Die Minorität protestirte laut gegen die grobe Ungerechtigkeit, zu

einer Zeit wo London verödet war, mit hastiger Eil und wie durch

Ueberrumpelung ein Gesetz von höchster Wichtigkeit zu erlassen,

ein Gesetz, das rückwirkend eine harte Strafe über viele hundert

achtbare Gentlemen verhängte, ein Gesetz, als in jeder Stadt, von

Berwick bis St. Ives die heftigsten Leidenschaften aufregen und das

einen sehr ernsten Einfluß auf die Zusammensetzung des Hauses selbst

haben mußte. Die einfachsten Schicklichkeitsrücksichten verlangten

wenigstens einen Aufschub. Dieser wurde beantragt, der Antrag aber

mit hundertsiebenundzwanzig gegen neunundachtzig Stimmen verworfen.

Hierauf wurde die Frage gestellt, ob Sacheverell's Klausel einen

Bestandtheil der Bill bilden solle, und mit hundertdreiunddreißig gegen

sechsundsechzig Stimmen bejaht. Sir Robert Howard stellte nun sofort

den Antrag, daß Jeder, der, nachdem er nach der Sacheverell'schen

Klausel zur Bekleidung eines städtischen Amtes unfähig geworden, sich

dennoch erkühne, ein solches Amt zu übernehmen, eine Geldbuße von

fünfhundert Pfund verwirken und für seine ganze Lebenszeit unfähig

sein sollte, irgend ein öffentliches Amt, welcher Art es auch sei, zu

bekleiden. Die Tories wagten es nicht, darüber abstimmen zu lassen.[35]

Nach den Regeln des Hauses stand es in der Macht einer Minorität,

den Gang einer Bill zu hemmen, und dies war gewiß eine von den sehr

seltenen Gelegenheiten, wo die Ausübung dieser Befugniß ganz am rechten

Orte gewesen wäre. Die parlamentarischen Taktiker der damaligen Zeit

scheinen jedoch nicht gewußt zu haben, in wie weit eine kleine Anzahl

Mitglieder den Gang eines Geschäfts aufhalten kann, ohne irgend eine

Form zu verletzen.

Es wurde auf der Stelle beschlossen, daß die durch Sacheverell's und

Howard's Klauseln erweiterte Bill mundirt werden solle. Die heftigsten

Whigs hätten sie am liebsten binnen achtundvierzig Stunden definitiv

angenommen. Es stand allerdings nicht zu erwarten, daß die Lords sie mit

günstigen Augen ansehen würden; aber einige desperate Männer schienen

sich vorgenommen zu haben, die Geldbewilligungen vorzuenthalten, bis sie

angenommen war, ja sogar sie der Bewilligungsbill einzuverleiben und so

das Oberhaus in die Nothwendigkeit zu versetzen, entweder in eine

umfassende Proscription der Tories zu willigen, oder der Regierung die

Mittel zur Fortsetzung des Kriegs zu verweigern.[36] Viele Whigs waren

jedoch so rechtschaffen, daß sie der Gegenpartei offenes Spiel gönnen

wollten, und klug genug, um zu wissen, daß ein durch Gewalt und List

erlangter Vortheil nicht von Dauer sein konnte. Diese Männer bestanden

darauf, daß man bis zur dritten Lesung mindestens acht Tage verstreichen

lassen solle, und sie setzten dies auch durch. Ihre minder skrupulösen

Verbündeten beklagten sich bitter, daß die gute Sache verrathen werde.

