Fünfundzwanzigstes Kapitel

Die Ankunft Bazaroffs erfreute seine Eltern um so mehr, als sie ihn

gar nicht erwarteten. Arina Vlassiewna kam darüber so außer sich, daß

sie nichts tat, als im Hause hin und her laufen. Ihr Mann verglich sie

schließlich mit einem Rebhuhn; das aufgeschürzte Schleppchen ihres

Hausrockes gab ihr in der Tat auch einige Ähnlichkeit mit einem Vogel.

Wassili Iwanowitsch ließ beständig ein behagliches Brummen hören, wobei

er an der Bernsteinspitze seiner Pfeife sog, die er im Mundwinkel

stecken hatte; dann griff er sich mit den Fingern an den Hals und

drehte den Kopf krampfhaft, wie wenn er sich vergewissern wollte, daß

er noch festsitze, und den Mund in ganzer Breite öffnend, lachte er

geräuschlos vor sich hin.

»Ich komme auf wenigstens sechs Wochen, mein Alter,« sagte Bazaroff zu

ihm, »ich will arbeiten und hoffe, daß du mich in Ruhe lassen wirst.«

»Ich werde dich dermaßen stören, daß du mein Gesicht ganz und gar

vergessen sollst,« antwortete Wassili Iwanowitsch.

Er hielt sein Versprechen. Nachdem er seinen Sohn, wie das erstemal,

in seinem Studierzimmer einquartiert hatte, schien er sich ordentlich

vor ihm zu verstecken und duldete auch nicht, daß sich die Mutter ihm

gegenüber allzu sichtbaren Gefühlsausbrüchen überließ.

»Ich glaube wohl,« sagte er, »daß wir Eniuschenka bei seinem ersten

Aufenthalt etwas lästig geworden sind; wir müssen uns diesmal

gescheiter betragen.«

Arina Vlassiewna stimmte ihrem Manne bei, hatte aber nicht viel davon,

denn sie sah ihren Sohn nur zur Essenszeit und fürchtete sich, ihn

anzureden. -- »Eniuschenka ...« sagte sie, und ehe dieser nur Zeit

hatte, sich umzudrehen, stammelte sie schon: »Nichts, nichts, es ist

nichts!« wobei sie die Schnüre ihres Strickbeutels durch die Finger

gleiten ließ; dann ging sie zu Wassili Iwanowitsch und fragte, das Kinn

in die Hand gestützt: »Wie können wir wohl erfahren, mein Schatz, was

Eniuscha heute lieber zu Mittag ißt, Ehtchi oder Bastch[40]?«

»Warum hast du ihn nicht gefragt?«

»Ich fürchtete, ihm lästig zu fallen.«

Bazaroff gabs bald selber auf, sich immer eingeschlossen zu halten;

an die Stelle des Arbeitsfiebers, das sich seiner bemächtigt hatte,

trat eine trübe, unruhige Langeweile. Eine seltsame Gedrücktheit

machte sich in allen seinen Bewegungen bemerkbar; sogar sein sonst so

fester und rascher Gang veränderte sich sichtlich, er machte keine

einsamen Spaziergänge mehr und fing an, die Gesellschaft aufzusuchen;

er trank den Tee im Wohnzimmer, ging mit Wassili Iwanowitsch in dem

Gemüsegarten auf und ab und rauchte bei ihm schweigend seine Pfeife;

einmal erkundigte er sich sogar nach dem Befinden des Pater Alexis.

Diese Veränderung machte Wassili Iwanowitsch zuerst große Freude, aber

sie war nicht von langer Dauer.

»Eniuscha macht mir Sorge,« sagte er im Vertrauen zu seiner Frau;

»nicht als ob er unzufrieden und reizbar wäre, das würde mich nicht

beunruhigen, aber er ist traurig und bekümmert, das bringt mich zur

Verzweiflung. Er spricht nichts, es wäre mir lieber, wenn er mit uns

brummen würde; dabei wird er mager und sieht schlecht aus.«

»Ach mein Gott! mein Gott!« antwortete die Alte seufzend, »ich würde

ihm ja gern ein Säckchen mit Reliquien um den Hals hängen, aber er

leidet es nicht.«

Wassili Iwanowitsch machte wiederholt Versuche, Bazaroff vorsichtig

über seine Beschäftigung, seine Gesundheit, über Arkad auszufragen.

Aber Bazaroff gab ihm unfreundliche Antworten und sagte schließlich

ärgerlich:

