erkannten sie die ganze Schwierigkeit und Gefahr des begonnenen
Unternehmens. Sie hatten bisher noch wenig mehr als die Hälfte der
feindlichen Armee gesehen; jetzt schienen ganze Infanterie- und
Cavallerieregimenter aus der Erde zu wachsen. Ein wildes
herausforderndes Geschrei ertönte das ganze Ufer entlang und einen
Augenblick schien der Ausgang zweifelhaft; aber die Protestanten drangen
entschlossen vorwärts und im nächsten Augenblicke wich die ganze irische
Schlachtlinie zurück Tyrconnel sah in rathloser Verzweiflung zu. Es
fehlte ihm nicht an persönlicher Tapferkeit, aber seine militärischen
Kenntnisse waren so gering, daß er kaum einmal sein Regiment im
Phönixpark die Revue passiren ließ, ohne einen Fehler zu machen, und die
rings umher sich öffnenden Reihen wieder zu sammeln, war keine Aufgabe
für einen General, der die Energie seines Körpers und seines Geistes
überlebt und doch noch die Anfangsgründe seiner Berufswissenschaft zu
lernen hatte. Mehrere von seinen besten Offizieren fielen, während sie
umsonst ihre Soldaten dahin zu bringen versuchten, den holländischen
Blauen ins Angesicht zu blicken. Richard Hamilton beorderte eine
Abtheilung Fußvolk, über die französischen Refugiés herzufallen, welche
noch tief im Wasser standen. Er trat selbst an ihre Spitze und ging,
begleitet von mehreren tapferen Offizieren mit gezogenem Degen ins
Wasser. Aber weder seine Befehle, noch sein Beispiel konnten diesem
Haufen von Viehdieben Muth einhauchen. Er wurde fast allein gelassen und
zog sich in Verzweiflung vom Ufer zurück. Weiter stromabwärts lief
Antrims' Division gleich einer Heerde Schaafe beim Anrücken der
englischen Colonne davon. Ganze Regimenter warfen Waffen, Fahnen und
Monturstücke fort und flohen ins Gebirge, ohne einen Schlag gethan oder
einen Schuß abgefeuert zu haben.[20]
Es bedurfte vieler Jahre und vieler Heldenthaten, um den Vorwurf
zu verwischen, den diese schimpfliche Flucht an dem irischen Namen
zurückließ. Und doch wurde es noch vor dem Ende des Tages glänzend
bewiesen, daß der Vorwurf ungerecht war. Richard Hamilton stellte sich
an die Spitze der Cavallerie und sie machte unter seinem Commando
einen tapferen, wenn auch fruchtlosen Versuch, die Ehre des Tags zu
retten. Sie bestand einen verzweifelten Kampf im Flusse mit Solms'
Blauen, trieb die dänische Brigade ins Wasser zurück und fiel ungestüm
über die hugenottischen Regimenter her, welche zu weichen begannen, da
sie nicht mit Piken versehen waren, deren sich die Infanterie damals
gewöhnlich bediente, um einen Reiterangriff zurückzuschlagen. Caillemot
erhielt, während er seine Mitverbannten anfeuerte, eine tödtliche Wunde
in den Schenkel. Vier von seinen Leuten trugen ihn durch die Furth
zurück in sein Zelt. Auf diesem traurigen Wege trieb er die letzten
Reihen, welche noch bis in die Brust im Wasser standen, noch immer zum
Vorrücken an. »Weiter, weiter, meine Burschen! zum Ruhm, zum Ruhm!«
Schomberg, der am nördlichen Ufer geblieben war und von hier aus das
Vorrücken seiner Truppen mit dem Auge eines Generals überwacht hatte,
meinte jetzt, daß die Lage der Dinge die persönliche Anstrengung des
Soldaten von ihm verlange. Seine Umgebung drang vergebens in ihn, daß
er den Küraß anlegen möchte. Ohne die schützende Rüstung ritt er durch
den Fluß und sammelte die Refugiés wieder, welche Caillemot's Fall in
Verwirrung gebracht hatte. »Vorwärts, meine Herren, vorwärts!« rief er,
auf die papistischen Schwadronen zeigend, in französischer Sprache,
»dort sind Ihre Verfolger!« dies waren seine letzten Worte. Während er
sprach, drang ein Trupp irischer Reiter auf ihn ein und umringte ihn
auf einen Augenblick. Als sie sich wieder entfernten, lag er am Boden.
