Armee sichtbar wurde. Bald kam der König selbst, von Auverquerque und
Ginkell nebst einer Eskorte von dreihundert Reitern begleitet,
herangeritten, um die Festungswerke in Augenschein zu nehmen. Die Stadt,
damals die zweite in Irland, hat, obwohl weniger verändert, als die
meisten anderen großen Städte auf den britischen Inseln, seitdem doch
eine große Umgestaltung erfahren. Die Neustadt existirte damals noch
nicht. Der Boden, der jetzt mit den schön gepflasterten breiten Straßen,
den reizenden Gärten und den eleganten Läden bedeckt ist, welche von
rothen Backsteinen glänzen und in deren Auslagen Shawls und
Porzellanwaaren das Auge erfreuen, war damals eine außerhalb der Mauern
liegende unbebaute Wiese. Die alte Stadt bestand aus zwei Theilen,
welche seit mehreren Jahrhunderten die englische und die irische Stadt,
genannt wurden. Die englische Stadt liegt auf einer vom Shannon
gebildeten Insel und besteht aus einem Knäuel alterthümlicher Häuser mit
Giebelenden, welche dicht zusammengedrängt eine ehrwürdige Kathedrale
umgeben. Das Aussehen der Straßen ist von der Art, daß der Reisende der
sie durchwandert, sich leicht in die Normandie oder nach Flandern
versetzt glauben kann. Nicht weit von der Kathedrale blickt ein altes,
von Unkraut und Epheu überwuchertes Schloß auf den Fluß hernieder. Ein
schmaler und reißender Strom, über den im Jahre 1690 nur eine einzige
Brücke führte, scheidet die englische Stadt von dem Stadttheile, den
ehemals die Hütten der eingebornen Bevölkerung bedeckten. Die Aussicht
vom Thurme der Kathedrale erstreckt sich jetzt meilenweit über ein
großes Gebiet von Feldern und Gärten, durch das sich der größte der
irischen Ströme zwischen künstlichen Ufern dahin schlängelt. Im
17. Jahrhundert aber waren diese Ufer noch nicht gebaut, und die weite
Ebene, deren Gras, üppiger noch als selbst das von Munster, gegenwärtig
Viehheerden der schönsten Art in Europa nährt, war damals fast
beständig ein Sumpf und oft ein See.[74]
Als es bekannt wurde, daß die französischen Truppen Limerick verlassen
hatten und daß nur die irischen zurückgeblieben waren, erwartete man im
englischen Lager allgemein, daß die Stadt leicht zu nehmen sein
werde.[75] Diese Erwartung war auch keine überspannte, denn selbst
Sarsfield verzweifelte. Nur eine Möglichkeit gab es nach seiner Ansicht
noch. Wilhelm hatte nur kleine Kanonen mitgebracht. Mehrere große
Belagerungsgeschütze, eine große Menge Proviant und Munition und eine
Brücke von zinnernen Booten, deren man in der wasserreichen Ebene des
Shannon häufig bedurfte, folgten langsam von Cashel. Wenn die Kanonen
und das Schießpulver weggenommen und vernichtet werden könnten, meinte
Sarsfield, so dürfe man einige Hoffnung hegen. Wenn nicht, so sei Alles
verloren, und ein tapferer, hochherziger irischer Gentleman könne dann
nichts Besseres thun als das Vaterland, das er vergebens zu vertheidigen
versucht habe, vergessen und in einem fremden Lande eine Heimath oder
ein Grab suchen.