»Das ist ja, wie wenn du immer auf den Zehen um mich herumschlichest,

diese Manier ist noch schlimmer als die frühere.«

»Nun, nun! ich will es nicht mehr tun,« fiel der arme Wassili

Iwanowitsch rasch ein. Die Unterhaltung über Politik hatte auch keinen

bessern Erfolg. Als er eines Tages bei Gelegenheit der bevorstehenden

Aufhebung der Leibeigenschaft die große Frage des Fortschritts

berührte, bildete er sich ein, daß dies seinem Sohne Freude machen

werde; aber dieser antwortete ihm gleichgültig: »Als ich gestern an

der Gartenhecke hinging, hörte ich anstatt ihrer alten Lieder ein paar

Bäuerlein mit dem Singsang sich heiser schreien: ›Der treuen Liebe

Zeit ist da, die Herzen spüren sanfte Regung ...‹ Da hast du deinen

Fortschritt.«

Bazaroff begab sich manchmal ins Dorf und fing dort nach seiner

Gewohnheit in spöttischem Ton ein Gespräch mit dem ersten besten Bauern

an. »Setz mir einmal deine Gedanken auseinander,« sagte er zu ihm; »man

will behaupten, ihr bildet die Kraft und die Zukunft Rußlands, mit euch

beginne ein neuer Abschnitt unserer Geschichte; ihr werdet uns unsere

wahre Sprache und gute Gesetze schaffen.« Der Bauer schwieg oder

stotterte, wenns hoch kam, einige Worte wie: »In der Tat, wir könntens

wohl, weil überdies ... nach der Vorschrift zum Beispiel, die wir

haben.«

»Erkläre mir, was euer ›Mir‹[41] ist?« fragte Bazaroff, »ist es der,

der auf drei Fischen ruht?«

»Die Erde ists, die auf drei Fischen ruht,« entgegnete der Bauer im

Tone der Überzeugung und mit singender Stimme, was seinen Worten etwas

Patriarchalisches und Naives gab, »und jedermann weiß, daß der Wille

des Herrn gegenüber unserm ›Mir‹ allmächtig ist, denn ihr seid unsere

Väter. Je strenger der Herr, um so liebenswürdiger der Bauer.«

Als er einmal eine solche Rede hatte anhören müssen, zuckte Bazaroff

verächtlich die Achseln und ließ den Bauern stehen, welcher ruhig nach

seiner Hütte zurückging.

»Worüber hat er mit dir gesprochen?« fragte letzteren ein anderer

Bauer, ein Mann in mittleren Jahren mit abstoßender Miene, der ihn von

seiner Haustür aus mit Bazaroff hatte reden sehen; »wahrscheinlich von

den rückständigen Abgaben?«

»Ach, er wird wohl!« erwiderte der erste Bauer, und seine Stimme hatte

nichts mehr von dem patriarchalisch-singenden Ton, sondern im Gegenteil

etwas Rauhes, aus dem man die Geringschätzung heraushörte; »er hat mit

mir geschwatzt, weil ihm ohne Zweifel die Zunge prickelte. Die Herren

sind alle gleich, versteht denn einer etwas?«

»Wie sollten sie was verstehen!« sagte der andere, und damit

schüttelten sie ihre Mützen, ließen ihre Gürtel herunter und

unterhielten sich über Gemeindeangelegenheiten.

Ach, der junge Mann voll Selbstvertrauen, der sich eben mit

verächtlichem Achselzucken entfernt hatte, dieser Bazaroff, der so gut

mit den Bauern zu reden wußte, wie er sich in seinem Streit mit Paul

Petrowitsch gerühmt -- er hatte entfernt keine Ahnung, daß diese ihn

für eine Art von Hanswurst ansahen.

Schließlich fand Bazaroff doch eine Beschäftigung, die ihm behagte.

Eines Tages verband Wassili Iwanowitsch in seiner Gegenwart einen

Bauern, der am Bein verwundet war; die Hände des alten Mannes

zitterten, und es fiel ihm sichtlich schwer, den Verband zu befestigen;

Bazaroff kam ihm zur Hilfe. Von da an half er seinem Vater regelmäßig

bei dessen ärztlichen Verrichtungen, wobei er es aber nicht unterließ,

über die Mittel, die er selbst anordnete, und über den Eifer, mit dem

sein Vater sie anwandte, zu spotten. Diese Scherze brachten übrigens

Wassili Iwanowitsch nicht aus der Fassung, er fand sie im Gegenteil

ganz nach seinem Geschmack. Seine Pfeife rauchend und mit zwei Fingern

die Schöße seines alten Schlafrockes zurückhaltend, hörte er Bazaroff

mit wahrer Glückseligkeit zu; je giftiger die Worte seines Sohnes

waren, desto herzlicher lachte der vergnügte Vater, daß man all seine

schwärzlichen Zähne sah. Er wiederholte sogar die manchmal ungesalzenen

oder sinnlosen Ausfälle seines Sohnes; so sagte er zum Beispiel mehrere

Tage lang bei jeder Gelegenheit: »Das ist zum Nachtisch!« nur einzig

und allein deshalb, weil sein Sohn diesen Ausdruck gebraucht hatte, als

er hörte, daß der Alte in die Frühmesse gegangen sei.

»Gottlob!« sagte er im Vertrauen zu seiner Frau, »Eniuscha hat

seine Hypochondrie vergessen. Wie er heute mit mir umgegangen ist!«

Anderseits war er außer sich vor Behagen, einen solchen Gehilfen

zu haben, der Gedanke daran flößte ihm ein Gefühl begeisterten

Stolzes ein. »Ja ja,« sagte er zu irgendeiner armen Bäuerin, die in

den Armiak[42] ihres Mannes gehüllt war und eine Kitschka[43] mit

Hörnern trug, als er ihr ein Glas Gulardsches Wasser und ein Töpfchen

Bilsenkrautsalbe einhändigte, »du solltest Gott jeden Augenblick

danken, meine Liebe, daß er meinen Sohn hierhergeführt hat, man

behandelt dich jetzt nach der gelehrtesten und neuesten Methode,

verstanden? Der französische Kaiser Napoleon selbst hat keinen besseren

Arzt.« Die Bäuerin, der er diese trostvolle Versicherung gab -- sie

hatte geklagt, daß es ihr sei, als ob sie »von Fäustchen in die Höhe

gehoben werde« (ein Ausdruck, dessen Sinn sie übrigens nicht weiter

erklären konnte) --, hörte Wassili Iwanowitsch zu, indem sie sich bis

auf den Boden verneigte und aus ihrem Brusttuch drei in die Ecke einer

Serviette eingewickelte Eier zog, welche ihre Opfergabe ausmachten.

