gab allerdings Ausnahmen, aber es waren ihrer nur sehr wenige und sie
kamen fast nur in zwei Klassen vor, deren gesellschaftliche Stellung
zwar weit von einander verschieden war, die sich aber in Lauheit der
Grundsätze sehr ähnelten. Alle die Whigs, von denen man weiß, daß sie
mit Saint-Germains in Unterhandlung standen, gehörten nicht dem
Hauptkörper der Partei, sondern entweder dem Kopfe oder dem Schweife
derselben an. Es waren entweder Patrizier von hohem Range und hoher
amtlicher Stellung, oder Lumpe, die schon seit langer Zeit zu den
unsaubersten Parteizwecken benutzt wurden. Zur ersteren Klasse gehörte
Shrewsbury, die hervorragendste Persönlichkeit der letzteren war Robert
Ferguson. Von dem Tage, an welchem das Conventionsparlament aufgelöst
wurde, fing Shrewsbury an in seiner Treue zu wanken; im Publikum aber
bekam man davon erst lange nachher eine Ahnung. Daß Ferguson wenige
Monate nach der Revolution ein wüthender Jakobit geworden, war Niemandem
ein Geheimniß und konnte eigentlich auch Niemanden Wunder nehmen.
Er konnte für seinen Abfall nicht einmal den erbärmlichen
Entschuldigungsgrund anführen, daß er zurückgesetzt worden sei. Die
schmachvollen Dienste, die er früher seiner Partei als Spion, als
Anstifter von Unruhen, als Vertheiler von Bestechungen, als Verfasser
von Libellen, als Einbläser falscher Zeugen geleistet hatte, waren für
die Ehre der neuen Regierung nur zu freigebig belohnt worden. Ein hohes
Amt konnte er daher unmöglich bekleiden. Aber es war für ihn eine
Sinekure mit fünfhundert Pfund jährlichem Gehalte im Departement der
Accise creirt worden. Er besaß daher was nach seinen Begriffen Reichthum
war; aber Reichthum befriedigte ihn nicht. Zwar hatte er nie Bedenken
getragen, für Geld Betrügereien, welche durch Heuchelei noch erschwert
wurden, zu verüben; doch war die Liebe zum Gelde nicht seine stärkste
Leidenschaft. Lange Gewohnheit hatte in ihm einen moralischen
Krankheitszustand entwickelt, von dem Leute, welche die politische
Agitation zu ihrem Lebensberufe erwählt haben, selten ganz frei sind. Er
konnte nicht Ruhe halten. Das Aufwiegeln, das ursprünglich sein Geschäft
gewesen, war dadurch auch sein Vergnügen geworden. Er konnte eben so
wenig leben, ohne Unheil zu stiften, wie ein alter Branntweintrinker
oder ein alter Opiumesser ohne seine tägliche Portion Gift leben kann.
Gerade die Unbequemlichkeiten und Gefahren eines gesetzwidrigen Lebens
hatten einen unwiderstehlichen Reiz für ihn. Er konnte eben so wenig in
einen friedlichen und loyalen Unterthan verwandelt werden, wie der Fuchs
in einen Schäferhund verwandelt werden oder wie die Weihe die
Gewohnheiten des Hausgeflügels erlernen kann. Wie der rothe Indianer
seine Jagdgründe cultivirten Feldern und schönen Städten vorzieht, wie
der Zigeuner, wenn er unter einem behaglichen Dache wohnt und eine
gesunde, frische Nahrung hat, sich noch immer nach dem zerrissenen Zelte
auf dem Moor und nach der Mahlzeit von verdorbenem Fleisch zurücksehnt,
eben so wurde Ferguson des Ueberflusses und der Sicherheit, seines
Gehalts, seines Hauses, seiner Tafel und seiner Equipage müde und sehnte
sich danach, wieder der Präsident von Gesellschaften, in welche Niemand
ohne die Parole eingelassen wurde, der Vorsteher geheimer Druckereien,
der Verbreiter aufrührerischer Flugschriften zu sein, die Mauern mit
Signalements seiner Person und mit Belohnungsanerbietungen für seine
Festnehmung bedeckt zu sehen, sechs bis sieben Namen mit einer andren
Perrücke und einem andren Rocke für jeden derselben zu führen und drei
Mal die Woche mitten in der Nacht die Wohnung zu wechseln. Seine
Feindschaft galt nicht dem Papismus oder dem Protestantismus, dem
monarchischen oder dem republikanischen System, dem Hause Stuart oder
dem Hause Nassau, sondern überhaupt allem zur Zeit Bestehenden.
