»So will ich es dir sagen, Laurentl. Deine Nachbarn, die Augen und

Ohren aufmachen, wissen wenigstens so viel von deinem häuslichen

Glück, als du selber. Ja, mein lieber Laurentl, du hast schon die

Richtige erwischt. Zwei Gesichter hat manches Eheweib, ein gutes für

die Fremden und ein böses für daheim. Und du bekommst das erste seit

deiner Hochzeit schon gar nimmer zu sehen, nicht einmal Sonntags unter

dem Aufputz. In der Wirtschaft ist sie dumm wie ein Strohbund, und wenn

du nach eigenem Willen was machen willst auf dem Feld, so heißt's, das

ginge dich nichts an, die Besitzung hätte sie zugebracht. Was du mit

Fleiß erwirbst, das vertut sie an ihre Kaffeeschwestern oder laßt es

im Kasten verderben, bis es stinkt. Nachher ist's für dich noch gut

genug. Mit einem Teil der paar Groschen, die du zugebracht hast, hat

sie endlich einmal die Wirtshausschulden ihres Ersten bezahlt. Das war

einer, der's gewußt hat, wo man wegen der bösen Weiber Trost findet.

Von dem andern Teil deiner paar Groschen -- nein, nichts, nichts. Daß

der vazierende Nagelschmied mit einer neuen silbernen --«

In diesem Augenblick hat er mich scharf unterbrochen: »Das ist nicht

wahr! Sie ist ein böses Weib, aber ein schlechtes Weib ist sie nicht!«

Es wundert mich kaum, daß er meinen Satz verstanden, bevor er zu Ende

gesagt war.

Wie wir so eine Weile schweigend nebeneinander hingegangen sind

entlang der Pappelallee, und wie mir der arme Junge weh tut wie ein

Blutstropfen in der entzündeten Wunde, da spreche ich: »Laurentl, du

hast mich oft um Rat gefragt, wo ich dir keinen geben konnte, oder wo

du ihn nicht befolgt hast. Heute könnte ich dir vielleicht raten und du

möchtest ihn gerne befolgen.«

Da ist er mitten auf der Straße stehengeblieben und ich mit ihm. Und da

habe ich gesagt: »Laurentl, du mußt dich scheiden lassen.«

Er hebt wieder an zu gehen und murmelt: »Wenn das ginge, mein lieber

Oheim, dann wäre es freilich leicht. Aber ich habe ihr vor dem Altar

die Treue bis in den Tod versprochen.«

Jetzt habe ich nach seinem Arm gegriffen. Der war wirklich, es war kein

Geist, der so gesprochen, es war in aller Wesenheit ein Mensch aus dem

neunzehnten Jahrhundert.

»Ach ja so!« rufe ich überlaut. »Die Treue bis in den Tod hast du ihr

versprochen. Na, dann ist's was anders.«

Wir kommen an den Rand des Dorfes, wo unter dem Rain sein Häuslein

steht. An der Schranke sagt er traurig: »Gute Nacht!« und geht über den

Anger. In einem der Fenster liegt glutiger Schein, ein roter Vorhang

ist vorgezogen. In den Ahornen flüstert der Nachtwind, da fächelt der

Fenstervorhang in die Stube hinein, ein-, zweimal -- und nun hat's der

Laurentl gesehen. Mit großen Schritten ist er wieder zurück zum Weg

gelaufen und hat mir ein paar Atemzüge zugestoßen: »Er ist drinnen

bei ihr!« Und fort, fort in die finstere Nacht hinaus. -- Da habe ich

ihm wohl nachdenken müssen: Armer Knabe, dir ist nicht zu helfen.

Du bist so grenzenlos ungeschickt. Hättest du jetzt zugegriffen, so

wärest du Herr der Dinge gewesen, hättest deine saubere Alte gleich am

Nagelschmied hängen lassen können.

