Ordnung von 1690 mit unversöhnlichem Abscheu. Solcher Schotten, welche
aus Ueberzeugung und mit Begeisterung Episkopalen waren, gab es nur
wenige, aber es befanden sich darunter einige Personen, die wenn auch
vielleicht nicht in natürlicher Begabung, so doch in Gelehrsamkeit,
Geschmack und Schreibfertigkeit den Theologen der jetzt zur Herrschaft
gelangten Secte überlegen waren. Es würde für die abgesetzten Curaten
und Professoren nicht rathsam gewesen sein, ihrem Zorne in ihrem eignen
Lande Luft zu machen. Aber die englische Presse stand ihnen offen und
sie waren des Beifalls eines großen Theils des englischen Volkes gewiß.
Mehrere Jahre hindurch peinigten sie ihre Feinde und unterhielten das
Publikum durch eine Reihe geistreicher und kecker Flugschriften. In
einigen dieser Schriften sind die Drangsale, welche die gemißhandelten
Priester der westlichen Grafschaften erduldet hatten, mit einer
Eindringlichkeit geschildert, die unwiderstehlich Mitleid und Unwillen
erregt. In anderen ist die Grausamkeit, mit der die Covenanters unter
den Regierungen der beiden letzten Könige des Hauses Stuart behandelt
worden waren, durch alle erdenklichen Kunstgriffe der Sophistik
gemildert. Viel wird darin über das schlechte Latein einiger
presbyterianischer Professoren gewitzelt, die auf Lehrstühlen saßen,
welche vor kurzem große Gelehrte innegehabt hatten. Auch wurde viel über
die unwissende Geringschätzung gesprochen, welche die siegreichen
Barbaren gegen die Wissenschaft und Literatur an den Tag legten. Sie
wurden beschuldigt, daß sie über die modernen Systeme der
Naturwissenschaft als verwerflicher Ketzereien das Anathema
aussprächen, daß sie die Mathematik als ein seelenverderbendes Studium
verdammten und selbst von dem Studium der Sprachen abriethen, in denen
die heiligen Bücher geschrieben seien. Gelehrsamkeit, wurde gesagt,
werde in Schottland bald nicht mehr zu finden sein; die Universitäten
siechten unter ihren neuen Leitern dahin und müßten bald zu Grunde
gehen. Die Buchhändler seien schon halb ruinirt, sie kämen zu der
Einsicht, daß der ganze Ertrag ihres Geschäfts die Ladenmiethe nicht
mehr decken werde, und schickten sich an, in ein Land auszuwandern, wo
die Wissenschaften von Denen, welche dazu berufen seien, das Volk zu
belehren, in Ehren gehalten würden. Unter den Dienern der Religion gebe
es keinen Bücherkäufer mehr. Der bischöfliche Geistliche sei froh, wenn
er für ein Stück Brot den Ueberrest seiner Bibliothek verkaufen könne,
der von den Pöbelhaufen der letzten Weihnachtszeit nicht zerrissen oder
verbrannt worden sei, und die ganze Bibliothek eines presbyterianischen
Geistlichen bestehe aus einer Erklärung der Apokalypse und aus einem
Kommentar zum Hohen Liede.[108] Die Kanzelberedtsamkeit der siegreichen
Partei war ein unerschöpflicher Stoff zu Spötteleien. Ein kleines
Büchlein betitelt: +The Scotch Presbyterian Eloquence Displayed+, machte
im Süden, bei den Hochkirchlichen sowohl wie bei den Spöttern ungeheures
Aufsehen und ist noch jetzt nicht ganz vergessen. Es war in der That ein
Buch, das ganz für den Lesetisch eines Squire paßte, dessen Religion
darin bestand, daß er extemporirte Gebete und näselndes Psalmensingen
haßte. An einem regnerischen Tage, wenn es unmöglich war, zu jagen oder
zu schießen, würden weder Karten- noch Bretspiel in den Pausen zwischen
der Flasche und der Pastete eine so angenehme Unterhaltung gewährt
haben. Man findet vielleicht nirgends eine so reichhaltige Sammlung
lächerlicher Citate und Anekdoten auf einem so kleinen Raume
zusammengedrängt. Einige ernste Männer jedoch, die der calvinistischen
Lehre und Kirchenzucht nicht hold waren, schüttelten den Kopf über
dieses sprudelnde Witzbuch und äußerten sich dahin, daß der Verfasser,
indem er die absurde Rhetorik, durch welche niedrigdenkende und
unwissende Menschen dunkle theologische Fragen zu erörtern und
religiöses Gefühl bei der Menge zu wecken versuchten, dem Spotte
preisgab, zuweilen die den heiligen Dingen gebührende Ehrerbietung aus
den Augen gesetzt habe. Der Eindruck, den solche Schriften auf die
öffentliche Meinung in England machten, ließ sich nicht vollkommen
würdigen, so lange England und Schottland unabhängig von einander waren,
zeigte sich aber sehr bald nach der Vereinigung der beiden Königreiche
in einer Weise, die zu beklagen wir noch jetzt Ursache haben und auch
wahrscheinlich unsere Nachkommen noch lange Ursache haben werden.