[_Hoffnungen der Jakobiten._] Den Jakobiten war dieser neue Verbündete
sehr willkommen, denn sie beschäftigten sich gerade mit Plänen, bei
denen sie der Hülfe eines alten erfahrenen Verschwörers dringend
bedurften. Von dem Tage, an welchem bekannt gemacht worden war, daß
Wilhelm beschlossen habe, das Commando in Irland zu übernehmen, war
eine große Bewegung unter ihnen entstanden und sie sahen seiner Abreise
mit ungeduldiger Hoffnung entgegen. Er war ein Fürst, gegen den man es
nicht leicht wagte, die Fahne der Empörung aufzupflanzen. Sein Muth,
sein Scharfblick, die Verschwiegenheit seiner Räthe, der Erfolg, der
bis dahin alle seine Unternehmungen gekrönt hatte, imponirten der
Menge, und selbst seine erbittertsten Feinde fürchteten ihn mindestens
eben so sehr als sie ihn haßten. So lange er noch in Kensington war,
bereit, jeden Augenblick zu Pferde zu steigen, begnügten sich die
Uebelgesinnten, denen ihr Kopf und ihr Vermögen lieb war, damit,
ihrem Hasse dadurch Luft zu machen, daß sie auf den Untergang seiner
Habichtsnase tranken und mit bedeutungsvoller Energie die Orange,
das Emblem seines Hauses, zusammendrückten. Aber ihr Muth stieg bei
dem Gedanken, daß nun bald das Meer zwischen ihm und unsrer Insel
liegen würde. Bei den militärischen und politischen Berechnungen der
damaligen Zeit hatten dreißig Meilen Wasser ebenso viel zu bedeuten
wie jetzt dreihundert Meilen. Wind und Wellen unterbrachen häufig
alle Communication zwischen England und Irland. Es geschah zuweilen,
daß zwei bis drei Wochen lang keine Nachricht von London nach Dublin
gelangte. Zwanzig englische Grafschaften konnten unter den Waffen
stehen, bevor man in Ulster nur erfuhr, daß ein Aufstand befürchtet
werde. Zu Anfang des Frühjahrs versammelten sich daher die dirigirenden
Mißvergnügten in London, um einen umfassenden Operationsplan zu
entwerfen, und correspondirten eifrig sowohl mit Frankreich als mit
Irland.
[_Zusammentritt des neuen Parlaments._] So war die Stimmung der
englischen Parteien, als das neue Parlament am 20. März seine Sitzungen
eröffnete. Das erste Geschäft welches die Gemeinen vorzunehmen hatten,
war die Wahl eines Sprechers. Lowther schlug Trevor vor, der auch ohne
Opposition gewählt und mit dem herkömmlichen Ceremoniell vorgestellt und
bestätigt wurde. Hierauf hielt der König eine Rede, in der er den beiden
Häusern ganz besonders zwei wichtige Gegenstände zur Berathung
anempfahl: die Feststellung der Staatseinkünfte und die Bewilligung
einer Amnestie. Er hob nachdrücklich die Nothwendigkeit der
Beschleunigung hervor. Jeder Tag sei kostbar, der Augenblick zum
Handeln rücke heran. »Lassen Sie uns nicht,« sagte er, »die Zeit mit
Debatten hinbringen, während unsere Feinde im Felde stehen.«[79]
[_Feststellung des Staatseinkommens._] Der erste Gegenstand, den die
Gemeinen in Berathung nahmen, war der Stand des Staatseinkommens. Ein
großer Theil der Steuern war seit der Thronbesteigung Wilhelm's und
Mariens unter der Autorität von auf kurze Zeit erlassenen Acten erhoben
worden, und es war jetzt Zeit, endgültige Anordnungen zu treffen. Es
wurde dem Hause ein Verzeichniß der Besoldungen und Pensionen vorgelegt,
für welche Deckung zu beschaffen war, und der Betrag der dafür
ausgeworfenen Summen rief wohlbegründete Klagen seitens der unabhängigen
Mitglieder hervor, unter denen sich Sir Karl Sedley durch seinen
sarkastischen Humor auszeichnete. Eine geistreiche Rede, die er gegen
die Stelleninhaber hielt, wurde heimlich gedruckt und weit verbreitet;
sie ist seitdem oft neu aufgelegt worden und beweist, daß seine
Zeitgenossen sich nicht irrten, indem sie ihn für einen Mann von Talent
und lebendigem Geiste hielten, was man bei Lesung seiner Gedichte und
Schauspiele versucht wird zu bezweifeln. Leider verpuffte die üble
Laune, welche der Anblick der Civilliste erregte, in Späßen und
Invectiven, ohne irgend eine Reform herbeizuführen.
