Diese Einstimmigkeit würde nicht stattgefunden haben, wären nicht einige

große Verbrecher von der Amnestie ausgeschlossen gewesen. Unter diesen

standen in erster Reihe die noch lebenden Mitglieder des hohen

Gerichtshofes, der Karl I. verurtheilt hatte. Ihnen reihten sich die

beiden namenlosen Scharfrichter an, welche mit maskirten Gesichtern auf

dem Schaffot vor dem Bankethause ihr Henkeramt verrichtet. Niemand wußte

wer und welchen Standes sie waren. Vielleicht lebten sie schon längst

nicht mehr. Dennoch hielt man es für nothwendig zu erklären, daß, wenn

sie jetzt, nach einem Zeitraum von einundvierzig Jahren entdeckt würden,

sie noch immer der Strafe für ihr großes Verbrechen unterliegen sollten.

Vielleicht würde es kaum nöthig gewesen sein, diese Männer zu erwähnen,

wären nicht durch das kürzliche Erscheinen Ludlow's in England die

Animositäten der vorhergehenden Generation wieder angefacht worden.

Außerdem wurden etwa dreißig von den Werkzeugen der Tyrannei Jakob's dem

Gesetz überlassen. Mit diesen wenigen Ausnahmen wurden alle bis zu dem

Tage, an welchem der Acte die königliche Namensunterschrift beigefügt

worden, mit dem Mangel der Vergessenheit bedeckt.[101] Selbst diejenigen

Verbrecher, welche mit Namen ausgenommen waren, hatten wenig zu

fürchten. Viele von ihnen lebten im Auslande, und die in England

befindlichen waren überzeugt, daß man sie nicht behelligen würde, wenn

sie sich keines neuen Vergehens schuldig machten.

Die Begnadigungsacte verdankte die Nation Wilhelm allein und sie ist

einer seiner reinsten und edelsten Ruhmestitel. Vom Beginn der

bürgerlichen Unruhen des 17. Jahrhunderts bis zur Revolution war auf

jeden von der einen oder der andren Partei gewonnenen Sieg eine blutige

Proscription gefolgt. Als die Rundköpfe über die Cavaliere siegten, als

die Cavaliere über die Rundköpfe siegten, als die Fabel von der

papistischen Verschwörung den Whigs das Uebergewicht gab, als die

Entdeckung des Ryehousecomplots das Uebergewicht den Tories zurückgab,

war Blut, wieder Blut und immer wieder Blut geflossen. Jeder große

Ausbruch und jeder große Umschwung des Volksgeistes war von strengen

Maßregeln begleitet gewesen, denen die herrschende Partei seiner Zeit

lauten Beifall zollte, welche aber die Geschichte und die Nachwelt bei

ruhiger Betrachtung gemißbilligt haben. Kein einsichtsvoller und humaner

Mann, welcher politischen Meinung er auch huldigen mag, spricht jetzt

ohne Tadel von dem Tode Laud's oder Vane's, Stafford's oder Russell's.

Von den wechselseitigen Schlächtereien ist die letzte und schlimmste

die, welche untrennbar mit den Namen Jakob und Jeffreys verbunden ist.

Sie würde aber sicherlich nicht die letzte, und vielleicht auch nicht

die schlimmste gewesen sein, hätte Wilhelm nicht soviel Tugend und

Festigkeit besessen, dem Drängen seiner eifrigsten Anhänger entschieden

zu widerstehen. Diese Männer wollten für Alles was sie während sieben

unheilvoller Jahre erduldet hatten, furchtbare Wiedervergeltung üben.

