Berathungen pflog, häuften die auf dem Lande wohnenden Jakobiten Waffen
auf, hielten Musterungen und formirten sich in Compagnien, Schwadronen
und Regimenter. In Worcestershire zeigten sich beunruhigende Symptome.
In Lancashire hatten viele Gentlemen von Jakob ausgestellte
Offizierpatente erhalten, nannten sich Obersten und Hauptleute und
entwarfen lange Listen von Unteroffizieren und Gemeinen. Briefe aus
Yorkshire brachten die Nachricht, daß starke Männerschaaren, die sich in
keiner guten Absicht versammelt zu haben schienen, auf den Sümpfen bei
Knaresborough gesehen worden seien. Briefe aus Newcastle berichteten von
einem großen Wettballspiele, das in Northumberland gehalten worden sei
und von dem man stark vermuthe, das es nur als Vorwand zu einer
Versammlung der Mißvergnügten gedient habe. Es sollten sich unter der
Menge hundertfunfzig wohl berittene und bewaffnete Reiter befunden
haben, von denen viele Papisten gewesen wären.[124]
Unterdessen gingen Briefpackete voll Verrath zwischen Kent und der
Picardie und zwischen Wales und Irland beständig hin und her. Einige der
Boten waren aufrichtige Fanatiker, andere aber waren bloße Miethlinge,
welche aus den ihnen zur Besorgung anvertrauten Geheimnissen Gewinn
zogen.
[_Die Jakobiten von Fuller verrathen._] Der interessanteste unter diesen
zweifachen Verräthern war Wilhelm Fuller. Dieser Mann hat uns selbst
erzählt, daß ihm in seiner Kindheit ein Buch in die Hände gefallen sei,
das eine Beschreibung des verbrecherischen Lebens und des entsetzlichen
Todes Dangerfield's enthielt. Die Phantasie des Knaben wurde dadurch
erhitzt; er verschlang das Buch und lernte es fast auswendig; eine
seltsame Ahnung stieg in ihm auf und verfolgte ihn seitdem beständig,
daß sein Schicksal dem des schändlichen Abenteurers gleichen werde,
dessen Geschichte er so eifrig gelesen hatte.[125] Man hätte meinen
sollen, daß die Aussicht, mit zerfleischtem Rücken und ausgeschlagenem
Auge in Newgate zu sterben, eben nicht viel Lockendes gehabt haben
könnte; allein die Erfahrung lehrt, daß es überspannte Köpfe giebt, für
welche eine gewisse Berühmtheit, selbst wenn sie mit Schmerz und Schande
begleitet ist, einen unwiderstehlichen Reiz hat. Von diesem
verwerflichen Ehrgeize beseelt, erreichte Fuller sein Vorbild und
übertraf es vielleicht noch. Er war im römisch-katholischen Glauben
erzogen und war Page bei Lady Melfort gewesen, als Lady Melfort als eine
der schönsten Frauen im Hofstaate Mariens von Modena in Whitehall
glänzte. Nach der Revolution begleitete er seine Gebieterin nach
Frankreich, wurde wiederholt zu delikaten und gefährlichen Aufträgen
verwendet und galt in Saint-Germains für einen treuen Diener des Hauses
Stuart. In Wirklichkeit aber hatte er sich auf einer seiner Reisen nach
London der neuen Regierung verkauft und den Glauben abgeschworen, in
welchem er erzogen war. Die Ehre, wenn man es so nennen darf, aus einem
werthlosen Papisten einen werthlosen Protestanten aus ihm gemacht zu
haben, schrieb er mit characteristischer Unverschämtheit der klaren
Logik und dem tadellosen Wandel Tillotson's zu.
Im Frühjahr 1690 wünschte Marie von Modena ihren Correspondenten in
London einige sehr wichtige Depeschen zukommen zu lassen. Da diese
Depeschen zu voluminös waren um in den Kleidern eines einzelnen Boten
verborgen werden zu können, mußte man sich zweier Vertrauten bedienen.
