der König nach Irland ab. Prinz Georg hatte seine Dienste angeboten,
hatte sich mit einem großen Kostenaufwande equipirt und erwartete mit
Gewißheit, einen Platz im Wagen des Königs zu erhalten. Aber Wilhelm,
der sich von der Unterhaltung mit Sr. Königlichen Hoheit wenig Vergnügen
oder Nutzen versprach und der selten etwas auf Zuvorkommenheiten gab,
wählte Portland zum Reisegesellschafter und schien während dieses ganzen
ereignißvollen Feldzuges von der Anwesenheit des Prinzen nicht die
geringste Notiz zu nehmen.[141] Wäre Georg sich allein überlassen
gewesen, so würde er die Kränkung schwerlich bemerkt haben. Aber wenn
auch er selbst zu stumpfsinnig war, um so etwas zu fühlen, so fühlte
seine Gemahlin für ihn, und ihr Haß wurde durch Unheilstifter von nicht
gewöhnlicher Geschicklichkeit fortwährend angeschürt. Bei dieser, wie
bei mancher andren Gelegenheit erwiesen sich die Mängel von Wilhelm's
Character als sehr nachtheilig für die hochwichtigen Interessen, die er
zu wahren hatte. Seine Regierung würde viel glücklicher gewesen sein,
wenn er neben seinem Muthe, seiner Capacität und seiner Seelengröße ein
wenig von der ungezwungenen Heiterkeit und Courtoisie seines Oheims Karl
besessen hätte.
Am vierten Tage traf der König in Chester ein, wo eine Flotte von
Transportschiffen das Zeichen zum Absegeln erwartete. Am 11. Juni
schiffte er sich ein und wurde von einem Geschwader von Kriegsschiffen
unter den Befehlen Sir Cloudesley Shovel's über den St. Georgskanal
begleitet.[142]
[_Crone's Prozeß._] Der Monat, welcher auf Wilhelm's Abreise von London
folgte, war einer der ereignißreichsten und angstvollsten in der ganzen
Geschichte England's. Wenige Stunden nachdem er aufgebrochen, wurde
Crone vor die Schranke der Old Bailey gestellt. Eine große Anzahl
Richter saß auf der Bank. Fuller hatte sich wieder hinreichend erholt,
um vor Gericht erscheinen zu können, und der Prozeß begann. Die
Jakobiten waren unermüdlich in ihren Anstrengungen gewesen, die
politische Meinung der Personen zu ermitteln, deren Namen auf der
Geschwornenliste standen. Es wurden so viele verworfen, daß es einige
Mühe machte, die erforderliche Zahl von zwölfen zusammenzubringen, und
unter diesen zwölf war nur einer, auf den die Mißvergnügten sich
verlassen zu können glaubten. Sie irrten sich darin auch nicht ganz,
denn dieser Mann hielt sich gegen seine elf Collegen die ganze Nacht und
den halben folgenden Tag, und er würde sie wahrscheinlich durch Hunger
zum Nachgeben gezwungen haben, wäre nicht Mrs. Clifford, die mit ihm im
Einverständniß war, dabei betroffen worden, wie sie ihm Confect durch
das Fenster zuwarf. Da er nichts mehr zu essen bekam, gab er nach und es
erfolgte das Verdict Schuldig, das angeblich zweien von den Geschwornen
das Leben gekostet haben soll. Es wurde nun sofort auf Sistirung des
Urtheils angetragen, und zwar auf den Grund hin, weil ein auf der
Rückseite der Anklageschrift stehendes lateinisches Wort unrichtig
geschrieben war. Dies war allerdings ein nichtssagender Einwand.
