Die Revolution eröffnete den Churchill eine neue und unbegrenzte

Aussicht auf Gewinn. Das ganze Verhalten ihrer Gebieterin bei dieser

großen Krisis hatte bewiesen, daß sie keinen andren Willen, kein

andres Urtheil, keine andre Ueberzeugung hatte als die ihrigen.

Ihnen hatte sie Neigungen, Vorurtheile, Gewohnheiten und Interessen

aufgeopfert. Auf ihren Befehl hatte sie an der Verschwörung gegen

ihren Vater Theil genommen, war mitten im Winter durch Eis und Koth

in einem Miethwagen von Whitehall in's Lager der Rebellen geflohen und

hatte eingewilligt, ihre Stelle in der Thronfolgeordnung dem Prinzen

von Oranien abzutreten. Sie sahen mit Vergnügen, daß das Weib, auf

das sie einen so unbegrenzten Einfluß ausübten, wieder auf Andere

einen nicht gewöhnlichen Einfluß ausübte. Die Revolution war kaum

vollbracht, so zeigten viele Tories, denen der neue König so wenig

gefiel wie der vertriebene, und die in Zweifel waren, ob ihre Religion

von den Jesuiten oder von den Latitudinariern mehr zu fürchten hatte,

eine entschiedene Neigung, sich um Anna zu schaaren. Die Natur hatte

sie zur Bigotten geschaffen. Ihre Seelenverfassung war von der Art,

daß sie, ohne zu prüfen und ohne zu zweifeln, fest an der Religion

ihrer Kindheit hing bis sie in ihren Sarg gelegt wurde. Am Hofe

ihres Vaters war sie taub gegen Alles gewesen, was zu Gunsten der

Transsubstantiation und der Ohrenbeichte geltend gemacht werden konnte.

Diese Apathie und Hartnäckigkeit gaben ihr eine gewisse Bedeutung.

