»Das soll er nicht erfahren, meine lieben Leute,« sagte der Priester,

»ich habe veranlaßt, daß er heute in der Schule zurückbehalten werde

und ich sinne auf Mittel, die Schmach und den Schmerz von dem armen

Jungen abzuwenden, die jetzt auf ihn fallen und ihn für sein Leben

unglücklich machen müßten. -- Und an euch habe ich die Bitte, daß ihr

euch jetzt zerstreut und zu euerer Tagesarbeit begebt. Das Unglück, das

diese Hütte uns verdeckt, hat die ganze Gemeinde getroffen. Ihr seht

mich gebeugt und mit weißen Haaren, aber einen Tag, so schwer wie der

heutige, habe ich noch nicht erlebt. Das Verbrechen ist so groß, daß es

keines Wortes bedarf, um es zu nennen. So wollen wir Christen sein und

beten: Vergib uns, Herr, unsere Schulden, als auch wir vergeben ...«

Sie gingen nach und nach auseinander. Und als die Nacht kam, stand die

Hütte der Irena Eman vereinsamt, nur ein Wächter schritt davor auf und

ab mit seiner zuckenden Laterne.

* * * * *

Am selben Nachmittage noch war's gewesen, daß in der Dorfschule der

Lehrer das blonde, muntere Büblein, welches sich Franz Eman schrieb,

den anderen Kindern als ein Muster des Fleißes und Fortganges vorhielt.

Da wurde der Lehrer hinausgerufen. Nach einiger Zeit kam er sehr

ernst und etwas aufgeregt zurück und erkundigte sich, wer in seiner

Abwesenheit nur wieder den tollen Lärm veranlaßt habe?

Da sich keiner der Schuld begab, so blickte der Lehrer den kleinen Eman

an und sagte: »Ich glaube, Junge, daß du auch mitgelärmt hast. Aber

einem sonst so braven Schüler hat man zu belehren, daher muß ich dich

heute nach der Schule eine Stunde hier behalten.«

Der Unterricht wurde fortgesetzt; der Lehrer verordnete Schönschreiben

nach Vorschriften, wobei er still und nachdenkend zwischen den Bänken

auf und ab schreiten konnte. Er schien bei solchem Spaziergange den

Stundenschluß zu überhören und es gingen draußen schon die Leute von

den Feldern heim, als er die Kinder entließ.

Nun trat der kleine Eman zu ihm und bat mit feuchten Äuglein, daß auch

er zu Mutter und Geschwistern nach Hause gehen dürfe.

»Du mußt heute noch ein wenig bei mir bleiben, Franz,« sagte der

Lehrer. Und als die anderen davon waren, setzte er sich auf eine Bank,

nahm den Knaben zu sich und sagte wieder: »Ein wenig mußt du heute noch

bei mir bleiben, Franz. Es wird dann der Herr Pfarrer kommen, der mit

dir was sprechen will. Sage mir einmal, habt ihr daheim Kaffee?«

»Nein,« antwortete der Kleine, »aber wie der Vater gestorben ist, haben

wir einen bekommen.«

»Ja,« meinte der Lehrer, »der Kaffee macht guten Mut, und so sollst du

jetzt in meine Stube kommen und mit mir Kaffee trinken.«

Das taten sie. Und als der Kaffee getrunken war, und als zuletzt

die Lampe ein helles Licht auf den Tisch warf, brachte der Lehrer

Bilderbücher, um den Knaben zu unterhalten.

»Wie nennt man diesen Baum?« fragte der Knabe und hielt sein Fingerlein

auf ein Pflanzenbild.

»Das ist eine Trauerweide,« antwortete der Lehrer.

Nach einer Weile fragte der Kleine: »Darf ich jetzt schon nach Hause

gehen?«

Da trat endlich der Pfarrer ein.

»Ei, da ist er ja, mein kleiner, lieber Franz!« sagte er und tätschelte

den Knaben an der Wange. »Ich will dir etwas Gutes sagen.«

Der Junge schaute ihm mit großen Augen treuherzig in das Gesicht.

»Ich habe dir versprochen, daß, wenn du brav bist, ich dich einmal in

die große Stadt mitnehmen will. Brav bist du, und so muß ich mein Wort

wohl halten. Wir fahren noch in dieser Nacht davon.«

»Und fährt meine Mutter auch mit?« fragte der Kleine.

