Da drinnen war's aber schreckbar finster und frostig; der Bursche riß
einen Fensterbalken auf und nach wenigen Minuten brannte auf dem Herd
ein prasselndes Feuer.
»Aber Lenz,« murrte die Annamirl, »was treiben wir denn da?«
»Jausen wollen wir,« entgegnete er, begann in den Schränken
herumzusuchen und fand Schnaps, Kaffee, Zucker und Zigarren.
»Also, Hausfrau, pack' an!« rief der Bursche.
»Nicht einen Finger rühr' ich,« sagte sie, »ich will meines Weges!«
»Schau hinaus,« entgegnete der Lenz.
Draußen tobte ein solches Schneegestöber, daß sie nicht zwei Klafter
weit in die Luft hineinsahen. Die Schneemassen schienen aus dem Boden
zu wachsen, und die Fenster, an denen der Bursche eben die Läden
aufgemacht hatte, schien der Schnee wieder vermauern zu wollen.
»Mach' dir nichts draus, Annamirl,« sagte der schalkhafte Lenz, »zu
Ostern oder Pfingsten wird's schon wieder aper sein, und jetzt wollen
wir Kaffee trinken.«
Der heiße Trank machte das allverzagte Dirndl ein wenig munterer. Das
Stübchen war mittlerweile auch warm geworden, wenn zwar ein bißchen
räucherig, weil der Sturm den Rauch nicht durch den Schornstein ließ.
»In Gottesnamen,« sagte der Bursche, eine Zigarre anbrennend, »so wär'
ich halt wieder im Arrest; aber besser,« er schlang seinen Arm um den
Nacken der Annamirl, »besser gefällt mir doch dieser auf dem Berg, als
wie jener unten in der Stadt. Jetzt wollen wir halt einmal in einem
Herrenhaus unseren Fasching halten, wir zwei.«
Die heilige Katharina wurde von der feucht gewordenen Umhüllung befreit
und auf den Tisch gestellt. Die Annamirl kniete davor nieder und betete
zu der heiligen Märtyrin und Jungfrau um Hilfe und Erlösung aus dem
drohenden Schneegrab. Plötzlich sprang sie auf, gegen den Strohbund hin
und schlug mit dem feuchten Tuche hastig drauflos. Was das bedeutet?
fragte der Lenz. Ja, ob er's denn nicht gesehen hatte, wie vom
Herdfeuer ein Funke in das Stroh gespritzt sei? Da könne das »schönste
Malheur« geschehen! Der Lenz lobte die vorsichtige Hausgenossin.
Sie konnte ihm nun aber nicht ins Gesicht blicken. Es kochte in ihr
etwas wie Zorn gegen ihn, und doch war ihr klar, daß sie heute, bei dem
Einfalle dieses Schneegestöbers, verloren gewesen, wenn nicht er mit
ihr des Weges gegangen wäre. Das einzig Angenehme war ihr, daß sie kein
böses Gewissen zu haben brauchte. So mit ihm allein zu sein -- es geht
ja gar nicht anders. Und er ist im Grunde doch ein guter Bursch!
»Ich weiß nicht, warum ich alleweil den nassen Rock auf dem Leibe
herumschleppen soll!« sagte der Lenz, zog die Jacke aus und hing sie
über den Herd. Es waren aber auch die übrigen Kleider naß.
»Das ist nicht gesund,« sagte die Annamirl, und legte auch ihre Joppe
ab.
»Wir müssen auch inwendig einheizen,« meinte der Lenz und reichte ihr
den Schnapsplutzer.
»Mir ist gerade warm genug,« war ihre Antwort.
»Die Nacht ist lang,« sagte er und nahm selbst einen guten Schluck zu
sich, »wenn wir auch das Herdfeuer nicht ausgehen lassen! Wir werden zu
tun haben, daß wir uns warm halten!«
Darauf sagte die Annamirl nichts mehr, sondern strich an den Tisch hin
und hüllte die heilige Katharina mit der Schürze zu.
Draußen toste der Sturmwind und pfiff schrill zu den Fensterfugen
herein. Es war finster geworden, die Fensterscheiben waren weiß belegt
mit Schnee. Bisweilen ächzten die Wände.
Dem Dirndl war angst und bang, und als der Lenz sich nun zu ihr
setzte, hübsch nahe -- es war ihm heiß und kalt -- schob sie ihn nicht
zurück.