Darauf gehen einige Tage dahin, da hört man, unten im Lahmtal, in der

Ziegelbrennerhütte liege der Laurentl Egghofer krank danieder. Die

Ziegelschläger-Leute, Stockitaliener, die man gar nicht versteht,

hätten ihn auf der Gasse gefunden, mit sich genommen und der Alte habe

ihm sein Bett abgetreten. Im Dorfe war's gar nicht bekannt gewesen,

daß er fehlte; erst als die Frau Egghoferin merkte, daß es den Leuten

auffiel, fing sie an zu jammern, sie wisse nicht, wo ihr Mann bliebe.

Sie habe immer Angst um ihn; so oft er ausgehe, habe sie Angst; sie

habe einmal schon den Fall durchgemacht, Gott bewahre, daß sie das

zweitemal einen Mann verlieren müsse. Und so einen Mann! -- Und dann

zählte sie seine Vorzüge auf, so daß man sich ordentlich freuen mußte,

wie diese brave Frau ihren Gatten schätzte. Als es hieß, daß er in der

Ziegelbrennerhütte liege und das Nervenfieber sei über ihn gekommen,

fand sie, daß er ohne Lebensgefahr nicht transportiert werden könne,

so gern sie einen Finger ihrer Hand geben möchte, wenn sie ihren guten

Laurentl jetzt bei sich haben könnte.

Plötzlich steigerte sich ihre Sorge um ihn ins Leidenschaftliche. Sie

ging hinab ins Lahmtal, umkreiste die Ziegelhütte und lauerte. Sie

hatte nämlich in Erfahrung gebracht, daß in der italienischen Familie

auch ein erwachsenes Mädel wäre. Sie wollte in die Hütte, aber der

alte Katzelmacher wies sie zurück, denn der Kranke hatte zu verstehen

gegeben: Nur diese Person sollte man nicht zu ihm hereinlassen. So lag

sie eine ganze Nacht draußen auf einem Backsteinstoß und beteuerte

Vorübergehenden, hier wolle sie sterben. Er sei so im Delirium;

sie, die er sonst auf den Händen trage, die er nie anders, als sein

Herztäuberl genannt, erkenne er jetzt gar nicht wieder und sehe in

Fieberphantasien an ihr weiß Gott was Schlimmes. Sie sei trostlos, sie

wolle nicht mehr leben, wenn er stürbe!

Ob er ihr den Nagelschmied schicken solle? fragte ein sehr boshafter

Fuhrmann; sie hörte es nicht, sondern weinte laut. Jetzt war aber der

Kranke drin in der Hütte einer von solchen, die kein Weibsbild weinen

hören können. Die Welschen verstopften rasch das Fenster mit einem

Strohschaub, denn sie hatten nun mancherlei begriffen. Die erwachsene

Tochter sprach nämlich ein wenig deutsch und so verstand sich die

Wärterin zur Not mit dem Pflegling. Ich hatte auf einem Besuche

gesehen, daß der Laurentl bei diesen weltfremden Leuten weit besser

aufgehoben sei, als in seinem Rainhäusel und war menschenfreundlich

genug, das draußen der trostlosen Ehefrau zu hinterbringen. Mehrmals

hatte sie auch durch die Tür »die welsche Schlange mit dem schwarzen

Haar« gesehen, und da drohte ihr Schmerz um den kranken Mann in Raserei

auszuarten. -- Und plötzlich mit einem Katzensprung war sie in der

Hütte. Auf das Bett stürzte sie hin und fiel dem Kranken um den Hals.

»Und wenn ich dich mit blutigen Händen und Füßen heim muß tragen, mein

Laurentl, aus lass' ich dich nimmer. Du bist ja mein Lieb! Du bist ja

mein Herz!« Sie küßte ihn stürmisch. Er lag erschöpft und hilflos in

ihrem Arm und wer weiß, ob sie ihn nicht davongeschleppt hätte, wenn

nicht der Arzt erschienen wäre.