Das ordentliche Einkommen, welches der Regierung vor der Revolution zur
Verfügung gestanden hatte, war theils erblich gewesen, theils aus
Steuern gezogen worden, welche jedem Souverain auf Lebenszeit bewilligt
waren. Das erbliche Einkommen war mit der Krone auf Wilhelm und Marien
übergegangen. Es floß aus den Erträgnissen der königlichen Domainen, aus
Sporteln, Geldbußen und Weinlicenzen, aus den Erstlingen und Zehnten der
Pfründen, aus den Einnahmen des Postamts und aus demjenigen Theile der
Accise, welcher unmittelbar nach der Restauration Karl II. an Stelle der
unseren früheren Königen schuldigen Lehndienste für alle Zeiten
bewilligt worden war. Das Einkommen aus allen diesen Quellen wurde auf
vier- bis fünfhunderttausend Pfund geschätzt.[80]
Die Accis- und Zolleinnahmen, welche Jakob auf Lebenszeit bewilligt
worden waren, hatten am Schlusse seiner Regierung die Summe von ungefähr
neunhunderttausend Pfund erreicht. Wilhelm wünschte natürlich dieses
Einkommen in derselben Weise zu beziehen, wie sein Oheim es genossen
hatte, und seine Minister thaten ihr Möglichstes, um seine Wünsche zu
befriedigen. Lowther beantragte, daß die Bewilligung für des Königs und
der Königin gemeinschaftliche und für jedes Einzelnen Lebenszeit gelten
solle, und er sprach wiederholt und nachdrücklich zur Vertheidigung
dieses Antrags. Er hob Wilhelm's Ansprüche auf die öffentliche
Dankbarkeit und das öffentliche Vertrauen hervor, die Befreiung der
Nation von Papismus und Willkürherrschaft, die Befreiung der Kirche von
Verfolgung und die der Verfassung gegebene feste Grundlage. Könnten die
Gemeinen einem Fürsten gegenüber knausern, der mehr für England gethan
habe, als irgend einer seiner Vorgänger in so kurzer Zeit für dasselbe
gethan, mit einem Fürsten, der jetzt im Begriff stehe, sich feindlichen
Waffen und einem ungesunden Klima auszusetzen, um die englische Colonie
in Irland zu erhalten, mit einem Fürsten, für den man in jedem Winkel
der Welt bete, wo sich eine protestantische Gemeinde zum Gottesdienste
versammeln dürfe?[81] Doch über diesen Gegenstand sprach Lowther
umsonst. Sowohl Whigs als Tories waren der festen Meinung, daß die
Freigebigkeit der Parlamente die Hauptursache des Unheils der letzten
dreißig Jahre sei; daß der Freigebigkeit des Parlaments von 1660 die
schlechte Verwaltung der Cabale, der Freigebigkeit des Parlaments von
1685 die Indulgenzerklärung zugeschrieben werden müsse und daß es
unverantwortlich von dem Parlamente von 1690 sein würde, wenn es eine
lange, schmerzliche und unveränderliche Erfahrung nicht benutzte. Nach
langer Discussion kam ein Vergleich zu Stande. Der Theil der Accise,
welcher Jakob auf Lebenszeit bewilligt gewesen war und den man auf
dreihunderttausend Pfund jährlich schätzte, wurden Wilhelm und Marien
auf gemeinschaftliche und auf jedes Einzelnen Lebenszeit bewilligt. Man
nahm an, daß Ihre Majestäten mit dem erblichen Einkommen und mit den
dreihunderttausend Pfund aus der Accise, unabhängig von
parlamentarischer Controle zwischen sieben- und achthunderttausend Pfund
jährlich haben würden. Von diesem Einkommen waren die Kosten des
königlichen Haushaltes und diejenigen Civilämter zu bestreiten, von
denen dem Hause eine Liste vorgelegt worden war. Daher wurde dieses
Einkommen die Civilliste genannt. Jetzt ist der Aufwand für den
königlichen Haushalt von den Kosten der Civilverwaltung völlig getrennt;
aber durch eine sonderbare Sinnverdrehung ist der Name Civilliste dem
zur Bestreitung des königlichen Haushalts bestimmten Theile der
Einkünfte geblieben. Noch sonderbarer ist es, daß mehrere Nachbarvölker
diesen unpassendsten Namen von der Welt der Entlehnung werth gehalten
haben. Diejenigen Zollgebühren, welche Karl und Jakob nach einander auf
Lebenszeit zuerkannt worden waren und die sich in dem Jahre vor der
Revolution auf sechshunderttausend Pfund belaufen hatten, wurden der
Krone nur auf vier Jahre bewilligt.[82]
Wilhelm gefiel dieses Arrangement keineswegs. Es schien ihm ungerecht
und undankbar, daß ein Volk, welches er gerettet hatte, die Höhe seines