Der Eine war Fuller, der Andre war ein eifriger junger Jakobit, Namens
Crone. Vor ihrer Abreise erhielten sie noch genaue Instructionen von der
Königin selbst. Bei einer gewöhnlichen Untersuchung war an ihnen kein
Schnitzchen Papier zu entdecken; aber ihre Knöpfe enthielten mit
unsichtbarer Tinte geschriebene Briefe.
Das Paar reiste nach Calais. Der Gouverneur dieser Stadt lieferte ihnen
ein Boot, das sie unter dem Schutze der Nacht an der flachen und
sumpfigen Küste von Kent unweit des Leuchtthurmes von Dungeneß absetzte.
Von hier gingen sie nach einer Meierei, verschafften sich Pferde und
schlugen verschiedene Wege nach London ein. Fuller eilte nach Schloß
Kensington und überreichte dem Könige die ihm anvertrauten Papiere. Der
erste Brief, den Wilhelm entfaltete, schien nur überschwengliche
Complimente zu enthalten; aber es wurden Holzkohlen angezündet und eine
den damaligen Diplomaten wohlbekannte Flüssigkeit auf das Papier
gebracht; das Zimmer füllte sich mit einem übelriechenden Dampfe und
Zeilen sehr ernsten Inhalts begannen sichtbar zu werden.
[_Crone verhaftet._] Die Hauptsache war jetzt vor Allem, daß man Crone's
habhaft zu werden suchte. Unglücklicherweise hatte er Zeit gehabt, seine
Briefe abzugeben, bevor er festgenommen wurde; aber man hatte ihm eine
Schlinge gelegt, in die er leicht ging. Die aufrichtigen Jakobiten waren
im Allgemeinen sehr unzuverlässige Verschwörer; es gab unter ihnen eine
ungewöhnlich große Anzahl Dummköpfe, Prahler und Schwätzer, und dazu
gehörte auch Crone. Wäre er klug und vorsichtig gewesen, so würde er
öffentliche Orte gemieden, seine Zunge streng bewacht und sich bei
Tische mit einer Flasche begnügt haben. Anstatt dessen sahen die Agenten
der Regierung, wie er an einer Wirthshaustafel in Gracechurch Street auf
die Gesundheit König Jakob's trank und bombastisch von der kommenden
Restauration, von der französischen Flotte und den Tausenden
rechtschaffener Engländer sprach, welche nur das Zeichen erwarteten, um
sich für ihren rechtmäßigen Souverain bewaffnet zu erheben. Er wurde in
das Sekretariatsbureau nach Whitehall gebracht. Anfangs schien er ganz
ruhig und unbefangen zu sein; als er aber unter den Umstehenden Fuller
in Freiheit und elegant gekleidet, mit einem Degen an der Seite
erblickte, sank dem Gefangenen der Muth und er war kaum im Stande ein
Wort hervorzubringen.[126]
Die Nachricht, daß Fuller als Königszeuge aufgetreten, Crone verhaftet
und Wilhelm wichtige Briefe aus Saint-Germains in die Hände gefallen
seien, flog rasch durch ganz London und verbreitete Schrecken unter
Allen, die sich schuldig fühlten.[127] Allerdings war die Aussage eines
Zeugen, wäre dieser Zeuge auch ein achtbarerer Mann als Fuller gewesen,
gesetzlich nicht hinreichend, um Jemanden des Hochverraths zu
überführen. Aber Fuller hatte die Sache so einzurichten gewußt, daß
mehrere Zeugen vorgeführt werden konnten, die seine Aussage gegen Crone
bestärkten, und wenn Crone in der Todesangst Fuller's Beispiel
nachahmte, so fielen die Köpfe der Oberhäupter der Verschwörung in die
Gewalt der Regierung. Der Muth der Jakobiten wuchs jedoch, als sie
erfuhren, daß Crone, obgleich zu wiederholten Malen von Denen verhört,
die ihn in ihrer Gewalt hatten, und obgleich überzeugt, daß nichts als
ein offenes Geständniß ihm das Leben retten konnte, ein entschlossenes
Stillschweigen bewahrt habe. Welchen Eindruck eine Verurtheilung und die
nahe Aussicht des Todes auf ihn machen würde, stand noch zu erwarten.