Es war etwas Wichtiges, das einzige Glied der königlichen Familie

zu sein, das Papisten und Presbyterianer mit gleichem Widerwillen

betrachtete. Während eine zahlreiche Partei geneigt war, sie zu

vergöttern, betrachteten ihre beiden schlauen Diener sie lediglich als

eine Puppe. Sie wußten, daß sie es in ihrer Macht hatte, der Regierung

ernste Ungelegenheiten zu bereiten, und sie beschlossen, diese Macht zu

benutzen, um dem Namen nach für sie, factisch aber für sich selbst Geld

zu erpressen. Während Marlborough die englischen Streitkräfte in den

Niederlanden befehligte, war die Ausführung des Planes natürlich seiner

Gattin überlassen, und sie ging dabei nicht wie er ohne Zweifel gethan

haben würde, mit Vorsicht und Mäßigung zu Werke, sondern, wie aus ihrer

eignen Erzählung deutlich hervorgeht, mit abscheulicher Heftigkeit und

Schamlosigkeit. Allerdings hatte sie Leidenschaften zu befriedigen,

von denen er gänzlich frei war. Er war zwar einer der habsüchtigsten,

aber auch einer der mindest boshaften Menschen; bei ihr dagegen war die

Bosheit eine viel stärkere Leidenschaft als die Habsucht. Sie haßte

leicht und ihr Haß war gründlich, unversöhnlich. Zu den Gegenständen

ihres Hasses gehörten alle Verwandten ihrer Gebieterin, sowohl von

väterlicher als von mütterlicher Seite. Niemand, der ein natürliches

Interesse an der Prinzessin nahm, konnte ohne Besorgniß die sonderbare

Verblendung mit ansehen, die sie zum Sklaven eines herrschsüchtigen und

rücksichtslosen Zankteufels machte. Das wußte die Gräfin sehr wohl. In

ihren Augen waren die königliche Familie und die Familie Hyde, wie sehr

sie auch in anderen Punkten differiren mochten, gegen sie verbündet,

und sie verabscheute sie alle, Jakob, Wilhelm und Marien, Clarendon und

Rochester. Jetzt war der rechte Augenblick gekommen, um dem seit Jahren

aufgesammelten Groll Luft zu machen. Es war nicht genug, für Anna ein

großes, ein königliches Einkommen zu erlangen, dieses Einkommen mußte

durch Mittel und Wege erlangt werden, welche die von der Favoritin

verabscheuten Personen kränkten und demüthigten. Es durfte nicht als

ein Zeichen brüderlicher Güte erbeten und angenommen, sondern es mußte

in trotzigem Tone gefordert und widerstrebenden Händen mit Gewalt

entrissen werden. Ein directes Gesuch wurde weder an den König noch

an die Königin gerichtet, aber sie erfuhren mit Erstaunen, daß Lady

Marlborough die toryistischen Mitglieder des Parlaments unermüdlich

bearbeitete, daß sich eine Prinzessinpartei bilde und daß im Hause der

Gemeinen beantragt werden solle, Ihrer Königlichen Hoheit ein von der

Krone unabhängiges bedeutendes Einkommen auszusetzen. Marie fragte

ihre Schwester, was dieses Verfahren bedeute. »Ich höre,« antwortete

Anna, »daß meine Freunde beabsichtigen, mir ein festes Einkommen

zu sichern.« Die Königin soll hierauf, schwer verletzt durch einen

Ausdruck, mit dem man sagen zu wollen schien, daß sie und ihr Gemahl

nicht zu den Freunden ihrer Schwester gehörten, mit ungewohnter Härte

entgegnet haben: »Von was für Freunden sprichst Du? hast Du andere

Freunde als den König und mich?«[86] Der Gegenstand wurde dann zwischen

den beiden Schwestern nie wieder erwähnt. Marie sah wahrscheinlich

ein, daß sie einen Mißgriff gethan, indem sie sich an eine Person

gewendet, die nur ein passives Werkzeug in den Händen Anderer war. Es

wurde ein Versuch gemacht, mit der Gräfin zu unterhandeln. Nachdem

einige untergeordnete Agenten ihr umsonst Vorstellungen gemacht hatten,

begab sich Shrewsbury zu ihr. Man konnte wohl erwarten, daß seine

Intervention den gewünschten Erfolg haben werde, denn wenn man der

damaligen +chronique scandaleuse+ glauben darf, so hatte er hoch, nur

zu hoch in ihrer Gunst gestanden.[87] Er war vom Könige ermächtigt,

der Prinzessin zu versprechen, daß, wenn sie davon abstehen wolle, das

Haus der Gemeinen um Unterstützung ihrer Sache anzugehen, ihr Einkommen

von dreißigtausend auf funfzigtausend Pfund erhöht werden solle. Die

Gräfin schlug dieses Anerbieten rund ab. Sie war schamlos genug, die

Andeutung fallen zu lassen, daß das Wort des Königs keine genügende

Sicherheit biete. »Ich bin fest überzeugt,« sagte Shrewsbury, »daß

Seine Majestät seine Verpflichtungen pünktlich erfüllen wird. Thut er

dies nicht, so will ich ihm keine Stunde länger dienen.« -- »Das würde

Ihnen zu großer Ehre gereichen, für die Prinzessin aber ist es ein sehr

armseliger Trost,« entgegnete das hartnäckige Weib. Nachdem Shrewsbury

sich vergebens bemüht hatte, die Dienerin zu bewegen, erlangte er

endlich eine Audienz bei der Gebieterin. Anna sagte ihm mit Worten, die

ihr wahrscheinlich von ihrer Freundin Sara in den Mund gelegt waren,

die Sache sei bereits zu weit gediehen, als daß sie rückgängig gemacht

werden könnte, und müsse der Entscheidung der Gemeinen überlassen

bleiben.[88]

