Eines Tages gegen Ende Mai erhielt mein Johann Stadlhofer von seinem

Bruder ein Schreiben, expreß, er möge eilends heimkommen, es sei die

Mutter schwer erkrankt. Kränklich war sie schon seit lange gewesen.

Er machte sich sofort auf den Weg, zu Wagen, so weit es ging, dann zu

Fuß ins Gebirge. -- Am fünften Tage ist er wieder zurückgekehrt, aber

das war ein anderer, als der fortging. Ein guter Sohn war er immer

gewesen, obschon er sich dessen eher zu schämen schien. Der leise

Mollton, wenn er manchmal -- selten geschah es -- der Mutter Erwähnung

tat, war mir aufgefallen. Daß ihn aber der Mutter Tod so herrichten

sollte, das hätte ich nicht denken können. Er kam zu mir, sagte, daß

seine Mutter gestorben sei, und ging ohne weiteres wieder davon. Fast

hatte er ein anderes Gesicht bekommen, vergrämt und abgespannt. Man

sah ihn nicht auf der Gasse, und wenn man an seine Bude klopfte, war

er nicht zu Hause. Ich war schon in Sorge, ihm irgendwie weh getan zu

haben, vielleicht durch mein Beileidsbrieflein, worin ich ihn auf ein

Wiedersehen mit der Seligen im Jenseits verwies. Er hatte zwar das

Knabenseminar durchgemacht, aber seit der siebenten Klasse glaubte er

an nichts mehr.

So war's ein paar Wochen, da trafen wir uns eines Abends zufällig auf

dem Glacis. Wir gingen miteinander wie früher und gingen in den stillen

Wald von Mariagrün hinaus.

Ein gelbes Dachshündchen hatte er bei sich, das früher nie mit ihm

gewesen. Es watschelte jetzt kurzbeinig neben ihm her. Manchmal, wenn

uns Leute begegneten, flüchtete sich das Tier an den Johann, hob das

rechte Vorderbeinchen auf und winselte ein wenig. »Weil ihm einmal

einer hart aufs Pfötel getreten ist,« sagte mein Begleiter. Ich hob ein

Stückchen Holz auf und wollte dem Hunde »Apportel« werfen. Der Johann

nahm es mir aus der Hand: »Das wollen wir bleiben lassen.« Im Walde,

auf einem Holzblock, sind wir lange gesessen, bis in die Nacht hinein,

und dort hat er mir's erzählt.

Unser Haus, so begann er, steht ganz oben auf einem Hochland. Weitum

sieht man die Almen und Felsenberge, es ist schön dort. Mein Vater ist

schon lange gestorben; mein Bruder führt die Wirtschaft, er ist um fünf

Jahre älter als ich. Wir haben uns immer gut miteinander vertragen und

er hat gegen den kostspieligen Studenten nie was einzuwenden gehabt.

-- Wie ich nun hinaufgelangt bin und dem Hause nahe, da kommt mir mein

Bruder entgegen, über den Anger her. Lässig reicht er mir die Hand und

sagt: »Ja, mein lieber Bruder! Die Mutter werden wir halt nit mehr

lang' haben.« Während wir ins Haus traten, erzählte er mir kurz die

Krankengeschichte. Ihr Bett stand in der großen Stube an der Wand.

Ihr Gesicht kam mir viel weißer vor als sonst, ihr Haar dunkler. Als

sie mich sah, lächelte sie ein wenig und hob sachte die Hand. Vor der

erschrak ich fast, sie war so schlank und kühl. Sie hatte doch sonst

~meine~ Hand gehabt, die da. Sie sprach leise und nicht gar deutlich,

fragte, wie die Reise gewesen sei, und bemerkte, daß meinem Tuchrock

linkerseits ein Knopf fehle. Den solle die Küchenmagd nur gleich

einheften. Um meine Beklemmung zu verbergen, schäkerte ich ein bißchen

mit dem Finetterl, dem kleinen Dachshund, der immer so gern bei ihr

war, der jetzt am Fußende des Bettes lag und der trotz der neun Monate

unserer Trennung mich nicht aus dem Gedächtnis verloren hatte. »Aber,«

fuhr die Mutter fort, »ausschau'n kunnt'st mir besser, Hansel. Wieder

so viel lernen wirst müssen, gelt?« Diese Frage war mir unangenehm,

denn ich lernte -- wie du weißt -- gar nichts, schon monatelang.

