Zuweilen wurde das Uebel der Verderbtheit eines einzelnen Ministers

zugeschrieben; wenn er aber vom Ruder verdrängt war und wenn Diejenigen,

die ihn laut beschuldigt, an seiner Statt regierten, ergab es sich, daß

der Wechsel der Personen keine Veränderung des Systems herbeigeführt

hatte. Anderemale wurde das Uebel der Ausartung des Nationalcharacters

zugeschrieben. Verschwendungssucht und Habgier, sagte man, hätten in

unsrem Vaterlande die nämliche Wirkung erzeugt, die sie vor Alters in

der römischen Republik erzeugten. Der moderne Engländer verhalte sich zu

dem Engländer des 16. Jahrhunderts wie Verres und Curio zu Dentatus und

Fabricius. Diejenigen welche diese Sprache führten, waren so unwissend

und oberflächlich wie Leute, welche die Vergangenheit auf Kosten der

Gegenwart herausstreichen, es in der Regel sind. Ein einsichtsvoller

Mann würde bemerkt haben, daß, wenn die Engländer aus der Zeit Georg's

II. wirklich schmutziger und ehrloser gewesen wären als ihre Vorfahren,

die Verschlechterung sich nicht an einer Stelle allein gezeigt haben

würde. Die Feilheit der Justiz und die Feilheit der Beamten würde mit

der Feilheit des Parlaments gleichen Schritt gehalten haben. Allein es

ist nichts gewisser als daß die Gerichtshöfe und die öffentlichen

Behörden immer reiner und reiner wurden, während die Feilheit der

Legislatur zunahm. Die Vertreter des Volks waren zu den Zeiten

Hardwicke's und Pelham's unzweifelhaft käuflicher als zu den Zeiten der

Tudors. Aber die Kanzler der Tudors machten sich kein Gewissen daraus

von Rechtsuchenden Silbergeschirr und Juwelen anzunehmen, und Hardwicke

würde jeden Rechtsuchenden, der es gewagt hätte, ihm ein Geschenk zu

bringen, haben verhaften lassen. Die Schatzmeister der Tudors erwarben

sich durch den Verkauf von Stellen, Titeln und Begnadigungen fürstliches

Vermögen, und Pelham würde Jedem, der ihm für eine Pairie oder ein

Zollcommissariat Geld geboten hatte, durch seine Dienerschaft aus dem

Hause haben werfen lassen. Es liegt somit auf der Hand, daß das

Vorherrschen der Bestechlichkeit im Parlament nicht einer allgemeinen

Sittenverderbniß zugeschrieben werden darf. Die Krankheit war eine

örtliche, wir müssen uns daher nach einer örtlichen Ursache umsehen, und

eine solche wird nicht schwer zu finden sein.

Unter unseren früheren Regenten hatte das Haus der Gemeinen mit der

ausübenden Verwaltung wenig zu thun; der Sprecher war beauftragt es

nicht zu dulden, daß die Mitglieder sich in Staatsangelegenheiten

mischten. War einer der Herren gar nicht zur Ruhe zu bringen, so wurde

er vor den Geheimen Rath gefordert und zur Rede gesetzt, erhielt einen

Verweis und wurde in den Tower geschickt, um dort über sein

pflichtwidriges Benehmen nachzudenken. Die Gemeinen suchten sich zwar

nach Möglichkeit zu schützen, indem sie ihre Berathungen geheim hielten,

Fremden keinen Zutritt gestatteten und die Wiedererzählung dessen was

hinter den Thüren geschah, zu einem Verbrechen stempelten. Aber diese

Vorsichtsmaßregeln halfen nicht viel. In einer so zahlreichen

Versammlung gab es immer Ohrenbläser, weiche bereit waren, ihre Collegen

im Palaste anzuschwärzen. Dem Hofe zu opponiren war daher ein

gefährliches Ding. Von Kaufen der Stimmen war damals natürlich noch

wenig oder gar nicht die Rede. Ein ehrlicher Mann ließ sich nicht

erkaufen, und ein Schurke war wohlfeiler einzuschüchtern oder zu

zwingen, als zu erkaufen.

