Armenhaus eingepfarrt war. Es war ein stattliches Gotteshaus und
leuchtete mit seinen zwei Türmen weit in das grüne Hügelland hinaus.
Auf den lichten Auen und auf den Weinbergen -- so lustig es sonst dort
zuging -- gab es doch immerhin Menschen, die sich von den Glocken rufen
ließen und der Orgel lauschten, die an stillen Sonntagsvormittagen
herüberklang. Und die Kanzelredner sprachen so schön und trostreich,
daß oft die geräumige Kirche die Zuhörerschaft nicht zu fassen
vermochte und die Predigt im Freien, auf dem Rasen des Kirchhofes
stattfinden mußte.
So war einmal der Frühling wieder da. Irena begann ihre Blumenbeete zu
zügeln und am Ostersonntag, da stieg sie hinauf zur Kirche. Es war ein
wohliger Morgen und auf dem Kirchhofe sproßte das junge Gras, das heute
wieder in den Boden getreten werden sollte, denn die Predigt fand im
Freien statt. Der Kaplan sollte sie halten, es war derselbe, den sie
weit und breit lieb hatten, weil er allen Menschen, denen er begegnete,
Gutes tat. Das war einer, der es in der Tat bewies, wie sehr ein Mensch
-- und wäre es selbst der ärmste -- anderen Menschen gut sein kann.
Dieser bestieg nun die Kanzel, die an der Kirchhofsmauer angebracht
war. Irena, das arme Weib, drängte sich durch die Menge vor, so weit
als möglich, denn ihr Gehör war schon schwach geworden, auch schaute
sie dem Priester so gern in sein freundliches Angesicht.
Der Prediger leitete seine Rede mit dem glorreich Auferstandenen ein,
dann ging er über auf zwei andere Gottgesandte, die der Himmel in
seiner Liebe und Gnade den Menschen beigesellt habe, die jedoch von so
vielen nicht erkannt, sondern gefürchtet und gemieden würden, denn sie
wären eben das, was die Leute Ungemach und Elend benennten. Der Heiland
-- so fuhr der Priester fort -- sei nicht gekommen, um des Menschen
Erhöhung in der Behaglichkeit, in Genuß und Wohlleben zu suchen; er
sei gekommen, um zu zeigen, daß selbst die Schatten dieses Lebens
voll von Gottes Liebe wären. Die zwei Gesandten, die er meine, trügen
einen Spaten und ein Kreuz und hießen: die Arbeit und der Schmerz.
Die Arbeit, er meine die gewissenhafte Erfüllung der Berufspflichten,
sei mächtiger als alle feine Erziehung, alle guten Grundsätze und
guten Vorbilder zusammen. Der Arbeitende habe nicht allein keine Zeit,
sondern auch keine Lust zur Sünde. Aus dem Müßiggange aber entspringen
-- wie ja alle Welt wisse -- die bösen Gelüste, die Ausklügelung
der Laster oder der Selbstqualen, die Unzufriedenheit. Nicht des
Broterwerbes wegen sei die Arbeit so wichtig, denn man könne verhungern
und doch ein braver Mensch geblieben sein; aber des Abgrundes wegen,
der in unserem Wesen auszufüllen ist, sei die Arbeit so unerläßlich,
und ein gesunder Mensch, der nicht arbeite, müsse mit seiner Seele
zugrunde gehen.
Jedoch ein ebenso treuer, aber weit herberer Freund als die Arbeit
sei der Schmerz. Er meine nicht die kleinen Leiden des Tages, etwa
den Ärger, die Ungeduld, die Sorge, er meine auch nicht körperliches
Unbehagen, er meine den großen, tiefen Schmerz der Seele über eine
begangene Schuld. Ein Übeltäter, dem dieser Schmerz fehle, er möge nun
sein Leben im Kerker verschmachten oder auf dem Hochgerichte enden,
büße nicht. Der Schmerz des Gefallenen sei ein Arm, den Gott vom Himmel
herabstrecke, um ihm wieder aufzuhelfen. Der Schmerz sei nichts anderes
als eine Sehnsucht nach dem Frieden des Herzens und nach den reinen
Freuden. Der Schmerz sei ein Wegweiser zu Gott. -- All das hörte das
Weib aus dem Armenhause und begann darüber so laut zu schluchzen, daß
die Umstehenden auf sie aufmerksam wurden.