Bazaroff riß sogar einem fremden Kaufmann einen Zahn aus, und obgleich

dieser Zahn nichts Besonderes hatte, bewahrte ihn Wassili Iwanowitsch

doch wie eine Rarität auf und wiederholte, als er ihn dem Pater Alexis

zeigte, mehrmals:

»Sehen Sie, Pater, welche Wurzeln! Eugen muß eine famose Faust haben!

Ich sah den Kaufmann in die Luft gehoben, es war prächtig, ich glaube

wahrhaftig, ein Eichbaum hätte ihm nicht widerstanden.«

»Das ist verdienstlich!« erwiderte der Priester, der dem Entzücken des

Greises nicht anders ein Ende zu machen wußte.

Ein benachbarter Bauer führte eines Tages seinen Bruder, der den Typhus

hatte, zu Wassili Iwanowitsch. Der Unglückliche lag sterbend auf einem

Bund Stroh, schwärzliche Flecken bedeckten seinen Körper, er war seit

lange bewußtlos. Wassili Iwanowitsch bedauerte, daß man nicht früher

daran gedacht, den Arzt zu dem Armen zu holen, und erklärte, daß es

keine Möglichkeit gäbe, ihn zu retten. In der Tat konnte der Bauer

nicht mehr nach Hause zurückgebracht werden, er starb unterwegs in

seiner Telege.

Zwei oder drei Tage später kam Bazaroff zu seinem Vater und fragte ihn,

ob er keinen Höllenstein habe.

»Ja! was willst du damit machen?«

»Ich brauch ihn, um eine kleine Wunde zu ätzen.«

»Wer hat sich verwundet? Wie! du? wo ist die Wunde, zeig sie mir.«

»Hier, an diesem Finger; ich habe mich heute morgen nach dem Dorfe

begeben, von wo man uns den Bauern gebracht hat, der am Typhus

gestorben ist; ich weiß nicht, warum man ihn öffnen lassen wollte; ich

habe diese Art von Operation schon lange nicht mehr ausgeführt.«

»Nun, und?«

»Ich bat den Distriktsarzt, mich damit zu betrauen, und habe mich

geschnitten.«

Wassili Iwanowitsch erbleichte plötzlich, lief, ohne eine Silbe zu

äußern, in sein Arbeitszimmer und kam mit einem Stück Höllenstein

wieder; Bazaroff wollte es nehmen und das Zimmer verlassen.

»Ums Himmels willen!« rief Wassili Iwanowitsch, »erlaub mir, daß ich es

mache.«

Bazaroff lächelte.

»Welche Leidenschaft für die Praxis!«

»Scherze nicht, ich beschwöre dich. Zeig mir deinen Finger; die Wunde

ist nicht groß. Ich tu dir doch nicht wehe?«

»Drücke fest darauf, sei ohne Furcht.«

Wassili Iwanowitsch hielt inne.

»Vielleicht wärs besser, sie mit einem heißen Eisen auszubrennen? was

meinst du?«

»Das hätten wir früher tun müssen. Jetzt wird es nicht mehr helfen als

der Höllenstein; wenn ich den Krankheitsstoff schon aufgenommen habe,

gibt es kein Mittel mehr.«

»Wie ... kein Mittel mehr? ...« stammelte Wassili Iwanowitsch.

»Gewiß! Es sind mehr als vier Stunden, daß ich mich geschnitten habe.«

Wassili Iwanowitsch betupfte die Wunde aufs neue mit Höllenstein.

»Der Distriktsarzt hatte also keinen Höllenstein?«

»Nein.«

»Großer Gott, das ist ja unglaublich, jeder Arzt muß damit versehen

sein!«

»Wenn du erst seine Lanzetten gesehen hättest!« versetzte Bazaroff und

verließ das Zimmer.

Während des Abends und des folgenden Tages ersann Wassili Iwanowitsch

alle möglichen Vorwände, um in das Zimmer seines Sohnes zu kommen;

und obgleich er nicht von seiner Wunde mit ihm sprach und sich sogar

anstrengte, über gleichgültige Dinge mit ihm zu plaudern, sah er ihn

doch so fest an und beobachtete alle seine Bewegungen mit solcher

Unruhe, daß Bazaroff die Geduld verlor und ihn gehen hieß. Wassili

Iwanowitsch versprach ihm, sich nicht mehr zu ängstigen, um so mehr,

als Arina Vlassiewna, der er, wohlverstanden, nichts mitgeteilt hatte,

mit Fragen in ihn drang, warum er so unruhig sei und die ganze Nacht

kein Auge zugetan habe. Zwei Tage lang blieb er fest, obgleich ihn das

Aussehen seines Sohnes, den er heimlich immer beobachtete, keineswegs

beruhigte; am dritten Tag aber konnte er sich nicht mehr halten. Man

war bei Tisch, und Bazaroff, der mit niedergeschlagenen Augen dasaß, aß

nichts.

»Warum ißt du nicht, Eugen,« fragte ihn sein Vater mit scheinbar

gleichgültigem Ton. »Die Platte scheint mir sehr gut zubereitet?«

»Ich esse nicht, weil ich kein Verlangen zu essen habe.«

»Du hast keinen Appetit? und der Kopf,« setzte er hinzu, »tut er dir

weh?«

»Ja, warum sollte er mir nicht weh tun?«

Arina Vlassiewna wurde aufmerksam.

»Bitte, werde nicht böse, Eugen,« fuhr Wassili Iwanowitsch fort, »du

mußt mir erlauben, dir den Puls zu fühlen.«

Bazaroff stand auf.