Jeffreys würde denselben ohne weiteres durch einen Strom von Flüchen
verworfen haben und zu dem angenehmsten Theile seiner Amtspflicht
übergegangen sein: dem Gefangenen die ganze Procedur des Halbhängens,
Ausweidens, Verstümmelns und Viertheilens zu beschreiben. Aber Holt und
seine Collegen erinnerten sich, daß sie jetzt zum ersten Male seit der
Revolution einen des Hochverraths Angeklagten aburtheilten. Es war daher
nöthig, in einer nicht mißzuverstehenden Weise zu zeigen, daß eine neue
Aera begonnen hatte und daß die Tribunale in Zukunft eher auf Seite der
Humanität irren als das Beispiel der grausamen Eile und Leichtfertigkeit
nachahmen würden, womit Cornish, als er vor Gericht um sein Leben
kämpfte, von servilen Richtern zum Schweigen gebracht wurde. Die
Verkündigung des Urtels wurde daher aufgeschoben, es wurde ein Tag zur
Erwägung des von Crone erhobenen Einwandes festgesetzt und der Anwalt
des Angeklagten bedeutet, seine Beschwerde einzureichen. »Dies würde
unter keiner der beiden letzten Regierungen geschehen sein, Mr. Crone,«
sagte der Lord Oberrichter mit bedeutungsvoller Miene. Nach
vollständiger Anhörung der Betheiligten erklärten die Richter einstimmig
den Schreibfehler für unwesentlich, und der Gefangene wurde zum Tode
verurtheilt. Er erkannte an, daß sein Prozeß unparteiisch geführt worden
sei, dankte den Richtern für ihre Geduld und bat sie, sich bei der
Königin für ihn zu verwenden.[143]
Er wurde bald benachrichtigt, daß sein Schicksal in seiner Hand liege.
Die Regierung war geneigt, ihn zu begnadigen, wenn er sich dessen durch
ein unumwundenes Geständniß würdig machen wollte. Der Kampf in seinem
Innern war furchtbar und zweifelhaft. Einmal berichtete Mrs. Clifford,
welche Zutritt in seine Zelle hatte, den jakobitischen Oberhäuptern, daß
er in großer Seelenangst sei. Er könne nicht sterben, sollte er gesagt
haben, er sei zu jung, um ein Märtyrer zu werden.[144] Am nächsten
Morgen fand sie ihn heiter und entschlossen.[145] Er hielt sich bis zum
Vorabende des zu seiner Hinrichtung festgesetzten Tages; da ließ er
endlich um eine Unterredung mit dem Staatssekretär bitten. Nottingham
begab sich nach Newgate; aber noch ehe er daselbst ankam, war Crone
schon wieder andren Sinnes geworden und entschlossen nichts zu sagen.
»Dann,« sagte Nottingham, »sehe ich Sie nicht wieder; denn der morgende
Tag ist ganz bestimmt Ihr letzter.« Nachdem jedoch Nottingham sich
entfernt hatte, kam Monmouth in's Gefängniß, und er schmeichelte sich,
den Entschluß des Gefangenen erschüttert zu haben. Spät in dieser Nacht
kam der Befehl, die Execution um acht Tage zu verschieben.[146] Die
Woche verging jedoch, ohne daß der Gefangene Enthüllungen machte; der
Galgen und der Block zum Viertheilen waren in Tyburn bereit, Strang und
Beil harrten am Thore von Newgate, ganz Holborn Hill und die Straße nach
Oxford waren mit Schaulustigen bedeckt: da brachte ein Bote einen neuen
Aufschub, und Crone wurde, anstatt nach dem Richtplatze geschleift zu
werden, in das Berathungszimmer nach Whitehall gebracht. Seine
Standhaftigkeit war endlich durch die nahe Aussicht auf den Tod besiegt
worden, und er gab bei dieser Gelegenheit wichtige Aufschlüsse.[147]
[_Gefahr einer Invasion und Insurrection. Tourville's Flotte im Kanal._]
Solcher Enthüllungen wie er sie zu geben vermochte, bedurfte man
allerdings in diesem Augenblicke sehr dringend, denn man erwartete
stündlich eine Invasion und einen Aufstand.[148] Wilhelm war kaum von
London abgereist, als eine große französische Flotte unter den Befehlen
des Grafen von Tourville den Hafen von Brest verließ und in den
britischen Kanal einlief. Tourville war der beste Marinecommandeur, den
sein Vaterland damals besaß. Er hatte alle Zweige seines Berufs studirt.