Seinen Complicen war durchaus nichts daran gelegen, daß seine
Standhaftigkeit auf eine so harte Probe gestellt werde, und sie wendeten
daher eine Menge erlaubter und unerlaubter Kunstgriffe an, um eine
Ueberführung zu hintertreiben. Eine Frau, Namens Clifford, bei der er
gewohnt hatte und die einer der thätigsten und schlauesten Agenten der
jakobitischen Partei war, wurde mit dem Geschäft betraut, ihn standhaft
zu erhalten und ihm Dienste zu leisten, vor denen skrupulöse oder
ängstliche Agenten zurückgeschreckt sein würden. Als der gefürchtete Tag
kam, war Fuller zu unwohl, um in der Zeugenloge zu erscheinen und die
Sitzung wurde daher verschoben. Er behauptete, daß seine Krankheit keine
natürliche sei, daß man ihm in einer Speise etwas Schädliches
beigebracht habe, daß seine Nägel sich entfärbt hätten, daß ihm die
Haare ausfielen und daß geschickte Aerzte ihn für vergiftet erklärten.
Aber solche Geschichten müssen, selbst wenn sie sich auf eine bessere
Autorität als auf die eines Fuller gründen, stets mit großem Mißtrauen
aufgenommen werden.
Während Crone seiner Untersuchung entgegensah, wurde auf dem Wege
zwischen Dover und London ein zweiter Agent des Hofes von
Saint-Germains, Namens Tempest, verhaftet, und er erwies sich als der
Ueberbringer zahlreicher Briefe an Mißvergnügte in England.[128] Es
stellte sich mit jedem Tage klarer heraus, daß der Staat von Gefahren
umgeben war, und doch war es durchaus nothwendig, daß das geschickte und
entschlossene Staatsoberhaupt in diesem kritischen Augenblicke seinen
Posten verließ.
[_Schwierigkeiten Wilhelm's._] Mit peinlicher Besorgniß, die nur ein
Mann wie er unter dem Anschein stoischer Heiterkeit zu verbergen
vermochte, traf Wilhelm seine Anstalten zur Abreise. Marie war tief
bekümmert, und ihr Kummer ging ihm mehr zu Herzen als Diejenigen
ahneten, die aus seinem Benehmen auf den Zustand seines Innern
schlossen.[129] Er wußte auch, daß er sie umringt von Schwierigkeiten,
mit denen zu kämpfen ihre Gewohnheiten sie nicht befähigt hatten,
zurücklassen sollte. Sie bedurfte gewiß beständig einsichtsvollen und
wohlmeinenden Rathes; und wo war solcher Rath zu finden? Es gab zwar
unter seinen Dienern viel tüchtige und auch einige tugendhafte Männer;
aber selbst wenn er anwesend war, hatten ihre politischen und
persönlichen Animositäten nur zu oft sowohl ihre Talente wie ihre
Tugenden nutzlos für ihn gemacht. Konnte man also wohl erwarten, daß die
sanfte Marie im Stande sein werde, den Parteigeist und die
Eifersüchteleien zu zügeln, welche ihr energischer und kluger Gemahl nur
sehr unvollkommen hatte in Schranken halten können? Hätte man das innere
Cabinet, das die Königin unterstützen sollte, ausschließlich aus Whigs
oder aus Tories zusammengesetzt, so würde die halbe Nation unzufrieden
gewesen sein. Bestand es aus Whigs und Tories, so konnte man wieder
gewiß sein, daß beständige Uneinigkeit herrschen werde. Wilhelm befand
sich in einer Lage, die ihm nur die Wahl zwischen verschiedenen Uebeln
ließ.