Einkommens von seinem guten Verhalten abhängig machte. »Die Herren
Engländer,« sagte er zu Burnet, »trauten Jakob, der ein Feind ihrer
Religion und ihrer Gesetze war, und mir, dem sie die Erhaltung ihrer
Religion und ihrer Gesetze verdanken, wollen sie nicht trauen.« Burnet
erwiederte ihm sehr richtig, daß es keinen Beweis von persönlichem
Vertrauen gebe, den Se. Majestät nicht zu verlangen berechtigt wäre,
daß aber die hier vorliegende Frage keine Frage des persönlichen
Vertrauens sei. Die Stände des Reichs wünschten ein allgemeines Prinzip
festzustellen; sie wünschten einen Präcedenzfall zu haben, der die
späte Nachwelt gegen Uebel sichere, wie sie die sorglose Freigebigkeit
früherer Parlamente erzeugt habe. »Von diesen Uebeln hat Eure Majestät
die gegenwärtige Generation befreit. Durch Annahme der Gabe der
Gemeinen unter den offerirten Bedingungen wird Eure Majestät auch ein
Befreier zukünftiger Generationen sein.« Wilhelm war nicht überzeugt,
aber er besaß zuviel Weltklugheit und Selbstbeherrschung, um seiner
üblen Laune freien Lauf zu lassen und er nahm mit freundlicher Miene,
an was er nicht umhin konnte als unfreundlich gegeben zu betrachten.[83]
[_Jahrgeld der Prinzessin von Dänemark._] Die Civilliste war mit einer
Annuität von zwanzigtausend Pfund für die Prinzessin von Dänemark
belastet, als Zuschuß zu den dreißigtausend Pfund, die ihr zur Zeit
ihrer Vermählung ausgesetzt worden waren. Dieses Arrangement war das
Resultat eines Vergleichs, der mit vieler Mühe und nach langen heftigen
Streitigkeiten zu Stande gebracht worden war. Der König und die Königin
hatten seit dem Antritte ihrer Regierung niemals auf besonders gutem
Fuße mit ihrer Schwester gestanden. Daß Wilhelm einer Frau nicht
gefallen konnte, die eben nur so viel Verstand hatte, um zu bemerken,
daß ihm ein mürrisches Wesen und ein abstoßendes Benehmen eigen waren,
und die seine höheren Eigenschaften durchaus nicht zu würdigen
vermochte, ist nicht zu verwundern. Für Marien aber war es ein Bedürfniß
geliebt zu werden. Eine so liebenswürdige und geistvolle Frau konnte
nicht viel Vergnügen an dem Umgange mit Anna finden, die, wenn bei guter
Laune, heiter einfältig, wenn bei schlechter Laune mürrisch einfältig
war. Indessen würde die Königin, die auch der geringste ihrer
Dienstleute wegen ihrer Herzensgüte liebte, sich schwerlich eine Person
zum Feinde gemacht haben, deren Freundschaft zu gewinnen ihre Pflicht
und ihr Interesse erheischte, wäre nicht ein ungewöhnlich mächtiger und
ungewöhnlich bösartiger Einfluß unablässig bemüht gewesen, den Frieden
des königlichen Hauses zu stören. Die Zuneigung der Prinzessin Anna zu
Lady Marlborough war so stark, daß man dieselbe in einem abergläubischen
Zeitalter einem Talisman oder einem Zaubertranke zugeschrieben haben
würde. Nicht nur daß die beiden Freundinnen in ihrem vertraulichen
Verkehr mit einander alle Ceremonien und Titel bei Seite geworfen hatten
und schlechtweg Mrs. Morley und Mrs. Freeman geworden waren, selbst
Prinz Georg, der sich um das Ansehen seiner Geburt eben so wenig
kümmerte wie um irgend etwas Andres außer Claret und marinirten Lachs,
ließ es sich gefallen, Mr. Morley genannt zu werden. Die Gräfin rühmte
sich, den Namen Freeman deshalb gewählt zu haben, weil er der Offenheit
und Keckheit ihres Characters ganz besonders entspreche, und man muß ihr
die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie ihre despotische
Herrschaft über die schwache Prinzessin nicht durch gewöhnliche
Höflingskünste begründete und lange behauptete. Sie besaß wenig von dem
Takte, der das characteristische Talent ihres Geschlechts ist, und sie
war viel zu heftig, um schmeicheln oder sich verstellen zu können; aber
ein seltener Zufall hatte sie einem Character entgegengeführt, auf den
gebieterisches Wesen und Widerspruch wie Zaubertränke wirkten. In dieser
grotesken Freundschaft waren Hingebung, Geduld und Selbstverleugnung
ganz auf Seiten der Herrin, während die Launen, der übermüthige Stolz
und die Ausbrüche von Heftigkeit auf Seiten der Dienerin waren.
