Der Oberinspektor hatte aufmerksam zugehört und nun sagte er ganz

schlicht: »Also zufrieden waren Sie! Ich bin es aber nicht, daß Sie's

nur wissen, und ich denke, daß Sie gestern Ihren letzten Dienst

versehen haben, ~wenn~ es der Fall war. Denn heute haben Sie ihn nicht

mehr versehen.«

»Aber eine Lebensrettung, Herr Oberinspektor!« wagte der

Stationsvorstand einzuwenden.

Der Herr blickte diesen betroffen an. »Sie sagten: Eine Lebensrettung,

Herr Stationsvorstand. Wissen Sie, wir nehmen auf unserer Strecke keine

Beamten auf, damit sie allfälligen Rangen auf Feld und Flur das Leben

retten. Wir haben sie, damit sie über das Leben derer wachen, welche

sich unserer Eisenbahn anvertrauen. Während das eine Leben gerettet

wurde, konnten ein paar hundert andere auf der Strecke verunglücken --

wie?«

»An das habe ich wohl nicht gedacht,« sagte der Bahnwächter.

»Es scheint! -- Was haben Sie denn gedacht?«

»Ich habe nichts gedacht. Ich habe nur gedacht: Jesus Maria, das Kind

ist ins Wasser gefallen.«

»Ja sehen Sie. Wenn Sie in dem Augenblick, als ein vollbesetzter Zug

herankommt und Ihre ganze Aufmerksamkeit heischt, nicht an den Zug

denken, sondern an das, was draußen auf der Wiese fliegt und kriecht,

da können wir Sie nicht brauchen. Das sehen Sie doch ein.«

»Ich sehe es ein, Herr Inspektor, ich habe schwer gefehlt; möchte aber

halt doch bitten --«

»Sie sehen es ein und bereuen es?«

»Ich möchte halt wohl bitten, Herr Oberinspektor. Ich habe ja sonst

meinen Dienst immer gewissenhaft verrichtet. Der Herr Stationsvorstand

wird's auch sagen.«

»Er ist schon fünf Jahre auf dem Posten,« bestätigte der Vorstand, »und

hat nicht den geringsten Vermerk.«

»Na, gut. Also Heimgartner, Sie bereuen es und versprechen heilig, daß

dergleichen nicht mehr vorkommt?!«

Der Bahnwächter schwieg.

»Sie versprechen mir das, Heimgartner?«

Dieser zuckte die Achseln.

»Ich frage Sie, ob Sie das versprechen?«

»Mein Gott,« sagte der Bahnwächter mit schwankender Stimme, »wie kann

man denn so was versprechen! Wenn halt ein Mensch in Todesgefahr ist

und man kann zugreifen, so denkt man nicht erst: Soll ich das? Darf ich

das? -- Man ~tut's~.«

»So. Man tut's, sagen Sie. Und werden Sie mit eigener Lebensgefahr auch

einen Eisenbahnzug retten?«

»Da wird der Mensch auch nicht viel denken: Das ist deine Pflicht.

Man tut's bloß. Und wenn ich ein Bauer bin auf dem Felde, oder

ein Straßenvagabund, dem es strenge verboten ist, den Bahnkörper

zu betreten; wenn ein Eisenbahnzug in Gefahr ist und ich kann

beispringen, die Weiche richtig zu stellen, oder so was, so tu' ich's.«

Der Inspektor konnte schon nicht erwarten, bis der Wächter ausgeredet

hatte. »Heimgartner,« sagte er, »für die Strecke sind Sie nicht zu

brauchen. Sie stellen sich großmütig in den Dienst der Menschheit, wir

aber müssen von unseren Leuten verlangen, daß sie sich in den Dienst

unserer Bahn stellen. Dafür werden sie bezahlt, und nicht dafür, daß

sie eine Rettungsgesellschaft für alle Welt bilden sollen. Mit der

nächsten Post erhalten Sie den Laufpaß. Basta!«

Der Franz Heimgartner zuckte wieder die Achseln, verneigte sich und

ging zur Tür hinaus.