Seine Freunde hoben ihn auf, aber er war schon eine Leiche. Er hatte
zwei Säbelhiebe am Kopfe und eine Carabinerkugel im Halse. Fast in dem
nämlichen Augenblicke wurde Walker, als er eben die Colonisten von
Ulster ermahnte, sich als Männer zu zeigen, todtgeschossen. Ziemlich
eine halbe Stunde lang wüthete der Kampf am südlichen Flußufer fort.
Rauch, Staub und Getöse erfüllten die Luft. Alte Soldaten hörte man
sagen, daß sie selten in den Niederlanden heißere Arbeit gesehen
hätten. Gerade in diesem Augenblicke kam Wilhelm mit dem linken Flügel
an. Die Passage durch den Fluß hatte ihn wegen der starken Strömung
viel Mühe gekostet. Sein Pferd hatte schwimmen müssen und war fast im
Schlamme stecken geblieben. Sobald der König wieder auf festem Boden
stand, nahm er sein Schwert in die linke Hand, -- denn den rechten Arm
konnte er wegen seiner Wunde und wegen des Verbandes nicht gebrauchen,
-- und führte seine Leute dahin wo das Gefecht am hitzigsten war.
Seine Ankunft entschied den Ausgang der Schlacht. Die irischen Reiter
zogen sich jedoch nur hartnäckig fechtend zurück. Man erinnerte sich
noch lange unter den Protestanten von Ulster, daß Wilhelm inmitten
des Getümmels an die Spitze der Enniskillener ritt. »Was wollt Ihr
für mich thun?« rief er aus. Er wurde nicht gleich erkannt und ein
Reiter, der ihn für einen Feind hielt, wollte schon auf ihn feuern.
Wilhelm schob den Carabiner sanft zur Seite und sagte: »Wie? kennt Ihr
Eure Freunde nicht?« -- »Es ist Seine Majestät!« rief der Oberst. Ein
freudiges Hurrah erscholl in den Reihen der standhaften Protestanten.
»Gentlemen,« sagte Wilhelm, »Ihr sollt heute meine Garden sein. Ich
habe viel von Euch gehört, laßt mich einmal etwas sehen.« Es war
eine der merkwürdigsten Eigenthümlichkeiten dieses für gewöhnlich so
finsteren und schweigsamen Mannes, daß die Gefahr eine ähnliche Wirkung
wie der Wein auf ihn äußerte, ihm das Herz öffnete, die Zunge löste
und seinem Benehmen jeden Anschein von Gezwungenheit entzog. An diesen
denkwürdigen Tagen sah man ihn überall wo die Gefahr am größten war.