Man sagte von ihm, daß er befähigt sei, jeden Posten an Bord
auszufüllen, vom Schiffszimmermann bis hinauf zum Admiral, sowie auch
daß er mit dem unerschrockenen Muthe eines Seemannes die
Liebenswürdigkeit und Artigkeit eines vollendeten Cavaliers
verbinde.[149] Er segelte jetzt nach der englischen Küste und kam
derselben so nahe, daß seine Schiffe auf den Wällen von Plymouth
deutlich gesehen werden konnten. Von Plymouth steuerte er langsam die
Küste von Devonshire und Dorsetshire entlang, und man hatte starken
Grund zu der Befürchtung, daß seine Bewegungen mit den englischen
Mißvergnügten verabredet waren.[150]
Die Königin und ihr Cabinetsrath beeilten sich Maßregeln zur
Vertheidigung des Landes gegen fremde wie einheimische Feinde zu
treffen. Torrington übernahm das Kommando der in den Dünen liegenden
Flotte und segelte nach St. Helen, wo er sich mit einem holländischen
Geschwader unter Evertsen's Commando vereinigte. Es hatte den Anschein
als würden die Klippen der Insel Wight Zeugen eines der größten
Seetreffen werden, von denen uns die Geschichte erzählt. Hundertfunfzig
Linienschiffe konnten auf dem Wachtthurme von St. Catharine gezählt
werden. Oestlich von der westlichen Küstenwand von Black Gang Chine und
im Angesicht der reich bewaldeten Felsen von St. Lawrence und Ventnor
war die vereinigte Seemacht England's und Holland's aufgestellt.
Westlich bis zu dem weißen Vorgebirge, wo die Wogen zwischen den Nadeln
brausen, lag die französische Flotte.
[_Verhaftung verdächtiger Personen._] Es war am 26. Juni, noch nicht
vierzehn Tage nachdem Wilhelm nach Irland abgesegelt war, als die
feindlichen Flotten diese Stellungen einnahmen. Wenige Stunden vorher
war in Whitehall eine wichtige und angstvolle Sitzung des Geheimen Raths
gehalten worden. Die mit Frankreich verbündeten Mißvergnügten waren
wachsam und voll der besten Hoffnung. Marie hatte auf ihrer Spazierfahrt
bemerkt, daß es in Hydepark von ihnen wimmelte. Der ganze Staatsrath war
der Meinung, daß es nothwendig sei, einige Personen, von deren Schuld
die Regierung Beweise habe, zu verhaften. Als Clarendon genannt wurde,
sprach sein Freund und Verwandter, Sir Heinrich Capel, einige Worte zu
seinen Gunsten. Die anderen Räthe stutzten, blieben aber still, denn es
war keine angenehme Aufgabe, einen Verwandten der Königin in ihrer
Anwesenheit anzuklagen. Marie hatte bisher in den Sitzungen des Geheimen
Raths kaum ein Mal den Mund geöffnet; jetzt aber, wo sie klare Beweise
von der Verrätherei ihres Oheims von seiner eignen Hand besaß und wußte,
daß nur die Achtung vor ihrer Person ihre Rathgeber abhielt, etwas zu
beantragen, was das öffentliche Wohl erheischte, brach sie ihr
Stillschweigen. »Sir Henry,« sagte sie, »ich weiß, und jeder der hier
anwesenden weiß so gut wie ich, daß zuviel gegen Mylord Clarendon
vorliegt, als daß man ihn frei ausgehen lassen könnte.« Der
Verhaftsbefehl wurde aufgesetzt und Capel unterzeichnete ihn wie alle
Uebrigen. »Ich bin besorgter um Lord Clarendon,« schrieb Marie an ihren
Gemahl, »als man vielleicht glaubt.« Noch denselben Abend wurden
Clarendon und mehrere andere angesehene Jakobiten im Tower
einquartiert.[151]
[_Torrington erhält Befehl, Tourville eine Schlacht zu liefern._] Als
der Geheimerath seine Sitzung aufgehoben, hatte die Königin mit dem
Neunerrath eine Frage von größter Wichtigkeit zu erwägen. Welche Befehle
sollten Torrington übersandt werden? Das Wohl des Staats konnte von
seinem Urtheil und von seiner Geistesgegenwart abhängen, und einige von
Mariens Rathgebern fürchteten, daß er der Situation nicht gewachsen sei.