[_Benehmen Shrewsbury's._] Alle diese Schwierigkeiten wurden noch
vermehrt durch das Benehmen Shrewsbury's. Das Studium des Characters
dieses Mannes ist höchst interessant. Er schien das verwöhnte Schooßkind
der Natur wie des Glücks zu sein. Vornehme Geburt, hoher Rang, große
Besitzungen, schöne Talente, umfassende Kenntnisse, angenehme
Persönlichkeit, ungemein anmuthige und gewinnende Manieren vereinigten
sich bei ihm, um ihn zu einem Gegenstande der Bewunderung und des Neides
zu machen. Aber trotz aller dieser Vorzüge hatte er einige moralische
und intellectuelle Eigenheiten, die ihn sich selbst und Allen, welche
mit ihm in Berührung kamen, zur Last machten. Sein Benehmen zur Zeit der
Revolution hatte der Welt eine hohe Meinung nicht nur von seinem
Patriotismus, sondern auch von seinem Muthe, seiner Energie und seiner
Entschiedenheit beigebracht. Doch wahrscheinlich hatten damals seine
jugendliche Begeisterung und die durch öffentliche Sympathie und Beifall
verursachte Freude ihn über sich selbst erhoben. Fast keine andre Epoche
seines Lebens war mit diesem glänzenden Anfang aus einem Gusse. Er war
kaum Staatssekretär geworden, als es sich auch schon zeigte daß seine
Kräfte für einen solchen Posten nicht ausreichten. Die tägliche
Anstrengung, die schwere Verantwortlichkeit, die Täuschungen, die
Kränkungen und der Tadel, welche von der Macht unzertrennlich sind,
brachen seinen Muth, verbitterten seine Gemüthsstimmung und untergruben
seine Gesundheit. Naturen wie die seinige scheinen der aufrechthaltenden
Kraft starker religiöser Grundsätze ganz besonders zu bedürfen, und
leider hatte Shrewsbury, indem er das Joch des Aberglaubens
abschüttelte, in dem er erzogen war, sich auch von heilsameren Banden
befreit, welche seinen von Haus aus schwachen Character vielleicht zur
Festigkeit und Rechtschaffenheit gestählt haben würden. Da er dieser
Stütze entbehrte, war er bei all' seinen ausgezeichneten Gaben ein
schwacher Mensch und konnte trotz vieler liebenswürdiger und gewinnender
Eigenschaften ein braver Mann nicht genannt werden. Um glücklich zu sein
hätte er entweder viel besser oder viel schlechter sein müssen. So wie
er war, kannte er weder den edlen Seelenfrieden, der der Lohn der
Rechtschaffenheit ist, noch den verächtlichen Seelenfrieden, der aus
Schamlosigkeit und Unempfindlichkeit entspringt. Wenige Leute, die so
wenig Kraft hatten, der Versuchung zu widerstehen, haben von Reue und
Scham so grausam gelitten wie er.
Für einen Mann von solchem Character muß die Stellung eines
Staatsministers während des auf die Revolution folgenden Jahres eine
beständige Qual gewesen sein. Die Schwierigkeiten, von denen die
Regierung auf allen Seiten umlagert war, die Böswilligkeit ihrer Feinde,
die Unbilligkeit ihrer Freunde, die Erbitterung mit der die feindlichen
Parteien über einander und über jeden Vermittler, der sie zu trennen
versuchte, herfielen, hätten allerdings auch einen entschlossenen
Character entmuthigen können. Shrewsbury war noch kein halbes Jahr im
Amte, als er Herz und Kopf vollständig verloren hatte. Er begann Briefe
an Wilhelm zu schreiben, von denen sich kaum denken läßt, daß ein so
energischer Fürst sie ohne ein Gemisch von Mitleid und Verachtung
gelesen haben kann. »Ich fühle,« -- dies war der stete Refrain dieser
Episteln -- »daß ich meinem Posten nicht gewachsen bin. Ich bin keiner
Anstrengung mehr fähig. Ich bin nicht mehr der Nämliche, der ich vor