»Deine Mutter,« antwortete der Pfarrer etwas unsicher, »ja deine

Mutter, freilich -- die ist schon voraus.«

Jetzt jubelte der Knabe, denn die Stadt und was von ihr erzählt wird,

hatte ihn schon oft beschäftigt, und mit dem guten Herrn Pfarrer ging

er so gerne.

Wenige Stunden später hatte der kleine Franz ein neues Kleid an, das

beim Dorfkaufmann in Vorrat gewesen. So saß er neben dem Pfarrer im

Wagen und der Wagen knarrte hin durch die stille, laue Mondnacht. Der

Kleine war bald eingeschlummert und als er so dalehnte in der Wagenecke

und der Mond auf sein weißes Gesichtlein fiel und alles so recht im

Frieden war, da begann der alte Herr zu schluchzen. Er weinte über das

fürchterliche Geschick, das sich an diesem Tage vollzogen hatte, das

nun so dämonenhaft über dem Leben dieses unschuldigen Kindes lag. --

Wird es gelingen, mein Knabe, dir einen Lebensweg zu weisen, auf dem

dir die Spuren der blutigen Tat nicht begegnen? --

Nach Mitternacht erreichten sie die Eisenbahn. Auf dem Bahnhofe

kreuzten zu dieser Zeit zwei Züge, der eine ging gegen die

Kreisgerichtsstadt, der andere gegen die Hauptstadt. Eben wollte der

Pfarrer den Knaben sanft wecken, daß dieser aus dem Wagen steige, da

erblickte er durch die offene Tür des Wartesaales das unglückselige

Weib zwischen den Häschern kauern. Der Priester ließ den Kleinen

im Wagen schlafen, und als sein Zug angekommen war, da hob er das

schlafende Kind in die Arme und trug es durch den Wartesaal gegen den

Waggon. Er mußte im Scheine einer hochhängenden Lampe und im Glanze

zweier Bajonette nahe an der Mutter vorbei, aber sie schaute starr vor

sich auf das steinerne Pflaster. So waren sie sich hier begegnet, ohne

daß eins vom anderen wußte.

Wenige Minuten nachher führten zwei Eisenbahnzüge Mutter und Sohn weit

auseinander.

* * * * *

Zur Zeit des Morgenrotes, da in der Stadt schon das knarrende Leben

begann -- stand der Pfarrer aus dem Dorfe vor dem Tore eines grauen

Gebäudes und zog die Glocke. Dabei streichelte er die Stirne des

Knaben, der sich an seinen Rock schmiegte und -- eben erst vom

Schlummer erwacht -- in der fremden Umgebung angstvoll wimmerte.

Nach einiger Zeit wurde aufgetan.

»Gott zum Gruße!« sagte der Torwart, »das ist ja der Herr Pfarrer von

Birkenheide!«

»Der bin ich,« antwortete der Eintretende, »und nun wollet Ihr in

Gottes Morgenfrühe ein christliches Werk tun und uns beiden da ein

Stüblein aufmachen, bis der hochwürdige Herr Prälat aus dem Bette ist;

dann lasse ich um eine Audienz bitten.«

»Der hochwürdige Herr Prälat ist aus dem Bette,« berichtete der

Torwart; er geht schon im Klostergarten mit unserem Herrgott spazieren.«

»Wenn ich mich den beiden Herren anmelden dürft'!« meinte der

Landpfarrer, »ich habe heute eine Angelegenheit, die alle zwei angeht.«

Der Knabe wurde auf ein Bett gebracht, wo er bald wieder einschlief;

der alte Herr schritt in seinen hohen glänzenden Stiefeln und mit

seinem weißen Haupte auf dem Kieswege dahin zwischen den Eichen und

Ulmen des Klostergartens. -- Da sah er bald die stattliche Gestalt im

langen, blauverbrämten Talare und mit dem goldenen Kreuz auf der Brust.