Ihre Besorgniß nahm zu, als die Nachricht kam, daß er die Küste der
Insel Wight den Franzosen preisgegeben habe und sich vor ihnen in der
Richtung der Meerenge von Dover zurückziehe. Der scharfsichtige
Caermarthen und der unternehmende Monmouth tadelten übereinstimmend
diese Vorsichtstaktik. Torrington hatte zwar nicht so viele Schiffe als
Tourville, aber Caermarthen war der Ansicht, daß es in einem solchen
Augenblicke rathsam sei selbst gegen eine Uebermacht zu kämpfen, und
Monmouth war während seines ganzen Lebens dafür, zu jeder Zeit und gegen
jede Uebermacht zu kämpfen. Russell, der unbestreitbar einer der besten
Seeleute seines Jahrhunderts war, meinte, die Ungleichheit der Zahlen
sei nicht so groß, um einem Offizier, der englische und holländische
Marinesoldaten befehligte, Besorgniß einzuflößen. Er schlug deshalb vor,
dem Admiral einen Verweis zukommen zu lassen, der in so nachdrücklichen
Worten abgefaßt war, daß die Königin sich nicht entschließen konnte, ihn
zu unterschreiben. Die Ausdrücke wurden zwar bedeutend gemildert, in der
Hauptsache aber wurde Russell's Rath befolgt. Torrington erhielt
bestimmten Befehl, sich nicht weiter zurückzuziehen und unverweilt eine
Schlacht zu liefern. Devonshire war damit noch nicht zufriedengestellt.
»Es ist meine Pflicht, Madame,« sagte er, »Ihrer Majestät unverhohlen zu
sagen, wie ich über eine Angelegenheit von solcher Wichtigkeit denke,
und ich denke, daß Mylord Torrington nicht der Mann ist, in dessen Hände
man das Geschick dreier Königreiche legen kann.« Devonshire hatte Recht;
aber seine Collegen waren einstimmig der Meinung, daß es sehr gefährlich
sein würde, einen Befehlshaber Angesichts des Feindes und am Vorabend
einer allgemeinen Schlacht abzusetzen, und man kann schwerlich sagen,
daß sie Unrecht hatten. »Sie müssen ihn entweder lassen wo er ist,«
sagte Russell, »oder ihn als Gefangenen zurückholen lassen.« Es wurden
mehrere Auswege angedeutet. Caermarthen schlug vor, Russell zur
Unterstützung Torrington's abzusenden. Monmouth bat dringend um die
Erlaubniß, zur Flotte abgehen zu dürfen, gleichviel in welcher
Eigenschaft, als Kapitain oder als Freiwilliger. »Lassen Sie mich nur
erst an Bord sein,« sagte er, »und ich setze meinen Kopf zum Pfande, daß
es zur Schlacht kommt.« Nach langem Hin- und Herreden und Zaudern wurde
beschlossen, daß Russell und Monmouth nach der Küste abgehen
sollten.[152] Sie reisten ab, aber es war zu spät. Die Depesche welche
Torrington befahl zu kämpfen, war ihnen vorausgeeilt. Er erhielt
dieselbe, als er sich auf der Höhe von Beachy Head befand. Nachdem er
sie gelesen, war er in großer Verlegenheit. Lieferte er keine Schlacht,
so machte er sich eines directen Ungehorsams schuldig. Lieferte er eine
Schlacht, so lief er seiner Ansicht nach große Gefahr, geschlagen zu
werden. Er vermuthete wahrscheinlich, -- denn er war argwöhnischen und
neidischen Characters, -- daß die Instructionen, die ihn in ein so
peinliches Dilemma brachten, von Feinden und Nebenbuhlern in der Absicht
entworfen waren, seinem Glücke und seinem Rufe zu schaden. Besonders
erbitterte ihn der Gedanke, daß er sich von Russell hofmeistern lassen
sollte, der ihm im Range nachstand, gleichwohl aber als Mitglied des