Draußen stand ein alter, gebückter Mann, dem das weiße Haar auf die

Schulter niederhing. »Ist er das?« fragte dieser einen Beamten und

zeigte mit dem Finger auf Heimgartner. »Ihr seid es? Aber seid Ihr's

denn richtig, Mensch? Seid Ihr denn nicht noch naß? Ach, freilich

seid Ihr's!« so rief der alte Mann leidenschaftlich dem Bahnwächter

zu und torkelte auf ihn hin, erhaschte seine Hand und drückte seinen

Mund darauf und seine Wange. »O du Hand, du! O du liebe, brave Hand,

du! Mein Buberl hast mir aus dem Wasser gezogen. Mein einzig's

Herzensbuberl. Weg wär's! In den Fischerlhimmel wär' es gefahren! Nasen

und Mund voller Schlamm, so hätten sie's herausgezogen morgen oder

übermorgen. Hi, hi, hi, so lass' mir's doch, Bahnwächter, diese brave

Hand, du, du!« -- Und er hörte nicht auf, sie zu herzen und zu küssen,

und dabei lachte er grell.

»Aber Großvater!« rief hinter ihm ein jüngerer Mann, »seid nicht

kindisch! -- Ihr müßt ihm schon verzeihen, Bahnwächter. Er ist

halt ganz aus dem Häusel. Geht mir selber nicht viel besser.

Verscheidenläuten täten sie jetzt auf dem Kirchturm, wenn ihr nicht

wäret gewesen. Wie dem Nachbarsdirndl wär's ihm ergangen, unserem

Friedl. Das Mädel ist auch so ertrunken vor zwei Jahren. Mein Gott,

jetzt bin ich hergekommen und weiß nicht, was ich soll sagen. Mein

bestes Paar Ochsen -- gern, gern. Für so was kann man nicht danken

genug! Und die Milch sollt Ihr haben, so lang' Ihr sein werdet auf dem

Wächterhaus.«

»Ich werd' nicht mehr lange drauf sein,« sprach der Bahnwächter und

lachte bitter.

»Gelt nein! Gelt nein!« rief der junge Bauer. »Ihr tut jetzt avancieren

und das g'hört sich auch. Nur sagen tut es, was wir Euch geben dürfen.

's ist unser erstes Kind -- und leicht auch unser letztes. Der Donner

noch einmal! Daß der Fratz immer so herum zu kranzen hat beim Wasser!

Ist er nur erst ganz trocken, der kriegt's! Der kriegt's von mir!« --

In Zorn hatte er sich geredet und mit dem Arm machte er die Bewegung

des Züchtigens.

In demselben Augenblick kam die Mutter mit dem Knaben herbei. Der war

schon trocken und hatte sein Sonntagsgewand an. Und hatte noch einen

roten Hals, weil er daran gerieben worden war. Als der Bauer sein

Söhnlein sah, sprang er drauf hin, riß es vom Boden empor an seine

Brust mit Leidenschaft. Das war wohl die ganze Züchtigung dafür, daß

der Junge auf den Weidenbüschen immer so »herumkranzte« und ins Wasser

fiel. -- Die Bauersfrau war gekommen, um in bewegenden Worten ihr

dankbares Herz auszuschütten vor dem Lebensretter. Nun stand sie vor

ihm und schluchzte in die Schürze und konnte kein Wort hervorbringen,

und schämte sich, daß sie gekommen war, um ihm vorzuweinen. Plötzlich

fuhr sie auf und schrie zornig dem Knaben zu: »Nau, wirst gehen!?

Bedank' dich bei ihm, daß d' lebst!«

Der Bahnwächter stand betroffen da und wußte nichts zu sagen. Da legte

der Oberinspektor ihm die Hand auf die Achsel und schnarrte barsch:

»Das muß Sie ja freuen, Heimgartner! -- Sagen Sie einmal, wollen Sie

nicht nach Wien? Ein Mann mit der Rettungsmedaille findet leicht eine

Stelle. Bei der Sicherheitswache, oder als Flußaufseher, oder in einem

Bureau. Besser wie auf der Strecke geht's Ihnen überall, und was in

meinen Kräften steht -- --«

Der Heimgartner besann sich. Dann sagte er: »Schön' Dank, Herr

Oberinspektor. Ist gut gemeint. Aber weil ich schon einmal zufällig

frei geworden bin, so will ich ein bissel frei bleiben. Vielleicht läßt

sich auch außer Dienst was schaffen!«

Der Oberinspektor hatte wieder begonnen auf dem Platz lebhaft hin

und her zu gehen. Dabei knurrte er: »Außer Dienst, natürlich! Außer

Dienst!« Plötzlich blieb er stehen vor dem entlassenen Bahnwächter:

»Sie haben recht. Die besten Dinge geschehen außer Dienst!«

Die schlaue Almerin.

