Plötzlich stutzte das Pferd meines Mannes, der voranritt, und blieb mit

zitternden Flanken stehen. Selbst unter Zuhilfenahme der Sporen war es

nicht möglich, das nervös trampelnde Tier vorwärts zu bringen. Die

Träger, die dadurch ins Stocken kamen, wunderten sich einen Augenblick,

um im nächsten Moment, den Blick nach oben richtend, auf eine vom Baum

herabhängende, vier bis fünf Zentimeter dicke, zirka vier Meter lange

Schlange zu zeigen. Ein wohlgezielter Schuß aus der Büchse meines Mannes

bringt den Feind zur Strecke, und beruhigt wiehernd setzte das Pferd seine

Wanderung fort. Die Unvorsichtigkeit meines Mannes, gleich vom Pferde aus

zu schießen, brachte ihm, durch eine schnelle Rückbewegung des Pferdes,

eine kräftige Ohrfeige vom Gewehre ein.

[Illustration]

Nach zweistündigem Marsch kamen wir in einen mit zirka fünfzig Zentimeter

langem Gras bedeckten freien Platz, wo mein Mann vor zirka fünf Jahren

bei der Vermessung der Kamerun-Nordbahn sein Lager errichtet hatte. Einige

eingerammte Pfähle und darüberliegende Knüppel, sowie einige von Wind

und Wetter zerfetzte Palmenmatten waren die Überreste des ehemaligen

Lagers. Wir rasteten kurze Zeit und setzten dann unsere Wanderung fort.

Mittlerweile war auch die Sonne recht hoch gestiegen und entlockte mir,

trotzdem ich noch immer ritt und ganz leicht gekleidet war, so manchen

Seufzer und manches Tröpflein Schweiß, so daß ich froh war, als wir

gegen vier Uhr nachmittags unser nächstes Tageslager _Lum_ erreichten.

Wir hatten, selbst nach Ansicht meines Mannes, eine für die Tropen ganz

vorzügliche Tagesleistung hinter uns.

Hier wurde wieder Lager aufgeschlagen und der Abend von gestern wiederholte

sich naturgetreu, mit Ausnahme des kleinen Überfalles. Joseph begann

sofort der Schlange »das Fell über die Ohren zu ziehen« und schnitt

deren Leib, ohne Rücksicht auf die Eingeweide, in gleich große Stücke,

die er unter die Träger verteilte. Eiligst liefen diese nach ihren

Unterkunftshütten, wo -- wie wir uns am Abend überzeugten -- dieser

»Leckerbissen« mit einer unglaublichen Menge Bananen resp. Planten in die

unergründlichen Negermagen verschwand. I gitt! I gitt! Den gleichen Weg

nahm ein Hundsaffe, den mein Mann noch geschossen hatte. Die Schlangenhaut

wurde mit kleinen, selbstgefertigten Holzstiftchen auf zwei Palmenrippen

aufgezweckt, mit Alaun eingerieben und zum Trocknen ans Lagerfeuer

gestellt. Auf gleiche Weise wurde das Affenfell präpariert.

Auch heute hatte Joseph wieder mit einer kleinen Überraschung aufzuwarten.

Er hatte unterwegs einige Mangopflaumen gekauft und davon, unter

Vermischung von Bananen und Ananas ein sehr schmackhaftes Kompott

zubereitet. Ananas stand überhaupt täglich auf der Speisekarte. Ferner

servierte er ein junges Gemüse, was er aus zarten, in kleine Stücke

geschnittenen Graskolben, nach Art unserer jungen Erbsen, vorzüglich

zubereitet hatte.

Todmüde sank ich nach einem kurzen Plauderstündchen auf mein Lager und

schlief fest und traumlos nach dem anstrengenden Tagesritt bis zum Wecken,

wo ich mich erfrischt und neugestärkt erhob.

Heute marschierten wir bis nach Nlohe, was bereits 600 Meter über

dem Meere und bei 115 Kilometer der Nordbahn an den Ausläufern des

Menengubagebirges liegt.

