[_Der König beabsichtigt sich nach Holland zurückzuziehen._] Der König

verfolgte diese Ereignisse mit einer peinlichen Spannung. Er war seiner

Krone müde. Er hatte es versucht, beiden streitenden Parteien gerecht zu

werden; aber mit der Gerechtigkeit war keine von beiden zufrieden. Die

Tories haßten ihn, weil, er die Dissenters protegirte, und die Whigs

haßten ihn, weil er die Tories protegirte. Die Amnestie schien in

weitere Ferne hinausgerückt, als sie es vor zehn Monaten war, da er sie

zuerst vom Throne herab empfahl. Der letzte Feldzug in Irland war

unglücklich ausgefallen, und es konnte wohl sein, daß der nächste noch

unglücklicher ausfiel. Die Mißbräuche in der Verwaltung, welche mehr als

die Ausdünstungen der Sümpfe von Dundalk dazu beigetragen hatten, die

Wirksamkeit der englischen Truppen zu neutralisiren, waren aller

Wahrscheinlichkeit nach so monströs als je. Jeder Verwaltungszweig war

gründlich desorganisirt, und die Leute wunderten sich und ärgerten sich

darüber, daß ein vor Kurzem zu ihnen gekommener Ausländer, der sie nur

unvollkommen kannte und beständig in seinen Bewegungen von ihnen

behindert wurde, in einem Jahre nicht die ganze Regierungsmaschine in

Ordnung gebracht hatte. Die meisten seiner Minister bemühten sich,

anstatt ihn zu unterstützen, Adressen und Anklagen gegen einander

aufzubringen. Und doch brachen alle englischen Factionen in ein

allgemeines Wuthgeschrei aus, wenn er sich seiner Landsleute bediente,

auf deren Treue und Anhänglichkeit er sich verlassen konnte. Die

Schurkerei des englischen Kriegscommissariats hatte eine Armee

vernichtet, und doch hatte das Gerücht, daß er beabsichtige, einen

geschickten, erfahrenen und zuverlässigen Commissar aus Holland

anzustellen, allgemeine Unzufriedenheit erregt. Der König sah ein, daß

er unter solchen Umständen der großen Sache, der er mit ganzer Seele

zugethan war, keine Dienste leisten könne. Schon begann der Ruhm, den er

sich durch glückliche Durchführung des wichtigsten Unternehmens jener

Zeit erworben, zu erbleichen, und selbst seine Freunde fingen an zu

zweifeln, ob er wirklich den Scharfblick und die Energie besitze, welche

einige Monate zuvor seinen Feinden unwillkürliche Bewunderung

abgenöthigt hatten. Aber er wollte seine glänzende Sklaverei nicht

langer ertragen. Er wollte in sein Geburtsland zurückkehren und sich

damit begnügen, der erste Bürger einer Republik zu sein, der der Name

Oranien theuer war. Als solcher konnte er noch immer eine bedeutende

Rolle spielen unter Denen, die sich zur Vertheidigung der Freiheiten

Europa's verbündet hatten. Was die unruhigen und undankbaren Insulaner

betraf, die ihn verabscheuten, weil er es nicht zulassen wollte, daß sie

sich gegenseitig in Stücken zerrissen, so sollte Marie zusehen, wie sie

mit ihnen fertig würde. Sie war auf ihrem Boden geboren, sie sprach ihre

Sprache, sie war einigen Theilen ihrer Liturgie, die sie für wesentlich

hielten und die ihm im besten Falle harmlos erschienen, nicht abhold.

Verstand sie auch wenig von Politik und Krieg, so besaß sie dafür

Eigenschaften, die ihr nützlicher werden konnten: weibliche Anmuth und

Takt, ein sanftes Gemüth und für Jedermann ein Lächeln und ein

freundliches Wort. Ihr gelang es vielleicht, die Streitigkeiten zu

schlichten, welche Staat und Kirche zerrütteten, und Holland unter

seiner und England unter ihrer Verwaltung konnten in herzlichem

Einvernehmen zusammen gegen den gemeinsamen Feind agiren.