Was seien dies für neue Kriegsgesetze? Warum wolle man gegen Feinde, die

keine Kriegslist für unmoralisch hielten und welche nie Pardon gegeben

hätten, eine chevalereske Courtoisie beobachten? Und sei etwas

geschehen, was nicht in genauester Uebereinstimmung mit der

Parlamentsordnung stehe? Diese Ordnung wisse nichts von kurzen und

langen Notificationen, von schwach besetzten und vollen Häusern. Es sei

Pflicht des Volksvertreters an seinem Platze zu sein. Wenn es ihm

beliebe, auf seinem Landsitze zu jagen und zu zechen, während zu

Westminster wichtige Dinge berathen würden, mit welchem Rechte könne er

dann darüber murren, daß redlichere und fleißigere Diener der

Oeffentlichkeit in seiner Abwesenheit eine Bill annahmen, die ihnen für

das Gemeinwohl nothwendig erschienen war? Da sich indessen ein Aufschub

von einigen Tagen als unvermeidlich herausstellte, so leugneten

Diejenigen, welche beabsichtigt hatten, den Sieg durch eine List zu

erringen, jetzt diese Absicht. Sie versicherten dem Könige, der nicht

umhin konnte, einiges Mißfallen an ihrer Handlungsweise zu äußern und

dessen Unwillen viel stärker war als er ihn blicken ließ, auf das

Feierlichste, daß sie der Ueberraschung nichts verdankten und daß sie

auch in dem gefülltesten Hause einer Majorität ganz gewiß seien.

Sacheverell soll mit großer Lebhaftigkeit erklärt haben, daß er seinen

Sitz verwetten und nie wieder sein Gesicht im Parlamente zeigen wolle,

wenn er sich geirrt habe. Anfangs war man in der That allgemein der

Ansicht, daß die Whigs den Sieg davon tragen würden. Bald aber zeigte es

sich klar, daß ein harter Kampf bevorstehe. Die Briefposten hatten nach

allen Richtungen hin die Nachricht mitgenommen, daß die Gemeinen am

2. Januar ein rückwirkendes Strafgesetz gegen die ganze Torypartei

bewilligt hätten und daß dieses Gesetz am 10. zum letzten Male in

Erwägung genommen werden solle. Das ganze Königreich von Northumberland

bis Cornwall gerieth in Aufruhr. Hundert Ritter und Squires verließen

ihre mit Mistel- und Stechpalmenzweigen geschmückten Hallen und ihre

unter der Last der Bratenteller und Suppenschüsseln zusammenbrechenden

Tafeln und eilten, die kurzen Tage, das kalte Wetter, die schlechten

Wege und die schurkischen Whigs verwünschend, nach der Hauptstadt. Auch

die Whigs zogen Verstärkung an sich, doch nicht in gleichem Umfange,

denn die Klauseln waren im allgemeinen unpopulär, und das nicht ohne

guten Grund. Kein Billigdenkender, welcher Partei er auch angehören

möge, wird leugnen, daß die Tories einen großen Fehler begingen,

indem sie alle Municipalgerechtsame des Landes und damit zugleich die

Befugniß, die Verfassung des Hauses der Gemeinen zu ändern, der Krone

zurückgaben. Doch hatte die Nation an diesem Fehler selbst mit Schuld.

Wenn die Mayors und Aldermen, deren Bestrafung jetzt beantragt wurde,

sich zu der Zeit, als die Loyalitätsfluth am höchsten stand, trotzig

geweigert hätten, dem Willen ihres Souverains nachzukommen, so würde

man sie auf offener Straße als schurkische Rundköpfe bezeichnet haben,

der Rector würde auf der Kanzel vor ihnen gewarnt haben, sie würden

in Spottliedern verhöhnt und wahrscheinlich vor ihren eigenen Thüren

+in effigie+ verbrannt worden sein. Es ist allerdings ein großer

Uebelstand, daß eine Gesellschaft abwechselnd durch die Furcht vor

Tyrannei und durch die Furcht vor Anarchie zu Verirrungen getrieben

werden kann. Aber diesem Uebelstande ist nicht dadurch abzuhelfen, daß

man wegen solcher Verirrungen einige Personen bestraft, welche mit den

Uebrigen fehlten und später ihren Fehler mit den Uebrigen bereueten.

Auch hätte man nicht vergessen sollen, daß die Uebelthäter, gegen

welche Sacheverell's Klausel gerichtet war, die Sünden, die sie 1683

begangen, im Jahre 1688 reichlich wieder gut gemacht hatten. Sie hatten

sich, als Gesammtheit, energisch gegen das Dispensationsrecht erhoben,

und die meisten von ihnen waren wirklich von Jakob ihrer städtischen

Aemter entsetzt worden, weil sie sich geweigert hatten, seine Politik

zu unterstützen. Es ist daher kein Wunder, daß der Versuch, über alle

diese Männer ohne Ausnahme eine schimpfliche Strafe zu verhängen,

einen Sturm des öffentlichen Unwillens heraufbeschwor, dem viele

whiggistische Mitglieder des Parlaments nicht geneigt waren zu trotzen.

