diesen wichtigen Ereignissen verbreitete sich rasch und brachte ganz
Europa in heftige Aufregung. Die Nachricht von Wilhelm's Verwundung
ging überall der Nachricht von seinem Siege um einige Stunden voraus.
Paris wurde mitten in der Nacht durch die Ankunft eines Couriers
geweckt, der die frohe Botschaft brachte, daß der Ketzer, der
Vatermörder, der Todfeind der Größe Frankreich's, im Angesicht beider
Armeen von einer Kanonenkugel tödtlich getroffen worden sei. Die
Polizeicommissare liefen in der Stadt umher, klopften an die Hausthüren
und forderten die Leute auf zu illuminiren. In Zeit von einer Stunde
strahlten die Straßen, die Quais und die Brücken in hellem
Lichterglanze, Trommeln wirbelten und Trompeten schmetterten; die
Glocken von Notre-Dame läuteten und Kanonenschüsse donnerten von den
Batterien der Bastille. In den Straßen wurden Tafeln aufgeschlagen und
allen Vorübergehenden Wein gereicht. Eine Strohpuppe, welche den Prinzen
von Oranien darstellte, wurde durch den Koth geschleift und schließlich
den Flammen übergeben. Sie war begleitet von einem widerlichen Abbilde
des Teufels, der einen Zettel trug, auf dem geschrieben stand: »Ich habe
Dich seit zwei Jahren erwartet.« Die Läden mehrerer Hugenotten, welche
durch Einquartierung gezwungen worden waren, sich für Katholiken zu
erklären, die aber in dem Verdachte standen, im Herzen noch immer Ketzer
zu sein, wurden vom Pöbel geplündert. Es war gefährlich, die Wahrheit
der Nachricht, welche die Menge so freudig willkommen geheißen hatte, in
Zweifel zu ziehen. Bald jedoch wagten es einige nüchterne Leute zu
bemerken, daß das Factum des Todes des Tyrannen noch nicht so ganz
ausgemacht sei als man wohl wünschen könnte. Da entspann sich eine
heftige Polemik über die Wirkung solcher Verwundungen, denn der große
Haufe meinte, daß Jemand, der von einer Kanonenkugel an der Schulter
getroffen worden sei, nicht wieder aufkommen könne. Die Streitenden
appellirten an medizinische Autoritäten, und die Thüren der
renommirtesten Chirurgen und Aerzte wurden belagert, als ob, wie man
scherzhaft sagte, eine Epidemie in Paris geherrscht hätte. Die Frage
wurde bald durch ein Schreiben von Jakob entschieden, worin er seine
Niederlage und seine Ankunft in Brest meldete.[34]
[_Eindruck der Nachrichten aus Irland in Rom._] In Rom machten die
Nachrichten aus Irland eine Sensation ganz andrer Art. Auch dort
fand die Kunde von Wilhelm's Tode eine kurze Zeit lang Glauben.
Im französischen Gesandtschaftshotel herrschte nichts als Freude
und Triumph; die Gesandten des Hauses Oesterreich aber waren in
Verzweiflung, und das Aussehen des päpstlichen Hofes verrieth
nichts weniger als Jubel.[35] Melfort schrieb in einem Anfall von
Freudentaumel einen Beglückwünschungsbrief an Marie von Modena. Dieser
Brief ist noch vorhanden und würde allein hinreichen zu erklären,
warum er der Günstling Jakob's war. Herodes -- so war Wilhelm genannt
-- sei nicht mehr. Es müsse eine Restauration stattfinden und diese
Restauration müsse eine furchtbare Rache und die Herstellung des
Despotismus nach sich ziehen. Die Macht der Geldbewilligung müsse den
Gemeinen entzogen werden. Politische Verbrecher dürften nicht durch
Juries, sondern durch Richter abgeurtheilt werden, auf die sich die
Krone verlassen könne. Die Habeascorpusacte müsse aufgehoben, die
Urheber der Revolution mit schonungsloser Strenge bestraft werden.
