Sie zerrte den Knaben mit sich fort zwischen Strauchwerk hin, in die

Waldschlucht hinab, wo ein rauschendes Wasser und neben demselben ein

kümmerlicher Fahrweg war. Auf diesem Fahrweg stand ein Karren, der über

sich eine weiße Plache als Dach gespannt hatte. Statt eines Pferdes war

ein brauner, bärtiger Geselle vorgespannt und unter der Plachendecke

wälzten sich halbnackte Kinder durcheinander.

»Wir sind arme Leute,« sagte nun das Weib, auf solche Familie deutend,

»und du sollst uns etwas schenken.«

Der Franzl nahm sein grünes Hütlein vom Kopf, hielt es hin und sagte:

»Da!«

Sie nahm den Hut, warf ihn in den Karren und die Kinder balgten sich

drum. »Da sind arme Würmer drinnen,« fuhr das Weib fort, »sie verkommen

vor Frost.«

Der Franzl zog sein Röckel aus und gab es hin. Das Weib warf es in den

Karren. »Ein Knäblein habe ich,« fuhr sie fort, »es ist so fromm wie

das Jesukind und die Füße sind ihm ganz und gar erfroren.«

Der Franzl setzte sich eilig auf einen Baumstock, riemte seine Schuhe

auf, zog sie aus und gab sie hin. Das Weib warf sie in den Karren und

die Brut darin raufte sich um die Kleidungsstücke.

»Mein Jesukind,« fuhr das Weib fort, »liegt auf dem Stroh krank dahin

und hat keine Decke, kein Beinkleid, kein Hemd.«

Jetzt sprang der braune Mann herbei, bedrohte das Weib und schrie dem

Franzl zu, er solle sich davonmachen.

Frau Rathel war überaus erschrocken, als der Knabe barfuß, ohne Rock

und Hut nach Hause kam und mit strahlendem Auge erzählte, er hätte

unten in der Schlucht die heilige Familie gefunden.

Die »heilige Familie« wurde zwar schon an demselben Tage eingezogen,

dem Franzl wurden vom Gemeindevorstand Hut, Rock und Schuhe zugestellt,

aber er zog sie nicht mehr an. Durch die Erkältung an jenem

Spätherbsttage fiel er in der nächsten Nacht in Fieber. Am folgenden

Tag kam der Arzt und fand eine Lungenentzündung. Der Knabe hatte

wieder rote Wangen, wie schon seit lange nicht mehr, er sang auch --

gleichwohl mit sehr kurzem Atem -- lustige Kinderlieder und wollte

immer aus dem Bette, um ein Reh zu fangen, das in der Stube umherlief.

Heiterer Mutwillen war in seinen Fieberphantasien und der Arzt sagte

zur Mutter, wenn die Krisis glücklich überwunden werde, so sei es

wahrscheinlich, daß die krankhafte Schwärmerei ein Ende hätte und das

Geistesleben des Knaben eine andere Richtung nehme.

Am fünften Tag hatte der Knabe unter Geschrei und Gelächter das lose

Reh erwischt, mit beiden Armen hielt er das Kopfkissen fest und

verlangte von der Mutter, daß sie dem ungebärdigen Tiere die Füße

binde. Bald darauf fiel er dahin. Im Halbschlummer lag er ruhig da,

manchmal im Gesicht totenblaß, dann wieder brennend rot. Einmal schlug

er die Augen auf, hob das hagere Händchen ein wenig gegen seine Mutter,

die unausgesetzt in heißer Angst, aber klaglos, an seinem Lager war. Er

lächelte auf sie hin und hauchte: »Mutter!«

Dann schlummerte er ein -- und ist nicht mehr erwacht.

Zwei Tage später, als sie das Särglein hinabtrugen nach Hollersbach,

stand am Kirchtor der Pfarrer und deutete mit dem Arm, sie sollten

es in die Kirche tragen. Und als der kleine Sarg drinnen stand vor

den Stufen des Altars, an denen der Franzl im kindlichen Dienste des

Herrn auf- und niedergestiegen war, las der Pfarrer die Messe. Bei

dem Offertorium, als er sich gegen das Volk wandte mit dem Spruch:

»+Dominus vobiscum+« und das helle Stimmlein nicht mehr beisetzte: »+Et

cum spiritu tuo!+« sah man, wie dem alten Mann eine Träne über die

Wange lief.

