Nachwort von Paul Ernst

In der klassischen Periode des russischen Schrifttums sind vier Dichter

die hervorragendsten: Gogol, Turgenjeff, Dostojewski und Tolstoi.

Von diesen vier wurde im nichtrussischen Europa Turgenjeff zuerst

berühmt, da er am wenigsten fremdartig war. Eine Weile trat er dann in

dem europäischen Interesse zurück gegenüber den größeren Dostojewski

und Tolstoi; aber heute scheint die Zeit gekommen zu sein, wo man

ihn auch bei uns endgültig einreihen wird, nachdem einerseits die

politisch-sozialen Tendenzen, anderseits die literarische Mode seiner

und seiner Genossen Zeit für uns historisch geworden ist.

Turgenjeff wurde aus einer alten adligen und wohlhabenden Familie 1818

geboren, erhielt seine höhere Bildung zum Teil in Deutschland, verließ

bald den russischen Staatsdienst und brachte einen sehr großen Teil

seines Lebens in Paris zu, im Kreise der Goncourt, Flauberts und der

andern großen französischen Dichter der Zeit; er starb 1883.

Man teilt seine schriftstellerische Arbeit in mehrere Perioden; für uns

möge eine Zweiteilung genügen. Die eine Hälfte bilden die kleineren

Schilderungen und Erzählungen, deren poetisches Hauptinteresse in der

Darstellung der russischen Natur liegt. Hier ist er der auch von seinen

großen Zeitgenossen unübertroffene Meister; durch ihn hat die russische

Landschaft ihre poetische Verklärung erhalten, und in einer Weise wie

kaum in irgendeiner andern neueren Literatur ist hier der Nation das

Vaterland geschaffen. Selbst der Fremde wird durch den Zauber seiner

Schilderungen so gefesselt, daß fast Heimatsgefühle wach werden,

wenn man nach längeren Jahren solche Darstellungen von ihm wieder

liest. Als zweiten Teil seines poetischen Gesamtwerkes muß man seine

Zeitromane auffassen. In diesen stellt er in die russische Landschaft

und gesamte Umwelt die wichtigen Typen seiner Zeit, dargestellt nicht

mit der düsteren Leidenschaft Dostojewskis, nicht mit der ethischen

Kraft und sittlichen Klarheit Tolstois, nicht mit dem leidenden Humor

Gogols, sondern mit dem fast uninteressierten, ästhetenhaften Ernst der

damaligen Franzosen. Von diesen Werken bringen wir in der Bibliothek

der Romane zunächst »Väter und Söhne«.

Der Roman erschien im Jahre 1861 und wurde sofort in die Kultursprachen

übersetzt. Er erzeugte damals merkwürdige Freundschaften und

Feindschaften. In Rußland erklärten die unruhig gesinnten jungen Leute,

er sei ein Pasquill auf ihre Bewegung; in seiner Hauptfigur habe

Turgenjeff sie verhöhnen, ja der Polizei denunzieren wollen. Im übrigen

Europa traf die Personen des Romans das entgegengesetzte Urteil. Man

fand sie und ihre Probleme sympathisch und höchst wertvoll und glaubte

neue und wichtige Einsichten in die Lebensgestaltung aus dem Buch

schöpfen zu können. Das Wort »Nihilist«, von Turgenjeff geprägt, noch

nicht mit der Vorstellung von Attentaten und Verschwörungen verknüpft,

umfaßte für das junge Europa die schönsten Empfindungen und Gedanken

einer neuen, endlich vernünftigen, endlich gerechten Welt.

Seitdem sind vierzig Jahre vergangen, und es ist sehr merkwürdig,

wie das Buch uns heute erscheint. Der Held Bazaroff ist ein offenbar

tüchtiger, fleißiger und intelligenter junger Mann, der ein

übermäßiges Selbstbewußtsein hat und öfters nicht ganz taktvoll ist;

aber man kann ihm schon einige kleine Schwächen nachsehen, und er ist

ja doch noch so jung! Sein Freund ist gleichfalls sehr sympathisch,

aber doch wohl etwas mittelmäßig. Die Herren der alten Generation sind

etwas zu weichherzig und indolent, aber im Grunde doch auch prächtige

Menschen. Die Probleme -- ja, wo sind denn eigentlich die Probleme?

Für was wird denn eigentlich gekämpft? Es scheint, daß die ältere

Generation aus sentimentalen Ästheten besteht, die nichts Rechtes zu

tun haben, und daß die jüngere Generation tüchtiger und praktischer

sein will und auch wohl sein wird, wenn sie auch freilich nicht gerade

die Welt wird auf den Kopf stellen können, wie sie sich, da sie ja nun

einmal jung ist, natürlich einbildet. Das ist alles. Man kann das nicht

als Versuch einer allgemeinen Neuordnung aller Dinge betrachten.

Der Roman war für die Zeit aus der Zeit geschrieben, enthielt alle

Anschauungen, Theorien und Gefühle der Zeit; Turgenjeff, der sich

hatte kritisch gegen die neue Generation stellen wollen, versichert

glaubhaft, daß er während der Arbeit selbst für sie warm geworden ist.

Und jene Zeit damals hatte noch dazu die Illusion, daß sie absolut

richtige, unwiderlegliche Theorien gebaut habe, nach denen von nun an

alle Menschen leben müßten. Und heute hat das alles gar nichts mehr zu

bedeuten.

Was heute den Roman noch -- oder erst -- anziehend macht, das ist der

zeitlose dichterische Gehalt: die reizend naive Jugendlichkeit des

Helden, das Idyll seiner Eltern, das liebenswürdige alte Brüderpaar und

die schön empfundene, so tief geliebte Landschaft des Dichters.

Turgenjeff begleitete den ersten Druck der vorliegenden Übersetzung

(1869) mit folgendem Vorwort:

Statt jeder Vorrede erlaube ich mir dem geneigten Leser zur Kenntnis zu

bringen, daß ich die vollkommene Treue vorliegender Übersetzung aufs

nachdrücklichste garantiere. -- Das ist eine Genugtuung, die mir noch

selten oder auch wohl gar nicht zuteil geworden ist. -- So wird man

wenigstens nach dem gerichtet, gelobt oder verdammt, was man eben getan

hat, nach seinen eigenen, nicht nach fremden Worten.

Daß mir ein solches Verhältnis gerade dem deutschen Publikum gegenüber

doppelt erwünscht ist, brauche ich nicht zu sagen. Ich verdanke

Deutschland zu viel, um es nicht als mein zweites Vaterland zu lieben

und zu verehren. -- Vor dem aber, was man liebt und verehrt, ist

der Wunsch: in seiner _eigenen_ Gestalt auftreten zu dürfen, wohl

natürlich.

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