Das Schaffot Sidney's, der Galgen Cornish's, der Scheiterhaufen, auf

welchem Elisabeth Gaunt in den Flammen umgekommen war, weil sie einen

Flüchtling beherbergt, die Portale der Kirchen von Somersetshire, über

denen die Köpfe und Gliedmaßen ermordeter Landleute ausgesteckt waren,

die Kielräume der Jamaikaschiffe, aus denen jeden Tag der Leichnam eines

vor Durst und verdorbener Luft umgekommenen Gefangenen den Haifischen

vorgeworfen worden war: dies Alles war bei der Partei, welche der

Revolution auf einige Zeit die Herrschaft im Staate verschafft hatte,

noch in frischem Andenken. Einige Oberhäupter dieser Partei hatten ihr

Leben durch hohe Lösegelder erkauft; Andere hatten lange in Newgate

geschmachtet; noch Andere hatten Winter auf Winter in den Mansarden von

Amsterdam gedarbt und gefroren. Es war ganz natürlich, daß sie zur Zeit

ihrer Macht und ihres Glücks einen Theil der ertragenen Leiden ihren

Feinden zurückzugeben wünschten. Ein ganzes Jahr lang verfolgten sie

ihren Racheplan. Es gelang ihnen, eine Indemnitätsbill nach der andren

zu Schanden zu machen, und nichts stand zwischen ihnen und ihren Opfern

als Wilhelm's unerschütterlicher Entschluß, daß der Ruhm der großen

Befreiung, die er bewerkstelligt, nicht durch Grausamkeiten befleckt

werde. Seine Milde war eine nur ihm eigene. Es war nicht die Milde eines

damit Prahlenden, oder eines Sentimentalen, oder eines Sanftmüthigen.

Sie war kalt, schroff, unbeugsam. Sie brachte keine schönen

theatralischen Effecte hervor, sie zog ihm heftige Schmähungen von

Seiten Derjenigen zu, deren böswillige Leidenschaften er nicht

befriedigen wollte, und trug ihm keinen Dank von Seiten Derer ein, die

ihm Vermögen, Freiheit und Leben verdankten. Während die heftigen Whigs

über seine Nachsicht spöttelten, machten ihm die Agenten der gestürzten

Regierung, sobald sie ihre Stellungen gesichert sahen, anstatt ihre

Verpflichtungen gegen ihn anzuerkennen, in beleidigender Sprache

Vorwürfe wegen der Milde, die er auf sie ausgedehnt hatte. Seine

Begnadigungsacte, sagten sie, habe seine Erklärung vollständig

widerlegt. Könne man wohl glauben, daß er, wenn an den Beschuldigungen,

die er gegen die vorige Regierung erhoben, etwas Wahres sei, den

Schuldigen Straflosigkeit gewährt haben würde? Er selbst gestehe jetzt

mit seiner eigenhändigen Unterschrift ein, daß die Geschichten, durch

welche er und seine Freunde die Nation getäuscht und die königliche

Familie vertrieben hätten, bloße Verleumdungen seien, die er zur

Erreichung seines Zweckes ersonnen. Jetzt, nachdem dieser Zweck erreicht

sei, würden die Beschuldigungen, durch die er den Volksgeist bis zum

Wahnsinn erhitzt habe, kalt zurückgenommen.[102] Doch er ließ sich durch

nichts von dem Allen irre machen. Er hatte wohl gethan. Er hatte seine

Popularität bei Leuten, die seine wärmsten Verehrer gewesen waren, aufs

Spiel gesetzt, um Leuten, die seinen Namen nie anders als mit einer

Verwünschung nannten, Ruhe und Sicherheit zu verschaffen, und hatte

Denen, die er beschützt, keine geringere Wohlthat erwiesen als Denen,

die er um ihre Rache gebracht. Die eine Partei hatte er vor einer

Proscription, die andre vor einer Reaction bewahrt, die eine solche

Proscription unvermeidlich erzeugt haben würde. Schlimm genug für sein

Volk, wenn es seine Politik nicht gebührend würdigte. Er hatte seine

Pflicht gegen dasselbe erfüllt, und er scheute weder Tadel, noch

verlangte er Dank.

[_Das Parlament prorogirt._] Am 20. Mai wurde die Begnadigungsacte

angenommen. Der König kündigte hierauf den beiden Häusern an, daß er

seine Reise nach Irland nicht länger aufschieben könne, daß er daher

beschlossen habe, sie zu prorogiren, und daß, wenn nicht ein

unerwartetes Ereigniß ihm ihren Rath und Beistand nöthig machte, er sie

bis zum nächsten Winter nicht von ihren Wohnsitzen zurückrufen würde.