»Wenn,« schrieb der gefühllose Apostat, »der König gezwungen ist zu
begnadigen, so mögen es so wenig Schurken sein als möglich.«[36]
Nach Verlauf einiger angstvoller Stunden stieg ein Bote, der neuere
und authentischere Nachrichten brachte, in dem Palaste ab, den der
Vertreter des katholischen Königs bewohnte. In einem Augenblicke war
Alles verändert, die Feinde Frankreich's -- und das war die ganze
Bevölkerung mit Ausnahme der Franzosen und der britischen Jakobiten
-- wünschten einander von Herzen Glück. Die sämmtlichen Sekretäre
und Schreiber der spanischen Gesandtschaft reichten nicht hin, um
Abschriften der Depeschen für die Cardinäle und Bischöfe zu fertigen,
die es nicht erwarten konnten, Ausführlicheres über den Sieg zu
erfahren. Die erste Abschrift wurde dem Papste zugesandt und sie war
ihm ohne Zweifel willkommen.[37]
[_Eindruck der Nachrichten aus Irland in London._] Die guten Nachrichten
aus Irland trafen in London in einem Augenblicke ein, wo gute
Nachrichten dort sehr nöthig waren. Die englische Flagge hatte in den
englischen Meeren keine Ehre eingelegt, ein auswärtiger Feind bedrohte
die Küsten, Verräther bearbeiteten das Land im Innern. Marie hatte sich
über ihre Kräfte angestrengt. Ihre zarte Constitution war den heftigen
Gemüthsbewegungen ihrer Stellung nicht gewachsen, und sie beklagte sich,
daß sie von den Geschäften keinen Augenblick Zeit erübrigen könne, um
sich durch Gebet zu beruhigen. Ihre Angst stieg aufs Höchste, als sie
erfuhr, daß die beiden Lager ihres Vaters und ihres Gatten nahe bei
einander aufgeschlagen seien und daß man stündlich die Nachricht von
einer Schlacht zu gewärtigen habe. Sie stahl sich die Zeit zu einem
Ausfluge nach Kensington und brachte drei ruhige Stunden in dem Garten
zu, welcher damals noch eine ländliche Einsamkeit war.[38] Aber die
Erinnerung an die Tage, die sie dort mit dem Manne verlebt, den sie
vielleicht nie wiedersehen sollte, überwältigte sie. »Der Ort,« schrieb
sie an ihn, »erinnert mich daran, wie glücklich ich war, als ich hier in
Ihrer theuren Gesellschaft zubrachte. Doch ich will nicht mehr sagen,
denn ich würde meinen Augen schaden, die ich jetzt nöthiger brauche als
je. Leben Sie wohl. Denken Sie an mich und lieben Sie mich so wie ich
Sie, den ich mehr liebe als mein Leben.«[39]
Früh am Morgen nachdem diese zärtlichen Zeilen abgeschickt waren, wurde
Whitehall durch die Ankunft einer Post aus Irland geweckt. Nottingham
wurde aus dem Bett geholt. Man benachrichtigte die Königin, welche eben
in die Kapelle gegangen war, wo sie täglich dem Gottesdienst beiwohnte,
daß Wilhelm verwundet worden sei. Sie hatte viel geweint, aber bis
diesen Augenblick hatte sie nur in der Stille geweint und sich bemüht,
ihrem Hofe und ihrem Staatsrathe ein heiteres Antlitz zu zeigen. Als
aber Nottingham ihr den Brief ihres Gemahls überreichte, brach sie in
Thränen aus. Sie zitterte noch vor heftiger Bewegung und hatte kaum
einen Brief an Wilhelm beendigt, in welchem sie mit der natürlichen
Beredtsamkeit ihres Geschlechts ihre Liebe, ihre Besorgnisse und ihre
Dankbarkeit ausdrückte, als ein andrer Bote mit der Nachricht ankam, daß
die englische Armee den Uebergang über den Boyne erzwungen habe, daß die
Irländer in wilder Flucht begriffen seien und daß der König sich wohl
befinde. Doch war sie sichtbar unruhig, bis Nottingham ihr versichert
hatte, daß auch Jakob unversehrt sei. Der ernste Staatssekretär, der sie
wirklich geachtet und geliebt zu haben scheint, schilderte nachmals mit
viel Gefühl diesen Kampf zwischen der Kindespflicht und Gattenliebe.
