Genie behauptete seine unveräußerliche Ueberlegenheit. Marlborough war
jeden Tag der wirkliche General. Cork wurde mit Energie angegriffen und
ein Außenwerk nach dem andren rasch genommen. In achtundvierzig Stunden
war Alles vorüber. Die Spuren des kurzen Kampfes sind heute noch
sichtbar. Das alte Fort, wo die Irländer am hartnäckigsten kämpften,
liegt in Trümmern. Die dorische Kathedrale, welche dem alten Thurme so
unschön angebaut ist, nimmt die Stelle eines gothischen Bauwerkes ein,
welches durch die englischen Kanonen zertrümmert wurde. Auf dem nahen
Kirchhofe zeigt man noch die Stelle, wo viele Jahrhunderte hindurch
einer jener runden Thürme stand, die den Alterthumsforschern viel
Kopfzerbrechens verursacht haben. Dieses ehrwürdige Baudenkmal theilte
das Schicksal der benachbarten Kirche. Eine andre Stelle, welche jetzt
die Mall heißt und mit den stattlichen Häusern von Bank-, Eisenbahn- und
Versicherungsgesellschaften besetzt ist, die abermals ein unter dem
Namen Rape Marsh bekannter Sumpf war, rückten vier englische Regimenter,
bis unter die Arme im Wasser watend, tapfer zum Sturme vor. Grafton,
stets der Erste in der Gefahr, wurde, während er sich durch den Schlamm
arbeitete, von einem feindlichen Schusse getroffen und sterbend
zurückgetragen. Die Stelle wo er fiel, damals etwa hundert Schritt weit
außerhalb der Stadt, gegenwärtig aber im Mittelpunkte des
Geschäftsverkehrs und der Bevölkerung gelegen, heißt noch jetzt Grafton
Street. Die Stürmenden hatten den Sumpf durchwatet und der Kampf Mann
gegen Mann sollte eben beginnen, als das Zeichen zum Parlamentiren
gegeben wurde. Die Bedingungen der Kapitulation waren bald festgesetzt.
Die aus vier- bis fünftausend Mann bestehende Besatzung wurde als
gefangen betrachtet. Marlborough versprach, sich für sie sowohl als auch
für die Einwohner beim Könige zu verwenden und Gewaltthätigkeiten und
Plünderung nicht zu gestatten. Es gelang ihm seine Truppen im Zaume zu
halten; aber Schaaren von Matrosen und Lagertroß drangen durch die
Bresche in die Stadt und die Häuser vieler Katholiken wurden demolirt,
ehe die Ordnung wieder hergestellt werden konnte.
[_Marlborough nimmt Kinsale._] Kein Feldherr hat es jemals besser
verstanden einen Sieg zu benutzen als Marlborough. Wenige Stunden
nachdem Cork gefallen, war seine Reiterei schon auf dem Wege nach
Kinsale. Es wurde ein Trompeter abgesandt, um die Stadt zur Uebergabe
aufzufordern. Die Irländer drohten ihn zum Lohn für diese Botschaft
aufzuhängen, zündeten die Stadt an und zogen sich in zwei Forts, das
alte und das neue genannt, zurück. Die englische Reiterei kam gerade
noch zur rechten Zeit an, um das Feuer zu löschen. Ihr folgte
Marlborough mit seiner Infanterie auf dem Fuße. Das alte Fort wurde
erstürmt und funfzig Mann, die es vertheidigten, sämmtlich getödtet oder
gefangen genommen. Das neue Fort mußte systematischer angegriffen
werden. Es wurden Batterien aufgefahren, Laufgräben eröffnet und Minen
gesprengt; in wenigen Tagen waren die Belagerer Herren der Contrescarpe,
und Alles war zum Sturme bereit, als der Gouverneur sich erbot zu
kapituliren. Die zwölfhundert Mann starke Besatzung durfte sich nach
Limerick zurückziehen, aber die Sieger ergriffen Besitz von den
Vorräthen, welche einen bedeutenden Werth hatten. Von allen irischen
Häfen war Kinsale für den Verkehr mit Frankreich am günstigsten gelegen,
und es herrschte daher dort ein in allen anderen Theilen von Munster
unbekannter Ueberfluß. In Limerick waren Brot und Wein ein Luxus, den
sich selbst Generäle und Staatsräthe nicht immer verschaffen konnten. Im
neuen Fort von Kinsale aber fand Marlborough tausend Barrels Weizen und
achtzig Pipen Claret.