Aus einem ganz andren Grunde hat in neuerer Zeit, so weit die Erinnerung

der gegenwärtigen Generation zurückreicht, kein directes Kaufen von

Stimmen stattgefunden. Das Haus der Gemeinen ist jetzt die höchste

Behörde im Staate; aber es ist der Nation verantwortlich. Selbst

diejenigen Mitglieder, welche nicht durch große Wahlkörper gewählt sind,

werden durch die öffentliche Meinung in Schranken gehalten. Alles wird

gedruckt. Alles wird diskutirt, jedes im Laufe der Debatte gesprochene

Wort wird am nächsten Morgen von einer Million Menschen gelesen. Wenige

Stunden nach einer wichtigen Abstimmung werden die Listen der Majorität

und der Minorität in jeder Stadt, von Plymouth bis Inverneß, kritisirt

und analysirt. Findet man einen Namen da, wo er nicht sein sollte, so

kann der Apostat gewiß sein, daß er sehr nachdrücklich an die

Versprechungen und Versicherungen, denen er untreu geworden, erinnert

werden wird. Heutzutage kann sich daher eine Regierung die Majorität des

repräsentativen Körpers am besten dadurch sichern, daß sie das Vertrauen

der Nation gewinnt.

Zwischen der Zeit aber, wo unsere Parlamente aufhörten, durch die

königliche Prärogative gezügelt zu werden, und der Zeit, wo sie

andauernd und wirksam durch die öffentliche Meinung gezügelt zu werden

begannen, lag ein langer Zwischenraum. Nach der Restauration wagte keine

Regierung wieder zu den Mitteln zu greifen, durch welche vor dem

Bürgerkriege die Redefreiheit beschränkt worden war. Kein Mitglied

konnte mehr wegen seiner Reden oder seiner Vota zur Rechenschaft gezogen

werden. Er konnte die Annahme von Bewillungsbills hintertreiben, er

konnte die ganze auswärtige Politik des Landes angreifen; er konnte

Anklageschriften gegen sämmtliche erste Minister auf den Tisch des

Hauses niederlegen, und er lief nicht die mindeste Gefahr, so behandelt

zu werden, wie Morrice von Elisabeth, oder Eliot von Karl I. behandelt

worden war. Der Senator fürchtete den Hof nicht mehr. Dessenungeachtet

wurden alle Schutzwehren, hinter denen sich die schwachen Parlamente des

16. Jahrhunderts gegen die Angriffe der Prärogative verschanzt hatten,

nicht nur aufrecht erhalten sondern noch erweitert und verstärkt. Kein

Politiker scheint erkannt zu haben, daß diese Schutzwehren ihrem

ursprünglichen Zwecke nicht mehr dienten und angefangen hatten, einem

ganz andren Zwecke zu dienen. Die Regeln, welche ursprünglich dazu

bestimmt gewesen waren, treue Volksvertreter gegen das Mißfallen des

Souverains zu schützen, dienten jetzt dazu, treulose Volksvertreter

gegen das Mißvergnügen der Nation zu schützen und erwiesen sich zu dem

letzteren Zwecke als viel wirksamer als sie es zu dem ersteren gewesen

waren. Daß in einem gesetzgebenden Körper, der von den Beschränkungen

des 16. Jahrhunderts befreit, aber noch nicht den Beschränkungen des

19. Jahrhunderts unterworfen war, in einem gesetzgebenden Körper, der

weder den König noch das Volk fürchtete, Bestechlichkeit herrschte, war

natürlich, ja unvermeidlich.

Die Pestbeule begann in den Tagen der Cabale sichtbar und greifbar zu

werden. Clifford, der Kühnste und Heftigste von den bösen Fünf, hatte

das Verdienst, die Entdeckung zu machen, daß ein lärmender Patriot, der

nicht mehr eingesperrt werden durfte, durch eine Goldschmiedsnote in

einen Höfling verwandelt werden könne. Es wurde bald ein Sprüchwort,

daß das Parlament einer Pumpe gleiche. Wenn eine Pumpe ausgetrocknet

sei, sagten die Witzlinge, brauche man nur eine kleine Quantität Wasser

hineinzuschütten, damit sie eine große Quantität Wasser von sich gebe;