»Wessen geliebtes Haupt sehe ich auf mich zukommen!« rief der Prälat

mit ausgebreiteten Armen, »das ist ja mein alter Pfarrer Gottfried?«

»O Herr,« sagte der Greis, »daß ich heute gar der Sonne bei Euch den

Vortritt abgelaufen habe, muß wohl was bedeuten. Ich komme mit einem

schweren Herzen, ich möcht's wohl gleich ablasten.«

Sie schritten nebeneinander hin und der Pfarrer erzählte das Ereignis

aus seinem Dorfe, wie ein armes Weib aus Fanatismus und Verzweiflung

ihre vier Kinder ums Leben gebracht habe und wie das fünfte, durch

einen Zufall gerettet, bisher von der Sache noch nichts wisse.

»Und um für diesen armen Waisenknaben bei Euch zu bitten, bin ich jetzt

da,« fuhr der Pfarrer fort. »Im Dorf kann er nicht bleiben, da würde

er einesteils von dem Mitleid, anderenteils von der Bosheit der Leute

zu leiden haben und verdorben werden. Mich erbarmt dieses Kind; es ist

ein aufgeweckter, gutherziger Knabe. Auch ihm hat seine Mutter nach

dem Leben gestrebt, weil sie vermeint, es könne ihn das Leben schlecht

machen. Da gilt's halt jetzt zu zeigen, daß sie unrecht gehabt hat, daß

ihr Sohn ein rechtschaffener Mann wird. Und deswegen komme ich, um Euer

Hochwürden zu bitten: Helfet mir, daß aus dem Jungen etwas Braves wird.

Ich bin selber ein armer Mann und weiß nicht aus; aber was ich kann,

das will ich gern für ihn leisten.«

»Ihr meint also, mein lieber Pfarrer --«

»Ja, zum Chorknaben!« sagte der Greis, »das würde wohl recht für ihn

passen. Er hat mir daheim recht geschickt ministriert, und singen kann

er auch.« Jetzt faltete er seine rauhen Hände: »Hochwürdiger Herr!

Dieses Stift ist so groß und reich. Da sehe ich Hunderte von Tauben

fliegen, die hier ihre Nahrung finden, und über dem Hochaltare, wo Ihr

täglich das heilige Meßopfer verrichtet, steht unseres lieben Heilandes

Wort: Was ihr dem geringsten meiner Brüder --«

»Aber wozu so viel schweres Geschütz, Pfarrer!« rief der Prälat aus,

»das mögt Ihr getrost daheim bei Euren Pfarrkindern abbrennen, wenn

ein hungeriges Waiselein zu speisen ist. Mich kennt Ihr ja doch.«

»Das wohl und desweg komm' ich her und wenn ich was Ungeziemendes

gesagt haben soll, so bitte ich um Verzeihung!«

»Ich nehme mich gern des Knaben an, Ihr könnt ihn bringen, sobald es

Euch gut dünkt.«

»Er ist schon da!« rief der Greis in freudiger Lebhaftigkeit. »So gewiß

habe ich es gewußt, daß ich vor Euer Hochwürden keine Fehlbitte tue,

daß ich meinen Schützling in diesem Kloster warm betten ließ, bevor ich

noch mit Euch sprechen konnte.«

»Da habt Ihr recht getan, alter Freund,« sagte der geistliche

Würdenträger und schüttelte dem Landpfarrer die Hand. »Ihr habt

mich damit geehrt. Euch zuliebe soll das arme Kind hier eine Heimat

gefunden haben und dann wollen wir sehen, was sich aus ihm entwickelt.

Unser Stift bedarf Handwerker, Landwirte, Waldheger, und hat allerlei

Gewerbe, auf die der liebe Herrgott seine Brosamen streut.«

»Herr!« sagte der Greis und hatte noch immer die Hände gefaltet,

»gestern der Schreck! und heute wieder dieser Freudentag! -- Und jetzt,

wie eine Bitte schon nie allein kommt, hätte ich halt noch eine zweite.

Aber die wird wohl schwer möglich sein. Ihr wisset, die Wahrheit ist

unser Stab. Wir schwachen Menschen, wir können nicht alles, was wir

sollen, aber wahrhaftig sein, das können wir. Allein, hochwürdiger

Herr, wenn die Wahrheit so ist, daß sie wen niederschlägt und zugrunde

richtet, dann soll man sie nicht sagen. Ich meine, man soll dem Knaben

verschweigen, was seine Mutter getan hat.«

»Und wie wollt Ihr das anstellen?« fragte der Prälat.

