Wilhelm war wieder ganz er selbst. Seine Lebensgeister, zu Boden

gedrückt durch eine anderthalbjährige Existenz in unerfreulichen

Verhältnissen und inmitten von Factionen und Intriguen, welche er nur

halb verstand, hoben sich wieder beim Anblick der Zelte und Fahnen.[6]

Es war merkwürdig, wie rasch dieser in Westminster so unpopuläre Mann

eine vollkommene Herrschaft über die Herzen seiner Waffenbrüder

erlangte. Sie sahen mit Bewunderung, daß er trotz seiner Kränklichkeit

alle Mühen und Beschwerden theilte, die sie selbst ertragen mußten, daß

er mehr an ihre Bequemlichkeit als an die seinige dachte, daß er einigen

Offizieren, die über ihren Eifer, ihm Leckerbissen für seine Tafel zu

verschaffen, die Bedürfnisse der gemeinen Soldaten vernachlässigten,

nachdrücklich tadelte; daß er von dem Augenblicke an wo er ins Feld

rückte, nicht ein einziges Mal in einem Hause wohnte, sondern selbst in

der Nähe von Städten und Palästen in seiner kleinen transportabeln

Bretterhütte schlief; daß keine Bitten ihn bewegen konnten, sich an

einem heißen Tage und bei heftigem Winde aus der erstickenden Staubwolke

zu entfernen, die über der marschirenden Colonne hing und minder zarte

Lungen als die seinige auf eine harte Probe stellte. Jeder unter seinen

Befehlen Dienende wurde mit seiner Persönlichkeit und mit seiner Stimme

vertraut, denn es gab kein Regiment, das er nicht mit der sorgfältigsten

Aufmerksamkeit inspicirt hätte. Seine freundlichen Mienen und Reden

blieben lange in der Erinnerung. Ein wackerer Soldat hat in seinem

Tagebuche der liebenswürdigen Freundlichkeit gedacht, mit der der König

einen Korb mit den ersten Kirschen des Jahres von ihm annahm, so wie der

Heiterkeit, mit der Se. Majestät sich beim Abendessen mit Denen

unterhielt, welche um die Tafel herum standen.[7]

[_Wilhelm marschirt südwärts._] Am 27. Juni, dem zehnten Tage nach

seiner Landung, marschirte Wilhelm mit allen seinen Truppen von

Loughbrickland in südlicher Richtung ab. Er hatte sich fest vorgenommen,

die erste Gelegenheit zu einer Schlacht zu ergreifen. Schomberg und

einige andere Offiziere empfahlen Vorsicht und Aufschub; der König aber

entgegnete ihnen, daß er nicht nach Irland gekommen sei, um Gras unter

seinen Füßen wachsen zu lassen. Der Ausgang des Feldzugs scheint zu

beweisen, daß er als General richtig urtheilte, und daß er als

Staatsmann richtig urtheilte, kann nicht bezweifelt werden. Er wußte,

daß die englische Nation mit der Art der bisherigen Kriegführung

unzufrieden war, daß nur ein rascher und glänzender Erfolg den

Enthusiasmus seiner Freunde wieder beleben und den Muth seiner Feinde

brechen und daß eine Niederlage seinem Rufe und seinen Interessen kaum

nachtheiliger sein konnte als ein langwieriger und unentschiedener

Feldzug.

Die Gegend, durch die er marschirte, war seit achtzehn Monaten von

Soldaten und von Rapparees entsetzlich verwüstet worden. Alles Vieh

war geschlachtet, die Anpflanzungen niedergehauen, die Umzäunungen und

Häuser in Trümmern. Kein menschliches Wesen war längs der Marschroute

zu sehen, außer einigen wenigen halbnackten und ausgehungerten

Jammergestalten, die keine andre Nahrung hatten als Haferhülsen, welche

sie, wie die Hühner, aus Schmutz und Asche heraussuchten.[8] Gleichwohl

konnten die natürliche Fruchtbarkeit des Bodens, das üppige Grün der

Erde, die für den Handel so vortheilhaft gelegenen Buchten und Flüsse,

trotz des nachtheiligen Lichtes, in welchem sich Alles darstellte,

dem aufmerksamen Blicke des Königs nicht entgehen. Er mochte wohl bei

sich denken, wie ganz anders diese Gegend ausgesehen haben würde, wenn

sie mit einer Regierung und einer Religion gesegnet gewesen wäre,

welche sein heimisches Holland zu einem Weltwunder gemacht hatten;