[_Er wird zur Aenderung seiner Absicht bestimmt._] Er ließ in aller

Stille die Vorbereitungen zu seiner Abreise treffen. Nachdem er dies

gethan, berief er eine kleine Anzahl seiner vornehmsten Räthe zusammen

und theilte ihnen sein Vorhaben mit. Ein Geschwader, sagte er, liege in

Bereitschaft, um ihn in sein Vaterland zurück zu bringen. Er habe nichts

mehr mit ihnen zu thun und hoffe, daß die Königin glücklicher sein

werde. Die Minister waren wie vom Donner gerührt. Alle Streitigkeiten

waren mit einem Male bei Seite gesetzt. Der Tory Caermarthen auf der

einen, der Whig Shrewsbury auf der andren Seite, baten und beschworen

ihn mit einer rührenden Eindringlichkeit, wie sie in den Conferenzen von

Staatsmännern selten vorkommt. Es wurde manche Thräne vergossen. Endlich

ließ der König sich bewegen, seinen Plan, die Regierung niederzulegen,

wenigstens für den Augenblick aufzugeben. Zugleich aber kündigte er eine

andre Absicht an, die er sich fest vorgenommen hatte nicht aufzugeben.

Da er noch an der Spitze der englischen Verwaltung bliebe, wollte er

selbst nach Irland gehen und versuchen, ob die ganze königliche

Autorität, auf dem Punkte, wo das Geschick des Reichs entschieden werden

sollte, mit Nachdruck geltend gemacht, hinreichen würde, um Betrügereien

zu verhindern und die Disciplin aufrecht zu erhalten.[46]

[_Die Whigs widersetzen sich seiner Reise nach Irland._] Daß er

ernstlich im Sinne gehabt hatte, sich nach Holland zurückzuziehen, blieb

nicht allein der Menge, sondern selbst der Königin noch lange ein

Geheimniß.[47] Daß er aber beschlossen hatte, das Commando seiner Armee

in Irland zu übernehmen, wurde bald in ganz London bekannt. Man wußte,

daß sein Lagergeräth angefertigt wurde und daß Sir Christoph Wren mit

der Construction eines hölzernen Hauses beschäftigt war, das der König,

auf zwei Wagen gepackt, mit sich nehmen und das überall aufgeschlagen

werden sollte, wo er sein Hauptquartier zu nehmen gedachte.[48] Die

Whigs schrieen Zeter über den ganzen Plan. Da sie nicht wußten oder

wenigstens vorgaben es nicht zu wissen, daß Wilhelm und Wilhelm ganz

allein diesen Plan gefaßt und daß keiner seiner Minister es gewagt

hatte, ihm zu rathen, daß er sich den irischen Schwertern und dem

irischen Klima aussetzen solle, so behauptete die ganze Partei mit

Zuversicht, irgend ein Verräther im Cabinet, ein Tory der die Revolution

und alles aus der Revolution Hervorgegangene hasse, habe ihn dazu

überredet. Würde ein wahrer Freund Seiner Majestät bei seiner

schwankenden Gesundheit wohl gerathen haben, sich nicht allein den

Gefahren des Kriegs, sondern auch dem bösartigen Einflusse eines Klima's

auszusetzen, das neuerdings Tausenden von weit kräftigeren Leuten

verderblich geworden war? Im Familienkreise lächelte der König spöttisch

über diese ängstliche Besorgniß um seine Gesundheit, denn in seinen

Augen war sie nichts weiter als die Besorgniß eines harten Herrn,

welcher fürchtet, daß seine Sklaven arbeitsunfähig werden möchten. Die

Whigs, schrieb er an Portland, fürchteten ihr Werkzeug zu verlieren,

bevor ihr Werk fertig sei. »Was ihre Freundschaft anlangt,« setzte er

hinzu, »so wissen Sie was diese werth ist.« Er sagte seinem Freunde, daß

sein Entschluß unwiderruflich feststehe. Es stehe Alles auf dem Spiele

und gehen müsse er, selbst wenn das Parlament ihn durch eine Adresse

bitten sollte zu bleiben.[49]