»Jetzt möcht' ich schon wissen, ob dieser Jager denn nit zum derwischen

ist!« sagte die schöne Heidel zu sich. Sie redete nämlich immer laut

mit sich selber, wenn sie allein war; sonst wird es schon immer einmal

zu langweilig, wenn der Mensch nicht sein Diskursel führen kann so

unterwegs auf die Alm. Die Heidel hatte aufgepackt, sie war um und

um voll Milchreinen, die an den Henkeln zusammengebunden über ihren

Achseln hingen, so daß man sie wundershalber mit einem Tonplutzer

vergleichen konnte, der einen hohlklingenden Ton gibt, wenn man mit dem

eingebogenen Finger an ihm klöpfelt. Oder sie hätte zur Not auch eine

aufrechtstehende Schildkröte -- eine sehr große -- vorstellen können,

bei welcher aber das Köpflein aus den Schalen frei hervorstand, was

ein großes Glück war. Gelb und rot steht ums Himmelswillen ja nicht

zusammen! Na, das wollen wir erst einmal sehen, ob dieses Haar, das so

gelb ist, wie die reife Weizenähre im Schnitt, und dieses Rundgesicht,

das so rot ist, wie eine Mohnblume im Korn, nicht zusammenstimmt! Ganz

kurios! Und wenn man noch die Kornblumen ihrer Augen dazutut, so hat

man das ganze Kornfeld beisammen und es fehlt nur der Schnitter.

»Das muß doch derlogen sein, daß dieser Jager nit zum derwischen ist!«

sagte die Heidel zu sich, und der Schreiber muß schon närrisch in das

Ding verliebt sein, weil die Beschreibung so gespreizt und konfus

ausfällt. Ein frisches Dirndl, das mit Milchreinen beladen auf die Alm

geht -- punktum, das ist deutlich genug.

Der Jäger vorne, der zwischen jungen Kiefern und Lärchen mit seinen

nackten Knien so gelenkig ansteigt, scheint wirklich nicht die Absicht

zu haben, von einer jungen Almerin sich derwischen zu lassen, auch wenn

sie mit den Tonschüsseln klappert. So wie sie Geselligkeit suchte,

schien es ihm gerade einmal um Einsamkeit zu tun zu sein im grünen

Wald. Endlich hatte sie ihn aber doch, und als er auf ihren Anruf:

»Stad, Jager, stad, daß dich der Wind nit draht!« stehen blieb und

zurückschaute, rief sie wie jauchzend aus: »Uh Jesseles! Na, das hat

sich jetzt einmal ausgezahlt, daß ich mir schier die Lungel abgelaufen

bin!« Denn der Jäger war durchaus nicht so jung, als es nach seinem

frischen, geschmeidigen Ansteigen zu vermuten gewesen wäre, er hatte

einen grauen Schnurrbart und das verwitterte Gesicht konnte durch die

Schatten des breitkrämpigen Älplerhutes nicht mehr mit Belang verdeckt

werden.

Der Jäger blickte dieser angehenden Weggenossin lächelnd zu und fragte:

»Nun sage doch einmal, was hat sich denn ausgezahlt?«

»Weil ich glaubt hab', es wär' ein Jüngerer!« rief sie hell aus, und

setzte lachend, daß es nicht so schlimm gemeint sei, dazu: »Ich bin die

jungen Jager halt gewohnt.«

»So! Ich glaube dir's gern.«

»Wenn das Hirschel schon derschossen sein muß, so steht's alleweil nur

den Jungen an. Die Alten sollen froh sein, daß sie selber leben.«

»Sind nicht auch die Jungen froh, daß sie leben?«

»Na, ich denk' wohl, daß sie froh sind,« sagte das Dirndl. »Daß sie

halt mit dem eigenen Leben frei nit zufrieden sein mögen.«

»Aha, ich verstehe dich schon,« sagte der Jäger. »Sie wollen nebenbei

auch noch Hirscheln erschießen und saubere Mädeln lieben.«

»Derraten hat Er's!«

»Du scheinst es aus Erfahrung zu wissen,« sagte er und klopfte mit dem

eingebogenen Finger an eine der Milchreinen.