einem halben Jahre war. Meine Gesundheit wird immer schwankender, meine
Seele leidet Folterqualen, mein Gedächtniß ist geschwächt; nur Ruhe und
Zurückgezogenheit kann mich wiederherstellen.« Wilhelm gab freundliche
und besänftigende Antworten, und eine Zeit lang beruhigten diese
Antworten das zerrüttete Gemüth seines Ministers.[130] Endlich aber
versetzten die Auflösung des Parlaments, die allgemeine Wahl, die
Veränderungen in den Friedensrichterstellen und in den Milizen, und
schließlich die Debatten über die beiden Abschwörungsbills Shrewsbury in
einen an Wahnsinn grenzenden Zustand. Er zürnte den Whigs, daß sie den
König schlecht behandelten, und doch zürnte er noch mehr dem Könige, daß
er die Tories begünstigte. In welchem Augenblicke und durch welchen
Einfluß der unglückliche Mann bewogen wurde, einen Verrath zu begehen,
dessen Bewußtsein einen dunklen Schatten auf sein ganzes ferneres Leben
warf, ist nicht genau bekannt. Sehr wahrscheinlich aber ist es, daß
seine Mutter, die, obgleich das verworfenste Weib von der Welt, große
Gewalt über ihn hatte, eine schwache Stunde, wo er erbittert darüber
war, daß man seinen Rath verschmäht und den von Danby und Nottingham
vorgezogen hatte, in verderblicher Weise benutzte. Sie war noch Mitglied
der Kirche, von der ihr Sohn sich losgesagt, und meinte vielleicht
dadurch daß sie ihn von seinen Empörungsgedanken zurückbrachte, die
Verletzung ihres Ehegelübdes und den Mord ihres Gemahls einigermaßen
wieder gut zu machen.[131] Gewiß ist soviel, daß Shrewsbury noch vor
Ende des Frühjahrs 1690 Jakob seine Dienste angeboten und Jakob sie
angenommen hatte. Man verlangte einen Beweis von der Aufrichtigkeit des
Convertiten: er mußte die Siegel aufgeben, die er aus der Hand des
Usurpators angenommen.[132] Es ist wahrscheinlich, daß Shrewsbury seinen
Fehler kaum begangen hatte, als er ihn auch schon zu bereuen begann.
Aber er besaß nicht Characterstärke genug, um auf dem Wege des Bösen
umzukehren. Seine eigne Schändlichkeit verabscheuend, eine Entdeckung
fürchtend, die seiner Ehre verderblich werden mußte, vor dem Weitergehen
eben so wohl wie vor dem Umkehren zurückschreckend, litt er Qualen, an
die man unmöglich ohne Mitleid zurückdenken kann. Die wahre Ursache
seiner Seelenangst war noch ein tiefes Geheimniß; seine inneren Kämpfe
und seine Ansichtswechsel aber waren allgemein bekannt und lieferten der
Stadt einige Wochen lang Stoff zur Unterhaltung. Eines Nachts, als er
eben in sehr aufgeregtem Gemüthszustande mit den Siegeln in der Hand
sich in den Palast begeben wollte, wurde er durch Burnet überredet,
seine Demission noch um einige Stunden zu verschieben. Einige Tage
später wurde Tillotson's Beredtsamkeit zu dem nämlichen Zwecke
angewendet.[133] Drei- oder viermal legte der Earl die Insignien seines
Amtes auf den Tisch des königlichen Cabinets und eben so oft ließ er
sich durch das freundliche Zureden des Gebieters, dem Unrecht gethan zu
haben er sich bewußt war, bewegen, dieselben wieder mit sich zu nehmen.
So verzögerte sich sein Rücktritt bis zum letzten Tage vor der Abreise
des Königs. Die fortwährende Gemüthsbewegung hatte Shrewsbury ein
schleichendes Fieber zugezogen, so daß Bentinck, der noch einen letzten
Versuch machen wollte, ihn zur Fortführung seines Amtes zu bewegen, ihn
im Bett und zu unwohl fand, um mit ihm sprechen zu können.[134] Die so
oft eingereichte Entlassung wurde daher endlich angenommen und einige
Monate lang war Nottingham der einzige Staatssekretär.