Neunerraths eine Oberaufsicht über alle Zweige des öffentlichen Dienstes
ausübte. Es scheint kein Grund vorhanden, Torrington des Mangels an
gutem Willen zu beschuldigen, und noch weniger kann man annehmen, daß es
einem Offizier, der sein ganzes Leben unter Gefahren hingebracht und der
sich stets tapfer benommen, an dem persönlichen Muthe gefehlt haben
sollte, den Hunderte von Matrosen auf jedem von ihm befehligten Schiffe
besaßen. Aber es giebt einen höheren Muth, der Torrington gänzlich
abging. Er scheute jede Verantwortlichkeit, die Verantwortlichkeit des
Kämpfens wie die Verantwortlichkeit des Nichtkämpfens, und es gelang
ihm, einen Mittelweg zu finden, der alle Nachtheile, denen er ausweichen
wollte, in sich vereinigte. Er wollte dem Buchstaben seiner
Instructionen nachkommen, wollte aber nicht Alles aufs Spiel setzen.
Einige von seinen Schiffen sollten mit dem Feinde scharmützeln, die
Hauptmacht seiner Flotte aber sollte nicht gefährdet werden. Es lag auf
der Hand, daß die Schiffe, welche mit den Franzosen anbanden, in eine
höchst gefährliche Situation kommen mußten und große Verluste zu
erwarten hatten, und man hat nur zu guten Grund zu glauben, daß
Torrington schändlich genug war, seine Anordnungen so zu treffen, daß
Gefahr und Verlust fast ausschließlich auf die Holländer fielen. Er
konnte sie nicht leiden und sie waren in England so unpopulär, daß die
Vernichtung ihres ganzen Geschwaders sehr wahrscheinlich geringeres
Murren erregt haben würde als die Wegnahme einer von unseren eigenen
Fregatten.
[_Schlacht bei Beachy Head._] Es war am 29. Juni, als der Admiral den
Befehl zum Losschlagen erhielt. Am folgenden Tage, um vier Uhr Morgens
rückte er gegen die französische Flotte vor und formirte seine Schiffe
in Schlachtordnung. Er hatte keine sechzig Linienschiffe, während die
Franzosen deren mindestens achtzig hatten, aber seine Schiffe waren
stärker bemannt als die des Feindes. Er placirte die Holländer ins
Vordertreffen und gab ihnen das Zeichen zur Eröffnung des Feuers. Diesem
Befehl wurde prompt Folge geleistet und Evertsen und seine Landsleute
kämpften mit einem Muthe, dem sowohl ihre englischen Verbündeten wie
ihre französischen Feinde trotz nationaler Vorurtheile volle
Gerechtigkeit widerfahren ließen. In keiner der Schlachten Van Tromp's
oder De Ruyter's war die Ehre der batavischen Flagge glänzender
behauptet worden. Mehrere Stunden lang hielt das Vordertreffen den
ungleichen Kampf mit sehr geringer Unterstützung von Seiten irgend eines
andren Theiles der Flotte aus, bis endlich der holländische Admiral sich
zurück zog, dem Feinde einen zerschossenen und entmasteten Rumpf
überlassend. Sein Nächster im Commando und mehrere hohe Offiziere waren
gefallen. Nach diesem unglücklichen und schimpflichen Gefecht war es
unmöglich, die See gegen die Franzosen zu behaupten. Die holländischen
Schiffe, welche aus dem Treffen zurückkehrten, waren in einem kläglichen
Zustande. Torrington ließ einige derselben zerstören, nahm die übrigen
ins Schlepptau und floh dann die Küste von Kent entlang, um in der
Themse eine Zuflucht zu suchen. Sobald er im Flusse war, ließ er alle
Bojen entfernen und machte dadurch die Schifffahrt so gefährlich, daß