[_Er prorogirt das Parlament._] Er erfuhr bald, daß unverzüglich in

beiden Häusern eine solche Adresse beantragt und durch die ganze Macht

der Whigpartei unterstützt werden sollte. Diese Nachricht überzeugte

ihn, daß es Zeit war, einen entscheidenden Schritt zu thun. Er wollte

die Whigs nicht von sich stoßen, aber ihnen eine Lection geben, die

ihnen sehr Noth that. Er wollte die Kette zerreißen, in die sie ihn

geschmiedet zu haben glaubten. Sie sollten nicht im ausschließlichen

Besitz der Macht sein und die besiegte Partei nicht verfolgen. Ihnen zum

Trotz wollte er das Commando seiner Armee in Irland übernehmen. Er

entwarf seinen Plan mit der ihm eigenen Besonnenheit, Festigkeit und

Verschwiegenheit. Einen einzigen Engländer mußte er ins Vertrauen

ziehen, denn er war unsrer Sprache nicht hinreichend mächtig, um in

derselben mit seinen eigenen Worten die beiden Häuser vom Throne herab

anzureden, und er pflegte deshalb bei wichtigen Gelegenheiten seine Rede

französisch niederzuschreiben und sie dann ins Englische übersetzen zu

lassen. Es steht fest, daß der König den bedeutungsvollen Entschluß, den

er gefaßt hatte, wirklich nur einer einzigen Person mittheilte, und es

kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß diese Person Caermarthen war.

Am 27. Januar klopfte der schwarze Stab an die Thür des Hauses der

Gemeinen, und Sprecher und Mitglieder begaben sich in das Haus der

Lords. Der König war bereits auf dem Throne. Er ertheilte der

Bewilligungsbill seine Genehmigung, dankte den beiden Häusern dafür,

kündigte seine Absicht an, nach Irland zu gehen, und prorogirte das

Parlament. Niemand konnte zweifeln, daß der Prorogation sehr bald die

Auflösung folgen werde. Bei den Schlußworten: »Ich habe es für

zweckdienlich gehalten, jetzt dieser Session ein Ziel zu setzen«,

brachen die Tories sowohl diesseits als jenseits der Schranke in einen

stürmischen Jubel aus, und der König überschaute inzwischen sein

Auditorium vom Throne herab mit dem scharfen Adlerblicke, dem nichts

entging. Man kann es ihm wohl verzeihen, wenn er ein wenig Schadenfreude

darüber empfand, Diejenigen quälen zu können, die ihn so grausam gequält

hatten. »Ich sah ellenlange Gesichter,« schrieb er den Tag darauf an

Portland. »Einige wechselten vor Aerger wohl zwanzigmal die Farbe,

während ich sprach.«[50]

[_Freude der Tories._] Wenige Stunden nach der Prorogation vereinigte

ein Abschiedsmahl hundertfunfzig toryistische Mitglieder des Parlaments

in der Apollo-Taverne in Fleetstreet. Sie waren jetzt besser auf Wilhelm

zu sprechen als zu der Zeit, da sein Schwiegervater aus Whitehall

vertrieben worden war. Sie hatten sich noch kaum von dem freudigen

Erstaunen erholt, mit der sie vom Throne herab die Ankündigung

vernommen, daß die Session zu Ende sei. Die Erinnerung an ihre Gefahr

und das Gefühl der Befreiung war noch frisch in ihnen. Sie sprachen

davon, sich in Pleno in den Palast zu begeben, um ihren Dank

auszusprechen, gaben diese Absicht aber aus triftigen Gründen wieder

auf, denn eine Schaar Squires, welche von einem Gastmahle kamen, bei dem

weder Ale noch Claret gespart worden war, würde gewiß einiges unpassende

Geräusch im Audienzzimmer gemacht haben. Sir Johann Lowther, der an

Reichthum und Einfluß keinem Landgentleman der damaligen Zeit nachstand,

wurde mit dem Danke der Versammlung in den Palast gesandt. Er spreche,

sagte er zum Könige, die Gesinnung einer großen Anzahl loyaler Gentlemen

aus. Seine Majestät dürfe überzeugt sein, daß sie in ihren Grafschaften

ihr Möglichstes thun würden, um ihm zu dienen, und sie ließen ihm von

Herzen eine glückliche Reise nach Irland, einen vollständigen Sieg, eine

baldige Zurückkunft und eine lange und glückliche Regierung wünschen. Im

Laufe der folgenden Woche gingen Viele, die sich seit der Revolution

nicht im Zirkel von St. James hatten blicken lassen, zum Handkuß. Die,

welche bis dahin als halbe Jakobiten betrachtet worden waren, drückten

ihre Billigung der Politik der Regierung mit solcher Wärme aus, daß die

entschiedenen Jakobiten sehr entrüstet waren und sich bitter über die

traurige Verblendung beklagten, welche über die Söhne der Kirche

England's gekommen zu sein scheine.[51]