Das Wahre an der Sache war, daß die Einbläser der Prinzessin vom

Parlamente eine viel größere Summe als die vom König angebotene zu

erlangen hofften. Sie wollten nur mit siebzigtausend Pfund zufrieden

sein. Doch sie gingen zu weit in ihrer Geldgier. Das Haus der Gemeinen

schien zwar geneigt, Ihre Königliche Hoheit zu befriedigen; als aber

ihre allzu eifrigen Freunde die Summe zu nennen wagten, die sie

bewilligt zu sehen wünschten, erhob sich lautes Murren. Siebzigtausend

Pfund jährlich zu einer Zeit, wo die nothwendigen Ausgaben des Staats

sich täglich mehrten, wo der Ertrag der Zölle sich täglich verminderte,

wo jeder Gutsherr und jeder Pächter den Aufwand für seine Tafel und

seinen Keller beschränkte! Die allgemeine Ansicht des Hauses war, daß

die Summe, die der König, wie man wußte, zu bewilligen geneigt war,

vollkommen hinreichend sei.[89] Endlich wurde von beiden Seiten etwas

zugestanden. Die Prinzessin mußte sich mit funfzigtausend Pfund jährlich

begnügen und Wilhelm willigte darein, daß ihr diese Summe durch eine

Parlamentsacte gesichert werde. Sie belohnte die Dienste der Lady

Marlborough mit einem Jahrgelde von tausend Pfund;[90] doch ist dies

aller Wahrscheinlichkeit nach nur ein sehr kleiner Theil dessen, was die

Churchill bei diesem Geschäft verdienten.

Nachdem diese Angelegenheit geordnet war, lebten die beiden königlichen

Schwestern viele Monate hindurch auf einem artigen und sogar anscheinend

freundschaftlichen Fuße. Marie aber empfand, obwohl sie gegen Anna

keinen Groll gehegt zu haben scheint, unzweifelhaft gegen Lady

Marlborough einen so starken Haß, wie ihn ein sanftes Gemüth überhaupt

zu fühlen vermag. Marlborough hatte einen großen Theil der Zeit, während

der seine Gattin die Tories bearbeitet, im Auslande zugebracht, und war,

obgleich er unzweifelhaft im Einvernehmen mit ihr gehandelt, doch wie

immer mit Mäßigung und Anstand zu Werke gegangen. Er erhielt daher nach

wie vor von Wilhelm mancherlei Gunstbezeigungen, die von keiner

Mißfallensäußerung begleitet waren.

In der Debatte über die Feststellung des Einkommens trat der Unterschied

zwischen Whigs und Tories nicht sehr auffallend hervor. In der That,

wenn die beiden Parteien in irgend etwas übereinstimmten, so war es

darin, daß sie es für zweckmäßig hielten, die Zölle der Krone auf nicht

mehr als vier Jahre zu bewilligen. Aber es gab andere Fragen, welche die

alte Feindschaft in aller Stärke wieder hervorriefen. Die Whigs bildeten

jetzt die Minorität, aber eine durch ihre Anzahl furchtbare und durch

ihre Talente noch furchtbarere Minorität. Sie führten den

parlamentarischen Krieg mit nicht geringerer Erbitterung, als da sie die

Majorität bildeten, aber noch etwas geschickter. Sie stellten mehrere

Anträge, die ein Hochkirchlicher nicht wohl unterstützen, denen aber ein

Diener Wilhelm's und Marien's nicht wohl opponiren konnte. Der Tory, der

für diese Anträge stimmte, lief große Gefahr von den starrsinnigen

Cavalieren seiner Grafschaft als ein Abtrünniger bezeichnet zu werden;

der Tory, der gegen dieselben stimmte, lief große Gefahr in Kensington

unfreundlich empfangen zu werden.