Als sie nach dem Gottesdienst den Sarg aus der Kirche gegen den

Friedhof trugen, war das Tor dicht besetzt von armen Leuten, die sich

jetzt dem Zuge anschlossen und beteten.

Frau Rathel blickte hinab ins tiefe Gräblein, an dessen einer Wand

das Brett von der Truhe ihres Mannes zu sehen war; so nahe wurde nun

der Franzl zu seinem Vater gelegt. Die Frau starrte stumm, klaglos,

gebetlos, trockenen Auges hinab. Erst dann löste sich ihr Weh in

Tränen, als der Pfarrer nach der Einsegnung sie an der Hand nahm,

einige Schritte hinwegführte und die Worte sprach: »Sein kurzes Leben

war ein einziger großer Opfertag. Was er hier schon war, das ist er nun

dort -- ein Kind Gottes.«

Dorfbilder

Almleute und wie sie sich miteinander unterhalten.

Was werden sie denn auch schwatzen, die Manns- und die Weibsleute, wenn

sie einmal zusammenkommen in der Bauernstube oder oben in der Almhütte?

Im Schwatzen sind die Alten am schlimmsten, das weiß man.

»Gehst mit?« frägt der Stiesel-Joachim seinen Kameraden.

»Wohin?«

»Auf die Donnersbach-Alm.«

»Was tun?«

»Weiberleut' hänseln.«

»Ist mir nix um (bin dabei)!« sagt der Kamerad.

Sonntagsnachmittag. Da sitzen die Sennerinnen von den zwei Hütten

beisammen in der einen und bessern ihr Gewand aus, das die Woche über

in scharfer Arbeit Schaden genommen.

Die Männer treten zur Tür ein, die ist nur für Weibsbilder hoch genug

und die Männer müssen sich tief demütigen, wenn sie hereinwollen.

»Da sitzen auch zwei Nichtsnutzige beisamm'!« mit diesen Worten begrüßt

der Stiesel-Joachim die beiden Senninnen.

»Gleich und gleich gesellt sich gern,« sagen die Dirndln, »geht's nur

her zu uns.«

»Ist ein Lapp, der Schulmeister von Christofen,« springt jetzt der

Joachim über, nachdem er sich an den Tisch gesetzt und seine Pfeife

angebrannt hat.

»Wesweg?« frägt sein Kamerad.

»Weil er eine neue Wissenschaftlichkeit erfunden hat. Zu meiner Zeit

haben wir drei Naturreiche gehabt in der Schul', jetzt hat er fünf.«

»Und das wären?«

»Die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere, die Weiber und die Menschen.«

»Du Narr!« lacht die Marei, »da hat er noch eins ausgelassen: die

Männer. Die kommen noch vor den Tieren!«

»Die kennt sich aus!« schmunzelt der Kamerad.

Der Joachim wendet sich zu diesem und in aller Ernsthaftigkeit tut er

die Frage: »Hat er nicht gesagt, der Herr Pfarrer bei der Predigt, daß

kein Weibsbild in die Höll' kommt?«

»Weil kein's mehr Platz hat unten,« meint der Kamerad.

»Wird halt von den Männern schon voll sein,« sagt die Thresel.

»Ein anderer Grund,« versetzt der Joachim ruhig und bläst ein Bündel

Rauch aus. »Die Weibsbilder sind nämlich dem Teufel zu schlecht.«

»Bedanken uns schön,« sagt die Marei.

»Nichts zu danken. Ist gern geschehen.«

»Nachher kann man sich's freilich denken,« sagt die Thresel, »daß den

Mannern in der Höll' höllisch langweilig wird. Ohne Weibsbild halt's ja

keiner aus.«

»Ist auch so,« spricht der Joachim. »Ohne Weibsbild weiß es keiner, wie

gut es ihm geht.«

Das alles und anderes wird mit größter Ruhe und Ernsthaftigkeit

vorgebracht, bis die Marei frägt, ob sie die gottlosen Mäuler nicht

mit Milch und Käse zustopfen sollte?

Wäre ein gutes Mittel, meint der Kamerad.