[_Der Neunerrath._] Es war keine kleine Vermehrung der Sorgen Wilhelm's,
daß in einem solchen Augenblicke seine Regierung durch diesen Austritt
geschwächt würde. Er that indessen sein Möglichstes mit den ihm noch
verbleibenden Kräften und wählte schließlich neun Mitglieder des
Geheimen Raths, deren Rathschläge Marie befolgen sollte. Vier davon,
Devonshire, Dorset, Monmouth und Eduard Russell, waren Whigs; die
übrigen fünf, Caermarthen, Pembroke, Nottingham, Marlborough und
Lowther, waren Tories.[135]
Wilhelm beschied die Neun in das Bureau des Staatssekretariats. Als sie
hier versammelt waren, trat er mit der Königin ein, ersuchte sie, sich
niederzusetzen und richtete einige ernste und gehaltvolle Worte an sie.
»Es fehlt ihr an Erfahrung,« sagte er; »aber ich hoffe diesem Mangel
abgeholfen zu haben, indem ich Sie zu ihren Rathgebern erwählt. Ich lege
mein Königreich in Ihre Hände. Nichts von den äußeren wie von den
inneren Angelegenheiten soll vor Ihnen geheim gehalten werden. Ich
beschwöre Sie, umsichtig und einig zu sein.«[136] Privatim sagte er
seiner Gemahlin, wie er über den Character der Neun dachte, und aus
ihren Briefen an ihn läßt sich schließen, daß nur wenige darunter waren,
denen er eine hohe Achtung bezeigte. Marlborough sollte ihr Rathgeber in
militärischen Angelegenheiten sein und die Truppen in England
commandiren. Russell, welcher Admiral der blauen Flagge war und zum Lohn
für die Dienste, die er zur Zeit der Revolution geleistet, den
einträglichen Posten des Schatzmeisters der Flotte erhalten hatte,
eignete sich ganz zu ihrem Rathgeber in allen das Seewesen betreffenden
Fragen. Caermarthen aber war ihr als Derjenige bezeichnet, auf den sie
sich bei vorkommender Meinungsverschiedenheit hauptsächlich verlassen
sollte. Caermarthen's Scharfblick und Erfahrung waren unbestreitbar;
seine Grundsätze waren allerdings locker; aber wenn es eine Person in
der Welt gab, von der man annehmen durfte, daß er ihr treu sein werde,
so war diese Person Marie. Er war seit langer Zeit ihr specieller Freund
und Diener; er hatte sich durch das Zustandebringen ihrer Verbindung mit
Wilhelm ihre Gunst in hohem Grade erworben und hatte in der Convention
seinen Eifer für ihre Interessen bis zu einem Punkte getrieben, den sie
selbst als das rechte Maß überschreitend getadelt hatte. Es war daher
aller Grund zu der Hoffnung vorhanden, daß er ihr in dieser kritischen
Zeitperiode mit aufrichtiger Ergebenheit dienen werde.[137]
[_Clarendon's Verhalten._] Einer ihrer nächsten Verwandten war dagegen
einer ihrer bittersten Feinde. Aus den in den Händen der Regierung
befindlichen Beweismittel ging unbestreitbar hervor, daß Clarendon in
die jakobitischen Insurrectionspläne tief verwickelt war. Die Königin
aber wollte durchaus nicht, daß man gegen einen ihrer Verwandten mit
Strenge verfuhr, und Wilhelm, der sich erinnerte, welche Bande sie um
seinetwillen zerrissen und welche Vorwürfe sie sich zugezogen hatte,
überließ bereitwillig Leben und Freiheit ihres Oheims ihrer persönlichen
Fürsprache. Bevor aber der König nach Irland abreiste, sprach er sehr
ernsthaft mit Rochester. »Ihr Bruder,« sagte er zu ihm, »hat gegen mich
conspirirt. Ich bin dessen gewiß, denn ich habe schriftliche Beweise,
die von seiner eignen Hand herrühren. Man drang in mich, ihn nicht mit
