Weiter sage ich nichts von ihm. Leben wird er kaum mehr.

Schalkhafte Bettelleute.

»Junger Bauer, alter Bettler« rief jener Knecht auf dem Wege nach der

Fabrik in den Hof zurück.

»Hol' dich der ...!« schrie der Bauer und warf ihm den Dreschflegel

nach, aber so, daß er nicht traf. Der Knecht hat eigentlich recht,

dachte der Bauer, ich wollt' auch davonlaufen, wenn's sein kunnt.

Wird es schon bei den Hausbesitzern oft wahr: Junger Bauer, alter

Bettler! bei den Dienstboten stimmt es fast immer. Werden sie alt

oder sonst arbeitsunfähig, so kommen sie in die Einlege, das heißt,

sie werden behördlich der Gemeinde »eingelegt« und von dieser in den

Gehöften abwechslungsweise verpflegt. Das ist aber eine gebundene

Marschroute und platzweise ein erzwungener Aufenthalt, der manchem

Armen nicht behagen will. Dann tut er etwas, das wir eine Urlaubsreise

oder eine Ferienwanderung nennen könnten -- er nimmt seinen Buckelkorb

und seinen Stecken und geht einmal ein wenig in die Fremde. Dort hat er

»bissel was zu tun«. Er tut's auf eigene Faust, nach eigener Wahl der

Gegend und der Häuser, bei denen er zuspricht. Das ist unterhaltlicher,

man lernt dabei Land und Leute kennen, hat Abwechslung im Essen, an

Herberge und sammelt sich einen kleinen Vorrat an Fleisch, Speck, Mehl,

Schmalz, von jedem etwas, um daran -- in die Einlege zurückgekehrt

-- sich heimlicherweise einen Leckerbissen zu gönnen. Es ist schon

geschehen, daß so ein armer Einleger seinen Hausbesitzer eingeladen

hat, mitzuhalten, gemeinsam solche gesammelte Kostbarkeiten zu

verzehren, und daß der Besitzer als Gast des Bettlers ein besseres

Mahl genoß, denn der Bettler als Gast des Bauers. Das Störende bei

solchen »Ferienwanderungen« sind die Gendarmen. Weil der Staat die

Armen nicht abbringen kann, will er die Bettler abbringen. Aber der

Gendarm, der so einen Vagabunden anhält, wird nicht immer sehr ernst

genommen, so martialisch derb er auch nach dem Wanderbuche fragt.

»'s Wanderbuch? Was für ein Wanderbuch?« tut der Bettler mit

einfältiger Miene zurück. »Ah, ja so, 's Büchel wöll'n S' haben. Ich

bitt', gleich, gleich. Da ist's ja schon. Oha, das ist ein Stück

Brot. Hat mir die Grübelschusterin geschenkt. Ein braves Leutel, die

Grübelschusterin.«

»Das Wanderbuch will ich sehen!«

»Aber ja, Herr Justizrat!« Er sucht in seinem zerfahrenen Rocke, in

allen Säcken umher. »Werden's ja gleich haben. Wenn der Mensch so viel

Säckel hat! Da ist's ja. Noch nit? Der Teuxel, jetzt hab' ich wieder 's

Betbüchel derwischt.«

»Betbüchel? Zeigen Sie her! Das sind ja Spielkarten!«

»Richtig, Herr Standar, das sind Spielkarten. Geh'n S', sein S' gut.

