Die Straßen Lomes sind zum Teil befestigt und auf ihnen werd

Unsere

Hochzeitsreise

in die Urwälder

von Kamerun

Von

Jenny Neralc

Mit 4 Abbildungen im Text

und

einer Illustrations-Beilage

Winden in Westfalen

Druck und Verlag von Wilhelm Köhler

1924

Nun sollte es also doch Wahrheit werden!

Ich sollte Kamerun sehen!

Das lang und heiß Ersehnte, aber nie Erhoffte sollte greifbare Gestalt

annehmen.

Kamerun! Allein das Wort hatte stets einen faszinierenden Reiz auf mich

ausgeübt. Von allen fremden Ländern war es stets der schwarze Erdteil,

der mich am meisten anzog und von diesem wiederum Kamerun. Schon als Kind

verschlang ich alle sich darauf beziehenden Reisebeschreibungen und sah ich

-- als Hamburgerin -- Dampfer der Woermannlinie nach Kamerun ausreisen, was

ich mir nicht oft entgehen ließ, konnte ich mich oft eines Tränenstromes

nicht enthalten, sodaß manch' lächelnder Blick der am Kai versammelten

Menschen das kleine, dicke Mädel traf, dessen Kummer allen unverständlich

war.

Nie hätte ich geglaubt, daß sich mein glühender Wunsch noch dermaleinst

verwirklichen würde; doch das Schicksal meinte es gut mit mir, indem es

mir in meinem Lebensgefährten einen Mann zuführte, der bereits 5 Jahre

Kamerun bereist, eine tiefe Liebe für dieses schöne Land empfand. Er

verstand und würdigte meine Sehnsucht und überglücklich war ich, als er

mir als Hochzeitsgabe eine Reise nach Kamerun versprach.

Welch' herrlicher Gedanke! An der Seite des geliebten Mannes das Land

meiner Sehnsucht aufzusuchen und kennen zu lernen. Wie dankbar war ich ihm

für seine Güte, die mir diese herrlichste aller Hochzeitsgaben bescherte.

Drei Tage nach unserer Trauung in Dresden fuhren wir am 7. September nach

Hamburg. Ein gemütlicher Abend hielt uns bei lieben Freunden fest, wo

unsere Abreise weidlich begossen wurde. Spät trennten wir uns, begleitet

von guten Wünschen der Freunde, doch lange konnte ich keinen Schlaf

finden, denn in unregelmäßigen Zwischenräumen drang das Heulen der

Sirenen in unser Hotelzimmer und erneuerte immer wieder das wunderselige,

wonnige Gefühl: »Morgen, morgen gehts hinaus in die weite, herrliche

Welt!«

Am andern Abend um 10 Uhr begaben wir uns an Bord. Am Morgen des nächsten

Tages um 7 Uhr wurden die Taue vom Kai gelöst und langsam fuhren wir,

von einem Schlepper gezogen, unter den heiter-wehmütigen Klängen des

hübschen, uralten Liedes: »Muß i denn, muß i denn zum Städtelein

hinaus« und dem Hurrarufen und Tücherschwenken der am Kai Stehenden, aus

dem Hafen hinaus, die Elbe hinunter.

Das eben erwachende Blankenese, mit seinen schmucken, in Grün gebetteten,

Wohlstand verratenden Villen und dem stolzen Süllberg sandte uns in

lachender Morgensonne seine Abschiedsgrüße zu und weiter gings, an den

blühenden Elbhügeln entlang, dem offenen Meere zu.

Ein buntes Leben und Treiben entwickelte sich vor unseren Augen in

der Elbmündung, denn unzählige kleine Küstendampfer und Fischkutter

steuerten, geschickt manöverierend, unter Volldampf ihrem Ziele zu.

Nachdem wir die Feuerschiffe passiert hatten, fuhren wir mit halber Kraft

in die Nordsee ein. Unser Schiff begann jetzt unter den leichten Wellen der

Nordsee etwas zu stampfen, doch, als geborene Hamburgerin des Seereisens

von einigen Überfahrten nach Helgoland und Dänemark nicht ganz

ungewöhnt, machte mir die stampfende Bewegung des Schiffes viel

Vergnügen.

Fern am Horizonte tauchten die Umrisse unseres befestigten

Felsen-Eilandes, Helgoland, auf, um welches herum, malerisch, und doch in

Schlachtenformation gruppiert, ein Teil unseres Hochseegeschwaders unter

Volldampf lag, scheinbar in Erwartung eines markierten Feindes.

Nachdem auch dieser kleine Rest heimatlicher Erde unseren Blicken

entschwunden war und der Tag sich zu neigen begann, zogen wir uns, für

heute des Schauens müde, in unsere Kabine zurück, und die leise an die

Schiffswand schlagenden Wellen und das stete Surren der Schiffsschraube

sangen uns ein monotones, einschläferndes Schlummerlied.

Als ersten Hafen liefen wir Boulogne sur mer an, nahmen Post und einige

Passagiere an Bord und dampften selbigen Tags, die um die Insel Wight

gruppierten, schwimmenden, englischen Forts passierend, nach Southampton,

wo wir ebenfalls auf Reede liegen blieben und von einem Küstendampfer Post

und Passagiere übernahmen.

Weiter ging es mit Volldampf in den offenen Ozean hinein.

Das leichte Gekräusel der Nordsee, was wir bereits als Wellen empfanden,

verstärkte sich dermaßen, daß man auf dem Schiff, außer den heftiger

gewordenen Stampfbewegungen, auch ein recht bemerkenswertes Rollen

verspürte, ja selbst einige Spritzer der kleinen Sturzseen benetzten

die Promenadendecks, und empfindliche Gemüter zogen sich bereits aus der

frischen Seebrise in die verschiedenen Salons zurück.

Die »alten Afrikaner« hatten sich bereits zu kleinen Gesellschaften

gruppiert und begannen, unbekümmert um das Treiben des Ozeans, ein

Spielchen. Eifrig wurde dem Bier und sonstigen geistigen Getränken

zugesprochen und dicker Zigarren- und Zigarettenqualm erfüllte den Raum,

so daß ich vorzog, mich schleunigst an Deck zu begeben, in die herrliche,

frische Seeluft, wenngleich mich auch einige dieser »alten Afrikaner«

stark interessierten. Beim Spiel konnte man beobachten, wie sehr ihre

Nerven im schwarzen Erdteil gelitten hatten. Diese typische, leichte

Erregbarkeit, die so schnell erhitzten Gemüter, kennzeichneten die lange

unter der sengenden Sonne Afrikas hartgearbeiteten Männer. Und auch

wie manche sehnige, schöne Gestalt war unter ihnen: groß, schlank,

braungebrannt, mit kühnem Gesicht und energisch blickenden Augen.

Stets weilte ich gern unter ihnen und lauschte ihren hochinteressanten

Erzählungen über ihre Erlebnisse im schwarzen Erdteil. Sollte ich doch

jene Gefilde, die noch einen kleinen Überrest des längst entschwundenen

Urdaseins darstellen, aus eigner Anschauung kennen lernen.