Alle damaligen Handlungen Wilhelm's verriethen seinen Entschluß, die

Heftigkeit der Whigs fortdauernd, wenn auch mild zu zügeln und sich wo

möglich die Zuneigung der Tories zu erwerben. Mehrere Personen, welche

die Whigs wegen Hochverraths ins Gefängniß geworfen hatten, wurden gegen

Caution in Freiheit gesetzt.[52] Die Prälaten, welche der Ansicht waren,

daß sie Jakob noch Unterthanentreue schuldeten, wurden mit einer in der

Geschichte der Revolutionen seltenen Schonung behandelt. Innerhalb einer

Woche nach der Prorogation kam der 1. Februar, der Tag, an welchem

diejenigen Geistlichen, die sich weigerten, den Eid zu leisten,

definitiv ihrer Aemter entsetzt werden sollten. Mehrere von den

suspendirten Geistlichen schwuren noch in den letzten Augenblicken, um

sich vor dem Bettelstab zu retten. Der Primas und fünf seiner Suffragane

aber blieben unbeugsam. Sie verwirkten demnach ihre Bisthümer, aber

Sancroft wurde benachrichtigt, daß der König noch nicht die Hoffnung

aufgegeben habe, daß es ihm gelingen werde, ein Arrangement zu treffen,

welches ihn der Nothwendigkeit überhebe, Nachfolger zu ernennen, und daß

die nichtschwörenden Prälaten für jetzt in ihren Palästen wohnen bleiben

könnten. Ihre Einnehmer wurden zu Einnehmern für die Krone ernannt und

erhoben nach wie vor die Einkünfte der erledigten Sitze.[53] Gleiche

Nachsicht wurde einigen Geistlichen untergeordneten Ranges bewiesen. So

bewohnte Sherlock auch nach seiner Entsetzung fortwährend ungestört sein

Amtshaus nahe der Templekirche.

[_Auflösung und allgemeine Wahl._] Jetzt erschien eine Proklamation,

welche das Parlament auflöste. Es wurden Ausschreiben zu einer

allgemeinen Wahl erlassen und bald war das ganze Königreich in Gährung.

Van Citters, der eine Reihe von ereignißvollen Jahren in England

zugebracht hatte, erklärte, er habe London nie heftiger bewegt

gesehen.[54] Die Aufregung wurde durch Schriften aller Art, von

Predigten in sechzehn Abschnitten bis herab zu leiernden

Straßenballaden, genährt. Stimmlisten wurden, zum ersten Male in unsrer

Geschichte, zur Benachrichtigung der Wahlbürger gedruckt und verbreitet.

Zwei von diesen Listen kann man noch heute in allen Bibliotheken sehen.

Die eine davon, welche von den Whigs in Circulation gesetzt war,

enthielt die Namen derjenigen Tories, welche gegen die Erklärung der

Thronerledigung gestimmt hatten. Die andre von den Tories in Umlauf

gesetzte Liste enthielt die Namen derjenigen Whigs, welche die

Sacheverell'sche Klausel unterstützt hatten.

Es zeigte sich bald, daß die öffentliche Meinung im Laufe des seit dem

Zusammentritt der Convention verflossenen Jahres einen großen Umschwung

erfahren hatte, und man kann nicht leugnen, daß dieser Umschwung,

wenigstens zum Theil, die natürliche Folge und die gerechte Strafe des

maßlosen und rachsüchtigen Gebahrens der Whigs war. Der City von London

glaubten sie gewiß zu sein. Die Bürgerschaft hatte im vergangenen Jahre

vier eifrige Whigs ohne Kampf gewählt; aber alle vier hatten für die

Sacheverell'sche Klausel gestimmt, und durch diese Klausel würden viele

von den Handelsfürsten von Lombard Street und Cornhill, Männer von

großem Gewicht, neben denen die Goldschmiede mit gezogenem Hute unter

den Arkaden der Börse auf und ab gingen, mit allen Unehren aus dem

Collegium der Aldermen und aus dem Gemeinderathe gestoßen worden sein.

