95. DAS GOLDENE SCHLOSS.

"Willst du eine Prinzessin sein?" So fragte ein Knabe seine kleine

Schwester. Die lachte ihn aus. Er sagte aber: "Ja, ich kann ein König

und du kannst eine Prinzessin werden. Du bekommst ein schönes, neues

Kleid und einen silbernen Thron. Ich bekomme einen roten Mantel, eine

goldene Krone und einen goldenen Thron." Die Schwester glaubte das

nicht und sagte: "Unsere Eltern sind ja so arm." Der Knabe erzählte

dann: "Letzte Nacht im Traume kam ein kleiner Mann zu mir. Er fragte

mich: 'Willst du ein König sein und in einem goldenen Schlosse

wohnen?' Ich sagte, ja. Da sprach der Kleine: 'Komm in den Wald mit

deiner Schwester, wenn der Mond scheint. Bei der großen Tanne warte

auf mich. Aber später im goldenen Schlosse darf keine Träne auf den

Boden fallen. Wenn eine Träne auf den Boden fällt, müßt ihr wieder

heim.'" Jetzt glaubte die Schwester, was der Bruder sagte. Sie wollte

gerne mit ihm gehen.

Am Abend schien der Mond sehr hell. Da gingen Bruder und Schwester

hin zu der großen Tanne im Walde. Das Männlein war noch nicht da. Die

Kinder setzten sich ins Moos, um zu warten. Sie waren müde und

schliefen bald ein. Auf einmal wachten sie auf. Verwundert schauten

sie um sich. Sie hatten schöne neue Kleider an. Der Bruder hatte

einen roten Mantel und trug eine goldene Krone. Die Schwester hatte

ein himmelblaues Kleid mit silbernen Sternen. Auf ihren Haaren war

ein Kranz von Diamanten. Der kleine Mann kam und rief: "Willkommen,

willkommen!" Dann kamen noch viele kleine Männlein mit einem goldenen

und einem silbernen Wagen. Der Bruder mußte sich in den goldenen

Wagen und die Schwester in den silbernen Wagen setzen. Die Männlein

zogen die Wagen und fuhren durch den Wald an einen Berg. Im Berge war

eine große, hohe Halle, und darin stand ein goldenes Schloß. Die

kleinen Männer führten die Geschwister in dieses Schloß. Dann holten

sie einen goldenen und einen silbernen Thron. Der goldene Thron war

für den Bruder und der silberne für die Schwester. Die kleinen Männer

stellten sich vor sie hin und riefen: "Hoch lebe unser König und auch

die Prinzessin!" Dann gab es zu essen, lauter gute Sachen.

Nach dem Essen wollten die Kinder schlafen, denn es war schon spät.

Im Schlafzimmer standen zwei Betten, ein goldenes und ein silbernes.

Der König legte sich in das goldene, die Prinzessin in das silberne

Bett. Da fragte der Bruder: "Schwesterchen, wie gefällt dir das

goldene Schloß?" Sie antwortete: "Schön ist es schon hier; wenn nur

der Vater und die Mutter auch hier wären!" Der Bruder sagte: "Das

möchte ich auch haben. Was werden die Eltern jetzt machen?" Die

Schwester meinte: "Sie werden uns suchen und weinen, weil sie uns

nicht finden können." "Ja," war des Bruders Antwort, "sie werden

denken, der Wolf habe uns gefressen." Das konnte die Schwester nicht

anhören. Sie fing an zu weinen. Da warnte der Bruder: "Nicht weinen,

sonst fallen deine Tränen auf den Boden!" "Nein," sagte die

Schwester, "ich hab' sie mit der Hand aufgefangen. Aber ich muß

weinen." Nun wurde auch der Bruder ganz traurig. Auch er weinte

einige Tränen. Doch die Tränen fielen in das Bett. Die Schwester

fragte: "Wie lange willst du noch König bleiben? Ich will nicht mehr

Prinzessin sein. Ich will heim!" Der Bruder sagte: "Ja, zu Hause bei

Vater und Mutter ist es doch schöner!" Da ließen sie beide große

Tränen auf den Boden fallen. Es donnerte, und die Kinder fielen aus

den Betten.

Nun kamen die kleinen Männer wieder. Sie waren sehr traurig und

brachten die Geschwister zurück zu der großen Tanne im Wald. Da

schliefen Bruder und Schwester bald ein. Als sie die Augen öffneten,

war es heller Tag, aber der rote Mantel und das himmelblaue Kleid

Waren verschwunden.

Da kamen auch schon die Eltern. Die freuten sich sehr, ihre Kinder

wieder zu haben. Die Geschwister waren ebenso froh und versprachen,

nie mehr fortgehen zu wollen.

Hin und Her: Ein Buch für die Kinder · 第 101 / 106 题