»Dann,« sagte er, »hoffe ich, so Gott will, auf ein glückliches

Wiedersehen.«

Das Parlament hatte eine Acte erlassen, welche bestimmte daß, sobald er

England verließe, Marie berechtigt sein sollte, die Regierung des

Königreichs in seinem und ihrem Namen zu verwalten. Nichtsdestoweniger

aber sollte er während seiner Abwesenheit seine ganze Autorität

behalten. Es wurden gegen diese Anordnung einige Einwendungen erhoben.

In diesem Falle, sagte man, gebe es also zwei oberste Gewalten im

Staate; ein öffentlicher Beamter könne vom König und der Königin

einander direct widerstreitende Befehle erhalten und nicht wissen,

welchen er nachkommen solle. Der Einwurf war ohne allen Zweifel

theoretisch wohl begründet; allein es bestand ein so vollkommenes

Vertrauen und eine so innige Zuneigung zwischen dem königlichen Paare,

daß ein praktischer Nachtheil nicht zu befürchten war.[103]

[_Rüstungen für den ersten Krieg._] In Bezug auf Irland waren die

Aussichten Wilhelm's jetzt viel erfreulicher, als sie es einige Monate

früher gewesen. Die Thätigkeit, mit der er die Rüstungen für den

nächsten Feldzug persönlich betrieben, hatte Außerordentliches bewirkt.

Die Nerven der Regierung waren neu gestählt, in jedem Zweige der

Militärverwaltung war der Einfluß eines energischen Geistes zu erkennen.

Reiche Vorräthe von Lebensmitteln, Bekleidungsstücken und Arzeneien von

ganz andrer Qualität als die, welche Shales geliefert hatte, wurden über

den St. Georgskanal geschickt. Tausend Bagagewagen waren mit großer Eil

angefertigt oder herbeigeschafft worden, und einige Wochen lang war die

Straße zwischen London und Chester mit denselben bedeckt. Massen von

Rekruten wurden abgesandt, um die Lücken auszufüllen, welche Krankheit

in die englischen Reihen geschlagen hatte; frische Regimenter aus

Schottland, Cheshire, Lancashire und Cumberland wurden in der Bai von

Belfast ausgeschifft, und die Uniformen und Waffen der Neuankommenden

verriethen deutlich den mächtigen Einfluß des Auges des Gebieters.

Zugleich mit den britischen Bataillonen trafen auch mehrere kühne

Schaaren deutscher und skandinavischer Söldlinge ein, und so belief sich

vor Ende Mai die in Ulster versammelte englische Streitmacht auf

dreißigtausend kampffähige Männer. Eine weitere kleine Anzahl Truppen

und eine ungeheuere Masse von Kriegsvorräthen befanden sich an Bord

einer Flotte, welche in der Mündung des Dee lag und bereit war die Anker

zu lichten, sobald der König sich eingeschifft haben würde.[104]

[_Jakob's Verwaltung in Dublin._] Jakob hätte die Zeit, während seine

Truppen in ihren Winterquartieren lagen, eben so gut anwenden sollen.

Strenge Disciplin und regelmäßige Waffenübungen hätten die athletischen

und begeisterten Landleute, die unter seinem Banner versammelt waren, in

gute Soldaten verwandeln können. Aber man ließ die Gelegenheit unbenutzt

vorübergehen. Der Hof von Dublin beschäftigte sich während dieser Zeit

der Unthätigkeit mit Spiel und Wein, mit Liebesbriefen und

Herausforderungen. Die Hauptstadt gewährte zwar keinen sehr glänzenden

Anblick, denn die Gesammtzahl der Equipagen, welche daselbst aufgebracht

werden konnten, die des Königs und der französischen Gesandtschaft mit

eingerechnet, betrug keine vierzig.[105] Aber trotz des geringen Glanzes

herrschte doch große Ausschweifung. Ernste Katholiken schüttelten die

Köpfe und sagten, das Schloß sehe nicht aus wie der Palast eines Königs,

der sich rühme der Vorkämpfer einer Kirche zu sein.[106] Die

militärische Verwaltung war noch eben so traurig bestellt als je. Die

Cavallerie wurde zwar durch die Bemühungen einiger tapferer Offiziere

auf einer hohen Stufe der Tüchtigkeit erhalten; aber ein

Infanterieregiment unterschied sich durch nichts als den Namen von einer

starken Bande Rapparees. Ja, eine Bande Rapparees belästigte sogar die

friedlichen Bürger weniger und fügte dem Feinde mehr Schaden zu als ein

Regiment Infanterie. Avaux schilderte in einer Denkschrift, die er Jakob

überreichte, mit nachdrücklichen Worten die Mißbräuche, welche das

irische Fußvolk zu einem Fluche und zu einer Schmach für Irland machten.