Die üppige Urwaldvegetation wurde hier bereits durch einige

kilometerlange, mit vier bis fünf Meter hohem, fingerdicken Elefantengras

bestandenen Flächen unterbrochen, die die Ausläufer des Graslandes,

in welches wir nun allmählich einmarschierten, bildeten. Von hier aus

benutzten wir wieder die Bahn, um sie in Manengoteng wieder zu verlassen.

Auch hier machten wir nicht von dem dargebotenen Gastrecht Gebrauch,

sondern marschierten einige Kilometer zurück und schlugen direkt an der

alten Karawanenstraße an den zirka 10 Meter hohen Fällen des Dibombe

unser Lager auf.

Entzückt stand ich still und konnte den Blick nicht losreißen von

den ungeheuren, schaum- und gischtgekrönten Wassermassen, die sich mit

donnerndem Getöse in die Tiefe stürzten, unaufhörlich, rastlos! Fast

unmöglich war es, sich bei dem ungeheuren Lärm zu verständigen, doch wir

gewöhnten uns sehr bald an das ununterbrochene Rauschen des Dibombe und

waren hochbefriedigt von unserem idyllisch gelegenen Lagerplätzchen.

Interessiert betrachtete ich die aus Baumstämmen und Knüppeln, verbunden

durch Rotang (Lianengewächs) hergestellte Brücke; gewiß ein Kunstwerk

der Technik im afrikanischen Urwald!

Den Häuptling von Manengoteng hatte mein Mann angewiesen, daß er

Verpflegung für die Träger, sowie ein Schaf, einige Eier und Ananas für

unsere Küche bringen sollte und nach einigen faulen Ausreden erklärte er

sich dann auch bereit, den gewünschten shop zu bringen.

In Begleitung von fünfzehn bis zwanzig seiner Dorfgetreuen und Frauen,

die mich mit unverhohlenem Erstaunen und großem Interesse recht eingehend

begafften, brachte er dann auch wirklich die Verpflegung für unsere

Leute; ein sehr schönes Mutterschaf für uns, und mit verschämtem

Grinsen überreichte er mir persönlich ein Huhn und ein kleines, mit Eiern

gefülltes Körbchen. Als Bezahlung erhielt er den ortsüblichen Satz von

sieben Mark für das Schaf, außerdem fünf Het, das sind fünfundzwanzig

Blatt Tabak, und aus der unergründlichen Rumflasche er zwei und seine

Begleiter je ein Gläschen. Es wunderte mich, daß er das Glas auf einen

Zug leerte und den scharfen Traderum in dieser Menge seinem Magen anbot.

Doch der alte Genießer ging noch weiter, er behielt den »Schluck« im

Munde und spülte, den Kopf schüttelnd, sich auch noch den Mund damit

aus, bevor er das edle Naß hinunterschluckte. Die gleiche raffinierte

Genußsucht zeigten seine Begleiter.

Befriedigt über das Ergebnis seines Handels zog er sich in sein Dorf, wo

auch unsere Träger untergebracht waren, zurück.

Inzwischen hatte Joseph bereits unserem Schäflein das Lebenslicht

ausgeblasen und am Abend servierte er Hammelkeule mit grünen Bohnen

(Konserven). Joseph wollte sich vor mir als durchaus perfekter Koch zeigen

und hatte zum Nachtisch Krapfen gebacken, sowie eine gute Tasse Kakao

gekocht.

Meine lächelnde Frage, ob die Krapfen in »Affenfett« gebacken seien,

wies er beleidigt zurück, sah dann aber an meinem Appetit, daß ich nur

gescherzt hatte.

Mein Mann hatte mir oft in der Heimat von den Kochkünsten seines für

ihn unentbehrlich gewordenen Joseph erzählt, und ich kann heute die

Schilderungen schon zum größten Teil bestätigen.

Lustig loderten und knisterten die um unsere »Behausung« angelegten

vier Lagerfeuer und wir fielen bald, nachdem wir die wichtigsten

Tagsesereignisse notiert hatten, durch das Rauschen des Dibombe und die

vom tosenden Wasserfall gespendete Kühle sanft eingelullt, in einen tiefen

Schlaf.