Mit dem Herannahen des entscheidenden Kampfes und dem Anwachsen der

zurückkehrenden Tories vermehrte sich die Besorgniß Sacheverell's und

seiner Verbündeten. Sie sahen ein, daß sie kaum auf einen vollständigen

Sieg hoffen durften, daß sie ein Zugeständniß machen, die Zurückweisung

der Bill an den Ausschuß vorschlagen und sich bereit erklären mußten zu

erwägen, ob zwischen den Hauptsündern und den Vielen, welche durch böses

Beispiel verleitet worden waren, ein Unterschied zu machen sei. Aber in

dem Maße wie der Muth der einen Partei sank, stieg der Muth der andren.

Die von nur zu gerechtem Unwillen erfüllten Tories beschlossen, auf

keine Vergleichsvorschläge zu hören.

Der 10. Januar erschien und noch vor dem späten Tagesanbruch dieser

Jahreszeit war das Haus gedrängt voll. Mehr als hundertsechzig

Mitglieder waren binnen einer Woche nach der Hauptstadt gekommen. Von

der Morgendämmerung an bis die Lichter tief herabgebrannt waren, blieben

die Reihen dicht geschlossen, und nur wenige Mitglieder verließen ihre

Plätze, außer auf einige Augenblicke, um ein Stück Brod oder ein Glas

Wein zu sich nehmen. Boten standen bereit, um das Resultat nach

Kensington zu bringen, wo Wilhelm trotz eines heftigen Hustens in

gespannter Erwartung bis Mitternacht aufsaß und an Portland schrieb, den

er in einer wichtigen Angelegenheit nach dem Haag geschickt hatte.

Der einzige noch vorhandene Bericht über die Debatte ist unvollständig

und verworren. Doch läßt sich soviel daraus erkennen, daß die Aufregung

groß war und daß sehr starke Aeußerungen fielen. Ein junges

whiggistisches Mitglied führte eine so heftige Sprache, daß er in

Gefahr war, vor die Schranke gefordert zu werden. Der Sprecher wurde

mehrmals getadelt, daß er seinen Freunden zuviel Freiheit gestatte. Es

kam jedoch eigentlich nicht viel darauf an, ob er die Uebertreter zur

Ordnung rief oder nicht. Das Haus war schon längst völlig unlenksam, und

alte Mitglieder vermißten schmerzlich den würdevollen Anstand der

Debatte und die Autorität des Präsidentenstuhls vergangener Zeiten.[37]

Daß Somers die Heftigkeit der Partei, der er angehörte, nicht billigte,

kann man sowohl aus dem ganzen Laufe seines öffentlichen Lebens, wie aus

dem sehr bezeichnenden Umstande schließen, daß er, obgleich ihm die

Durchsetzung der Corporationsbill oblag, die Strafklauseln nicht

beantragte, sondern dieses unangenehme Amt ungestümeren und minder

scharfsinnigen Männern als er war überließ. Doch ließ er seine

Bundesgenossen deshalb nicht im Stich, sondern sprach für sie und

versuchte aus einer schlechten Sache so viel als möglich zu machen. Das

Haus stimmte mehrere Male ab. Bei der ersten Abstimmung waren

hundertvierundsiebzig Stimmen für Sacheverell und hundertneunundsiebzig

gegen ihn. Der Kampf wurde hartnäckig fortgesetzt; aber die Majorität

stieg von fünf auf zehn, von zehn auf zwölf, und von zwölf auf achtzehn

Stimmen. Jetzt endlich gaben sich die Whigs nach einer vierzehnstündigen

stürmischen Sitzung für besiegt. Es war kurz vor Mitternacht, als der

Sekretär zum unaussprechlichen Jubel und Triumphe der Tories von dem

Pergamente, auf welches die Bill abgeschrieben worden war, die

gehässigen Klauseln Sacheverell's und Howard's abriß.[38]