»Das weiß ich nun einmal selber nicht. Ich habe mir wohl was

ausgedacht, aber ich weiß nicht, ob es das rechte ist. Ich meine, wenn

man dem Kinde sagen tät', es sei ein Übeltäter im Hause gewesen, habe

seine Geschwister ums Leben gebracht und die Mutter sei auch zugrunde

gegangen. Das ist, genau genommen, nicht einmal eine Unwahrheit und ich

denke, bei dem achtjährigen Büblein könnte man damit fertig werden. Und

was wäre das für ein Glück, wenn es ihm auf lebenslang könnte verborgen

bleiben!«

»Ich bin Eurer Meinung,« sprach der Prälat, »und wir werden versuchen.

Nun aber wollen wir den Frühstückstisch aufsuchen.«

»Ich werde nachher für ein Täßchen Warmes recht dankbar sein,« sagte

der Greis, »aber vorher möchte ich wohl meine Messe lesen, wenn ich in

der Klosterkirche um einen Altar bitten dürfte. Heute ist wieder einmal

ein Tag, wo ich die rechte Andacht dazu verspüre.«

»Ihr habt heute, mein Freund, ein großes Opfer schon dem Herrn

gebracht,« sprach der Prälat mit ernster Stimme, »und wenn uns zu

dieser Stunde Gott messen und wiegen wollte, wer höher und größer sei

von uns beiden, ich fürchte, daß der wohlgenährte Prälat geringer

befunden würde als der arme Landpfarrer. So gehet und haltet Eure Messe

ab und dann kommt, wir wollen zusammen Gott zulieb' einen guten Tag

verleben.«

* * * * *

Während der kleine Franz unter Klosternamen sich im Stiftsgebäude

einlebte, lernte, sich in Fertigkeiten übte, sich unter den Laien und

Priestern Freunde machte und so allmählich des leidvollen Eindrucks

vergaß, den der im Sinne des Pfarrers gehaltene Aufschluß über seine

Familie gemacht -- während ihn die heitere Kindlichkeit wie ein

Engel hinübertrug über quälende Erinnerungen, tiefes Nachdenken und

verzehrenden Schmerz --, entwickelte sich das Schicksal der Frau Eman.

Im Gerichtssaal waren bange Tage gewesen. Bange für die Richter und

bang für das Volk! Die Angeklagte selbst war kalt und starr wie Stein.

Die hingeopferten Kinder waren auf dem Dorffriedhofe zu Birkenheide

feierlich bestattet worden, man legte sie in ein gemeinsames Grab.

Als der Richter die Kindesmörderin gefragt, ob sie die Tat bereue,

antwortete sie: »Die tot sind, die machen mir keine Sorge mehr, aber

der eine, der Lebendige! Der muß an Leib und Seele verderben, wenn er

niemand hat, der ihn behütet!«

Man versicherte sie, daß der Knabe Wohltäter gefunden hätte und mit

Liebe und Sorgfalt erzogen werden würde. Sie hörte es gleichgültig; sie

hatte einen verächtlichen Blick, als wollte sie sagen: Was ist eure

Liebe und Sorgfalt? Was nennt ihr Erziehung? Was ist eure Welt?

Als ihr in der Anklage ihre stumpfe Herzlosigkeit vorgehalten wurde,

sagte sie: »Es liegt mir nichts daran, wie ihr mich nennt; aber ich

meine, ich habe meinen lieben Kindern nicht allein das Kreuz und Leiden

abgenommen, ich habe auch alle Schlechtigkeiten auf mich genommen, die

sie in ihrem Leben hätten begehen können, und alle Schmach und Schande,

die auf sie gefallen wäre, und mehr kann eine Mutter für ihre Kinder

nicht mehr tun, als ich getan habe.«

Den Richtern graute, und sie atmeten auf, als man das Irrenhaus

vorschlug. Jedoch die Ärzte, die sie untersuchten, fanden keinen

Anhaltspunkt, um ihren Wahnsinn nachzuweisen, es wäre denn jener eine,

der ~jeden~ Verbrecher vor Zuchthaus und Hochgericht sicherstellen

müßte. --

Die Kindesmörderin wurde also der Freiheit verlustig erklärt auf

lebelang. Bevor man sie in die Strafanstalt überführte, legte man ihr

nahe, ob sie nicht ihr Söhnlein sehen wolle. Aber sie hat diesen Wunsch

nicht ausgesprochen, obwohl die Wärterinnen täglich hören konnten,

wie sie mit rührender Leidenschaft für ihren Franz betete, der in den

Banden und Gefahren der Welt sei.