So saßen sie auf dem Strohbunde. Als wäre jedes von ihnen das
Untergehende und klammerte sich ans andere zur Rettung, so war es.
Anfangs, als sie sich anschauten, schlug ein Blick den anderen zu
Boden. Aber endlich hielten sie einander mutig aus und blickten sich
fast krampfig starr an. Wie es ist, wenn man aus scharfer Kälte in eine
weiche Wärme kommt, sie waren halb betäubt und verloren sich sachte in
die Ungründe eines süßen Traumes. Aller Winterschnee -- so empfand es
das Dirndl -- war geschmolzen in einem seltsamen Föhn, rosige Knösplein
sproßten aus der Erde, zwitschernde Vögel umkreisten die grünen Wipfel
-- der Lenz war da. Der Lenz war bei ihr. Fast schon schmolz sie
selbst dahin im Föhn seines Kusses, da war plötzlich in der Stube ein
Gepolter. Die Träumenden fuhren empor, das Dirndl ächzte vor Schreck.
Die heilige Katharina war vom Tisch gesprungen.
Auf dem Boden lag sie hingestreckt und die Annamirl war nüchtern im
Augenblick.
»Wer weiß, was das bedeutet!« sagte sie.
»Ich weiß es: daß der Wind das Fenster aufgerissen und die Figur
umgeworfen hat.«
»Lenz!« sprach sie hierauf mit ernster und doch weicher Stimme. »Ich
habe die heilige Katharina vorhin gebeten um ihren Schutz. Es wäre aus
gewesen. Lenz, ich hab' dich viel zu lieb!«
In diesem Augenblick ein derbes Pochen an der Tür. Das war nicht der
Sturm. Der Bursche öffnete.
Zwei Schneemänner traten herein mit aufgepflanzten Gewehren.
Gendarmen. Sie forderten den Lenz auf, mit ihnen zu gehen, denn er
hätte in das Alpenhaus eingebrochen.
»So, Bub,« sprach das Mädchen mit dem Humor der Verzweiflung. »Dir
hat's ja gar so gut gefallen im Arrest, jetzt kannst gleich wieder
hinein.«
»Oho!« rief der Bursche und stellte sich scharf vor die Gendarmen hin.
»Jetzt frage ich die Herren, für was ist denn dieses Schutzhaus erbaut,
als für Leute, die im Gebirge vom Unwetter überfallen werden? Hätten
wir da draußen vor dem Hause stecken bleiben und erfrieren sollen?«
Das sahen die Herren ein. Sie waren zufällig an dem Alpenhause
vorübergekommen, weil sie in die Baldau wegen des Faschingballes
gingen; und weil sie im Hause etwas gewahr worden, so hätten sie
gemeint, es wären Schelme drin. -- Ob nicht ein warmer Tropfen zu haben
wäre.
Nachdem sie sich mit dem Reste des Branntweins geatzt, verließen nun
die vier Personen selbander das Schutzhaus und kämpften sich zur Not
durch Schnee und Gestöber hinab in die Baldau.
In der Kapelle des Stegrochel steht heute die heilige Katharina. Der
Lenz ist fortgezogen von der Gegend, so erweist die Annamirl der lieben
Heiligen alles mögliche Gute. Ein seidenes Bändchen, eine brennende
Ampel, ein Kranz von Rosen -- sie ehrt frommen Sinnes in dem Bilde die
Blutzeugin und unversehrte Jungfrau. Wohl an der Nase hat es eine ganz
kleine Narbe, das Bildnis -- niemand als die Annamirl weiß, was das
bedeutet.
Die grüne Rose.
»Jesseles, Vefa, lebst du auch noch!« rief die Großbäuerin im Möstelhof
aus, als ein junges heiteres Weib zur Tür hereinhuschte. »Jetzt hab'
ich gemeint, du wärst schon gestorben!«
»A na, gestorben bin ich noch nit,« lachte die Eintretende, »das tu'
ich nicht, daß ich jetzt sterben tät'. Mein Lebtag hat mich 's Leben
nit so gefreut, wie jetzt.«
»Gehst nit!« rief die Bäuerin aus, es war aber kein Befehl,
fortzugehen, es war nur ein Ausruf der Verwunderung.