[_Die presbyterianischen Eidverweigerer._] Die extremen Presbyterianer
waren eben so mißvergnügt wie die extremen Prälatisten und eben so wenig
wie die extremen Prälatisten geneigt, Wilhelm und Marien den
Huldigungseid zu leisten. Und in der That, obgleich der jakobitische
Eidverweigerer und der cameronische Eidverweigerer ganz
entgegengesetzter Ansichten waren, obgleich sie einander mit tödtlicher
Aversion betrachteten, obgleich keiner von Beiden Bedenken getragen
haben würde, den Andren zu verfolgen, hatten sie doch viel mit einander
gemein. Sie waren vielleicht die beiden auffallendsten Beispiele von
verkehrter Absurdität, welche die Welt aufzuweisen hatte. Jeder von
ihnen betrachtete seine Lieblingsform der Kirchenverfassung nicht als
ein Mittel sondern als einen Zweck, als das einzig Nothwendige, als die
Quintessenz der christlichen Religion. Jeder von ihnen glaubte
kindischerweise, in seiner Bibel eine Theorie der Civilregierung
gefunden zu haben, und Keiner von Beiden erschrak vor den furchtbaren
Consequenzen, zu denen seine Theorie führte. Auf alle Einwendungen
hatten Beide nur die eine Antwort: So spricht der Herr. Beide stimmten
in der prahlerischen Behauptung überein, daß die Argumente, welche
atheistischen Politikern unwiderlegbar schienen, dem Heiligen keine
Schwierigkeit darboten. Es möge vollkommen wahr sein, daß er durch
Milderung der Strenge seiner Grundsätze sein Vaterland vor Knechtschaft,
Anarchie und allgemeinem Ruin retten könne, aber es sei nicht sein
Lebenszweck, sein Vaterland zu retten, sondern seine Seele. Er gehorche
den Geboten Gottes und stelle das Weitere Gott anheim. Die eine der
beiden fanatischen Secten war der Meinung, die Nation sei bis ans Ende
aller Zeiten verpflichtet, dem Erben der Stuarts zu gehorchen; die andre
glaubte, die Nation sei bis ans Ende aller Zeiten durch den feierlichen
Bund und Covenant gebunden, und in Folge dessen betrachteten Beide die
neuen Souveraine als Usurpatoren.