welche endlose Reihe von Landhäusern, Blumengärten und Meierhöfen die

Straße von Lisburn nach Belfast besäumt, wie viele Hunderte von Barken

beständig den Laggan auf und ab gefahren sein, welcher Wald von Masten

den öden Hafen von Newry belebt, und welche riesigen Waarenmagazine und

stattlichen Wohnhäuser den Boden bedeckt haben würden, den jetzt die

schmutzigen Gassen von Dundalk einnahmen. »Das Land,« hörte man ihn

sagen, »ist werth, daß man darum kämpft.«

[_Die irländische Armee zieht sich zurück._] Jakob scheint ursprünglich

beabsichtigt zu haben, an der Grenze zwischen Leinster und Ulster das

Glück einer Schlacht zu versuchen. Dieser Plan wurde jedoch, wie es

scheint auf Lauzun's Vorstellungen hin, wieder aufgegeben, denn ihm

klangen Louvois' Ermahnungen noch immer in den Ohren, obgleich er sehr

wenig geneigt und sehr wenig geschickt dazu war, einen Feldzug nach dem

Fabianischen System zu führen.[9] Obwohl Jakob entschlossen war, Dublin

nicht ohne eine Schlacht aufzugeben, willigte er doch ein sich bis zu

einer Stelle zurückzuziehen, wo er den Vortheil des Terrains für sich

hatte. Als daher Wilhelm's Vorhut Dundalk erreichte, war von der

irländischen Armee nichts als eine große Staubwolke zu sehen, die sich

langsam in südlicher Richtung gegen Ardee hin wälzte. Die Engländer

campirten eine Nacht in der Nähe des Ortes, wo Schomberg im vorigen

Jahre sein Lager aufgeschlagen hatte, und manche schmerzliche

Erinnerungen wurden durch den Anblick des öden Sumpfes geweckt, der das

Grab vieler tausend tapferer Männer geworden war.[10]

Wilhelm rückte jedoch weiter vor und die Irländer zogen sich fortwährend

vor ihm zurück, bis seine Armee, in drei Colonnen marschirend, am Morgen

des 30. Juni den Kamm eines Höhenzuges unweit der Südgrenze der

Grafschaft Louth erreichte. Zu ihren Füßen lag ein Thal, jetzt so

fruchtbar und lieblich, daß der hinabsehende Engländer sich in einen der

bevorzugtesten Theile seines bevorzugten Vaterlandes versetzt glauben

kann. Weizenfelder, Waldungen und blumige Wiesen ziehen sich sanft

abfallend bis ans Ufer des Boyne hinunter. Dieser schöne und ruhige

Strom, der die Grenze von Louth und Meath bildet, ergießt sich, nachdem

er viele Meilen zwischen grünen, mit modernen Palästen und mit den

verfallenen Burgen der unter englischer Oberhoheit gestandenen

normännischen Barone bedeckten Ufern dahin geströmt ist, nicht weit von

hier in das Meer. Fünf Meilen westlich von der Stelle, wo Wilhelm auf

den Fluß hinabsah, erhebt sich jetzt am grünenden Ufer, von stolzen

Forsten umgeben, Slane Castle, das Schloß des Marquis von Conyngham.

Zwei Meilen östlich lagert eine Rauchwolke aus den Schornsteinen der

Fabriken und Dampfschiffe über der lebhaften Stadt und dem Hafen von

Drogheda. Auf der Meather Seite des Boyne steigt der Boden, noch immer

allenthalben mit Kornfeldern, Wiesen, Blumen und Bäumen bedeckt, sanft

zu einer Anhöhe auf, die mit einer Gruppe von Eschen gekrönt ist, welche

die verfallene Kirche und den verödeten Gottesacker von Donore

beschatten.[11]

Im 17. Jahrhundert gewährte die Landschaft einen ganz andren Anblick.