In der Strafanstalt kam sie mit anderen weiblichen Sträflingen täglich

ein halbes Stündlein in den Hof hinaus, um die freie Luft zu atmen. Da

schritten sie bisweilen an einem Eisengitter vorüber, das den Teil für

männliche Sträflinge abschloß. Dahinter standen oft mehrere Männer in

ihrem grauen Zwilchgewande und guckten durch das Gitter und machten

auch wohl bisweilen über die weibliche Nachbarschaft Bemerkungen,

insoweit solche der Profoß nicht verbot.

So standen auch einmal ein paar verwildert aussehende Gesellen am

Gitter, und als die Kindesmörderin vorüberschritt, sagte einer zum

anderen: »Das ist sie, das ist sie.«

»Du bist eine Heldin!« rief der eine zu ihr herüber, »komm herbei, wir

wollen deine Kleider küssen!«

»Wir wollen eine Locke von deinem Haar!« sagte der andere.

»Wir wollen einen Druck von deiner Hand!« sagte der eine.

»Und ein Wort von deinem Mund!« fügte der andere bei.

Da trieb sie schon der Kerkermeister fürbaß.

Das unglückliche Weib hat nicht weiter auf sie geachtet. Aber das

nächstemal standen die beiden wieder am Gitter und als sie vorbeikam,

flüsterte ihr der eine zu: »Wir haben das gleiche Schicksal wie du, wir

sind ebenfalls unschuldigerweise hier.«

»Wir gehören dem Bunde an,« sprach der andere, »welcher das Glück aller

Welt ~im Tode~ sucht. Verstehst du es: Der Mensch ist unglücklich auf

der Welt, darum soll man ihn schon in der Kindheit vertilgen. Weil wir

dieser Meinung sind, hat man uns eingesperrt.«

»Da hat man recht getan,« entgegnete jetzt die Kindesmörderin,

»~unglücklich~ sein, das macht nichts; aber schlecht sein! Davor habe

ich meine lieben Kinder retten wollen.«

Wie eine Königin schritt sie in diesem Augenblicke dahin und die beiden

Gesellen rüttelten am Eisengitter, daß es knarrte.

So ging nun die Zeit dahin im traurigen Hause. Irena Eman arbeitete

und schwieg. Sie hatte gewünscht, daß man sie zu der härtesten Arbeit

stelle, welche Sträflinge zu verrichten hatten. So verordnete man, daß

sie zum Heizen der Öfen die Steinkohlen auftrage durch die finsteren

Gänge hin. Sie tat's Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend. Sie wollte

schwer arbeiten, um müde zu werden und in den Nächten schlafen zu

können.

Ihr Beichtvater hatte sie einmal gefragt, wieso denn der Gedanke zu

dem grauenhaften Verbrechen in ihr entstanden sei? Sie bat ihn, daß er

ihr eine solche Antwort und Zurückerinnerung erlasse, sie wolle ihre

Vergangenheit vergessen.

Aber in den Nächten waren doch lange Stunden, in denen sie nicht

schlafen konnte, und da stand das Bild der Vergangenheit auf und alles

war getrübt wie durch einen rötlichen Rauch, der über einer moorigen

Gegend liegt, wenn in der Nacht eine Feuersbrunst gewesen ist. Ihr

Vater hatte aus Rache ein Haus angezündet und war im Kerker gestorben.