[_Debatten über die Indemnitätsbill._] Durch diesen großen Sieg dreist

gemacht, versuchten die Tories nun, die Indemnitätsbill, welche seit

vielen Wochen unbeachtet bei Seite gelegen hatte, wieder zur Sprache zu

bringen.[39] Aber die Whigs bildeten trotz ihrer eben erlittenen

Niederlage noch immer die Majorität des Hauses, und viele Mitglieder,

welche die Unpopularität gescheut hatten, die sie sich durch

Unterstützung der Sacheverell'schen und Howard'schen Klauseln zugezogen

haben würden, waren vollkommen bereit, zur Verzögerung einer allgemeinen

Amnestie beizutragen. Sie brachten noch immer ihre Lieblingsalternative

vor. Wie, fragten sie, sei es möglich, diesen Amnestieplan zu

vertheidigen, ohne die Revolution zu verdammen? Könne man behaupten, daß

Verbrechen, welche schwer genug gewesen waren, um Widerstand zu

rechtfertigen, nicht schwer genug gewesen seien, um Bestrafung zu

verdienen? Und wenn diese Verbrechen von solcher Größe wären, daß sie

mit Recht an dem Souverain heimgesucht werden dürften, den die

Verfassung von jeder Verantwortlichkeit entbinde, nach welchem Prinzip

könne seinen Rathgebern und Werkzeugen, welche doch ohne Zweifel

verantwortlich seien, Straflosigkeit gewährt werden? Ein joviales

Mitglied kleidete dieses Argument in eine eigenthümliche Form. Er wußte

auf den Stuhl des Präsidenten ein Papier zu bringen, das sich bei der

Untersuchung als eine Indemnitätsbill für König Jakob herausstellte, mit

einer spöttischen Einleitung über die Milde, welche seit der Revolution

gegen schwere Verbrecher geübt worden sei, und über die Nachsicht,

welche einem Könige gebühre, der sein Volk nur tyrannisirt habe, weil

alle Könige es thäten.[40]

An dem nämlichen Tage, an welchem diese persiflirte Indemnitätsbill die

Heiterkeit der Gemeinen erregte, wurde der Antrag gestellt, daß das Haus

sich zur Berathung der wirklichen Bill zu einem Ausschusse erklären

sollte. Die Whigs verwarfen den Antrag durch eine Majorität von

hundertdreiundneunzig Stimmen gegen hundertsechsundfunfzig. Hierauf

beschlossen sie, daß eine Strafbill gegen Delinquenten unverzüglich

eingebracht und mit der Indemnitätsbill verbunden werden sollte.[41]

[_Der Fall Sir Robert Sawyer's._] Wenige Stunden später ging ein

Beschluß durch, welcher deutlicher als irgend etwas bis dahin

Geschehenes bewies, wie wenig Aussicht vorhanden war, daß die

öffentliche Meinung durch eine Amnestie schnell begütigt werden würde.

Wenige Personen standen in der Achtung der Torypartei höher als Sir

Robert Sawyer. Er war ein Mann von großem Vermögen und aristokratischen

Verbindungen, von orthodoxen Glaubensansichten und regelmäßigem Wandel,

ein talentvoller und erfahrener Jurist, ein tüchtiger Gelehrter und, ein

wenig Prahlsucht abgerechnet, ein guter Redner. Er war zur Zeit der

Entdeckung des Ryehousecomplots Generalfiscal gewesen, war bei den

darauffolgenden Untersuchungen im Interesse der Krone verwendet worden,

und hatte diese Untersuchungen mit einer Energie betrieben, welche

heutzutage von allen Parteien Grausamkeit genannt werden würde, die aber

seiner Zeit und seiner Partei nur als ein lobenswerther Eifer erschien.

Seine Freunde behaupteten zwar, er sei in Dingen, wo es sich um Leben

und Tod handle, peinlich gewissenhaft,[42] doch ist dies ein Lob, das

Männer, welche die Staatsprozesse des 17. Jahrhunderts mit Augen des

19. Jahrhunderts prüfen und studiren, nicht recht begreifen werden. Die

einzige Entschuldigung, die sich für diese Periode seines Lebens geltend

machen läßt, ist, daß er den Schandfleck unschuldigen Blutes mit fast

allen ausgezeichneten Staatsmännern jener schlimmen Zeit gemein hatte.

Wenn wir ihn tadeln, weil er den Prozeß Russell's geführt, so dürfen wir

nicht vergessen, daß Russell den Prozeß Stafford's geführt hatte.