»Liebe Frau Leitl!« sagte dieser, ich glaube, daß ihm die Ansprache

nicht von Herzen ging, »der Kranke gehört mir. Gehen Sie nur ruhig heim

mit der Versicherung, daß er hier leichter genesen wird als zu Hause.«

Und sie hernach zu den Leuten: »Freilich am leichtesten tät' er zu

Hause gesund werden bei der guten Pflege, sagt der Herr Doktor, aber er

kann's Überführen nicht aushalten, der arme Mensch!«

Denn auf den guten Anschein hielt sie was, die kluge Frau, hätte nur

der rote Vorhang nicht manchmal so geflattert im Nachtwind. Und Augen,

die zwischen Vorhängen durch was bemerken, sehen am Ende auch durch

dicke Wände.

Der Laurentl war seit dem Eintreten seiner Frau in die Ziegelhütte sehr

unruhig und aufgeregt. »Sie ist halt doch gut. Sie ist halt doch gut!«

sagte er, trotzdem das Fieber endlich vorbei war. Und zu einer Stunde,

als just niemand gegenwärtig war, stand er vom Bette auf, zog sich

hastig an und schlich ohne Dank und Gruß davon.

Am nächsten Tag wußte man es in der ganzen Gegend: Bei den Welschen

habe es der kranke Laurent Egghofer nicht mehr länger aushalten können,

das seien unsaubere Leute, man könne sich darunter denken was der Will.

Nur zu seinem Weib hätt's ihn gezogen, und wenn er je einmal schlecht

gestimmt gewesen sei -- mein Gott, kränklichen Leuten dürfe man das

nicht verübeln -- jetzt werde er wissen, was er an ihr hat!

In der hinteren Kammer, wo der mürfelnde Wäschekasten, das alte

Schuhwerk und die Mäuse waren, hatte die sorgsame Ehewirtin ihren

Laurentl gebettet, dieweilen das vordere Zimmer frei sein mußte für

die Kaffeegesellschaften und für sonstige Gäste. Der Nagelschmied

verstand etwas von Medizin und so sprach er natürlich zu, um sich nach

dem Kranken zu erkundigen und gute Mittel anzuraten. Um diese Zeit

begegnete ich der Frau Egghofer auf der Gasse, sie trug ihren buntesten

Hut, ein ganzer Garten von Papier- und Seidenblumen zierte ihr Haupt,

dessen grauende Haarsträhne im Kreise gewunden sich geschickt hinter

der Flora zu verbergen suchten. Sie war sehr aufgeräumt und trug unter

der Schürze etwas wie eine Flasche.

»Wie geht's?« mußte ich sie fragen. »Ist der Kranke doch schon so weit,

daß er Wein trinken soll?«

»Aber ja!« lachte sie.

»Ich will ihn bald wieder besuchen.«

»Es wird ihn g'freuen. Obschon er just kein großer Freund von Besuchen

ist. Sie regen ihn auf, sagt er. Und sind halt am frohesten allein

beieinander, wir zwei. Gar leutscheu ist er worden, das bleibt gern

von einer solchen Krankheit zurück. Wird auch wieder gut werden und

nachher, später einmal muß uns der Herr Onkel wohl einmal die Ehr

schenken auf einen Löffel Suppe. Ja, behüt Gott schön!«

Aha, dachte ich mir, es wird Zeit sein, daß ich mich wieder einmal

nach ihm umsehe. Besser heute, als morgen. -- Und als die Frau über

Seheweite hinaus war, ging ich ihr nach bis zu ihrem Häuslein. Arg

entzückt war sie nicht, schien es eilig in häuslicher Arbeit zu haben

und wies mich in die vordere Stube.