Von den presbyterianischen Eidverweigerern hat man außerhalb
Schottland's kaum etwas gehört, und vielleicht ist es jetzt selbst
in Schottland nicht allgemein bekannt, wie lange sie noch eine
abgesonderte Klasse bildeten. Sie meinten ihr Vaterland stehe in einem
Vorvertrag mit dem Allerhöchsten und könne niemals, so lange die Welt
existire, eine mit diesem Vorvertrage unvereinbare Verpflichtung
eingehen. Ein Erastianer, ein Latitudinarier, ein Mann, der das Brot
und den Wein knieend aus den Händen von Bischöfen empfange und der es
sich, wenn auch ungern, gefallen ließ, in der Kirche Chorsänger in
weißen Gewändern singen zu hören, könne nicht König eines unter dem
Covenant stehenden Reiches sein. Wilhelm habe überdies alles Anrecht
auf die Krone dadurch verloren, daß er die Sünde begangen, wegen der
in alter Zeit eine auf widernatürliche Weise auf den Thron erhobene
Dynastie auf widernatürliche Weise entthront worden sei. Er habe
seinen Schwiegervater, diesen Götzendiener, diesen Mörder, diesen Mann
Belial's, der vor den Augen des Herrn hätte in Stücken zerhackt werden
sollen, wie Agag, geflissentlich entkommen lassen. Wilhelm's Verbrechen
sei sogar noch schlimmer als das des Königs Saul. Saul habe nur einen
Amalekiter verschont und habe die übrigen alle erschlagen. Welchen
Amalekiter habe Wilhelm erschlagen? Die reine Kirche sei achtundzwanzig
Jahre der Verfolgung preisgegeben gewesen, ihre Kinder seien ins
Gefängniß geworfen, transportirt, gebrandmarkt, erschossen, gehängt,
ersäuft, gefoltert worden. Und doch habe Der, der sich ihren Befreier
nenne, ihr nicht gestattet, sich an ihren Feinden zu rächen.[109]
Der blutdürstige Claverhouse sei in St. James freundlich aufgenommen
worden. Der blutige Mackenzie habe bei den Uebelgesinnten in Oxford
eine sichere und glänzende Freistätte gefunden. Der jüngere Dalrymple,
der die Heiligen angeklagt, und der ältere Dalrymple, der über die
Heiligen zu Gericht gesessen, seien groß und mächtig. Sorglose Gallios
sagten, man habe nur die Wahl zwischen Wilhelm und Jakob und es sei
weise, von zwei Uebeln das kleinere zu wählen. Dies sei allerdings die
Weisheit dieser Welt. Aber die Weisheit, die von Oben komme, lehre
uns, daß wir von zwei Dingen, welche beide in den Augen Gottes Uebel
seien, gar keines wählen sollten. Sobald Jakob wieder eingesetzt werde,
sei es Pflicht, ihn nicht anzuerkennen und sich ihm zu widersetzen.
Gegenwärtig sei es Pflicht, seinen Schwiegersohn nicht anzuerkennen
und sich ihm zu widersetzen. Es dürfe nichts gesagt und nichts gethan
werden, was als eine Anerkennung der Autorität des Mannes aus Holland
ausgelegt werden könne. Die Gottesfürchtigen dürften ihm keine
Abgaben bezahlen, dürften unter ihm kein Amt bekleiden, dürften keine
Besoldungen von ihm annehmen, dürften keine Dokumente unterzeichnen,
in denen er König genannt werde. Anna folgte Wilhelm auf dem Throne
und Anna wurde von Denen, die sich den Ueberrest der wahren Kirche
nannten, als die vermeintliche Königin, als das schlechte Weib, als
die Jesabel bezeichnet. Georg I. folgte Anna auf dem Throne, und Georg
I. war der angebliche König, das deutsche Thier.[110] Georg II. folgte
Georg I. auf dem Throne, und Georg II. war ebenfalls ein angeblicher
König und wurde beschuldigt, die Ruchlosigkeit seiner ruchlosen
Vorgänger noch übertroffen zu haben, indem er ein dem göttlichen
Gesetze, welches befiehlt, daß keine Hexe am Leben gelassen werden
dürfe, Hohn sprechendes Gesetz genehmigt habe.[111] Georg III. folgte
Georg II. auf dem Throne, und noch immer fuhren diese Leute fort, mit
unverminderter Beharrlichkeit, wenn auch in weniger heftiger Sprache
als früher, einem nicht unter dem Covenant stehenden Souverain jede
Anerkennung zu verweigern.[112] Noch im Jahre 1806 erklärten sie es
öffentlich für eine Sünde, die Regierung eines solchen Königs durch
Entrichtung der Abgaben, durch Annahme von Accislicenzen, durch
Anschluß an die Freiwilligen oder durch Arbeiten bei öffentlichen
Werken anzuerkennen.[113] Die Zahl dieser Zeloten verminderte sich
immer mehr, bis sie endlich so dünn über Schottland verstreut waren,
daß sie nirgends mehr zahlreich genug waren, um ihr eignes Bethaus
haben zu können, weshalb man sie Nichthörer nannte. Sie versammelten
sich jedoch noch zu Andachtsübungen in Privathäusern und betrachteten
sich fortwährend als das auserwählte Geschlecht, als die königliche
Priesterschaft, als die heilige Nation, als das besondere Volk, das
inmitten der allgemeinen Entartung allein den Glauben an ein besseres
Zeitalter beibehalten hatte. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich,
daß dieser Aberglaube, der unvernünftigste und ungeselligste, zu
welchem das protestantische Christenthum je durch menschliche
Vorurtheile und Leidenschaften verfälscht worden, in einigen obscuren
Pächterwohnungen noch immer fortbesteht.