Ganze Compagnien, sagt der Gesandte, verlassen auf dem Marsche ihre

Fahnen und machen Abstecher nach Rechts und Links, um zu plündern und zu

verwüsten; der Soldat sorgt nicht für Instandhaltung seiner Waffen, der

Offizier kümmert sich nie darum, ob die Waffen in gutem Stande sind und

die Folge davon ist, daß jeder dritte Mann sein Gewehr verloren hat und

jeder andre dritte Mann ein Gewehr besitzt, das nicht losgeht. Avaux

beschwor den König, das Maraudiren zu verbieten, anzubefehlen, daß die

Truppen regelmäßig exercirt würden und jeden Offizier zu bestrafen, der

es duldete, daß seine Leute ihre Waffen und Monturen vernachlässigten.

Wenn dies geschehe, dürfe Se. Majestät hoffen, zum bevorstehenden

Frühjahr eine Armee zu commandiren, mit der der Feind sich gar nicht

werde messen können. Der Rath war ganz gut, Jakob aber so weit entfernt,

denselben anzunehmen, daß er ihn kaum geduldig anhören wollte. Noch ehe

ihm acht Zeilen vorgelesen waren, gerieth er in Zorn und beschuldigte

den Gesandten der Uebertreibung. »Diese Schrift, Sire, ist nicht für die

Oeffentlichkeit geschrieben,« sagte Avaux, »sondern nur zur Aufklärung

Eurer Majestät, und in einer Schrift, welche den Zweck hat, Eure

Majestät aufzuklären, sind Schmeichelei und Beschönigung nicht

angewandt. Doch ich will nicht darauf bestehen, etwas vorzulesen, was

Ihnen so unangenehm ist.« -- »Lesen Sie weiter,« versetzte Jakob

ärgerlich, »ich will das Ganze hören.« Er wurde nach und nach ruhiger,

nahm die Denkschrift an sich, und versprach einige der darin enthaltenen

Winke zu benutzen. Aber sein Versprechen war bald wieder vergessen.[107]

Seine Finanzverwaltung war das genaue Ebenbild seiner Militärverwaltung.

Seine einzige fiskalische Hülfsquelle war directe oder indirecte

Beraubung. Jeder Protestant, der in irgend einem Theile der drei

südlichen Provinzen Irland's zurückgeblieben war, wurde direct beraubt

durch den einfachen und kurzen Prozeß, daß man ihm sein Geld aus dem

Kasten, seinen Wein aus dem Keller, sein Brennmaterial vom Hofe und

seine Kleider aus der Garderobe nahm. Indirect wurde er durch eine neue

Verausgabung von Münzen beraubt, welche kleiner und geringhaltiger waren

als irgend welche die bisher das Bildniß und die Legende Jakob's

getragen hatten. Selbst das Kupfergeld begann in Dublin selten zu

werden, und man sah sich genöthigt, Ludwig um Unterstützung anzugehen,

der seinem Verbündeten großmüthig eine alte geborstene Kanone schenkte,

um Kronen und Schillinge daraus prägen zu lassen.[108]