Eine Kugel traf die Kappe seines Pistols, eine andre riß den Absatz
seines Stiefels fort; aber seine Leutnants drangen vergeblich in ihn,
daß er sich auf einen Posten zurückziehen möchte, von wo er seine
Befehle ertheilen konnte, ohne ein für ganz Europa so kostbares Leben
zu gefährden. Durch sein Beispiel angespornt, gewannen seine Truppen
sehr bald Boden. Die irische Reiterei machte zum letzten Male Halt bei
einem Hause Namens Plottin Castle, ungefähr anderthalb Meilen südlich
von Oldbridge. Hier wurden die Enniskillener mit einem Verluste von
funfzig Mann geworfen und hitzig verfolgt, bis Wilhelm sie wieder
sammelte und die Verfolgung umkehrte. In diesem Gefecht wurde Richard
Hamilton, der Alles gethan hatte was Tapferkeit thun konnte, um
seinen durch Treulosigkeit verwirkten Ruf wieder zu erlangen, schwer
verwundet, gefangen genommen und auf der Stelle durch Pulverdampf und
Gemetzel vor den Fürsten geführt, gegen den er so schwer gesündigt
hatte.[21] Bei keiner Gelegenheit zeigte sich Wilhelm's Character
augenfälliger. »Sind wir fertig,« sagte er zu ihm, »oder werden Ihre
Reiter noch länger kämpfen?« -- »Bei meiner Ehre, Sire,« antwortete
Hamilton, »ich glaube sie werden es.« -- »Ihre Ehre!« murmelte Wilhelm;
»Ihre Ehre!« Dieser halbunterdrückte Ausruf war die einzige Rache, die
er für eine Beleidigung zu nehmen sich herabließ, für welche mancher in
seinem gewöhnlichen Umgange viel freundlichere und huldreichere Fürst
eine furchtbare Wiedervergeltung geübt haben würde. Hierauf befahl er,
sich gewaltsam bezwingend, seinem eignen Wundarzte, die Verletzungen
des Gefangenen zu untersuchen.[22]
Die Schlacht war vorüber. Hamilton irrte sich, indem er glaubte seine
Reiter würden den Kampf fortsetzen. Ganze Corps waren zusammengehauen
worden. Ein schönes Regiment hatte nur noch dreißig nicht verwundete
Leute. Es war genug, daß diese tapferen Soldaten das Feld behauptet, bis
sie keine Unterstützung, keine Hoffnung, keine Leitung mehr hatten, bis
ihr tapferster Anführer gefangen und ihr König geflohen war.
[_Jakob's Flucht._] Ob Jakob seinen früheren Ruf der Tapferkeit dem
Zufalle und der Schmeichelei verdankte, oder ob sein Character mit den
vorgerückten Jahren sich veränderte, ist ungewiß. Gewiß ist, daß man in
seiner Jugend von ihm glaubte, er besitze nicht nur das gewöhnliche Maß
von Tapferkeit, das einen Soldaten befähigt, einen Feldzug ohne Schande
zu bestehen, sondern auch die höhere und heitere Unerschrockenheit,
welche den großen Feldherrn characterisirt.[23] Eben so gewiß ist aber,
daß er in seinen späteren Jahren zu wiederholten Malen bei
Gelegenheiten, wie sie oftmals zaghafte und schwache Frauen mit einem
heroischen Muthe beseelt haben, eine kleinmüthige Besorgniß um seine
persönliche Sicherheit an den Tag legte. Die Blicke seiner Zeitgenossen
und der Nachwelt, von Freunden, die seiner Sache treu ergeben waren, und
von Feinden, die seine Demüthigung mit Ungeduld erwarteten, waren auf
ihn gerichtet. Er hatte seiner Meinung nach geheiligte Rechte zu
behaupten und schwere Unbilden zu rächen. Er war ein König, der gekommen
war, um drei Königreiche zu kämpfen. Er war ein Vater, der gekommen war,
um das Geburtsrecht seines Kindes zu kämpfen. Er war ein eifriger
Katholik, der gekommen war, im heiligsten aller Kreuzzüge zu fechten.