Höchst merkwürdig ist das Verhältniß, in welchem die beiden Frauen zu
Mr. Freeman standen, wie sie Marlborough nannten. Im Auslande wußte fast
Jedermann, daß Anna von den Churchill geleitet wurde. Ebenso bekannt war
es, daß der Mann, der sich ihrer Gunst in so hohem Grade erfreute,
nicht nur ein großer Feldherr und Staatsmann, sondern auch einer der
schönsten Cavaliere seiner Zeit war, daß er von Gesicht und Gestalt
auffallend hübsch, daß sein Character zugleich sanft und entschlossen,
seine Manieren zugleich gewinnend und edel waren. Nichts war
natürlicher, als daß körperliche und geistige Vorzüge wie die seinigen
ein weibliches Herz leicht erobern mußten. Viele Leute auf dem Festlande
glaubten daher auch, er sei Anna's begünstigter Anbeter, und er wurde in
gleichzeitigen französischen Libellen, welche längst vergessen sind, als
solcher dargestellt. In England jedoch fand diese Verleumdung selbst bei
dem großen Haufen niemals Glauben, und man findet selbst in dem
gemeinsten Gassenhauer, der in unseren Straßen gesungen wurde, keine
Spur davon. Die Prinzessin scheint sich in der That nie eines mit ihren
ehelichen Pflichten unverträglichen Gedankens schuldig gemacht zu haben.
In ihren Augen war Marlborough mit all' seiner Genialität und
Tapferkeit, seiner Schönheit und Liebenswürdigkeit nichts weiter als der
Gatte ihrer Freundin. Einen directen Einfluß auf Ihre Königliche Hoheit
besaß er nicht; nur durch Vermittelung seiner Gattin konnte er auf sie
einwirken, und seine Gattin war kein passives Werkzeug. Obgleich es
nicht möglich ist, in irgend etwas was sie gethan, gesagt oder
geschrieben hat, das geringste Anzeichen von höherer Verstandesbildung
zu entdecken, setzten ihre heftigen Leidenschaften und ihr starker Wille
sie doch oftmals in den Stand, einen Gatten zu beherrschen, der zum
Gebieter über ernste Senate und über mächtige Heere geboren war. Sein
Muth, ein Muth, den die gefahrvollsten Situationen des Kriegs nur noch
kälter und unerschütterlicher machten, verließ ihn beim Anblick der
leichtfließenden Thränen und wortreichen Vorwürfe, der schmollenden
Lippen und des traurig gesenkten Hauptes seiner Sara. Die Geschichte
führt uns wenige Schauspiele vor, welche merkwürdiger waren, als das
eines großen und gelehrten Mannes, der, wenn er weitumfassende und
tiefdurchdachte politische Pläne entworfen hatte, dieselben nur dadurch
ins Werk setzen konnte, daß er ein oft unlenksames, thörichtes Weib
vermochte, ein andres noch thörichteres Weib zu lenken.
In einem Punkte stimmten der Earl und die Gräfin vollkommen überein: sie
liebten Beide den Geldgewinn, nur daß er das gewonnene gern aufhäufte,
sie aber nicht abgeneigt war, es wieder auszugeben.[84] Die Gunst der
Prinzessin betrachteten sie Beide als ein werthvolles Besitzthum. Schon
unter der Regierung ihres Vaters hatten sie angefangen, durch Anna's
Freigebigkeit reich zu werden. Sie war von Natur zur Sparsamkeit geneigt
und selbst als sie auf dem Throne saß, waren ihre Equipagen und ihre
Tafel keineswegs prächtig.[85] Man sollte daher meinen, daß, während sie
noch Unterthanin war, dreißigtausend Pfund jährlich und eine Wohnung im
Palaste für alle ihre Bedürfnisse mehr als ausreichend hätte sein
müssen. Es gab vielleicht im ganzen Königreiche nicht zwei Edelleute,
die ein solches Einkommen besaßen. Aber um den Gelddurst Derer zu
stillen, die sie beherrschten, war kein Einkommen groß genug. Sie hatte
zu wiederholten Malen Schulden gemacht, welche Jakob immer bezahlte,
doch nicht ohne sein Erstaunen und Mißfallen darüber zu äußern.