[_Ein Hülfscorps von Frankreich nach Irland gesandt._] Doch der

französische König hatte beschlossen, einen Succurs ganz andrer Art

hinüberzuschicken. Er erbot sich vier irische Regimenter in seinen

Dienst zu nehmen und durch die beste damals in der Welt bekannte

Disciplin ausbilden zu lassen. Sie sollten von Macarthy commandirt

werden, der bei Newton Butler schwer verwundet und gefangen genommen

worden war. Er war von seinen Wunden genesen und hatte durch Wortbruch

seine Freiheit wieder erlangt. Diesen schimpflichen Wortbruch hatte er

durch erbärmliche Winkelzüge und sophistische Entschuldigungen, die

einem Jesuiten besser angestanden haben würden als einem Edelmann und

Soldaten, noch schimpflicher gemacht. Ludwig wollte es sich gefallen

lassen, daß ihm die Leute in Lumpen gehüllt und unbewaffnet zugeschickt

würden, nur bestand er darauf, daß die Gemeinen kräftige Burschen und

die Offiziere keine bankerottirten Kaufleute und fortgejagte Lakaien,

sondern womöglich Leute von guter Familie wären, die Pulver gerochen

hätten. Für diese Truppen, deren Zahl sich auf nicht ganz viertausend

Mann belief, verpflichtete er sich, zwischen sieben- und achttausend

vortreffliche französische Infanteristen nach Irland zu schicken, welche

in einer Schlacht voraussichtlich von größerem Nutzen sein würden,

als sämmtliche Kernes von Leinster, Munster und Connaught

zusammengenommen.[109]

Einen großen Fehler beging er dabei. Die Armee, die er Jakob zur

Unterstützung sandte, war zwar klein im Vergleich zu der Armee in

Flandern oder zu der Rheinarmee, aber sie war zu einem Dienste bestimmt,

von welchem das Schicksal Europa's abhängen konnte, und hätte daher von

einem ausgezeichneten General befehligt werden sollen. Es fehlte in

Frankreich nicht an solchen Generälen; aber Jakob und seine Königin

baten dringend um Lauzun, und sie setzten seine Ernennung durch, trotz

Avaux' energischer Gegenvorstellungen, trotz Louvois' Rath und trotz

Ludwig's gegentheiliger Meinung.

Als Lauzun sich in Louvois' Cabinet begab, um seine Instructionen in

Empfang zu nehmen, führte der kluge Minister eine Sprache, welche

deutlich bewies, wie wenig Vertrauen er in den eitlen und excentrischen

fahrenden Ritter setzte. »Lassen Sie Sich um des Himmels willen nicht

durch Ihre Kampflust hinreißen. Setzen Sie Ihren ganzen Ruhm darein, die

Engländer zu ermüden und vor Allem halten Sie strenge Mannszucht.«[110]

Lauzun's Ernennung war nicht nur an sich ein Mißgriff, sondern man mußte

auch, um einen Mann an einen Posten zu stellen, dem er nicht gewachsen

war, zwei andere Männer von Posten entfernen, für die sich beide ganz

vorzüglich eigneten. So unmoralisch und hartherzig Rosen und Avaux immer

sein mochten, so war doch Rosen ein geschickter Feldherr und Avaux ein

gewandter Diplomat. Obwohl es nicht wahrscheinlich ist, daß sie im

Stande gewesen wären, Irland's Schicksal abzuwenden, so würden sie doch

wahrscheinlich den Kampf haben in die Länge ziehen können, und daß der

Kampf in die Länge gezogen wurde, lag offenbar im Interesse

Frankreich's. Es würde jedoch eine Beleidigung für den greisen General

gewesen sein, wenn man ihn unter Lauzun's Oberbefehl gestellt hätte, und

zwischen Lauzun und dem Gesandten bestand eine so heftige Feindschaft,

daß ein herzliches Zusammenwirken von ihnen nicht zu erwarten gewesen

wäre. Rosen und Avaux wurden daher Beide unter vielen besänftigenden

Versicherungen der königlichen Zufriedenheit und Gunst nach Frankreich

zurückberufen. Zu Anfang des Frühjahrs segelten sie mit der Flotte,

welche Lauzun nach Irland gebracht hatte, von Cork ab.[111] Lauzun war

nicht sobald gelandet, als er sich überzeugte, daß nichts zu seinem

Empfange vorbereitet war, obgleich man ihn seit längerer Zeit erwartet

hatte. Es waren keine Quartiere für seine Leute, keine Magazine zur

Aufnahme seiner Vorräthe, keine Pferde, keine Fuhrwerke besorgt.[112]

