"Willst du eine Prinzessin sein?" So fragte ein Knabe seine kleine
Schwester. Die lachte ihn aus. Er sagte aber: "Ja, ich kann ein König
und du kannst eine Prinzessin werden. Du bekommst ein schönes, neues
Kleid und einen silbernen Thron. Ich bekomme einen roten Mantel, eine
goldene Krone und einen goldenen Thron." Die Schwester glaubte das
nicht und sagte: "Unsere Eltern sind ja so arm." Der Knabe erzählte
dann: "Letzte Nacht im Traume kam ein kleiner Mann zu mir. Er fragte
mich: 'Willst du ein König sein und in einem goldenen Schlosse
wohnen?' Ich sagte, ja. Da sprach der Kleine: 'Komm in den Wald mit
deiner Schwester, wenn der Mond scheint. Bei der großen Tanne warte
auf mich. Aber später im goldenen Schlosse darf keine Träne auf den
Boden fallen. Wenn eine Träne auf den Boden fällt, müßt ihr wieder
heim.'" Jetzt glaubte die Schwester, was der Bruder sagte. Sie wollte
gerne mit ihm gehen.
Am Abend schien der Mond sehr hell. Da gingen Bruder und Schwester
hin zu der großen Tanne im Walde. Das Männlein war noch nicht da. Die
Kinder setzten sich ins Moos, um zu warten. Sie waren müde und
schliefen bald ein. Auf einmal wachten sie auf. Verwundert schauten
sie um sich. Sie hatten schöne neue Kleider an. Der Bruder hatte
einen roten Mantel und trug eine goldene Krone. Die Schwester hatte
ein himmelblaues Kleid mit silbernen Sternen. Auf ihren Haaren war
ein Kranz von Diamanten. Der kleine Mann kam und rief: "Willkommen,
willkommen!" Dann kamen noch viele kleine Männlein mit einem goldenen
und einem silbernen Wagen. Der Bruder mußte sich in den goldenen
Wagen und die Schwester in den silbernen Wagen setzen. Die Männlein
zogen die Wagen und fuhren durch den Wald an einen Berg. Im Berge war
eine große, hohe Halle, und darin stand ein goldenes Schloß. Die
kleinen Männer führten die Geschwister in dieses Schloß. Dann holten
sie einen goldenen und einen silbernen Thron. Der goldene Thron war
für den Bruder und der silberne für die Schwester. Die kleinen Männer
stellten sich vor sie hin und riefen: "Hoch lebe unser König und auch
die Prinzessin!" Dann gab es zu essen, lauter gute Sachen.
Nach dem Essen wollten die Kinder schlafen, denn es war schon spät.
Im Schlafzimmer standen zwei Betten, ein goldenes und ein silbernes.
Der König legte sich in das goldene, die Prinzessin in das silberne
Bett. Da fragte der Bruder: "Schwesterchen, wie gefällt dir das
goldene Schloß?" Sie antwortete: "Schön ist es schon hier; wenn nur
der Vater und die Mutter auch hier wären!" Der Bruder sagte: "Das
möchte ich auch haben. Was werden die Eltern jetzt machen?" Die
Schwester meinte: "Sie werden uns suchen und weinen, weil sie uns
nicht finden können." "Ja," war des Bruders Antwort, "sie werden
denken, der Wolf habe uns gefressen." Das konnte die Schwester nicht
anhören. Sie fing an zu weinen. Da warnte der Bruder: "Nicht weinen,
sonst fallen deine Tränen auf den Boden!" "Nein," sagte die
Schwester, "ich hab' sie mit der Hand aufgefangen. Aber ich muß
weinen." Nun wurde auch der Bruder ganz traurig. Auch er weinte
einige Tränen. Doch die Tränen fielen in das Bett. Die Schwester
fragte: "Wie lange willst du noch König bleiben? Ich will nicht mehr
Prinzessin sein. Ich will heim!" Der Bruder sagte: "Ja, zu Hause bei
Vater und Mutter ist es doch schöner!" Da ließen sie beide große
Tränen auf den Boden fallen. Es donnerte, und die Kinder fielen aus
den Betten.
Nun kamen die kleinen Männer wieder. Sie waren sehr traurig und
brachten die Geschwister zurück zu der großen Tanne im Wald. Da
schliefen Bruder und Schwester bald ein. Als sie die Augen öffneten,
war es heller Tag, aber der rote Mantel und das himmelblaue Kleid
Waren verschwunden.
Da kamen auch schon die Eltern. Die freuten sich sehr, ihre Kinder
wieder zu haben. Die Geschwister waren ebenso froh und versprachen,
nie mehr fortgehen zu wollen.