Es war ein Kampf auf Leben und Tod; keine Anstrengungen, keine

Kunstgriffe wurden gespart. Wilhelm schrieb an Portland, daß die Whigs

der City in ihrer Verzweiflung sich aus nichts ein Gewissen machten und

daß sie, wenn sie es so fort trieben, eine Indemnitätsacte eben so

nöthig brauchen würden als die Tories. Es wurden jedoch vier Tories

gewählt, und zwar mit einer so entschiedenen Majorität, daß der Tory,

welcher die wenigsten Stimmen hatte, dem Whig, der die meisten hatte, um

vierhundert Stimmen überlegen war.[55] Die Sheriffs, welche den Triumph

ihrer Feinde so weit als möglich hinauszuschieben wünschten, bewilligten

ein Scrutinium; aber obwohl die Majorität sich verminderte, blieb das

Resultat unverändert.[56] Zu Westminster wurden zwei Gegner der

Sacheverell'schen Klausel ohne Kampf gewählt.[57] Nichts aber bewies

schlagender das durch die Proceduren des letzten Hauses der Gemeinen

erregte Mißfallen, als die Vorgänge an der Universität Cambridge. Newton

zog sich in sein stilles Observatorium über dem Thore von Trinity

College zurück. Zwei Tories wurden mit überwiegender Majorität gewählt.

Die meisten Stimmen hatte Sawyer, der erst wenige Tage vorher von der

Indemnitätsbill ausgenommen und aus dem Hause der Gemeinen gestoßen

worden war. Die Acten der Universität enthalten interessante Beweise

dafür, daß die unkluge Härte, mit der er behandelt worden, ein

enthusiastisches Gefühl für ihn geweckt hatte. Newton stimmte ebenfalls

für Sawyer, und dieser bemerkenswerthe Umstand berechtigt uns zu der

Annahme, daß auch der große Philosoph, auf dessen Genie und Tugend die

Whigpartei mit Recht stolz ist, das starrsinnige und rachsüchtige

Benehmen dieser Partei mit Schmerz und Mißfallen betrachtet hatte.[58]

Es stellte sich bald klar heraus, daß die Tories im neuen Hause der

Gemeinen das Uebergewicht haben würden.[59] Indessen erlangten alle

leitenden Whigs, bis auf einen einzigen, einen Sitz darin. Johann

Hampden blieb ausgeschlossen und seine Abwesenheit wurde nur von den

intolerantesten und unvernünftigsten Mitgliedern seiner Partei

bedauert.[60]

[_Veränderungen in den executiven Verwaltungszweigen._] Unterdessen traf

der König in fast jedem Zweige der ausübenden Verwaltung Aenderungen,

welche der durch die allgemeine Wahl in der Beschaffenheit des

gesetzgebenden Körpers bewirkten entsprachen. An die Bildung eines

Ministeriums nach unseren jetzigen Begriffen dachte er jedoch nicht.

Insbesondere behielt er sich die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten

noch immer selbst vor und überwachte mit größter Aufmerksamkeit alle

Anstalten für den bevorstehenden Feldzug in Irland. In seinen

vertraulichen Briefen beklagte er sich, daß er mit wenig oder gar keinem

Beistande die Organisation der desorganisirten militärischen

Einrichtungen bewerkstelligen müsse. Es sei ein schweres Stück Arbeit,

sagt er; aber es müsse durchgeführt werden, denn Alles hänge davon

ab.[61] Im Allgemeinen war die Verwaltung noch immer in unabhängige

Departements eingetheilt und in jedem Departement waren noch immer Whigs

und Tories mit einander vermischt, wenn auch nicht ganz in dem früheren

Verhältnisse. Im Jahre 1689 war das whiggistische Element entschieden

vorherrschend gewesen; im Jahre 1690 herrschte das toryistische Element

vor, obwohl nicht so entschieden.