ebenso bedürfe es bei einem sich knauserig zeigenden Parlamente oft nur

der zweckmäßigen Vertheilung von zehntausend Pfund, um eine Million

bewilligt zu erhalten. Durch die Revolution, welche unser Land von

so manchem andren Uebel befreit, wurde das Uebel nicht vermindert,

sondern sogar verschlimmert. Das Haus der Gemeinen war jetzt der Krone

gegenüber mächtiger als je und doch war es der Nation nicht strenger

verantwortlich als früher. Die Regierung hatte einen neuen Beweggrund,

die Mitglieder zu erkaufen, und die Mitglieder hatten keinen neuen

Beweggrund, sich nicht erkaufen zu lassen. Wilhelm hatte zwar einen

Widerwillen gegen die Bestechung; er beschloß, sich derselben zu

enthalten, und während des ersten Jahres seiner Regierung führte er

diesen Vorsatz auch durch. Leider aber ermuthigten die Ereignisse

dieses Jahres ihn nicht, in seiner guten Absicht zu beharren. Sobald

Caermarthen an die Spitze der inneren Verwaltung des Reichs gestellt

war, trat eine vollständige Aenderung ein. Er war in der That kein

Neuling in der Kunst des Stimmenkaufens. Vor sechzehn Jahren war er

Clifford's Nachfolger im Schatzamte geworden, hatte Clifford's Taktiken

geerbt, sie verbessert und sie in einer Ausdehnung angewendet, die den

Erfinder in Erstaunen gesetzt haben würde. Von dem Tage, an welchem

Caermarthen zum zweiten Male zur Oberleitung der Staatsangelegenheiten

berufen wurde, ward die parlamentarische Bestechung fortwährend fast

ohne Unterbrechung von einer langen Aufeinanderfolge von Staatsmännern

bis zur Beendigung des amerikanischen Kriegs ausgeübt. Keine der

beiden großen englischen Parteien kann der andren in diesem Punkte

speciell die Schuld beimessen. Die Tories waren die Ersten, die das

System einführten, und die Letzten, die daran festhielten, seinen

größten Umfang aber erreichte es zur Zeit des Uebergewichts der Whigs.

In welchem Umfange die Unterstützung des Parlaments mit Geld erkauft

wurde, läßt sich nicht genau ermitteln. Doch ist es wahrscheinlich, daß

die Anzahl der Söldlinge durch das Gerücht sehr übertrieben wurde und

niemals groß, wenn auch oft beträchtlich genug war, um bei wichtigen

Abstimmungen den Ausschlag zu geben. Ein gewissenloser Minister nahm

die Dienste dieser Söldlinge mit eifriger Bereitwilligkeit an, und ein

rechtschaffener Minister unterwarf sich im Interesse des Gemeinwohls

einem Gebrauche, den er als eine schmachvolle Erpressung betrachtete.

Aber viele Jahre hindurch verstand sich jeder Minister, mochte sein

persönlicher Character sein welcher er wollte, wohl oder übel dazu das

Parlament auf die einzige Manier zu behandeln, auf die es behandelt

werden konnte. Es wurde endlich eben so notorisch, daß im Schatzamte

ein Stimmenmarkt, wie daß in Smithfield ein Viehmarkt gehalten ward.

Zahlreiche Demagogen die nicht im Amte waren, eiferten gegen diesen

schmählichen Handel, jeder von diesen Demagogen aber sah sich, sobald

er ans Ruder kam, durch eine Art von Fatalität getrieben, an dem Handel

Theil zu nehmen, oder ihn wenigstens stillschweigend zu gestatten.

Hin und wieder weigerte sich vielleicht ein Mann, der romanhafte

Begriffe von Staatsdienertugend hatte, selbst der Zahlmeister der

bestochenen Schaar zu sein und wendete den Blick ab, während seine

minder skrupulösen Collegen thaten was er als unerläßlich kannte,

obwohl er fühlte, daß es erniedrigend war. Doch waren Fälle solcher

Prüderie nur selten. Das allgemein, selbst unter rechtschaffenen und

ehrenwerthen Politikern angenommene Prinzip war, daß es schimpflich

sei, Bestechungen zu nehmen, aber nothwendig, solche zu vertheilen.

Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß das Uebel seinen Höhepunkt

während der Verwaltung Heinrich Pelham's erreichte, eines Staatsmannes

vom besten Willen, von makelloser Moralität in seinem Privatleben und

von exemplarischer Uneigennützigkeit. Es ist nicht schwer zu errathen,

durch welche Argumente er und andere wohlmeinende Männer, welche die

Mode ihres Zeitalters mitmachten, ihr Gewissen beruhigten. Kein noch so

strenger Casuist hat geleugnet, daß es eine Pflicht sein kann, etwas zu

geben, was zu nehmen eine Sünde ist. Es war schändlich von Jeffreys,

für das Leben der unglücklichen Gefangenen, die er in Dorchester und

Taunton verurtheilte, Geld zu verlangen. Aber es war nicht schändlich,

nein es war sogar lobenswerth von den Verwandten und Freunden eines

Gefangenen, nach ihren Kräften beizusteuern, um für Jeffreys eine

Börse zu füllen. Der Corsar von Sallee, der einen gefangenen Christen

zu Tode zu prügeln drohte, wenn er kein Lösegeld herbeischaffte, war

ein nichtswürdiger Schurke. Aber einen gefangenen Christen von einem

Sallee Corsaren loskaufen, war nicht nur eine unschuldige, sondern

eine höchst verdienstliche Handlung. In solchen Fällen würde die

Anwendung des Wortes Bestechung ganz unpassend sein. Diejenigen,

welche den schmutzigen Gewinn annehmen, sind schon verdorben; wer sie

besticht, macht sie nicht erst schlecht, er findet sie bereits so,

und er verhindert nur, daß ihre bösen Neigungen schlimme Wirkungen

erzeugen. Konnte nicht dasselbe Argument zur Entschuldigung eines

Ministers geltend gemacht werden, der, weil kein andres Mittel etwas

nützte, habsüchtige und niedrigdenkende Männer bezahlte, damit sie ihr

Vaterland nicht ruinirten?

Durch ein ähnliches Raisonnement wurden auch Wilhelm's Skrupel

beschwichtigt. Der ehrliche Burnet nahm sich mit dem unhöfischen Muthe,

der ihn auszeichnete, die Freiheit, dem Könige Vorstellungen deshalb zu

machen. »Niemand,« antwortete Wilhelm, »haßt die Bestechung mehr als

ich. Aber ich habe es mit einer Art Menschen zu thun, mit denen nur auf

diesem unedlen Wege etwas anzufangen ist. Ich muß mich wohl oder übel

dazu entschließen, oder das Land ist verloren.«[68]

[_Sir Johann Trevor._] Der Lordpräsident mußte im Hause der Gemeinen

einen Agenten für das Erkaufen der Mitglieder haben, und Lowther war für

ein solches Geschäft zu unbeholfen und zu gewissenhaft. Aber ein Mann,

der Klugheit und Verworfenheit in hohem Grade in sich vereinigte, ward

ohne Mühe gefunden. Es war der Staatsarchivar Sir Johann Trevor, der in

dem einzigen Parlamente, welches Jakob gehalten, Sprecher gewesen war.