»Aber ich will zum Laurentl.«

»Mein Gott, ist denn gar keine Ruh' mehr für den armen Mann. Er schläft

jetzt und Schlaf ist die beste Stärkung, sagt der Arzt, im Schlaf darf

er nicht gestört werden, sagt er, und so viel Anrecht werde ich wohl

noch haben an meinem Mann, daß ich Schaden von ihm abhalte. Nein, ich

lass' niemand hinein!«

So breit sie sich mit gespitzten Ellbogen vor die Tür der hinteren

Kammer stellte, ich beging den Hausfriedensbruch. Mit Gewalt sie

zurückschiebend und die Tür aufreißend stand ich in der dunklen Kammer.

Und vor mir der struppige Nagelschmied in Hemdärmeln, der just einen

alten Weiberschuh in der Flickarbeit hatte. -- Und der Laurentl?

Der war nicht da. Das schmale Bett, in dem ich ihn ein paar Wochen

früher liegend gefunden hatte, war mit weichen, roten Kissen hoch

aufgeschichtet; die Truhe, auf der die Medizinflaschen und Schalen

gestanden, war abgeräumt und vom Laurentl keine Spur.

»Wo ist er denn?« fährt's mir scharf heraus.

»Nu, wo wird er denn sein!« gibt sie an der Tür zur Antwort, »wenn er

da nicht ist, wird er wohl wo anders sein.«

Der Nagelschmied schmunzelte behaglich und schaute mit verschmitzten

Augen umher. An der Wand hing Laurentls Steirergewand, das einmal

so schön gewesen war. Ich ging auf den Dachboden; da gab es alte

zerrissene Strümpfe, ein zerbrochenes Spinnrad und große Fetzenbündel.

Es war die Ablagerungsstätte eines Lumpensammlers. Ich ging in die

Küche; da gab es in Töpfen und Pfannen vertrocknete Speisereste und

zwei Hühner stiegen auf dem Herde umher und kratzten in der Asche. Ich

ging in den Keller, da lagen halbverfaulte Erdäpfel umher, da stand in

flachen Schüsseln Milch, in welcher Fliegen und Käfer ertrunken waren.

Ich ging in den Stall; da stand eine magere Kuh, deren hinterer Teil

in einem Panzer von Mistkrusten prangte. Auf dem Fußboden fußtiefe

Unsauberkeiten, in allen Winkeln Spinnweben. Aber, den ich suchte, er

war nicht zu finden.

Auf die ernstliche Frage, wohin sie den Kranken getan habe, lachte sie

grell auf. Ob ich denn glaube, daß sie ihn gefressen hätte? Ob sie

etwas könne dafür, daß er davonlaufe in der Nacht, wie ein Wicht? Sei

er jämmerlich krank, da wisse er sie, sein armes Weib, schon zu finden,

daß sie ihn pflege und begute und tagelang kein Auge schließe. Und sei

er endlich wieder auf den Füßen, dann renne er welschen Dirnen nach!

Und sogar die Brieftasche habe er mitgenommen, so daß nicht einmal ein

Groschen Geld im Hause sei und sie sein Gewand würde verkaufen müssen.

Ich ging zum Arzt. Auch der wußte nichts vom Laurentl. Die Krankheit

habe sich wohl schon gelöst gehabt, aber eine große Aufgeregtheit wäre

zurückgeblieben. Wenn er, der Arzt, ins Haus gekommen, sei scheinbar

alles eitel Wohlgefallen gewesen, die Frau voller Artigkeit und

Zärtlichkeit, allein der Patient sei immer verstört gewesen und man

habe unschwer wahrnehmen können, daß etwas durchaus nicht in Ordnung

ist. In den letzten Tagen sei der Arzt abgelehnt worden, die Frau habe

ihm sagen lassen, der liebe Mann sei endlich so weit, daß er nichts

mehr brauche und für die ärztlichen Besuche schön danke.

Lange hat die abscheuliche Ungewißheit, in der ich schwebte, nicht

gedauert. Schon am nächsten Tage ist er gefunden worden in einem

Dickicht, nahe am Waldweg, der in das Lahmtal hinabführt.