[_Sarsfield überrumpelt die englische Artillerie._] Wenige Stunden
nachdem die englischen Zelte vor Limerick aufgeschlagen waren, brach
Sarsfield demgemäß unter dem Schutze der Dunkelheit mit einem starken
Trupp Reiter und Dragoner auf. Er schlug die Straße nach Killaloe ein
und ging dort über den Shannon. Den Tag über hielt er sich mit seiner
Schaar in einem wilden Gebirgszuge versteckt, der nach den Silberminen,
welche er enthält, benannt wird. Diese Gruben waren vor vielen Jahren
durch englische Unternehmer mit Hülfe von Ingenieuren und Arbeitern, die
sie vom Festlande mit herübergebracht, ausgebeutet worden. Aber in dem
Aufstande von 1641 hatte die eingeborne Bevölkerung die Werke zerstört
und die Arbeiter niedergemacht, und die damals angerichteten
Zerstörungen waren nicht wieder reparirt worden. In dieser wüsten Gegend
fehlte es Sarsfield nicht an Kundschaftern und Führern, denn das ganze
Landvolk von Munster war entschieden auf seiner Seite. Am Abend erfuhr
er, daß das Detachement, welches die englische Artillerie eskortirte,
etwa sieben Meilen von Wilhelm's Lager auf einem grünen Wiesenplan unter
den verfallenen Mauern eines alten Schlosses für die Nacht Halt gemacht
habe, daß Offiziere und Mannschaften sich anscheinend vollkommen sicher
glaubten, daß die Pferde abgezäumt worden seien, um zu weiden, und daß
selbst die Schildwachen schliefen. Als es dunkel geworden, verließen
die irischen Reiter ihr Versteck und wurden von den Leuten der Gegend
nach dem Orte geführt, wo die Eskorte um die Kanonen herum im Schlafe
lag. Der Ueberfall gelang vollkommen. Einige von den Engländern sprangen
zu ihren Waffen und machten einen Versuch zum Widerstande, aber
vergebens. Etwa sechzig Mann fielen, ein einziger wurde lebend gefangen
genommen, die übrigen ergriffen die Flucht. Die siegreichen Irländer
schoben die Wagen und Geschütze zu einem ungeheuren Haufen zusammen,
jeder Kanonenlauf wurde voll Pulver gepfropft und mit der Mündung in die
Erde befestigt und so die ganze Masse in die Luft gesprengt. Der einzige
Gefangene, ein Leutnant, wurde von Sarsfield mit großer Artigkeit
behandelt. »Wenn mir dieser Versuch mißlungen wäre,« sagte der tapfere
Irländer, »würde ich nach Frankreich gegangen sein.«[76]
In Wilhelm's Lager war die Nachricht gelangt, daß Sarsfield sich
heimlich aus Limerick entfernt habe und in der Gegend umherstreife. Der
König errieth die Absicht seines tapferen Feindes und schickte
fünfhundert Reiter zum Schutze der Kanonen ab. Unglücklicherweise
entstand eine Verzögerung des Abmarsches, welche die Engländer,
jederzeit geneigt von den holländischen Höflingen das Schlimmste zu
denken, der Nachlässigkeit oder dem Eigensinne Portland's zuschrieben.
Um ein Uhr Morgens brach das Detachement auf, hatte aber das Lager kaum
verlassen, als ein blitzähnlicher Lichtschein und ein donnerähnliches
Krachen dem breiten Thale des Shannon verkündete, daß Alles vorüber
war.[77]
Sarsfield war schon längst der Liebling seiner Landsleute, und diese zur
rechten Seit klug ersonnene und energisch ausgeführte Waffenthat hob ihn
noch höher in ihrer Achtung. Ihr Muth wuchs, während der der Belagerer
zu sinken begann, Wilhelm that sein Möglichstes, um den erlittenen
Verlust zu ersetzen. Zwei von den in die Luft gesprengten Kanonen wurden
noch brauchbar befunden, zwei andere wurden von Waterford geholt und
Batterien aus kleinen Feldstücken gebildet, die zwar gegen eine Festung
des Hennegau oder Brabant's nichts ausgerichtet haben würden, auf die
schwachen Vertheidigungswerke von Limerick aber doch einige Wirkung
äußerten. Mehrere Außenwerke wurden mit Sturm genommen und es begann
sich in dem Walle der Stadt eine Bresche zu zeigen.
[_Ankunft Baldearg O'Donnel's in Limerick._] Während dieser Operation
wurde die englische Armee durch einen Vorfall in Staunen und Heiterkeit
versetzt, der zwar keine sehr erheblichen Folgen hatte, aber auf das
Treffendste das wahre Wesen des irischen Jakobitismus characterisirt. In
der ersten Reihe der vornehmen celtischen Familien, welche bis zu Ende
der Regierung Elisabeth's in Ulster den Ton angaben, standen die
O'Donnel. Das Oberhaupt dieses Hauses hatte sich der Gewandtheit und
Energie Mountjoy's gefügt, hatte Jakob I. die Hand geküßt und sich dazu
bequemt die rohe Unabhängigkeit eines Miniaturfürsten mit einer sehr
angesehenen Stellung unter den britischen Unterthanen zu vertauschen.