Setzen wir uns zusamm' da im Schatten, machen wir ein Bot (Spiel)

miteinand'.«

»Ich will das Wanderbuch sehen!«

»So muß es im Leibelsack sein, das narrische Büchel!« Der Bettler

greift in die innere Westentasche, und zwar so tief, daß unten die

Finger hervorgucken, macht ein verdutztes Gesicht, tut einen Pfiff und

sagt langsam: »Ah, das ist jetzt gut. Der Leibelsack hat ein Loch.«

Die Reise wird unterbrochen. -- Doch diese Fälle sind im Gebirge

selten. Weit abseits steht die Warnungstafel: »Das Betteln ist

verboten!« Aber das Leutheimsuchen wird doch erlaubt sein! Und wenn

einer dem andern was schenken will, das wird wohl auch keine Todsünde

sein. Also die Bahn wäre frei, nur die Häuser und Herzen sind nicht

immer offen. Die muß der Sammler zu öffnen verstehen, und auch hierin

macht Übung den Meister. Er ist kein Bettler, so will er nicht genannt

sein, er ist nur Sammler, der für »den kalten Winter a bissel was

sammeln tut bei den lieben, seelenguten Hausmutterln in Berg und Tal«.

Wie der Alte dann, gebückt unter dem Rückkorb, in dem er seine

Habseligkeit trägt, mit dem Stecken vorsichtig tastend, daß er von der

Vorkammer in die dunkelnde Küche nicht über die Schwelle stolpere,

wie er so ins Haus tritt, da ruft er laut: »Gelobt sei Jesu Christi!

A bissel abrasten, Mutterl, wenn ich tat dürfen, mit Verlaub. Hab'

just eure Wuzerln und Zarterln gesehen, da draußen; saubere Kinder

habt's, Bäuerin, so viel saubere Kinder! Allemal han ih Freud', wenn

ih eure Kinder tu sehen. Frisch wie neuback'ne Wecken und wolter brav

gezüchtet. A Freud', solche Kinder!« Das sagt er mit metsüßer Stimme

und zieht sein Gesicht in ein liebliches Viereck auseinander, obschon

es gerade dieselben Rangen sind, die ihn vorher hinter dem Wäldchen

drüben mit Spottgeschrei gehetzt, auf ihn losspringend und von seiner

Jacke den Schößel losgerissen haben. Wenn er mit diesem losgetrennten

Lappen in den Hof gekommen wäre, murrend: Jetzt heft' ihn mir nur

wieder an, Bäurin, deine Kinder haben's tan, die Lausbuben!« so wäre

ihre Antwort gewesen: »Werd' dir gleich anheften zeigen, Lotterer,

du alter! Schau, daß du weiter kommst; von so einem Landstreicher

lass' ich meine Kinder nicht schimpfen. Soll ich dir hinaushelfen

beim Loch?« und die entsprechende Geste mit der Ofengabel dazu. Die

»sauberen, frischen, wohlgezüchteten Kinder« hingegen, mit denen er

»allerweil a Freud hat«, bringen ihm ein Stück Speck ein und die

freundliche Erlaubnis, sich auszurasten auf der Bank und zu warten,

bis die Rahmsuppe fertig gekocht ist. Deshalb hat der Alte die süße

Sanftmut gewählt; das ist die Waffe der Armen und Schwachen. Wollten

sie den Weg des Rechtes betreten, so würden sie immer noch tiefer ins

Unrecht gesetzt werden, und wenn bei solchen Leuten das Maß des Elends

einmal voll ist, dann nehmen sie alles nur für »Spaß«, auch wenn sie

geschlagen und getreten werden; sie machen ihr viereckiges Gesicht

dazu, was nach außen hin wie ein gutmütiges Lächeln spielen soll -- wie

ihnen inwendig ist, das verdecken die Spinnweben.

Viel schlauer als der Bettelmann macht es das Bettelweib. Es verachtet

das grobe, durchsichtige Gewebe der Schmeichelei, es spinnt feiner.

Anstatt die Kinder des Hauses gerade zu loben, weiß es denen der

Nachbarn allerhand Zweifelhaftes nachzusagen, und das erweckt in der

Bäuerin erst ein rechtes Behagen. Nachbarsleute durchhecheln, das

kommt mancher Hausmutter so unterhaltsam vor, daß sie dem Bettelweibe

recht gern Unterschlupf gewährt, um ihm Gelegenheit zu geben, einmal

Wasch- und Flicktag zu halten. Und wenn dabei das Bettelweib von

einer Nachbarsbäuerin weiß, die schmutzig und geizig ist, stellt die

Hausmutter zum Wasch- und Flicktage noch lieber Seife und Zwirn bei.