In eine alte fransige Bettdecke war er eingerollt, die er wohl vom

Hause mitgenommen hatte. Ein gewaltsamer Tod war nicht festzustellen.

Auf dem lehmfahlen Antlitz lag eine behagliche, fast heitere Ruhe. An

einem der Ohren jedoch hatte schon ein Rabe genascht.

Bei dem Begräbnisse war das halbe Dorf zugegen und viele Arbeiterschaft

des Eisenwerkes. Alle hatten ihn gern gehabt. Die Witwe -- ach, nun

war sie's das zweitemal! -- trauerte sehr. Als sie am offenen Grabe

eine Flasche mit Weihwasser auf den Sarg hinableerte, wimmerte sie

ihm Lobsprüche nach und der Schmerz war so groß, daß sie ohnmächtig

auf den Erdhaufen sank, aber so, daß ihr neuer Hut mit den schwarzen

Seidenbändern nicht Schaden nahm.

Zwei gute Männer so zu verlieren!

Der Nagelschmied, der vazierende, ist ihr dritter geworden. Und dieser

Tapfere fand die Freuden des heiligen Ehestandes darin, daß er sein

Weib ungefähr alle Wochen zweimal mit einem zähen Haselstock behandelte.

Der Haselstock ist aufgebraucht, die Alte nicht.

Ein Kind Gottes.

In der steirischen Gemeinde Hollersbach lebte eine arme Witwe. Sie

hatte aber zwei Besitztümer: ein teures Grab auf dem Kirchhof und ein

liebes Kind zu Hause. Im Grabe schlief ihr Gatte, der noch gern länger

gelebt hätte, was für das Weib ein gutes Zeugnis ist. Und der kleine,

muntere, sechsjährige Franz war es, der einen ganzen Regenbogen von

Liebe, Sorge, Glück, Angst, Mut, Schmerz und Hoffnung um das Mutterherz

legte.

Da kam eines Tages der Gemeindediener ins Haus, der hatte das Gesetz

bei sich und das Gesetz sagte zur armen Frau: »Ich bin da um den Franz.

Er gehört nicht mehr dir allein, er gehört jetzt auch mir.«

»Wieso das?« fragte die Mutter, »er kann doch nicht Soldat sein, er ist

erst sechs Jahre alt.«

»Darum muß er mit mir,« sagte das Gesetz, »ich führe ihn in die Schule.«

Auf solche Weise hatte sich der Staat eingemischt. Der kleine Franzl

ging jeden Tag hinab nach Hollersbach in die Schule und die Mutter an

ihrem einsamen Nähtisch schaute wohl hundertmal des Tages zum Fenster

hinaus, bis endlich der Kleine mit seinem schwarzglänzenden Täschchen

und seinen roten Wänglein den Berg heraufkam, allerlei Ergötzliches von

der Schule erzählte, und einen großen Hunger hatte.

Anfangs war er von den Kameraden geneckt worden; weil er sich aber

nichts daraus machte, sondern selber mittat, sich über sich lustig zu

machen, gewannen sie ihn lieb, ließen von ihm ihre Aufgaben schreiben

und einsagen, wenn sie geprüft wurden. Einmal war dem Schullehrer, als

er sich auf seinen Stuhl setzte, unter den Beinen ein Knallkügelchen

geplatzt. Da war Aufruhr: Wer hat's getan? Niemand will's getan haben.

Gut, sie werden in der Schule bleiben bis spät abends, alle! Einzelne

Hascherln heben zu weinen an, denn sie möchten heim zur Mutter. Da

steht der Franzl auf und sagt, er hätte das Knallkügelchen gelegt.