Eine kurze Zeit lang bekleidete der besiegte Häuptling den Rang eines
Earls und war Gutsherr einer ungeheuren Besitzung, deren Souverain, er
einst gewesen. Bald aber begann er zu argwöhnen, daß die Regierung gegen
ihn conspirire, und aus Rache oder Nothwehr conspirirte er gegen die
Regierung. Seine Pläne scheiterten, er flüchtete auf den Continent, sein
Titel und seine Güter wurden eingezogen und auf dem Gebiete, das er
beherrscht hatte, ward eine angelsächsische Colonie gegründet.
Inzwischen suchte er am spanischen Hofe eine Freistätte. Zwischen diesem
Hofe und den eingebornen Irländern hatte während des langen Kampfes
zwischen Philipp und Elisabeth ein freundschaftliches Verhältniß
bestanden. Der verbannte Häuptling wurde daher in Madrid als ein vor
seinen ketzerischen Verfolgern geflohener guter Katholik in Madrid
freundlich aufgenommen. Seine vornehme Abkunft und sein fürstlicher
Rang, die den Engländern lächerlich erschienen, sicherte ihm die Achtung
der castilischen Granden. Seine Ehren und Würden erbte eine Reihenfolge
verbannter Nachkommen, welche fern von dem Lande lebten und starben, wo
das Gedächtniß seiner Familie bei dem rauhen Landvolke in Liebe bewahrt
und durch die Lieder der Minstrels und die Erzählungen der Bettelmönche
aufgefrischt wurde. Endlich, im dreiundachtzigsten Jahre der Verbannung
dieser alten Dynastie wurde es in ganz Europa bekannt, daß die Irländer
wieder für ihre Unabhängigkeit kämpften. Baldearg O'Donnel, der sich
»der O'Donnel« nannte, ein in den Augen seines Geschlechts viel
vornehmerer Titel als der eines Marquis oder eines Herzogs, war in
Spanien aufgewachsen und stand im Dienste der spanischen Regierung. Er
suchte bei dieser Regierung um die Erlaubniß nach, sich nach Irland zu
begeben, die ihm aber verweigert wurde, weil das Haus Oesterreich jetzt
durch enge Bande mit England verknüpft war. Der O'Donnel entwich daher
heimlich und gelangte auf einem weiten Umwege, auf dem er die Türkei
besuchte, nach Kinsale, wenige Tage nachdem Jakob von dort nach
Frankreich abgesegelt war. Der Eindruck, den die Ankunft dieses einsamen
Wanderers auf die eingeborne Bevölkerung machte, war wunderbar. Seit der
Wiedereroberung Ulster's durch die Engländer waren große Massen der
irischen Bewohner dieser Provinz nach dem Süden ausgewandert und führten
jetzt in Connaught und Munster ein nomadisirendes Leben. Diese Leute,
von Kindheit auf daran gewöhnt, von der guten alten Zeit erzählen zu
hören, wo der O'Donnel durch den Nachfolger St. Columban's auf den
Felsen von Kilmacrenan feierlich eingesetzt, den Fremden des sächsischen
Gebiets zum Trotz über die Gebirge von Donegal regiert hatte, schlossen
sich dem Banner des zurückgekehrten Verbannten an. Er stand bald an der
Spitze von sieben- bis achttausend Rapparees oder Creaghts, wie sie in
Ulster genannt wurden, und seine Anhänger hielten zu ihm mit einer
Hingebung, welche auffallend mit dem lauen Gefühle contrastirte, das der
sächsische König Jakob einzuflößen vermocht hatte. Priester und sogar
Bischöfe sah man in dem Gefolge des Abenteurers. Der ihm zu Theil
gewordene Empfang machte ihn so stolz, daß er Agenten nach Frankreich
schickte, welche den Ministern Ludwig's versicherten, daß der O'Donnel,
wenn man ihm Waffen und Munition lieferte, dreißigtausend Celten aus
Ulster ins Feld stellen würde und daß die Celten von Ulster in allen
militärischen Eigenschaften denen von Leinster, Munster und Connaught
bei weitem überlegen seien. Baldearg bediente sich keines Ausdrucks,
welcher verrathen hätte, daß er sich als einen Unterthan betrachtete. Er
war offenbar der Meinung, das Haus O'Donnel sei eben so ächt und
unveräußerlich königlich wie das Haus Stuart, und nicht wenige von
seinen Landsleuten waren der nämlichen Ansicht. Er hielt einen
pomphaften Einzug in Limerick und sein Erscheinen steigerte die
Hoffnungen der dortigen Besatzung auf eine unglaubliche Höhe. Man
erinnerte sich zahlreicher Prophezeiungen oder erfand solche. Ein
O'Donnel mit einem rothen Maale sollte der Befreier seines Vaterlandes
werden, und der Name Baldearg bedeutete ein rothes Maal. Ein O'Donnel