Von Kunst und Industrie waren nur wenige Spuren vorhanden. Auf dem

Flusse sah man kaum ein andres Fahrzeug als die rohen Fischerböte von

mit Pferdehäuten überzogenem Flechtwerk, deren sich das celtische

Landvolk zum Forellen- und Lachsfang bediente. Drogheda, das gegenwärtig

zwanzigtausend betriebsame Einwohner zählt, war damals ein kleiner

Knäuel enger und schmutziger Gassen, von einem Graben und einem Walle

umgeben. Die Häuser waren von Holz, mit hohen Giebeln und vorspringendem

Obergestocke. Außerhalb der Stadtmauer war kaum eine menschliche Wohnung

zu sehen, außer an einer Stelle Namens Oldbridge. Bei Oldbridge war der

Fluß passirbar und südlich von der Furth standen einige Lehmhütten und

ein einziges aus festeren Materialien erbautes Haus.

[_Die Irländer halten am Boyne Stand._] Als Wilhelm das Thal des Boyne

erblickte, konnte er einen Ausruf und eine Bewegung der Freude nicht

unterdrücken. Er hatte gefürchtet, daß der Feind eine entscheidende

Schlacht vermeiden und den Krieg so lange hinziehen würde, bis die

Herbstregen mit ihrem Gefolge von Krankheiten wiederkehrten. Diese

Besorgniß schwand jetzt, und er hatte die Gewißheit, daß der Kampf heiß

und kurz sein würde. Jakob's Zelt war auf der Höhe von Donore

aufgeschlagen und die Fahnen des Hauses Stuart und des Hauses Bourbon

wehten nebeneinander herausfordernd auf den Wällen von Drogheda. Das

ganze südliche Flußufer war mit den Lagerzelten und Batterien der

feindlichen Armee bedeckt. Tausende von Kriegern bewegten sich durch die

Zeltgassen und jeder Soldat, ob Reiter oder Infanterist, ob Franzos oder

Irländer, hatte ein weißes Feldzeichen am Hut. Diese Farbe war aus

Artigkeit gegen das Haus Bourbon gewählt worden. »Ich bin erfreut Euch

zu sehen, Gentlemen,« sagte der König, als sein scharfes Auge die

irischen Reihen überblickte. »Wenn Ihr mir jetzt entkommt, so ist es

meine eigne Schuld.«[12]

[_Die Armee Jakob's._] Jeder der beiden einander feindlich

gegenüberstehenden Fürsten hatte einige Vortheile über seinen Rivalen.

Jakob hatte, in der Defensive, hinter Verschanzungen und mit einem

Flusse vor sich, die stärkere Position;[13] aber seine Truppen standen

hinsichtlich der Anzahl wie der Brauchbarkeit denen seines Gegners nach.

Er mochte über etwa dreißigtausend Mann zu verfügen haben. Ungefähr ein

Drittel dieser Streitmacht bestand aus vortrefflicher französischer

Infanterie und vortrefflicher irischer Cavallerie; der Rest seiner Armee

aber war das Gespött von ganz Europa. Die irischen Dragoner waren

schlecht; die irische Infanterie noch schlechter. Man sagte damals, ihre

gewöhnliche Art zu fechten bestehe darin, daß sie ihre Gewehre einmal

abfeuerten und dann mit dem Geheul »Pardon!« und »Mord!« davonliefen.

Ihre Unbrauchbarkeit wurde damals von ihren Feinden wie von ihren

Verbündeten allgemein natürlicher Feigheit Schuld gegeben. Wie

ungegründet diese Beschuldigung war, ist seitdem durch viele

Heldenthaten in allen Weltgegenden glänzend bewiesen worden. Es hätte in

der That selbst im 17. Jahrhundert verständigen Männern wohl einleuchten

können, daß ein Volk, das mit die beste Reiterei von der Welt lieferte,

bei richtiger Ausbildung gewiß auch gute Fußsoldaten liefern würde. Der

größte unserer Feldherren erklärte zu wiederholten Malen und ganz

entschieden, daß selbst die herrliche Armee, die sich unter seinen

Befehlen von Torres Vedras bis Toulouse durchschlug, binnen wenigen

Wochen zu allen militärischen Zwecken untauglich geworden sein würde,

wenn man ihr gestattet hätte, sich das Plündern anzugewöhnen. Was konnte

man also wohl von Truppen erwarten, denen man vom ersten Tage ihres

Eintritts in die Armee nicht nur erlaubt, sondern die man sogar

aufgefordert hatte, sich für den geringen Sold durch Plündern zu

entschädigen? Sie waren, wie es kaum anders sein konnte, ein bloßer

Haufen Gesindel, zwar wüthend und lärmend in ihrem Eifer für die Sache,

der sie sich geweiht hatten, aber unfähig einem wohlorganisirten

Truppencorps beharrlichen Widerstand zu leisten. In der That, die

Disciplin, wenn man es so nennen darf, der Armee Jakob's hatte für den

celtischen Kerne weiter nichts gethan als daß sie ihn erniedrigte und

entnervte. Nach einem anderthalbjährigen nominellen Soldatendienste war

er factisch noch eben so weit davon entfernt, ein Soldat zu sein, wie an

dem Tage, da er seine Hütte mit dem Feldlager vertauschte.