»Gelt, einen hellen Klang hat sie?« sprach das Dirndl. »Hat auch einen

Zwanziger gekostet, und wenn Er einmal in meine Hütten kommt, kann Er

Milch daraus löffeln. Die Jager tun's eh gern.«

»Und bist wohl selbst im Besitz eines jungen Jägers?«

»Wer kunnt mir's verdenken!«

»Ich gewiß nicht.«

»Wenn sie mir ihn nit weggenommen hätten!«

»Weggenommen? Dir deinen Jäger? Die Weibsleute etwa?«

»Geh, die Weibsleut'! Vor denen möcht' ich mich wohl derwehrt haben,

denk' ich! Von den Weibsleuten laß ich mir keinen Jager wegnehmen!«

»Von wem denn sonst?«

»Von einem, der ein bissel stärker ist als unsereins!«

»Na, da wäre ich schon begierig, wer das einem so feinen Mädel zuleid'

tun könnte!«

»Das kann Er sich denken! Wer wird's denn sein, der allen armen Dirndln

ihre schönen kernfrischen Burschen wegnimmt! Der Kaiser halt!«

»Ach ja so. Beim Militär ist dein Liebster! Na, ich gratuliere dir!«

»Ja, und ich bedank' mich schön!«

»Soldat sein für Kaiser und Vaterland ist jedem eine Ehre!«

»Ja, und 's Derschossenwerden? He? Wenn ich einen Schatz hab', so will

ich ihn heiraten, und nit, daß ihn die Russen derschießen!«

»Pah, jeder Soldat wird nicht erschossen. Und schon gar mitten in der

Friedenszeit!«

»So möcht' ich doch wissen, zu was der Kaiser mitten in der

Friedenszeit Soldaten braucht!«

»Das ist einmal so eingerichtet, liebes Kind. Leider niemand kann's

ändern. Ich bin auch Soldat.«

»Na, gute Nacht!« rief das Dirndl lachend aus. »Da muß Er schon schön

lang' dienen!«

»Länger jedenfalls, als dein dreijähriger.«

»Was hat Er denn lauter angestellt, daß sie Ihm den Abschied nit wollen

geben!«

»Es scheint, sie brauchen ihn immer noch,« sagte der Jäger, der sich

auf einen Baumstock niedergesetzt hatte und an den Antworten der

Almerin sein Wohlgefallen fand.

»Nachher wird Er halt so ein Öberster sein,« meinte sie, »so ein

Ofizierer, oder wie sie heißen, gelt?«

»Es mag schon sein, mein Kind.«

»Und geht so im Jagern um?«

»Bisweilen.«

»Gelt, geschossen muß sein. Weil just kein Feind ist, geht's aufs

Wildbret.«

»Nicht jeder Jäger geht des Schießens wegen umher. Es gibt auch andere

Annehmlichkeiten dabei.«

»Mein Jager sagt's auch. Alßer lebendiger, sagt er, schaut man die

Hirschlein und Rehlein lieber an, als daß man sie gleich allemal

niederpufft. Tät auch nit dürfen, ist nit dazu da, daß er schießt, es

müßt' ihm nur ein Wildschütz zu nah kommen. Ist angestellt, daß er das

Wild tut hegen und halten, bis die großen Jachten sind und der Kaiser

selber kommt. Der Kaiser tut so viel gern jagen.«

»Kommt der Kaiser also mitunter selbst in diese Gegend?« fragte der

fremde Jäger.

»O, oft!« rief das Dirndl aus. »Schier alle Jahr' einmal, sagen die

Leut'.«

»So hast du ihn wohl auch schon einmal gesehen?«

»Ich? Den Kaiser? Da müßt' ich lügen, wenn ich sagen wollt', wie der

ausschaut. Bin erst im vorigen Jahr vom Boigtal herüber. Dort kommt er

nit. Mein Franzl sagt, ein recht kommodter Herr. Und schießen! Wie der

gut schießen kann!«

»So! Wirklich?«

»Freilich ist's keine Kunst, im Tag a Stuck a dreißig Hochwild

strecken, wenn von der ganzen Gegend die Leut' da sind, die ihm's in

den Schuß treiben.«

»Würde es der Kaiser nicht manchmal vorziehen, für sich zu pürschen,

anstatt daß ein ganzes Heer von Jägern und Treibern aufgeboten wird?«

»Das wird er sich eh einrichten, wie er will. Und soll ihn der Herr

Jager nur selber fragen, wenn er kommt zu den Jachten. Jesses, die

heben ja schon in dieser Wochen an. Im vorigen Jahr ist der Franzl

noch dabei gewesen, da hat's allemal ein gutes Trinkgeld gesetzt. Heut'

steht der arme Kerl beim Regiment und hat er geschrieben, nix tät ihm

so leid, als daß er bei den kaiserlichen Jachten nit kann dabei sein.