[_Bill, welche die Acte des vorhergehenden Parlaments für gültig

erklärte._] Augenscheinlich in Verfolgung dieser Politik legten die

Whigs auf den Tisch der Lords eine Bill nieder, welche alle durch das

vorige Parlament erlassenen Gesetze für gültig erklärte. Diese Bill war

nicht sobald gelesen, als auch die Polemik des vergangenen Frühjahrs

sich erneuerte. Die Whigs hatten bei dieser Gelegenheit fast alle

diejenigen Cavaliere zu Bundesgenossen, welche mit der Regierung in

Connection standen. Die strengen Tories, mit Nottingham an der Spitze,

erklärten sich bereit zu verordnen, daß jedes im Jahre 1689 erlassene

Gesetz dieselbe Kraft haben solle, die es gehabt haben würde, wenn es

von einem in regelmäßiger Weise einberufenen Parlamente erlassen worden

wäre; nichts aber würde sie bewegen anzuerkennen, daß eine ohne

Autorität des großen Siegels zusammengetretene Versammlung von Lords und

Gentlemen verfassunggemäß ein Parlament sei. Wenige Fragen scheinen

stärkere Leidenschaften erregt zu haben, als die in praktischer

Beziehung ganz unwichtige Frage, ob die Bill declaratorisch sein sollte

oder nicht. Nottingham, stets rechtschaffen und ehrenwerth, aber ein

Bigotter und Formalist, war in diesem Punkte ganz besonders obstinat und

unbeugsam. Bei einer Debatte verlor er seine Selbstbeherrschung, setzte

die Schicklichkeit aus den Augen, die er sonst streng zu beobachten

pflegte, und wäre bei einem Haare unter Aufsicht des schwarzen Stabes

gestellt worden.[91] Nach langem Kampfe behaupteten die Whigs mit einer

Majorität von sieben Stimmen das Feld.[92] Viele Peers unterzeichneten

einen von Nottingham entworfenen energischen Protest. In diesem Protest

war die Bill, welche in der That der sprachlichen Kritik Blößen darbot,

unhöflicherweise als weder in gutem Englisch noch in verständlichem

Style abgefaßt bezeichnet. Die Majorität faßte den Beschluß, daß der

Protest gestrichen werden solle, und gegen diesen Beschluß protestirten

Nottingham und seine Anhänger abermals.[93] Dem Könige mißfiel die

Hartnäckigkeit seines Staatssekretärs, sie mißfiel ihm so sehr, daß

Nottingham erklärte, er gedenke die Siegel abzugeben; doch der Streit

wurde bald geschlichtet. Wilhelm war zu einsichtsvoll, als daß er den

Werth eines redlichen Mannes in einem unredlichen Zeitalter nicht zu

schätzen gewußt hätte, denn gerade die Gewissenhaftigkeit, welche

Nottingham zum Widerspenstigen machte, war eine Gewähr dafür, daß er nie

ein Verräther werden würde.[94]

Die Bill kam ins Unterhaus und man erwartete mit Gewißheit, daß der

Kampf dort lang und heftig sein würde; aber eine einzige Rede brachte

die Sache ins Reine. Somers setzte mit einer logischen Schärfe und

Beredtsamkeit, über welche selbst ein Auditorium erstaunte, das

gewohnt war, ihn mit Vergnügen anzuhören, die Ungereimtheit des

von den Hochtories festgehaltenen Prinzips auseinander. »Wenn die

Convention,« -- so argumentirte er, -- »kein Parlament war, wie

können wir ein Parlament sein? Eine Verordnung Elisabeth's bestimmt,

daß Niemand in diesem Hause Sitz und Stimme haben solle, bis er den

alten Suprematseid geleistet habe. Nicht Einer von uns hat diesen Eid

geleistet. Anstatt dessen haben wir Alle den neuen Eid geleistet, den

das vorige Parlament an die Stelle des alten gesetzt hat. Es ist sonach

ein Widerspruch, wenn man sagt, daß die Acte des vorigen Parlaments

jetzt nicht mehr gültig seien, und gleichwohl von uns verlangt, daß

wir ihre fortdauernde Gültigkeit dekretiren sollen. Denn entweder sind

sie schon gültig, oder wir können sie nicht gültig machen.« Dieses

Raisonnement, das in der That so unwiderleglich war wie das des Euklid,

machte der Debatte sehr bald ein Ende. Die Bill wurde von den Gemeinen

achtundvierzig Stunden nach ihrer ersten Lesung angenommen.[95]