Im ersten Jahre Jus, was gibt's denn da zu lernen! »Nein, Mutter,«

beruhigte ich sie, »da geb' ich schon acht, daß ich mir mit Lernen die

Gesundheit nicht verderbe. Wenn nur erst Ihr wieder auf der Höh' wäret!«

Aber sie lenkte das Gespräch über ihren Zustand alsbald ab --

tätschelte meine Wange und fand, daß ich ein Bartrüpel wäre. »Morgen

mußt dich balbieren lassen.« Als ob ein hoher Feiertag bevorstände.

Oder dachte sie daran, daß Geistliche keinen Bart tragen sollen? Am

Ende wußte sie noch von nichts. Mir war bange gewesen, was sie sagen

würde. Nun sagte sie gar nichts von der Sache. Plötzlich aber: »Für

den Ostertag mußt du dich gar schön herrichten, Hans.«

»Für den Ostertag? Der ist ja schon vorbei, Mutter.«

»Hab' ich gesagt, Ostertag?« fragte sie verloren. »Wie närrisch lauter,

daß mir jetzt der Ostertag in den Kopf kommen ist. Jetzt aber schau,

daß du was zu essen kriegst.« Und ordnete an, daß mir Schöberl gebacken

und Kaffee gekocht werde.

Während des Essens in der Nebenkammer war ich völlig beruhigt. Allzu

bedenklich kam mir die Mutter nicht vor. »Auch hat sie keine Schmerzen,

kein Fieber.«

Mein Bruder saß am Tisch, mir gegenüber, und schaute mir zu, wie ich

mit dem großen Löffel voll Eierkuchen in den Kaffee fuhr, um so beides

gleichzeitig in den Mund zu bekommen. In der Stadt gibt es so was nicht

und ist's doch das beste auf der Welt. Ja -- zur selbigen Stunde hat's

noch geschmeckt.

»Daß sie kein Fieber hat, meinst du!« sagte der Bruder. »Jetzt ist

die Hand kalt; wart' eine halbe Stund'! Und wenn du um zwei Stunden

früher gekommen wärst, hätt'st schon auch von der Atemnot ein bissel

was wahrnehmen können. Ich sag' dir's, es ist nicht zum Aushalten, nit

einmal beim Zuschauen. Und die Schwächen! Heben und legen! Du laßt

dir's gut sein in der schönen Stadt und weißt nit, was daheim für ein

Kreuz ist.«

Jetzt fiel es mir erst ein, daß ich ihn hätte einladen müssen, beim

Schmause mitzuhalten. Bei den vielen Stadthöflichkeiten verliert man

die Bauernhöflichkeit. Und gerade die sättigt. Am meisten aber dann,

wenn man sie nicht hat und sein Schöberl mit Kaffee allein ißt.

Es war finster geworden, da ging ich noch einmal zur Mutter hinein.

Aber sie schlief. Ganz leicht und ruhig. Da schlich ich hinauf in die

Bodenkammer, wo mein Bett stand. Nach dem langen Marsch in der kühlen

Bergluft und mit einer gewissermaßen gelösten Spannung hoffte ich bald

und fest einzuschlummern. Aber das kam anders. Der aufgegangene Mond

legte durch die Fenster -- wie du gern sagst -- zwei weiße Tücher auf

den Fußboden. Ich konnte in der Kammer alle Gegenstände ausnehmen;

den alten geschnitzten Kasten, das Spinnrad und den Garnhaspel,

den Vogelkäfig und das Glasbild der heiligen Dreifaltigkeit. Aus

allem strömte mir Kindeserinnerung entgegen, und mitten in all den

Erinnerungen stand die Mutter. Da fing mir an bange zu werden, ganz

leise zuerst, allmählich beklemmender, bis die Unruhe so groß ward,

daß ich aufstand. Ich kleidete mich an und wollte hinausgehen in die

Mondnacht. Gar vorsichtig stieg ich die altbekannte Holztreppe hinab,

trat noch leise in die Stube, um meinen Hut vom Wandnagel zu holen --

und fällt jetzt hinter mir die Tür stark in den Falz. Als ich außen

am Hause entlang gehe, kommt um die Ecke mein Bruder, der noch seinen

Wachtgang durch den Hof gemacht hatte.