Der Prediger fuhr fort, daß der Schmerz des Schuldigen eine
Auferstehung sei, ein Sinnbild der Verwandlung und eine Verheißung des
großen Auferstehens von den Toten am Jüngsten Tage.
Hier stockte dem Priester plötzlich die Stimme. Erblassend brach er ab
und starrte auf das Angesicht eines seiner Zuhörer hin, auf das arme
weinende Weib Irena.
Allmählich schien er sich wieder zu sammeln, dann sagte er leise, daß
ihn ein Unwohlsein befallen habe und daß er daher seine Worte abbrechen
müsse. Und verließ wankend die Kanzel.
In die Sakristei zurückgekehrt, fragte er den Küster, ob dieser das
Weib nicht kenne, das bei der Predigt so sehr geschluchzt habe.
»Das Weib kenne ich wohl,« antwortete der Küster, »das ist die
Blumenmutter aus dem Armenhause.«
»Die Blumenmutter?«
»Ja, das ist ein gar absonderliches Weib. Ist über sechzehn Jahre im
Strafhaus gesessen. Sie hat ihre Kinder umgebracht und an den Blumen
will sie es wieder gut machen.«
Der Kaplan ging auf sein Zimmer und träumte. -- Seitdem er seine Mutter
das letztemal gesehen, das ist schon lange her, aber er hat ihr Bild
nicht aus der Seele verloren. Er erinnert sich noch an den Tag, da ein
Missetäter seine Familie erschlug, und wie ihn damals der gute Pfarrer
in das Kloster gebracht. Aber später, als er forschen wollte, wie sich
denn die Sache verhalten, hat er nichts mehr erfahren können.
Es sind alle gestorben, die's wissen könnten, hatte der Prälat gesagt,
und mit dem Namen Franz Eman, den er bei der Priesterweihe abgelegt,
ist sein Kindesleben verschwunden.
Aber der Mutter Bild war noch übrig geblieben aus jener traumhaften
Welt, und dieses Bild war ihm nun während der Osterpredigt erschienen.
Selig sind die Toten und sie mögen ruhen! Aber was bedeutet die
Erscheinung, die auf den Gräbern plötzlich vor ihm steht und ihn
anschaut mit weinenden Augen?
Am nächsten Tage stieg der Kaplan hinab zum Armenhause. Er fragte nach
der Frau, die man die Blumenmutter heiße.
»Und hat der hochwürdige Herr denn die Sterbesakramente nicht bei
sich?« war die Gegenfrage einer Wärterin. »Die gestrige Osterpredigt
soll rechtschaffen schön gewesen sein, aber gesund war sie nicht,
wie man gehört hat. Ist dem Prediger dabei schlecht geworden und den
Zuhörern auch. Heißt das, einer, unserer armen Blumenmutter, die ist
gar aufgeregt und verwirrt zurückgekommen und ist -- wir haben es
allmiteinander nicht gewahrt -- die ganze Nacht draußen bei ihren
Blumen gewesen. Die Nächte sind noch wolter kalt, und jetzt wird's mit
ihr vorbei sein. Ich weiß gar nicht, wo unsereins den Kopf gehabt hat,
daß man nicht nachschauen geht noch gestern auf die Nacht! Aber wer
hätt's denn vermeint? Wer hätte denn so was vermeint?«
Der Kaplan trat in das Gemach der Sterbenden. Es war wieder dasselbe
Antlitz, aber es war entstellt und seit gestern sehr gealtert. -- Er
tröstete sie mit Worten der Religion. Da blickte sie ihn traurig an und
flüsterte: »Für mich gibt es nur einen Trost, und den habt Ihr nicht.«
»Faßt Vertrauen, liebe Frau. Könnt Ihr es zu mir nicht haben, so habt
es zu dem barmherzigen Gott, als dessen Diener ich Euch besuche.« Das
sagte der Priester, indem sein Auge immer scharf an den Zügen der
Greisin hing.