[_Debatten über die Veränderungen bei den Milizen._] Dies war der

einzige Sieg, den die Whigs während der ganzen Session errangen. Im

Unterhause beschwerten sie sich laut über die Veränderung, welche in der

militärischen Verwaltung der City vorgenommen worden war. Die Tories,

sich ihrer Stärke bewußt und durch Rachedurst erhitzt, weigerten sich

nicht allein, das Geschehene zu tadeln, sondern beschlossen sogar, dem

Könige öffentlich und feierlich dafür zu danken, daß er so viele

Schismatiker entfernt und so viele Mitglieder der Staatskirche an deren

Stelle gesetzt habe. Clarges, Mitglied für Westminster, der als Freund

Caermarthen's bekannt war, beantragte eine Dankadresse. »Die

Veränderungen, welche in der City vorgenommen worden sind,« sagte

Clarges, »beweisen die warme Fürsorge Sr. Majestät für uns. Ich hoffe er

wird in allen Grafschaften des Landes ähnliche Veränderungen vornehmen.«

Die Minorität wehrte sich tapfer. »Wollen Sie dem Könige dafür danken,«

sagte sie, »daß er das Schwert seinen gefährlichsten Feinden in die Hand

giebt? Einige von Denen, die man ihm gerathen hat mit einem

militärischen Commando zu betrauen, haben sich noch nicht einmal

entschließen können, ihm Treue zu schwören. Andere waren zu einer

schlimmen Zeit als zuverlässige Geschworene bekannt, die gewiß waren,

einen Exclusionisten auf jeden Beweis oder auch auf gar keinen Beweis

hin schuldig zu finden.« Auch unterließen die whiggistischen Redner

nicht, solche Themata zur Sprache zu bringen, über welche alle Parteien

in der Stunde der Gefahr mit Beredtsamkeit sprechen, die aber jede in

der Stunde des Glücks nur zu bereit ist leicht zu nehmen. »Fassen wir

nicht einen Beschluß,« sagten sie, »welcher einen Tadel gegen einen

großen Theil unserer Landsleute enthält, die gute Unterthanen und gute

Protestanten sind. Der König muß das Oberhaupt seines ganzen Volkes

sein. Machen wir ihn nicht zum Oberhaupte einer Partei.« Das war eine

ganz vortreffliche Doctrin; nur klang sie sonderbar im Munde von

Männern, die sich wenige Wochen früher der Indemnitätsbill widersetzt

und für die Sacheverell'sche Klausel gestimmt hatten. Die Adresse wurde

mit hundertfünfundachtzig gegen hundertsechsunddreißig Stimmen

angenommen.[96]

[_Abschwörungsbill._] Sobald die Zahlen verkündet waren, stellten die

Whigs im Aerger über ihre Niederlage einen Antrag, der die toryistischen

Staatsdiener in nicht geringe Verlegenheit setzte. Der Huldigungseid,

sagten die Whigs, sei in viel zu laxen Ausdrücken abgefaßt. Er halte

wohl einige wenige ehrenwerthe Jakobiten, die viel zu unbedeutend seien,

um schädlich werden zu können, von öffentlichen Aemtern fern, vermöge

aber durchaus nicht, die biegsamen und glatten Gewissen schlauer

Priester zu binden, die sich zwar stellten, als ob sie die Jesuiten

verabscheuten, es aber in der unmoralischen Casuistik, welche den

schlimmsten Theil des Jesuitismus bilde, sehr weit gebracht hätten.

Einige angesehene Geistliche hätten öffentlich ausgesprochen, andere

sogar es zu schreiben gewagt, daß sie Wilhelm in einem ganz andren Sinne

Treue geschworen hätten als Jakob. Jakob hätten sie die ganze Treue

geschworen, die ein loyaler Unterthan einem rechtmäßigen Souverain

schuldet; als sie aber versprochen, Wilhelm zu gehorchen, hätten sie nur

gemeint, daß sie, so lange es in seiner Macht liege, sie wegen

Rebellirens und Conspirirens gegen ihn aufhängen zu lassen, sich nicht

der Gefahr aussetzen würden, gehängt zu werden. Niemand dürfe sich

darüber wundern, daß die Vorschriften und das Beispiel der mißvergnügten

Geistlichen die mißvergnügten Laien verdorben habe. Wenn Domherren und

Rectoren sich nicht schämten zu gestehen, daß sie das Neue Testament mit

zweideutigen Gedanken geküßt, dürfe man schwerlich erwarten, daß

Advokaten und Steuereinnehmer gewissenhafter sein würden. Die Folge

davon sei, daß es in jedem Verwaltungszweige von Verräthern wimmele, daß

Männer, die das Brot des Königs äßen, Männer, denen die Eintreibung und

Abführung seiner Revenuen, die Verproviantirung seiner Schiffe, die

Bekleidung seiner Soldaten, die Ausrüstung seiner Artillerie für den

Felddienst anvertraut sei, ihn einen Usurpator zu nennen und auf seinen

baldigen Sturz zu trinken pflegten. Könne wohl eine Regierung sicher

sein, die von ihren eigenen Dienern gehaßt und betrogen würde? Und sei

nicht die englische Regierung Gefahren ausgesetzt, die ernste

Besorgnisse erwecken müßten, selbst wenn alle ihre Diener treu wären?