die Verfolger es nicht wagen durften ihm nachzukommen.[153]
Viele und insbesondere die französischen Minister, waren jedoch der
Meinung, daß die alliirte Flotte hätte vernichtet werden können, wenn
Tourville unternehmender gewesen wäre. Er scheint in einem Punkte nur zu
große Aehnlichkeit mit seinem besiegten Gegner gehabt zu haben. Obwohl
persönlich tapfer, war er doch ein ängstlicher Commandeur. Sein Leben
setzte er mit sorgloser Heiterkeit aufs Spiel, aber man sagte er sei
krankhaft ängstlich und kindisch vorsichtig, wenn sein Ruf als Seemann
gefährdet sei. Diese Vorwürfe verdrossen ihn so sehr, daß er zum Unglück
für sein Vaterland bald bis zur Verwegenheit kühn wurde.[154]
[_Aufregung in London._] London hat kaum jemals einen so traurigen Tag
erlebt als den, an welchem die Nachricht von der Schlacht bei Beachy
Head eintraf. Die Schande war unerträglich und die Gefahr drohend. Wie,
wenn der siegreiche Feind das that was De Ruyter gethan hatte? Wie, wenn
die Seemagazine von Chatham wieder zerstört wurden? Wie, wenn der Tower
selbst bombardirt werden sollte? Wie, wenn der große Wald von Masten und
Raaen unterhalb der Londonbrücke in Flammen aufging?
[_Schlacht bei Fleurus._] Und dies war noch nicht Alles. Auch aus
den Niederlanden waren so eben schlimme Nachrichten eingelaufen. Die
verbündeten Truppen unter Waldeck hatten in der Nähe von Fleurus die
Franzosen unter den Befehlen des Herzogs von Luxemburg angegriffen. Man
hatte lange und heftig um die Palme des Siegs gestritten; doch endlich
hatte die Geschicklichkeit des französischen Generals und die ungestüme
Tapferkeit der französischen Cavallerie die Oberhand behalten.[155] So
war zu gleicher Zeit die Armee Ludwig's in Flandern siegreich und seine
Flotte im unbestrittenen Besitz des Kanals. Der Marschall Humieres lag
mit einer ansehnlichen Streitmacht nicht weit von der Meerenge von
Dover. Es war ausgesprengt worden, daß er im Begriff stehe, sich mit
Luxemburg zu verbinden. Die Mittheilungen aber, welche die englische
Regierung von geschickten Militärs in den Niederlanden und von Spionen
unter den Jakobiten erhielt und die einem so großen Meister in der
Kriegskunst wie Marlborough ernster Beachtung werth schienen, lauteten
dahin, daß die Armee Humieres' unverzüglich nach Dünkirchen marschiren
und dort von der Flotte Tourville's an Bord genommen werden würde.[156]
Zwischen der Küste von Artois und der Nore durfte kein einzelnes
Schiff, das das rothe Kreuz des Heiligen Georg in seiner Flagge
führte, sich zu zeigen wagen. Die Einschiffung konnte binnen wenigen
Stunden bewerkstelligt sein und ein paar weitere Stunden genügten zur
Ueberfahrt. So konnte London jeden Augenblick durch die Nachricht
erschreckt werden, daß dreißigtausend französische Veteranen in Kent
gelandet seien und daß die Jakobiten der Hälfte der Grafschaften des
Königreichs unter den Waffen ständen. Sämmtliche reguläre Truppen,
welche zur Vertheidigung der Insel ausgebracht werden konnten, beliefen
sich auf nicht mehr als zehntausend Mann. Es darf bezweifelt werden, ob
unser Vaterland jemals eine beunruhigendere Krisis durchgemacht hat als
die der ersten Juliwoche des Jahres 1690.