[_Die Armee Wilhelm's._] Wilhelm hatte unter seinen Befehlen nahe an

sechsunddreißigtausend Mann, die aus vieler Herren Länder stammten und

vielerlei Sprachen redeten. Kaum eine einzige protestantische Kirche,

kaum eine einzige protestantische Nation war nicht vertreten in dieser

Armee, welche durch eine wunderbare Kette von Ereignissen dahin gebracht

worden war, auf der entlegensten Insel des Westens für den

protestantischen Glauben zu kämpfen. Ungefähr die Hälfte der Truppen

waren geborene Engländer. Unter ihnen befand sich Ormond mit den

Leibgarden und Oxford mit den Blauen. Sir Johann Lanier, ein Offizier,

der sich auf dem Continent militärische Erfahrung erworben hatte und

dessen kluge Umsicht hoch geschätzt wurde, stand an der Spitze des

Reiterregiments der Königin, jetzt das elfte der Dragonergarden. Ferner

war Beaumont's Infanterie dabei, die sich Jakob's Befehl zum Trotz

geweigert hatte, irische Papisten in ihre Reihen aufzunehmen, und

Hastings' Infanterie, die an dem unglücklichen Tage von Killiecrankie

den militärischen Ruf des sächsischen Stammes gerettet hatte. Ferner die

beiden Tangerschen Bataillone, bis dahin nur durch Gewaltthätigkeiten

und Räubereien bekannt, aber dazu bestimmt, am folgenden Morgen eine

lange Ruhmeslaufbahn zu beginnen. Die schottischen Garden kämpften unter

dem Commando ihres Landsmannes Jakob Douglas. Zwei schöne englische

Regimenter, welche im Dienste der Generalstaaten gestanden und unter

Wilhelm's Anführung schon oft dem Tode ins Angesicht geblickt hatten,

begleiteten ihn in diesem Feldzuge nicht nur als ihren General, sondern

auch als ihren vaterländischen König. Sie heißen gegenwärtig das fünfte

und sechste der Linie. Das erstere wurde von einem Offizier geführt, der

nur geringe Kenntniß von den höheren Zweigen der Kriegswissenschaft

hatte, den aber die ganze Armee als den Tapfersten der Tapferen

anerkannte, von Johann Cutts. Unter den holländischen Truppen zeichneten

sich Portland's und Ginkell's Reiter und Solms' blaues Regiment, aus

zweitausend Mann der schönsten Infanterie von Europa bestehend,

namentlich aus. Deutschland hatte einige seinen vornehmsten Familien

entsprossene Krieger ins Feld geschickt. Prinz Georg von

Hessen-Darmstadt, ein tapferer Jüngling, der seine Lehrzeit in der

Kriegskunst bestand, ritt zur Seite des Königs. Eine starke Brigade

dänischer Söldlinge wurde vom Herzog Karl Friedrich von Würtemberg

befehligt, einem nahen Verwandten des Oberhauptes seiner erlauchten

Familie. Man sagte, daß die Irländer unter allen Soldaten Wilhelm's

diese an meisten fürchteten. Denn Jahrhunderte sächsischer Oberhoheit

hatten die Erinnerung an die Gewaltthätigkeit und Grausamkeit der

skandinavischen Seekönige nicht verwischt, und eine alte Prophezeiung,

daß die Dänen dereinst die Kinder des Landes vernichten würden, wurde

noch immer mit abergläubischem Entsetzen wiederholt.[14] Unter den

fremden Hülfstruppen befanden sich ein brandenburgisches und ein

finnländisches Regiment. Doch in diesem großen, aus so verschiedenen

Elementen zusammengesetzten Heere waren zwei Corps von einem ganz

besonders wilden und unversöhnlichem Geiste beseelt: die französischen

Hugenotten, welche nach dem Blute der Franzosen lechzten, und die

irischen Engländer, die es nicht erwarten konnten, die eingeborenen

Irländer niederzutreten. Die Reihen der Refugiés waren von Spionen und

Verräthern wirksam gesäubert worden und bestanden aus Männern, wie sie

im vorhergehenden Jahrhundert gegen die Macht des Hauses Valois und

gegen das Genie des Hauses Lothringen gekämpft hatten. Alle furchtlosen

Männer der unbesiegbaren Colonie hatten sich in Wilhelm's Lager begeben;