Sein Sieg war vollständig und rasch gewesen, und rasch mußte er auch
sein, sonst wäre er nicht vollständig gewesen. So kurz sein Feldzug war,
hatte er doch lange genug gedauert, um der feuchten Erde und Luft von
Irland Zeit zum Beginn des tödtlichen Werkes zu lassen, von welchem die
englischen Soldaten damals zur Herbstzeit selten verschont blieben. Die
Krankheit, welche die Reihen der Armee Schomberg's bei Dundalk gelichtet
und Wilhelm gezwungen hatte, sich eiligst von der Mündung des Shannon
zurückzuziehen, hatte sich in Kinsale zu zeigen begonnen. So rasch und
energisch Marlborough seine Operationen betrieb, verlor er doch viel
mehr Leute durch diese Krankheit, als durch das Feuer des Feindes. Nur
fünf Wochen nach seiner Abfahrt von Portsmouth machte er in Kensington
seine Aufwartung und wurde sehr freundlich empfangen. »Kein lebender
Offizier,« sagte Wilhelm, »der so wenig Dienstjahre aufzuweisen hat wie
Mylord Marlborough, ist so wie er zu großen Commandos befähigt.«[83]
[_Die schottischen Angelegenheiten._] In Schottland hatte sich die
Gestalt der Dinge, wie in Irland, während dieses denkwürdigen Sommers
bedeutend in gutem Sinne geändert. Der Club mißvergnügter Whigs, der im
vorhergehenden Jahre das Parlament beherrscht, die Minister
eingeschüchtert, die Steuern verweigert und die Functionen des
Staatssiegels gehemmt hatte, war der allgemeinen Verachtung
anheimgefallen und hatte endlich aufgehört zu existiren. Der Souverain
harmonirte mit den Ständen und der lange Kampf zwischen zwei Formen des
Kirchenregiments war auf dem einzigen, mit der Ruhe und dem Gedeihen des
Landes vereinbaren Wege beendigt worden.
[_Intriguen Montgomery's mit den Jakobiten._] Dieser glückliche
Umschwung der Dinge muß hauptsächlich den Fehlgriffen des perfiden,
unruhigen und rachsüchtigen Montgomery zugeschrieben werden. Einige
Wochen nach dem Schlusse der Session, während der er eine unbegrenzte
Autorität über das schottische Parlament ausgeübt hatte, begab er sich
mit seinen beiden Hauptverbündeten, dem Earl von Annandale und Lord Roß,
nach London. Die Drei hatten eine Audienz bei Wilhelm und überreichten
ihm ein Manifest, in welchem ihre Forderungen für das Gemeinwohl
dargelegt waren. Sie würden sehr bald einen andren Ton angenommen haben,
wenn er ihnen bewilligt hätte, was sie für sich selbst verlangten. Aber
er zürnte ihnen heftig wegen ihres Benehmens und war entschlossen, sie
dafür daß sie ihm geschadet, nicht noch zu bezahlen. Der Empfang, der
ihnen zu Theil wurde, überzeugte sie, daß sie keine Gunst von ihm zu
erwarten hatten. Montgomery war ein Mann von heftigen Leidenschaften, er
war arm und brauchte dringend Geld, und wenn er sich nicht bald in ein
einträgliches Amt drängen konnte, so lief er Gefahr, im Gefängnisse zu
verfaulen. Da keine Aussicht mehr war, daß Wilhelm seine Dienste kaufen
würde, so mußten sie Jakob angeboten werden. Ein Vermittler wurde bald
gefunden. Montgomery war ein alter Bekannter Ferguson's. Die beiden
Verräther verständigten sich bald. Sie waren verwandte Geister, zwar
weit verschieden in Bezug auf Intelligenz, aber in gleichem Grade eitel,
ruchlos, falsch und böswillig. Montgomery wurde Neville Payne, einem der
gewandtesten und entschlossensten Agenten des verbannten Königshauses,
vorgestellt. Payne war seit langer Zeit in der Stadt als ein Kannegießer
in Poesie und Politik bekannt. Er war ein intimer Freund des indiscreten
und unglücklichen Coleman gewesen und hatte als Theilnehmer an der
papistischen Verschwörung in Newgate gesessen. Sein moralischer
Character war nicht weit her; aber er hatte bald Gelegenheit zu
beweisen, daß er einen Muth und eine Treue besaß, die einer besseren
Sache als der Sache Jakob's und eines besseren Bundesgenossen als
Montgomery's würdig gewesen wären.