»Wenn du das Ausgehen bei Nacht schon nicht graten kannst,« sagte er,

»so schlag' wenigstens die Stubentür nit so zu.«

»Ich habe nicht gedacht daran, daß sie so schwer zufällt,« war meine

Entschuldigung.

»Du denkst an vieles nit. Weißt du, daß ich's nit hab' mögen übers Herz

bringen, der Mutter von deiner Schand' zu erzählen?«

»Von meiner Schand'?«

»Wie du der ganzen Familie Schand' bringst statt Ehr'!«

»Gidi!« Das hat sich aufgestrammt in mir, bis hart ans Dreinschlagen.

Ich weiß nicht, woher ich im Augenblick die Überlegung hergenommen

habe. Es kam unversehens. Es war kaum zu verwinden. Aber drinnen

schläft die Mutter. Und sagte ich ruhig zum Bruder: »Du meinst, weil

ich nicht geistlich werden mag.«

»Und lieber ein Advokat wirst, ein Prozeßspinner, ein Bauernschinder!«

»Darüber,« sage ich, »wollen wir ein andersmal reden. Jetzt muß ich dir

dankbar sein, daß du es der Mutter verschwiegen hast.«

Er stand ein paar Augenblicke ruhig vor mir, dann sagte er: »Was hast

denn eigentlich zu tun gehabt, jetzt in der Stuben?«

»Das kannst du dir wohl eh denken, wenn die kranke Mutter drin liegt.

-- Natürlich erbschleichen.«

Es war da, das furchtbare Wort. Es war gesagt, ohne gedacht zu sein.

Es war nimmer einzufangen. Aber mein Bruder fuhr nicht wild auf, wie

etwa bei seiner Natur zu erwarten gewesen. Er tat nichts desgleichen,

als ob er das Wort so verstanden hätte, daß das Erbschleichen um diesen

Hof herum in der Luft läge. Er ging langsam gegen das Haustor. Ich kam

mir schier händelstifterisch vor wie der Elmischbauer, der als Hetzer

und Raufbold in der ganzen Gegend gefürchtet war. Dem Bruder ging ich

nach und sagte: »Ich habe in der Stube meinen Hut geholt und nichts

anderes.« Dann habe ich mich gewandt und bin am Feldrain dahingegangen.

Die Luft war kühl, das Gras feucht, die Fichtenbäume des Raines

mit ihren kurzgeschneidelten Ästen legten schwarze, schmale

Schattenstreifen über die Matte hin. Aber von einer friedsam-stillen

Nacht habe ich nichts gewahrt. In mir tobte ein grausam Ungewitter,

wie mein Lebtag noch nie. Wirre Empfindungen durchwirbelten mich, wie

Blitze in der Sturmnacht durchzuckten Gedanken meinen Kopf -- keiner

ließ sich festhalten. Also ~das~ ist geschehen. ~Das~ hat müssen

geschehen. An diesem Tage, da ich heimkomme nach so langer Zeit. Da

hat's geheißen: Talent! Studieren! Auf was, danach wird der Junge gar

nicht gefragt. Natürlich auf Geistlich. Und jetzt -- ein Todfeind! Und

es ist der Bruder. -- Ich ging am Raine dahin bis zum Wald. Als ob

dort was wäre, das mich zur Ruhe kommen lassen müßte. Aber die Unholde

wüteten fort, im Wald wie am Raine und von jeder Empfindungswelle die

letzte: Jetzt ist alles aus. -- Zorn war's nicht mehr. Aber Entrüstung

über mich selbst. Und über den Schimpf, den ich ihm angetan. Und ist

doch nicht so gemeint gewesen. Der Vorteile wegen, die nun verspielt

waren -- ich pfeife darauf. Aber mit der Mutter den Bruder verlieren,

den einzigen Verwandten, kann ich sagen, und mit ihm die Heimat. Und

mit der den Kindheithimmel -- alles auf einmal.