Man hatte ihr »nichts derteilt«, der Vefa, als sie vor etlichen
Wochen den Schneider Viktor von der grünen Rose heiratete. Der war
als Querkopf bekannt, betrieb außer seinem Handwerk die Rosenzucht
und arbeitete seit Jahren daran, durch Okulationen eine Rosenart
zu züchten, die eine grüne Krone und rote Laubblätter hätte. Alles
andere auf der Welt war ihm Nebensache, ja er hielt die Existenz der
Erde überhaupt für zwecklos, so lange sie nicht grüne Rosen trüge.
Und dieser Mann, Viktor von der grünen Rose, wie er sich nannte, ging
eines Tages in das Kleinhäusel und heiratete ein frisches lustiges
Mädel heraus. Es ist nicht gerade so zu verstehen, als ob er sie gleich
bei seinem ersten Erscheinen im Häusel geheiratet hätte, das erste
Erscheinen verliert sich im Dunkel der Vorzeit. Es stellte sich aber
heraus, daß er jemanden haben müsse, zum Rosenwarten, während er auf
der Ster arbeitete.
»Lach' dich nur recht aus, Vefa!« hatten am Trauungstage die Leute zu
ihr gesagt, »denn bei deinem Schneider wirst du nit viel zu lachen
haben.«
Aber sie lachte heute noch, als sie nun eintrat bei der Großbäuerin im
Möstelhof. Die Großbäuerin war eine Schulgenossin der Vefa, deshalb
konnte sie wohl freundschaftlich fragen: »Daß du die Zeit her nichts
von dir hast hören lassen -- wie soll ich mir denn das auslegen?«
»Das könntest schier von dir selber wissen,« antwortete die Vefa
lachend. »Wenn zwei jungverheiratete Leute nit mucksen, nachher kannst
dir's eh denken.«
»Wie geht's denn mit ihm?«
»Grüne Rosen!« rief sie lachend. »Jetzt bin ich seine grüne Rose.«
»Gehst nit?!« rief die Großbäuerin aus.
»Ja, mein du!«
»Wär' er denn zum mögen?«
»Ich dank' meinem Gott, daß sie sich an ihm verkannt haben, sonst wär'
er kaum für die arme Häusler-Vefa übriggeblieben.«
»Wenn er alleweil nur grüne Rosen züchten will und sonst nichts.«
»Laß dich nit auslachen, Bäuerin,« sagte die Vefa. »Geh her, ich will
dir was sagen. Ganz gleim, so!« Sie flüsterte der Großbäuerin etwas ins
Ohr.
»Gehst nit?« rief diese und schlug die Hände zusammen.
Die andere nickte mit dem Kopf, was soviel sagt, als: Ja, gewiß auch
noch! Darauf haben sie alle zwei hübsch heimlich geduschelt.
»Gelt,« sagte hernach die Vefa, »gelt, Bäuerin, ich kann mich verlassen
auf dich? Was du mir zu Heiligdreikönig gesagt hast, unten bei der
Kirchbrucken? Weißt es nit mehr? -- Weil wir alte Kameradinnen sind,
allzwei. Wenn ich einmal eine Gevatterin sollt' brauchen.«
»Jesseles ja, freilich, freilich. Na, aber daß du dir gar so leicht
merken tust!« sagte die Bäuerin und setzte launig bei: »Soll ich mich
für einen Buben oder für ein Mädel zusammenrichten?«
»Was denn? Freilich für einen Buben!« lachte die Vefa hell auf.
»Jetzt muß ich dir aber doch gleich einen Kaffee machen gehen, weil du
eine so schöne Neuigkeit gebracht hast!«
Sagte es und schoß in die Küche hinaus.
So munter war es hergegangen vor fünfzehn Jahren. Seither hatte der
Schneidermeister Viktor immer die grüne Rose gesucht und die blaue
Blume gefunden. Ja, fast romantisch war die Liebe der beiden Eheleute
zueinander, so ganz wie im Märchen, alle anderen Menschen ausschließend
und einzig nur einander lebend. Gerade mit der Großbäuerin im Möstelhof
pflegte die Vefa noch der Freundschaft, denn die hatte sie blutnötig.
Also kam sie auch heute wieder in den Möstelhof. Ihr Aussehen war
nicht das beste. Die gelblich-braunen Wangen eingefallen, um die Augen
Schattenringe, um die Mundwinkel zwei halbrunde Runzeln, Parenthesen
gleichsam, die noch leidlich roten Lippen einklammernd, als ob diese
eigentlich gar nicht mehr dazu gehörten. Aber sie gehörten noch ganz
kurios dazu, sie lachten auch noch so lebhaft wie vor fünfzehn Jahren,
nur für den Kenner ein ganz klein wenig schrillend, wie ein Glöcklein,
das irgendwo einen leichten Sprung hat.