Seine Truppen mußten die Beschwerden eines langen Marsches durch eine

Wüste ertragen, ehe sie nach Dublin gelangten. Hier fanden sie

allerdings leidliche Verpflegung. Sie erhielten freies Quartier bei

Protestanten, hatten reichlich Brot und drei Pence täglich. Lauzun wurde

zum Oberbefehlshaber der irischen Armee ernannt und nahm seine Residenz

im Schlosse.[113] Sein Gehalt war der nämliche wie der des Vicekönigs,

achttausend Jakobus, gleich zehntausend Pfund Sterling jährlich. Diese

Summe erbot sich Jakob nicht in Kupfermünze mit seinem Bildniß, sondern

in französischem Golde zu bezahlen. Lauzun aber, zu dessen Fehlern die

Habsucht nicht gehörte, weigerte sich, seine Kasse aus einem fast leeren

Schatze zu füllen.[114]

Auf ihn und die ihn begleitenden Franzosen machten das Elend des

irischen Volks und die Verkehrtheit der irischen Regierung einen

Eindruck, den sie schwer beschreiben konnten. Lauzun schrieb an Louvois,

der Hof und das ganze Land befänden sich in einem Zustande, von welchem

sich derjenige, der immer in wohlgeordneten Staaten gelebt habe, keinen

Begriff machen könne. Es sei, sagte er, ein Chaos wie das, von dem er im

ersten Buche Mosis gelesen habe. Die öffentlichen Beamten thäten weiter

nichts, als daß sie sich mit einander stritten und die Regierung und das

Volk ausplünderten. Nachdem er etwa einen Monat im Schlosse zugebracht,

erklärte er, daß er um Alles in der Welt keinen zweiten solchen Monat

durchleben möchte, und seine tüchtigsten Offiziere bestätigten seine

Aussage.[115] Einer von ihnen war allerdings so ungerecht, das irische

Volk nicht nur als unwissend und träge, was es in der That war, sondern

auch als hoffnungslos dumm und gefühllos zu schildern, was es sicherlich

nicht war. Die englische Politik, sagte er, habe sie so vollkommen

verthiert, daß man sie kaum noch menschliche Geschöpfe nennen könne. Sie

seien unempfindlich gegen Lob und Tadel, gegen Versprechungen und

Drohungen; und doch sei es schade um sie, denn sie seien in physischer

Hinsicht der schönste Menschenschlag in der Welt.[116]

[_Plan der englischen Jakobiten; Clarendon, Aylesbury, Dartmouth._]

Inzwischen hatte Schomberg den Feldzug unter günstigen Auspicien

eröffnet. Mit geringer Mühe hatte er Charlemont, die letzte wichtige

Festung, welche die Irländer noch in Ulster behaupteten, genommen; aber

das große Werk der Wiedereroberung der drei südlichen Provinzen der

Insel verschob er bis zu Wilhelm's Ankunft. Wilhelm beschäftigte sich

unterdessen mit den Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung

England's während seiner Abwesenheit. Er wußte sehr wohl, daß die

Jakobiten auf ihrer Hut waren. Bis vor ganz Kurzem waren sie noch keine

zusammenhängende und organisirte Faction gewesen. Es hatte, um Melfort's

Ausdruck zu gebrauchen, zahlreiche Trupps gegeben, welche alle entweder

mit Jakob im Dubliner Schlosse, oder mit Marien von Modena in

Saint-Germains in Verbindung standen, unter einander aber keine

Connection hatten und sich gegenseitig nicht trauten.[117] Seitdem es

aber bekannt geworden war, daß der Usurpator über den Kanal zu gehen

beabsichtige und daß er sein Scepter in weiblichen Händen zurücklassen

wolle, hatten sich diese Trupps eng aneinander angeschlossen und eine

ausgedehnte Verbindung zu bilden begonnen. Clarendon, der die Eide

verweigert, und Aylesbury, der sie ehrloser Weise geleistet hatte,

gehörten zu den Hauptverräthern. Dartmouth war, obgleich er den im

Besitz der Macht befindlichen Souverainen Treue geschworen, einer ihrer

thätigsten Feinde und er übernahm was man das Marinedepartement des

Complots nennen kann. Sein Geist war beständig mit einem englischen

Seemann eben nicht zur Ehre gereichenden Plänen zur Zerstörung der

englischen Flotten und Arsenale beschäftigt. Er stand in enger

Verbindung mit einigen Seeoffizieren, welche der neuen Regierung zwar

dienten, aber doch nur ungern und mit halbem Herzen, und er schmeichelte

sich, daß er diese Männer durch das Versprechen großer Belohnungen und

durch geschicktes Anschüren des neidischen Hasses, mit dem sie die

holländische Flagge betrachteten, dazu bewegen werde, zu desertiren und

ihre Schiffe in einen französischen oder irländischen Hafen zu

bringen.[118]