Endlich kehre ich wieder um gegen das Haus. Ich wollte zu Gidi gehen

und ihm's abbitten. Ich habe viel gebraucht von unserem Elterngut,

wollt' ich sagen. Ich bedarf nichts weiter. Nur das dumme Wort verzeihe

mir! -- Dieser Vorsatz war das einzige Mittel, mir die Gemütsqual zu

erleichtern, daß ich nicht wahnsinnig wurde unter ihr. Jetzt war mir

aber auch auf einmal wieder so leicht, daß ich merkte, wie naß meine

Stiefel geworden. Morgen früh wird mich die Mutter auszanken, weil sich

der junge Leichtsinn den Schnupfen holt.

Daß ich stundenlang fortgewesen, deucht mir wohl möglich, es konnten

auch Tage gewesen sein. Die Schlafkammer meines Bruders war offen und

-- leer. In der großen Stube war Licht. Natürlich! Er ist noch in der

Nacht zur Schwerkranken gelaufen, um sich zu rächen. Um sie zu fragen,

ob der Ausreißer und Bauernschinder von der Erbschaft auch so viel

abbekommen soll, als der -- andere, der den Hof aufrecht hält und den

Eltern die einzige und letzte Stütze gewesen ist! -- Da wollen auch

wir dabei sein. Es scheint, ich brauche ihm nichts abzubitten, und der

ehrliche Zorn hat doch das richtige Wort gefunden. Es war doch das

richtige! -- Und so kam es neuerdings über mich.

In die große Stube tretend sah ich einen weißgedeckten Tisch und darauf

zwischen Kerzen das alte Kruzifix, das sonst im Wandwinkel steht.

Die Leute des Hauses waren versammelt, knieten mitten auf dem Fletz

und an den Wänden und beteten laut den Rosenkranz. »Der für uns mit

Dornen gekrönt ist worden.« -- Am Bette stand ein Priester im Chorrock

und Stola. Er hob eben die kleine weiße Hostie zu den blassen Lippen

der Bewegungslosen. Ich drängte mich durch und wollte zu Häupten

des Bettes. So viel sah ich gleich, es war keine Kranke, es war eine

Sterbende. Ich will zu ihr, ihre Hand fassen, ihr ins Gesicht schauen,

zu ihr sprechen ... Meine Mutter! -- Sie drängten mich vom Bette weg. --

Johann Stadlhofer hatte von einem Fichtenbaum ein Ästlein abgebrochen,

das zerriß er jetzt heftig mit beiden Händen und drehte die Zweige

ineinander wie zu einem Strick. Dann ließ er das Reisig zu Boden

gleiten. Das Hündlein lag zu seinen Füßen zusammengerundet. Man sah

in der Flanke sein Atmen. Endlich knurrte es ein wenig. »Spricht im

Traum,« sagte der Johann. Dann erzählte er weiter.