Die Unterhandlung endete sehr bald in einen Allianzvertrag. Payne
versprach Montgomery mit Bestimmtheit nicht nur Verzeihung, sondern auch
Reichthum, Macht und Ehren. Mit eben so großer Zuversicht machte
Montgomery sich verbindlich, das schottische Parlament zur Zurückrufung
des rechtmäßigen Königs zu bestimmen. Roß und Annandale genehmigten
bereitwillig Alles was ihr geschickter und thätiger College vorschlug.
Ein Abenteurer, der sich bald Simpson, bald Jones nannte, der stets
bereit war, für Geld jeder Regierung zu dienen und jede Regierung zu
verrathen und der gleichzeitig von Portland und von Neville Payne
besoldet wurde, nahm es auf sich, Jakob die Anerbietungen des Clubs zu
überbringen. Montgomery und seine beiden edlen Complicen kehrten nach
Edinburg zurück und schritten dort zur Bildung einer Coalition mit
ihren alten Feinden, den Vertheidigern der Prälatur und der
Willkürherrschaft.[84]
[_Krieg in den Hochlanden._] Die schottische Opposition, ein
wunderliches Gemisch von zwei Parteien, deren eine aller Freiheit feind
war, während die andre von keiner Regierung etwas wissen wollte,
schmeichelte sich eine Zeit lang mit der Hoffnung, daß der Krieg in den
Hochlanden mit verdoppelter Wuth wieder ausbrechen werde. Aber diese
Hoffnung wurde getäuscht. Im Frühjahr 1690 kam ein Offizier Namens
Buchan aus Irland in Lochaber an. Er hatte ein Patent bei sich, das ihn
zum Oberbefehlshaber aller Truppen ernannte, die im ganzen Königreiche
Schottland für König Jakob unter den Waffen standen. Cannon, der seit
Dundee's Tode die erste Stelle bekleidet und sich derselben nicht
gewachsen gezeigt hatte, wurde der Zweite im Commando. Es wurde jedoch
durch diesen Wechsel nicht viel gewonnen. Es war keine leichte Aufgabe,
die gälischen Fürsten zur Wiederaufnahme des Kampfes zu bewegen. In der
That, ohne den Einfluß und die Beredtsamkeit Lochiel's würde nicht ein
einziges Schwert für das Haus Stuart gezogen worden sein. Nicht ohne
Mühe überredete er die Häuptlinge, welche das Jahr vorher bei
Killiecrankie gefochten hatten, zu dem Entschlusse zu kommen, daß sie
vor Ende des Sommers alle ihre Anhänger aufbieten und in das Niederland
einrücken wollten. Inzwischen wurden zwölfhundert Bergschotten
verschiedener Stämme unter Buchan's Commando gestellt, der sich
verpflichtete, mit dieser Truppe die englischen Garnisonen beständig
durch Scheinangriffe und Streifzüge zu beunruhigen, bis die Zeit zu
wichtigeren Operationen gekommen sein würde. Zu dem Ende rückte er in
Strathspey ein. Aber alle seine Pläne wurden sehr bald durch die
Kühnheit und Gewandtheit Sir Thomas Livingstone's vereitelt, der
Inverneß für König Wilhelm besetzt hielt. Unter der Führung und dem
Beistande der Grants, welche der neuen Regierung treu ergeben waren, kam
Livingstone mit einem starken Corps Reiterei und Dragonern in
Eilmärschen und über steile Gebirgspässe zu der Stelle, wo die Jakobiten
ihre Quartiere aufgeschlagen hatten. Mitten in der Nacht erreichte er
die Lagerfeuer. Der erste Alarm wurde durch das Einstürmen der
Cavallerie über die entsetzten Schildwachen hinweg mitten unter die
Celten gegeben, welche in ihre Plaids gehüllt schliefen. Buchan entkam