sollte bei Limerick eine große Schlacht über die Engländer gewinnen, und
der O'Donnel stand jetzt in Limerick den Engländern gegenüber.[78]
[_Die Belagerer leiden vom Regen._] Während diese Prophezeiungen von den
Vertheidigern der Stadt eifrig wiederholt wurden, begannen schlimme
Vorzeichen, die sich aber nicht auf barbarische Orakel, sondern auf
gewichtige militärische Gründe stützten, Wilhelm und seine erfahrensten
Offiziere zu beunruhigen. Der von Sarsfield geführte Schlag hatte
empfindlich getroffen; die Artillerie hatte nur langsam gewirkt und
nichts Vollkommenes erreicht; der Pulvervorrath war zusammengeschmolzen
und die Herbstregen stellten sich ein. Die in den Laufgräben arbeitenden
Soldaten standen bis an die Knie im Schlamme. Keine Vorsichtsmaßregel
wurde verabsäumt; aber obgleich Kanäle zur Ableitung des Wassers
gegraben wurden und Kessel voll Usquebaugh und Brandy die ganze Nacht in
den Zelten über Feuer standen, waren doch schon Fieberfälle vorgekommen
und man hatte allen Grund zu befürchten, daß, wenn die Armee nur noch
einige Tage auf diesem sumpfigen Boten zubrachte, eine verheerendere
Seuche ausbrechen würde als die, welche ein Jahr früher unter den Mauern
von Dundalk gewüthet hatte.[79] Es wurde ein Kriegsrath gehalten. Man
beschloß eine große Anstrengung zu machen und, falls diese Anstrengung
nicht gelang, die Belagerung aufzuheben.
[_Erfolgloser Sturm auf Limerick; die Belagerung aufgehoben._] Am
27. August um drei Uhr Nachmittags, wurde das Zeichen zum Angriff
gegeben. Fünfhundert Grenadiere stürmten aus den Laufgräben gegen die
Contrescarpe, feuerten ihre Geschütze ab und warfen ihre Granaten. Die
Irländer flohen in die Stadt und wurden von den Angreifenden verfolgt,
die in ihrem Siegestaumel auf keine Befehle warteten. Hier entspann
sich nun ein furchtbarer Straßenkampf. Sobald die Irländer sich von dem
ersten Schrecken erholt hatten, hielten sie tapfer Stand, und die durch
die Uebermacht erdrückten Engländer wurden mit großem Verlust nach der
Contrescarpe zurückgetrieben. Hier fand ein langer und verzweifelter
Kampf statt. Wann hätte auch der katholische Celte kämpfen sollen, wenn
er nicht an diesem Tage kämpfte? Selbst die Frauen von Limerick nahmen
am Kampfe Theil, hielten im heftigsten Feuer aus und warfen Steine
und zerbrochene Flaschen auf den Feind. In dem Augenblicke wo der
Kampf am heftigsten war, explodirte eine Mine und sprengte ein schönes
Grenadierbataillon in die Luft. Vier Stunden dauerte das Gemetzel und
Schlachtgetümmel. Die dicke Rauchwolke, die von der Bresche aufstieg,
wurde Meilen weit vom Winde fortgetragen und verschwand hinter den
Bergen von Clare. Spät am Abend zogen sich die Belagerer langsam und
mißmuthig in ihr Lager zurück. Sie hofften, daß am nächsten Morgen
ein zweiter Angriff gemacht werden würde, und die Soldaten schwuren,
die Stadt zu nehmen oder zu sterben. Aber der Pulvervorrath war jetzt
fast gänzlich erschöpft und der Regen fiel in Strömen; die schwarzen
Wolkenmassen welche aus Südwesten herangezogen, drohten mit mehr Tod
und Verderben als das Schwert, und man hatte mehr Grund zu befürchten,
daß die schon jetzt mit tiefem Kothe bedeckten Straßen bald in einem
Zustande sein würden, der das Fortkommen von Räderfuhrwerken unmöglich
machte. Der König beschloß die Belagerung aufzuheben und seine Truppen
in eine gesündere Gegend zu bringen. Er war in der That schon lange
genug geblieben, denn nur mit großer Anstrengung konnten seine Kanonen
und Wagen durch lange Ochsengespanne fortbewegt werden.[80]
Die Geschichte der ersten Belagerung von Limerick hat in mancher
Beziehung große Aehnlichkeit mit der Geschichte der Belagerung von
Londonderry. Die Stadt des Südens war, wie die des Nordens, das letzte
Asyl einer Kirche und einer Nation. Beide Orte waren mit Flüchtlingen
aus allen Theilen Irland's angefüllt. Beide schienen Männern, welche die
Kriegswissenschaft regelrecht studirt hatten, unfähig einem Feinde
Widerstand zu leisten. Beide wurden im Augenblicke der höchsten Gefahr
von den Befehlshabern verlassen, die sie hätten vertheidigen sollen.