Die Jüngeren haben sich bislang im Hintergrund gehalten. Um sie

hervorzukriegen, sagt die Marei: »Was müssen denn dieselbigen dort

angestellt haben, weil sie sich nicht herfür getrauen aus dem Winkel?«

Der Forstjunge Heinrich sitzt dort, der sagt nicht viel, schmunzelt

ein wenig und schmaucht sein Pfeifel. Wer ihn recht besieht -- und die

Marei besieht ihn recht -- das ist ein Kerl, den sich der Herrgott

selber zum Muster nehmen kann, wenn er irgendwo auf der Welt schöne

Leute erschaffen will. Daß er etwas schweigsam ist, das macht nichts,

es plaudert schon sein feuriges Auge und solche Weltsprache ist den

Weibern auch die verständlichste.

»Gewissen erforschen wird er, der Heinrich,« meint der Joachim, »er

will ja jetzt die Jägerei lernen.«

»Uh, bei diesem Freudenfest möcht' ich dabei sein!« ruft die Marei aus.

»Bei welchem Freudenfest?« frägt nun der Heinrich.

»Das die Hasen und Hirschen halten werden, wenn du Jäger wirst!«

»Der Heinrich mag niemanden umbringen,« sagt der Kamerad.

»Im Gegenteil,« setzt der Joachim dazu.

Der Heinrich nimmt seine Pfeife aus dem Mund, pflanzt mit der Spitze

derselben noch das Schnurrbärtel auf nach rechts und nach links, dann

läßt er das Liedel los:

»Bin a Jager, a frischer,

Ih woaß nur zwen Ständ':

Van Dirndl ihrm Fenster

Und ban Gamsl im G'wänd'.«

»Singen kann ich auch,« sagt die Marei und hebt an:

»Oft a Jager, a frischer,

Gor keck is sei Bluat,

Hot Kuraschi für vieri,

Wan eahm neamand nix tut.«

Nun packt der alte Joachim aus:

»Wan ih auf Kumerbergkirchn geh,

Leg' ih mein bestn Rock on,

Wan ih däs Dirndl in da Kirchn seh',

Schau ih koan Heilign nit on.«

Dem entgegnet die Thresel:

»Hau, Bua, du liabst mih,

Wanst mih liabst, kriagst mih,

Wanst mih treu liabst

Konst mih hobn -- wanst mih kriagst.«

Rückt sich jetzt der Kamerad des Joachim gegen die Thresel und versucht

es ernsthaft:

»An deiner Rechtn laß mih sitzn,

An deiner Rechtn sitz ih gern,

Wan mir still banonda sitzn

Konst mei Herzel klopfn hörn.«

Drauf sie:

»Du bist holt a so a Büabel,

Bist a so und bist a so,

Du bleibst nit bei oan Dirndl,

Host ollaweil deini zwo.«

»Da weiß ich noch ein Schöneres für den!« sagt die Marei und singt:

»Dir is ka ~Liabi~ nit recht,

Dir will ka ~Bravi~ nit g'folln --

Wanst a ~Schöni~ willst hobn,

So loß dir oani moln.«

Ähnlich geht's fort. Wie aber alles ein Ende hat, so auch der

Sonntagnachmittag auf der Alm. Der alte Joachim ist so lange gesessen

auf der Bank, daß ihm die Beine starr sind, wie er nun aufsteht.

»Jetzt wünsch' ich euch eine gute Nacht, Weibsleut',« sagt er, »ich

denk', die wird euch recht sein.« Damit trottet er mit anderen davon.

Ob alle schon gehen? Verbürgen kann ich's nicht. Heinrich, der Schalk,

muß die Marei sicherlich noch ein wenig necken. Ein Blumensträußel

steckt er ihr an den Hals -- ist aber eine junge Brennessel dabei. Sie

kommt ihm über die Pfeife und tut heimlich gebeizte Harzkörner hinein,

so daß er auf einmal eitel Weihrauch schmaucht. Dann stiehlt sie ihm

die abgemauserte Feder vom Hut und steckt eine frische drauf -- und

schließlich -- ach Gott, ich verplaudere die Zeit.

Übers Jahr, wenn Ihr anfragen wollet -- sie dürften ein Paar sein, und

hoffentlich necken sie sich dann auch noch. Aber, so Gott will, nicht

zu scharf.

Der Sonntagsbauer.

Die Woche über sind wir etwas Besonderes. Sei es nun, daß schöne Frauen

zu uns kommen und sich von uns schmücken lassen mit Seiden, Ketten,

Ringen und edlen Steinen, oder sich gar andere Süßigkeiten des Lebens

von uns reichen lassen, als etwa Zucker, Korinthen oder feines Gewürze;

sei es, daß uns hungrige Hofräte aufsuchen oder durstige Generäle,

die wir atzen mit Speise und Trank; sei es, daß wir gar eine Stelle

einnehmen, vermöge welcher wir Barone und Grafen bei der Nasenspitze

anfassen dürfen -- kurz, die Woche über sind wir etwas Besonderes.