im bloßen Kopfe und ohne Degen. Cannon lief im Hemd davon. Vierhundert
Hochländer wurden erschlagen oder gefangen genommen, und die übrigen
flohen in ihre Berge und Nebel.[85]
Dieses Ereigniß machte allen Gedanken an einen Bürgerkrieg ein Ende, und
die für den Sommer beabsichtigte Zusammenziehung der Mannschaften fand
nicht statt. Lochiel war, wenn er auch gewollt hätte, nicht im Stande,
die im Fallen begriffene Sache länger zu halten. Er war durch einen
Unfall aufs Krankenlager geworfen worden, der allein hinreichte, um zu
beweisen, wie wenig durch eine Conföderation der kleinen Gebirgskönige
ausgerichtet werden konnte. Bei einer Berathung zwischen den
jakobitischen Anführern sprach ein Gentleman aus dem Niederlande sehr
hart von jenen Schmarotzern, die ihren Glauben gewechselt, um sich bei
König Jakob einzuschmeicheln. Glengarry war einer von Denen, die es für
ehrenvoll halten anzunehmen, daß Jedermann beständig die Absicht habe,
sie zu beleidigen. Er setzte es sich in den Kopf, daß man auf ihn habe
anspielen wollen. »Ich bin ein eben so guter Protestant als Sie,« rief
er aus, und setzte ein Wort hinzu, das ein Mann von Ehrgefühl nicht
ruhig hinnehmen konnte. In einem Nu waren beide Schwerter aus der
Scheide. Lochiel warf sich zwischen die Kämpfenden und während er sie
auseinander zu reißen suchte, erhielt er eine Wunde, die man zuerst für
tödtlich hielt.[86]
[_Fort William erbaut._] Der Muth der mißvergnügten Clans war so
wirksam gebrochen, daß Mackay ohne auf Widerstand zu stoßen von Perth
nach Lochaber marschirte, in Inverlochy sein Hauptquartier aufschlug
und zur Ausführung seines Lieblingsplanes schritt, hier eine Festung
zu erbauen, welche die aufsätzigen Camerons und Macdonalds in Schach
halten konnte. Binnen wenigen Tagen waren die Mauern fertig, die
Gräben angelegt und die Pallisaden eingeschlagen, die Brustwehren mit
Feldschlangen von einem Kriegsschiffe besetzt, und der General reiste
ab, einen Offizier Namens Hill als Commandant einer ausreichenden
Besatzung zurücklassend. Innerhalb der Mauern fehlte es nicht an
Hafermehl, Pöcklingen und Rindfleisch, und an Branntwein war Ueberfluß
vorhanden. Die neue Festung, welche, so eilig und kunstlos sie erbaut
war, den Bewohnern der Umgegend ohne Zweifel als das größte Wunderwerk
erschien, das die Macht im Verein mit der Wissenschaft je ins Leben
gerufen, wurde zu Ehren des Königs Fort William genannt.[87]
[_Zusammentritt des schottischen Parlaments._] Mittlerweile war das
schottische Parlament in Edinburg wieder zusammengetreten. Wilhelm hatte
sich überzeugt, daß es kein leichtes Ding sei zu entscheiden, wie er es
mit dieser launenhaften und unlenksamen Versammlung halten sollte. Die
Gemeinen England's hatten ihn zuweilen aufgebracht. Doch sie hatten ihm
Millionen bewilligt und von ihm niemals Concessionen verlangt, wie sie
die schottische Legislatur, die ihm wenig geben konnte und ihm gar
nichts gegeben hatte, gebieterisch gefordert. Die englischen
Staatsmänner standen im allgemeinen nicht hoch in seiner Achtung und sie
verdienten es auch nicht. Aber wenige unter ihnen waren so durch und
durch falsch und schamlos wie die leitenden Staatsmänner Schottlands.