»Ich kann dir sagen, ohne mir den Puls zu fühlen, daß ich Hitze habe.«

»Hast du auch Frost gehabt?«

»Ja, ich will mich ein wenig legen, schick mir einen Lindenblütentee.

Ich muß mich erkältet haben.«

»Deshalb hab ich dich heute nacht husten hören,« versetzte Arina

Vlassiewna.

»Ich habe mich erkältet,« wiederholte Bazaroff und ging hinaus.

Arina Vlassiewna schickte sich an, den Tee zu bereiten, und Wassili

Iwanowitsch ging in das Nebenzimmer, wo er sich die Haare raufte, ohne

einen Laut hören zu lassen.

Bazaroff blieb den ganzen übrigen Tag im Bette und verbrachte die Nacht

in einem Zustand dumpfer, ermattender Schlafsucht. Als er gegen ein

Uhr morgens mühsam die Augen öffnete, bemerkte er beim Schimmer des

Nachtlichts das blasse Gesicht seines Vaters, der an seinem Kopfkissen

stand, und bat ihn, zu Bett zu gehen. Der Alte gehorchte, aber kam

beinah sofort wieder auf den Zehen hereingeschlichen und fuhr, hinter

der halbgeöffneten Türe eines Schrankes versteckt, fort, seinen Sohn

zu beobachten. Auch Arina Vlassiewna legte sich nicht, sie kam alle

Augenblicke an die Tür des Zimmers, um die Atemzüge Eniuschas zu

belauschen und sich zu vergewissern, daß Wassili Iwanowitsch immer

auf seinem Posten sei; sie konnte nur den unbeweglichen Rücken ihres

vornüber gebeugten Gatten sehen, aber das genügte, um sie ein wenig zu

beruhigen. Als es Tag wurde, versuchte Bazaroff aufzustehen; er wurde

aber von einem Schwindel erfaßt, dem bald Nasenbluten folgte, und legte

sich alsbald wieder nieder. Wassili Iwanowitsch half ihm schweigend.

Arina Vlassiewna trat herzu und fragte, wie es ihm gehe. »Ich fühle

mich besser,« antwortete er und kehrte sich gegen die Wand. Wassili

Iwanowitsch machte seiner Frau mit beiden Händen ein Zeichen, daß sie

sich entfernen solle; sie biß sich auf die Lippen, um nicht zu weinen,

und ging hinaus. Das ganze Haus schien wie verdüstert; alle Gesichter

wurden lang, eine fremdartige Stille herrschte sogar im Hofe; einen

krähenden Hahn, den diese Maßregel eigentümlich verwundern mochte,

verbannte man ins Dorf. Bazaroff blieb im Bett, das Gesicht gegen die

Wand gekehrt. Wassili Iwanowitsch redete ihn mehrere Male an, aber

seine Fragen belästigten den Kranken, weshalb der Alte unbeweglich in

seinem Lehnstuhl sitzenblieb und nur von Zeit zu Zeit die Hände rang.

Er ging auf einige Augenblicke in den Garten und stand dort wie eine

Bildsäule; er schien von einem unsäglichen Staunen erfaßt (der Ausdruck

der Überraschung verschwand kaum von seinem Gesicht). Dann kehrte er zu

seinem Sohn zurück, wobei er seiner Frau auszuweichen suchte. Dieser

gelang es endlich, ihn bei der Hand zu erwischen, und krampfhaft,

fast mit drohendem Tone fragte sie ihn: »Was hat er denn?« Um sie zu

beruhigen, versuchte Wassili Iwanowitsch zu lächeln, aber zu seiner

eigenen Verwunderung entfuhr ein lautes Lachen seinem Munde. Schon am

Morgen hatte er nach einem Arzt in die Stadt geschickt; er hielt es

für besser, seinen Sohn davon zu benachrichtigen, damit dieser ihm in

Gegenwart seines Kollegen keine Vorwürfe mache.

Bazaroff drehte sich auf dem Diwan, wo er lag, plötzlich um, sah seinen

Vater starr an und verlangte zu trinken.

Wassili Iwanowitsch gab ihm Wasser und benützte diesen Augenblick, um

ihm die Hand auf die Stirne zu legen: sie war brennend heiß.

»Alter,« sagte Bazaroff langsam und mit rauher Stimme, »das nimmt eine

böse Wendung. Ich habe das Gift im Leibe, und in wenigen Tagen wirst du

mich in die Erde legen.«

Wassili Iwanowitsch schwankte, als ob er einen heftigen Schlag in die

Beine bekommen hätte.

»Eugen,« stammelte er, »was sagst du da! Es ist eine einfache

Erkältung.«

»Geh doch,« versetzte Bazaroff, »ein Arzt darf so was nicht sagen. Ich

habe alle Symptome einer Ansteckung, du weißt es wohl.«

»Symptome ... einer Ansteckung? ... o nein ... Eugen!«

»Was ist denn das?« sagte Bazaroff und zeigte, den Ärmel seines Hemdes

zurückstreifend, seinem Vater die unheilverkündenden rötlichen Flecken,

welche seine Haut bedeckten.

Wassili Iwanowitsch erbleichte vor Schrecken.

»Gesetzt ... wenn auch ... das wäre ... etwas ... wie eine ...

epidemische Ansteckung.«

»Es ist eine Pyohämie[44],« sagte sein Sohn.