»So fragt ihn,« entgegnete diese, »fragt den gütigen Gott, ob er von
meinem Kinde was weiß. Ich habe einen Sohn; schon lange, lange ist er
nicht mehr bei mir, aber er muß noch auf der Welt sein. Und jetzt, ehe
ich -- sterben muß --«
»Möchtet Ihr wissen, ob er glücklich ist,« unterbrach sie der Priester.
»Ob er ~brav~ geblieben ist, möchte ich wissen!« rief sie mit
heller Stimme. Und dann erzählte sie, von Atemnot und Fiebern oft
unterbrochen, die traurige Geschichte, und wie sie seither ihren Franz
nicht mehr gesehen habe.
Als sie geendet hatte, saß der Priester still an ihrem Lager und
trocknete ihr die Stirn und strich ihr mit seiner Hand die ergrauenden
Locken aus dem Antlitz.
Und endlich, als sie ruhiger geworden war und als sie ihn anblickte,
so dankbar, daß er bei ihr sei und ihre schlimme Erzählung so geduldig
vernommen habe, sagte der Kaplan die Worte:
»Wenn, liebe Frau, Euer Sohn zur Tür hereinträte und setzte sich zu
Euch, und nähme Euch an der Hand, so wie ich es jetzt tue, und wenn er
ganz so wäre, wie ich bin --«
»Das wäre mir schon recht,« nickte sie. Und nachdem sie ihn eine Weile
groß angeschaut hatte, tat sie den Schrei: »Franz!«
Seine Tränen fielen auf ihre Hand.
Sie richtete sich halb auf und sagte:
»Wenn du der Franz bist, dann habe ich verspielt! Dann könnten die
anderen ja auch so geworden sein, wie du!«
»Mutter, Ihr habt alles hart gebüßt. Die Menschen haben Eure Schuld
längst gestrichen und Gott hat Euch verziehen.«
»Hat er das? Hat er's?« rief sie bebend, »und du kannst es auch? Wenn
du es kannst, Franz!«
Er neigte sich innig zu ihr nieder; sie schlang ihre Arme um seinen
Nacken: »Mein Kind ein braver Mensch!« jubelte sie stöhnend und drückte
ihn an sich -- und sank zurück.
Und als es Abend war, da ruhte sie aufgebahrt im Saale. Ein Wald von
grünen Gewächsen und Blumen umgab sie und rankte sich über ihrem Haupte
zusammen.
Rote Rosen neigten sich nieder gegen ihr Antlitz und schauten sie an.
Und wie dankbare Kinder das Grab ihrer Mutter besuchen, so stehen heute
taufunkelnde Blumen auf ihrem Hügel.
Laurentl, der um Rat fragt.
Ich hatte einen jungen Vetter. Der war schlank gewachsen, trug eine
hirschlederne Kniehose, einen grünen Filzhut, hieß mit Namen Laurentl
und war Bauernknecht. Er hatte ein fast milchweißes schmales Gesicht,
braunes Haar, das links gescheitelt und rechts quer über die Stirn
gekämmt war, er hatte ein braunes Schnurrbärtchen, dessen Spitzen er
gerne mit dem Beinmundstück seiner Tabakspfeife emporschob, und er sah
eigentlich aus wie ein Stadtbübel, das man wundershalber so über die
Sommerfrische ins Bauerngewand gesteckt hat. Ach, Stadtbübel, das war
der Laurentl nicht, und so gut ging es ihm nicht. Obschon erst neunzehn
Jahre alt, mußte er bei seinem Großbauern neben drei baumstarken Kerlen
arbeiten wie sie, und wenn er vor dem Spätabend müde sich auf den Rasen
setzte und auf der Stelle einschlief, trieben sie mit ihm Gespötte und
steckten ihm kleine rote Ameisen hinter den Hemdkragen. Im Weberhäusel
bei Vater und Mutter hatte er eine warme Kindheit gehabt; die Eltern
starben, das Häusel wurde vergantet und das Leben des Jungen wurde hart
und kalt. Mit Freuden war er in den Dienst gegangen, als der Großbauer
eines Tages auf dem Kirchplatz zu ihm gesagt: »Na, Laurentl, was ist's
denn? Weil 's Häusel hin ist, rat ich dir, nimm ein Haus. Komm zu mir,
ich hab auch als Knecht angefangen und heut hab' ich hundert Joch
Acker, vierzig Stück Vieh und zwei Dutzend Leut.« -- Wohl. Just das
zweite Dutzend machte der Laurentl voll und wie er nach dem ersten
Tagwerk auf dem Felde in Hemdärmeln beim großen Tisch saß, mitten unter
den derben, bärtigen und schwitzigen Knechten, da kam er sich das
erstemal in seinem Leben als jemand vor -- wenn schon noch nicht ganz
als Knecht, so doch als Knechtl. Aber bald zeigte es sich, der Pflug
war stärker als er, denn er schleuderte ihn auf den Furchen hin und
wieder; und auch die Mehlklöße waren stärker als er, denn sie drückten
ihm mächtig den Magen. Er war schier der letzte und der niedrigste im
ganzen Hause.