Der Salon ist unser Bereich, auf glattem Parkett gleiten unsere

glänzenden Stiefeletten, und Gelocke wie etwaiger Bart sind stets

in so musterhafter Ordnung, daß wir jeden Augenblick in den

Auslagekasten des Friseurs gestellt werden könnten. Unsere Bewegungen

sind durchaus nobel, unsere Ausdrucksweise ist fein gebildet, unsere

ganze Erscheinung hochelegant. Alles Unfeine, Plumpe und Tölpelhafte

belächeln wir mit Recht, und am wenigsten wollen wir zu tun haben mit

»dummen Bauern«. Kommt aber der Sonntag, so werden wir selber -- ein

Bauer.

Denn das ist Mode. Ein Werktagsherr -- ein Sonntagsbauer. Am Werktag

geht der Bauer hinter dem Pflug oder handet mit der Mistgabel -- das

ist nichts für uns; aber am Sonntag hat der Bauer sein schönes Gewand

an, sitzt im Wirtshaus oder wandelt scherzend über Wiesen und Matten,

und für den Sonntag läßt er Gott sorgen.

Da mögen wir es schon mit ihm halten. Das Gewand will zwar nicht

immer passen, aber zum Glück gibt es Bauernanzüge für Stadtherren,

wattierte Kniehosen, Strümpfe, in denen die Waden schon drinstecken,

was sehr bequem ist. Der steife Lodenrock mit den Hirschhornknöpfen

hat seine Füllungen derart, daß das städtische Gerüstlein, welches

etwa hineinkommt, ganz respektabel gestellt ist. Noch läßt sich der

Sonntagsbauer die Sonne recht fest ins Gesicht scheinen, weil sie die

Stadtfarbe auszieht. Beim Gehen macht er verdammt große Schritte, hält

die Knie gebogen, setzt seinen Bergstock wütig auf den Boden, nebelt

aus einem Tabakspfeifentiegel, den er mit Schwamm und Stein in Brand

steckt, und ruft von Zeit zu Zeit: »A belei!« oder »Soackera!« und

ist nun überzeugt, daß ihn kein Mensch von einem wirklichen Bauern

unterscheiden kann. Nur der brettfeste Stehkragen und Manschetten mit

den Goldknöpfen retten ihn noch für die gebildete Welt.

Wo er auf dem Wege einem wirklichen Bauern begegnet, hebt er einen

Diskurs an über die Landwirtschaft. Da zeigt sich nun die Überlegenheit

des Sonntagsbauers gegen den Werktagsbauer. Diesem stehen die Haare

zu Berg, so viel und so gescheit spricht jener vom Feldbau, von

Waldwirtschaft und Viehzucht.

»Ja, ja, mein lieber Bauer,« sagt der Sonntagsbummler und klopft jenem

auf die Achsel, »das macht das Studium. Einer von uns muß doch mehr

verstehen als der andere. Wie heißet Ihr denn?«

»Jawohl,« antwortet der Bauer, »und einer von uns zweien ist ein Esel.

Ich bin der Höfelberger.«

Wo der Sonntagsbauer auf dem Wege einem Weibsbild begegnet, da hebt

er mit ihm ein Getue an, genau wie es in den Dorfgeschichten zu lesen

steht. Die Dorfgeschichtenschreiber jedoch sind Schäker und lassen gern

aufsitzen. Der Stadtherr wird gefoppt.

An seinem Lodenrock steifen sich nachgerade die Haare auf vor Ärger,

wie er gefoppt wird, aber der drinnen steckt, merkt es gar nicht.