[_Penn._] Penn's Benehmen war kaum minder schändlich. Er war ein

eifriger und geschäftiger Jakobit, und seine neue Lebensbahn war der

moralischen Reinheit noch ungünstiger, als es die vorige gewesen war.

Es war kaum möglich, zu gleicher Zeit ein consequenter Quäker und ein

Höfling zu sein; ganz und gar unmöglich aber war es, ein consequenter

Quäker und ein Verschwörer zu sein. Es ist schmerzlich es sagen zu

müssen, daß Penn, während er selbst den Vertheidigungskrieg für sündhaft

zu halten erklärte, doch Alles that was in seiner Macht stand, um eine

fremde Armee ins Herz seines eignen Landes zu bringen. Er schrieb Jakob,

daß die Anhänger des Prinzen von Oranien nichts so sehr fürchteten als

einen Aufruf zu den Waffen, und daß, wenn jetzt von Frankreich oder

Irland aus ein Einfall in England unternommen würde, die Zahl der

Royalisten sich größer herausstellen werde als sie je gewesen. Avaux

hielt diesen Brief für so wichtig, daß er Ludwig eine Abschrift davon

einsandte.[119] Diese und ähnliche Mittheilungen, schrieb der schlaue

Gesandte, hätten auf die Stimmung König Jakob's einen guten Eindruck

gemacht, Se. Majestät sei endlich überzeugt, daß er seine Lande nur mit

dem Schwerte in der Hand wieder erlangen könne. Es ist ein interessanter

Umstand, daß es dem großen Friedensprediger vorbehalten sein sollte,

diese Ueberzeugung im Geiste des alten Tyrannen hervorzurufen.[120]

Penn's Verfahren war der Aufmerksamkeit der Regierung nicht entgangen.

Man hatte Verhaftsbefehle gegen ihn erlassen und er war eingezogen

worden; es hatten aber keine Beweise gegen ihn aufgebracht werden

können, die eine Anklage auf Hochverrath begründet hätten; er hatte bei

jeder Partei viele Freunde, die er auch trotz aller seiner Fehler zu

haben verdiente, und er wurde daher bald wieder in Freiheit gesetzt, um

zu seinen Comploten zurückzukehren.[121]

[_Preston._] Der Hauptverschwörer war jedoch Richard Graham, Viscount

Preston, der unter der vorigen Regierung Staatssekretär gewesen war.

Obgleich schottischer Peer, war er doch nur englischer Baronet. Er hatte

zwar von Saint-Germains ein englisches Hochadelsdiplom erhalten; aber

das Diplom war von einem späteren Datum als die Flucht, welche die

Convention für eine Abdankung erklärt hatte. Die Lords hatten sich

deshalb nicht nur geweigert, ihn ihrer Privilegien theilhaftig werden zu

lassen, sondern sie schickten ihn sogar ins Gefängniß, weil er sich

unbefugterweise einen der Ihrigen genannt habe. Da er indessen klein

beigegeben und seinen Anspruch zurückgezogen, hatte er seine Freiheit

wieder erlangt.[122] Obgleich die demüthige Sprache, die er bei dieser

Gelegenheit zu führen sich herabgelassen, keineswegs einen Märtyrersinn

verrieth, so betrachtete ihn doch seine Partei und die Welt überhaupt

als einen Mann von Muth und Ehre. Er führte noch die Siegel seines Amtes

und wurde von den Anhängern des unveräußerlich erblichen Rechts noch

immer als der wirkliche Staatssekretär angesehen. Er stand in hoher

Gunst bei Ludwig, an dessen Hofe er früher gelebt, und die französische

Regierung hatte ihm seit der Revolution bedeutende Geldsummen zu

politischen Zwecken anvertraut.[123]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16. · 第 7 / 22 段