[_Geist der Nation._] Doch das Uebel brachte sein Heilmittel selbst mit
sich. Der kannte England schlecht, der da glaubte, daß es zu gleicher
Zeit von einem Aufstande und von einer Invasion bedroht sein könnte,
denn die Gefahr einer Invasion war eigentlich die beste Sicherheit gegen
die Gefahr eines Aufstandes. Die Sache Jakob's war die Sache
Frankreich's und obgleich in den Augen flüchtiger Beobachter die
französische Allianz seine Hauptstütze zu sein schien, so war sie doch
in Wirklichkeit gerade das Hinderniß, das seine Restauration unmöglich
machte. In dem Patriotismus, dem nur zu oft unfreundlichen und
ungeselligen Patriotismus unserer Vorfahren lag zu gleicher Zeit das
Geheimniß von Wilhelm's Schwäche und von seiner Stärke. Sie waren
eifersüchtig auf seine Liebe zu Holland, aber sie sympathisirten
aufrichtig mit seinem Hasse gegen Ludwig. Ihrem starken Nationalgefühle
müssen fast alle die kleinen Widerwärtigkeiten zugeschrieben werden,
welche den Thron des Befreiers von seinem Regierungsantritte bis zu
seinem Tode zu einem so unbehaglichen Sitze machten. Dem nämlichen
Gefühle aber ist es auch zuzuschreiben, daß sein Thron, obgleich
fortwährend bedroht und oft erschüttert, doch niemals umgestürzt wurde.
Denn so sehr auch sein Volk seine fremden Günstlinge haßte, seine
fremden Feinde haßte es noch mehr. Die Holländer waren Protestanten, die
Franzosen waren Papisten; die Holländer wurden als selbstsüchtige,
habgierige, übermüthige Alliirte betrachtet, die Franzosen waren
Todfeinde. Das Schlimmste was von den Holländern zu befürchten stand,
war, daß sie einen zu großen Antheil an dem Patronat der Krone erlangen,
daß sie einen zu großen Theil der Kriegslasten auf uns wälzen, daß sie
auf unsere Kosten commercielle Vortheile erlangen konnten. Die Franzosen
aber konnten uns besiegen; die Franzosen konnten uns zu Sklaven machen;
die Franzosen konnten Drangsale über uns bringen gleich denen, welche
die schönen Gefilde und Städte der Pfalz in eine Wüste verwandelt
hatten. Es konnte den Hopfenpflanzungen von Kent ergehen wie es den
Weinbergen am Neckar ergangen war. Die High Street von Oxford und der
Domplatz von Salisbury konnten mit Trümmern bedeckt werden wie die,
welche die Stätten bedeckten, wo einst die Paläste und Kirchen
Heidelberg's und Mannheim's gestanden hatten. Das von dem alten
Kirchthurm beschattete Pfarrhaus, die zwischen Bienenkörben und
blühenden Apfelbäumen hervorblickende Pächterwohnung, das von hohen
Ulmen umgebene gutsherrliche Schloß konnten einer Soldateska
preisgegeben werden, die von Mitleid gegen gebrechliche Greise, gegen
zarte Frauen und gegen Säuglinge nichts wußte. Die Worte: »Die Franzosen
kommen!« unterdrückten sofort alles Murren über Abgaben und Mißbräuche,
über Wilhelm's unfreundliches Wesen und Portland's einträgliche Stellen,
und erweckten einen eben so hohen und unbesiegbaren Muth, wie er hundert
Jahre früher die Reihen beseelte, welche Elisabeth bei Tilbury musterte.
Wäre die Armee Humieres' gelandet, so würde ihr sicherlich fast jedes
männliche Individuum, das fähig war, die Waffen zu tragen,
entgegengetreten sein. Nicht nur die Gewehre und Piken, sondern auch die
Sensen und Heugabeln würden noch nicht hingereicht haben für die
Hunderttausende, die sich, jeden Glaubens- und Parteiunterschied
vergessend, wie ein Mann erhoben haben würden, um den englischen Boden
zu vertheidigen.