Nachdem uns die, selbst von den ältesten Kapitänen unserer Weltlinien

gefürchtete Biskaya auf ihren haushohen Wellen einige Tage lang

geschaukelt und auch von einigen, nicht ganz magenfesten Passagieren ihren

Tribut gefordert hatte, wurde am neunten Tage unserer Seereise wieder Land

gesichtet, und zwar waren es die kanarischen Inseln, und von diesen wieder

Teneriffa als erste, deren Hafen, Santa Cruz, wir kennen lernen sollten.

Am nächsten Tage sahen wir beim Erwachen bereits die Umrisse der

unzähligen, ehemals vulkanischen Bergkegel, in deren Mitte ihr Oberhaupt,

der Pique Teneriffe thronte, aus dem Meere emporsteigen. Die Spitze des

alten Götterberges war in leichte Nebel gehüllt, doch bereits nach

zweistündiger, weiterer Fahrt zogen sich auch die letzten Nebelschleier

vom Haupte des Pique Teneriffe hinweg. Noch näher kommend, erkannten wir

mit Hilfe der Ferngläser die rotbraunen Heidekräuter, durchmischt mit

eßbaren Kakteen und üppig wuchernden Farren, einem herrlich gewirkten

Teppich gleichend, welcher die Kegel bedeckt. Auf den Außenkegeln sind die

portugiesischen Signalstationen errichtet, die hier, wie in Las Palmas

und Madeira als Forts ausgebaut und armiert sind. Zwischen den Bergkegeln

ziehen sich, mit üppigster Vegetation bestandene Täler hin, in denen

die kleinen Dörfchen mit ihren roten Bedachungen malerisch zwischen den

herrlichen Bananenhainen wie in einem Schmuckkästchen leuchten.

Bereits vor der Hafeneinfahrt bemerkten wir auf hoher See die kleinen

Fischkutter und Boote der Eingeborenen von Santa Cruz, deren Nebenerwerbs-

und Nahrungsquelle der Fischfang zu sein scheint.

Kaum war der Klang unserer Schiffssirene verhallt, als sich auch schon ein

reges Leben im Hafen bemerkbar machte. Hunderte von kleinen Ruderbooten,

besetzt mit Männern und vor allen Dingen Jungen, hatten unser noch langsam

fahrendes Schiff als Ziel gewählt. Unzählige von kleinen, schwimmenden

Krämerläden, in denen man Bananen, Orangen, Nüsse, Äpfel, Papageien,

Ferngläser, Briefmarken, Kanarienvögel, Seidenwaren, entzückende

Madeirastickereien, Postkarten, Goldwaren, Zigarren, Zigarretten und

tausend andere Sachen mehr kaufen konnte, umgaben bald unser Schiff.

Mit buchstäblich affenartiger Geschwindigkeit erklommen die 6-10jährigen

Jungen, mit Handkörbchen beladen, die von einigen voreiligen

Passagieren hinabgeworfenen Taue und es entspann sich sehr bald ein reges

Handelsgeschäft.

Der Neuling kauft von allem, was ihm geboten wird und zahlt anstandslos die

Preise, die gefordert werden. Erst durch das routinierte Handeln einiger

»alter Afrikalöwen« aufmerksam geworden, erkennt er seine Voreiligkeit,

denn die »alten Afrikaner« kaufen nicht 50, sondern 200-300 Prozent

billiger als der Neuling.

Singend und schreiend kletterten die halbwüchsigen Burschen in ihren

Booten herum und forderten kreischend und flehend die Passagiere auf,

Geldstücke ins Meer zu werfen, nach denen sie tauchen und keines entgeht

ihren Blicken.

Mit Genehmigung des Kapitäns durften wir an Land gehen. Die kleine

Barkasse brachte uns bald an den Kai, wo uns die zweirädrigen, mit

Mauleseln bespannten Karren aufnahmen und uns auf einer Rundfahrt durch

Santa Cruz mit den Schönheiten der Hafenstadt, in Gestalt von prächtigen

Bananenhainen, Zuckerrohrplantagen und Palmen bekannt machten. Zum ersten

Male konnte ich die Schönheiten der in Freiheit gediehenen, mächtigen

Palmen bewundern.

Nachdem wir von unserer ca. vierstündigen Fahrt in das Hinterland der

Insel, die uns abwechselnd durch herrliche Farmen und kleine Dörfchen

führte, zurückgekehrt waren, labten wir uns an einer Flasche echten

(hoffentlich) Madeiraweins und ließen uns durch die Barkasse wieder an

Bord bringen. Auch der Markthalle, die uns einen Einblick in die üppigen

Vegetationsverhältnisse der Insel tun ließ, sowie dem Rathause statteten

wir einen Besuch ab.

Unser vorläufiges Reiseziel war Madeira, dem wir einige Tage widmen

wollten. Wir mußten uns daher von der uns liebgewordenen Reisegesellschaft

und von unserem Dampfer in Las Palmas trennen, um nach Besichtigung der

Hafenstadt von Grand Canaria mit einem Küstendampfer nach Madeira zu

fahren.

Las Palmas unterscheidet sich von Teneriffa durch seine, in die Berge

eingebauten, mit flachen Dächern abgedeckten, hell angestrichenen Häuser.

An der Hauptstraße, auf der sich mit tosendem Gerassel eine Eisenbahn in

unergründlichem Schmutze durcharbeitet, liegen die öffentlichen Gebäude

und am Ende der Straße, umgeben von Palmen und anderen tropischen

Gewächsen, die Kathedrale von Las Palmas. Nach einer kurzen Besichtigung

der letzteren sahen wir uns noch die hinter den Häusern angelegten, wenig

gepflegten Bananen- und Zuckerrohrplantagen an und fuhren mit unserem,

am Kai gemieteten Karren, dem singend und schreiend, Purzelbaum- und

Radschlagend die Jugend bettelnd folgte, wieder nach dem Hafen.

Unser Gepäck war bereits auf dem kleinen Küstendampfer, der uns nach

Madeira bringen sollte, verstaut worden, und am Abend des nächsten Tages

fuhren wir in den Hafen von Funchal ein.

Tausend und abertausend Lichter spiegelten sich in der ruhigen

Wasserfläche wieder und boten dem Auge des Beschauers ein entzückendes

Bild. Ab und zu trug der Abendwind leichtverwehte Klänge einer

einschmeichelnden Musik zu uns herüber und traumverloren an der Reeling

lehnend, ließen wir die wunderbare Schönheit des südlichen Hafenbildes

und des tiefen Frieden ausatmenden Funchals auf uns einwirken.

Plötzlich durchdröhnte die Stille der sternenklaren Nacht das Rasseln der

Ankerketten und der Donner der Postkanone und eine Stunde später betrat

ich das eigenartige, vielbesungene Märchenland.

Studienhalber besuchten wir am Abend, nachdem wir uns im Hotel etwas

restauriert hatten, einige Bierlokale, wo uns in den sauberen Räumen

überall die lockenden, südlichen Klänge der fast durchweg sehr

musikalischen und musikliebenden Bevölkerung empfingen.

