Sechs Monate waren vergangen, und der Winter war gekommen; der starre
Winter mit dem grausamen Schweigen seines Frostes, wo der dichte
Schnee knistert, die Zweige der Bäume leis angehaucht sind von rosig
schimmerndem Reif, wo Kuppeln dicken Rauchs über den Schornsteinen
vom blaßblauen, wolkenlosen Himmel sich abheben, Wirbel warmer Luft
aus den geöffneten Haustüren hervorbrechen, die roten Gesichter der
Vorübergehenden wie gezwickt erscheinen und die vor Kälte zitternden
Pferde in raschem Lauf dahintraben. Ein Tag des Monats Januar neigte
sich zu Ende; die Abendkälte verdichtete die unbewegliche Luft noch
mehr, und die blutrote Dämmerung erlosch mit reißender Schnelle.
Die Fenster des Herrenhauses zu Marino erhellten sich nacheinander;
Prokofitsch in schwarzem Frack und weißen Handschuhen legte mit
besonderer Würde fünf Gedecke auf die Tafel im Speisesaal. Acht Tage
zuvor hatten in der kleinen Kirche des Sprengels zwei Hochzeiten
stattgefunden, still und beinahe ohne Zeugen; Arkad hatte sich mit
Katia, Kirsanoff mit Fenitschka verbunden, und Kirsanoff gab seinem
Bruder, der in Geschäften nach Moskau ging, einen Abschiedsschmaus.
Anna Sergejewna war gleichfalls nach jener Stadt gereist, nachdem sie
den Neuvermählten reiche Geschenke gemacht hatte.
Man setzte sich Punkt drei Uhr zu Tische; Mitia war unter den Gästen;
er hatte bereits ein Kindermädchen mit einem ›Kokosschnik‹[46] von
goldgestickter Seide; Paul Petrowitsch hatte seinen Platz zwischen
Katia und Fenitschka; die jungen Ehemänner saßen neben ihren Frauen.
Unsere alten Freunde hatten sich in letzter Zeit etwas verändert;
sie waren hübscher oder doch wenigstens stärker geworden, nur Paul
Petrowitsch war magerer, was aber das Vornehme seiner Züge noch
erhöhte. Auch Fenitschka war nicht mehr dieselbe. Im schwarzseidenen
Kleid, eine breite Samtschleife in den Haaren, eine goldene Kette um
den Hals, saß sie mit achtunggebietender Unbeweglichkeit da, nicht
weniger achtunggebietend für sich selber als für ihre ganze Umgebung,
und lächelte, als ob sie sagen wollte: »Entschuldigen Sie, ich bin
nicht umsonst hier.« Übrigens hatten die andern Gäste alle ein
Lächeln auf den Lippen, als ob sie ebenfalls um Entschuldigung bitten
wollten; alle fühlten sich ein wenig befangen, ein wenig traurig, und
doch vollkommen glücklich. Jedes war gegen seinen Nachbar von der
freundlichsten Zuvorkommenheit, man schien sich das Wort gegeben zu
haben, eine Art Komödie voll gutmütigen Wohlwollens miteinander zu
spielen. Katia war die Ruhigste von allen; sie blickte zuversichtlich
umher, und man konnte leicht bemerken, daß Kirsanoff schon ganz in
sie vernarrt war. Er erhob sich gegen das Ende der Tafel, ein Glas
Champagner in der Hand, und sprach zu Paul Petrowitsch gewendet:
»Du verläßt uns ... du verläßt uns, lieber Bruder; hoffentlich
für kurze Zeit, doch kann ich dem Wunsche nicht widerstehen, dir
auszudrücken, was ... ich ... was wir ... wie sehr ich ... wie sehr
wir ... das Unglück ist, daß wir Russen keinen ›~Speech~‹ zu halten
verstehen. Arkad, rede du an meiner Stelle.«
»Nein, Papa, ich bin nicht darauf vorbereitet.«
»Du bist immer noch besser vorbereitet als ich! Kurz, lieber Bruder,
erlaube mir, dich einfach zu umarmen und dir alles denkbare Glück zu
wünschen; komm so bald als möglich wieder zu uns zurück.«
Paul Petrowitsch umarmte sämtliche Mitglieder der Gesellschaft, ohne,
wohlverstanden, Mitia auszunehmen; er küßte zudem Fenitschka die Hand,
die sie ihm ziemlich linkisch darreichte; dann trank er ein zweites
Glas Champagner aus und rief mit einem tiefen Seufzer:
»Seid glücklich, Freunde! ~Farewell!~«
Dieses englische Wort blieb unbeachtet, die Gäste waren alle zu bewegt.
»Dem Andenken Bazaroffs!« flüsterte Katia ihrem Manne ins Ohr und stieß
mit ihm an. Arkad drückte ihr die Hand, wagte aber nicht, den Toast
auszubringen.