»Ja ... eine epidemische Ansteckung.«

»Eine Pyohämie,« wiederholte Bazaroff bestimmt und in rauhem Ton; »hast

du deine Kollegienhefte vergessen?«

»Nun ja, ich gebs zu ... ich gebs zu ... aber gleichwohl werden wir

dich kurieren.«

»Alles Redensarten! laß uns vernünftig reden; ich dachte nicht, so

früh zu sterben, das ist ein Unfall, der, ich gestehe es, mir ziemlich

unangenehm scheint. Meine Mutter und du, ihr werdet wohl tun, eure

Zuflucht zu eurem religiösen Glauben zu nehmen, es ist eine schöne

Gelegenheit, ihn auf die Probe zu stellen.« -- Er trank einen Schluck

Wasser. -- »Ich muß dich um etwas bitten, solang mein Kopf noch klar

ist. Morgen oder übermorgen wird, wie du schon weißt, mein Gehirn seine

Entlassung gegeben haben. Es ist sogar möglich, daß ich mich jetzt

schon nicht mehr ganz deutlich ausdrücke. Eben noch glaubte ich mich

von roten Hunden verfolgt, und du lauertest auf mich auf dem Anstand,

wie man auf einen Birkhahn paßt. Ich komme mir vor wie betrunken.

Verstehst du mich recht?«

»Gewiß, Eugen, du sprichst ganz vernünftig, wie gewöhnlich.«

»Um so besser, du hast mir gesagt, daß du nach einem Arzt geschickt

hast ... ich habe dich nicht abgehalten, dir diese Beruhigung zu

verschaffen ... verschaff mir deinerseits auch eine, schicke einen

Expressen ...«

»An Arkad Nikolajewitsch,« fiel der Greis rasch ein.

»Wer ist dieser Arkad Nikolajewitsch?« entgegnete Bazaroff wie in einem

Augenblick von Geistesabwesenheit ... »ach ja ... dieser Zeisig! Nein,

laß den in Ruhe, er hat sich jetzt in einen Raben verwandelt. Mach

keine so großen Augen, das ist noch nicht das Delirium. Schick einen

Expressen an Anna Sergejewna Odinzoff; es ist eine Gutsbesitzerin in

der Umgegend. (Wassili machte ein Zeichen mit dem Kopf, daß er sie

kenne.) Laß ihr sagen: Eugen Bazaroff grüßt Sie und läßt Ihnen melden,

daß er stirbt. Verstehst du mich?«

»Es soll geschehen ... aber wie kannst du sterben? Du, Eugen! Urteile

selber! ... Wo wäre da noch eine Gerechtigkeit auf der Welt?«

»Das verstehe ich nicht; aber schick den Expressen fort.«

»Auf der Stelle, und ich will ihm einen Brief mitgeben.«

»Nein; das ist unnötig. Laß sie von mir grüßen, dies genügt. Und jetzt

will ich wieder zu meinen roten Hunden zurückkehren. Das ist sonderbar!

ich wollte meine Gedanken auf den Tod richten, aber es will mir nicht

gelingen, ich sehe eine Art Flecken ... und weiter nichts.«

Er kehrte sich mühsam gegen die Wand, und Wassili Iwanowitsch verließ

das Kabinett. Im Zimmer seiner Frau angekommen, fiel er vor den

Heiligenbildern auf die Knie.

»Laß uns beten, Arina, laß uns zu Gott beten!« schrie er schluchzend,

»unser Sohn stirbt!«

Der Distriktsarzt, derselbe, der keinen Höllenstein hatte, kam und

riet, nachdem er den Kranken untersucht, zu einem zuwartenden Verfahren

und fügte einige Phrasen bei, die geeignet waren, Hoffnung auf Genesung

zu erwecken.

»Sie haben also Leute gesehen, die in meinem Zustande waren und nicht

ins Elysium gereist sind?« fragte Bazaroff und stieß gleichzeitig mit

dem Fuß an einen schweren Tisch neben dem Bett, daß er wankte und von

der Stelle wich.

»Die Kraft,« sagte er, »die ganze Kraft ist noch da, und doch muß ich

sterben; ein Greis hat wenigstens volle Zeit gehabt, sich des Lebens

zu entwöhnen, aber ich: verneinen ... verneinen ... Ja, verneine

einer einmal den Tod! Er verneint euch; damit ist alles gesagt. Ich

höre da unten weinen!« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, »es

ist meine Mutter. Arme Frau, wem soll sie jetzt ihren trefflichen

›Bastch‹ vorsetzen? Und auch du, Wassili Iwanowitsch, bist dem Weinen

nahe. Wenn dein Christentum nicht ausreichen will, so versuchs mit

der Philosophie, denk an die Stoiker! Du rühmtest dich, glaube ich,

Philosoph zu sein?«

»Ich Philosoph!« rief Wassili Iwanowitsch aus, und Tränen rannen über

seine Wangen.

Bazaroffs Zustand verschlimmerte sich stündlich; die Krankheit machte

reißende Fortschritte, wie dies bei derartigen Blutvergiftungen der

Fall ist. Er war noch bei voller Besinnung und verstand alles, was

man mit ihm sprach; er kämpfte noch. -- »Ich will nicht delirieren,«

murmelte er, die Fäuste ballend, vor sich hin, »das ist zu dumm!« und

gleich darauf fügte er hinzu: »zehn von acht, wieviel bleibt?« Wassili

Iwanowitsch ging wie ein Toller im Zimmer auf und ab, schlug alle

erdenklichen Mittel vor und deckte alle Augenblicke die Füße seines

Sohnes zu.

»Man sollte ihn in nasse Tücher wickeln ... ein Brechmittel und

Senfpflaster auf den Magen ... einen Aderlaß!« stammelte er mit

Anstrengung.