Noch den nämlichen Tag schrieb sie an ihren Gemahl und beschwor ihn
dafür zu sorgen, daß ihrem Vater kein Leid geschehe. »Ich weiß,« sagte
sie, »ich brauche Sie nicht erst zu bitten, darauf zu sehen, daß man
seiner schont, denn ich bin überzeugt, Sie werden dies schon um
Ihretwillen thun. Aber erweisen Sie mir die Güte und lassen Sie die
Leute um meinetwillen noch besonders wissen, Sie wünschten nicht, daß
seiner Person das geringste Leid zugefügt werde.«[40] Diese Fürsorge
war, so sehr man sie loben muß, überflüssig. Ihr Vater wußte selbst am
besten für seine Sicherheit zu sorgen. Er hatte sich während der
Schlacht nicht ein einziges Mal der Möglichkeit ausgesetzt, verwundet zu
werden, und während seine Tochter bei dem Gedanken an die Gefahren
schauderte, von denen sie ihn in Irland umgeben glaubte, war er schon
auf halbem Wege nach Frankreich.
Die erfreulichen Nachrichten trafen zufällig an dem Tage in Whitehall
ein, bis zu welchem das Parlament prorogirt worden war. Der Sprecher und
mehrere in London anwesende Mitglieder des Hauses der Gemeinen
versammelten sich nach der hergebrachten Form um zehn Uhr Morgens und
wurden durch den schwarzen Stab vor die Schranken der Peers entboten.
Hierauf wurde das Parlament in Auftrag des Königs von neuem prorogirt.
Sobald diese Ceremonie vorüber war, überreichte der Kanzler der
Schatzkammer dem Sekretär die eben aus Irland angelangte Depesche und
der Sekretär las sie den anwesenden Lords und Gentlemen mit lauter
Stimme vor.[41] Die frohe Botschaft verbreitete sich rasch von
Westminster Hall durch alle Kaffeehäuser und wurde mit Jubel
aufgenommen. Denn diejenigen Engländer, welche durch die Franzosen und
Irländer eine englische Armee geschlagen und eine englische Colonie
vertilgt zu sehen wünschten, bildeten selbst unter der jakobitischen
Partei die Minderzahl.
[_Jakob's Ankunft in Frankreich; sein Empfang daselbst._] Am neunten
Tage nach der Schlacht am Boyne landete Jakob in Brest mit
vortrefflichem Appetit und in heiterer, sehr gesprächiger Laune. Er
erzählte die Geschichte seiner Niederlage Jedem, der sie hören wollte.
Aber französische Offiziere, welche den Krieg verstanden und seine
Erzählung mit anderen Berichten verglichen, erklärten, daß Se.