Halifax hatte das Geheimsiegel abgegeben und es wurde Chesterfield

angetragen, einem Tory, der in der Convention für eine Regentschaft

gestimmt hatte. Chesterfield aber weigerte sich, sein Landhaus und seine

Gärten in Derbyshire mit dem Hofe und dem Berathungszimmer zu

vertauschen, und das Siegel wurde daher einer Commission anvertraut.[62]

Caermarthen war jetzt der Hauptrathgeber der Krone in allen auf die

innere Verwaltung und auf die Leitung der beiden Parlamentshäuser

bezüglichen Angelegenheiten. Den weißen Stab und die damit verbundene

ungeheure Macht aber war Wilhelm noch immer entschlossen niemals einem

einzelnen Unterthan zu übertragen.

[_Caermarthen erster Minister._] Caermarthen blieb daher nach wie vor

Lordpräsident, bezog aber eine Reihe von Gemächern in St. James Palace,

was für eine nur dem Premierminister zustehende Bevorzugung galt.[63] Er

hatte während des vorhergehenden Jahres sein seltenes Erscheinen im

Staatsrathe mit schwankender Gesundheit entschuldigt, und die

Entschuldigung war nicht unbegründet, denn seine Verdauungsorgane hatten

einige krankhafte Eigenthümlichkeiten, welche das ganze Collegium der

Aerzte außer Fassung brachten; seine Gesichtsfarbe war blaß, seine

Gestalt hager und sein Gesicht, obgleich hübsch und geistvoll, hatte

einen verstörten Ausdruck, der eben so wohl ein fortwährendes Leiden wie

einen rastlosen Ehrgeiz verrieth.[64] Sobald er jedoch wieder Minister

war, widmete er sich eifrig den Staatsgeschäften und arbeitete täglich

vom frühen Morgen bis zum Abend mit einer Energie, welche Jedermann, der

seine geisterhaften Züge und seinen unsicheren Gang sah, in Erstaunen

setzte.

Hatte er nun auch für sich selbst das Schatzmeisteramt nicht erlangen

können, so war doch sein Einfluß im Schatzamte groß. Monmouth, der erste

Commissar, und Delamere, der Kanzler der Schatzkammer, zwei der

heftigsten Whigs in England, gaben ihre Sitze auf. Bei dieser, wie bei

vielen anderen Gelegenheiten zeigte es sich, daß sie nichts als ihren

Whiggismus mit einander gemein hatten. Der oberflächliche Monmouth, der

sich wohl bewußt war, daß er keine von den Eigenschaften eines

Finanzmannes besaß, scheint sich nicht persönlich verletzt gefühlt zu

haben, daß er von einem Posten entfernt wurde, den er nie hätte

einnehmen sollen. Er nahm mit Dank eine Pension an, die er bei seinen

verschwenderischen Gewohnheiten sehr gut brauchen konnte, und fuhr fort,

den Staatsrathssitzungen beizuwohnen, den Hof zu frequentiren und die

Functionen eines Kammerherrn zu versehen.[65] Auch versuchte er sich in

militärischen Angelegenheiten nützlich zu machen, die er wenn nicht gut,

doch besser verstand als die meisten seiner vornehmen Standesgenossen,

und er bezeigte einige Monate lang Caermarthen große Achtung. Delamere

war dagegen in ganz andrer Stimmung. Umsonst bezahlte man ihm seine

Dienste überreichlich mit Ehren und Reichthümern. Er wurde zum Earl von

Warrington creirt und erhielt alle Jesuiten gehörenden Ländereien,

welche in fünf oder sechs Grafschaften entdeckt werden konnten. Eine von

ihm geltend gemachte Forderung wegen Ausgaben, die er zur

Revolutionszeit gehabt, wurde ihm ebenfalls zugestanden und er nahm als

Lohn für seine patriotischen Anstrengungen eine Summe mit sich in seine

Zurückgezogenheit, die der Staat schwer entbehren konnte. Doch sein

Unmuth war dadurch nicht zu beschwichtigen und er beklagte sich bis an

sein Ende bitter über den Undank, mit dem man ihm und seiner Partei

gelohnt habe.[66]