Hamilton stand in Bezug auf Moralität und Ehrgefühl eher über als unter
seinen Collegen, und auch er war wankelmüthig, falsch und habgierig.
Wilhelm ließ sich einst zu der Aeußerung hinreißen: »Ich wollte
Schottland läge tausend Meilen weit von hier und der Herzog von Hamilton
wäre König davon. Dann wäre ich sie beide los.«
[_Melville Lord Obercommissar._] Nach reiflicher Ueberlegung beschloß
Wilhelm, Melville als Lord Obercommissar nach Edinburg zu schicken.
Melville war weder ein großer Staatsmann, noch ein großer Redner; er sah
nicht aus wie der Repräsentant des Königs, sein Character hatte nur das
Durchschnittsmaß der Reinheit, und dieses Durchschnittsmaß war bei den
schottischen Senatoren nicht groß; aber es fehlte ihm nicht an
Besonnenheit und Mäßigung, und er reussirte im Ganzen besser, als ein
Mann von weit glänzenderen Eigenschaften reussirt haben würde.
[_Die Regierung erlangt die Majorität._] Während der ersten Tage der
Session waren die Freunde der Regierung muthlos und die Häupter der
Opposition gaben sich sanguinischen Hoffnungen hin. Die Triumphe des
vorhergehenden Jahres hatten Montgomery den Kopf verrückt, obwohl er
keineswegs zu den Schwachen gehörte. Er glaubte seine Intriguen und
seine schönen Reden hätten die Stände vollständig besiegt. Nachdem er
eine unbegrenzte Herrschaft im Parlamente ausgeübt hatte, als die
Jakobiten abwesend waren, schien es ihm unmöglich, daß er jetzt, wo sie
anwesend und bereit waren, jeden seiner Vorschläge zu unterstützen,
geschlagen werden könnte. Es war ihm allerdings nicht leicht geworden,
sie zum Erscheinen zu bewegen. Denn sie konnten ihre Sitze nicht
einnehmen, ohne die Eide zu leisten. Einige unter ihnen trugen ein wenig
Bedenken, meineidig zu werden, und Viele, die nicht wußten, was ein
Gewissensskrupel war, fürchteten den rechtmäßigen König zu beleidigen,
wenn sie dem faktischen Könige Treue schwuren. Einige Lords aber, die
für Vertraute Jakob's galten, versicherten, ihres Wissens wünsche er,
daß seine Freunde falsch schwörten, und diese Versicherung bewog die
Mehrzahl der Jakobiten, mit Balcarras an der Spitze, sich einer durch
Gottlosigkeit erschwerten Treulosigkeit schuldig zu machen.[88]
Es stellte sich jedoch bald heraus, daß Montgomery's Partei, selbst mit
dieser Verstärkung, nicht mehr die Majorität in der gesetzgebenden
Versammlung bildete. Für Jeden den er gewonnen, hatte er Zwei verloren.
Er hatte einen Fehler begangen, der in der britischen Geschichte mehr
als einmal großen parlamentarischen Führern verderblich geworden ist. Er
hatte geglaubt, daß, sobald es ihm einfiele, sich mit Denen zu
verbinden, denen er vor kurzem noch feindlich gegenübergestanden hatte,
alle seine Anhänger seinem Beispiele folgen würden. Allein er überzeugte
sich bald, daß es viel leichter war, Erbitterung hervorzurufen als sie
zu beschwichtigen. Die große Masse der Whigs und Presbyterianer scheute
sich davor, mit den Jakobiten gemeinschaftliche Sache zu machen. Einige
Unschlüssige wurden von der Regierung erkauft, und zwar um einen sehr
mäßigen Preis, denn eine Summe, die im englischen Staatsschatze kaum
vermißt wurde, war für die armen Barone des Nordens sehr bedeutend.[89]
So sank die Wagschale auf der andren Seite, und in den schottischen
Parlamenten der damaligen Zeit war das Sinken der Wagschale Alles; die
Majoritäten hatten stets die Tendenz zu wachsen, die Minoritäten die
Tendenz sich zu vermindern.