Eine angefochtene Thronfolge, Krieg mit Frankreich, Krieg in Schottland,

Krieg in Irland, sei dies Alles nicht schon genug, auch ohne Verrath in

jedem Arsenale und in jedem Zollhause? Es bedürfe eines Eides, der in zu

bestimmte Ausdrücke gefaßt sei, um hinwegerklärt werden zu können, in

Ausdrücken, die kein Jakobit nachsprechen könne, ohne sich eines

Meineids bewußt zu sein. Wenn auch die Eiferer für das unveräußerliche

erbliche Recht im allgemeinen kein Bedenken trügen, Wilhelm Treue zu

schwören, so würden sie doch wahrscheinlich nicht Lust haben, Jakob

abzuschwören. Auf diese Gründe hin wurde eine Abschwörungsbill von

äußerster Strenge im Hause der Gemeinen eingebracht. Es wurde beantragt,

zu verordnen, daß Jeder, der ein bürgerliches, militärisches oder

geistliches Amt bekleide, bei Strafe der Entlassung den verbannten König

feierlich abschwören solle, daß jeder Friedensrichter den

Abschwörungseid von jedem Unterthan verlangen könne und daß, wenn

derselbe verweigert würde, der Widerspenstige ins Gefängniß geworfen

werden und so lange darin bleiben solle, bis sein Starrsinn gebrochen

sei.