[_Sir Johann Lowther._] Sir Johann Lowther wurde erster Lord des

Schatzes und er war Derjenige, dem Caermarthen hauptsächlich die Leitung

der ostensiblen Geschäfte im Hause der Gemeinen überließ. Lowther war

ein Mann von altem Adel, von bedeutendem Vermögen und von großem

parlamentarischen Einfluß. Obwohl noch kein alter Mann, war er doch

schon ein alter Senator, denn er war noch vor erreichter Volljährigkeit

seinem Vater als Parlamentsmitglied für die Grafschaft Westmoreland

gefolgt. Die Vertretung von Westmoreland war in der That fast eben so

gut ein Erbtheil der Familie Lowther, wie ihr Stammschloß. Sir John

besaß höchst achtungswerthe Talente, sein Benehmen war, obwohl es in

gleichzeitigen Schmähschriften zu ceremoniös genannt wird, ungemein

artig, sein persönlicher Muth war nur zu bereit sich durch die That zu

dokumentiren und seine Moralität war tadellos. Seine Zeit war zwischen

nützlicher Thätigkeit und anständigen Vergnügungen getheilt, seine

Hauptbeschäftigungen bestanden im Besuche des Hauses der Gemeinen und im

Präsidiren auf der Richterbank; seine Hauptvergnügungen waren Lectüre

und Gartenbau. Seiner politischen Meinung nach war er ein sehr

gemäßigter Tory. Er war der erblichen Monarchie und der Staatskirche

zugethan, hatte aber an der Revolution Theil gehabt und hegte keine

Skrupel wegen Wilhelm's und Mariens Rechtstitel; er hatte ihnen ohne

stillschweigenden Vorbehalt Treue geschworen und scheint seinen Eid

streng gehalten zu haben. Mit Caermarthen war er nahe befreundet. Sie

hatten bei dem Aufstande im Norden in herzlichem Einvernehmen gewirkt

und stimmten in ihren politischen Ansichten soweit überein, als ein

schlauer Staatsmann und ein ehrlicher Landgentleman in diesem Punkte

übereinstimmen konnten.[67] Durch Caermarthen's Einfluß wurde Lowther

jetzt auf einen der wichtigsten Posten im Königreiche erhoben.

Unglücklicherweise war es ein Posten, der ganz andere Eigenschaften

erheischte, als man braucht, um ein schätzbares Parlamentsmitglied und

ein tüchtiger Präsident bei Quartalsitzungen zu sein. Der neue erste

Lord des Schatzes besaß weder die für sein Amt nöthige Beredtsamkeit,

noch war sein Character dazu hinreichend gestählt. Er hatte weder die

nöthige Gewandtheit, um die Spötteleien und Vorwürfe, denen er in seiner

neuen Eigenschaft als Hofmann und Staatsbeamter ausgesetzt war, zu

pariren, noch die nöthige Kraft, dieselben zu ertragen. Und dann hatte

er etwas zu thun, wozu er zu gewissenhaft war, etwas, was Wolsey oder

Burleigh nie gethan hatten, etwas, was kein englischer Staatsmann unsrer

Generation je gethan hat, was aber von den Zeiten Karl's II. bis zu den

Zeiten Georg's III. eine der wichtigsten Obliegenheiten eines Ministers

war.

[_Ursprung und Fortschreiten der parlamentarischen Bestechung in

England._] Die Geschichte des Ursprungs, der Zunahme und Abnahme der

parlamentarischen Bestechung in England ist noch von Niemandem

geschrieben worden. Kein Gegenstand hat eine größere Menge beredtsamen

Tadels und beißender Sarkasmen veranlaßt. Drei Generationen ernster und

humoristischer Schriftsteller haben über die Feilheit des Senats geweint

und gelacht. Diese Feilheit wurde auf der Wahlbühne getadelt, auf der

Kanzel mit dem Bannfluche belegt und auf der Bühne verspottet, von Pope

in glänzenden Versen und von Bolingbroke in eleganter Prosa, von Swift

mit wildem Hasse und von Gay mit launiger Bosheit angegriffen. Die

Stimmen von Tories und Whigs, von Johnson und Akenside, von Smollett und

Fielding verstärkten das Geschrei. Aber keiner der Scheltenden oder

Scherzenden nahm sich die Mühe die Erscheinung zu erklären, oder sie auf

ihre wirklichen Ursachen zurückzuführen.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16. · 第 3 / 22 段