So groß Sawyer's Vergehen waren, er hatte sie großentheils wieder gut

gemacht. Er war mit Entschiedenheit gegen Papismus und Despotismus

aufgetreten, hatte sich im Audienzzimmer selbst auf das Bestimmteste

geweigert, im Widerspruch mit Parlamentsacten Verhaftsbefehle zu

erlassen, hatte lieber sein einträgliches Amt niedergelegt, als daß er

in Westminster Hall als Verfechter des Dispensationsrechts erschienen

wäre, war der erste Rechtsbeistand für die sieben Bischöfe gewesen und

hatte am Tage ihres Prozesses seine Pflicht mit Gewandtheit,

Rechtschaffenheit und Unerschrockenheit gethan. Er war daher ein

Liebling der Hochkirchlichen, und man hätte denken sollen, daß auch die

Whigs ihm wohl verzeihen konnten. Aber die Whigs waren jetzt nicht zum

Vergeben gestimmt und Sawyer wurde wegen seines Verfahrens bei dem

Prozesse Sir Thomas Armstrong's zur Verantwortung gezogen.

Wenn Armstrong nicht verleumdet worden ist, so war er in die

schlimmsten Geheimnisse des Ryehousecomplots tief eingeweiht und

einer von Denen, die es übernommen hatten, die beiden königlichen

Brüder zu ermorden. Als die Verschwörung entdeckt war, floh er auf den

Continent und wurde außerhalb des Gesetzes erklärt. Die Behörden der

Stadt Leyden ließen sich durch Bestechung bewegen ihn auszuliefern;

er wurde schleunigst auf ein englisches Schiff gebracht, nach London

transportirt und vor die Kings Bench gestellt. Sawyer trug darauf

an, daß der Gerichtshof auf Vollziehung der Acht erkenne, wogegen

Armstrong geltend machte, daß seit seiner Aechtung noch kein Jahr

verstrichen sei und daß, laut einer unter der Regierung Eduard's VI.

erlassenen Verordnung, ein Geächteter, der sich binnen Jahresfrist

stellte, berechtigt sei, auf Cassation seines Urtels anzutragen und an

sein Vaterland zu appelliren. Darauf wurde erwiedert, daß Armstrong

sich nicht selbst gestellt habe, sondern als Gefangener vor Gericht

geführt worden sei und daß er daher keinen Anspruch auf ein Recht habe,

welches offenbar nur Denjenigen zuzugestehen sei, die sich freiwillig

den Händen der Gerechtigkeit überlieferten. Jeffreys und die anderen

Richter verwarfen einstimmig Armstrong's Einwand und genehmigten den

Vollziehungsantrag. Nun ereignete sich eine der entsetzlichsten von

den vielen entsetzlichen Scenen, welche damals unsere Gerichtshöfe

schändeten. Die Tochter des Unglücklichen stand an seiner Seite.

»Mylord,« rief sie aus, »Sie werden meinen Vater nicht morden! Denn

dies wäre ein Mord!« »Was soll das heißen?« brüllte der Oberrichter.

»Wer ist dieses Weib? Ergreift sie, Kerkermeister, und führt sie fort!«

Sie wurde mit Gewalt hinausgeführt und rief im Fortgehen: »Gott der

Allmächtige wird Euch richten!« -- »Gott der Allmächtige wird die

Verräther richten!« sagte Jeffreys. »Solch' Geschrei kann mich Gott sei

Dank nicht beirren.« Als sie fort war, berief sich ihr Vater nochmals

auf sein vermeintliches Recht. »Ich verlange nichts weiter,« sagte er,

»als die Wohlthat des Gesetzes.« -- »Und die soll Euch, bei der Gnade

Gottes zu Theil werden,« versetzte der Richter. »Herr Sheriff, Sie

werden dafür sorgen, daß die Execution nächsten Freitag stattfindet.

Das ist die Wohlthat des Gesetzes für Euch!« Am darauf folgenden

Freitage wurde Armstrong gehängt, geschleift und geviertheilt und sein

Kopf auf Westminster Hall ausgesteckt.[43]