Majestät, obgleich er die Schlacht mit angesehen habe, doch nichts
weiter davon wisse, als daß seine Armee geschlagen worden sei.[42] Von
Brest begab er sich nach Saint-Germains, wo ihn Ludwig einige Stunden
nach seiner Ankunft besuchte. Der König von Frankreich besaß zu viel
Takt und Edelsinn als daß er ein Wort hätte äußern sollen, das wie ein
Vorwurf klang. Er erklärte, daß es der königlichen Familie von England,
soweit seine Kräfte reichten, an nichts fehlen solle, was zu ihrem
Comfort beitragen könne. Von den politischen und militärischen Plänen
seines unglücklichen Gastes aber wollte er durchaus nichts hören. Jakob
empfahl eine sofortige Landung in England. Dieses Königreich sei durch
die Anforderungen Irland's von Truppen entblößt, und die noch daselbst
befindlichen sieben- oder achttausend Mann könnten einer großen
französischen Armee keinen Widerstand leisten. Die Bevölkerung schäme
sich ihrer Verirrung und wünsche sehnlichst, dieselbe wieder
gutzumachen. Sobald ihr rechtmäßiger König sich zeige, würde sie sich in
Massen um ihn schaaren.[43] Ludwig war zu artig und gutherzig um
auszusprechen was er gefühlt haben muß. Er begnügte sich kalt zu
erwiedern, daß er sich über keinen Plan in Bezug auf die britischen
Inseln entscheiden könne, bevor er Mittheilungen von seinen Generälen in
Irland erhalten habe. Jakob wurde zudringlich und schien sich dadurch
verletzt zu fühlen, daß man ihm vierzehn Tage nachdem er von einer Armee
weggelaufen, nicht schon eine andre anvertrauen wollte. Ludwig ließ sich
nicht verleiten, ein unfreundliches oder unhöfliches Wort zu äußern;
aber sein Entschluß stand fest, und um weiterem ihm peinlichen Andringen
aus dem Wege zu gehen, schützte er Unpäßlichkeit vor. Eine Zeit lang
erhielt Jakob, so oft er nach Versailles kam, den ehrerbietigen
Bescheid, Seine Allerchristlichste Majestät sei jetzt nicht im Stande,
sich mit Geschäftsangelegenheiten zu befassen. Die tapferen und
geistreichen Edelleute, welche täglich die Vorzimmer füllten, konnten
sich eines höhnischen Lächelns nicht erwehren, wenn sie sich bis zur
Erde vor dem königlichen Gaste verbeugten, den seine Feigheit und
Beschränktheit zum zweiten Male zu einem Verbannten und Bettler gemacht
hatten. Sie flüsterten sogar ihre Sarkasmen laut genug, um das stolze
Blut der Guelphen in die Wangen Mariens von Modena zu treiben. Aber
Jakob's Unempfindlichkeit war nicht gewöhnlicher Art; sie hatte sich
schon längst gegen Vernunftgründe wie gegen das Mitleid bewährt. Jetzt
bestand sie noch eine härtere Probe und sie erwies sich selbst gegen die
Verachtung gestählt.[44]
[_Tourville versucht eine Landung in England._] Während er so mit
unwürdiger Standhaftigkeit den höflichen Spott der französischen
Aristokratie ertrug und sein Möglichstes that, die Geduld und Artigkeit
seines Wohlthäters zu ermüden, indem er beständig wiederholte, daß dies
der günstige Augenblick zu einem Einfall in England sei und daß die
ganze Insel ihre fremden Befreier mit Sehnsucht erwarte, ereigneten sich
Dinge, welche deutlich bewiesen, wie wenig der verbannte Despot den
Character seiner Landsleute kannte.
Tourville war nach der Schlacht bei Beachy Head ungehindert im Kanal
umher gefahren. Am 21. Juli wurden seine Masten auf den Felsen von
Portland gesehen. Am 22. ankerte er im Hafen von Torbay angesichts der
nämlichen Höhen, welche nicht viele Monate früher die Flotte Wilhelm's
geschützt hatten. Die französische Flotte, die jetzt eine beträchtliche
Anzahl Truppen an Bord hatte, bestand aus hundertelf Segeln. Die
Galeeren, welche einen großen Theil dieser Streitmacht bildeten, glichen
eher den Schiffen, mit denen Alcibiades und Lysander sich die Herrschaft
im ägäischen Meere streitig machten, als denen, welche am Nil und bei
Trafalgar kämpften. Die Galeere war sehr lang und sehr schmal, das
Verdeck nicht mehr als zwei Fuß über dem Wasserspiegel. Jede Galeere
wurde durch funfzig bis sechzig mächtige Ruder in Bewegung
gesetzt, an deren jedem fünf bis sechs Sklaven arbeiteten.