-- Wenn ich nur wen tät' wissen, der sich für ihn möcht' verwenden.«

»Wie heißt denn dein Jäger?«

»Ich bitt', Franz Kaltenbacher. Beim siebenundzwanzigsten

Infanterieregiment. Wird sich's der Herr merken?«

»Hoffentlich.«

»Tät's nit doch sicherer sein, wenn es der Herr wollt' aufschreiben?

Hat Er nix kein Papierl bei sich?«

Der Jäger zog ein Notizbuch hervor und schrieb Namen und Regiment

hinein. Das Dirndl klatschte in die Hände. »Jetzt krieg' ich meinen

Jager wieder!« jauchzte sie.

»Versprechen kann ich nichts, mein Kind!«

»Ich weiß schon, Herr Jager. Er ist gewiß selber ein Ofizierer und

leicht mit dem Kaiser auch noch bekannt, leicht gehört Er gar zur

Jacht. Es braucht nur ein Wörtl.«

»Versprechen kann ich trotzdem nichts.«

»Aufs Versprechen steh ich auch nit an, wenn Er's nur tut halten, daß

der Franzl heimkommt. Vergelt's Gott. Und nix für übel, daß ich so keck

hab' dahergeredt, wir grobe Bauersleut' verstehn's halt nit besser. Und

jetzt wünsch' ich guten Anblick und daß dem Herrn Jager kein altes Weib

begegnet!«

»Es ist schon gut! Es ist schon gut!« Mit diesen Worten winkte der

fremde Jäger ab und schlug seinen Weg seitlings ein durch die Lärchen.

Das Dirndl kam mit den klappernden Reinen ganz glühend auf die Alm und

vertraute es den Genossinnen, was sie für eine Begegnung gehabt hätte.

Mit einem Jager von den kaiserlichen Jachten sei sie zusammengekommen,

der aber ganz wer anderer ist, als ein Jager, ganz wer anderer! Mehr

will sie nicht sagen! Sie hat ihn wohl erkannt, wer wird ihn nicht

kennen, wo ihn jedes im Geldtaschel hat! Aber sie hat sich recht

einfältig gestellt und so getan, als täte sie ihn nicht kennen, gerade

wie es in den Kalendergeschichten vom Kaiser Josef zu lesen steht. Und

sie hat ihm gleich vom Franzl derzählt und daß sie ihn gern daheim

hätt', tausend Gottsfreuden gern daheim! Und er hat ihn in sein Büchel

geschrieben. Glück muß man haben und schlau muß man sein! --

Wie es mit dem Glücke und der Schlauheit ausgesehen hat? -- Sie

erwartete den Franzl schon in der ersten Woche mit Sicherheit. Es

wird ja gleich der Befehl ergangen sein: den Franz Kaltenbacher

heimgehen lassen, der Kaiser braucht ihn zum Jagern und sein Dirndl zum

Gernhaben! -- Aber der Franzl kam in der zweiten Woche noch nicht, und

er kam in der dritten nicht. Und er ist gar nicht gekommen vor Ende der

Dienstzeit. Schlau war das Dirndl freilich, aber der fremde Jäger war

auch kein heuriger Has.

Die heilige Katharina.

Als der achtzehnjährige Bursche, die Hände in den Hosentaschen, durch

das Städtchen schlenderte, guckten ihm die Mädchen und Weiber nach.

»Das ist er!« flüsterten sie.

»Er muß entsprungen sein,« sagte eine, »es ist nicht denkbar, daß sie

einen Mörder nach vierzehn Tagen wieder auslassen. Die Standarn werden

ihn gleich haben!«

»Wenn ihn der Schutzengel nur in mein Haus wollt' führen. Bei mir

findet ihn keiner.«

»Ich habe gehört, er soll gehenkt werden.«

»Um den wär's schad'!«

Der Bursche kümmerte sich um solches Schwatzen der städtischen

Weibsleute nicht. Er trachtete, daß er aus dem »Stadtl« kam und schritt

dann über die winterlichen Felder dahin. Die Welt war voller Nebel

und der Bursche voller Freuden. »Hübsch ausgerastet sind wir, und

morgen ist der Faschingstanz daheim beim Scheibenwirt in der Baldau.