Am anderen Morgen nahmen wir einen jener charakteristischen, mit Ochsen

bespannten Schlitten und fuhren -- nicht wie hierzulande im Schnee --

sondern auf faustgroßen, runden, glatten Pflastersteinen durch die Stadt.

Daß es ein angenehmes Fahren gewesen wäre, kann ich nicht behaupten, aber

wir hatten die Mode mitgemacht.

Auch eine kleine Hafenfahrt im Ruderboote unternahmen wir und entdeckten

auf den kleinen Bergkegeln, die sämtlich vulkanischen Ursprungs sind, die

Befestigungen und Signalstationen von Funchal.

Die Schönheiten Funchals und seiner Umgebung zu beschreiben, ist man wohl

kaum imstande. Ein Gemisch der herrlichsten und verschiedenartigsten Palmen

und sonstiger subtropischer Gewächse, zwischen denen die kleinen, mit

Stroh und Matten gedeckten Hütten der ärmeren Bevölkerung Funchals

liegen, bietet sich dem Auge dar. Bäume, deren Höhe und Stärke nur noch

einen kläglichen Überrest von den Riesenerzeugnissen der Urzeit bilden,

recken, leicht vom Seewind bewegt, kühn ihre Häupter gen Himmel; leise

von längst entschwundenen Zeiten flüsternd.

Die Bevölkerung Funchals scheint, soweit man dies nach dem kurzen, uns

vergönnten Aufenthalt beurteilen kann, nur aus Armen und Reichen zu

bestehen. Der Arme trägt seine schweren Lasten aus der Farm nach den

Märkten auf dem Kopfe, um sie dort für billiges Geld loszuschlagen oder

gegen andere Nahrungsmittel einzutauschen. -- Der Wohlhabende läßt sich

von zwei Dienern in seiner Hängematte, deren buntgestreiftes Segeltuch ihn

vor den sengenden Sonnenstrahlen schützt, spazieren tragen, oder er fährt

in dem landesüblichen Ochsenschlitten durch die Straßen der Stadt.

Nach fünftägigem Aufenthalt booteten wir uns wieder auf einem

Afrikadampfer der Woermannlinie ein.

Noch einmal lassen wir das Auge sich sattsehen an dem gesegneten Fleckchen

Erde, welches uns soviel Schönes und Neues bot.

Lebe wohl, du einziges Madeira, wohin man sich das einstige Paradies

verlegt denken kann.

Auf spiegelglatter See, die nur durch das zeitweise Auftauchen von

fliegenden Fischen, Schweins- und Haifischen unterbrochen wurde, fuhren wir

dem ersten afrikanischen Hafen, Conacry, entgegen.

Zum ersten Male in meinem Leben sah ich die hohen Wasserstrahlen, die ein

Walfisch in die Luft spritzte und dessen Körper zeitweilig bis zur Hälfte

seiner Stärke aus dem Wasser ragte.

Die größte westliche Länge, die wir auf unserer Fahrt erreichten, war

32° nach Greenwich, die größte Zeitdifferenz von Hamburg 2 Stunden

11 Minuten.

Durch den ersten Offizier wurde uns geraten, eine Nacht zu opfern, um dem

nimmer rastenden Treiben der Delphine und Haifische, die von jetzt ab viele

Tage als treue Begleiter in unserem Kielwasser folgten, zu beobachten.

An einem herrlichen, lauen Abend zogen wir uns nach dem Abendbrot auf

das Achterdeck zurück und machten es uns in unseren Langstühlen bequem.

Unseren Augen bot sich ein seltsames Schauspiel. Tausend und abertausend

kleine Fünkchen (Infusorien) spielten in den durch die Schiffsschraube

leicht gekräuselten Wellen: Das sogenannte Meeresleuchten und zwischen

diesem Gewimmel zogen die Haifische, die ebenfalls stark phosphoreszieren,

gespensterhaft ihre blaugrünen Furchen, bald back- bald steuerbords das

Schiff beobachtend, ob nicht ein kleiner Überrest aus der Küche sich

ihnen als Fang zeigt.

Die unvergleichliche Pracht des Sternenhimmels wurde durch den Mond,

der bald als feurige Kugel aus dem Meere emporstieg, gebrochen, und die

angenehme Kühle der Nacht ließ uns die Stunden des Schauens wie im Fluge

vergehen.

Wir bummelten über die Promenadendecks nach dem Bug und beobachteten dort

das launische Treiben der Delphine. Ihre phosphoreszierenden Körper

zogen sich direkt vor dem äußeren Steven des Schiffes durch die rötlich

schimmernden Manuaren, sogenannte »spanische Schiffe«, die Korallenriffen

gleichend, das Meer beleben, hin.

In der Ferne tauchte ein Licht auf und bald ertönte die Sirene unseres

Schiffes, dem diejenige des uns entgegenkommenden Dampfers antwortete.

Leise glitt der dunkle Koloß des Afrikadampfers -- denn ein solcher war

es -- an uns vorüber. Alles Leben war dort, wie auf unserem Dampfer,

erstorben. Lockende Träume mochten die Schläfer drüben umgaukeln, waren

doch viele davon glückliche Menschen, die nach jahrelangem Wirken und

Schaffen unter der heißen Tropensonne Afrikas der Heimat zu fuhren.

Wiederum tauchte in der Ferne, in rhythmischen Zeitabständen leuchtend,

ein Signallicht auf. Es war das Blinkfeuer, welches von der Insel Tambo

ausgehend, die Einfahrt in den Hafen von Conacry in Französisch-Guinea

kennzeichnet.

Wir blieben bis zum Morgengrauen auf der Reede von Conacry liegen und gaben

später Post und Passagiere an Land.

Zum ersten Male in meinem Leben sah ich eine größere Anzahl Neger. Mit

großem Interesse hatte ich die Abstufungen der Völkerrassen vom hohen

Norden Deutschlands bis zur heißen Zone Nordafrikas beobachtet und sah nun

diese sehnigen, schokoladenbraunen Gestalten in ihrer Heimat. -- Trotz des

Lächelns, das beim Anblick der Europäer um ihre wulstigen Lippen spielte,

konnte man doch den so oft beschriebenen, hinterlistigen Zug in ihren

scharfen Augen entdecken und ich hätte mir fürs Erste nicht gewünscht,

mit diesen braunen Gesellen unter einem Dach wohnen zu müssen. Doch mein

Mann belehrte mich bald eines Besseren, denn er hatte während seiner

fünfjährigen Afrikatätigkeit genug Gelegenheit gehabt, das Seelenleben

der Neger zu studieren. Einige uniformierte, schwarze Beamte der

französischen Kolonialpost, die die Postsäcke und Pakete an Bord

brachten, machten einen sehr netten Eindruck und sprachen ein sehr gutes

Französisch.

Gegen 10 Uhr lichteten wir die Anker und stachen wieder in See, um in

geringer Entfernung vom Land, jedoch außerhalb des Gefahrenbereiches der

Riffe, dem nächsten Hafen Monrovia im Negerfreistaat Liberia zuzusteuern.