Die erste Frage, über welche eine Abstimmung vorgenommen wurde,
bezog sich auf die Wahl für einen Burgflecken. Die Minister trugen
mit sechs Stimmen den Sieg davon.[90] In einem Augenblicke war Alles
verändert, der Zauber war zerstört, der Club wurde von einem Popanz
zur Zielscheibe des Spotts, die Aengstlichen und die Käuflichen
gingen massenhaft von der schwächeren zur stärkeren Seite über.
Umsonst versuchte die Opposition, die Streitigkeiten vom vorigen
Jahre wieder anzuregen. Der König hatte Melville wohlweislich
ermächtigt, den Artikelausschuß aufzugeben. Die Stände auf der
andren Seite bezeigten keine Lust, eine zweite Incapacitätsacte zu
erlassen, die Regierung wegen Eröffnung der Gerichtshöfe zu tadeln,
oder das Recht des Souverains, Richter zu ernennen, in Frage zu
stellen. Es wurde eine außerordentliche Steuer bewilligt, die nach
den Begriffen der englischen Finanzmänner zwar klein, nach den
Hülfsquellen Schottland's aber bedeutend war. Die bewilligte Summe war
hundertzweiundsechzigtausend Pfund Sterling, binnen vier Jahren zu
entrichten.[91]
Die Jakobiten, welche nun sahen, daß sie ohne Nutzen meineidig geworden
waren, schämten und ärgerten sich, während Montgomery, der sich und sie
getäuscht und der in seiner Wuth zwar nicht seine Talente und seinen
Redefluß, wohl aber alles Anstandsgefühl und alle Selbstbeherrschung
verloren hatte, wie ein Wasserträger schimpfte und von Sir Johann
Dalrymple mit gleicher Heftigkeit und mit mehr als gleicher Gewandtheit
ebenso behandelt wurde.[92]
[_Kirchliche Gesetzgebung._] Die wichtigsten Acte dieser Session waren
die, welche die kirchliche Verfassung Schottland's feststellten. Durch
die Rechtsforderung war erklärt worden, daß die Autorität der Bischöfe
eine unerträgliche Last sei, und Wilhelm hatte sich durch Annahme der
Krone verpflichtet, eine Institution, welche durch das nämliche
Instrument, von dem sein Recht auf die Krone abhing, verurtheilt wurde,
nicht aufrecht zu erhalten. Aber die Rechtsforderung hatte die Form des
Kirchenregiments nicht bestimmt, welche an die Stelle des Episkopats
treten sollte, und während der stürmischen Session im Sommer 1689 hatte
die Heftigkeit des Clubs alle Gesetzgebung unmöglich gemacht. Viele
Monate lang war daher Alles in Verwirrung gewesen. Eine Verfassung war
umgestürzt, aber keine andre dafür aufgerichtet worden. In dem
westlichen Niederlande waren die Pfarrgeistlichen so wirksam
gemißhandelt worden, daß kaum einer von ihnen auf seinem Posten
geblieben war. In Berwickshire, den drei Lothians und Stirlingshire
waren die meisten Curaten durch den Geheimen Rath ihres Amtes entsetzt
worden, weil sie dem Beschlusse der Convention, der allen
Pfarrgeistlichen bei Strafe der Absetzung vorschrieb, Wilhelm und Marien
zum Könige und zur Königin von Schottland zu proklamiren, nicht Folge
geleistet hatten. So wurde in einem großen Theile des Reichs kein
öffentlicher Gottesdienst gehalten, außer von presbyterianischen
Geistlichen, welche bald in Zelten predigten, bald ohne gesetzliche
Berechtigung von den Kirchen Besitz nahmen. Aber es gab auch große
Districte, besonders nördlich vom Tay, wo das Volk seinen so starken
Widerwillen gegen das Episkopat empfand, und viele Priester, die nicht
geneigt waren, ihre Häuser und ihre Gehalte um König Jakob's willen zu
verlieren. Hunderte von alten Curaten, die weder vom Pöbel gemißhandelt,
noch vom Staatsrathe abgesetzt worden waren, verrichteten daher noch
ihre geistlichen Functionen. Während dieser Uebergangsperiode stand es