Die volle Sklavenbemannung eines solchen Fahrzeugs betrug
dreihundertsechsunddreißig, die volle Zahl der Offiziere und Matrosen
hundertfunfzig Mann. Von den unglücklichen Ruderknechten waren einige
Verbrecher, welche verdientermaßen zu einem Leben harter Arbeit und
Gefahren verurtheilt worden; einige andere hatten sich weiter nichts zu
Schulden kommen lassen, als daß sie beharrlich der hugenottischen
Gottesverehrung anhingen; die große Mehrzahl aber waren gekaufte
Sklaven, meist Türken und Mohren. Sie brüteten natürlich fortwährend
über Plänen, wie sie ihre Tyrannen ermorden und aus der Knechtschaft
entspringen könnten, und waren nur durch beständige Züchtigungen und
durch häufige Todesstrafen von den qualvollsten Formen in Ordnung zu
halten. Ein Engländer, der einmal zufällig unter zwölfhundert dieser
unglücklichen und verzweifelten Geschöpfe gerieth, welche auf dem Wege
von Marseille waren, um zu Tourville's Geschwader zu stoßen, hörte wie
sie schwuren, daß, wenn sie einem Kriegsschiffe zu nahe kommen sollten,
das das St. Georgskreuz trüge, sie nie wieder einen französischen Hafen
sehen würden.[45]
Im mittelländischen Meere waren die Galeeren allgemein in Gebrauch, aber
noch nie waren sie auf dem stürmischen Ocean gesehen worden, der unsre
Insel umtobt. Ludwig's Schmeichler sagten, daß das Erscheinen eines
solchen Geschwaders im atlantischen Meere eines von den Wundern sei, die
seiner Regierung vorbehalten wären, und in Paris wurde zum Gedächtniß
dieses kühnen Versuchs im Seekriege eine Denkmünze geprägt.[46]
Englische Seeleute prophezeiten mit mehr Grund, daß der erste Windstoß
diese ganze Schönwetterflotte auf den Grund des Kanals schicken werde.
Die Galeere hielt sich in der That, wie die alte Trireme, im
allgemeinen dicht am Ufer und wagte sich nur bei ganz ruhigem Wasser
und heiterem Himmel in die offene See. Aber die Eigenschaften, welche
diese Art Schiffe untauglich zum Kampfe gegen Sturm und Wogen machten,
machten sie ganz besonders brauchbar zum Landen von Soldaten. Tourville
beschloß zu versuchen, welche Wirkung eine Landung hervorbringen würde.
Die englischen Jakobiten, die sich nach Frankreich geflüchtet hatten,
glaubten alle zuversichtlich, daß die ganze Bevölkerung der Insel bereit
sei, sich einer Invasionsarmee anzuschließen, und er traute ihnen
wahrscheinlich zu, daß sie die Stimmung ihrer Landsleute kannten.
Doch es konnte keinen größeren Irrthum geben. Auch soll der
französische Admiral der Sage nach schon als er sich noch auf offener
See befand, eine Lection bekommen haben, die ihn hätte lehren können,
auf die Versicherungen von Verbannten nicht allzu viel zu geben. Er
nahm ein Fischerboot weg und befragte den Eigenthümer, einen schlichten
Sussexer, über die Gesinnungen der Nation. »Seid Ihr,« sagte er zu
ihm, »für König Jakob.« -- »Davon verstehe ich nicht viel,« antwortete
der Fischer. »Ich habe nichts gegen König Jakob, er ist gewiß ein