Dann ist er -- ein Sonntag war's, um Nachmittag -- zu mir kommen.
Weinen tat er just nicht, aber weit war's nicht davon. Und den Oheim
wollte er halt um einen Rat fragen.
»Oheim, ich hab' mir's überlegt. Das Bauerndienen freut mich nicht. Ich
will ins Eisenwerk gehen. Dort kommt der Verdienst viel höher und die
Arbeitszeit ist kürzer. Ist die Schicht vorbei, so bin ich mein eigener
Herr und kann machen was ich will. Der Firnsteiner Sepp ist auch ins
Werk gegangen und er sagt, vier starke Zugochsen brächten ihn nicht
zurück ins Bauernhaus. Jetzt möcht ich's halt auch probieren und frag
den Oheim um Rat.«
So habe ich ihm geantwortet: »Laurentl, das täte ich nicht. Das
Bauerndienen ist freilich hart, ich weiß es wohl. Aber anderswo ist's
noch gefährlicher. Der Verdienst im Eisenwerk ist höher, aber auch der
Verbrauch, mußt bedenken. Beim Bauern kostet dir die Wohnung nichts,
im Werk mußt du dir ein Zimmer mieten um viel Geld; beim Bauern
brauchst dich gleich so zur Schüssel zu setzen, im Werk mußt du dir
alles selber einschaffen und kochen; oder gehst ins Wirtshaus, dann
weiß man schon, was es geschlagen hat. Beim Bauern hast du gesunde
Arbeit von allerhand, jetzt in Haus und Hof, jetzt in Feld und Wald,
und du siehst, daß was wird. Im Werk mußt bei Staub und Rauch alleweil
das gleiche tun, so daß der eine Körperteil überanstrengt, der andere
verkümmert wird, und von der Arbeit hast du doch bei keinem einzigen
Stück aufzuweisen: das habe ich gemacht. Na, und die Freiheit, mein
Gott, die wird von jungen Leuten halt dazu verwendet, sich umzubringen.
Dich halte ich für brav. Was man aber vom Firnsteiner Michel hört!
Vier starke Zugochsen werden den jetzt freilich nicht zurückbringen
ins Dorf; bis er nur erst siech und arbeitsunfähig ist, dann wird
eine alte Schindmähre stark genug sein, um ihn auf dem Strohkarren in
seine Heimatsgemeinde zurückzuschleppen. -- Jetzt kannst dir denken,
Laurentl, welchen Rat ich dir geben will.«
Der Junge ist dagestanden, hat an den Fransen seines Hutbandes gezupft
und nachher gesagt:
»Ich denk', es kommt halt darauf an, wie der Mensch ist. Der Fleißige
bringt's im Eisenwerk leichter zu was. Beim Bauern kann ich Tag und
Nacht arbeiten, es kommt mir nicht zu Nutzen und keine Stund der Wochen
kann ich für mich selber sein. Und schon gar, wie es mir geht. Vorigen
Winter habe ich einmal so Halsweh gehabt, schier zum Ersticken. Und
der Schlund voller Blasen und so viel die Hitz'. Da haben sie mich im
Stall liegen lassen auf dem Strohsack, drei Wochen lang, in Durst und
Fieber, und erst wie zu einer kranken Kuh der Tierarzt gekommen ist und
mich liegen gesehen und angeschaut hat, sagt er: Jesses, Leut, der
hat ja die häutige Bräun! Nur geschwind Kuhfladen um den Hals binden.