So hoch Trevor sich in der Welt emporgeschwungen hatte, es gab Leute,

die ihn gekannt hatten, als er noch ein wunderlich aussehender

Advokatenschreiber im innern Temple gewesen war. In der That, wer ihn

einmal gesehen hatte, konnte ihn so leicht nicht vergessen, denn seine

grotesken Gesichtszüge und sein abscheuliches Schielen machten ihn zu

einer lebenden Karrikatur. Seine nicht gewöhnlichen natürlichen Anlagen

hatten ihn befähigt, es in der Kunst der Chikane schon frühzeitig zur

Meisterschaft zu bringen. Spiel und Wetten waren sein Vergnügen und er

wußte daraus viel praktischen Nutzen für seinen Beruf zu ziehen. Denn

seine Ansicht über eine aus einer Wette oder einem Hazardspiele

entsprungene Streitfrage hatte eben so viel Autorität als der Ausspruch

irgend eines Gerichtshofes in Westminster Hall. Er erhob sich bald zu

einem der heiteren Gesellschafter, welche Jeffreys am Abend bei der

Flasche in fröhlicher Weinlaune umarmte und am andren Morgen im

Gerichtssaale verwünschte und heruntermachte. Unter einem solchen

Lehrmeister machte Trevor rasche Fortschritte in der eigenthümlichen Art

von Rhetorik, die sich in den Prozessen Baxter's und der Alice Lisle

entfaltet hatte. Man erzählte sich in der That von einigen

Schimpfwettkämpfen zwischen dem Kanzler und seinem Freunde, in denen der

Schüler keine geringere Zungenfertigkeit und Gemeinheit an den Tag

gelegt hatte als der Meister. Diese Zänkereien fanden jedoch erst statt,

als der jüngere Glücksritter sich soviel Reichthümer und Würden erworben

hatte, daß er der Protection, die ihn emporgehoben, nicht mehr

bedurfte.[69] Unter den Hochkirchlichen genoß Trevor trotz seines

notorischen Mangels an Grundsätzen damals eine gewisse Popularität, die

er hauptsächlich ihrer Ueberzeugung verdankt zu haben scheint, daß, wie

falsch er im allgemeinen auch sein mochte, sein Haß gegen die Dissenters

wenigstens wahr und aufrichtig sei. Es stand kaum zu bezweifeln, daß er

in einem Hause der Gemeinen, in welchem die Tories das Uebergewicht

hatten, mit Unterstützung des Hofes leicht zum Sprecher gewählt werden

konnte. Er wünschte sehnlichst, seinen früheren Posten wieder zu

erhalten, den er vortrefflich zu einem der einträglichsten im

Königreiche zu machen verstand, und er übernahm daher bereitwillig das

geheime und schmachvolle Amt, für welches Lowther ganz untauglich war.

Richard Hampden wurde zum Kanzler der Schatzkammer ernannt. Diese

Ernennung sollte wahrscheinlich ein Beweis von der Dankbarkeit des

Königs für sein gemäßigtes Verhalten und für seine Bemühungen sein, die

Heftigkeit seiner whiggistischen Freunde, und besonders seines Sohnes,

zu brechen.

[_Godolphin tritt ab._] Godolphin verließ freiwillig das Schatzamt,

warum, wissen wir nicht. Wir können kaum daran zweifeln, daß die

Auflösung des Parlaments und das Ergebniß der allgemeinen Wahl ihm

Freude gemacht haben mußten; denn seine politischen Ansichten neigten

sich zum Toryismus hin und er hatte unter der vorigen Regierung Manches

gethan, was zwar kein großes Verbrechen war, aber doch einer Amnestie

sehr bedurfte. Er hielt es wahrscheinlich nicht für vereinbar mit seiner

persönlichen Würde, im Staatsrathe unter Lowther zu sitzen, der ihm im

Range nachstand.[70]

[_Veränderungen bei der Admiralität._] Es wurde eine neue

Admiralitätscommission ernannt, und an die Spitze der Marineverwaltung

wurde Thomas Herbert, Earl von Pembroke, gestellt, ein Mann von

vornehmer Geburt und ausgezeichneter Bildung, der zur Torypartei gehört,

für eine Regentschaft gestimmt und die Tochter Sawyers geheirathet

hatte. Daß Pembroke's Toryismus jedoch nicht engherziger und illiberaler

Art war, wird hinreichend durch den Umstand bewiesen, daß Johann Locke

ihm unmittelbar nach der Revolution seinen +Essay on the Human

Unterstanding+ widmete, zum Zeichen der Dankbarkeit für in schlimmen

Zeiten geleistete freundliche Dienste.[71]

Es wurde nichts unterlassen, um Torrington über diese Veränderung zu

trösten. Denn wenn er sich auch als ein unfähiges Verwaltungsmitglied

erwiesen hatte, stand er doch als Seemann in der allgemeinen Achtung so

hoch, daß die Regierung seine Dienste nicht verlieren wollte. Man

versicherte ihm, daß er durchaus nicht habe zurückgesetzt werden sollen.