Damit, dünkt mich, ist die Geschichte zu Ende. Vielleicht aber wünschen
einige unserer Leser zu wissen, wie sich die verschiedenen Personen
unserer Erzählung augenblicklich befinden. Es macht uns Vergnügen,
diesem Wunsche zu entsprechen.
Anna Sergejewna hat sich ganz kürzlich verheiratet; sie hat eine
Vernunftheirat geschlossen. Der, den sie zum Gemahl genommen,
ist einer unserer zukünftigen Aktionsmänner, ein bedeutender
Rechtsgelehrter, von ausgesprochen praktischem Sinn, mit starkem
Willen und großer Redegewandtheit begabt; übrigens noch ziemlich
jung, brav, aber von eisiger Kälte. Sie führen eine musterhafte Ehe
und werden es schließlich zu häuslichem Glück, vielleicht gar bis
zur Liebe bringen. -- Die Fürstin X ist tot und seit dem Tage ihres
Hinscheidens vergessen. Vater und Sohn Kirsanoff haben sich in Marino
eingerichtet; ihre Geschäfte fangen an, etwas besser zu gehen;
Arkad ist ein tüchtiger Landwirt geworden, und das Gut wirft bereits
eine ziemlich beträchtliche Rente ab. Nikolaus Petrowitsch wurde
zum Friedensrichter[47] erwählt und erfüllt seine Amtspflichten mit
dem größten Eifer, er durchreist unaufhörlich den ihm angewiesenen
Bezirk, hält lange Reden, denn er ist der Ansicht, daß dem Bauern
»Vernunft beigebracht«, das heißt, ihm dieselbe Sache bis zum Überdruß
wiederholt werden müsse; indessen, um die Wahrheit zu gestehen, gelingt
es ihm weder die aufgeklärten Herren Edelleute, welche über die
»~mancipation~« bald geziert, bald schwermutsvoll diskutieren, noch
die ungebildeten gnädigen Herren vollständig zu befriedigen, welche
diese unglückselige »~mouncipation~« offen verfluchen; die einen wie
die andern finden ihn zu lau. Katharina Sergejewna hat einen Sohn
bekommen, und Mitia ist schon ein kleiner drolliger Kerl, welcher
artig genug läuft und schwatzt. Fenitschka, jetzt Fedosia Nikolajewna,
liebt nach ihrem Gatten und Sohn niemand auf der Welt so sehr wie ihre
Schwiegertochter, und wenn sich diese ans Pianino setzt, würde sie gern
den ganzen Tag an ihrer Seite bleiben. Noch dürfen wir Peter nicht
vergessen; er ist ganz stupid und von Wichtigkeit aufgeblasener als je
geworden; das hat ihn aber nicht verhindert, eine ziemlich vorteilhafte
Heirat zu schließen; er hat die Tochter eines Gärtners aus der Stadt
geheiratet, die ihn zwei anderen Verlobten vorgezogen hat, weil diese
keine Uhr hatten, während er nicht nur eine Uhr, sondern auch lackierte
Halbstiefel besaß!
Auf der Brühlschen Terrasse in Dresden kann man zwischen zwei und drei
Uhr, der fashionabelsten Promenadenzeit, einem ganz weißköpfigen Mann
in den Fünfzigen begegnen, der an der Gicht zu leiden scheint, aber
noch schön ist, elegant gekleidet, und von jenem besonderen Stempel,
den die Gewohnheit der großen Welt aufprägt. Dieser Spaziergänger
ist kein anderer als Paul Petrowitsch Kirsanoff. Er hat Moskau aus
Gesundheitsrücksichten verlassen und sich in Dresden angesiedelt, wo er
vornehmlich mit den englischen und russischen Fremden umgeht. Ersteren
gegenüber beobachtet er ein einfaches, beinahe bescheidenes, aber
immer würdiges Benehmen; sie finden ihn ein wenig langweilig, halten
ihn aber für »~a perfect gentleman~«. Im Umgang mit den Russen fühlt
er sich behaglicher, läßt seinem galligen Humor die Zügel schießen,
verspottet sich selbst und schont die andern nicht; er tut aber dies
alles mit liebenswürdigem Sichgehenlassen und ohne jemals die gute
Lebensart zu verletzen. Er bekennt sich überdies zu den Ansichten der
Slawophilen, und bekanntlich gilt diese Anschauungsweise in der hohen
russischen Welt für besonders vornehm. Er liest kein russisches Buch,
aber man sieht auf seinem Schreibtisch einen silbernen Aschenbecher
in der Form eines bäuerlichen »Lapot«[48]. Von unseren Touristen wird
er häufig aufgesucht. Matthias Ilitsch Koliazin, der augenblicklich
in die Reihen der »Opposition« getreten ist, hat ihm auf einer Reise
in die böhmischen Bäder seine Aufwartung gemacht, und die Bewohner
Dresdens, mit denen er übrigens keinen näheren Verkehr hat, scheinen
eine Art Verehrung für ihn zu haben. Niemand kann so leicht wie der
»Herr Baron von Kirsanoff« eine Eintrittskarte in die Hofkapelle, eine
Theaterloge usw. erhalten. Er tut Gutes, soviel er kann, und immer
etwas geräuschvoll; nicht umsonst ist er einst ein »Löwe« gewesen, aber
das Leben ist ihm zur Last, mehr als er selber ahnt. Es genügt, ihn in
der russischen Kirche zu sehen, wenn er, zur Seite an die Mauer gelehnt
und den Ausdruck der Bitterkeit auf den festgeschlossenen Lippen,
unbeweglich dasteht und träumt, dann plötzlich den Kopf schüttelt und
sich fast unmerklich bekreuzt.