Durch den alles übertönenden Lärm der abstürzenden Wassermassen und

durch den uns umgebenden Urwald am Fernblick behindert, hatten wir nicht

wahrgenommen, daß im Westen eine dicke, schwarze Gewitterwand sich

auftürmte und dank der ausnahmsweisen Wachsamkeit des Feuermannes wurden

wir vor unfreiwilligen Flugversuchen bewahrt.

Ein furchtbarer Sturm brach los. Dürre Äste fielen laut krachend um

unser Zelt herum zu Boden und der Feuermann begann bereits die glimmenden

Holzscheite der Lagerfeuer, die einen mächtigen Funkenregen verursachten,

auseinanderzuziehen, denn er sah das Zwecklose seiner Bemühungen,

weiterhin ein Lagerfeuer unterhalten zu können, ein. In wenigen

Augenblicken prasselte der Regen in Strömen hernieder, der jedoch dank der

um das Zelt angelegten vielen Wassergräben unsere Behausung, wenigstens

von unten her, trocken ließ. Blitz folgte auf Blitz und Donnerschlag auf

Donnerschlag. Fast ununterbrochen war unser Zelt taghell erleuchtet, und

ich mußte die Augen schließen vor der blendenden weißglühenden Helle

der tropischen Blitze. Unheimlich wurde mir in unserem engen Zelt

zumute, doch es gab keine andere Möglichkeit, als ruhig im Bett liegend,

auszuharren, bis der Tornado vorüber war.

Noch nie hatte ich ein derartiges Gewitter erlebt. Was waren selbst

die strengsten Gewitter in der Heimat gegen dies Toben der entfesselten

Elemente, diesen Aufruhr der Natur in den Tropen, das blitzte, krachte,

sauste, rüttelte an unserem Zelt, daß ich glaubte, der Untergang der Welt

sei gekommen.

Joseph, der die Unerbittlichkeit meines Mannes, während der ganzen Nacht

ein Lagerfeuer zu unterhalten, kannte, hatte vor Beginn des Regens so viel

Holz als möglich durch die Träger in die Hütten schaffen lassen. Er

selbst harrte mit uns im Zelte aus.

Da plötzlich schien die elementare Gewalt noch ein letztes Mal mit dem

Rest ihrer gewaltigen Kräfte einzusetzen, dem selbst einige Stricke

unseres Zeltes nicht standhielten, so daß die eine Hälfte einfach

zusammenklappte.

Wieder war es Joseph, der in Gemeinschaft mit dem Feuermann, welcher unter

dem Sonnensegel Schutz gesucht hatte und durch das Zusammenklappen des

Zeltes ein unfreiwilliges, zu seinem größten Leidwesen recht ergiebiges

Bad genommen hatte, bei strömendem Regen unter Blitz und Donner die

Zeltstricke an in der Nähe befindlichen Bäumen festband. Eine kleine,

kalte Douche hatten wir jedoch auch mit abbekommen.

Die Gewalt des Tornado war jetzt gebrochen, und man hörte nur noch das

monotone Rauschen des Wasserfalls und den langsam schwächer werdenden

Donner des abziehenden Gewitters, begleitet von starkem Wetterleuchten.

Die beunruhigte Natur brachte uns auch endlich für den Rest der Nacht in

der angenehmen Kühle und erfrischenden, gereinigten Luft den ersehnten,

erquickenden Schlaf.

Wir öffneten unser Zelt an den beiden Stirnseiten und ließen uns von der

frischen Nachtbrise in den Schlaf fächeln.

Am andern Morgen brachen wir in aller Frühe unsere Zelte ab, riefen

dem Wasserfall ein letztes Lebewohl zu und marschierten bis zur Station

Manengoteng, wo Joseph mit den Trägern das Verladen unserer Lasten

vornahm, während wir zu Pferde, begleitet von acht Trägern mit etwas

Verpflegung und einer aus zwei Reisesäcken und zwei armdicken Knüppeln

gefertigten Hängematte bis zur nächsten Station, Ndunge, durch den

herrlichen Urwald, der uns heute, nach dem erfrischenden Tornado viel

schöner erschien als bisher, ritten.