Wenn alles dies noch nicht genug war, so hatte er von der sicheren
Stellung, die er auf der Anhöhe von Donore einnahm, einen Anblick vor
sich, von dem man hätte denken sollen, daß er den stumpfsinnigsten
Menschen hätte zum Wetteifer anspornen müssen. Er sah seinen Nebenbuhler
schwach, kränklich und verwundet durch den Fluß schwimmen, sich durch
den Schlamm kämpfen, den Angriff leiten, die Flucht aufhalten, das
Schwert in die linke Hand nehmen und die Zügel mit einem verbundenen
Arme führen. Aber nichts von dem Allen machte einen Eindruck auf diese
schwerfällige und unedle Natur. Aus sicherer Entfernung beobachtete er
den Anfang der Schlacht, von welcher sein und seines Hauses Schicksal
abhing. Als es klar wurde, daß die Schlacht einen für Irland ungünstigen
Ausgang nahm, bemächtigte sich seiner die Befürchtung, daß ihm die
Flucht abgeschnitten werden könnte, und er brach daher im Galopp nach
Dublin auf. Er war begleitet von einer Leibgarde unter dem Commando
Sarsfield's, der an diesem Tage keine Gelegenheit gehabt hatte, die
Geschicklichkeit und den Muth zu entfalten, welche selbst seine Feinde
ihm nicht absprechen.[24] Die französischen Hülfstruppen, welche den
ganzen Morgen dazu verwendet worden waren, Wilhelm's rechten Flügel in
Schach zu halten, deckten die Flucht der geschlagenen Armee. Sie waren
in der That in Gefahr, durch den Strom der Fliehenden, von denen jeder
zuerst den Engpaß von Duleek erreichen wollte, durchbrochen und mit
fortgerissen zu werden, und sie mußte deshalb zu wiederholten Malen auf
diese verachtungswerthen Bundesgenossen feuern.[25] Indessen wurde der
Rückzug mit geringerem Verlust bewerkstelligt, als man hätte erwarten
sollen. Denn selbst Wilhelm's Bewunderer gestanden zu, daß er die
Verfolgung nicht mit der Energie betrieben, die er, wie selbst seine
Verleumder anerkannten, in der Schlacht gezeigt halte. Vielleicht hatten
seine Kränklichkeit, seine Wunde und die bestandenen Strapatzen ihn zu
körperlicher und geistiger Anstrengung unfähig gemacht. Er hatte von
den letzten vierzig Stunden fünfunddreißig auf dem Pferde zugebracht,
und Schomberg, der ihn hätte ersetzen können, war nicht mehr. Man sagte
im Lager, daß der König nicht Alles thun könne und daß was er nicht
thäte, überhaupt gar nicht gethan würde.
[_Verlust der beiden Armeen._] Das Gemetzel war geringer gewesen als auf
irgend einem andren Schlachtfelde von gleicher Wichtigkeit und
Berühmtheit. Von den Irländern waren nur etwa funfzehnhundert Mann
gefallen; aber fast lauter Cavaliere, die Elite der Armee, tapfere und
wohl disciplinirte Leute, die so leicht nicht zu ersetzen waren. Wilhelm
gab strenge Ordre, daß kein unnöthiges Blutvergießen stattfinden solle,
und verlieh diesem Befehle durch einen Act lobenswerther Strenge
Nachdruck. Einer seiner Soldaten hieb, nachdem der Kampf vorüber war,
noch drei wehrlose Irländer nieder, die um Pardon baten. Der König
befahl, den Mörder auf der Stelle zu hängen.[26]
Der Verlust der Sieger überstieg nicht fünfhundert Mann; aber der größte
Feldherr Europa's war darunter. Seinem Leichname wurde jede erdenkliche
Ehre erwiesen. Die einzige Ruhestätte, die einem so berühmten Krieger,
der im Kampfe für die Freiheiten und die Religion England's gefallen
war, gebührte, war die durch den Staub vieler Generationen von Fürsten,
Helden und Dichtern geheiligte und ehrwürdige Abtei. Es wurde bekannt
gemacht, daß der tapfere Veteran ein öffentliches Leichenbegängniß zu
Westminster haben solle. Einstweilen wurde sein Leichnam mit soviel
Geschicklichkeit als im Lager zu finden war, einbalsamirt und in einen
bleiernen Sarg gelegt.[27]
Walker wurde minder ehrerbietig behandelt. Wilhelm betrachtete ihn als
einen unruhigen Kopf, der gebührend dafür bestraft worden war, daß er
sich ohne einen Ruf der Pflicht in Gefahr begeben, und er äußerte diese
Gesinnung auf dem Schlachtfelde mit characteristischer Derbheit. »Sire,«
sagte einer von seinen Begleitern, »der Bischof von Derry ist bei der
Furth durch eine Kugel getödtet worden.« -- »Wer hieß ihn hingehen?«
brummte der König.