Gestorben bin ich freilich nicht, aber die Red ist mir verfallen
gewesen monatelang, daß ich gar nichts hab' sagen können. Macht nix,
hat mein Bauer gesprochen, reden braucht er eh nit, wenn er nur wieder
arbeiten kann. Das kann ich freilich, aber was hilft's? Wenn ich alt
oder krank werd', hab' ich doch nichts. Schlechter kann's auch im
Eisenwerk nicht sein, aber leicht besser, wenn ich fleißig sparen tu.«
Hierauf habe ich gesagt: »Laurentl, wenn du fleißig sparen tust, so
probier's halt in Gottesnamen und gehe ins Werk.« Denn, habe ich bei
mir selber gedacht, wenn der Bauer seine Dienstboten schlechter hält,
wie das Vieh, so will ich weiter nichts drein reden.
Also mein junger Vetter ist Eisenwerksarbeiter geworden und hat Wort
gehalten -- hat fleißig gespart. Und weil er nicht mit den andern
gehalten, die ihre Groschen verjubelten, so ist er bald ihr Gespött
geworden. Dennoch hat ihn jede Partei -- die rote wie die schwarze --
für sich haben wollen. Er aber war ein nachdenklicher Bursche, hat die
Roten und die Schwarzen beobachtet in ihren Grundsätzen und Handlungen,
hat das eine von beiden angenommen und das andere von beiden verworfen,
wie es eben in seinem Kopf schon fertig gewesen ist. Bei der Arbeit
hat er willig und verläßlich seinen Mann gestellt, an Sonntagen ist
er im schmucken Gewande des Obersteirers im Freien umhergegangen, hat
mit Genossen, die ihm helfen konnten, »zweispannig« gesungen, oder ist
allein über die Felder geschritten, um die Blumen anzuschauen, oder
durch die Wälder, um den Rehen und Hirschen nachzuspähen und sich an
ihrer schönen Gestalt zu ergötzen von weitem. Am Abend hat er sich eine
Pfeife angezündet und ein Glas Wein getrunken in seiner Kammer, die er
im Häuschen einer Witwe gemietet hatte. Die Frau achtete seiner gut
und machte ihm's heimlich im warmen Neste ihres Besitztums. Das hat
ihm wohlgefallen. Das Wirtshaus aber war ihm zu laut und zu dunstig
gewesen. Manchmal hat er sich sogar mit einem Buche abgeplagt, in der
Absicht, das Lesen zu lernen, denn seine Eltern hatten ihn vor lauter
Liebe nicht in die Schule geschickt, weil er beim ersten Versuche
gröhlend nach Hause gekommen war.
Die Genossen saßen in den Schänken, jeder auf dem Knie ein Mädel. Der
Laurentl dachte bei einer Liebschaft allemal gleich ans Heiraten, an
Kind und Kegel, an Haus und Hof, und dafür hatte er noch viel zu wenig
in seinem Sparkassenbüchel. Fortweg gab es aber junge Frauenzimmer,
die dem schmucken gutmütigen Burschen den Hof machten; er stellte
sich allen Anspielungen gegenüber dumm, so gut er sie auch verstand.
Eine besonders zudringliche Fliege fand sich vor, die, weil sie
schmeichlerisch geartet und so niedlich gerundet war, dem Jungen
allmählich an die Nerven ging. Des Wagemeisters Älteste war's. Und weil
sie ihn jeden Abend, wenn er aus der Schicht kam, lieblich anlachte,
und ihm einmal das Halsbindel ordnete und dabei mit den zarten
Fingerlein an seine Wange strich und sein Ohr kneipte, so fragte er
sie dreist, ob sie ihn haben wolle. Er wäre ihr nicht zuwider, meinte
sie offenherzig. Aber heiraten werde er sie nicht, gestand er. Das
verlange sie auch nicht, war ihre Antwort. Im ersten Augenblick gefiel
ihm diese Bescheidenheit, nachher jedoch kam es ihm vor, daß er an
dem Frauenzimmer gerade darum keine Freude haben könne, weil ihr das
Heiraten gleichgültig war. Wenn eine Lieb' nicht so groß ist, daß sie
beständig sein will, dann ist sie zu klein. -- Er überließ sie einem
Genossen, dem eine solche Gesinnung ungemein gefiel, und gab sich
zufrieden daheim in der kühlen Kammer, nachbarlich der Witwe. Und es
fügte sich mählich etwas anderes, so daß, was das Heiraten anbelangt,
zwei beide einverstanden waren. Aber, das soll anmutig erzählt werden.