Der Arzt, den er gebeten hatte, dazubleiben, stimmte ihm bei, gab

dem Kranken Limonade und verlangte für sich selber bald eine Pfeife,

bald etwas Stärkendes und Erwärmendes, das heißt einen Schnaps. Arina

Vlassiewna blieb auf einer kleinen Bank neben der Tür sitzen und

verließ diesen Platz nur auf Augenblicke, um zu beten. Wenige Tage

zuvor hatte sie ihren Toilettenspiegel fallen lassen, und er war

zerbrochen, was sie immer für eine der schlimmsten Vorbedeutungen

angesehen hatte; Anfisuschka sogar wußte ihr nichts zu sagen.

Timofeitsch war mit der Botschaft des Sterbenden zu Frau Odinzoff

geeilt.

Die Nacht war schlecht ... Bazaroff lag im Fieber, von der Glut

verzehrt. Sein Zustand besserte sich mit Tagesanbruch ein wenig; er

bat Arina Vlassiewna, ihm das Haar zu kämmen, küßte ihr die Hand und

schluckte zwei oder drei Löffel Tee; Wassili Iwanowitsch faßte wieder

etwas Hoffnung.

»Gott sei gelobt!« sagte er wiederholt, »die Krise ist eingetreten ...

die Krise ist vorüber ...«

»Da seht,« sagte Bazaroff, »was ein Wort vermag! Das Wort Krise ist

ihm in den Sinn gekommen, und er fühlt sich dadurch ganz getröstet.

Es ist was Sonderbares um den Einfluß, den die Worte auf die Menschen

haben! Nenne einer einen Menschen Dummkopf, ohne ihn zu schlagen, und

er ist ganz betrübt! Man beglückwünsche ihn wegen seines Geistes, ohne

ihm Geld zu geben, und er fühlt sich glücklich.« Dieses kurze Gespräch

rief Wassili Iwanowitsch die Ausfälle zurück, deren sich Bazaroff in

gesunden Tagen bedient hatte, und er schien davon entzückt.

»Bravo! das ist sehr wahr und gut gesagt. Bravo!« rief er aus und tat,

als ob er in die Hände klatschte.

Bazaroff lächelte traurig.

»Was ist deine wirkliche Meinung,« fragte er seinen Vater, »ist die

Krise vorüber oder tritt sie erst ein?«

»Es geht besser, das sehe ich, und das freut mich,« versetzte Wassili

Iwanowitsch.

»Herrlich! Es ist immer gut, sich zu freuen. Aber hat man dort

hingeschickt? Du weißt schon ...«

»Gewiß.«

Die Besserung war nicht von langer Dauer. Die Anfälle erneuerten sich.

Wassili Iwanowitsch wich nicht vom Bett seines Sohnes. Eine ganz

absonderliche Angst schien den alten Mann zu quälen. Umsonst versuchte

er mehrmals zu reden.

»Eugen!« rief er endlich, »mein Kind, mein lieber, guter Sohn!«

Dieser unerwartete Ruf machte Eindruck auf Bazaroff. Er wandte den Kopf

ein wenig, versuchte es sichtlich, den Druck, der auf seinem Geiste

lastete, abzuwälzen, und sagte: »Was, mein Vater?«

»Eugen,« fuhr Wassili Iwanowitsch fort und sank neben Bazaroff in

die Knie, obgleich dieser die Augen geschlossen hatte und ihn nicht

sehen konnte. »Eugen, du fühlst dich besser und wirst mit Gottes

Hilfe genesen. Aber benütze diesen Augenblick, tue, was deiner armen

Mutter und mir die größte Beruhigung gewähren würde. Erfülle deine

Christenpflicht! Es ist mir schwer angekommen, dir den Vorschlag zu

machen. Aber es wäre noch schrecklicher ... Es handelt sich um die

Ewigkeit, Eugen! bedenke es wohl ...« Die Stimme versagte dem Alten,

und ein sonderbares Zucken glitt langsam über das ganze Gesicht seines

Sohnes hin, der fortwährend mit geschlossenen Augen dalag.

»Wenn euch das Vergnügen machen kann, so habe ich nichts dagegen,«

sagte er endlich; »es scheint mir aber keine Eile zu haben. Du hast

soeben gesagt, daß es besser mit mir geht.«

»Besser allerdings, Eugen, aber man kann für nichts stehen. Alles hängt

vom Willen Gottes ab, und um eine Pflicht zu erfüllen ...«

»Ich will noch warten,« entgegnete Bazaroff, »du sagst ja selber, daß

die Krise eben begonnen habe. Wenn wir uns täuschen, was liegt daran!

Man gibt ja den Kranken die Absolution, auch wenn sie bewußtlos sind.«

»Ums Himmels willen, Eugen ...«

»Ich will vorerst warten! ich möchte gern schlafen; laß mich ...«

Und er legte den Kopf wieder aufs Kissen. Der Greis erhob sich, setzte

sich in seinen Lehnstuhl, stützte das Kinn in die Hand und zernagte

sich die Finger.

Das Geräusch eines Wagens in Federn, dies Geräusch, welches man in der

ländlichen Stille so deutlich unterscheidet, schlug plötzlich an das

Ohr des Alten. Das Rollen leichter Räder kam immer näher; man konnte

schon das Schnauben der Pferde hören ... Wassili Iwanowitsch sprang aus

dem Lehnstuhl auf und lief ans Fenster. Ein zweisitziger Reisewagen mit

vier nebeneinandergespannten Pferden fuhr in den Hof seines kleinen

Hauses ein. Ohne sich Rechenschaft zu geben, was dies bedeute, und

unwillkürlich von einem freudigen Gefühl durchzuckt, lief er vor die

Tür. Ein Livreebedienter öffnete den Wagen, und eine verschleierte Frau

in schwarzer Mantille stieg aus.