Während bis hierher die Möven unsere steten Begleiter waren und sich

gierig auf jeden über Bord geworfenen Abfall stürzten, entdeckten wir

zu unserem nicht geringen Erstaunen in den Tauwerken der Masten einige

Schwalben, die von dort aus kurze Flüge unternahmen und die Nächte an

Bord unseres Schiffes verbrachten.

Ein sehr nettes Schauspiel war das Bootsmanöver. Die Schiffsglocke

ertönte und in kurzer Zeit waren die Boote ausgeschwenkt, bemannt und

zu Wasser gelassen. Zwei Rettungsringe mit selbstentzündbaren Lichtbojen

wurden über Bord geworfen, die im Ernstfalle den nachts über Bord

Springenden Rettung bringen sollten. Interessant zu beobachten waren

die Haifische, die im selben Moment, als die Bojen klatschend ins Wasser

fielen, auf diese zuschwammen und hastig zuschnappten, dann ihre verkannte

Beute rasch wieder losließen und ihr Glück bei einem der zu Wasser

gelassenen Boote versuchten. Der Dampfer drehte sofort bei und nahm die

Rettungsboote wieder an Bord, die Lichtbojen, die inzwischen erloschen

waren, wurden wieder aufgefischt und ruhig setzte der Dampfer seine Fahrt

fort, bis wir der Reede von Monrovia ansichtig wurden.

Im Hafen von Monrovia entwickelte sich ein etwas lebhafteres Treiben als

vor Conacry, denn zwei Küstendampfer brachten ca. 80-90 Neger an Bord, die

während der Fahrt unter der heißen Sonne Afrikas die groben Arbeiten an

Bord verrichteten.

Nachdem sie alle übernommen waren, bildeten sich schon verschiedene

Gruppen und man merkte sehr bald, daß es nicht das erste Mal war, daß sie

im Dienste der Woermannlinie arbeiteten.

Mit großer Geschicklichkeit wurden die Ladebäume, die bisher in der

Längsrichtung des Schiffes niedergelegt waren, aufgerichtet, die Seile

über die Rollen geführt und schon rasselten die Dampfwinden den ersten

Ballen Ladung aus den schier unergründlichen Bunkern des Schiffes

nach oben. Der Ladebaum wurde ausgeschwenkt und die Ladung in die

bereitstehenden Küstendampfer herabgelassen. Ein anderer Teil der Neger

holte sich beim Verwalter Schrubber und Bürsten, die Schiffshydranten

wurden in Bewegung gesetzt und in wenigen Augenblicken schwammen alle

Decks, die unter der kräftigen Behandlung unserer »lieben, schwarzen

Brüder« sehr bald ihre Farbe wechselten.

Ein Glockensignal verkündete eine Essenspause.

Zwei große, ca. 100 Liter fassende Kessel mit gekochtem Reis wurden,

der eine in die Mitte der Ladekolonne, der andere in die Mitte der

Reinigungsmannschaften, gestellt. Um beide Kessel gruppierten sich, die

strahlenden Augen auf den dampfenden Reis gerichtet, die Neger. Ein Vormann

(Headmann) teilte den Inhalt des gefüllten Kessels in ca. 10 Portionen,

deren jede einzelne wieder in einen kleineren Kessel gepackt wurde. Auf

jeder Portion thronte als »Garnierung« ein Stück gekochten Stockfisches.

Die Verteilung vollzog sich mit einer gewissen Ordnung, die Unterhaltung

jedoch wäre wohl kaum von dem Geschnatter eines Waggons böhmischer Gänse

übertönt worden.

Zu jedem dieser kleinen Kessel gehörten ca. 8-10 Mann, die sich in einer

Ecke des Schiffes niederhockten und den Reis mit der Hand, mit der sie eben

noch die schmutzigen Scheuertücher ausgewrungen hatten, zu Ballen formend,

in den Mund stopften. An den Stückchen Stockfisch wurde nur ab und zu

geleckt, erst mit dem letzten Klumpen Reis nahm auch dieses seinen Weg ins

Innere des Negermagens.

Wie auf ein Kommando verstummte jegliche Unterhaltung und machte einem

breiten, wohligen Schmatzen Platz. In kaum 10 Minuten waren sämtliche

Kessel nicht nur geleert, sondern auch sorgfältigst für die nächste

Verpflegungsaufnahme ausgeleckt und mit den Fingern gereinigt. Einige

zu Boden gefallene Reiskörnchen wurden noch gierig aufgesucht und

verschwanden in den nimmersatten Magen der Schwarzen. Damit der Magen auch

wirklich bis oben gefüllt war, stürzten sie noch ca. ein halbes Liter

Wasser nach und der letzte Schluck wurde, nachdem er kurze Zeit im Munde

hin und hergespült war, in hohem Bogen über die Reeling gespuckt und --

die Zähne waren geputzt.

Ein greller Pfiff des Offiziers rief die Horde wieder an ihre Arbeit.

Nachdem die Ladegeschäfte beendet waren, verließen wir Monrovia.

Die Wärme hatte sich bereits zu einer fast unerträglichen Hitze (46°C.

im Schatten) gesteigert und noch unangenehmer machte sich die Hitze des

Nachts bemerkbar. Trotz der in die Bullenaugen eingesetzten Windfänger und

trotzdem man völlig entkleidet, nur mit dem Laken bedeckt, schlief, war an

einen festen Schlummer nicht zu denken. Hochinteressant zu beobachten

waren am Abend die Promenadendecks, wo in jedem Winkel 2-3 Neger

kaffeelöffelartig zusammengehockt, mit einem leichten Leinwandlappen

bedeckt, durch ein intensives Schnarchen ihren gesunden Schlaf verrieten.

Als wir am Morgen gegen 7 Uhr an Deck gingen, war bereits alles wieder

blitzsauber gescheuert und die nicht beschäftigten Neger saßen plaudernd

in Gruppen beisammen und plapperten wie die Waschweiber.

Nachdem wir noch die Häfen Grand Bassam und Cap Coast Castle angelaufen

hatten, gingen wir unweit der Landungsbrücke von Lome in Deutsch Togo

vor Anker. Mit einer der ersten Fahrgelegenheiten ließen wir uns an Land

bringen und besichtigten, soweit es die kurze Zeit erlaubte, wieder einmal

ein Stück deutschen Bodens.

Schon vom Schiff aus sah man die Früchte deutscher Kultur in Gestalt

eines, auch architektonisch schönen Gouvernementsgebäudes und unzähligen

am Strande liegender Faktoreien, die sämtlich von einer in gotischem Stil

gehaltenen Kirche überragt werden.

Die Straßen Lomes sind zum Teil befestigt und auf ihnen werden im flotten

Tempo die zweirädrigen, mit schwerer Ladung bepackten Karren gezogen.

Während wir bisher nur Neger sahen, die, mit Ausnahme des Lendenschurzes

völlig unbekleidet waren, trug der größere Teil der Togo-Neger Kleider,

und wenn sie auch nur aus einigen, malerisch um den Leib geschlungenen,

bunt bemalten Tüchern bestanden. Einen recht netten Eindruck machten

die sauber in Weiß oder Khaki gekleideten schwarzen Angestellten der

Faktoreien, desgleichen die sauber uniformierten Soldaten der Polizeitruppe

und die schwarzen Gouvernementsbeamten.