Mir war es schon aufgefallen, daß der Laurentl an Sonntagen so
besonders ausgeschmückt umherging. Nicht allein, daß er im Knopfloch
die rote Nelke trug, und allemal eine ganz frische, auch sein grüner
Hut war aufgestrammt mit Hahnenstoß und Gemsbart, und an der Uhrkette
hatte er zwei in Silber gefaßte Tigerzähne und etliche alte Silbertaler
hängen, daß es nur so klinselte, wenn er mit seinen langen Beinen
würdig daherschritt. Auf dem Kirchplatz hatte ich ihn ein paarmal neben
hausgesessenen Männern stehen sehen, und wie er sich von einem solchen
sogar Tabakfeuer geben ließ. Mir fiel aber nichts weiter auf, bis er
eines Tages schier feierlich bei mir vorsprach. Und er wollte halt den
Oheim um einen guten Rat fragen.
»Oheim, ich hab mir's überlegt. Im Eisenwerk freut's mich nimmer. Der
Mensch rackert sich ab und weiß nicht, für wen. Seit sechs Jahren hab
ich mir wohl ein bissel was erspart, so daß wir die paar hundert Gulden
gleich wegzahlen mögen beim Häusel.«
»Bei welchem Häusel?« habe ich gefragt.
»Weil ich halt«, bog er ab, »jetzt einmal Ernst machen möchte. Wenn
der Mensch einmal siebenundzwanzig Jahr alt ist, wird er nimmer viel
besser.«
Nun fing ich an, ihn zu verstehen.
»Eh eine alte Bekannte«, fuhr er fort. »Und eine Häuselschneck ist sie
auch, daß ich mir's einmal bissel leichter geschehen lassen könnt'.«
»Wenn's nur eine ist, die du gern hast«, war mein Einwand.
»Und sie hat mich noch lieber,« fuhr es ihm heraus. »Wir werden hübsch
zusammenpassen, denk' ich. Nach großer Jungheit frag ich nicht viel,
wenn sie nur sonst gut ist. Soll auch ihren ersten Mann gut behandelt
haben.«
»Ihren ersten Mann?«
»Es ist halt meine Zimmerfrau, die Frau Leitl.«
»Behandelt, sagst du, hätte sie schon einen? Und von der willst du dich
auch behandeln lassen? Komm zu dir, Laurentl. Willst du nicht eine
nehmen, die du behandeln kannst.«
»Und deswegen möcht ich den Herrn Oheim halt um Rat fragen.«
»Geh, geh. Heiraten wollen und um Rat fragen! Wer in dieser Sache
einmal um Rat fragt, dem sagt man: nein. Und nachher folgt er erst
nicht. Geh heim, Laurentl, und schlaf dich aus!«
Da sagt er ganz weichmütig: »Meine eigene Mutter kunnt nicht besser auf
mich schauen, wie die Frau Leitl auf mich. Und das Essen! Alle zweiten
Tag kocht sie mir Speckknödeln und schlampertes Kraut dazu, weil
sie weiß, daß ich's gern ess'. Und alle anderen zweiten Tag gibt's
Eierschmarrn mit Gurkensalat, weil ich auch das gerne ess'. Und wie sie
mir aufs Gewand schaut! Und auf die Wäsch! Und aufs Bett.«
»Kann mir's denken. Wenn's deine Mutter wär', tät's alles stimmen. Und
sie könnt's auch sein. Ist sie nicht schon fünfzig?«
»Oh nein, noch nicht ganz achtundvierzig!« beteuert er.
»Nimm sie nicht!« schrei ich ihm zu. Es ist wie ein schriller Notschrei.
Da wird er stumm und läßt seine Augen auf dem Fußboden hin und her
zucken; vor seinem Fuß ist ein Ast in den Dielen, auf dem wetzt er mit
der Fußspitze hin und her. Dann zieht er sein blaues Sacktuch heraus,
das hat an der Ecke einen Knoten.