Er könne dem Vaterlande nicht zu gleicher Zeit auf dem Meere und in

Westminster dienen, und man habe es für minder schwer gehalten, ihn im

Amte zu ersetzen, als auf dem Verdeck seines Flaggenschiffs. Er war

anfangs höchlich entrüstet und reichte wirklich seine Entlassung ein;

aber man machte seinem Stolze einige Zugeständnisse. Eine Pension von

dreitausend Pfund und zehntausend Acres Kronland in der Ebene von

Peterborough waren für seine Habgier unwiderstehliche Köder, und in

einer für England bösen Stunde willigte er ein, an der Spitze der

Seemacht zu bleiben, von der die Sicherheit unserer Küsten abhing.[72]

[_Veränderungen bei den Milizen._] Während diese Veränderungen in den

Aemtern um Whitehall vorgingen, wurden auch die Statthalterschaftsposten

im ganzen Königreiche revidirt. Die Tories beklagten sich seit einem

Jahre, daß ihr Antheil an der Verwaltung der Districte, die sie

bewohnten, in keinem Verhältniß zu ihrer Anzahl, zu ihrem Reichthum und

zu dem Ansehen stehe, dessen sie in der Gesellschaft genössen. Zu ihrer

großen Freude erlangten sie jetzt ihre frühere Stellung in ihren

Grafschaften wieder. Die Whigs schrieen, der König sei schändlich

hintergangen und durch schlechte Rathgeber bewogen worden, das Schwert

Männern in die Hand zu geben, die es, sobald sich eine günstige

Gelegenheit darböte, gegen ihn selbst kehren würden. In einem Dialoge,

für dessen Autor man den neu creirten Earl von Warrington hielt und

welcher damals sehr verbreitet war, der aber schon längst vergessen ist,

sprach der redend eingeführte Lordlieutenant einer Grafschaft die

Besorgniß aus, daß die Mehrzahl seiner Untergebenen im Herzen Verräther

seien.[73] Nirgends aber war die durch die neue Vertheilung der Gewalt

erregte Unzufriedenheit so groß als in der Hauptstadt. Durch eine

unmittelbar nach der Revolution veröffentlichte Commission of

Lieutenancy waren die Milizen der City unter das Commando entschiedener

Whigs gestellt worden. Die mächtigen und reichen Bürger,

welche übergangen waren, klagten, daß die Liste mit Aeltesten

puritanischer Congregationen, mit Shaftesbury's Feuerköpfen, und mit

Ryehouseverschwörern angefüllt sei und daß es kaum möglich sei, unter

dieser Masse von Fanatikern und Gleichmachern (+Levellers+) einen

einzigen der Monarchie und der Staatskirche aufrichtig ergebenen Mann zu

finden. Jetzt erschien eine neue, von Caermarthen und Nottingham

zusammengestellte Liste. Sie hatten Compton, den Bischof der Diöcese, zu

Rathe gezogen, und Compton war eben kein sehr vorsichtiger Rathgeber. Er

war ursprünglich ein Hochkirchlicher und ein Tory gewesen, die Härte,

mit der man ihm unter der vorigen Regierung begegnet war, hatte ihn in

einen Latitudinarier und Rebellen verwandelt, und jetzt war er aus

Eifersucht auf Tillotson wieder Hochkirchlicher und Tory geworden. Die

Whigs beklagten sich, daß sie undankbarerweise von einer Regierung, die

ihnen ihre Existenz verdanke, proscribirt, daß einige von den besten

Freunden König Wilhelm's mit Schimpf und Schande entlassen worden seien,

um einigen seiner schlimmsten Feinde Platz zu machen, Männern, die des

Vertrauens eben so unwürdig seien wie ein irischer Rapparee, Männern,

welche den Freibrief und die uralten Privilegien der City einem Tyrannen

überliefert hätten, Männern, die sich durch die Grausamkeit hervorgethan

hätten, mit der sie die Strafgesetze gegen die protestantischen

Dissenters zur Anwendung gebracht, Männern, welche Mitglieder der Juries

gewesen seien, die Russell und Cornish schuldig befunden hatten.[74] Die

