaffen; er hat in einem

obskuren Artikel, der in einem obskuren Blatt erschien, zu verstehen

gegeben, daß sein Gegner eine feige Memme sei. Er nennt das Ironie.

Sein Vater läßt ihn laufen wie gewöhnlich; seine Frau heißt ihn einen

Schwachkopf und Literaten.

In einem der fernsten Winkel Rußlands liegt ein kleiner Kirchhof. Wie

beinahe alle Kirchhöfe unseres Landes bietet er einen höchst traurigen

Anblick dar; die Gräben, welche ihn einhegen, sind seit lange vom

Unkraut überwuchert und ausgefüllt, die hölzernen Kreuze liegen auf

der Erde oder halten sich kaum noch, geneigt unter den einst bemalt

gewesenen kleinen Dächern, welche über ihnen angebracht sind; die

Leichensteine sind von der Stelle gerückt, als ob sie jemand von unten

weggestoßen hätte; zwei oder drei fast blätterlose Bäume geben kaum ein

wenig Schatten; Schafe weiden zwischen den Grabhügeln. Einer jedoch

ist da, den die Hand des Menschen verschont und die Tiere nicht mit

Füßen treten; die Vögel allein kommen und setzen sich auf ihn nieder,

und singen da jeden Morgen beim ersten Tageslicht. Ein Eisengitter

umgibt ihn, und an den Enden stehen zwei junge Tannen. Es ist das Grab

Eugen Bazaroffs. Zwei Leute, ein Mann und eine Frau, gebeugt von der

Last der Jahre, kommen oft dahin aus einem Dörfchen der Nachbarschaft;

eins aufs andere gestützt, nähern sie sich langsamen Schritts dem

Gitter, sinken auf die Knie und weinen lang und bitterlich, die Augen

auf den stummen Stein geheftet, der ihren Sohn deckt; sie wechseln

einige Worte, wischen den Staub ab, der auf der Platte liegt, richten

einen Tannenzweig auf, fangen wieder an zu beten und können sich nicht

entschließen, diesen Ort zu verlassen, wo sie ihrem Sohn, wo sie seinem

Andenken näher zu sein glauben. Ist es möglich, daß ihre Gebete, ihre

Tränen vergeblich wären? Ists möglich, daß reine, hingebende Liebe

nicht allmächtig sei? O nein! Wie leidenschaftlich, wie rebellisch

das Herz auch war, das in einem Grabe ruht, die Blumen, die darauf

erblühen, sehen uns freundlich mit ihren unschuldigen Augen an; sie

erzählen uns nicht allein von der ewigen Ruhe, von der Ruhe der

»gleichgültigen« Natur; sie erzählen uns auch von der ewigen Versöhnung

und von einem Leben, das kein Ende haben soll.

Väter und Söhne · 第 33 / 38 题