»Den -- den da«, stotterte er und hielt mir den Knoten vor das Gesicht,
»den hat sie mir gemacht, dazumal. Daß ich nicht vergessen sollt --.
Weil ich ihr's halt versprochen hab -- 's Heiraten.«
»So! Und da fragst du noch um Rat? Wenn es so steht, dann bist
schon verheiratet, ich sag es dir. Was soll ich dir nur für ein
Hochzeitsgeschenk geben? Vielleicht ein Lotterbett. Wiege braucht ihr
keine.«
Ich war zornig. Mich dauerte der Junge, aber größer als das Mitleid war
die Entrüstung über seine Dummheit.
Dann haben sie geheiratet. Er hat ihr sich selbst verschrieben, sie ihm
das Häusel, eine moderige Holzhütte, die auf der Straßenseite ein fast
neues Schindeldach und auf der rückwärtigen Seite ein durchlöchertes,
halb verfaultes Strohdach hatte. Und nun war der Laurentl
Hausbesitzer! Er ging von jetzt ab nicht mehr in das Eisenwerk, sondern
bebaute das kleine Feld und mähte das Wieslein und fütterte die Kuh.
Er arbeitete mit Fleiß und Lust, er freute sich seiner Wirtschaft.
Sein Weib versorgte das Häusel und hatte stets einen Kranz alter
Freundinnen um sich, die sie mit Kaffee bewirtete und denen sie, wenn
sie fortgingen, Mehl, Butter und Eier mitgab. Die Freundinnen schenkten
auch zurück: war's ein Hut mit roten Bändern, war's eine versilberte
Busennadel, war's gar ein Samtaufputz für den Sonntagsrock. Auch der
Laurentl war die erste Zeit nicht karg gewesen und so stolzierte die
Frau Leitl, jetzt Frau Egghofer, auf dem Kirchweg recht proper einher.
Um so schlichter sah der Laurentl aus. Er ließ sich nicht Herr Egghofer
nennen, hatte an der Uhrkette auch keine Silbertaler mehr hängen und
sein schöner, grauer Steirerrock mit den grünen Aufschlägen war schon
so oft sorgfältig ausgebürstet worden, bis man nun die nackten, ins
Kreuz gewebten Fäden sah.
Nachdem eine Weile vorüber war, fragte ich ihn auf einer der zufälligen
Begegnungen, wie es ihm eigentlich gehe. Da antwortete er: »So wie man
sich's denkt, ist es nirgends. Es hat überall was.« Und nichts weiter.
Aha, es stinkt schon! -- Beunruhigt habe ich ihn nach einer Weile das
zweitemal gefragt. Er antwortete: »Es war früher nichts und es ist
jetzt nichts.« Und ging seinen Weg.
So. Das ist just nicht viel. Nichts ist freilich nicht viel. Und
sein Aussehen wollte mir nicht gefallen. Ein gebeugter Nacken, ein
fahlgrünes Gesicht, ein schläfriges Auge. Ist das der Laurentl?
Und dann eines Abends. Ich ging über die Berge heim, es war schon spät.
Nach heißem Tage eine feuchte Luft. In einer Lache quakten Frösche; ich
meine, zwei waren ihrer, der eine quakte Tenor, der andere Baß; es war
sicherlich ein Eheduett. Neben der Lache, in der sich der Abendhimmel
spiegelte, sah ich etwas Dunkles, das sich ein wenig regte. Und war's
mein Laurentl.
»Herrgott!« rufe ich, »wie du einen erschrecken magst! Was tust denn
da?«
»Weil sie so schön singen miteinand!« antwortete er.
»Wenn du ein Frosch wärest, wollt es mich nicht wundern. Aber du bist
ein Leut. Und Leute kriegen das Fieber an der Lache, bei der Nacht.«
»Wäre mir auch alles eins.«
»Jetzt wirst du aber gleich aufstehen und mit mir gehen und sagen, was
dir ist.« Denn mir stieß seinetwegen schon das Elend auf. Alles redete,
nur er nicht.
Er ging dann des Weges neben mir her und behauptete sehr kühl, daß es
ihm gut gehe, und daß, wenn es anders wäre, ihm ohnehin niemand helfen
könne.
»Du willst mir's also nicht sagen?«
»Zu was denn auch?«