Auch hatten wir Gelegenheit, das bunte, fesselnde Markttreiben in Lome zu

beobachten:

Hier hing unter einem Mattendach die Keule eines Schafes oder Ochsen,

dort standen, in kleine Körbchen gefüllt, Erdnüsse, Makavo

(kartoffelähnliche Knollenfrucht), Mais, Bananen, Ananas und ähnliche

tropische Früchte. An anderer Stelle wieder kauerte ein schmutziges Weib

am Boden, die ihre aus Makavo gefertigten, in Palmöl gekochten Klöße

zum Verkaufe ausbot. In einem kleinen Schnittwarenladen, der die »neuesten

Muster« der afrikanischen Mode auf den Markt brachte, wurden die auf dem

Markt durch den Verkauf von Produkten erzielten Einnahmen umgesetzt, doch

nicht, ohne stundenlanges Feilschen und Handeln und nachdem sämtliche

ausgelegten Herrlichkeiten mit schmutzigen Fingern durchwühlt waren.

Nachdem wir uns mit einer Flasche Eisbier und einigen Sandwichs im Hotel

gestärkt hatten, unternahmen wir noch einen kleinen Spaziergang durch die

endlose Reihe der deutschen und englischen Faktoreien.

Da die Zeit zur Abfahrt mahnte, ließen wir uns wieder auf unseren Dampfer

einbooten und fuhren, nachdem wir noch Lagos, eine Hafenstadt in Nigeria,

angelaufen hatten, dem vorläufigen Endziel unserer Reise, Kamerun, zu.

Mit vor Freude klopfendem Herzen stand ich an Deck. Kamerun! In kurzer

Zeit sollte es erreicht sein, sollte mein jahrelanger, heißer Wunsch sich

erfüllen. Meinen Fuß würde ich auf Kameruner Erde setzen und eindringen

in die vielen Schönheiten des wunderbaren Landes.

Mit Hilfe des Fernglases bemerkten wir bereits vor uns einen

langgestreckten Höhenrücken, dessen einzelne Bergkegel in einen

undurchdringlichen Nebel gehüllt zu sein schienen. Näherkommend,

zerteilten sich die Nebelschwaden und majestätisch stieg aus dem Gebirge

der alles überragende 4000 Meter hohe Kamerunberg heraus. Zu seinen

Füßen liegt der ehemalig ebenfalls vulkanische, kleine Kamerunberg. Am

Fuß des letzteren gruppiert sich malerisch, wie ein Schmuckkästchen, das

reizende Viktoria, das aber leider durch die hinter ihm lagernden, nur

zum Teil sanierten Sümpfe, nicht gerade das günstigste Klima in unserem

fieberreichen Kamerun hat.

Auf einer kleinen Anhöhe liegt die Wohnung des Bezirksamtmannes direkt am

Strande, ferner das Laboratorium der Versuchsanstalt für Landeskultur, das

Polizeimeistergebäude, das Bezirksamt und -Gericht, die Wohnhäuser

der Gouvernementsbeamten und die Faktoreien. Eine strikte Trennung der

Wohnungen von Schwarzen und Weißen ist hier geschickt durchgeführt.

Ein Rundgang durch den botanischen Garten führt uns wohlgepflegte Kakao-

und Gummikulturen vor Augen und gewährt uns schon einen kleinen Einblick

in die üppige Vegetation der Tropen. Gern hätten wir uns den Sitz des

Gouvernements, das in ca. 1000 Meter Höhe am großen Kamerunberg gelegene

Buea, angesehen, doch unsere Reise sollte weitergehen und uns in

die Gefilde führen, wo mein Mann als deutscher Kulturpionier die

Linienführung der Kamerun-Nord- und Mittellandbahn erkunden half.

Nachdem wir uns noch einen Teil der herrlichen Kakao-Plantagen der W.A.P.V.

angesehen hatten, fuhren wir noch an demselben Tage nach Duala.

Unzählige Buchten, sogenannte Creeks, die dicht mit Mongroven, zwischen

denen einige Urwaldriesen ihre Häupter gen Himmel reckten, bestanden

waren, wurden von den Fischfang treibenden, in kleinen Kanoes sitzenden

Negern belebt. Rechts von uns sahen wir auf schmaler Landzunge direkt an

der See das Sanatorium Suelleba und näherkommend, entdeckte man bereits

die sauber weiß gestrichenen Häuser von Duala.

Auf der Joßplatte liegen Offizierskasino und die Beamtenwohnhäuser

unserer Schutztruppenangehörigen und weiter, nach der Landungsbrücke zu,

die Gouvernementsgebäude.

Im Hafen von Duala, der die Mündung des Kamerunflusses (Wuri) ist,

kreuzten die kleinen Dampfbarkassen und Pinassen und nahmen, nachdem vom

Hafenarzt die Quarantäne abgenommen war, die ankommenden Passagiere und

deren Gepäck auf.

An der kleinen Landungsbrücke standen Hunderte von Negern und schwarzen

Frauen, die teils grinsend, teils bewundernd die Neuangekommenen musterten,

wohl auch dem wiedererkannten »alten Afrikaner« einen Willkommensgruß im

schwarzen Erdteil zuriefen.

Eines mutete mich recht sonderbar an. Während wir in franz. Guinea

französisch, in den engl. Kolonien englisch sprechen hörten, vermißte

ich in Duala den Wohlklang unserer Muttersprache. Einige besser gekleidete

boys, die ihre aus der Heimat zurückkehrenden Master abholten, hörte ich

nur das Pigeon-Englisch, ein furchtbar verstümmeltes, mit andern Sprachen

durchsetztes Englisch, sprechen. Mein Mann hatte auf der 23tägigen

Seereise eifrig mit mir gearbeitet, damit ich dieses Kunterbunt ein wenig

beherrschte.

Duala zu schildern, will ich unterlassen, da ich annehme, daß wohl Jeder

von dem rasch emporgeblühten, fast europäischen Duala genügend Kenntnis

aus Reiseberichten besitzt. Ich kann nur sagen, daß ich überrascht war

von den wohlgepflegten Straßen und Gouvernementsgärten, in welchem die

Gouvernementsgebäude eingebaut sind. Imponierend wirkten die Anlagen

der Kamerun-Mittellandbahn, deren Bahnhof in einem Seitentale des

Kamerunflusses, der sogenannten Bomonoschlucht liegt, deren Hänge mit den

Beamtenwohnhäusern der Bahn malerisch bebaut sind.

Durch die 23tägige Seefahrt war unser Gang an Land direkt schwankend und

schaukelnd geworden, doch heute -- und das war für mich die Hauptsache --

konnte ich zum ersten Male mein Haupt im schwarzen Erdteil, auf dem für

mich noch tausend Geheimnisse bergenden Kameruner Boden zur Ruhe legen.