»Ich bin Frau Odinzoff,« sagte sie. »Lebt Eugen Wassiliewitsch noch?

Sie sind sein Vater? Ich habe einen Arzt mitgebracht.«

»Gottes Segen über Sie!« rief Wassili Iwanowitsch aus, ergriff ihre

Hand und drückte sie krampfhaft an seine Lippen, während der Arzt, von

dem Frau Odinzoff gesprochen, ein kleiner Mann mit Brille und einer

deutschen Physiognomie, langsam den Wagen verließ. -- »Er lebt noch,

mein Eugen, und wird jetzt gerettet werden! Frau! Frau! es ist ein

Engel vom Himmel zu uns gekommen ...«

»Was gibts! großer Gott!« stammelte Arina Vlassiewna, welche aus dem

Wohnzimmer gelaufen kam und, gleich im Vorzimmer zu den Füßen Anna

Sergejewnas sinkend, wie eine Wahnsinnige den Saum ihres Kleides küßte.

»Was machen Sie, was machen Sie!« sagte Frau Odinzoff zu ihr; aber

Arina Vlassiewna hörte sie nicht, und Wassili Iwanowitsch wiederholte

fortwährend: »Ein Engel! ein Engel vom Himmel!«

»Wo ist der Kranke?« fragte endlich auf deutsch der Arzt mit

ungeduldiger Miene.

Diese Worte brachten Wassili Iwanowitsch wieder zur Vernunft.

»Hier! hier! wollen Sie mir gefälligst folgen, ›wertester Herr

Kollega‹,« fügte er gleichfalls auf deutsch und in Gedanken an seinen

früheren Rang hinzu.

»Ah!« sagte der Deutsche mit bitterem Lächeln.

Wassili Iwanowitsch führte ihn in sein Arbeitszimmer.

»Da ist ein Arzt, den Anna Sergejewna Odinzoff schickt,« sagte er,

indem er sich zum Ohr seines Sohnes niederbeugte, »und sie selbst ist

gleichfalls hier.«

Bazaroff öffnete sogleich die Augen.

»Was sagst du?«

»Ich habe dir die Nachricht gebracht, daß Anna Sergejewna Odinzoff hier

ist und dir diesen ehrenwerten Doktor hier mitgebracht hat.«

Bazaroff ließ die Augen durchs Zimmer laufen.

»Sie ist hier? ... ich will sie sehen ...«

»Du sollst sie sehen, Eugen ... zuvor aber müssen wir ein wenig mit

dem Herrn Doktor reden. Ich will ihm deine ganze Krankheitsgeschichte

erzählen, weil Sidor Sidoritsch (so hieß der Distriktsarzt) weggegangen

ist; dann können wir eine kleine Konsultation halten.«

Bazaroff blickte den Arzt an.

»Gut, machs so schnell wie möglich mit ihm ab, aber sprecht nicht

Lateinisch, denn ich verstehe, was es heißt: ~iam moritur~.«

»Der Herr scheint des Deutschen mächtig zu sein,« sagte der Schüler

Äskulaps wieder auf deutsch, zu dem Alten gewandt.

»Ick ... abe ... sprechen Sie Russisch, das wird besser sein,«

antwortete Wassili Iwanowitsch.

»Aha, so stehts ... gut!« Und die Konsultation begann.

Eine Viertelstunde später trat Anna Sergejewna in Begleitung Wassili

Iwanowitschs in das Zimmer. Der Doktor hatte Zeit gefunden, ihr ins Ohr

zu flüstern, daß der Zustand des Kranken hoffnungslos sei.

Sie richtete ihre Augen auf Bazaroff und blieb an der Tür stehen, einen

solch schrecklichen Eindruck machte auf sie das gerötete, obgleich

schon sterbende Gesicht, diese irren Augen, die sie starr ansahen. Sie

fühlte sich von einer eisigen Kälte und von einer erdrückenden Angst

ergriffen; der Gedanke, daß sie etwas ganz anderes fühlen würde, wenn

sie ihn wirklich geliebt hätte, durchzuckte sie.

»Danke!« sagte er mit Anstrengung, »ich hoffte es nicht. Das ist

eine gute Handlung. Wir sehen uns noch einmal wieder, wie Sie es mir

vorhergesagt haben.«

»Anna Sergejewna hat die Güte gehabt ...«

»Mein Vater, laß uns allein ... Anna Sergejewna, Sie erlauben es? ich

glaube, daß jetzt ...«

Sie nickte mit dem Kopfe, als ob sie sagen wollte, daß sie von einem

Sterbenden nichts zu fürchten habe.

Wassili Iwanowitsch verließ das Zimmer.

»Nun! ich danke!« wiederholte Bazaroff, »das ist wahrhaft königlich.

Man sagt, die Könige begeben sich so an das Lager der Sterbenden.«

»Eugen Wassiliewitsch, ich hoffe ...«

»Nein, Anna Sergejewna, wir wollen uns nicht täuschen; für mich ist

alles aus. Ich bin unter das Rad gefallen. Sehen Sie wohl, daß ich

recht hatte, mich nicht im voraus mit der Zukunft zu beschäftigen.