Der Arrestdiener hat uns gesagt, jetzt, weil wir den Raufhandel haben

gehabt und gesessen sind, jetzt werden wir uns vor den Dirndln nicht

erwehren mögen. Wollen halt einmal sehen, was an der Sache ist.«

Ein hübscher Junge war's. Feine Stiefeln trug er, vorne gespitzt und

Wichsleder! eine schwarze Tuchhose, ein grauer Lodenrock, aus dessen

Brustschlitz eine »juchtene« Zigarrentasche lugte, ein Hütchen aus

Hasenhaaren, etwas schief auf dem lichtblonden Köpfel; eine rotseidene

Halsbinde flatterte am weißen Hemdkragen, im frischen Gesicht ein

junges Schnurrbärtchen, die braunen Augen munter in den Nebel blickend!

Entsprungene Sträflinge sehen nie so aus, entlassene selten!

Plötzlich hörte er hinter sich eine Stimme: »Muß doch sehen, wegen was

der Herr Arrestant gar a so laufen tut.«

Das war schon eine. Die feine Chorsängerin von der Baldau war's, des

Stegrochel Anna Maria. Sie sah aus wie das junge Leben; dem Winter

sagt man nach, daß er nur Eisblumen wachsen lasse. Verleumdung. Auf

die Wangen der herzigen Dirnlein malt er Rosen, wie sie der Frühsommer

nicht schöner hat. Trotzdem sie unter dem Arm einen in blaues Tuch

gewickelten Gegenstand trug, der nicht gar leicht zu sein schien,

schwebte sie zierlich auf dem Schneeweg heran, bis sie vor dem Burschen

stille stand und sich ausschnaufte.

»Jetzt hab' ich dich,« sagte sie.

»Und ich dich auch,« sagte er.

»Tust eh auch in die Baldau hinüber,« sagte sie, »nachher gehen wir

miteinander.«

»Und macht's dir nichts, daß du mit einem Verbrecher gehst?« fragte er

munter.

»Hast recht,« antwortete sie, »mit dir soll eins jetzt gar nimmer

umgehen. Der Thoma tut zwar schon wieder Holz schneiden. Die Schramm'

am Kopf wär' schon lang' heil, wenn er der Zwickelschusterin ihr

Pflaster nicht drauf hätt'. Kunnt'st ihm aber auch den Schädel

eingeschlagen haben, du Wildling, du! Wegen was ist's denn eigentlich

hergangen?«

»Kannst dir's wohl denken, der Weiberleut' wegen. Er hat mir vor allen

Leuten zugeschrien, ich wär' noch ein junger Rotzlecker und tät' keine

kriegen. Aber du kriegst eine! hab' ich gesagt, da hat er auch schon

eine gehabt.

»Vetter,« sagte das Mädchen, als sie nun auf dem enggeleisigen

Schlittweg nebeneinander hingingen, wobei einmal er an sie, einmal sie

an ihn anstrich, »daß ich dir's nur sage, mir ist's nicht alles eins

gewest, wie sie dich haben fortgeführt. Gelt, Lenz, von jetzt an bist

wieder brav und daß du nimmer eingesperrt wirst.«

»Wenn mich wieder einer schimpft, so schlag' ich wieder zu!« sprach er

schneidig.

»Ist denn das ein Schimpf, wenn einer sagt, du kriegst keine?«

»Das ist einer.«

»Und weißt es denn, daß du eine kriegst?«

»Bis jetzt hab' ich keine mögen.«

»Da hast du ganz recht gehabt, Vetter, das ist ganz gescheit von dir.«

»Was heißest denn du mich alleweil Vetter?« war seine Frage.

»So, das weißt nicht? Wie wir zwei miteinander verwandt sind, weißt

nicht? Von deiner Mutter die Schwester ist meine Godl (Patin).«

»Du, Annamirl,« sagte der Bursche, »da weiß ich eine viel nähere

Verwandtschaft miteinand. Dein Vater und mein Vater sind zwei Brüder

g'west.«

»Jesses Maria.«

»Das ist gewiß. Der meine dem Stockbauern sein Bruder, und der deine

der Scheibenwirtin ihrer.«

Kriegte er einen Klaps auf den Mund.

Der Weg stieg bergan, sie hatten den Kilmstock zu übersteigen und zu

trachten, daß sie noch vor dem Einbrechen der Nacht in die Baldau kämen.