so Mitchelburne mit den hartnäckigen Vertheidigern Londonderry's, und

Wolseley mit den Kriegern, welche am Tage von Newton Butler einstimmig

»Vorrücken« gerufen hatten. Sir Albert Conyngham, der Ahnherr der edlen

Familie, deren Stammschloß jetzt auf den Boyne herniedersieht, hatte aus

der Umgegend des Ernesees ein tapferes Dragonerregiment herbeigeführt,

das noch heute stolz ist auf den Namen Enniskillen und das an den Ufern

des Schwarzen Meeres bewiesen hat, daß es seit der Schlacht am Boyne

noch nicht ausgeartet ist.[15]

[_Walker, nunmehriger Bischof von Derry, begleitet die Armee._] Walker

begleitete trotz seines vorgerückten Alters und seines friedlichen

Berufs die Männer von Londonderry und suchte durch Wort und Beispiel

ihren Eifer anzuspornen. Er war jetzt ein angesehener Prälat. Hesekiel

Hopkins war vor den papistischen Verfolgern und presbyterianischen

Rebellen nach London geflüchtet, hatte es über sich gewonnen, der

Regierung Treue zu schwören, hatte eine Pfarre erhalten und war in der

Ausübung der bescheidenen Amtspflichten eines Pfarrgeistlichen

gestorben.[16] Wilhelm erfuhr auf seinem Marsche durch Louth, daß das

reiche Bisthum Derry zu seiner Verfügung stand, und er ernannte sofort

Walker zum neuen Bischofe. Der wackere Greis wurde während der wenigen

Stunden, die ihm noch zu leben vergönnt waren, mit Huldigungen und

Beglückwünschungen überhäuft. Unglücklicherweise war bei ihm von der

Belagerung her, in der er sich so glänzend ausgezeichnet, eine

Leidenschaft für das Kriegshandwerk zurück geblieben, und er redete sich

leicht ein, daß er eine Pflicht gegen sein Vaterland und gegen seine

Religion erfülle, wenn er sich dieser Leidenschaft hingebe. Er hätte

bedenken sollen, daß die außergewöhnlichen Umstände, die ihn damals

berechtigt hatten, die Waffen zu ergreifen, nicht mehr existirten und

daß ein kämpfender Priester in einer disciplinirten Armee, welche von

erfahrenen und berühmten Generälen geführt wird, viel wahrscheinlicher

im Wege ist als etwas nützen kann. Der neuerwählte Bischof hatte sich

vorgenommen, überall zu sein wo die Gefahr am größten war, und die Art

und Weise, wie er sich der Gefahr aussetzte, erregte das äußerste

Mißfallen seines königlichen Gönners, der einen Zudringlichen eben so

wenig leiden konnte wie einen Feigling. Ein Soldat, der aus der Schlacht

davonlief, und ein Geistlicher, der sich in die Schlacht drängte, waren

die beiden Dinge, welche Wilhelm am meisten verdrossen.

[_Wilhelm recognoscirt die Stellung der Irländer._] Es war noch früh am

Tage. Der König ritt langsam am nördlichen Ufer des Flusses hin und

beobachtete aufmerksam die Stellung der Irländer, von denen er zuweilen

nur durch einen Zwischenraum von wenig mehr als zweihundert Fuß getrennt

war. Er war begleitet von Schomberg, Ormond, Sidney, Solms, Prinz Georg

von Hessen, Coningsby und Anderen. »Ihre Armee ist nur klein,« sagte

einer der holländischen Offiziere. Sie schien in der That aus nicht mehr

als sechzehntausend Mann zu bestehen. Aus dem Munde von Ueberläufern

wußte man aber, daß viele Regimenter durch die Erhabenheiten des

Terrains verborgen wurden. »Sie sind vielleicht stärker als sie

aussehen,« bemerkte Wilhelm; »aber mögen sie schwach oder stark sein,

ich werde bald ins Reine darüber kommen.«[17]

Endlich stieg er an einer Stelle, Oldbridge fast gerade gegenüber, ab,

setzte sich ins Gras nieder, um auszuruhen und rief nach dem Frühstück.