Im Hotel traf mein Mann viele alte Bekannte von seiner früheren kolonialen

Tätigkeit her, alle freuten sich sehr, ihn wiederzusehen und auch mich

kennen zu lernen. Ein fröhlicher Kreis bildete sich bald, Erinnerungen,

ernste und heitere, wurden lebhaft ausgetauscht und viele Fragen nach der

lieben, deutschen Heimat an uns gerichtet, so daß die Stunden wie im Fluge

entschwanden. Dem Bier und Sekt wurde sehr reichlich zugesprochen, das

Wiedersehen wurde recht gründlich gefeiert und beim endlichen Aufbruch

hatte ich das Empfinden, mich noch an Bord zu befinden, wenigstens in bezug

auf den »schaukelnden, schwankenden Gang« meiner lieben, neuen Bekannten;

mein Mann jedoch durchaus nicht ausgeschlossen.

Eine frische Nachtbrise machte den Aufenthalt in den kleinen und niedrigen

Hotelzimmern recht angenehm und zum ersten Male wieder, seit langer Zeit,

fand ich meinen von Europa her gewöhnten, gesunden Schlaf.

Ein fast unglaublicher Zufall führte uns mit dem Koch zusammen, der

mehrere Jahre in den Diensten meines Mannes gestanden hatte und ihm

während der Dauer von zweieinhalb Jahren kreuz und quer durch die

Urwälder Kameruns ins Innere gefolgt war und sich nicht nur als treuer

Begleiter, sondern auch als tüchtiger, mit dem verwöhnten, europäischen

Gaumen wohlbekannter Koch erwies. Joseph, so hieß diese schwarze Perle,

freute sich unglaublich, seinen alten Master wieder zu sehen und erklärte

sich bereit, uns auf unserer bevorstehenden Reise ins Innere zu folgen.

Kurzerhand löste er, wahrscheinlich zum nicht geringen Staunen und Ärger

seines bisherigen Herrn, sein Dienstverhältnis und stand am andern Morgen

grinsend mit seinem Päckchen am Hotel.

Er war uns beim Einkauf unserer Verpflegung, die wir auf ca. 3 Wochen zu

berechnen hatten, behilflich und nichts wurde vergessen, denn Joseph kannte

die hohen Ansprüche, die sein alter Master an seine Kochkunst stellte. Die

Verpflegung: Fleisch, Gemüsekonserven, Früchte, Cakes, Butter, Schmalz,

Mehl, Reis, Kaffee, Tee, Milch, Zucker, Essig, Öl, Gewürz, einige

Flaschen Wein und Bier und sonstige, für die Küche des Europäers

nötigen Kleinigkeiten, sowie etwas Reis und Stockfisch, die als Notbehelf

dienen sollten, für den Fall, daß man mitten im Urwald Lager beziehen

muß und keine Verpflegung für die Träger (Planten, Makavo und Palmöl)

bekommt, wurde in Traglasten zu ca. 30 Kilogramm verpackt und nach dem

Hotel gesandt. Als Tauschartikel nahmen wir noch Perlen, Tabak, und

bedruckte Leinwandstoffe mit. Für irgend einen ganz besonderen Zweck

hatten wir uns auch eines jener in Afrika typischen Hängekleider

mitgenommen, desgleichen mieteten wir uns für die Reise nach dem

Manenguba-Gebirge zwei Pferde.

Die Deutsche Kolonial-Gesellschaft, in deren Diensten mein Mann

früher stand, stellte uns bereitwilligst ein Zelt mit den nötigsten

Ausrüstungsgegenständen zur Verfügung, und am zweiten Tage nach unserer

Landung wurden unsere Lasten nebst ihren Trägern, die teilweise recht

schmutzige Lendentücher, welche bei Gott nicht mehr als fünf Prozent

ihres Leibes bedeckten und einen intensiven Geruch nach Schweiß und

Palmöl ausströmten, um den Leib geschürzt hatten, sowie unsere Pferde

und schließlich wir selbst in einem Leichter verstaut und von einer

Barkasse nach dem am rechten Ufer des Wuri gelegenen Bonaberi gebracht und

sofort in den bereitstehenden Zug verladen.

Da mir mein Mann nicht in eiliger Bergfahrt die Schönheiten des Urwaldes

flüchtig zeigen wollte, fuhren wir nur bis Mujuka, zirka 60 Kilometer der

Nordbahn und schlugen auf einem freien Platz unser Zelt auf.

Mit unglaublicher Geschwindigkeit wurden die Zeltlasten aufgeschnürt

und in einer halben Stunde stand unser Zelt bezugsfertig da. Die

Verpflegungslasten, aus denen Joseph sich einige Konservenbüchsen

hervorkramte, wurden unter das Sonnensegel gestellt und bildeten, gegen die

in der Übergangszeit noch vorkommenden Tornados geschützt, gleichzeitig

eine kleine Barrikade um unser Zelt, nur den Eingang freilassend.

Nach dem Aufschlagen des Zeltes begab sich jeder der Träger in den Urwald,

um Holz für das nachts als Schutz gegen Ameisen und Raubtiere stets

brennende Feuer zu holen und es dauerte gar nicht lange, so kehrten sie,

jeder mit ein bis zwei beindicken, zwei bis drei Meter langen Ästen

zurück, welche zu zwei großen Scheiterhaufen vereinigt, ihres Zweckes

harrten.

Aus einigen, schnell aus den Fiedern der Palme geflochtenen Matten und vier

im Busche geschlagenen Pfählen wurde ein kleines Badehäuschen (ohne Dach)

aufgebaut und nachdem wir gebadet und uns umgekleidet hatten, begann Joseph

und sein Helfershelfer, der boy Taka, zu servieren.

Trotzdem Joseph mit größter Fach- und Sachkenntnis den Lagerbau leitete,

hatte er nebenbei, geschickt seine Töpfe auf drei Steine stellend, mittels

kleingespaltenem Holz das Essen gekocht und Badewasser warm gemacht. Mitten

unter freiem Himmel loderten bald vier solcher kleinen Feuer, auf denen die

einzelnen Gerichte dampften.

Wir hatten uns, gestützt auf die langjährigen Erfahrungen meines Mannes,

alles Geschirr in Emaille mitgebracht, denn von Porzellan wäre wohl am

Abend des ersten Tages wenig übrig geblieben.

Zierlich, mit einer weißen, sauberen Jacke bekleidet, und stolzem Grinsen,

die Suppe vor sich herbalanzierend, erschien Taka, dem auf dem Fuße,

nicht minder weiß gekleidet, mit einem Gesicht, das den Stempel des

Verantwortlichkeitsgefühls trug, Joseph mit dem zweiten Gange, Huhn mit

Kartoffelpüree, folgte.

Taka, voll Eifer, bemerkte nicht, daß sein schwarzer Daumen ein warmes

Bad in der delikat aussehenden Schildkrötensuppe nahm und von meinem

Mann »zart« darauf aufmerksam gemacht, traf ihn ein entrüsteter,

vernichtender Blick Josephs, der sich ein derartiges Benehmen anscheinend

einfach nicht erklären konnte und seinerseits, in diese schwarze Tat

Takas voll Kummer vertieft, vergaß, die Finger von den frisch hingesetzten

Tellern zu nehmen, so daß uns seine Fingerabdrücke entgegenleuchteten,

die sicher der Stolz jedes Kriminalbeamten gewesen wären. Zum ersten

Male stiegen mir an jenem Abend leichte Zweifel ob des »Abfärbens« der

schwarzen Rasse auf.