Der Lehrer blickt ihn ernst an: »So wirst du bleiben!« Als der Franzl

denn nach der Unterrichtsstunde allein im Schulzimmer bei seinem

Evangeliumbuch saß, trat der Lehrer zu ihm und sagte: »Du weißt es,

warum du hier sitzest, der Unwahrheit wegen, die du gesprochen. Du hast

die Knallkugel nicht gelegt!« Da bat der Kleine weinend um Verzeihung;

der Lehrer strich ihm das Haar und sagte: »O, Kind Gottes, es war ja

nicht so schlimm gemeint. Geh heim!«

Eines Tages, als seine Mutter wieder zum Fenster ausblickte, nach ihrem

Bübel, trat statt seiner der Pfarrer ins Haus der Witwe, und nachdem er

sich eine Weile den Schweiß vom Gesicht gewischt, auch über den heißen

Tag und den steilen Berg gesprochen hatte, sagte er: »Eures Knaben

wegen bin ich da. Der kommt Euch heute nicht heim.«

»Um Gottes willen!« fuhr die Mutter erschrocken auf.

»Es ist nicht so schlimm,« sagte der Pfarrer. »Mein Kaplan hatte nach

der Schule einen Versehgang zum schwerkranken Donnersberger hinüber,

und da nahm er den Franzl als Ministranten mit, daß er ihm die Laterne

und das Glöckel trage. 's ist von den Buben keiner so zu brauchen als

der Franzl und er ist auch recht gern gegangen. Bis sie zurückkehren,

wird's finster sein, da soll er im Pfarrhof schlafen und ist morgen

früh gleich bei der Schule.«

»Das wär' alles recht,« meinte die Mutter, »wenn er nur das Nachthemdel

unten hätt'!«

»Das Nachthemdel will ich schon mit hinabnehmen,« meinte der Pfarrer,

»und meine Wirtschafterin soll ihn hegen und pflegen; er wird keine Not

leiden.«

»Ist auch keine Kümmernis deswegen,« antwortete sie, »wenn er mir nur

morgen beizeiten heimkommt.«

»Frau Rathel,« sagte der Pfarrer, nachdem er sich behäbig an den Tisch

gesetzt hatte. »Weil wir schon sprechen davon, ich bin ja doch nicht

so ganz zufällig da -- ich meine den Franzl, den sollt Ihr mir halt

schenken.«

»Wieso?« fragte die Näherin und blickte mit großen Augen drein.

»Seit der Hifelbub aus der Schule getreten ist und daheim arbeiten muß,

fehlt mir ein Ministrant. Der Franzl ist anschicksam, flink und hat ein

frommes Herz. Lasset ihn einen Engel sein am Altare des Herrn!«

Die Mutter schwieg.

»Die paar lateinischen Formeln,« fuhr der Pfarrer fort, »hat er jetzt

schon weg. Um ein halbes Stündel früher aufstehen wird er müssen als

sonst, kann aber auch im Pfarrhof unten übernachten. Für jede Messe

zwei Kreuzer bekommt er, an Sonn- und Feiertagen deren vier, in einem

Jahr macht's etwas. Und wer weiß, ob er nicht weiter kommt, der

Schullehrer sagt, er wäre der Talentierteste im ganzen Jahrgang.«

Die Näherin entgegnete nun mit leiser Stimme: »Mich gefreut's wohl,

Herr Pfarrer, mich gefreut's. Ich sehe es schon, er wächst mir früh

hinaus aus meinem Häusel.«

»'s ist ein Knabe,« sagte der Pfarrer.

Eine Woche später, als für den verstorbenen Donnersberger der

Trauergottesdienst gehalten wurde, trippelte der kleine Franzl schon

in einem weißen Chorröcklein an den Stufen des Altars auf und nieder

und bediente den Priester. Die Mutter saß in ihrem Kirchenstuhl, und

als sie ihr Kind so erblickte, das rundwangige und blauäugige frische

Knäblein in geistlichem Gewande, da gab's ihr einen Stich im Herzen,

sie wußte nicht warum.