Schwierig gestaltete sich die Überquerung eines mittleren Nebenflusses

des Dibombe, dessen Brücke, welche aus mehreren über den Fluß gelegten

Baumstämmen und darüber geschnürten Knüppeln bestanden hatte, vom

gestrigen Tornado fortgerissen war. An einer seichten Stelle (Furt) wurde

die Durchquerung vorgenommen. Unsere wenigen Lasten, die bisher auf dem

Rücken getragen worden waren, mußten auf den Kopf genommen werden.

Rasch entledigten die Neger sich ihres einzigsten Kleidungsstückes, des

schmutzigen Lendenschurzes, dem eine innige Berührung mit dem Wasser

absolut nichts geschadet hätte, und bis unter die Arme im Wasser stehend,

das Gesicht der nicht schwachen Strömung zugewandt, waren bald sämtliche

Träger am andern Ufer des Flusses angelangt. Mein Mann, dem ein derartiges

Durchqueren nichts Neues war, schwamm direkt mit dem Pferde durch. Für

mich ließ er die »Hängematte« bringen und darin liegend, wurde ich auf

den Köpfen unserer lieben, schwarzen Brüder durch den Fluß getragen.

Sehr behaglich fühlte ich mich in diesem provisorischen Traggerüst

allerdings nicht, am meisten nervös machte mich das andauernde Geschrei

und Zurufen der sich vorsichtig vorwärts tastenden Träger.

[Illustration]

Nachdem wir auch dieses Hindernis genommen hatten, ritten wir durch die, an

den Ufern des Dibombe, der sich hier zwischen Felsblöcken hindurchwindet,

gelegenen Bananenhaine, in deren Hintergrund der Urwald, streckenweise von

Grasflächen unterbrochen, in seiner alten Pracht grünte. Das Gekrächze

der Papageien und der Ruf des Turakos, sowie das Murmeln des eilig zu Tale

fließenden Dibombe unterbrachen die lautlose Stille des Urwaldes.

Auf einem vom Sturm entwurzelten Urwaldriesen ließen wir uns nieder und

von Taka den mitgenommenen Mundvorrat auftischen, welcher bis auf eine

kleine eiserne Portion, die für alle Fälle unberührt blieb, verzehrt

wurde.

Von Ferne vernahm man das Stöhnen und Krächzen der Eisenbahn, die gerade

an dieser Stelle die sehr steilen Hänge des Manenguba-Gebirges in kurz

gewundenen Serpentinen, mehrere Male den Fluß kreuzend, hinaufkeucht. Wir

ließen den Zug an uns vorüberfahren und Joseph, der mit den restlichen

Trägern auf dem mit unseren Lasten beladenen Wagen thronte, schwenkte, zum

Zeichen, daß in der Kolonne alles in Ordnung sei, fast kameradschaftlich

die Mütze.

Nach weiterem, dreistündigen Marsch durch die endlosen Grasflächen, die

wir auf engen, ausgetretenen, zirka 30 Zentimeter breiten Negerpfaden, zu

deren beiden Seiten das bis fünf Meter hohe Elefantengras wogte und keinem

Lüftchen Zutritt zum Wege gestattete, durchquerten, zogen wir endlich in

Ndunge ein. (Das vorläufige Ende der Kamerun-Nordbahn ist Nkongsamba.)

Hier sahen wir zum ersten Male größere Herden Kleinvieh und eine,

scheinbar mit Verständnis aufgenommene Hühnerzucht.

Nachdem wir etwas außerhalb des Dorfes einen Platz von Gras und kleinem

Buschwerk befreit und darauf unser Lager aufgeschlagen hatten, erschien

auch schon der Häuptling mit Verpflegung für die Leute und einigen Ananas

und Popeias für uns.

Das Häuptlingsgehöft Ndunge bestand aus zweiundzwanzig, in einer Linie

längs der Straße aufgebauten Mattenhäusern und kennzeichnete eine

gewisse Wohlhabenheit seines Besitzers.

Für jedes Weib, welches sich der Häuptling neu erwirbt, läßt er von

den Getreuen seines Dorfes ein neues Mattenhaus errichten. Der Häuptling

selbst stand in den besten Jahren, und wir wunderten uns über die vielen

alten Frauen, die in seinen Gehöften untergebracht waren. Er erzählte uns

auf Befragen, daß sein Vater vor zirka fünf Jahren gestorben sei und

ihm seinen ganzen Reichtum, in Gestalt von fünfzehn Frauen, als Erbe

hinterlassen hätte.