Andere Bettelleute zeigen sich gern gefällig und trachten, sich

nützlich zu machen. Sie bringen Waldbeeren mit für die Kinder, Pilze

für die Bäuerin oder Reisig für Hausbesen oder Zunderschwamm, um

Herdfeuer zu machen, wenn etwa einmal das Feuerzeug versagen sollte.

Sie schnitzen dem Halterbübel Peitschenstecken oder Rohrpfeifen, machen

sich anheischig zum Kinderwiegen, was allemal ein Zeichen ist, daß

sie in demselben Hause gern ein paar Tage Rast halten möchten, etwa

über Sonn- und Feiertag oder gar, wenn ein häusliches Fest bevorsteht,

bei dem köstliche Abfälle zu verhoffen sind. Da hat denn manche

Bäuerin ihre liebe Not, solche Bettler unter allerhand Ratschlägen und

Redensarten fortzubringen. »Ich denk', Leutl, du gehst zum Nachbar,

dort hast es ruhiger. Bei uns weiß ich dir keine Liegerstatt und die

Knecht' sind immer einmal auch so viel grob auf ein armes Leut. Gelt,

du tust am allergescheitesten, du nimmst dein Körbel auf den Buckel und

gehst um ein Häusel weiter. Aufs Jahr nachher komm' halt wieder einmal,

wenn wir 's Leben haben.«

Da weiß es sich aber manches »arme Leut« so einzurichten, daß sie es

nicht fortlassen wollen. Und gibt's abgefeimte Schlaucherln, die es

im »Bauernablausen« zu einer glänzenden Fertigkeit gebracht haben.

Lebte vor Jahren in der Oststeiermark ein alter Bettler. Man sah ihn

jahraus, jahrein in einer blauen »Kommißhose.« Er war, wie er gern

dartat ein Wiener Soldatenkind und selbst lange beim Militär gewesen,

hatte die Revolution niederwerfen, die Ungarn bändigen helfen und war

in den Jahren Neunundfünfzig und Sechsundsechzig dabei gewesen, die

Katzelmacher (Italiener) aus Österreich hinauszujagen. »Alsdann, weil

die Wälischen sich alleweil an Haus Österreich angeklettet haben, aber

Haus Österreich hat gesagt: Ich mag euch nit, denn weil ich eh mit

meine Leut' genug zu tun hab'. Zwei blutige Feldzüg' hat's kost', bis

wir sie los'kriegt haben.« Und wenn der Kommißblaue dann von seinen

persönlichen Leistungen erzählte! Bei der Wiener Revolution habe er den

Kaiser Ferdinand gerettet, durch die Flucht in einen unterirdischen

Gang, der nur ihm allein bekannt gewesen. In Ungarn habe er, der

Doktor Kossuth und der Vater Radetzky den Räubern die ungarische

Königskrone weggenommen; nachher hätte sie der Kossuth haben wollen und

der Radetzky auch; sie wären raufend worden, wenn er sich nicht ins

Mittel gelegt und entschieden hätte: Um die Kron' wird nit gerauft, die

gehört dem Kaiser König! In Italien habe er es mit dem roten Garibaldi

zu tun bekommen. Der habe nämlich den General Radetzky aufgefordert

zu einem Buckelringen (Ringkampf); für den betagten General wollte

er einspringen, da sei der Rote davongelaufen. -- Derlei erzählte

der alte Soldat mit martialisch finsterem Gesichte den verwunderten

Bauersleuten, die ihn darob mit allem Respekt zu ihrem Tische luden.

Einmal hatte ihn aber doch ein Hausvater gefragt, wie es denn komme,

daß er trotz seiner Heldentaten betteln gehe.

»Ja, das glaub' ich, daß du fragst!« rief der Alte. »Majestät haben

mich eh zum Grafen machen wollen, aber ich hab' höflich gedankt für

den Titel ohne Mittel. Den Freiherrn hab' ich mir ausgebeten und daß

ich in ganz Österreich frei herumgehen und meine Sach' einheben darf.