Nun, das Essen war vorzüglich zubereitet, und mit etwas gutem Willen war

es mir auch möglich, alle »schwarzen« Gedanken zu bannen und es mir

schmecken zu lassen.

Joseph hatte, da er die Verhältnisse gerade Mujukas, aus seiner früheren

Tätigkeit her kannte, bei einem dort wohnenden Freund ein Huhn und eine,

irgendwo mit Bindfaden in der Hütte festgebundene Schildkröte erworben.

Nach dem Essen setzten wir uns unter das Vordach unseres Zeltes und

plauderten, gemütlich in unsern Liegestuhl zurückgelehnt, über das

zurückgelegte Stück unserer Hochzeitsreise.

Bald auch hörte unser Plaudern auf und träumend genossen wir den

unbeschreiblich schönen Tropenabend. Leider war es noch einige Tage bis

zum Vollmond, aber ich konnte mir schon einen kleinen Begriff machen von

der großen Schönheit einer tropischen Mondnacht. Nichts regte sich,

nur aus der Ferne drang der Schlag der Palavertrommel, sowie der monotone

Gesang unserer Träger, die wir in einem benachbarten Dorfe untergebracht

hatten, zu uns herüber und ließ die Nähe menschlicher Wohnungen

vermuten. Eine unendlich weiche Luft umfächelte uns, und ich dachte

unwillkürlich an unser, jetzt sicher so naßkaltes Hamburg, wo man sich

schon mit den Pelzen schmückt.

Auch der Feuermann hatte bereits seine Arbeit begonnen und eilte von einem

lodernden Holzstoß zum andern, um immer wieder zu schüren und ihm neue

Nahrung zuzuführen. Welch ein herrliches Schauspiel war es, in der ruhigen

Nacht zu beobachten, wie jedesmal, wenn der Feuermann neues Holz auflegte,

ein Funkenregen gen Himmel stiebte, der, gleich einer Rakete, dann wieder

langsam in sich zusammensank.

Joseph war eifrig in seiner Küche beschäftigt, das Geschirr zu säubern

und alles für den nächsten Morgen, wo wir unsere Reise zu Fuß fortsetzen

wollten, vorzubereiten. Taka packte die abgelegten Kleider in den

Wäschesack, legte geschickt die am nächsten Morgen benötigten Kleider

auf das Moskitonetz unserer Betten, und als sie beide ihr erstes Tagewerk

bei ihrem alten »Master« beendet hatten, baten sie um die Erlaubnis,

uns erzählen zu dürfen, wie es ihnen in der Zeit der Abwesenheit meines

Mannes ergangen sei. Ich konnte mich schon recht gut mit den beiden

Hausgeistern verständigen, dank der Bemühungen meines Mannes, mich recht

eingehend in das fast undurchdringliche Pigeon-Englisch einzuweihen. Jeder

hatte natürlich wenig lichte Tage erlebt, denn intensives Arbeiten ist

nicht immer Sache der Neger. Am meisten schien sich Joseph zu freuen, daß

sich sein alter Meister nun sein Weib mitgebracht hatte und gab dieser

Freude dadurch Ausdruck, daß er uns am Abend mit einer Tasse Tee und ich

muß sagen, einem wirklich wohlgelungenen Pudding überraschte.

Noch einmal ermahnte mein Mann den Feuermann, der mit einem Knüppel

bewaffnet, jetzt vor den Feuern hockte und träumend in die rote Glut

starrte, ja nicht zu schlafen und wir zogen uns in unser Zelt zurück.

Einzelne Moskitos schwärmten im dunklen Zelte herum, doch wir hatten ja

Chinin geschluckt -- was ich übrigens nicht sonderlich schätzte -- und

konnten beruhigt sein.

Lange lag ich noch wach, alle bisher erlebten Tage an meinem geistigen

Auge vorüberziehen lassend und dankte dem Himmel für die Schönheiten

und Reize die er mir auf meiner Hochzeitsreise bisher geboten, bis auch

ich schließlich, eingeschläfert durch das Knistern der brennenden

Holzscheite, Gott Morpheus in die Arme sank.

Doch unsere Nachtruhe sollte nicht lange ungestört sein, scheinbar sollte

ich die »Schönheiten« der Tropenlande mit allen Finessen kennen lernen.

Ein furchtbares Schreien und energisches Rütteln am Zelte schreckte mich

auf und entsetzt sprang ich hoch, glaubte ich doch nicht anders, als daß

wir überfallen worden seien. Ein schwarzes, ängstliches, durch die Glut

der Lagerfeuer geisterhaft beleuchtetes Gesicht steckte sich durch den

Spalt des Zeltes, so daß ich entsetzt aufschrie, glaubte ich doch, noch

schlafbefangen, daß es der leibhaftige Teufel sei. Doch es war nur der

harmlose Feuermann, der ununterbrochen ein ängstliches »Anch, Massa, Anch

life« rief. So sehr ich auch mit Blitzeseile mein Gedächtnis nach dem

mysteriösen Wort »Anch« durchforschte, ich konnte beim besten Willen

nichts finden, was einem solchen auch nur ähnlich gewesen wäre. Mein

Mann, der nun endlich auch aus seinem gesegneten Schlaf aufgewacht war,

drehte sich, nachdem er den Feuermann etwas energisch angehaucht hatte und

dieser blitzschnell verschwand, ganz ruhig im Bette herum und erklärte

mir, daß Ameisen unser Lager überfallen hätten. Ich zog mich schleunigst

wieder ins Bett zurück, wurde ich doch schon von einigen kleinen

Quälgeistern energisch gezwickt. Das ganze Zelt, sowie das Moskitonetz

waren mit Ameisen besät. Nur der Vorsicht meines Mannes, beim Zubettgehen

das Moskitonetz sorgfältig unter die Matratze zu stopfen, war es zu

danken, daß mein Mann, obwohl mitten in einem Ameisenhaufen, von diesen

kleinen Räubern verschont blieb. Durch meine Unvorsichtigkeit, sofort auf

das Geschrei des Feuermannes hin, aus dem Bett zu springen, hatten es sich

die Ameisen natürlich bereits in meinem Bett heimisch gemacht und ich

hatte das Vergnügen, jede einzeln, nachdem sie mich an irgend einem Teile

des Körpers gehörig gezwickt hatte, zu fassen und hinauszubefördern.

Ich hatte wirklich von der ersten Nacht im Zelte genug und wäre am

liebsten nach der Küste zurückgekehrt, wo man doch wenigstens vor diesem

kleinen Viehzeug sicher war und nicht noch obendrein vom Manne ausgelacht

wurde, wie es mir armen Unglückswurm erging.

Joseph hatte inzwischen unsere Trägerkolonne alarmiert, die der kleinen

Räuberbande energisch zu Leibe ging.