Der Platz zwischen Gehöft und Straße war sauber mit kleinen Büscheln

von Zitronengras (Fiebergras) eingefaßt und in der Mitte dieses Platzes

standen einige herrliche Orangen- und Mangopflaumenbäume. Eine stattliche

Herde Schafe und Ziegen waren hinter dem Gehöft in einer Hürde

eingesperrt.

Wir hatten allmählich unsere Decken hervorsuchen müssen, denn es war

in den Abendstunden schon recht frisch, so daß man sich, im Langstuhl

sitzend, eine Decke über die Knie legen mußte.

Nachdem mein Mann den Häuptling für die gebrachte Verpflegung scheinbar

recht gut bezahlt hatte, brachte er uns am Morgen vor unserem Aufbruch

noch einige Hühner, die mit zusammengebundenen Füßen und über dem Arm

getragen, mitgenommen wurden.

Hier sollte, da wir uns doch bald am Endziel unserer Reise nach Norden

befanden, das in Duala eingekaufte Hängekleid ein würdiger Sold für

das Entgegenkommen des Häuptlings sein. Mit vor Freude glänzenden Augen

überreichte er seinem Lieblingsweibe das Kleid, welches laut klatschend

alle ihre Mitfrauen herbeirief, um uns nach dem Klang der Palaver- und

Playtrommeln, die von den Männern geschlagen wurden, unter rhythmischem

Händeklatschen einen Abschiedstanz aufzuführen. Als wir unsere Pferde

bestiegen hatten, drückte der Häuptling uns kameradschaftlich die Hand

und unter lautem Zurufen und Gejohle der Bewohner galoppierten wir zum

Gehöft hinaus.

Weiter ging es durch endloses Weideland, welches durch das letzte Abbrennen

nur mit ganz jungen Grasspitzen bestanden war, auf der schön ausgebauten

Regierungsstraße zunächst nach dem Posten Bare, wo wir auch unsere

Trägerkolonne einholten.

Hier sahen wir zum ersten Male an Stelle der Mattenhäuser aus den Halmen

des Elefantengrases hergestellte Hütten.

Nach kurzer Rast zogen wir, nach weiterem, dreistündigen Marsch in das

deutsche Gehöft der Gebrüder H. ein.

Freundlich von den Besitzern empfangen, ließen wir die Pferde in den Stall

bringen und in kurzer Zeit saßen wir, fröhlich von der Heimat plaudernd,

mit den beiden, von der Tropensonne gebräunten Farmern beim Essen. Dann

zeigten sie uns ihre stattlichen Rindvieh-, Schaf- und Ziegenherden,

sowie die Schweine und am Schlusse eine, in bescheidenen Grenzen

gehaltene Pferdezucht. Fern von jeder menschlichen Niederlassung auf einem

erloschenen Krater, die in jener Gegend nichts Seltenes sind, hatten sie

ein recht stabil gebautes, mit Matten eingedecktes Wohnhaus errichtet, dem

sich, ein Geviert bildend, die Ställe und Scheunen anschlossen. Vor dem

Gehöft war ein großer Komplex urbar gemacht und mit Kartoffeln bepflanzt,

während zu beiden Seiten herrliche Bananen- und Plantenhaine, leicht

von der wohltuenden Brise bewegt, standen. Auch Mais und Makavos, die

hauptsächlich als Futter dienten, erbauten sie. Die innere Ausstattung des

Wohnhauses war den afrikanischen Verhältnissen angepaßt und wir freuten

uns, nach den vielen Tagen der Reise wieder einmal ein festes Dach über

unserem Haupte zu haben. Allerdings reichten für die bis heute erklommene

Höhe (1100 Mtr.) unsere mitgebrachten Decken nicht aus, denn die

Temperatur sank bereits in den Abendstunden recht tief.

Der nächste Tag war der von den Trägern, und ich muß sagen, auch für

uns innig herbeigesehnte Rasttag, denn in Afrika marschiert man für

gewöhnlich höchstens fünf Tage, um am sechsten einen Ruhetag zu machen.