Die Härte dieser letzten Bestimmung wurde allgemein und mit vollem

Rechte getadelt. Jeden unwissenden, dienstfertigen Magistratsbeamten in

einen Staatsinquisitor zu verwandeln, darauf zu bestehen, daß ein

schlichter Mann, der ruhig und in Frieden lebte, der den Gesetzen

gehorchte, der seine Abgaben bezahlte, der nie ein öffentliches Amt

bekleidet und keine Aussicht hatte, jemals ein solches zu bekleiden,

der sich nie über Probleme der Staatswissenschaft den Kopf zerbrochen

hatte, unter eidlicher Bekräftigung eine bestimmte Ansicht über einen

Gegenstand abgeben sollte, über den die gelehrtesten Doctoren des

Jahrhunderts ganze Bibliotheken polemischer Werke geschrieben hatten,

und ihn in einem Kerker verfaulen zu lassen, wenn er sich nicht

entschließen konnte zu schwören: dies wäre gewiß der höchste Grad von

Tyrannei gewesen. Die Klausel welche von den öffentlichen Beamten

verlangte, den entthronten König abzuschwören, war nicht den nämlichen

Einwendungen ausgesetzt. Doch auch gegen diese Klausel wurden einige

gewichtige Argumente geltend gemacht. Wer, sagte man, einen

rechtschaffenen Character und einen gesunden Verstand hat, ist durch den

jetzigen Eid hinreichend gebunden. Indem ein solcher Mann dem Könige

Wilhelm Treue und Gehorsam schwört, schwört er selbstverständlich König

Jakob ab. Es mag allerdings unter den Dienern des Staats und selbst

unter den Dienern der Kirche einige geben, die weder Ehrgefühl noch

Religion haben und welche bereit sind, für Geld meineidig zu werden. Es

mag Andere geben, welche die verderbliche Gewohnheit haben, die

heiligsten Pflichten der Moral wegzuphilosophiren, und die der

Ueberzeugung sind, daß sie ohne zu sündigen mit einem stillschweigenden

Vorbehalt ein Versprechen geben können, das ohne solchen Vorbehalt

sündhaft sein würde. Gegen diese beiden Klassen von Jakobiten gewährt

der gegenwärtige Eid allerdings keine Sicherheit. Aber wird der neue

Test, wird überhaupt irgend ein Test wirksamer sein? Wird Jemand, der

kein Gewissen hat, oder Jemand, dessen Gewissen sich durch unmoralische

Sophismen beschwichtigen läßt, Bedenken tragen, jedwede Phrase, die man

ihm vorsagt, nachzusprechen? Der erstere wird die Heilige Schrift ohne

jeden Gewissensscrupel küssen, und die Scrupel des Andren werden sehr

leicht zu heben sein. Heute schwört er dem einen Könige mit einem

stillschweigenden Vorbehalt Treue, morgen wird er dem andren Könige mit

einem stillschweigenden Vorbehalt Treue schwören. Man hoffe nicht, daß

der Scharfsinn der Gesetzgeber jemals einen Eid ersinnen wird, den der

Scharfsinn der Casuisten nicht zu umgehen wüßte. Welchen Werth hat

überhaupt irgend ein Eid in solchen Dingen? Unter den vielen Lehren,

welche die Unruhen der vorigen Generation uns hinterlassen haben, ist

keine einleuchtender als die, daß keine noch so genau bestimmte

Wortformel, kein noch so feierlicher Schwur jemals eine Regierung vom

Untergange gerettet hat noch jemals retten wird. Wurde nicht der

Feierliche Bund und Covenant unter dem Hurrahgeschrei vieler Tausende,

die ihn selbst unterschrieben, vom Henker verbrannt? Wie viele von den

Staatsmännern und Kriegern, welche die Hauptrolle bei der

Wiedereinsetzung Karl's II. spielten, hatten ihn nicht zu wiederholten

Malen abgeschworen? Ist es sogar nicht wohlbekannt, daß einige von

diesen Männern prahlend versicherten, daß sie ihn nie hätten

wiedereinsetzen können, wenn sie ihn nicht abgeschworen hätten?

Die Debatten waren heftig und der Ausgang schien kurze Zeit zweifelhaft,

denn einige von den im Amte befindlichen Tories hatten keine Lust, ein

Votum abzugeben, das ihnen als ein Zeichen von Lauheit in der Sache des

Königs, dem sie dienten, ausgelegt werden konnte. Wilhelm erklärte

jedoch, daß er nicht wünsche, seinen Unterthanen einen neuen Eid

aufzudringen. Einige Worte aus seinem Munde entschieden den Ausgang des

Kampfes. Die Bill wurde sechsunddreißig Stunden nachdem sie eingebracht

worden, mit hundertzweiundneunzig gegen hundertfünfundsechzig Stimmen

verworfen.[97]

Selbst nach dieser Niederlage kehrten die Whigs hartnäckig zum Angriffe

zurück. Da sie in dem einen Hause geschlagen worden waren, erneuerten

sie den Kampf in dem andren. Fünf Tage nach Verwerfung der

Abschwörungsbill bei den Gemeinen, wurde eine andre, etwas mildere, aber

immer noch sehr harte Abschwörungsbill auf den Tisch der Lords

gelegt.[98] Der nunmehrige Vorschlag ging dahin, daß Niemand in einem

der beiden Parlamentshäuser Sitz und Stimme haben noch ein bürgerliches,

militärisches oder richterliches Amt bekleiden solle, der nicht die

Erklärung abgebe, Wilhelm und Marien gegen Jakob und seine Anhänger

beizustehen. Jeder männliche Bewohner des Königreichs, der das

sechzehnte Lebensjahr erreicht hatte, sollte bis zu einem bestimmten

Tage die nämliche Erklärung abgeben, that er es nicht, so sollte er

doppelte Steuern bezahlen und des Wahlrechts verlustig gehen.