[_Fall von Drogheda._] Die siegreiche Armee marschirte diesen Tag noch
bis Duleek und brachte hier die warme Sommernacht unter freiem Himmel
zu. Die Zelte und die Bagagewagen befanden sich noch auf der Nordseite
des Flusses. Wilhelm's Wagen war herübergeholt worden, und er schlief
darin, umgeben von seinen Soldaten. Am folgenden Tage ergab sich
Drogheda ohne Schwertstreich und die dreizehnhundert Mann starke
Besatzung zog ohne Waffen ab.[28]
[_Zustand von Dublin._] Inzwischen hatte in Dublin eine heftige
Aufregung geherrscht. Am 30. Juni wurde es bekannt, daß die beiden
Armeen, durch den Boyne getrennt, einander gegenüber standen und daß
eine Schlacht fast unvermeidlich war. Am Abend desselben Tages kam die
Nachricht, daß Wilhelm verwundet war. Es hieß zuerst, die Wunde sei
tödtlich. Man glaubte und erzählte es mit Zuversicht weiter, daß der
Usurpator nicht mehr sei, und Couriere wurden abgeschickt, um die frohe
Botschaft von seinem Tode den in den Häfen von Munster liegenden
Schiffen zu überbringen. Am 1. Juli waren die Straßen Dublin's vom
frühen Morgen an mit Leuten angefüllt, welche begierig nach Neuigkeiten
fragten und solche erzählten. Tausend tolle Gerüchte circulirten unter
der Menge. Von dem Berge Howth wollte man eine Flotte von Kriegsschiffen
unter weißer Flagge gesehen haben. In Kent sollte ein Armeecorps unter
den Befehlen eines Marschalls von Frankreich gelandet sein. Der Kampf am
Boyne sollte heiß gewesen sein, die Irländer aber sollten gesiegt haben;
der englische rechte Flügel sei geschlagen und der Prinz von Oranien
gefangen genommen worden. Während die Katholiken diese Geschichten an
allen öffentlichen Orten anhörten und wiedererzählten, schlossen sich
die wenigen noch auf freiem Fuße befindlichen Protestanten in ihre
Wohnungen ein, denn sie fürchteten in Stücke zerrissen zu werden. Gegen
fünf Uhr Nachmittags aber kamen einige Deserteurs auf ermüdeten Pferden
an und brachten schlimme Nachrichten. Um sechs Uhr wußte man, daß Alles
verloren war. Bald nach Sonnenuntergang ritt Jakob, von zweihundert
Reitern begleitet, in das Schloß ein. Auf der Schwelle kam ihm
Tyrconnel's Gattin, einst die lebensfrohe und schöne Fanny Jennings, die
reizendste Kokette in dem glänzenden Whitehall der Restauration,
entgegen. Der besiegte König hatte ihr den Untergang ihres und seines
eignen Glückssternes anzukündigen. Inzwischen kam der Strom der
Fliehenden rasch heran. Bis Mitternacht waren alle nördlichen Zugänge
der Hauptstadt durch Wagenzüge und durch Schaaren von erschöpften und
mit Staub bedeckten Dragonern verstopft. Einige hatten ihre
Feuergewehre, Andere ihre Säbel verloren, noch Andere waren durch
frische Wunden entstellt. Um zwei Uhr Morgens war es still in Dublin,
aber noch vor dem frühen Anbruch des Sommertages wurden die Schlafenden
durch Trompetenstöße geweckt: die Reiter, welche am vorhergehenden Tage
die Ehre ihres Vaterlandes so wacker gerettet hatten, ergossen sich mit
furchtbar gelichteten Reihen, aber doch noch immer einen Schein von
militärischer Ordnung beobachtend, durch die Straßen. Zwei Stunden
später ließen sich Lauzun's Trommeln vernehmen, und die französischen
Regimenter rückten in ungebrochener Ordnung in die Stadt ein.[29] Viele
glaubten, daß mit einer solchen Streitmacht noch immer Widerstand
geleistet werden könne. Aber noch vor sechs Uhr wurden der Lord Mayor
und einige der angesehensten katholischen Bürger eiligst ins Schloß
beschieden, und hier nahm Jakob mit einer Rede, die ihm wenig Ehre
machte, Abschied von ihnen. Er sei oft, sagte er, darauf aufmerksam
gemacht werden, daß die Irländer trotz ihres guten und kräftigen
Aussehens sich auf dem Schlachtfelde niemals gut halten würden, und er
habe sich jetzt überzeugt, daß die Warnung nur zu gegründet gewesen sei.