Sitzt ein junger, im ganzen fürs Auge gar nicht übler Stadtherr in der

Sennhütte. Schon im vorhinein denken die Almer, als sie sein rotes

Buch, seinen Operngucker, seinen Kompaß und dergleichen sehen: Armer

Teufel, der schleppt seine ganze Gescheitheit, die unsereiner im Kopf

muß haben, in der Taschen mit sich. -- Der Herr hat zwar Bauerngewand

an, gibt sich aber so, daß die Almleute meinen sollten: Wer weiß, was

das für ein Herr ist! Auch Grafen und Fürsten steigen im Lodenrock um,

heutzutag. Alleweil wendet er sich so, daß seine goldene Uhrkette,

seine Brillantringe den Leuten in die Augen springen. Mit feiner Manier

hält er die Meerschaumspitze, in welcher eine duftende Zigarette

steckt, zwischen den Fingern, mit zarter Grazie ißt er etwelches von

Brot und Käse, so er sich vorsetzen ließ, spricht nicht viel, aber

mit würdevollem Nachdruck, läßt durchblicken von Pferden und Lakaien

und beginnt -- selbstverständlich in höchst nobler Weise -- mit den

Sennerinnen galant zu werden. Aber bei der vornehmen Darlegung seiner

Weltweisheit passiert ihm das Malheur, daß er Unsinn schwatzt, und

bei der Liebeswerbung, daß er anfangs fein gefrotzelt und hernach

ausgelacht wird.

Darüber ist unser Stadtherr nun etwas konsterniert.

Eine der Sennerinnen will ohnehin höflich sein und hält ihre Hand

vor das Gesicht, aber endlich ist der Lachdrang mächtiger als das

Anstandsgefühl, und sie platzt heraus und gibt der Katz' die Schuld,

die soviel ein spaßiges Vieh sei.

Die Katz' ist gar nicht da und muß eilends etwas Possierliches von ihr

zusammengelogen werden. Dem Salonbauer wird unheimlich. In ernsthaft

freundlicher Art benehmen sich die Almleute gegen ihn, weil er aber nun

doch ein gar zu verdutztes Gesicht macht, so ergötzen sie sich immer

mehr.

Ein alter Hirt ist dabei, der legt seinen Kopf so über die Achsel eines

anderen und sagt nicht ein Wort, aber man merkt's, er ist noch der

Boshafteste unter allen. Zum Glück für ihn kann unser Städter nicht

Gedanken und Mienen lesen.

Du, mein Leser, bist besser dran, schau' einmal auf das Bild »Der

Salontiroler«, und du weißt alles. Nicht ein einziges Wort brauche ich

dir mehr zu sagen.

Daß der feine Stadtherr allmählich aufsteht und kleinlaut davongeht,

kannst du dir denken. In seinen städtischen Kreis zurückgekehrt,

weiß er von pikanten Liebesabenteuern zu erzählen, wie das

»göttlich« gewesen sei in der Sennhütte, wie er dort eine ganze

Bauerngesellschaft, die sich um ihn versammelt, auf das Köstlichste

unterhalten habe. Gelacht sei worden, gelacht ....! Schon »gekugelt«

hätten sich die guten Leute vor Lachen!

~Warum~ so sehr gelacht worden ist, das sagt unser Sonntagsbauer aber

nicht. Weiß es vielleicht kaum -- ahnen mag er's wohl.

Da hat der Florian wieder einmal einen heraufgebracht zur Almhütte der

Gunde. Einen gar gelehrten Herrn, der gewißlich auf eigene Faust in

der Mineralogie und Botanik umgeht und nebenbei -- wie er sagt -- ein

bißchen »Ethnographie« treibt. In das letztere Fach gehört es auch,

wenn sich der Herr Professor jetzt an die Gunde wendet und seine Freude

ausdrückt über ihr prächtiges Aussehen. »Bedank' mich,« sagt sie und

denkt: es tät' sich schicken, daß ich ihm jetzt dasselbe sagen sollt',

dem zaundürren Schippel. Lassen wir's aber gut sein.

Ob sie wohl wisse, frägt er sie dann, daß auf ihrer Alm so prächtige

Exemplare des +Sempervivum Wulfenii+ vorkämen! Und zeigt ihr ein

Exemplar davon.

»Was will denn der Herr mit der Hauswurz?« frägt sie entgegen. »Fürs

Ohrenreißen ist sie gut, wenn Er's einmal hat. Die dicken Blätter

zerdrucken, den Saft einträufeln.«

»I wahrlich!« ruft er und lugt sie an, »leider habe ich seit der

Volksschule nicht mehr Ohrenreißen gehabt.« Er kann witzig sein.