Als sie jetzt über den Hof ging und ein Häuflein Kinder sich balgen sah
auf dem Anger, rief sie ihnen zu: »Grüß euch Gott, Kinder! Tut's schon
wieder raufen? Ist die Mutter daheim?«
»Die Mutter ist eh in der Kuchel,« antwortete ein etwa fünfjähriges
Dirndl und tollte mit den Knaben weiter.
Als sie hernach vor der Bäuerin stand, hub sie merkwürdigerweise nicht
an zu lachen. Sie redete ein wenig so herum, daß immer schlecht Wetter
sei, -- es war aber sehr schön und warm; daß die Berge steil wären,
-- sie war aber auf ebenem Wege dahergekommen; daß man die Kühe gut
füttern müsse, wenn sie Milch geben sollten, -- sie hatte aber keine
Kuh, bloß zwei Ziegen, wovon die eine auch dann keine Milch gab, wenn
man sie gut fütterte, weil sie trächtig war. -- So voller Ungereimtheit
war alles und die Vefa lachte noch immer nicht. Und endlich, wie sie
gefragt wurde, wie es denn alleweil gehe, riß sie ihre blaue Schürze
ans Gesicht und hub an zu weinen.
»Vefa!« sagte die Bäuerin. »Was ist denn das? Was hast denn? ~Das~ ist
man von dir nicht gewohnt.«
Die Vefa hatte sich auf die Herdkante niedergesetzt, legte nun ihre
Hände wie betend über den Schoß zusammen und sagte endlich ganz
dämpfig: »Meine liebe Möstelhoferin! 's hat halt schon wieder was --
bei mir ...«
»Gehst nit?!« wollte die Bäuerin ausrufen, aber der Schreck verschlug
ihr die Stimme. Sie starrte auf die Schneiderin, sie legte die Hände
zusammen und ging über das Fletz hin.
»Verlaß mich nit, Johanna!« hauchte die Vefa unter fortwährendem
Schluchzen.
Endlich erholte sich die Bäuerin und rief aus: »Das ist ein Kreuz! Das
Neunte! -- Verlaß mich nit! Ist leicht gesagt. Könnt's denn gar nit
gescheiter sein? Seid's doch nimmer so kindisch jung! Schamt's euch
denn nit? Schier alle Jahre eins! Wenn unser Herrgott nit gescheiter
wär' und nit ein Teil wieder zu sich genommen hätt'! Und wenn ich
nicht die drei auf den Hof genommen hätt' -- rein wie in einem
Kiniglhasen-Kobel tät's ausschauen bei euch. Ihr könnt's ja ~die~ gar
nit versorgen, die euch verblieben sind. Und jetzt schon wieder!«
Antwortete die Vefa ganz ergeben: »Wenn sie unser Herrgott schickt, was
kann man machen!«
»Paperlapap, unser Herrgott schickt!« begehrte die Bäuerin fast
gröblich auf. »Den da oben zum Schuldaustragen brauchen, ist freilich
kamod.«
Das wird in anderen Häusern wohl auch sein, und doch gibt der Obere
nicht überall seinen Segen! -- Solches wollte die Vefa schon sagen.
Gottlob, daß sie es glücklich hinabgewürgt hat. Die Großbäuerin hatte
keine eigenen Kinder und möchte erzürnt leicht auch die angenommenen
der armen Häuslerin zurückschicken, wenn so ein ungutes Wort fiele.
Die Vefa zog es also vor, ruhig weiter zu weinen. Und das war auch das
beste. Nun trat die Bäuerin zu ihr hin, tastete nach ihrer Hand und
sagte: »Richtig wahr, man muß recht greinen mit euch. Weil's schon gar!
Daß aber er nit gescheiter ist! Na freilich, ihn brennt's nit. Das
Mannsbild wirft die Kästen ins Feuer, herausholen kann's die Frau, man
weiß eh, wie's geht.«
»Da hätt' ich wohl keine Klage mit meinem Viktor,« sprach die Vefa.