Lauzun und Tyrconnel gaben Limerick preis, wie Cunningham und Lundy
Londonderry preisgegeben hatten. In beiden Fällen kämpften religiöse und
patriotische Begeisterung ohne Beistand gegen eine große Uebermacht, und
in beiden Fällen erreichten religiöse und patriotische Begeisterung was
erfahrene Krieger nur zu versuchen für Wahnsinn erklärt hatten.
[_Tyrconnel und Lauzun gehen nach Frankreich._] Es war keine
angenehme Ueberraschung für Lauzun und Tyrconnel, als sie in Galway
den glücklichen Ausgang des Kampfes erfuhren, an welchem sie Theil
zu nehmen sich geweigert hatten. Sie hatten Irland satt, und da
sie überdies fürchteten, daß ihr Benehmen in Frankreich ungünstig
beurtheilt werden möchte, beschlossen sie ihren Anklägern zuvorzukommen
und schifften sich zusammen nach dem Continent ein.
Bevor Tyrconnel abreiste, übertrug er seine Civilautorität einem
Collegium, seine militärische Autorität einem andren. Der junge Herzog
von Berwick wurde zum Oberbefehlshaber erklärt; doch war diese Würde
blos nominell. Sarsfield, der unbestreitbar der erste irische Soldat
war, nahm in der Liste des Rathes, dem die Leitung des Kriegs übertragen
war, die letzte Stelle ein, und Manche glaubten, daß er gar nicht in
derselben figurirt haben würde, hätte der Vicekönig nicht gefürchtet,
durch Weglassung eines so populären Mannes eine Meuterei herbeizuführen.
[_Wilhelm kehrt nach England zurück._] Wilhelm war inzwischen in
Waterford angekommen und von hier nach England gesegelt. Vor seiner
Einschiffung übertrug er die Verwaltung Irland's drei Lords Justices.
Heinrich Sidney, jetzt Viscount Sidney, war der erste Commissar, und ihm
standen Coningsby und Sir Karl Porter zur Seite. Porter hatte früher das
große Siegel bewahrt, es war ihm aber, lediglich weil er Protestant war,
von Jakob abgenommen worden, und jetzt erhielt er es von Wilhelm wieder.
[_Wilhelm's Empfang in England._] Am 6. September landete der König nach
einer vierundzwanzigstündigen Ueberfahrt in Bristol. Von da reiste er
nach London, unterwegs in den Schlössern einiger vornehmen Lords
einsprechend, und man bemerkte, daß Alle, denen diese Auszeichnung
widerfuhr, Tories waren. Den einen Tag wurde er in Badminton vom Herzoge
von Beaufort bewirthet, von dem man vermuthete, daß es ihm große
Ueberwindung gekostet habe, die Eide zu leisten; an einem der folgenden
Tage in einem großen Hause unweit Marlborough, das in unsrer Zeit, vor
der gewaltigen Revolution, welche die Eisenbahnen hervorgebracht, als
einer der besten Gasthöfe England's berühmt war, das aber im
17. Jahrhundert ein Landsitz des Herzogs von Somerset war. Wilhelm
wurde allenthalben mit Zeichen der Achtung und Freude empfangen. Sein
Feldzug hatte zwar nicht ganz so glücklich geendet wie er begonnen,
im Ganzen aber war sein Erfolg über Erwarten groß gewesen und hatte
deutlich gezeigt, wie weise er gehandelt, indem er sich selbst an die
Spitze seiner Armee stellte. Auch war die Plünderung von Teignmouth
bei den Engländern noch in frischem Andenken und hatte Alle, bis auf
die fanatischesten Jakobiten, sowohl mit einander als auch mit dem
Throne ausgesöhnt. Die Magistratur und die Geistlichkeit der Hauptstadt
begaben sich nach Kensington, um dem Könige ihre Danksagungen und
Glückwünsche darzubringen. Das Volk läutete die Glocken und zündete
Freudenfeuer an. An die Stelle des Papstes, den die guten Protestanten
sonst zu verbrennen pflegten, trat bei dieser Gelegenheit der