Er habe das Unglück gehabt, sich binnen weniger als zwei Jahren von zwei
Armeen verlassen zu sehen. Seinen englischen Truppen habe es nicht an
Muth, aber an Loyalität gefehlt. Seine irischen Truppen seien ohne
Zweifel seiner Sache ergeben, da es auch die ihrige sei; aber sobald sie
einem Feinde gegenüber gestellt würden, liefen sie davon. Der Verlust
sei allerdings gering gewesen; aber desto schimpflicher sei es für
Diejenigen, welche bei so unbedeutendem Verlust schon die Flucht
ergriffen hätten. »Ich werde nie wieder eine irische Armee commandiren.
Ich muß jetzt auf meine Sicherheit bedacht sein, und auch Sie müssen für
Sich selbst sorgen.« Nachdem er so seine Soldaten heruntergemacht, daß
sie der Pöbel waren, zu welchem seine eigne verkehrte Behandlung sie
gemacht hatte, und daß sie das Beispiel der Feigheit nachgeahmt, das er
selbst ihnen gegeben, sprach er noch einige eines Königs würdigere
Worte. Er wisse, sagte er, daß einige seiner Anhänger erklärt hätten,
sie würden Dublin eher niederbrennen als es in die Hände der Engländer
fallen lassen. Eine solche That würde ihn in den Augen der ganzen
Menschheit entehren, denn Niemand würde glauben, daß seine Freunde ohne
seine Einwilligung so weit gehen könnten. Auch würde eine solche That
Denen, die sie begingen, eine strenge Behandlung zuziehen, welche sie
außerdem nicht zu befürchten hätten, denn Unmenschlichkeit gegen
besiegte Feinde gehöre nicht zu den Fehlern des Prinzen von Oranien. Aus
diesen Gründen forderte Jakob seine Zuhörer bei ihrer Unterthanenpflicht
auf, die Stadt weder zu plündern noch zu zerstören.[30]
[_Jakob's Flucht nach Frankreich._] Er reiste hierauf ab, ging eiligst
über das Wicklowgebirge und hielt nicht eher an als bis er funfzig
Meilen von Dublin entfernt war. Kaum war er abgestiegen, um etwas zu
sich zu nehmen, so wurde er durch das alberne Gerücht erschreckt, daß
die Verfolger ihm dicht auf den Fersen seien. In Folge dessen reiste er
sofort weiter, ritt die ganze Nacht durch und gab Befehl, daß die
Brücken hinter ihm abgebrochen werden sollten. Am Morgen des 3. Juli
erreichte er den Hafen von Waterford und ging von hier zu Wasser nach
Kinsale, wo er sich auf einer französischen Fregatte einschiffte und
nach Brest segelte.[31]
[_Dublin wird von den französischen und irischen Truppen geräumt._]
Nach seiner Abreise nahm die Verwirrung in Dublin mit jeder Stunde
zu. Während des ganzen Tages nach der Schlacht kamen beständig
fliehende Fußsoldaten, ermüdet und mit Staub bedeckt, in die Stadt, und
katholische Bürger verließen dieselbe mit ihren Frauen, ihren Kindern
und ihrem Hausgeräth. In einigen Theilen der Hauptstadt herrschte
noch ein Ueberrest von militärischer Ordnung und Kriegsbereitschaft.