Mißstimmung war so groß, daß sie eine kurze Zeit lang dem Staate

Geldverlegenheit zu bereiten drohte. Die von dem vorigen Parlamente

bewilligten Steuern gingen langsam ein, und die Bedürfnisse des

öffentlichen Dienstes waren dringend. Unter solchen Umständen wendete

sich die Regierung immer an die Bürger London's um Beistand, und

Wilhelm's Regierung hatte sich bisher vorzugsweise an diejenigen Bürger

gewendet, welche whiggistischen Ansichten huldigten. Jetzt sah es anders

aus. Einige angesehene Whigs weigerten sich in ihrem ersten Unmuth kurz

und mürrisch, Geld vorzustrecken; ja ein paar zogen sogar ganz

unerwartet bedeutende Summen aus der Schatzkammer zurück.[75] Die

finanziellen Verlegenheiten hätten leicht sehr ernsthaft werden können,

hätten nicht einige reiche Tories, die, wenn Sacheverell's Klausel zum

Gesetz erhoben worden wäre, von allen municipalen Ehrenstellen

ausgeschlossen worden sein würden, dem Schatze hunderttausend

Pfund vorgestreckt und versprochen, noch eine größere Summe

herbeizuschaffen.[76]

Während die City in diesem aufgeregten Zustande war, kam ein durch

königliche Proklamation angeordneter allgemeiner Fasttag. Die zur

Motivirung dieses feierlichen Andachtsactes angeführten Gründe waren der

beklagenswerthe Zustand Irland's und die bevorstehende Abreise des

Königs. Es wurden Gebete für das persönliche Wohl Sr. Majestät und für

den Erfolg seiner Waffen zum Himmel emporgesandt. Die Kirchen London's

waren gedrängt voll, und die ausgezeichnetsten Kanzelredner der

Hauptstadt, welche fast ohne Ausnahme entweder gemäßigte Tories oder

gemäßigte Whigs waren, bemühten sich, das Volk zu beschwichtigen und

ermahnten ihre Heerden in diesem kritischen Zeitpunkte dem Fürsten, mit

dessen Geschick das Geschick der ganzen Nation verkettet sei, eine

herzliche Unterstützung nicht vorzuenthalten. Burnet erzählte einer

zahlreichen Gemeinde von der Kanzel herab, wie die Griechen, als der

Großtürke Anstalt machte, Constantinopel zu belagern, nicht bewogen

werden konnten, einen Theil ihres Reichthums der gemeinsamen

Vertheidigung zum Opfer zu bringen und wie bitter sie nachher ihren Geiz

bereueten, als sie gezwungen wurden, den siegreichen Ungläubigen die

Schätze auszuliefern, die sie den Bitten des letzten christlichen

Kaisers abgeschlagen hatten.[77]

[_Stimmung der Whigs._] Die Whigs in ihrer Gesammtheit bedurften jedoch

einer solchen Mahnung nicht, denn bei all' ihrem Aerger und Unmuth

erkannten sie doch sehr wohl, daß von der Stabilität des Thrones

Wilhelm's Alles abhing, was ihnen am höchsten galt. Wozu einige von

ihnen sich vielleicht hätten verleiten lassen, wenn sie einen andren

Führer hätten finden können, wenn zum Beispiel ihr protestantischer

Herzog, ihr König Monmouth noch am Leben gewesen wäre, mag dahin

gestellt bleiben. Jetzt hatten sie keine andre Wahl als zwischen dem

Fürsten, den sie auf den Thron gesetzt, und dem Fürsten, den sie vom

Throne gestoßen hatten. Es wäre wahrhaftig sehr sonderbar gewesen, wenn

sie für Jakob Partei genommen hätten, um Wilhelm zu bestrafen, dem sie

keinen schlimmeren Fehler zur Last legen konnten, als daß er die

rachsüchtigen Gefühle nicht theilte, mit denen sie der Tyrannei Jakob's

gedachten. So sehr ihnen die Amnestiebill mißfiel, sie hatten die

blutigen Assisen nicht vergessen. Sie blieben daher trotz ihrer

Verstimmung ihrem eigenen Könige treu und waren, obgleich sie über ihn

murrten, bereit, ihm mit Gut und Blut wider seinen Gegner

beizustehen.[78]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16. · 第 4 / 22 段