in die Begnadigungsacte aufzunehmen, aber ich wollte nicht etwas thun,
was die Königin tief bekümmert haben würde. Um ihretwillen vergebe ich
das Geschehene, aber Mylord Clarendon wird wohl thun in Zukunft
vorsichtiger zu sein, sonst wird er erfahren, daß solche Dinge kein Spaß
sind.« Rochester theilte Clarendon die Ermahnung mit. Clarendon, der in
fortwährender Correspondenz mit Dublin und Saint-Germains stand,
betheuerte, daß es sein einziger Wunsch sei, ruhig zu leben, und daß die
bestehende Regierung, obwohl er wegen der Eide bedenklich gewesen sei,
doch keinen gehorsameren Unterthanen habe als er zu sein sich
vorgenommen.[138]
[_Penn muß Caution erlegen._] Unter den Briefen, welche die Regierung
aufgefangen, befand sich auch einer von Jakob an Penn. Dieser Brief war
zwar kein legaler Beweis dafür, daß der Adressat sich des Hochverraths
schuldig gemacht; aber er erweckte Verdacht, der, wie wir jetzt wissen,
wohl begründet war. Penn wurde vor den Geheimen Rath gestellt und
verhört. Er sagte sehr richtig, daß er Niemanden hindern könne an ihn zu
schreiben und daß er für das was man ihm schreibe, nicht verantwortlich
sei. Dagegen gab er auch zu, daß er durch Bande der Dankbarkeit und
Zuneigung, die kein Wechsel des Glücks lösen könne, an den vorigen König
geknüpft sei. »Ich würde mich freuen, wenn ich ihm in seinen
Privatangelegenheiten einen Dienst leisten könnte, aber ich habe eine
heilige Pflicht gegen mein Vaterland, und deshalb war ich nie so ehrlos,
daß ich nur den Gedanken gehegt hätte, ihn zurückzurufen.« Dies war eine
Lüge und Wilhelm wußte das wahrscheinlich. Doch er wollte nicht streng
gegen einen Mann verfahren, der viele Ansprüche auf Achtung hatte und
der schwerlich ein gefährlicher Verschwörer wurde. Er erklärte sich
daher für befriedigt und schlug vor, den Gefangenen von der Anklage zu
entbinden. Dagegen remonstrirten jedoch einige Mitglieder des Geheimen
Raths und Penn mußte Caution stellen.[139]
[_Unterredung zwischen Wilhelm und Burnet._] Am Tage vor seiner Abreise
ließ Wilhelm Burnet in sein Cabinet kommen und sprach in festem aber
wehmüthigem Tone von den Gefahren, welche das Land von allen Seiten
bedrohten, von der Heftigkeit der streitenden Parteien und von dem
schlechten Geiste, der nur zu viele Mitglieder des Klerus zu beseelen
scheine. »Doch ich vertraue auf Gott. Ich will mein Werk durchführen
oder darin umkommen. Nur um die arme Königin ist mir bange,« und mit
ungewohnter Innigkeit wiederholte er noch einmal: »Die arme Königin!«
»Wenn Sie mich lieben,« setzte er hinzu, »so besuchen Sie sie recht oft
und helfen Sie ihr wo Sie können. Ich für meine Person würde mich, wenn
Eins nicht wäre, darauf freuen, wieder zu Pferde steigen und unter dem
Zelte wohnen zu können. Denn ich bin überzeugt, daß ich mich besser
dazu eigne, einen Feldzug zu dirigiren, als Eure Häuser der Lords und
Gemeinen zu leiten. Obwohl ich aber weiß, daß ich den Weg der Pflicht
gehe, ist es doch hart für meine Frau, daß ihr Vater und ich einander im
Felde gegenüberstehen müssen. Gott gebe, daß ihm nichts zustößt. Beten
Sie für mich, Doctor.« Burnet entfernte sich tief ergriffen und sprach
wahrscheinlich mit nicht gewöhnlicher Inbrunst die Gebete, um die sein
Gebieter ihn ersucht hatte.[140]