Sie selbst wurde bei einem Küster voll strenger Grundsätze erzogen,

aber sie war die Tochter des Brandstifters und genoß keine Liebe und

kein Vertrauen. Die Welt war ihr fremd; schon frühe -- zur Zeit, da in

anderen die Liebesfreudigkeit aufgeht -- baute sie sich ihre Heimat im

Gedanken an die Ewigkeit, in der Hoffnung an ein besseres Leben. Sie

wollte nicht heiraten, aber da fand sich im Dorfe ein junger Mann --

der einzige, der sie lieb hatte auf dieser Welt -- an den sank sie hin

und war selig eine kurze Zeit. Wie waren die Kinder, die in rascher

Folge nun erschienen, frisch und munter! Aber das Weib bangte fort und

fort, es könne in einem oder dem anderen die unglückliche Ader des

Großvaters schlagen! sie zitterte vor den Irrwegen, die ihre Kinder

wandeln könnten. Der Vater verstand es freilich, die Kleinen in Zaum

und Zucht zu halten; aber als er starb -- vor Gram darüber starb, daß

ein Bruder von ihm eines Betruges wegen verurteilt worden -- da war

die arme Familie haltlos und die Mutter vermochte das kleine, lebhafte

Völklein nicht so zu leiten, wie sie glaubte, daß es sein müsse, um

sie vor dem Schicksale des Großvaters und Oheims zu bewahren. Eines

der Kleinen war einmal schwer erkrankt, da sagten die Leute: Wenn Gott

es zu sich nähme, es wäre das beste! Anfangs tat ihr dieser Gedanke

wehe, aber sie machte sich mit ihm vertraut -- und das Kind genas. Die

Sorgen wuchsen von Tag zu Tag; sie arbeitete anfangs Tag und Nacht,

aber endlich verlor sie die Lust dazu, weil sie trotz alles Fleißes den

Bedarf des Hauses bei weitem nicht decken konnte. Die Mildtätigkeit

der Leute, denen sie fremd geblieben war, wollte sie nicht in Anspruch

nehmen. Sie wandte sich an den Allmächtigen. Der ließ auch warten.

Von der Nachbarschaft liefen Klagen ein über die Rangen, die sich

aufsichtslos im Dorfe herumtummelten. »Wenn nur die Kinder nicht

wären!« hatte sie oft aufgeseufzt, und da hatte sich, erst schüchtern,

dann immer zudringlicher, der Gedanke eingefunden: Du gabst ihnen

das Leben, du hast das Recht darüber. Das Leben ist für Kinder ein

gefährliches Spielzeug. Nimm es ihnen wieder weg! Tausendmal besser,

sie sterben, als daß sie schlechte Menschen würden! -- Und als hernach

der Bäcker kam und ihr vorhielt: Dein Kind hat mir Brot gestohlen! --

da erwog sie nicht mehr, sie fühlte nichts mehr, als die Verzweiflung,

sie ging nach Hause und vollbrachte die Tat.

So war es gekommen.

Sie sind heim zu Gott. Nur der eine nicht -- der Liebling nicht. Wie

wird's ihm ergehen! Sie will nicht an ihn denken, sie will die Augen

schließen. Auch er soll tot sein. -- Wenn sie noch lebten, so dachte

das Weib dann weiter, jetzt wüchsen sie heran und hätten schon Laster

über Laster auf sich und sie würden bald reif sein für das Zuchthaus.

Es war kein Wunder, das unglückliche Weib sah ja nichts um sich, als

Verbrecher, es mußte wohl glauben, daß die ganze Welt -- mit wenigen

Ausnahmen -- aus Wichten und Schlechtlingen bestehe.

So atmete sie denn fort. Und wenn die Gedanken bisweilen zu wirr

wurden, so legte sie die Steinkohlen darauf, und wenn das Herz

aufschrie -- oft plötzlich und fürchterlich aufschrie -- so legte sie

Steinkohlen darauf. Durch die Arbeit suchte sie sich zu betäuben.

* * * * *

Und als viele Jahre vergangen waren, da ereignete sich im Lande eine

große Freude. Bekränzt waren die Pforten, mit Fahnen geschmückt die

Zinnen, Glockenklingen ging von Berg zu Berg. Der junge Herrscher des

Landes hielt Hochzeit, und große Herren und große Menschen lieben es,

von ihrem Glücke auszuteilen, wie es ja bekannt ist, daß das Glück wie

das Grab um so größer wird, je mehr man davon weggibt.