Drei bis vier Neger öffneten die Rück- und Vorderwand unseres Zeltes und

begannen mit aus Palmenwedeln gefertigten, brennenden Besen die Ameisen zu

verbrennen, während die übrigen Leute glimmende Scheite vom Lagerfeuer

holten und durch Abklopfen der glühenden Kohle die Ameisen zum Rückzug

nötigten. Meinem Manne bereitete der kleine Überfall scheinbar viel

Vergnügen, während ich heillose Angst hatte, daß durch das unvorsichtige

Umgehen der Neger mit den brennenden Fackeln unser Zelt und vor allem das

Bett Feuer fangen könnte. Doch keines von beiden trat ein. Vereinzelt

liefen noch einige dieser »lieben Tierchen« (sogenannte Dickköpfe) im

Zelte herum.

Mein Mann machte mich auf den völlig geordneten Abzug der kleinen

Räuberbande aufmerksam. Zu Tausenden und Abertausenden zogen sie, die

großen Ameisen (Dickköpfe) an den Seiten Spalier bildend, die kleineren,

gemischt mit einigen führenden Großen, in einem zirka zwei bis drei

Zentimeter breiten Streifen ab. Als der Zug zu Ende war, schlossen sich

auch die Dickköpfe, die Spalier gebildet hatten, an.

An Schlaf war meinerseits nicht mehr zu denken, denn das gellende Geheul

des Feuermanns und der Anblick seines feurigen Gesichtes war denn doch

zu stark in die Glieder gefahren. Aber mein Mann, der an derartige

Überraschungen gewöhnt zu sein schien, verriet bald durch ein intensives

Schnarchen die Fortsetzung seiner Nachtruhe.

Da, endlich ertönte die kleine mitgenommene, von Joseph geschlagene

Palavertrommel, deren Schall für die Träger das Wecken bedeutete. Wir

kleideten uns rasch an und wer beschreibt mein Erstaunen, als ich, ins

Freie tretend, unseren Tisch mit richtiggehenden Weißbrötchen, Kaffee und

einem Teller Hafergrütze gedeckt fand. Ohne daß mein Mann nur ein Wort

gesagt hätte, hatte sich Joseph all der kleinen Liebhabereien meines

Mannes wieder erinnert und es schien ihm große Freude zu machen, recht zu

unserer Zufriedenheit zu arbeiten.

Joseph meldete, daß die Ameisen sich an der versehentlich offen gelassenen

Zuckerdose und dem restlichen Pudding weidlich gelabt hätten und bat sich

die Erlaubnis aus, dem Feuermann, der durch sein Schlafen den Ameisen den

Einzug in unser Lager ermöglicht hatte, eine Ohrfeige geben zu dürfen.

Die Erlaubnis erhielt er und setzte sie auch sofort, und zwar sehr

energisch, in die Tat um. Ja, Joseph hielt auf Disziplin in der Kolonne.

Na, wenn der räuberische Überfall nicht mehr Materialschaden brachte, war

er wohl zu ertragen.

Während wir den Morgenkaffee einnahmen, wurde mit staunenswerter

Geschwindigkeit das Zelt abgebrochen, jeder schnürte sich seine Last zum

Tragen fertig, und nachdem das Geschirr verpackt war, setzten wir uns auf

unsere Pferde und ritten in den halbdunklen Urwald hinein.

Es war ein ganz wonniger Morgen. Wie tausend Diamanten funkelten die

Tautropfen an allen Gräsern und Zweigen in den mühsam durch das Dickicht

brechenden Sonnenstrahlen. In vollen Zügen atmeten wir die frische,

würzige Morgenluft ein; jubelnde Freude erfüllte meine Brust und

vergessen waren die kleinen Unannehmlichkeiten der vergangenen Nacht. Der

erste Tag im Urwald vom einzigschönen Kamerun nahm mich derartig gefangen,

daß ich am liebsten ein Lied angestimmt hätte, ein frisches, fröhliches

Wanderlied mit all den lieben, kleinen, gefiederten Sängern, die alle

schon ihr Sangespensum erledigten, um die Wette. Doch auch unsere Kolonne

war nicht stumm, ein rhythmisches monotones Singen begann, dessen Eigenart

mich fesselte. Einer der Reserveträger sang, vor der Kolonne hertanzend,

das Lied vor und die anderen stimmten später kräftig ein, gerade als wenn

es der Refrain wäre, den sie mitsangen.

Joseph bildete den Schluß, damit nicht einer der Träger mit seiner Last

hinter der Reihe zurückblieb, denn nichts ist unangenehmer, als wenn man

im nächsten Tageslager angekommen, sein Zelt aufschlagen will und eine

Last fehlt.

Man kann sich, wenn man es nicht selbst erlebte, keinen Begriff von der

imponierenden Schönheit des tropischen Urwaldes machen.

Mächtige Baumriesen von dreißig bis fünfzig Meter Höhe und fast

unglaublichem Durchmesser sind von kleineren Bäumen und tausend

verschiedenartigen Schlinggewächsen, rankenden Farren und sonstigen

Schmarotzern umgeben und überwuchert. Staunend bewunderte ich die

üppige Vegetation, die seltenen, niegesehenen Blumen, das in allen Farben

schattierende Grün der einzelnen Schlinggewächse. Man sah es, hier war

der Kultur noch keine Macht gegeben, einzudringen, stolz und frei sproß

und wucherte alles in üppigster Selbstverständlichkeit durcheinander,

sich im Kampf um einen Lichtstrahl eng umschlingend, so daß man keinen

Meter breit das geheimnisvolle Dunkel des ewiggrünen Urwaldes mit den

Blicken durchforschen konnte.

Nichts verriet ein Welken oder Sterben!

Hoch in den Wipfeln der Bäume tummelten sich die bisher nie gesehenen,

unzähligen, farbenprächtigen Vögel, ein Singen, Klingen, Geschrei und

Gekrächze erfüllte die Luft, das mein Herz immer höher schlagen ließ.

Einer unserer Träger machte uns auf einige Äffchen, welche in den

Kronen der Bäume fressend saßen, aufmerksam. Doch leider ergriffen die

possierlichen Tierchen bei unserem Anblick ängstlich die Flucht.

Wir marschierten nicht auf der ausgebauten Regierungsstraße, sondern auf

Umwegen unserem Tagsesziele zu, denn ich wollte den Urwald richtig kennen

lernen.

Wurzeln und bloßgewaschene Steine bedeckten den zirka dreißig

Zentimeter breiten Negerpfad, und erst jetzt konnte ich mir die großen

Schwierigkeiten vorstellen, die mit einer Erkundung von Eisenbahnen im

afrikanischen Urwald verbunden sein mußten. Einige quer über den

Weg liegende armdicke Bäumchen waren von den vor uns marschierenden

Reserveträgern fortgeräumt, dicke, anderthalb bis zwei Meter im

Durchmesser fassende Baumriesen mußten umgangen werden. Die kleinen

Flüßchen, die ohne Brücke waren, wurden durchwatet.

Unsere Hochzeitsreise in die Urwälder von Kamerun · 第 1 / 3 段