[_Wilhelm unzufrieden mit den kirchlichen Einrichtungen in Schottland._]
Der König war mit der Art und Weise, wie die kirchliche Verfassung
Schottland's geordnet worden, nur theilweis zufrieden. Er meinte die
Episkopalen seien hart behandelt worden, und fürchtete sie könnten noch
härter behandelt werden, wenn das neue System erst vollständig
organisirt sei. Er hatte dringend gewünscht, daß die Acte, welche die
presbyterianische Kirche als Staatsreligion einführte, von einer andren
Acte begleitet sei, welche Nichtmitgliedern dieser Kirche gestattete,
ihre religiösen Versammlungen ungehindert zu halten, und er hatte
Melville speciell beauftragt, dafür zu sorgen.[114] Einige populäre
Prediger aber haranguirten in Edinburg so heftig gegen die
Gewissensfreiheit, die sie das Mysterium der Unbilligkeit nannten, daß
Melville den Instructionen seines Gebieters nicht nachzukommen wagte.
Der Entwurf einer Toleranzacte wurde dem Parlamente durch ein
Privatmitglied vorgelegt, aber kalt aufgenommen und fallen
gelassen.[115]
[_Zusammentritt der Generalversammlung der schottischen Kirche._]
Wilhelm war jedoch fest entschlossen es nicht zuzugeben, daß die
herrschende Religionspartei ihre Verfolgungsgelüste befriedigte und er
nahm sehr bald Gelegenheit, diesen seinen Entschluß kund zu thun. Die
erste Generalversammlung der neueingeführten Landeskirche fand bald nach
seiner Zurückkunft aus Irland statt. Es war nothwendig, daß er einen
Commissar ernannte und ein Handschreiben erließ. Einige eifrige
Presbyterianer hofften, daß Crawford dieser Commissar werden würde, und
die edinburger Geistlichen veröffentlichten eine Schrift, in der sie
sehr verständlich andeuteten, daß dies ihr Wunsch sei. Wilhelm wählte
jedoch Lord Carmichael, einen Edelmann, der sich durch Einsicht,
Humanität und Mäßigung auszeichnete.[116] Das königliche Schreiben an
die Versammlung war höchst verständigen Inhalts und in sehr
eindringlicher Sprache abgefaßt. »Wir hoffen,« schrieb der König, »Ihr
Benehmen wird von der Art sein, daß wir keine Ursache haben zu bereuen
was wir gethan. Wir konnten nie der Meinung sein, daß Gewaltthätigkeit
der Ausbreitung wahrer Religiosität förderlich sei; auch haben wir nicht
die Absicht, unsre Autorität jemals zum Werkzeuge der zügellosen
Leidenschaften irgend einer Partei werden zu lassen. Mäßigung ist es was
die Religion vorschreibt, was die Nebenkirchen von Ihnen erwarten und
was wir Ihnen anempfehlen.« Die Sechzig und ihre Genossen würden
wahrscheinlich gern in einer Sprache geantwortet haben, ähnlich
derjenigen, welche, wie einige von ihnen sich noch recht wohl erinnern
konnten, der Klerus gegen Karl II. während seines Aufenthalts in
Schottland geführt hatte. Aber sie hatten eben erst erfahren, daß man in
England entschieden für die gemißhandelten Curaten eingenommen sei und
daß es unter solchen Umständen von einer Körperschaft, welche die
presbyterianische Kirche repräsentirte, Wahnsinn gewesen sein würde,
sich mit dem Könige zu verfeinden.[117] Die Versammlung gab daher eine
dankende und ehrerbietige Antwort auf das königliche Schreiben und
versicherte Sr. Majestät, daß sie zu viel von Unterdrückung gelitten
hätten, um jemals Unterdrücker werden zu können.[118]
[_Lage der Dinge auf dem Continent._] Unterdessen bezogen die Truppen
auf dem ganzen Kontinent ihre Winterquartiere. Der Feldzug war überall
unentschieden geblieben. Der Sieg, den Luxemburg bei Fleurus erfochten,
hatte keinen erheblichen Eindruck gemacht. Am Oberrheine hatten große
Armeen einander Monate lang gegenüber gestanden, ohne einen Schlag zu
thun. In Catalonien waren einige kleine Festungen genommen worden. Im
Osten Europa's waren auf einigen Punkten die Türken, auf anderen die
Christen siegreich gewesen, und das Ende des Kampfes schien ferner zu
sein als je. Die Coalition hatte im Laufe des Jahres ein werthvolles
Mitglied verloren, und ein andres gewonnen. Der Herzog von Lothringen,
der geschickteste Feldherr in kaiserlichen Diensten, war nicht
mehr. Er war gestorben, wie er gelebt hatte: als ein umherirrender
Verbannter, und hatte seinen Kindern nichts als seinen Namen und seine
Rechte hinterlassen. Man pflegte zu sagen, die Coalition hätte eher
dreißigtausend Soldaten entbehren können als einen solchen General.