»Tag und Nacht, darf ich sagen, tut er arbeiten und sorgen für uns, daß
er mir gerads blind wird. Hat eh nichts Gutes auf der Welt, der arme
Lapp. ~Eine~ Freud' muß ihm doch vergunnt sein. Lieber Gott, was haben
wir schon voriges Jahr geweint miteinander! Sind einmal die halbe Nacht
auf der Hühnersteige gesessen nebeneinander und haben geflennt. Und
jetzt ist's schon wieder.«
»Es ist wohl schlecht eingerichtet auf der Welt.«
»Gel' ja!«
»Zu viel und zu wenig, überall zu viel oder zu wenig.«
Der Knabe und die zwei Mägdlein jagten zur Türe herein:
»Mutter, der Franzerl tut mich alleweil zupfen beim Krösel!«
»Nit wahr ist's, die Lieserl gibt kein Fried'!«
»Mutterle, gib mir was!«
Mit gutmütigem Brummen schlichtete die Bäuerin den Streit und reichte
den Kindern Butterbrot. Das größte Stück bekam aber die Schneiderin und
nun saßen sie beisammen, die Vefa und ihre Kinder, und diese wußten
es nicht, kümmerten sich gar nicht um sie, machten sich immer nur
schmeichelnd mit der anderen, mit dem »Mutterle« zu schaffen. Darob
tat der Vefa das Herz weh und doch dankte sie Gott und der braven
Großbäuerin, daß die Hascherln hier bei ihrer Patin ein so warmes Heim
gefunden hatten.
Die Vefa ist nachher noch eine Weile am Herde gesessen und hat der
Bäuerin zugeschaut beim Mittagmahlkochen. Die Bäuerin legte Scheiter
über das Feuer, füllte die Wassertöpfe, speckte das Kraut, ballte und
sott die Klöße und war wortkarg. So meinte endlich die Vefa betrübt,
sie werde nun halt wieder gehen müssen um ein Häusel weiter. Als die
Klöße brodelten, sagte die Bäuerin: »Soll's halt noch einmal sein, daß
ich dir's aus der Taufe hebe. Aber du mußt mir's versprechen, Vefa, daß
es das allerletzte Mal ist!«
»Nein, Bäuerin, versprechen kann ich nichts!« gab die Schneidersfrau
mit Eifer zurück. »Versprochen hab' ich dir's in früheren Jahren oft
genug. Das hilft nichts. Jetzt laß ich alles Fürnehmen sein, laß in
Gottesnamen den Herrgott schütten, so lang' er will.« Und nach diesen
Worten lachte sie laut in den Tag hinein.
»Nau, weil du nur wieder lachst!« rief die Bäuerin aus. »Mich ziemt,
ausschelten kunnt ich dich, du Band, du leichtsinniges! Und nachher
tust mir doch wieder derbarmen, du arme, gute Haut! -- Laß mir's halt
sagen. Wird wohl eh noch lang' dauern.«
»Derwarten werden wir's leicht,« lachte die Vefa.
»Und daß du mir Achting gibst, jetzt auf dich! Nit heben und nit
tragen, weißt es ja so. Und wenn es dir nach etwas gelüstet, und ich
kann dir's schaffen, so sag's. Müßt' nur sein, daß du einen Bäcker in
den Arm beißen wolltest, den kunnt ich dir nit schaffen.«
»So noble Passionen hab' ich wohl nit!« lachte die Vefa.
»Und daß du sonst was zu beißen hast, werden wir halt schauen. -- Da,
Alte, Gute, Dumme! Nimm für deine kleinen Fratzen den Milchplutzer mit.
Und deinen Schneider, wenn er einmal Zeit hat, den schickest zu mir.
Dem werd' ich einmal was sagen!«
»Vergelt's Gott, Bäuerin, bis in den Himmel hinauf!« flüsterte die Vefa
und eilte mit dem Plutzer davon.
Den Schneider aber hat sie nicht geschickt.
Die Blumenmutter.
Ich habe gesehen, als sie vorübergeführt wurde. Die Landwächter mußten
das Volk mit Gewehrkolben zurücktreiben, daß es sich nicht auf die
Gefangene stürzte und sie erwürgte.
Eine schlanke, noch jugendliche, fast schöne Gestalt. Aber blaß die
zusammengekniffenen Lippen; in den Augen ein ruheloses Feuer, das jeden
Blick versengte, den es traf. Die glanzlosen Haare hingen in langen
Strähnen wirr über Achseln und Angesicht, denn sie hatte keine Hand
frei, um sie zurecht zu streichen. Ihr Kleid war wie die Gewandung
der anderen Dorfweiber, die ihr jetzt die Fäuste entgegenballten und
gräßliche Flüche zuschleuderten.