An dem zur zweiten Lesung festgesetzten Tage kam der König ins Haus der

Peers. Er gab seine formelle Zustimmung zu mehreren Gesetzen, legte

seinen Königsmantel ab, ließ sich auf einen für ihn bereit gestellten

Sessel nieder und hörte der Debatte mit großer Aufmerksamkeit zu. Zum

allgemeinen Erstaunen sprachen zwei Cavaliere, die sich durch ihren

Eifer für die Revolution ausgezeichnet hatten, gegen den vorgeschlagenen

Huldigungseid. Lord Wharton, ein Puritaner, der für das Lange Parlament

gefochten, sagte mit ergötzlicher Naivität, er sei ein sehr alter Mann,

habe viel unruhige Zeiten durchlebt, habe seiner Zeit eine große Menge

Eide geleistet und fürchte sehr, daß er sie nicht alle gehalten habe. Er

bat den Himmel, daß ihm dies nicht als Sünde angerechnet werden möchte,

und erklärte, daß er sich nicht dazu verstehen könne, seiner eignen

Seele wie den Seelen seiner Nächsten noch mehr Schlingen zu legen. Der

Earl von Macclesfield, der Anführer der englischen Freiwilligen, welche

Wilhelm von Helvoetluys nach Torbay begleitet hatten, erklärte, daß er

sich ganz in dem nämlichen Falle befinde wie Lord Wharton. Marlborough

unterstützte die Bill und sagte, er wundre sich, daß Macclesfield, der

eine so hervorragende Rolle bei der Revolution gespielt habe, dagegen

sei. Gereizt durch die Beschuldigung der Inconsequenz, erwiederte

Macclesfield mit rücksichtsloser Heftigkeit: »Der edle Earl übertreibt

die Bedeutsamkeit der Rolle, die ich bei der Befreiung unsres

Vaterlandes gespielt habe. Ich war allerdings bereit und werde stets

bereit sein, zur Vertheidigung der Gesetze und Freiheiten desselben mein

Leben zu wagen. Aber es giebt Grenzen, über die ich, selbst um seiner

Gesetze und Freiheiten willen, nie hinausgehen könnte. Ich lehnte mich

nur gegen einen schlechten König auf: ich kenne Leute, die weit mehr

thaten.« Obwohl Marlborough nicht leicht aus der Fassung zu bringen war,

die Spitze dieses Sarkasmus mußte er nothwendig fühlen. Wilhelm sah

ungehalten aus und die Stimmung des ganzen Hauses war verdüstert. Mit

einundfunfzig gegen vierzig Stimmen wurde beschlossen, die Bill an den

Ausschuß zu verweisen, und sie kam auch wirklich in den Ausschuß, allein

es wurde kein Bericht darüber erstattet. Nach vielen harten Kämpfen

zwischen den Whigs unter Leitung Shrewsbury's und den Tories unter

Leitung Caermarthen's war sie so verstümmelt, daß wenig mehr als der

Name von ihr übrig blieb und daß Die, welche sie eingebracht hatten, sie

eines weiteren Streites nicht für werth hielten.[99]

[_Begnadigungsacte._] Die Niederlage der Whigs wurde durch eine

Mittheilung von Seiten des Königs vervollständigt. Caermarthen erschien

im Hause der Lords mit einem von Wilhelm unterzeichneten Pergament in

der Hand. Es war eine Begnadigungsacte für politische Vergehen.

Eine vom Souverain ausgehende Begnadigungsacte und eine von den Ständen

des Reichs ausgehende Indemnitätsacte unterscheiden sich in einigen

wesentlichen Punkten von einander. Eine Indemnitätsacte geht durch alle

Stadien, die andere Gesetze durchlaufen müssen und kann auf diesem Wege

von beiden Häusern abgeändert werden. Eine Begnadigungsacte wird mit

besonderer Ehrerbietung aufgenommen, wird nur einmal bei den Lords und

einmal bei den Gemeinen gelesen und muß entweder ganz verworfen oder so

wie sie ist angenommen werden.[100] Dem vorigen Parlamente hatte Wilhelm

eine solche Acte nicht vorzulegen gewagt. In dem neuen Parlamente aber

war er der Majorität gewiß und die Minorität gab keinen Grund zu

Besorgnissen. Der Starrsinn, der zwei Sessionen hindurch den Fortschritt

der Indemnitätsbill gehemmt hatte, war endlich durch Niederlagen und

Demüthigungen gebrochen. Beide Häuser hörten die Lesung der

Begnadigungsacte stehend und entblößten Hauptes an und genehmigten sie

ohne eine einzige dissentirende Stimme.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16. · 第 6 / 22 段