Doch die verbündeten Hofe hatten kaum Trauer um ihn angelegt, als
sie durch die Nachricht getröstet wurden, daß ein andrer Prinz, an
Macht ihm überlegen und weder an Feldherrntalent noch an Muth ihm
nachstehend, dem Bunde gegen Frankreich beigetreten sei.
[_Der Herzog von Savoyen schließt sich der Coalition an._] Dies war
Victor Amadeus Herzog von Savoyen. Er war noch jung, aber schon wohl
erfahren in den Künsten, in denen sich die Staatsmänner Italiens seit
dem 13. Jahrhunderte stets ausgezeichnet hatten, den Künsten, durch
welche Castruccio Castracani und Franz Sforza zu Macht und Ansehen
gelangten und welche Macchiavel in ein System brachte. Kein Souverain im
modernen Europa hat mit einem so kleinen Ländchen während eines so
langen Zeitraums einen so großen Einfluß ausgeübt. Mit einem Anschein
von Freudigkeit, aber mit geheimem Widerwillen und Groll hatte er sich
eine Weile dem französischen Einflusse gefügt. Als der Krieg ausbrach,
erklärte er sich für neutral, knüpfte aber in der Stille Unterhandlungen
mit dem Hause Oesterreich an. Wahrscheinlich würde er sich noch lange
verstellt haben, bis sich ihm eine Gelegenheit dargeboten hatte, einen
unerwarteten Schlag zu führen, wären seine schlauen Pläne nicht durch
Ludwig's Entschiedenheit und Energie vereitelt worden. Ein französisches
Armeecorps unter den Befehlen Catinat's, eines Offiziers von großem
Talent und Muth, rückte in Piemont ein. Der Herzog erfuhr, daß sein
Verhalten Verdacht erweckt habe, den er nur durch Zulassung fremder
Besatzungen in Turin und Vercelli beseitigen könne. Er überzeugte sich,
daß er entweder der Sklave oder der offene Feind seines mächtigen und
herrschsüchtigen Nachbars sein mußte. Seine Wahl war bald getroffen, und
es begann ein Krieg, der sieben Jahre lang einige der besten Generäle
und besten Truppen Ludwig's beschäftigte. Ein außerordentlicher
Gesandter Savoyen's begab sich nach dem Haag, ging von da nach London,
überreichte im Bankethause seine Accreditive und hielt an Wilhelm eine
Anrede, welche sofort in mehrere Sprachen übersetzt und in allen Theilen
Europa's gelesen wurde. Der Redner wünschte dem Könige Glück zu dem
Gelingen des großen Unternehmens, welches England seine frühere Stellung
unter den Nationen wiederverschafft und Europa aus seinen Ketten befreit
habe. »Daß mein Gebieter,« sagte er, »es endlich wagen darf, Gesinnungen
auszusprechen, die er seit langer Zeit in den Tiefen seines Herzens
verbarg, ist ein Theil der Schuld, die er Eurer Majestät abzutragen
hat. Sie haben ihm, nach so vielen Jahren der Knechtschaft, mit der
Hoffnung auf Freiheit beseelt.«[119]
Es war beschlossen worden, daß im Laufe des herannahenden Winters ein
Congreß sämmtlicher Frankreich feindlich gesinnten Mächte im Haag
gehalten werden sollte. Wilhelm konnte es kaum erwarten, sich dahin zu
begeben. Aber er mußte zuvor eine Parlamentssession halten. Anfang
October versammelten sich die beiden Häuser wieder in Westminster. Die
Mitglieder waren durchgehends in guter Stimmung gekommen. Diejenigen
Tories welche überhaupt zu gewinnen waren, waren durch die
Begnadigungsacte und durch den großen Antheil, den sie von den
Gunstbezeigungen der Krone erhalten hatten, gewonnen worden. Diejenigen
Whigs, welche überhaupt für Lehren empfänglich waren, hatten aus der
Lection, welche Wilhelm ihnen gegeben, viel gelernt, und erwarteten
nicht mehr, daß er vom Range eines Königs zu dem eines Parteiführers