Nach dem Gottesdienst hüpfte der Kleine seiner Mutter zu und teilte

ihr mit, der Herr Pfarrer habe gesagt, daß sie alsogleich beide in den

Pfarrhof gehen müßten. Im Pfarrhof gab's Kaffee, die Wirtschafterin

lobte den lieben, folgsamen Knaben, der Pfarrer setzte sich auch

her, entfaltete ein Papier und sagte, er habe der Frau Rathel etwas

Erfreuliches mitzuteilen. Der verstorbene Donnersberger, dessen Seele

heute dem Herrn empfohlen worden, habe in seinem Testamente eine Summe

verordnet, daß ein Knabe aus der Pfarre Hollersbach auf Geistlich

studieren könne. Ihm, dem Pfarrer, sei es anheimgestellt, das Mittel

dem dafür geeigneten Jungen zuzuwenden. Wenn er heute Umschau halte in

der Gemeinde, so sehe er lauter Rangen und nur ein einziges Bübel, das

ihm auserwählt erscheine für den heiligen Beruf. Er brauche es nicht zu

nennen, frage aber die Frau Rathel, ob sie einverstanden sein würde?

»Wenn Gottes Willen,« entgegnete die Frau, »es ist noch lange Zeit.«

Unterwegs nach Hause erzählte der Kleine seiner Mutter allerhand

Merkwürdiges. Der Herr Kaplan habe ihm einmal die heilige Messe

erklärt, und da habe er, der Franzl, heute bei der Wandlung gesehen,

wie vom Kreuze Jesu herab ein heller Blutbrunnen in den Kelch geronnen

sei, den der Herr Pfarrer emporgehalten. Und beim Agnus dei habe er

den verstorbenen Donnersberger im Fegefeuer wimmern gehört, da sei vom

Kelch ein Tropfen Blut hinabgeflossen und da hätte der Donnersberger

gesagt: Vergelt's Gott, jetzt ist es gut. -- Die Mutter schlug ihre

Hände zusammen und rief: »Kind, wie kommst du mir vor!« Um ihn auf

andere Gedanken zu bringen, fragte sie nach den Kreuzern, die er sich

bei dem heutigen Ministrieren doch erworben habe. Der Franzl hielt

seine kleinen Hände mit den ausgespreizten Fingern her und sagte: »Ich

hab' sie nicht!«

Als der Kleine auch in folgenden Tagen nicht einen Pfennig nach Hause

brachte und die Mutter darüber nachzuforschen begann, stellte es sich

heraus, daß der Knabe nach der Messe seine Kreuzer allemal einem

Krüppel schenkte, der an der Kirchhofsmauer saß. Die Mutter hatte

nichts dagegen, er ist Eigentümer seines Erwerbes, und wenn ihm das

Almosengeben besser schmeckt als Kandiszucker, den er sich sonst beim

Krämer kaufen könnte, so ist das ja keine üble Gewohnheit. Nun wurde

es aber bekannt unter den Bettlern, daß zu Hollersbach ein kleiner

Ministrant sei, der allemal nach der Messe seinen Säckel ausleere, was

auch anderen Kirchenbesuchern ein gutes Beispiel sei, und jetzt sah

man am Kirchhofstor stets eine ganze Reihe Armer: Blinde, Einhänder,

Lahme, Stumme und sonstige Bresthafte aller Art, so daß der Herr

Pfarrer einmal sagte: »Wer in den Himmel fahren will, hier gibt's

Vorspann!« Die alten Bauern und die Weiber gaben mit auffallender Miene

Almosen, der kleine Franzl wand sich unter den Füßen hin und steckte

seine Kreuzer heimlich dem erstbesten Bettler zu.

Allmählich fiel es der Frau Rathel auf, daß der Knabe bei Tische nicht

mehr so frisch zugriff, wie sonst, und daß er gern bat, sie möchte ihm

den Rest seines Kuchens oder Fleischstückchens in ein Papier schlagen

und in seinen Schulsack stecken. In der Schule war nämlich ein armes

Mädchen, eine Waise, die immer so traurig dreinschaute, wenn andere

an ihren Backwerken knusperten; diesem Kinde trug der kleine Franzl

seine Sachen zu. Dabei wurde aber sein Gesichtlein nicht runder und die

Wangen waren wie Äpfel, aber nicht mehr wie rote, sondern wie weiße.