Den Frei- und Schirmbrief, wer ihn sehen will!« Er zeigte das stark

abgegriffene Papierstück, den »Abschiederbrief«, mit Stolz und rühmte

sich des Rechtes, in ganz Österreich seine Sach' einheben, das heißt

betteln zu dürfen. Überall wäre er gut aufgehoben, aber am liebsten

gehe er doch ins schöne Steirerlandl zu den braven Bauern ... Man

kann sich denken, daß der Mann keine Not litt, daß er in den meisten

Höfen gern gesehen wurde. Wo es ihm gerade gefiel, blieb er tagelang

und wenn Gefahr war, fortgeschickt zu werden, dann erzählte er an den

Abenden Ritter-, Räuber- und Hexengeschichten in Fortsetzungen, allemal

abbrechend dort, wo sie am spannendsten waren, ein Verfahren, das seit

Scheherazade auch die Zeitungen unter dem Strich mit Erfolg anwenden.

Also war dieser Fabelhans auch in meinem Vaterhause einmal stark

überflüssig geworden nach tagelangem Aufenthalte und meine Mutter, die

sonst nicht leicht hart wurde gegen Arme, geriet über den Schwätzer

einmal in Zorn und rief: »Morgen, wenn er nit selber geht, schmeiß

ich ihn hinaus!« Das hat ihr aber nichts geholfen. An demselben

Abend begann er die Geschichte vom Robinson oder wie der Mann sagte:

»Robelsum«, und gerade als dieser nach schrecklichem Schiffbruche

sich auf die wüste Insel retten will, sagte der Erzähler: »Leut',

es ist Zeit zum Schlafengehen. Morgen tun mer weiter.« Am nächsten

Morgen legten wir Kinder bei der Mutter glühende Fürbitte ein, den

Geschichtenerzähler nicht fortzuschicken, wie konnte man jetzt den

armen Robelsum allein lassen auf dem schrecklichen Meere! Am letzten

Tage versuchte er aber noch eine Erpressung. »Heut wirst mir wohl einen

feisten Brennsterz müssen kochen, Bäuerin,« sagte er, »wenn ich den

Robelsum wieder glücklich soll heimbringen zu seinen Eltern.«

Für uns Kinder war dieser Alte, wir nannten ihn den

»Geschichtenbettler«, ein helles Entzücken gewesen. Er kam jedes Jahr

ein paarmal und blieb, besonders im Winter, allemal mehrere Tage lang.

Plötzlich blieb er aus und kam nicht wieder. Da vermutete unser Knecht

Markus, der Kaiser würde ihn in den Grafenstand erhoben und ihm dazu

ein »Gschloß« geschenkt haben. --

Viel schlichter als dieses Wiener Soldatenkind, oder wenn man will

noch vornehmer, gab sich ein anderer Bettelmann. Das war der Paulus.

Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Gewand, Stock und Bart wie der

Apostel Paulus auf der Kirchenwand zu tragen, und seine ehrwürdige

Wesenheit wurde noch erhöht durch einen weihevollen Spruch, den er vor

jeder Haustür mit heller, halb singender Stimme auszurufen pflegte.