Während ich nach einem langen, bis tief in den Morgen hineinwährenden

Schlaf gemütlich durch die Farm bummelte und alles nochmals interessiert

betrachtete, ging mein Mann mit den beiden Besitzern auf Jagd und brachte

aus der sogenannten Kornkammer, einer verlassenen Kassadafarm, neun Stück

Buschhühner und fünf Tauben mit nach Hause, die wir uns am Mittag, durch

die Hand des schwarzen Kochs schmackhaft zubereitet, munden ließen.

Am Nachmittag ritten wir noch nach dem in der Nähe gelegenen Dorfe

Mboénda, wo mein Mann früher einmal sein Lager für längere Zeit

aufgeschlagen hatte. Leider war der Häuptling an den Folgen einer

Dysenterie gestorben, doch die anderen Bewohner, die meinen Mann

wiedererkannten, freuten sich über unser Kommen und beschenkten uns mit

Hühnern und Eiern. Da wir nur einige Het Tabak bei uns hatten, zahlten wir

mit diesen.

Um den Nachmittag gut auszufüllen, zeigte mir mein Mann noch die über den

Nkam führende, kunstgerecht aus fingerdicken Rotang-Lianen hergestellte,

den ganzen zirka sechzig Meter breiten Fluß überspannende Hängebrücke

bei Nkongsam. Unterhalb dieser Brücke stürzt sich der Nkam 40 Meter

über vorspringende Felsen in die Tiefe und jeder, der beim Überschreiten

der Hängebrücke einen Fehltritt tut, wäre dem sichern Tode geweiht.

Nachdem wir dieses herrliche Naturschauspiel bewundert hatten, ging's im

flotten Trabe heim. An das Durchreiten der zu durchquerenden Flüsse

hatte auch ich mich schon gewöhnt, so daß wir bald wieder in der Farm

anlangten, noch ehe die Nacht ihre Schatten auf die Erde senkte.

Am nächsten Morgen ließ Josef, wie an Marschtagen üblich, bereits im

Dämmern des kommenden Tages, das sich in Afrika innerhalb einer halben

Stunde von der Nacht bis zum völligen Sonnenaufgang vollzieht, unsere

Lasten in Reih und Glied vor dem Hause auflegen.

Als wir nach kurzem Frühstück aus dem Hause heraustraten, bot sich uns

wieder ein eigenartiges gewaltig-schönes Schauspiel.

Wer beschreibt die Schönheit des in scheinbarer Eile hinter den Bergen

emporsteigenden Glutballes!

Erst ein ganz leichter goldiger Schein, der sich bald in ein purpurnes Rot,

durchzogen von gelben bis milchweißen Fäden, verwandelt, beleuchtet

die Sonne die ausgedehnten, saftig grünen Grasflächen mit ihren ersten,

wärmenden Strahlen und während wir uns von unseren liebenswürdigen

Gastgebern mit herzlichem Dank verabschiedet hatten, stand sie in voller

Pracht am Himmel.

Nun traten wir den Marsch zur Küste an und marschierten vorläufig wieder

zu unserem Freunde von vorgestern, wo wir nach Übernachtung am nächsten

Tage die Bahn benutzen wollten, um sie in Mujuka wieder zu verlassen.

Eine zauberhaft schöne Mondnacht senkte sich auf die leicht ausgekühlte

Tropenlandschaft nieder. Prächtig, in nie gesehenem Glanze, eine kolossale

Lichtfülle ausstrahlend, stand silberglänzend der Vollmond am Himmel. Die

Helligkeit war so groß, daß man nicht zu klein gedruckte Schrift bequem

im Mondlicht lesen konnte.

Nicht sattsehen konnte ich mich an der Schönheit der im magischen, weißen

Lichte daliegenden Landschaft. Ich muß sagen, daß mir die Eigenart der

tropischen Lande noch unendlich anziehender erschien als im Sonnenglanz.

Noch ganz versunken in die märchenhafte Schönheit des Abends, beachteten

wir kaum den erst schüchternen, dann immer stärker werdenden rhythmischen

Schlag der Palaver- und Play-Trommeln. Als auch noch Gesang, sowie

ein, diesen begleitendes Händeklatschen aus dem Dorfe zu unserem Lager

herüberdrang, machten wir uns auf, um dem Tanze -- denn ein solcher fand

nach den Angaben meines Mannes statt -- zuzuschauen.