jedem Geistlichen frei, den Gottesdienst zu leiten und die Sakramente
darzureichen wie es ihm beliebte. Es gab keine Aufsichtsbehörde, denn
die Legislatur hatte die Jurisdiction der Bischöfe aufgehoben, aber die
Jurisdiction der Synoden nicht eingeführt.[93]
Dieser Anarchie ein Ende zu machen, war eine der ersten Pflichten des
Parlaments. Melville hatte mit dem mächtigen Beistande Carstairs', trotz
der Gegenvorstellungen englischer Tories, die Ermächtigung erlangt, zu
denjenigen kirchlichen Einrichtungen, welche die schottische Nation
befriedigen würden, seine Zustimmung zu geben. Eines der ersten Gesetze,
das der Lord Commissar mit dem Scepter berührte, hob die Sacramentsacte
auf. Hierauf ertheilte er die königliche Genehmigung einem Gesetze,
welches anordnete, daß diejenigen presbyterianischen Geistlichen, die
zur Zeit des Covenants Gemeindepfarrer gewesen und nach der Restauration
abgesetzt worden waren, weil sie sich geweigert die bischöfliche
Autorität anzuerkennen, wieder eingesetzt werden sollten. Die Zahl
dieser Pastoren hatte sich ursprünglich auf dreihundertfunfzig belaufen,
aber nicht mehr als sechzig waren noch am Leben.[94]
Die Stände gingen nun zur Feststellung des nationalen Glaubens über.
Das von der Theologenversammlung zu Westminster entworfene
Glaubensbekenntniß, der große und kleine Katechismus und das Directory
wurden von jedem guten Protestanten als die Richtschnuren der Orthodoxie
betrachtet, und man hoffte, daß die Legislatur sie als solche anerkennen
werde.[95] Diese Hoffnung wurde jedoch theilweis getäuscht. Das
Glaubensbekenntniß wurde unter großer Theilnahmlosigkeit vom Anfang bis
zu Ende vorgelesen und unverändert angenommen. Als aber darauf
angetragen wurde, daß auch die Katechismen und das Directory in Betracht
gezogen werden sollten, äußerte sich der Unmuth der Versammlung durch
Murren. Denn die schottische Aristokratie fand nicht, wie das
schottische Volk, Gefallen an langen Sermonen. Das Parlament hatte schon
drei Stunden lang trockne Theologie angehört und hatte nicht Lust, noch
mehr über Erbsünde und Gnadenwahl zu hören. Der Herzog von Hamilton
sagte, die Stände hätten alles Wesentliche bereits gethan. Sie hätten
einer Zusammenstellung der großen Prinzipien des Christenthums ihre
Genehmigung ertheilt, und das Weitere könne füglich der Kirche
überlassen bleiben. Die ermüdete Majorität stimmte bereitwillig bei,
trotz des Murrens einiger eifriger presbyterianischer Geistlichen,
welche zugezogen worden waren, um die Debatte mit anzuhören, und die
sich zuweilen kaum enthalten konnten, an derselben Theil zu nehmen.[96]
Das denkwürdige Gesetz, welches die Kirchenverfassung Schottland's
feststellte, wurde vom Earl von Sutherland eingebracht. Durch dieses
Gesetz wurde das Synodalsystem wieder eingeführt und die Leitung der
kirchlichen Angelegenheiten den sechzig ausgestoßenen Geistlichen,
welche eben wieder eingesetzt worden waren, und denjenigen Geistlichen
oder Kirchenältesten übertragen, welche die Sechzig zur Theilnahme an
der Gewalt für geeignet erachten würden. Die Sechzig und die von ihnen
Ernannten waren ermächtigt, sämmtliche Kirchspiele des Landes zu
visitiren und alle Geistlichen zu entfernen, denen es an der Befähigung
für ihr Amt fehlte, deren sittliche Führung anstößig oder deren Glauben
unlauter war; diejenigen Pfarreien, welche während des Interregnums von
ihren Pastoren verlassen worden waren, oder richtiger gesagt diejenigen
Pfarreien, deren Pastoren der Pöbel durch Mißhandlungen vertrieben
hatte, wurden für erledigt erklärt.[97]