So fiel auch ein Strahl davon in die finsteren Gänge, durch welche das

arme, gebrechlich gewordene Weib Steinkohlen trug. Es wurde ihr gesagt,

sie solle den Steinkohlenkorb zu Boden stellen, ihre Hände reinigen,

ihren Anzug ordnen und in den Betsaal kommen. Dort waren schon andere

versammelt. Dann erschien ein Mann in schwarzem Gewande und las eine

Amnestie des Landesfürsten vor und nannte die Namen der Begnadigten.

Da erhob sich im Saale ein unbeschreiblicher Jubel, aber Irena schaute

stumm und ratlos drein. Auch ihr Name war genannt worden. Sie ist frei?

Sie darf in den Sonnenschein hinaus und gehen, wohin sie will? Was soll

sie denn draußen?

Man führte sie aus dem Strafhause in ein Armenhaus und anstatt

Steinkohlen zu schleppen in den düsteren Mauern, sollte sie nun in

einem Garten arbeiten bei den Pflanzen und Blumen. Anfangs taumelte

sie auf dem freien Erdboden und ihren Augen tat das Licht wehe. Aber

allmählich wurde sie kräftiger und ihre Dumpfheit verwandelte sich

in eine sanfte Wehmut -- das machten die Blumen. Sie hat einst -- so

deutete ihr ein wunderlicher Traum -- geliebte Wesen freiwillig in

die Erde gelegt; die Erde gibt sie dankbar wieder zurück, und es sind

Blumen daraus geworden. Blumen können blühen und welken, aber sie

können keine Verbrecher werden.

Sie wußte selbst nicht, wie das war, daß ihr jetzt -- nach einer viele

Jahre langen Nacht -- die Blumen so ans Herz wuchsen; sie liebte jede

Blüte einzeln und pflegte sie, wie die Mutter ihr Kind. Und so kam

es, daß man endlich weit und breit keine so schönen Veilchen, Nelken,

Cyclamen, Narzissen und Rosen fand, als im Garten dieses Armenhauses.

Und selbst im Stübchen wollte Irena die lieblichen Geschöpfe nicht

missen, und an Tagesstunden, wo Mütter ihre Kinder zu nähren pflegen,

begoß sie die Blumen, und am Abende, wenn andere Mütter mit ihren

Kindern beten, kniete sie zu den Blumen hin und sprach mit ihnen und

kosete sie.

Eines Morgens, als sie zur bestimmten Stunde nicht aus ihrer Stube

getreten war, fand man sie betäubt vor dem Blumentische liegen. So

hat das arme Weib erfahren müssen, daß auch die Blumen Übeltäter sein

können und daß selbst in den lieblichsten Geschöpfen dieser Erde Gift

verborgen liegt. Soll sie die Blumen deshalb vernichten? Dann wird sie

alles vernichten müssen, was da lebt und strebt, denn was dem einen

erhaltend ist, das ist dem anderen zerstörend. Was bliebe dann übrig

von dieser Welt, die Gott erschaffen hat?

Nun kam ihr auf einmal die Einsicht, dem Schöpfer dürfe man nicht

entgegenarbeiten, und nun erwachte endlich die Reue. Sie begann sich

zu sehnen nach Verzeihung und Trost, und wenn sie so im Garten saß

zwischen den Rosen, da weinte sie still in den hellen Sonnenschein

hinaus und da war ihr, als müsse sie noch einmal gut Freund werden mit

dieser schönen Welt.

Zur selben Zeit ließ sie an den alten Pfarrer ihres Heimatsdorfes

schreiben, daß sie eine Reise machen wolle, um das Dorf und die

Pfarrkirche und den Friedhof noch einmal zu sehen, und ob sie bei ihm

anklopfen dürfe? Die Antwort war, daß der alte Herr Pfarrer Gottfried

schon lange in das bessere Jenseits abgerufen worden sei, daß in

Birkenheide eine fast neue Generation lebe, die sich an Vergangenes

kaum mehr erinnere, und daß sie nur kommen möge, ihre Pfarrkirche und

den Friedhof zu besuchen.

Sie war körperlich erschöpft und hat den weiten Weg doch nicht gemacht,

aber in ihrem Garten hat sie vier Blumenbeete hergerichtet -- just

vier -- und ist zwischen ihnen gesessen.

Geschichten aus Steiermark · 第 18 / 22 段