Die Saumrosse wurden ihrer Bürde entledigt, die Feldflaschen geöffnet

und ein Tischtuch auf den Rasen gebreitet. Der Ort wird durch einen

Obelisk bezeichnet, der zu einer Zeit errichtet wurde, als viele

Veteranen, die sich der Ereignisse jenes Tages erinnern konnten, noch am

Leben waren.

[_Wilhelm wird verwundet._] Während Wilhelm das Frühstück einnahm,

zeigte sich auf dem andern Ufer dicht am Wasser ein Trupp Reiter. Man

konnte darunter einige erkennen, die einst bei den Revuen in Hydepark

und auf den Bällen in der Gallerie von Whitehall geglänzt hatten: den

jugendlichen Berwick, den kleinen Lauzun mit seinen schönen Haaren,

Tyrconnel, vor Zeiten von den Hoffräulein als das Ideal männlicher Kraft

und Schönheit bewundert, jetzt aber vom Alter gebeugt und vom Podagra

gelähmt, und über Alle emporragend das stolze Haupt Sarsfield's.

Die Anführer der irischen Armee entdeckten bald, daß der Mann, der, von

einer glänzenden Suite umgeben, am entgegengesetzten Ufer frühstückte,

der Prinz von Oranien war, und sie schickten sofort nach Artillerie.

Zwei Feldstücke, durch einen Reitertrupp maskirt, wurden fast bis an den

Rand des Flusses gebracht und hinter einer Hecke aufgefahren. Wilhelm,

der eben aufgestanden und wieder zu Pferde gestiegen war, war der

Zielpunkt für beide Geschütze. Der erste Schuß traf eines der

Pistolenholster des Prinzen Georg von Hessen und riß sein Pferd zu Boden

»O,« rief der König, »der arme Prinz ist todtgeschossen!« Kaum waren

diese Worte über seine Lippen, so traf ihn selbst eine zweite Kugel, ein

Sechspfünder. Sie zerriß ihm den Rock, streifte seine Schulter und

entzog ihm einige Unzen Blut. Beide Armeen sahen, daß der Schuß

getroffen hatte, denn der König sank einen Augenblick auf den Hals

seines Pferdes nieder. Im irischen Lager erscholl ein lautes

Jubelgeschrei; die Engländer und ihre Verbündeten erschraken. Solms

warf sich auf die Erde nieder und brach in Thränen aus. Wilhelm's

Haltung beruhigte jedoch seine Freunde bald wieder. »Es ist mir nichts

geschehen,« sagte er; »aber die Kugel kam gerade nahe genug.« Coningsby

legte sein Taschentuch auf die Wunde, es wurde nach einem Wundarzt

geschickt, der einen Verband anlegte, und sobald dies geschehen war,

ritt der König unter lauten Zurufen durch alle Posten seiner Armee. Die

Energie seines Geistes war so groß, daß er trotz seiner Kränklichkeit

und trotz der eben erhaltenen Verletzung an diesem Tage neunzehn Stunden

auf dem Pferde zubrachte.[18]

Die Kanonade wurde auf beiden Seiten bis zum Abend unterhalten. Wilhelm

beobachtete mit besonderer Aufmerksamkeit den Eindruck, den die irischen

Schüsse auf diejenigen englischen Regimenter machten, welche noch nie im

Feuer gestanden hatten, und er erklärte sich mit dem Resultate seiner

Beobachtungen zufrieden. »Es geht Alles gut,« sagte er, »sie halten

Stand im Feuer.« Lange nach Sonnenuntergang inspicirte er seine Truppen

noch einmal bei Fackelschein und gab Befehl, daß alle nöthigen

Vorkehrungen getroffen wurden, um am nächsten Morgen den Uebergang über

den Fluß zu erzwingen. Jeder Soldat sollte einen grünen Zweig am Hute

tragen, das Gepäck und die Ueberröcke wurden unter der Obhut einer Wache

zurückgelassen, die Parole war Westminster.