Hierauf weist er ihr die buxbaumblätterige Kreuzblume, die er auch

gefunden hat. Er gedenkt sich durch die Blume allmählich in ihr Herz

zu schleichen. Vor der Wissenschaft wird sie doch Respekt haben. »Man

nennt diese Pflanze,« sagt er, »+Polygala Chamaebuxus+.«

»Kamel Buxus!« sagt sie, »das ist ja das Lappenkraut. Da wäre mir das

Blümel Herzlieb schon lieber.« Und lugt, wie sie da spricht, schalkhaft

auf den Florian hin.

»Und ein Tausendguldenkräutel dabei,« antwortet der Bursche. »Kein

übles Sträußel.«

Der Gelehrte kommt hierauf mit einer +Campanula+.

»Das ist die Zwiderwurzen!« lacht die Gunde auf.

»Nein, mein liebes Kind,« antwortet der poetisch werdende Stadtherr,

»das ist die Glockenblume, die läutet den Frühling ein.«

»Schön von ihr,« sagt die Sennerin und schmunzelt gegen den Florian

hin, der sich auf die Wandbank gesetzt und seine Pfeife angeraucht hat,

als ob sie ihn mit den Augen fragen wollte: Was hast mir denn heut'

wieder heraufgebracht?

»Das Schönste aber habe ich da drinnen,« flüstert der Gelehrte und tut

ein Büchschen hervor, »das will ich -- wie heißt du doch, mein Kind?«

Sie trällert:

»Marei und Kathrin,

Und der Zinner macht Zinn,

Und der Schuster macht Schuh'

Wann's dich g'freut, so frag' zu!«

Er droht ihr schäkernd mit dem Finger. Daß sie ihn neckt, er hält es

für ein gutes Zeichen.

»Also Marei und Kathrin,« sagt er, »was ich da drinnen hab', das will

ich dir schenken. Zum Angedenken. Es ist das hier seltene +Cerastium

uniflorum+.«

»Ih mag dih nit!« ruft sie aus.

»Wie meinst du?« frägt er.

»Ih -- mag -- dih -- nit -- Kräutel heißt's bei uns,« ist ihre Antwort.

Jetzt schwant ihm beiläufig, er dürfte hier überflüssig sein. Wohl

erbittet er sich Milch und Käse, was ihm auch nicht versagt wird --

denn schließlich ist er doch als ein armer Reisender anzusehen. Er

zieht es vor, den Imbiß draußen im Freien einzunehmen, und als er damit

fertig ist, schreibt er in sein Notizbuch folgende Zeilen:

»Die Flora ist in diesem Gebirge höchst mannigfaltig, nur zu beklagen

der Indifferentismus der Bevölkerung, welche noch tief in der Nacht des

Aberglaubens steckt. Mir ist eine Person vorgekommen, welche die Namen

einzelner Pflanzen kurzweg fälschte und die lieblichen Kinder Floras

mit geradezu barbarischen Ausdrücken belegte. Wie arg durch Duldung

solcher Zustände der Verdummung des Volkes Vorschub geleistet wird,

brauche ich wohl nicht zu erwähnen. Es wäre Sache der Volksbildner

sowohl wie der löblichen Alpenvereine, in den Bauernhäusern und

Alpenhütten Tafeln mit den Abbildungen der in der Gegend vorkommenden

Gestein- und Pflanzenarten und deren wissenschaftlichen Namen aufhängen

zu lassen.«

»Ja, ja, wenn erst die Kühe lateinisch können!« lacht hinter ihm

plötzlich die ungezogene Sennerin auf. Da frägt der Herr, was der Imbiß

koste, tut sein Kupfernes auf das Tischbrett und geht kopfschüttelnd

seinen Weg.

Der Sim-Sampel.

Der Sim-Sampel! Er besaß einen großen Bauernhof und alles was

dazugehört und sonst noch mancherlei Haupt- und Nebensächliches.

Unter letzterem war auch sein Weib, eine kleine, dicke Person, die

außer ihrer Hühnerzucht sich um weiteres nicht kümmerte. Sie mästete,

fütterte und pappelte alle Tierlein selber und hatte es sogar mit

einer Brutmaschine probiert. Diese warf sie wieder weg, Hahn und

Henne, meinte sie, machen es in herkömmlicher Weise besser. An

fünfhundert »Henndln« verkaufte sie manches Jahr und zehnmal so viel

Eier. Besonders im Monat März ging ihre Körbelträgerin ununterbrochen

zwischen dem Sim-Sampelhof und dem Mürztale hin und her. Was die

Mürztaler für Eiermarder sind -- man glaubt's nicht. Der Sim-Sampel

selber war aber auch einer. Zum Frühkaffee und »Schunken« zwei

lehngekochte Eier, vormittags zum Milchbrot zwei Eier, nachmittags drei

Eier in Schmalz, abends nach dem Nachtmahl auch noch ein paar. Eier

kann der Mensch nie genug essen, war seine Meinung, Eier hat die Kirche

sogar an den Fasttagen erlaubt, daraus die Unentbehrlichkeit dieser

Nahrung genugsam erhellt.