Ungefähr hat das so gelautet: »Paßt auf mit Fleiß, ihr Christenleut',

und hört und hört: Es kommt ein frommer Bote daher, er ist von Jesu

Christ geschickt, hat einen Sack voll Unglück und einen Sack voll

Glück. Weil der Herr halt selber nit kommen kann, so schickt er her

mich armen Mann; und was ihr den lieben Armen tut, das kommt dem Jesu

Christ zugut. Gesundheit ins Haus und Krankheit hinaus, Unglück hinaus

und Glück herein, und Leut' und Vieh sollen gesegnet sein. Gelobt sei

die heilige Dreifaltigkeit!«

Es ging die Rede, mit diesem kräftigen Türspruche habe der Mann sich

einen Strumpf voll Mariatheresientaler zusammengesungen. Dieser

Wirkung wegen hatten andere Bettler ihm den Spruch abgelernt und sangen

ihn ebenfalls vor den Haustüren, aber die Bauern hielten zu Paulus fest

wie die Korinther und sagten: »Wenn's der Paulus nit ist, so soll er's

Maul halten!«

Noch übertrumpft wurde der Paulus durch den »Bettler-Hiesel«. Das war

ein hagerer gebückter Greis, der zur Zeit meiner Jugend in unseren

Bergen umherstieg; wir sind ihm schon in der »Waldheimat« begegnet.

Sein langes Gesicht hatte immer graue Bartstoppeln; seine blutlosen

Lippen, seine lange, dünne Nase, vollends sein blödes, glanzloses Auge

hatte etwas Leichenartiges; anstatt des Hutes trug er eine schwarze

Zipfelmütze, deren Quaste immer das kleine Köpflein umbaumelte. Der

Mann war nicht in der Gegend zuständig, sondern aus einem fremden Tale.

Unser Ortsrichter hatte sich jahrelang vorgenommen, den Bettler-Hiesel

abzuschaffen, aber so oft dieser vor seine Tür geschliffelt kam,

fehlte dem Richter der Mut dazu. Es war bedenklich. Der alte Bettler

pflegte sich vor die Haustür zu stellen, sein grauleinenes Bündel zur

Erde zu setzen, es aufzuschnüren und zu warten, was da kommen würde.

Man konnte also gar nicht einmal sagen, daß er bettle, ganz starr

und stumm stand er da, manchmal stundenlang, grüßte nicht und bat um

nichts, sondern wartete. Bäuerinnen, die ihn kannten, ließen ihn allzu

lange nicht warten, kamen mit Speck oder Butter oder einer anderen

Naturaliengabe und legten sie auf das Bündel. Der Alte packte die

Sache gelassen ein, schnürte zu, dann trat er in die Tür und hub mit

dumpfer, halblallender Stimme langsam und eintönig an, so zu sprechen:

»Vergelt's Gott, Bäurin! Hundertmal vergelt's Gott, Bäurin! Glück in

dein Haus und Stall, über Kinderln und Kälberln all. Vergelt's Gott,

Bäurin! Deine arme Seel' soll in den Himmel fahren. Deine Vater und

Mutter in den Himmel fahren. Deine Blutsfreund in den Himmel fahren.

Vergelt's Gott, Bäurin! Der Erzengel Michael soll dein Kutscher sein.

Der Erzengel Gabriel dein Diener sein. Im ersten Himmel ist dein

Bräutger. Im zweiten Himmel ist dein Hochzeitsmahl. Im dritten Himmel

wird dein Eh'bett sein. Gott Vater krönt dich. Gott Sohn halst dich.

Gott heiliger Geist ist dein Freund in Ewigkeit, Amen. Vergelt's Gott

Bäurin!«

Dann wendete er sich, hob das Bündel auf, steckte die Arme in die

Bänder und siffelte langsam davon. Sein Gesicht blieb starr, ohne

Schatten von Freude, wäre die Gabe auch groß gewesen.

Dieser Bettelspruch wirkte, besonders auf den, der ihn von diesem

Manne das erstemal gehört, ganz unheimlich. Aber der Bettler-Hiesel

hatte einen noch kräftigeren, der übrigens selten zur Anwendung

kam, denn darauf ließen es die Leute nicht ankommen. Das »in die

Höll' hinabbeten«, das fürchteten alle. Wenn er nämlich stundenlang

vergeblich vor einer Tür gestanden war oder gar, wenn ihn übermütige

Buben neckten oder spotteten, dann stellte er sich ebenso auf die

Schwelle und begann leise und langsam mit derselben dumpfen Stimme

eintönig und feierlich also zu beten: »Vergelt's Gott! Vergelt's

Gott den harten Herzen! Der Himmel Herrgott verflucht das Haus. Er

wird es sengen. Er wird es brennen. Er wird die Leut' in die Höll'

hinabdrängen. In die erste Höll'. Vergelt's Gott! In die zweite Höll'!