Die Thore waren bewacht, das Schloß von einem starken Truppencorps
besetzt, und man glaubte allgemein, daß der Feind nicht ohne Kampf
hereingelassen werden würde. Einige Großsprecher, die wenige Stunden
zuvor von dem Brustwerke bei Oldbridge weggelaufen waren, ohne einen
Hahn zu spannen, schworen in der That jetzt, daß sie die Stadt eher
in Asche legen als sie dem Prinzen von Oranien überliefern würden.
Aber gegen Abend sammelten Tyrconnel und Lauzun alle ihre Truppen und
verließen die Stadt auf der Straße, welche nach der großen Weidestrecke
führte, die die ganze Hochebene am Kildare umfaßt. Die Gestalt der
Dinge in Dublin gewann augenblicklich ein andres Aussehen. Allenthalben
kamen die Protestanten aus ihren Verstecken hervor. Einige von ihnen
gingen in die Häuser ihrer Verfolger und verlangten Waffen. Die Thore
der Gefängnisse wurden geöffnet. Die Bischöfe von Meath und von
Limerick, Doctor King und Andere, welche lange an der Doctrin des
passiven Gehorsams festgehalten, die aber endlich durch die Tyrannei in
gemäßigte Whigs verwandelt worden waren, bildeten eine provisorische
Regierung und schickten einen Boten in Wilhelm's Lager, um ihm sagen
zu lassen, daß Dublin bereit sei, ihn willkommen zu heißen. Noch
denselben Abend um acht Uhr rückte eine Schwadron englischer Dragoner
ein. Die ganze Bevölkerung ging ihr bis College Green entgegen, wo
jetzt die Statue des Befreiers steht. Hunderte umarmten die Soldaten
und die Hälse der Pferde und liefen, einander die Hände schüttelnd,
freudetrunken umher. Am andren Morgen traf ein starkes Cavalleriecorps
ein und von allen Seiten kamen Nachrichten von dem Eindrucke, den
der Sieg am Boyne gemacht hatte. Jakob hatte die Insel verlassen;
Wexford hatte sich für König Wilhelm erklärt; in einem Umkreise von
fünfundzwanzig Meilen von der Hauptstadt gab es keinen bewaffneten
Papisten mehr. Fast sämmtliche Bagage und Vorräthe der geschlagenen
Armee waren den Siegern in die Hände gefallen. Die Enniskillener hatten
nicht weniger als dreihundert Wagen weggenommen und hatten unter der
Beute zehntausend Pfund baares Geld, eine Menge Silbergeschirr und
Schmucksachen, sowie die ganze prächtige Feldequipage Tyrconnel's und
Lauzun's gefunden.[32]
[_Wilhelm's Einzug in Dublin._] Wilhelm nahm sein Hauptquartier in
Ferns, ungefähr zwei Meilen von Dublin. Von da ritt er am Morgen des
6. Juli, einem Sonntage, mit großem Gepränge nach der Kathedrale
und richtete dort, mit der Krone auf dem Haupte, in dem Chore, das
jetzt mit den Bannern der Ritter von St. Patrick behangen ist, ein
öffentliches Dankgebet zu Gott. King predigte mit dem ganzen Feuer
eines Neophyten über die große Befreiung, mit der Gott die Kirche
beglückt habe. Die protestantischen Behörden der Stadt erschienen nach
langer Zeit wieder mit dem Prunke ihres Amtes. Wilhelm ließ sich nicht
bewegen, im Schlosse zu übernachten, sondern er kehrte am Abend ins
Lager zurück und schlief dort in seiner hölzernen Hütte.[33]