Das Sterben ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu für

jeden. Bis jetzt habe ich keine Angst ... Dann werde ich das Bewußtsein

verlieren, und ft (dabei machte er ein leichtes Zeichen mit der Hand).

-- Aber was könnte ich Ihnen noch sagen? ... daß ich Sie geliebt habe?

Das hatte früher keinen Sinn, und jetzt weniger als je. Die Liebe ist

eine Form, und meine eigene Form ist in der Auflösung begriffen. Ich

will Ihnen lieber sagen ... wie schön Sie sind! So, wie ich Sie da vor

mir sehe ...«

Anna Sergejewna zitterte unwillkürlich.

»Es ist nichts, beunruhigen Sie sich nicht ... nehmen Sie da unten

Platz ... nähern Sie sich mir nicht; die Krankheit, die ich habe, ist

ansteckend.«

Anna Sergejewna durchschritt das Zimmer rasch, um sich ihm zu nähern,

und setzte sich in einen Lehnstuhl neben dem Ruhebett.

»Welche Großmut!« sagte Bazaroff halblaut; »wie nah sie ist! so jung,

so frisch, so rein in diesem garstigen Zimmer! ... Nun, leben Sie wohl,

leben Sie lange, es ist das beste, was man tun kann, und genießen Sie

das Leben, solang es nicht zu spät ist. Sehen Sie, welch häßliches

Schauspiel: ein halbzertretener Wurm, der sich noch krümmt! Ich glaubte

sicher, noch vieles zu leisten; sterben, ich? ah! bah! ich habe eine

Mission, ich bin ein Riese! Und zu dieser Stunde besteht die ganze

Mission des Riesen darin, mit Anstand zu sterben, obgleich das keinen

Menschen interessiert ... Was liegt daran, ich will nicht kuschen wie

ein Hund.«

Bazaroff schwieg und suchte mit der Hand nach seinem Glas. Anna

Sergejewna gab ihm zu trinken, ohne die Handschuhe abzuziehen, und mit

verhaltenem Atem.

»Sie werden mich vergessen,« fuhr er fort; »die Toten sind nichts mehr

für die Lebenden. Mein Vater wird Ihnen sagen, daß Rußland einen Mann

verliert, der sehr kostbar für dasselbe war! ... Das sind Prahlereien,

doch lassen Sie dem Greise diese Illusionen ... Sie wissen ... für

ein Kind ist jeder Zeitvertreib recht[45] ... Trösten Sie ihn und

auch meine Mutter. In Ihrer großen Welt werden Sie dergleichen Leute

nicht finden, und wenn Sie mit der Laterne in der Hand suchten ... Ich

für Rußland notwendig! ... Nein, es scheint nicht! Wer ist ihm denn

notwendig? Ein Schuster ist ein notwendiger Mensch, ein Schneider ist

notwendig, ein Metzger ... er verkauft Fleisch ... ein Metzger ...

Halt! ich verwirre mich ... Hier ist ein Brett ...« Bazaroff legte die

Hand auf die Stirn.

Frau Odinzoff neigte sich zu ihm herab.

»Eugen Wassiliewitsch, ich bin noch immer da ...«

Er zog die Hand zurück und richtete sich mit einmal auf.

»Leben Sie wohl!« sagte er mit plötzlichem Nachdruck, und seine Augen

glänzten zum letztenmal. »Leben Sie wohl! ... hören Sie ... ich habe

Sie an jenem Tage nicht geküßt ... blasen Sie die sterbende Lampe aus,

und sie erlösche ...«

Frau Odinzoff drückte ihre Lippen auf die Stirn des Sterbenden.

»Genug!« hauchte er, und sein Haupt sank zurück ... »jetzt die

Finsternis ...« Frau Odinzoff verließ das Zimmer lautlos.

»Nun? ...« fragte sie Wassili Iwanowitsch mit gedämpfter Stimme.

»Er ist eingeschlafen,« antwortete sie noch leiser.

Bazaroff sollte nicht wieder erwachen. Er wurde gegen Abend gänzlich

bewußtlos und starb am andern Morgen. Der Pater Alexis übte an ihm die

letzten Pflichten. Als man ihm die Letzte Ölung gab, und das geweihte

Öl auf seine Brust träufelte, öffnete sich eins seiner Augen, und es

war, als ob beim Anblick dieses Priesters in seinem geistlichen Ornat,

des rauchenden Weihgefäßes und der vor den Heiligenbildern brennenden

Kerzen etwas wie ein schauerndes Entsetzen über das entstellte Gesicht

hinging ... das dauerte aber nur einen Augenblick. Als er den letzten

Seufzer ausgehaucht hatte, und das Haus von Wehklagen ertönte, wurde

Wassili Iwanowitsch von plötzlichem Wahnsinn ergriffen. -- »Ich habe

gelobt, mich zu empören,« schrie er mit heiserer Stimme, mit erhitztem,

verstörtem Gesicht und mit geballten Fäusten, als ob er jemand drohte;

»und ich werde mich empören! ich werde mich empören!«

Aber Arina Vlassiewna hing sich, in Tränen aufgelöst, an seinen Hals,

und sie fielen zusammen mit dem Gesicht auf den Boden, »ganz wie zwei

Lämmer«, erzählte nachher Anfisuschka im Vorzimmer, »wie zwei Lämmer

in der ärgsten Hitze«; zu gleicher Zeit und nebeneinander sanken sie

nieder.

Aber die Hitze des Tages vergeht, und der Abend kommt, und dann die

Nacht, die Nacht, welche alle Hartgeprüften und Müden in ein stilles

Asyl geleitet ...

Väter und Söhne · 第 32 / 38 题