Jeffrey's Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit erregen, selbst noch nach

einer so langen Reihe von Jahren, einen Unwillen, der es einem schwer

macht, gerecht gegen ihn zu sein. Einem vollkommen vorurtheilsfreien

Richter wird es indessen vielleicht durchaus nicht klar scheinen, daß

das Executionsurtheil gesetzwidrig war. Einen Präcedenzfall gab es

nicht, und der Wortlaut der Acte Eduard's VI. kann, ohne ihm Gewalt

anzuthun, so ausgelegt werden, wie der Gerichtshof ihn auslegte. Hätte

die Strafe nur in einer Geldbuße oder in Gefängnißhaft bestanden, so

würde in der That Niemand in dem Verfahren etwas Verwerfliches erblickt

haben. Aber einen Menschen als Hochverräther an den Galgen zu schicken,

ohne ihn mit seinen Anklägern zu confrontiren, ohne seine Vertheidigung

zu hören, einzig und allein deshalb, weil eine Verzagtheit, die mit der

Unschuld wohl vereinbar ist, ihn getrieben hatte, sich zu verbergen, ist

sicherlich eine Verletzung, wenn nicht eines geschriebenen Gesetzes, so

doch der großen Prinzipien, mit denen alle Gesetze in Einklang stehen

müssen. Der Fall wurde vor das Haus der Gemeinen gebracht. Die verwaiste

Tochter Armstrong's erschien vor der Schranke, um Rache zu fordern, und

es folgte eine heiße Debatte. Sawyer wurde heftig angegriffen und

kräftig vertheidigt. Die Tories erklärten, ihrer Ansicht nach habe er

nur das gethan, wozu er als Anwalt der Krone verbunden war, und seine

Pflicht gegen Gott, gegen den König und gegen den Gefangenen erfüllt.

Wenn das Erkenntniß gesetzlich sei, könne man Niemandem einen Vorwurf

machen, und sei es ungesetzlich, so treffe der Vorwurf nicht den

Generalfiskal, sondern die Richter. Es würde mit aller Redefreiheit vor

Gericht vorbei sein, wenn ein Advokat deshalb bestraft werden solle,

weil er ein streng ordnungsmäßiges Gesuch an einen Gerichtshof gestellt

und dargethan habe, daß gewisse Worte eines Gesetzes in einem gewissen

Sinne zu verstehen seien. Die Whigs hingegen nannten Sawyer einen

Mörder, einen Bluthund, einen Henker. Wenn mit der von den Advokaten

beanspruchten Redefreiheit die Freiheit gemeint sei, die Leute an den

Galgen zu haranguiren, so sei es hohe Zeit, daß die ganze Nation

aufstände und das ganze Geschlecht der Juristen vertilge. »Es wird nicht

eher besser werden,« sagte ein Redner, »als bis an einigen Mitgliedern

dieses Standes ein Exempel statuirt wird.« -- »Es soll kein Verbrechen

sein, Execution zu verlangen!« rief Johann Hampden. »Nächstens wird man

uns sagen, daß es kein Verbrechen von den Juden gewesen sei zu rufen

'Kreuziget ihn.'« Ein einsichtsvoller und gerechter Mann würde

wahrscheinlich der Meinung gewesen sein, daß dies kein Fall war, wo

Strenge geübt werden durfte. Sawyer's Verfahren mochte bis zu einem

gewissen Punkte wohl strafbar gewesen sein; aber wenn eine

Indemnitätsacte überhaupt erlassen wurde, so wurde sie doch im Interesse

solcher Personen erlassen, deren Verhalten strafbar gewesen war. Es

fragte sich nicht, ob er schuldlos war, sondern ob seine Schuld so

absonderlich schwer war, daß er trotz aller seiner Opfer und Dienste

speciell von der Amnestie ausgenommen werden mußte, welche vielen

Tausenden von Uebelthätern zu Theil werden sollte. Besonnene und

unparteiische Richter würden diese Frage wahrscheinlich zu seinen

Gunsten entschieden haben. Es wurde jedoch beschlossen, daß er von der

Amnestie ausgenommen und aus dem Hause gestoßen werden solle.[44]

Am folgenden Morgen wurde die nunmehr in eine Straf- und Bußbill

verwandelte Amnestiebill nochmals berathen. Die Whigs willigten ein, daß

sie einem Ausschusse des ganzen Hauses überwiesen werde, schlugen aber

vor, dem Ausschusse zu bedeuten, daß er seine Arbeiten mit der

Anfertigung einer Liste der zu proscribirenden Uebelthäter beginnen

solle. Die Tories beantragten die vorläufige Frage. Das Haus stimmte ab,

und die Whigs trugen mit hundertneunzig gegen hundertdreiundsiebzig

Stimmen den Sieg davon.[45]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Achter Band: enthaltend Kapitel 15 und 16. · 第 2 / 22 段