Nachdem der Sim-Sampel etwa so an seine hunderttausend Eier verzehrt

hatte, wurde er krank. Zuerst der nächstbeste Arzt, aber der machte es

mit seinem Pulver nur noch schlechter. Eilends der Wagen um den Doktor

nach Bruck; der erschien nur, so ward es schon besser, denn er kam

gerade zu rechter Zeit. Dann aber blieb es wochen- und monatelang übel,

der Sim war nicht krank und nicht gesund. In seinen Körper kam so eine

gewisse Schwammigkeit und der Arzt fürchtete eine Herzverfettung. Doch

tat dieser Brucker Doktor alleweil nichts, als Lebensweise verordnen,

bis der erboste Bauer endlich die flache Hand auf den Tisch schlug

und sagte: »Ja, mein lieber Herr, was ist's denn mit uns zweien? Zum

guten Rat geben kann ich alte Weiber haben, so viel als der Will. Ein

Doktor, der keine Medizin hat, ist bei mir kein Doktor! Jetzt serb'

(kränkle) ich schon seit Michaeli, wir haben Weihnachten und ich hab'

noch keine ordentliche Medizinflaschen gesehen. Für was verdoktert

einer denn sein gutes Geld, wenn er nichts zum Einnehmen kriegt?« --

Weiter sprechen wollte er, war aber schon heiser. Der Doktor war noch

ein junger, unerfahrener Mann, er sagte also: »Einnehmen wollen Sie?

Aber Sie nehmen ohnehin zu viel ein, lieber Sim-Sampel! Nicht so viel

Schmalzkoch und Eierschmarrn essen und nicht so viel pipperln! Des

Abends früh schlafen gehen, des Morgens früh aufstehen. Fleißig Zimmer

lüften. Den Körper hübsch reinlich halten, mit kaltem Wasser waschen,

Bewegung machen --«

»Jesses Maron!« unterbrach ihn der Bauer, »wenn ich das alles tun will,

nachher brauch' keinen Doktor!«

»Brauchen auch keinen«, sagte der Arzt ruhig.

»Aber Mensch, ich will eine Medizin haben, die mich gesund macht. Das

ist der Medizin ihre Schuldigkeit, und da wird man doch nicht erst neue

Bräuch' einführen müssen. Und der Herr Doktor tut mir einen Gefallen,

wenn er gleich sagt, was ich schuldig bin für sein Hergehen, was

freilich für die Katz ist gewesen.« Weil es ihm den Atem verschlug,

so gurgelte er nur noch für sich hin: »Ist mir auch noch mein Lebtag

nit vorgekommen, drei Monat krank sein, einen Doktor haben und keine

Medizin kriegen. Nit einen Fingerhut voll Medizin. Wie soll der Mensch

da gesund werden!«

Am nächsten Tage stand der Tisch neben seinem Bette voller Flaschen.

Große Flaschen mit bräunlichem Inhalt zum Einnehmen, alle Stund' einen

Eßlöffel voll; in kleinen Fläschchen Tropfen auf Zucker zu nehmen;

in anderen Fläschlein Tropfen zum Einreiben; in Tiegeln Salben zum

Schmieren; in Rollen Plaster zum Auflegen. Auch ein Topf mit Igeln

war da, diese Tiere sollten die Krankheit herauszuzeln. -- Das war

aber nicht vom Brucker Doktor, das war von der Krautgruben-Liesel in

Allischbach. Und das war was anderes! Schon am ersten Tage lebte der

Sim auf. Später kamen freilich wieder die alten Übel und manchmal

schlimmer als vorher, aber das war die schlechte Jahreszeit. Er aß nun

nicht mehr so viel Schmalznudeln und Schweinfleisch, denn die Medizinen

hatten seinen Magen so gründlich kuriert, daß er gar keine Eßlust mehr

verspürte.

Geschichten aus Steiermark · 第 21 / 22 段