Männlein und Weiblein hatten sich auf dem Dorfplatze im Kreise

aufgestellt, hinter diesen, wohlgeordnet, die »Musikanten« und in der

Mitte des Kreises tanzten, ihre Schultern und Hände schwingend und den

Bauch schlangenartig im Kreise windend, zwei anmutige Negermädchen. Es ist

unbeschreiblich, mit welchem Feuer, jede Muskel einzeln bewegend, der Neger

sich dem Genusse des Tanzens hingibt. Schweißüberströmt drehten sich die

fast ganz nackten Körper im Mondlicht und ein wohlgelungener, graziöser

Sprung, der gleichzeitig das Ende der Partie bedeutete, brachte den

Tanzenden ein lebhaftes Gejohle und Händeklatschen als Lohn ein.

Etwas abseits von dieser tanzenden Gruppe hatten die erwachsenen jüngeren

Männer einen Kreis gebildet. Ihre Musikinstrumente bestanden aus leeren

Kisten, Tonnen und zwei, anderthalb Meter im Durchmesser fassende, fünf

Meter lange, aus einem Baumstamm herausgeschnitzte Kriegstrommeln, die

kräftig mit Stöcken und Knüppeln bearbeitet wurden. Wenn die Frauen ihre

Tänze graziös ausführten, so kann man hier von einem wilden, jeglichen

Rhythmusses entbehrenden Springen der mit Tanzmasken geschmückten

Männer reden. Ganz ausnahmsweise große Sprünge wurden mit einem lauten,

zischenden »scht, scht« begleitet, welche Laute durch Ruten, aus den

Rippen der Raphiapalme hergestellt und durch die Luft geschlagen, erzeugt

wurden.

Mein Mann verteilte einige Het Tabak und eine Flasche Rum, welche lauten

Jubel auslösten und die schwarze Gesellschaft zu noch groteskeren

Sprüngen veranlaßte.

Müde des Schauens, zogen wir uns in unser Lager zurück, doch noch lange

floh uns der Schlaf, da das Gedröhne der Trommeln, die monotonen Gesänge,

unterbrochen von den schrillen Trillern und dem Aufjauchzen der Weiber,

unausgesetzt zu uns herübertönte.

Es schien, als sollte ich, soviel als die Kürze der Zeit es erlaubte,

alles kennen lernen, was das Leben in den Tropen an Schönheiten und

Widerwärtigkeiten mit sich bringt.

Wir ritten am nächsten Tage von Mujuka aus, wohin uns inzwischen die Bahn

gebracht hatte, nach den Kakaoplantagen in Mudame, wo uns der Leiter in

liebenswürdigster Weise die Kakaokulturen, sowie die Bearbeitung der

Früchte bis zur Verschiffung zeigte. In fröhlicher Gesellschaft einiger

älterer Angestellten verbrachten wir den Abend.

Am nächsten Morgen mieteten wir uns drei große, zirka fünfzehn Meter

lange Kanoes, in die wir unsere Lasten verstauten. Das erste Kanoe, auf

welchem wir unsere Longchairs zwischen den Lasten eingebaut hatten, nahmen

wir in Beschlag. Zum Schutze gegen die Sonnenstrahlen ließen wir uns über

den Langstühlen ein leichtes Dach aus Palmenblättern aufbauen, so daß

wir im Genusse der durch die Fahrt erzeugten Brise blieben. Die zwei

anderen Kanoes wurden von den Trägern besetzt.

In fröhlicher Fahrt ging es, durch die kräftigen Ruderschläge unserer

Pulljungs vorwärts getrieben, den Mungo hinunter.

Leise stimmte einer der Neger ein Liedchen an, in das bald die andern

einfielen und nun wiederholte sich das auf dem Marsch bereits

Beobachtete, daß einer vorsang und die andern einfielen; im Takte mit den

Ruderschlägen.

Unsere Hochzeitsreise in die Urwälder von Kamerun · 第 2 / 3 段