Wenn er des Nachts in seinem Bettchen schlief, da saß die Mutter oft

neben ihm und hatte Sorgen, denn sein Schlaf war unruhig und der Knabe

hielt allerhand Selbstgespräche. Er redete zu Gott, zur lieben Frau und

bat sie um Nahrung für die Hungernden, um Kleider für die Frierenden

und um eine lange Leiter, daß das arme Waisenmädchen von der Schule zu

ihren Eltern in den Himmel steigen könne. Dann rief er manchmal laut:

»+Dominus vobiscum!+« oder »+Deo gratias+«.

Da dachte sich Frau Rathel: Es wird Zeit sein, daß ich ihn vom Altare

wegnehme. -- Aber eine andere Stimme in ihr sagte: Was soll dieses Kind

in der Welt? Wie soll es den Kampf ums Leben ringen, es hat ja die

Wundmale an den Händen. Die Welt höhnt ihn, quält ihn, erschlägt ihn.

Im Kreise des Altars läßt's sich besser träumen, schwärmen und ewig ein

Kind sein.

Wenn der Franzl dann erwachte und die Mutter in Kummer fand, legte er

ihr seine kleinen Arme um den Nacken und sagte: »Mutterl, ich hab' dich

lieb! Und im Himmel oben wird's erst lustig sein.«

»Du bist noch jung, mein Kind,« entgegnete da die Mutter. »Du solltest

doch eher an die Erde denken, als an den Himmel.«

»Ja, Mutter,« antwortete er, »wenn ich gestorben bin, sollen sie mich

neben den Vater begraben.«

In ihrer Betrübnis wendete sich die Frau an den Pfarrer.

»Es ist seltsam,« sagte dieser, »ich würde es auch lieber sehen, wenn

der Junge auf den Bäumen und Zäunen umherklettern, Vogelnester suchen

oder scharf mit Kameraden sich balgen wollte, wie wir anderen es in

unserer Jugend getrieben. Ich habe meinem Kaplan schon aufgetragen, daß

er mit dem Knaben jedes religiöse Gespräch vermeide, wir wollen ihn

auch für ein Weilchen vom Altar weg tun, der Altar verzehrt ihn. Er ist

ein Kind Gottes. Wir wollen einstweilen aber keinen Heiligen aus ihm

machen, sondern seine körperliche Gesundheit zu fördern suchen.« So

sprach der würdige Pfarrer.

Als dem Knaben mitgeteilt wurde, daß er des Morgens statt in die Kirche

mit des Nachbarn Knaben über die Wiesen und Auen laufen dürfe -- denn

es waren die Schulferien, hub er zu weinen an und weinte im Bettlein

still vor sich hin. Am nächsten Morgen ging er wieder hinab zur

Kirche, streifte sich in der Sakristei den Chorrock an und schritt dem

Priester voran zum Altar.

Am Festtage Allerheiligen war's, als der kleine Franzl nach dem

Gottesdienst wieder seine Kreuzer verteilt hatte und dann gegen das

Häuschen seiner Mutter hinaufging, daß ihm im Schachen ein fremdes

Weib mit kohlschwarzem niederhängenden Haar begegnete; es hatte an

der Brust ein kleines Kind, es ging auf den Franzl zu, nahm ihn an

der Hand und sagte in einer ganz fremdartigen Aussprache, die nicht

wiederzugeben ist: »Ich weiß schon von dir. Mir hat es in dieser Nacht

mein Schutzengel erzählt, daß du kommen und uns helfen wirst. Geh mit.

Geh mit.«

Geschichten aus Steiermark · 第 20 / 22 段