sehr würdiger Herr. Gott segne ihn!« -- »Ein braver Mann!« sagte
Tourville. »Ihr werdet also gewiß nichts dagegen einzuwenden haben,
bei uns Dienste zu nehmen.« -- »Wie?« rief der Gefangene, »mit den
Franzosen gegen Engländer sollen wir kämpfen? Euer Ehren möge es mir
nicht übel nehmen, aber ich könnte das nicht, und wenn es mich mein
Leben kostete.«[47] Dieser arme Fischer, mochte er nun eine wirkliche
oder fingirte Person sein, sprach die Gesinnung der Nation aus. Die
Feuerwarte auf dem Bergrücken, welcher Teignmouth beherrschte, wurde
angezündet; der High Tor und Cansland antworteten und bald loderten
Feuer auf allen Bergspitzen des Westens. Reitende Boten eilten
die ganze Nacht hindurch von einem Vicestatthalter zum andren. Am
folgenden Morgen in der Frühe versammelten sich, ohne Anführer und
ohne Aufforderung, fünfhundert bewaffnete und berittene Gentlemen und
Freisassen auf dem Gipfel des Haldon, und binnen vierundzwanzig Stunden
hatte sich ganz Devonshire erhoben. Jede Straße in der Grafschaft
von einer Meeresküste zur andren war mit Massen kampffähiger Männer
bedeckt, die alle nach der Torbaybucht zogen. Die Besitzer von hundert
Schlössern, stolz auf ihre langen Stammbäume und auf ihre alten
Wappen, rückten an der Spitze ihrer Vasallen ins Feld: die Drake, die
Prideaux und die Rolle, Fowell von Fowelscombe und Fulford von Fulford,
Sir Bourchier Wray von Tawstock Park und Sir William Courtenay von
Powderham Castle. Briefe von mehreren der Vicestatthalter, welche in
dieser angstvollen Woche am thätigsten waren, sind noch vorhanden.
Alle diese Briefe rühmen einstimmig den Muth und die Begeisterung des
Volks. Aber alle äußern auch einstimmig die schmerzlichste Besorgniß
hinsichtlich des Resultats eines Zusammenstoßes zwischen einer
ungeübten Miliz und Veteranen, welche unter Turenne und Luxemburg
gedient hatten, und alle verlangen den Beistand regulärer Truppen
in einer Sprache, die ganz anders klingt als sie die damaligen
Landgentlemen über stehende Heere zu führen pflegten, so lange sie das
Andringen der Gefahr nicht fühlten.
[_Teignmouth wird zerstört._] Als Tourville sah, daß die ganze
Bevölkerung wie ein Mann gegen ihn aufgestanden war, begnügte er sich
damit seine Galeeren abzuschicken, um Teignmouth, jetzt ein freundlicher
Badeort von zwölfhundert Häusern, damals aber noch ein unbekanntes Dorf
von etwa vierzig Hütten, zu zerstören. Die Einwohner waren geflohen.
Ihre Häuser wurden angezündet, die ehrwürdige Pfarrkirche geplündert,
die Kanzel und der Altar zertrümmert, die Bibeln und Gebetbücher
zerrissen und auf den Straßen umhergestreut, alles Vieh geschlachtet und
einige kleine Fahrzeuge, welche zum Fischfang oder zum Küstenhandel
benutzt wurden, vernichtet. Unterdessen hatten sechzehn- bis
siebzehntausend Männer von Devonshire nahe an der Küste ein Lager
aufgeschlagen und alle benachbarten Grafschaften hatten sich erhoben.