Frau Kukschin hat schließlich auch das Land verlassen. Sie
ist gegenwärtig in Heidelberg, und studiert nicht mehr die
Naturwissenschaften, sondern die Architektur, und hat da, wie sie sagt,
neue Gesetze entdeckt. Wie ehemals verkehrt sie mit den Studenten,
und besonders mit den jungen russischen Physikern und Chemikern,
von denen Heidelberg wimmelt und die, wenn sie die naiven deutschen
Professoren in der ersten Zeit ihres Aufenthalts durch die Richtigkeit
ihres Urteils in nicht geringes Erstaunen gesetzt haben, dieselben
kurz darauf durch ihren vollständigen Müßiggang und ihre beispiellose
Faulheit in noch viel größeres Erstaunen setzen. Mit zwei oder drei
Chemikern dieser Gattung, welche den Unterschied zwischen Sauerstoff
und Stickstoff nicht kennen, aber alles kritisieren und sehr zufrieden
mit sich selber sind, treibt sich Sitnikoff in Petersburg umher und
setzt in Begleitung des »großen« Eliewitsch und mit dem Bestreben,
diesen Ehrentitel gleichfalls zu verdienen, Bazaroffs »Werk«, wie er
sich ausdrückt, fort. Man versichert, daß er kürzlich geprügelt wurde,
jedoch nicht, ohne sich Genugtuung zu verschaffen; er hat in einem
obskuren Artikel, der in einem obskuren Blatt erschien, zu verstehen
gegeben, daß sein Gegner eine feige Memme sei. Er nennt das Ironie.
Sein Vater läßt ihn laufen wie gewöhnlich; seine Frau heißt ihn einen
Schwachkopf und Literaten.
In einem der fernsten Winkel Rußlands liegt ein kleiner Kirchhof. Wie
beinahe alle Kirchhöfe unseres Landes bietet er einen höchst traurigen
Anblick dar; die Gräben, welche ihn einhegen, sind seit lange vom
Unkraut überwuchert und ausgefüllt, die hölzernen Kreuze liegen auf
der Erde oder halten sich kaum noch, geneigt unter den einst bemalt
gewesenen kleinen Dächern, welche über ihnen angebracht sind; die
Leichensteine sind von der Stelle gerückt, als ob sie jemand von unten
weggestoßen hätte; zwei oder drei fast blätterlose Bäume geben kaum ein
wenig Schatten; Schafe weiden zwischen den Grabhügeln. Einer jedoch
ist da, den die Hand des Menschen verschont und die Tiere nicht mit
Füßen treten; die Vögel allein kommen und setzen sich auf ihn nieder,
und singen da jeden Morgen beim ersten Tageslicht. Ein Eisengitter
umgibt ihn, und an den Enden stehen zwei junge Tannen. Es ist das Grab
Eugen Bazaroffs. Zwei Leute, ein Mann und eine Frau, gebeugt von der
Last der Jahre, kommen oft dahin aus einem Dörfchen der Nachbarschaft;
eins aufs andere gestützt, nähern sie sich langsamen Schritts dem
Gitter, sinken auf die Knie und weinen lang und bitterlich, die Augen
auf den stummen Stein geheftet, der ihren Sohn deckt; sie wechseln
einige Worte, wischen den Staub ab, der auf der Platte liegt, richten
einen Tannenzweig auf, fangen wieder an zu beten und können sich nicht
entschließen, diesen Ort zu verlassen, wo sie ihrem Sohn, wo sie seinem
Andenken näher zu sein glauben. Ist es möglich, daß ihre Gebete, ihre
Tränen vergeblich wären? Ists möglich, daß reine, hingebende Liebe
nicht allmächtig sei? O nein! Wie leidenschaftlich, wie rebellisch
das Herz auch war, das in einem Grabe ruht, die Blumen, die darauf
erblühen, sehen uns freundlich mit ihren unschuldigen Augen an; sie
erzählen uns nicht allein von der ewigen Ruhe, von der Ruhe der
»gleichgültigen« Natur; sie erzählen uns auch von der ewigen Versöhnung
und von einem Leben, das kein Ende haben soll.