Frau Irena Eman war's, die Witwe des ein Jahr früher verstorbenen
Schuhmachers Eman, ein stilles, braves, doch zeitweise überspanntes
Weib, das fünf unmündige Kinder zu versorgen hatte und daher bisweilen
das Mitleid der Dorfbewohner anrufen mußte.
Die Leute sind barmherzig, sie geben und helfen, wo es not tut; die
Bauern lassen unter sich keinen verhungern, aber für ihre Wohltaten
wollen sie auch zeigen, daß sie höher stehen als die Beschenkten, und
klüger und braver sind, und so schimpfen sie denn gelegentlich tüchtig
auf ihre Schützlinge los. Bei der Irena Eman hatten sie freilich nicht
ganz unrecht, denn, wenn die Person fünf Kinder -- und das gesunde,
schöne, herzige Kinder -- zu ernähren hat, so soll sie arbeiten oder
Arbeit suchen, anstatt in den Wallfahrtskapellen umherzuknien und für
das Fortkommen und Seelenheil ihrer Jungen zu beten, während diese
halbnackt und unbeaufsichtigt vor der Hütte sich herumbalgen, sich ins
Dorf hinein verlaufen und Brot suchen, wo sie es finden.
Irena Eman war oft gar erregt und verzagt und trotz ihres Betens und
der guten Lehren, die sie jeden Tag spendete, waren ihr die Kinder
nicht sanft und fromm genug und sie sah, wie die Zucht, die sie sich
vorgenommen, nicht fruchtete oder ganz anders, als sie erhofft, und daß
auch ihre Kinder nicht anders waren, als andere Bettelkinder, nämlich
leichtsinnige, verschmitzte und tollwitzige Rangen. Sie am wenigsten
hätte das Recht, in dieser Sache so streng zu sein, meinten die Leute.
Sie wollte aber keine bösen, verdorbenen Menschen heranziehen --
solche gäbe es ohnehin genug -- eher betete sie nach dem Vorbilde der
Heiligen, daß Gott die Geschöpfe lieber in ihren jungen Jahren zu sich
nehmen möchte, als sie in dieser Welt verderben und in der anderen
verloren gehen zu lassen.
So kniete sie eines Tages in der Kapelle zu den drei grünen Bäumen und
schüttete ihr geängstigtes Herz aus. Der Bäckermeister Veit ging auf
sein Feld hinaus, denn dort arbeiteten die Schnitter beim hochreifen
Korn. Als er das Weib am Eingang der Kapelle knien sah, trat er zu ihr
hin und sagte: »He, du fromme Schusterin, du! Leckest dem Herrgott vor
lauter Andacht die Zehen ab und schickest deine Kinder zum Brotstehlen
aus!«
»Wer?« fragte sie und erhob sich von dem feuchten Stein, »wer schickt
-- zum Brotstehlen aus!«
»Ja, das glaub' ich, daß du's nicht eingestehen wirst. Nur schade, daß
wir dein sauberes Töchterl ertappt haben.«
»Mein Kind hätte Brot gestohlen?« fragte das Weib und ihre Stimme war
seltsam tonlos. »Meister, sag' es noch einmal, wenn du kannst; sag' es
da vor dem Herrgottbild! Das ist bös' von dir, daß du mir einen Stich
ins Herz gibst; so gottverlassen sind meine Kinder nicht.«
»Deinen Kindern kann man's nicht aufmessen,« sagte der Bäcker, »die
sind hungrig. Aber du! du!«
»Ich!« rief das Weib und fuhr dann wie sinnend fort: »Hast schon recht,
Bäcker, ich! Wer hat sie geboren? Ich! Wer hat sie zu verantworten? Wer
muß es jetzt anders machen? Ich. Geh nur deines Weges, Meister, deine
weiten Felder sind alle reif. Meine Kinder werden dir kein Brot mehr
stehlen.«
Der Bäcker schritt über die Felder hin und freute sich im hellen
Sonnenschein an dem Segen Gottes, der ihm so reich geworden, und nahm
sich vor, den Armen die Gabe zu reichen, bevor sie die Hand rechtlos
nach derselben ausstrecken müssen.