Die Zinngruben von Cornwall hatten eine große Anzahl rauher und kühner
Männer, Todfeinde des Papismus, geschickt. Zehntausend von ihnen hatten
eben eine Adresse an die Königin unterzeichnet, worin sie versprachen,
ihr gegen jeden Feind beizustehen, und sie hielten jetzt ihr Wort.[48]
In der That, die ganze Nation war in Aufruhr. Zweiundzwanzig
Reitertrupps aus Suffolk, Essex, Hertfordshire und Buckinghamshire
passirten bei Hounslow vor Marien Revue und wurden von Marlborough wegen
ihres kriegerischen Aussehens belobt. Die Milizen von Kent und Surrey
campirten auf Blackheath.[49] Van Citters berichtete an die
Generalstaaten, daß ganz England sich zu Fuß und zu Roß bewaffnet
erhoben habe, daß der unglückliche Ausgang der Schlacht von Beachy Head
das Volk keineswegs entmuthigt, sondern noch mehr erbittert habe und daß
jede Compagnie Soldaten, der er auf der Straße begegnet, wie aus einem
Munde gerufen habe: »Gott segne König Wilhelm und Königin Marie.«[50]
Charles Granville, Lord Lansdowne, der älteste Sohn des Earl von Bath,
kam mit einigen Truppen der Garnison von Plymouth an, um das Commando
der tumultuarischen Armee, die sich um das Wasserbecken von Torbay
versammelt, zu übernehmen. Lansdowne war kein Neuling. Er hatte mehrere
beschwerliche Feldzüge gegen den gemeinsamen Feind der Christenheit
mitgemacht und war zum Lohn für die Tapferkeit, die er an dem von
Filicaja und von Waller besungenen denkwürdigen Tage entfaltet, an
welchem die Ungläubigen von den Mauern Wien's abzogen, zum Grafen des
Römischen Reichs creirt worden. Er traf Vorbereitungen zum Gefecht, aber
die Franzosen hielten es nicht für gerathen ihn anzugreifen und
wünschten sogar sehnlichst wieder abzuziehen. Durch Hindernisse
verzögerte sich ihr Weggang. Einmal war der Wind den Segelschiffen
ungünstig; ein andermal ging die See zu hoch für die Galeeren. Endlich
stach die Flotte in See. Als die Reihe der Schiffe das hohe Vorgebirge
umsegelte, welches Torquay beherrscht, ereignete sich ein Vorfall, der,
obwohl an sich unbedeutend, die Tausende, welche am Ufer versammelt
waren, sehr interessirte. Zwei unglückliche Sklaven machten sich von
einem Ruder los und sprangen über Bord. Der eine kam um; der andre aber
erreichte, nachdem er über eine Stunde mit den Wellen gekämpft,
glücklich den englischen Boden und wurde von der Bevölkerung, in deren
Augen die Galeerendisciplin etwas Fremdartiges und Widerliches war,
herzlich willkommen geheißen. Er war ein Türke und wurde großmüthig in
sein Vaterland zurückgeschickt.
[_Erbitterung der englischen Nation gegen die Franzosen._] In der
Gazette de Paris erschien eine pomphafte Beschreibung der Expedition. In
Wahrheit aber waren Tourville's Thaten ruhmlos und noch weniger ruhmlos
als unpolitisch gewesen. Der Schaden, den er zugefügt, stand in keinem
Verhältniß zu dem Hasse, den er erweckt hatte. Bisher hatten die
Jakobiten sich bemüht, die Nation zu überreden, daß die Franzosen als
Freunde und Befreier kommen, strenge Mannszucht halten, die Tempel und
Gebräuche der Landesreligion achten und wieder abziehen würden, sobald
der holländische Despot vertrieben und die alte Verfassung des Reichs
wiederhergestellt war. Der kurze Besuch Tourville's an unsrer Küste
hatte bewiesen, wie wenig man von Ludwig's Soldaten eine solche Mäßigung
erwarten durfte. Sie waren nur einige Stunden auf unsrer Insel gewesen
und hatten nur wenige Acker Bodenfläche innegehabt. Aber in diesen
wenigen Stunden und auf diesem kleinen Raume hatten sie die Verwüstung
der Pfalz im Kleinen wiederholt. Das Geschehene wurde dem ganzen
Königreiche viel schneller mitgetheilt als es durch Zeitungen und
Neuigkeitsbriefe möglich gewesen wäre. Eine Bitte um Unterstützung der
Bewohner von Teignmouth wurde in sämmtlichen zehntausend Kirchen des
Landes verlesen. Keine Gemeinde konnte ohne schmerzliche Bewegung hören,
daß die papistischen Raubhorden die Wohnungen friedlicher und
bescheidener Landsleute zerstört, die Altäre des Herrn geschändet, das
Evangelium und die Gebetbücher in Stücke zerrissen hatten. Eine Straße,
welche von den Beiträgen der Mildthätigen auf der Stelle der von den
Eingedrungenen zerstörten Wohnungen erbaut wurde, führt noch heute den
Namen der französischen Straße.[51]