französische König, wahrscheinlich zur Vergeltung für die schimpfliche
Behandlung, welche der pariser Pöbel dem Bilde Wilhelm's hatte zu Theil
werden lassen. Eine Wachspuppe, jedenfalls eine abscheuliche Carricatur
des liebenswürdigsten und majestätischesten Fürsten, den es je gegeben,
wurde auf einem Karren nach Westminster gefahren. Darüber waren in
großen Buchstaben die Worte zu lesen: »Ludwig, von vierzehn Tyrannen
der größte.« Nach der Prozession wurde die Figur unter lauten Hurrahs
in Coventgarden den Flammen übergeben.[81]
[_Expedition nach dem Süden Irland's._] Als Wilhelm in London ankam, war
die nach Cork bestimmte Expedition bereit, von Portsmouth abzusegeln,
und Marlborough war schon seit einiger Zeit an Bord in Erwartung
günstigen Windes. Grafton begleitete ihn. Dieser junge Mann war
unmittelbar nach Jakob's Abreise und während der Thron noch unbesetzt
war, von Wilhelm zum Obersten des ersten Gardeinfanterieregiments
ernannt worden. Die Revolution war kaum vollbracht, als sich in diesem
Regimente, das wegen seines besonderen Dienstes wie auch wegen seiner
numerischen Stärke das wichtigste von allen Regimentern der Armee war,
Zeichen von Mißstimmung bemerklich zu machen begannen, und man glaubte,
der Oberst habe diesen schlechten Geist nicht mit der gehörigen Energie
unterdrückt. Man wußte, daß er mit der neuen Ordnung der Dinge nicht
ganz zufrieden war, denn er hatte für eine Regentschaft gestimmt, und es
circulirte das vielleicht grundlose Gerücht, daß er mit Saint-Germains
in Verbindung stehe. Das ehrenvolle und einträgliche Commando, zu dem er
eben erst ernannt worden war, wurde ihm wieder entzogen.[82] Obwohl tief
gekränkt, benahm er sich doch als ein Mann von Einsicht und Takt. Um zu
beweisen, daß der auf ihm ruhende Verdacht unbegründet war, und von dem
ehrenwerthen Wunsche beseelt, sich in seinem Berufe auszuzeichnen, hatte
er die Erlaubniß nachgesucht und erhalten, als Freiwilliger unter
Marlborough in Irland zu dienen.
Am 18. September sprang endlich der Wind um. Die Flotte ging in See und
erschien am 21. vor den Hafen von Cork. Die Truppen landeten und
vereinigten sich alsbald mit mehreren von der Armee, welche kurz zuvor
Limerick belagert hatte, detachirten holländischen, dänischen und
französischen Regimentern unter den Befehlen des Herzogs von Würtemberg.
Der Herzog machte sofort einen Anspruch geltend, der der Expedition sehr
nachtheilig hätte werden können, wenn der englische General nicht ein
Mann von seltener Einsicht und Mäßigung gewesen wäre. Seine Hoheit
behauptete, daß er als Prinz eines souverainen Fürstenhauses zur Führung
des Obercommandos berechtigt sei. Marlborough setzte ihm mit aller Ruhe
und Artigkeit auseinander, daß sein Anspruch unbillig sei. Es entspann
sich ein Streit, in welchem der Deutsche sich mit rücksichtsloser
Heftigkeit, der Engländer mit der ritterlichen Festigkeit benommen haben
soll, der er vielleicht mehr noch als seinen ausgezeichneten Talenten
seinen Erfolg im Leben verdankte. Endlich schlug ein hugenottischer
Offizier einen Vergleich vor. Marlborough verstand sich dazu, einen
Theil seiner Rechte nachzulassen und dem Herzoge einen Tag um den andern
den Vorrang einzuräumen. Den ersten Morgen an welchem Marlborough das
Obercommando hatte, gab er die Parole »Würtemberg.« Das Herz des Herzogs
wurde durch diese Artigkeit gewonnen, und am folgenden Tage gab er die
Parole »Marlborough.«