herabsteigen werde. Whigs wie Tories waren mit wenigen Ausnahmen durch
die Aussicht auf eine französische Invasion beunruhigt und durch die
Nachricht von dem Siege am Boyne erfreut worden. Der Souverain, der für
ihre Nation und ihre Religion sein Blut vergossen hatte, stand in diesem
Augenblicke in der öffentlichen Achtung höher als zu irgend einer Zeit
seit seiner Thronbesteigung. Seine Thronrede erzwang sich den lauten
Beifall der Lords und der Gemeinen.[120] Beide Häuser votirten dem
Könige für seine Thaten in Irland und der Königin für die Umsicht, mit
der sie während seiner Abwesenheit England regiert hatte, ihren
Dank.[121] So begann eine Session, die sich unter den Sessionen dieser
Regierung durch Eintracht und Ruhe auszeichnete. Es ist kein Bericht
über die Debatten auf uns gekommen, man müßte denn ein längst
vergessenes Libell, in welchem einige von den am ersten Tage gehaltenen
Reden in Knittelversen persiflirt werden, einen Bericht nennen.[122]
[_Steuerbewilligungen._] Die Gemeinen scheinen ihre Zeit hauptsächlich
mit der Erörterung von Fragen hingebracht zu haben, welche aus den
Wahlen des vergangenen Frühjahrs erwuchsen. Die zur Bestreitung der
Kriegskosten nöthigen Gelder wurden, obwohl sie sehr bedeutend waren,
gern bewilligt. Die Anzahl der regulären Truppen wurde für das nächste
Jahr auf siebzigtausend festgesetzt, wovon zwölftausend Reiter oder
Dragoner sein sollten. Der Kostenaufwand für diese Armee, der größten,
welche England je unterhalten hatte, betrug zwei Millionen
dreihunderttausend Pfund, die Unterhaltungskosten der Flotte ungefähr
achtzehnhunderttausend Pfund. Die Kosten der Artillerie waren in diesen
Summen mit inbegriffen und wurden auf ungefähr ein Achtel des Flotten-
und ein Fünftel des Militäraufwandes geschätzt.[123] Die Gesammtsumme
der dem Könige bewilligten außerordentlichen Gelder belief sich auf mehr
als vier Millionen.
Die Gemeinen waren mit Recht der Ansicht, daß die außergewöhnliche
Liberalität, mit der sie die Regierung unterstützt, sie auch
berechtige, außergewöhnliche Sicherheiten gegen Verschwendung und
Unterschleif zu verlangen. Es wurde eine Bill eingebracht, welche neun
Commissare ermächtigte, die öffentlichen Rechnungen zu prüfen und
festzustellen. Die Neun waren in der Bill genannt, und sie waren
sämmtlich Mitglieder des Unterhauses. Die Lords traten der Bill ohne
Amendements bei und der König genehmigte sie.[124]
[_Mittel und Wege._] Die Debatten über die Mittel und Wege zur
Aufbringung der bewilligten Summen füllten einen beträchtlichen Theil
der Session aus. Es wurde beschlossen, daß sechshundert und
funfzigtausend Pfund durch eine directe monatliche Grundsteuer
aufgebracht werden sollten. Ferner wurden die Accisabgaben auf Ale und
Bier verdoppelt und die Eingangszölle auf rohe Seide, Leinwand, Bauholz,
Glaswaaren und einige andere Artikel erhöht.[125] Soweit fand geringe
Meinungsverschiedenheit statt. Bald aber wurde der ruhige Geschäftsgang
durch einen Vorschlag gestört, der bei weitem populärer war als gerecht
und human. Obwohl Steuern von noch nicht dagewesener Höhe ausgeschrieben
waren, konnte man doch mit gutem Grunde zweifeln, ob diese Steuern
ausreichen würden. Warum, fragte man, sollten nicht die irischen
Insurgenten die Kosten des irischen Kriegs tragen? Die ganze Welt wisse,
wie diese Insurgenten in ihrem Schattenparlamente gehandelt hätten, und