Der Entschluß des Königs, die Irländer anzugreifen, wurde nicht von

allen seinen Unteranführern gebilligt. Schomberg insbesondere erklärte

das Unternehmen für zu gewagt und zog sich, da er überstimmt wurde,

nicht in der besten Laune in sein Zelt zurück. Als ihm der Befehl zum

Kampfe überbracht wurde, brummte er vor sich hin, er sei mehr gewöhnt,

solche Befehle zu geben, als zu empfangen. Diese kleine Anwandlung von

Verdruß, welche man einem General, der große Siege erfochten hatte, als

sein Gebieter noch ein Kind war, wohl verzeihen konnte, machte der

tapfere Veteran am folgenden Morgen glänzend wieder gut.

[_Schlacht am Boyne._] Der 1. Juli brach an, ein Tag, der seitdem nie

wiedergekehrt ist, um in den beiden Völkerstämmen, die sich in Irland

theilen, die verschiedenartigsten Gefühle zu erwecken. Die Sonne ging

strahlend an einem wolkenlosen Himmel auf. Bald nach vier Uhr waren

beide Armeen in Bewegung. Wilhelm befahl seinem rechten Flügel unter den

Befehlen Meinhart Schomberg's, eines Sohnes des Herzogs, nach der Brücke

von Slane, einige Meilen stromaufwärts, zu marschiren, den Fluß zu

passiren und den linken Flügel der irischen Armee zu umgehen. Meinhart

Schomberg hatte Portland und Douglas zur Seite. Jakob, der eine solche

Absicht vermuthete, hatte schon ein Dragonerregiment unter dem Commando

Sir Neill's O'Neill nach der Brücke abgesandt. O'Neill benahm sich als

tapferer Offizier, wurde aber bald tödtlich verwundet; seine Leute

ergriffen die Flucht, und der rechte Flügel der Engländer ging über den

Fluß.

Diese Bewegung beunruhigte Lauzun. Wie, wenn der englische rechte

Flügel in den Rücken der Armee Jakob's gelangte? Ungefähr vier Meilen

südlich vom Boyne lag ein Ort Namens Duleek, wo die Straße nach Dublin

so schmal war, daß nicht zwei Wagen einander ausweichen konnten, und wo

zu beiden Seiten der Straße ein Sumpf war, der dem Fuße keinen festen

Halt bot. Wenn Meinhart Schomberg diese Stelle besetzte, so war den

Irländern der Rückzug abgeschnitten und sie mußten entweder siegen oder

sich bis auf den letzten Mann niederhauen lassen. In Folge dieser

Befürchtung brach der französische General mit seinen Landsleuten und

mit Sarsfield's Reitern nach der Brücke von Slane auf, und die

Vertheidigung der Furthen bei Oldbridge blieb den Irländern allein

überlassen.

Es war jetzt bald zehn Uhr. Wilhelm stellte sich an die Spitze seines

linken Flügels, der ausschließlich aus Reiterei bestand, und traf

Anstalten, nicht weit oberhalb Drogheda den Fluß zu passiren; das

Centrum seiner Armee, das fast lediglich aus Infanterie bestand, wurde

dem Commando Schomberg's anvertraut und Oldbridge gegenüber aufgestellt.

Bei Oldbridge war die ganze irische Infanterie versammelt, das Meather

Ufer wimmelte von Piken und Bayonetten. Die französischen Ingenieurs

hatten aus den Hecken und Gebäuden eine Fortificationslinie gebildet und

dicht am Wasser eine Brustwehr aufgeworfen.[19] Hier befand sich

Tyrconnel; unter ihm commandirten Richard Hamilton und Antrim.

Schomberg gab die Parole und Solms' Blaue setzten sich zuerst in

Bewegung. Unter Trommelwirbel rückten sie muthig bis an den Rand des

Flusses vor. Dann schwiegen die Trommeln und die Leute gingen zehn Mann

hoch ins Wasser. Nach ihnen stiegen die Regimenter Londonderry und

Enniskillen ins Wasser. Ein wenig links von diesen beiden Regimentern

durchwatete Caillemot an der Spitze einer langen Colonne französischer

Refugiés den Strom. Zur Linken Caillemot's und seiner Refugiés arbeitete

sich das Gros der englischen Infanterie, bis unter die Arme im Wasser,

durch den Fluß. Noch weiter stromabwärts fanden die Dänen noch eine

Furth. Binnen wenigen Minuten war der Boyne eine Viertelmeile weit mit

Gewehren und grünen Zweigen bedeckt.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16. · 第 12 / 22 段