»Geh, Annamirl,« sagte der Bursche nun, »wirst deinen Striezel selber

schleppen, gib ihn her.«

»Das ist ja kein Striezel nicht,« sagte das Dirndl lachend, »und ich

will meine Sach' schon selber tragen.«

»Was ist es denn?«

»Kannst raten? Aber nicht greifen.«

»Das Ding,« meinte der Lenz, mit dem Blicke prüfend, »schaut sich

gerade an wie ein Stiefelknecht.«

»Wenn du so tief unten anhebst, kannst hundert Jahr' raten,« lachte sie.

»Ist's am End' das Wetterfahndl zu eurem neuen Hausdach?«

»Noch zu tief.«

»Wenn das auch noch zu tief ist, nachher laß ich's sein.«

»Magst nicht so gut sein und ein Stückel in den Himmel hinauf raten?«

»Von wo hast es denn her?«

»Aus dem Stadtl, vom Anstreicher.«

»Himmel? -- Anstreicher?« überlegte der Bursche. »Nachher hast gar ein

blaues Firmament bei dir.«

Das Mädchen schlug an ihrem Bündel ein wenig das blaue Tuch

auseinander. Ein hellglänzendes Kindergesicht mit einem messingnen

Heiligenschein ward sichtbar.

»Kennst sie? Kennst sie nicht? Die heilige Katharina! Haben sie zur

Schutzpatronin für unsere Hauskapelle! In der Fastenzeit wollen wir

wieder beten dabei. Ist schon arg verschossen gewest. Hat sie der

Vater anstreichen lassen und bin ich sie heute holen gewest.«

»Deck' sie nur wieder zu,« sagte der Lenz, »sonst darf man unterwegs

nicht einmal fürwitzig sein.«

»Daß dir der Fürwitz nicht vergangen ist im Arrest!« entgegnete sie und

verhüllte das Bild.

»Du, da ist er mir erst gekommen. Den ganzen Tag liegen auf der Bank,

bei der Nacht auch. Gesunde Kost und gute Behandlung. Ein bissel Karten

gespielt haben wir, ich und der Herr Kerkermeister. Wer einmal ein

paar Wochen lang Feiertag haben will, etwan im Sommer, wenn die heiße

Mahdzeit ist -- kunnt ihm nichts Besseres raten, als einen prügeln.«

Unter solchem Gespräche waren sie hinan und immer weiter

hinangestiegen. Da kamen sie in den Sonnenschein; tief unter ihnen in

den Tälern, wie ein graues Meer, lag der Nebel, und die hohen Berge

standen in der Ferne wie leuchtende Inseln empor, deren höchste Spitzen

aber kreisende Wolkenhauben hatten. Die Bäume und Sträucher, an denen

unser wanderndes Paar vorüberkam, waren über und über vom Stamme bis

zum feinsten Zweige mit silbern schimmernden Eisnadeln bewachsen.

Im Schnee zogen die Spuren von Rehen und Hirschen und von allerhand

Gevögel.

Der Lenz blieb stehen, schaute eine Weile hinaus und sagte dann:

»Eigentlich, wenn man's nimmt, schöner ist's doch auf dem Berge als wie

im Arrest.«

Da die Anna Maria auf dem Schneewege ein paarmal ausgerutscht war, so

führte er sie Arm in Arm, und je müder sie wurde, je enger zog er sie

an sich.

Als sie um den Nockstein gebogen hatten und durch das von Felswänden

eingeschlossene Kar hinanstiegen den holperigen Schneepfad, verdüsterte

sich allmählich der Himmel und es begann ein sachtes Schneien und

Schneetreiben.

Auf dem Sattel des Gebirges, wo der Weg sich abzweigt in den weiten

Talkessel der Baldau, steht das Alpenhaus. Es ist vom Österreichischen

Touristenklub erbaut worden, steht aber in der Winterszeit, wenn nicht

etwa zu Weihnachten Städter kommen, leer und verschlossen.

Weil die Annamirl den Berg heran schon müde geworden war und weil ein

eiskalter Wind strich, der ganze Wolken von Schnee herantrieb, so

versuchte der Bursche an der Türe des Alpenhauses, ob sie aufgehe. Beim

ersten Druck ging sie nicht auf. Tat er einen erklecklich stärkeren,

sie ging noch nicht auf. Stemmte er sich mit aller Gewalt an, da brach

sie ein.

Geschichten aus Steiermark · 第 16 / 22 段