Irena Eman ist hinabgegangen zu ihrer einschichtigen Hütte, hat ihre
Kinder -- aber nur vier waren da -- zusammengerufen in die Küche, an
den steinernen Herd, daneben der Block zum Holzspalten stand. --
Eine kleine Weile später trat sie aus dem Häuschen, in welchem es still
geworden war, und ging rasch gegen das Dorf hin, um das fünfte, den
achtjährigen Knaben, aus der Schule zu holen.
Eine Nachbarin, die des Weges kam, fragte sie, was sie denn so eilig
vorhabe?
»Was hat er denn jetzt in der Schule zu tun, der Junge!« rief die
Schuhmacherswitwe.
»--s ist ja Schulzeit,« sprach die Nachbarin.
»Er soll heimgehen. Er lernt nichts Gutes!«
Dabei war ihr Wesen so sonderbar, daß es der Nachbarin einfiel zu
fragen: »Wo hast denn deine anderen Kinder heut', Emanin?«
»Die schlafen schon,« gab das Weib zur Antwort und eilte vorüber.
Nicht lange währte es, so kam denselben Weg, den Irena gekommen, eine
genauere Nachricht. Der Bote war atemlos, er stöhnte und konnte kaum
ein verständliches Wort hervorbringen.
»Die Kinder!« schnaufte er und schlug immer wieder die Hände zusammen,
»vier Kinder hat sie --«
»Fünfe hat sie,« vervollständigte ein vorlauter Dörfler.
»Vier Kinder hat sie ermordet!«
Da ging ein Schrei des Schreckens durch den Ort; man lief der
Wahnsinnigen nach und holte sie ein, bevor sie noch das Schulgebäude
erreicht hatte.
Und eine Stunde später haben sie zwei Landwächter davongeführt.
Die Hütte der Schuhmachers-Witwe war von Menschenschwärmen umgeben,
aber die Tür war schon polizeilich verschlossen.
Alles wollte durch das Fenster in die Stube hineinschauen, aber jeder,
der es tat, prallte mit einem Schreckrufe zurück. In der Stube standen
die gewöhnlichen Einrichtungsstücke, aber unter der Küchentürschwelle
zogen sich ein paar braunschwarze Rinnstreifen herein und weit über den
Fußboden hin. --
Als bei den Leuten die erste Ohnmacht des Schreckens vorüber war,
lösten sich die Zungen. Zuerst taten sie ihre Empfindungen dar, die
Wut gegen das entmenschte Weib, das Mitleid mit den hingeschlachteten
Kindern. Dann kam ihre Weisheit.
»Für eine solche Bestie ist das Henken viel zu gering!« sagten mehrere.
»Heiliggesprochen wird sie!« behauptete ein hagerer Bauer vom
Kreuzberge.
»Schäme dich, Kreuzbauer!« rief ihm ein anderer zu, »bist sonst so
fromm und verlästerst die Religion.«
»Verlästern meinst? Aber das möcht' ich wissen!« verteidigte sich der
Bauer vom Kreuzberge. »Wenn du dein Lebtag einmal eine Heiligenlegende
hast aufgeschlagen, so wirst du wissen, daß die Heiligen lieber
gestorben sind, als daß sie Sünden hätten begangen. Christliche Eltern
wirst du alle Tage beten sehen, daß Gott ihre Kinder lieber in der
frühen Jugend zu sich nehmen soll, als daß sie aufwachsen und schlechte
Menschen werden. Aber wenige wirst finden, die vor lauter Lieb' zu
ihren Kindern den Heldenmut haben, sie rechtzeitig aus der Gefahr zu
retten. Darum soll man solche, die Gott zulieb' ihr Allerliebstes
hinopfern, wie es der Vater Abraham auf dem Berge Moria hat tun wollen,
heilig sprechen.«
»Und in den Narrenturm stecken!« rief ein anderer dazwischen.
»Überlassen wir das Urteil dem Gerichte,« sagte nun der Pfarrer, der
gebrechlich auf seinen Stock gestützt herbeigekommen war und die Leute
zu beruhigen suchte. »Die Toten übergeben wir dem Herrn. Aber was soll
nun mit dem verwaisten Knaben geschehen?«
»Wo ist der Knabe?« schrien jetzt mehrere durcheinander, »der soll's
nun erfahren, was er für eine Mutter hat!« --