In die dritte Höll'! Ganz hinab in die neunte Höll'! In die feurige

Pein! Vergelt's Gott den harten Herzen! Vergelt's Gott in aller Zeit

und Ewigkeit, Amen!« Dann ging er ebenso ruhig und gelassen davon und

sein schmales Gesicht blieb starr, ohne Spur von Zorn oder Groll.

Niemandem tat dieser Greis etwas Übles, ja er war so kraftlos und

siech, daß er bei jeder lebhaften Bewegung vor allem selber umgefallen

wäre, und doch gab es in der ganzen Gegend keinen gefürchteteren

Menschen, als den Bettler-Hiesel. Und auch kaum einen lieber Gesehenen

bei jungen Bäuerinnen und alten Jungfrauen, die ihm etwas schenkten und

die er bis in den dritten Himmel hinaufbetete, wo das Ehebett steht.

So hat jeder von ihnen und mancher von uns, wenn er betteln geht, seine

besondere Gebärde und sein besonderes Sprüchlein. Es ließe sich noch

manches darüber reden und erzählen.

Der großartigste Bettler, der mir je begegnet, war ein baumstarker,

lustiger Landstreicher, der mich vor kurzem auf der Straße um eine

»gute Gabe« anging. Ich natürlich war sofort mit meinem guten Rate da,

er sei jung und kräftig, er solle arbeiten.

»Arbeiten? Pfui!« Mit wahrer Verachtung ins Gesicht lachte er mir

diese Worte und setzte dann gutmütig belehrend bei: »Wie Sie mir so

etwas zumuten mögen, lieber Herr! Arbeiten! Sie wissen doch, daß

arbeiten eine Strafe ist. Eine entehrende Strafe, mein Herr! Für die

erste Sünde. Im Schweiße deines Angesichts und so weiter. Mich geht

das nichts an, bin bei der ersten Sünde nicht dabei gewesen. Bin noch

unbestraft.«

Ich, als lebenslänglicher Galeerensträfling der Arbeit, wie kläglich

stand ich da vor dem, der noch »unbestraft« war, das heißt, sein Lebtag

noch nichts gearbeitet hatte, sondern frisch und frei sich durch die

Welt bettelte -- stolz, ein hoher Herr.

Von

Peter Rosegger

erschien zuletzt im gleichen Verlage:

Frohe Vergangenheiten

Launige Geschichten

Mit einem Vorwort von

Hans Ludwig Rosegger

15. Tausend

*

»Der Titel trifft auf die Erzählungen, die, ernst und heiter vermischt,

~das schalkhafte Gesicht des Waldschulmeisters fleckenlos spiegeln~,

absolut zu. ~Es ist echtester Rosegger~: Waldweisheit, die allerhand

reizvolle Patina angesetzt hat und dennoch nicht nur ehrwürdig, sondern

lebendig wie jedes Wort ist, das Rosegger je geschrieben hat. --

~Ganz ungewöhnlich lesenswert aber und als menschliches Dokument so

ziemlich alles, was in den letzten Jahren auf dem Büchermarkt erschien,

überragend, ist die dem Bande vorangesetzte »Lebns-Beschreibung«.~

Die Orthographie ist die des fünfzehnjährigen Bauernbuben, aber das,

was der »Autor« mit früherwachter Selbstkritik »keine interesande

Geschichte« nennt, ist nicht literarische Kuriosität, sondern in seiner

Wahrhaftigkeit und in der Hilflosigkeit des von allen ersehnten Quellen

des Wissens ausgesperrten Bauernbuben ~rührend und erschütternd.

Alle Schulorthographie ist, gegen dieses erste Stammeln eines großen

Menschen gehalten, Makulatur.~«

Karl Marilaun im »Neuen Wiener Journal«.

Geschichten aus Steiermark · 第 22 / 22 段