es sei nicht mehr als recht und billig, daß man ihnen mit ihrem eigenen
Maaße messe. Sie müßten so behandelt werden, wie sie die sächsische
Colonie behandelt hätten. Jeder Acker Land, den die Ansiedlungsacte
ihnen gelassen, müßte vom Staate confiscirt werden, um die Geldausgaben
zu bestreiten, die ihr Ungestüm und ihre Verkehrtheit nothwendig gemacht
hätten. Es ist nicht zu verwundern, daß ein Plan, der zu gleicher Zeit
den Nationalgroll befriedigte und eine pekuniäre Erleichterung hoffen
ließ, mit großer Freude begrüßt wurde. Es ward eine Bill eingebracht,
die nur zu große Aehnlichkeit mit einigen von den jakobitischen
Gesetzgebern in Dublin erlassenen Gesetzen hatte. Diese Bill bestimmte,
daß das Eigenthum eines Jeden, der sich gegen den König und die Königin
seit dem Tage ihrer Proklamation aufgelehnt, eingezogen und der Erlös
desselben zur Fortführung des Kriegs verwendet werden sollte. Eine
Ausnahme war zu Gunsten derjenigen Protestanten gemacht, die sich nur
überlegener Gewalt gefügt hatten; gegen die Papisten aber wurde keine
Nachsicht geübt. Das königliche Begnadigungsrecht wurde beschränkt. Zwar
durfte der König, wenn es ihm gefiel, das Leben seiner besiegten Feinde
schonen; aber es war ihm nicht gestattet, den geringsten Theil ihres
Vermögens der allgemeinen Confiscation zu entziehen. Es sollte nicht in
seiner Macht stehen, eine Capitulation zu bewilligen, welche den
irischen Katholiken den Genuß ihres erblichen Grundbesitzes sicherte.
Ja, er sollte sogar sein Wort gegen Diejenigen nicht halten dürfen, die
er bereits zu Gnaden angenommen, die seine Hand geküßt und aus seinem
Munde das Versprechen des Schutzes erhalten hatten. Es wurde ein Versuch
gemacht, eine Klausel zu Gunsten Lord Dover's einzuschalten. Dover, der
bei allen seinen Fehlern nicht ohne einige Gefühle für England war,
hatte sich durch Vertheidigung der Interessen seines Geburtslandes in
Dublin sowohl den Irländern als den Franzosen verhaßt gemacht. Nach der
Schlacht am Boyne war seine Lage traurig geworden. Weder in Limerick
noch in Saint-Germains durfte er hoffen gut aufgenommen zu werden. In
seiner Verzweiflung warf er sich Wilhelm zu Füßen, versprach ruhig zu
leben und erhielt die gnädige Zusicherung, daß er nichts zu fürchten
habe. Obgleich diesem unglücklichen Manne das königliche Wort verpfändet
zu sein schien, beschlossen die Gemeinen dennoch mit hundertneunzehn
gegen hundertzwölf Stimmen, daß sein Eigenthum von der allgemeinen
Confiscation nicht ausgenommen sein solle.
Die Bill kam vor die Peers; aber die Peers waren nicht gemeint, sie ohne
erhebliche Abänderungen anzunehmen, und zu solchen Abänderungen war
jetzt keine Zeit. Zahlreiche Erben, Anwartschaftsinhaber und Gläubiger
baten das Oberhaus flehentlich, Klauseln einzuschalten, welche den
Unschuldigen gegen jede Gefahr, mit dem Schuldigen zu leiden, sicher
stellten. Einige Bittsteller verlangten durch das Organ ihres Anwalts
gehört zu werden. Der König hatte alle Vorbereitungen zu einer Reise
nach dem Haag getroffen, der Tag, über welchen hinaus er seine Abreise
nicht verschieben konnte, rückte immer näher, und so wurde die Bill zum
Glück für die Ehre der englischen Legislatur in das dunkle Repositorium
verwiesen, in welchem die abortiven Statuten vieler Generationen einen
Schlaf schlafen, der nur selten von dem Geschichtsschreiber oder
Alterthumsforscher gestört wird.[126]