Am Fußende des Bettes ist mein Bruder gestanden. Nur die graue Hose

an, sonst im Nachtkleide, verwüstet, versteinert die Züge. Es war, als

ob er dem kleinen Finetterl zuschaute, der jetzt über die Bettdecke

hin gegen ihr Haupt kroch. Dabei hat das Tier matt gewinselt. Er nimmt

es mit einer Hand und wirft es auf den Fußboden hin. Da hat es nicht

gewinselt, das ist nicht das ärgste. Auf den kurzen Beinchen watschelte

es unter das Bett hinein. Die Leute beteten mit eintönigem Gesumme

den Rosenkranz. »Der für uns das schwere Kreuz getragen hat.« -- Ich

drängte mich neuerdings zur Mutter vor, da stand der Priester ein wenig

seitlings. Ich werde sie laut gerufen haben, sie lag bewegungslos mit

halbgeschlossenen Augen. Manchmal hob sich ihre eingefallene Brust. Da

schob der Priester mich sachte weg, er hatte ihr ja die letzte Ölung

zu geben. Aber mir war gewesen, als ob ich von ihren Lippen das Wort

Johann hätte flüstern gehört. Dann ist ein grelles Aufwimmern unter

dem Bett -- fast wie ein Mensch wimmert. Den Hund hatte jemand mit dem

Stiefel auf die Pfote getreten. Der Priester stand nun zu ihren Füßen

mit dem heiligen Öl. Wie ich mich an ihm vorüber wieder hindrücke, sagt

mein Bruder ganz laut: »So geh doch hinteri, du bist ja dem Geistler

im Weg!« Mich auf ihn stürzen, einen Faustschlag ins Gesicht? Aber die

Arme bewegten sich nicht, sie waren lahm. -- Ist es nicht auch so, wenn

man träumt? Dieweilen fortwährend das Murmeln des Rosenkranzes bis zur

Stelle: »Der für uns gekreuzigt ist worden.« Und während eine alte Magd

ihr eigenes Beten unterbrach, um auf mich deutend zu sagen: »Nit amal

mitbeten tuat er!« gab der Priester ein Zeichen, sie sollten aufhören.

Da brachen sie mit dem Gebet ab und er sagte feierlich: »Der Herr geb'

ihr die ewige Ruh'.« --

In unserem Walde bei Mariagrün war es dunkel geworden, zwischen den

Baumwipfeln flimmerten Sterne herab.

Und so, sagte der Johann Stadlhofer, ist meine Mutter gestorben. --

Dann redete er weiter:

Ich habe nicht mehr hingeschaut und bin auf meine Bodenkammer

gegangen. Dort im Wandwinkel bin ich gesessen in der Morgenröte

mutterseelenallein. Nein, so nicht. Oder doch. Mir war fast leicht,

fast als ob die abgeschiedene Mutterseele bei mir wäre in der Kammer.

Dann habe ich vor der Tür das Hündlein wimmern gehört, das habe ich

hereingelassen, und das ist mein lieber Kamerad gewesen. Wir zwei

Waisen. Das treue Tier, das in letzter Zeit immer bei ihr gewesen, hat

mir alles ausgerichtet, was sie mir selber nicht hat sagen können.

In diesen Tagen, wenn der Bruder und ich aneinander vorübergingen --

ich weiß nicht, ob wir uns gegrüßt haben -- gesprochen haben wir nicht

ein Wort miteinander. Nach dem Begräbnis, als ich ohne alles weitere

fortgehen wollte, winkte er mich unter die Lindenbank, er habe mir

Mitteilungen zu machen. Alles auf einmal ab, das ist das beste, dachte

ich, setzte mich aber nicht nieder, sondern stand vor ihm. Und zeigte

durch Gebärden, daß es nicht etwa aus Hochachtung geschähe, vielmehr

aus Stolz eines Mannes, der nicht neben jedermann sitzen mag.

»Die Mutter hat mir aufgetragen, daß ich dich von ihr noch einmal

grüßen soll,« so begann er leichthin.

»Schön Dank,« sagte ich, »sie hat mir den Gruß schon durch wen andern

übermittelt, der --« mein Vertrauen hat, wollte ich beisetzen.

»Wie du in der Nacht auf den Rain gegangen bist, oder weiß Gott wohin

es so nötig war, bin ich bald darauf gerufen worden. Da sehe ich's

gleich, 's ist zum Sterben bei ihr. Nach dir hat sie verlangt, und weil

wir dich nit haben erwarten können, hat sie mir's für dich aufgetragen.

Du kriegst vom Elterngut das, was ich krieg'. Wirst über deine

Studienkosten hinaus noch an fünfzehnhundert Gulden beim Hof guthaben.

-- Die Mutter laßt dir Glück wünschen zu dem Stand, den du dir selber

gewählt hast.«

»So hast du ihr's doch gesagt?!«

»Ich? Mich geht das weiter nix an. Seit einem halben Jahre redet die

ganze Gegend davon. Anfangs hat's die Mutter hart genug genommen -- was

weißt du! Du weißt gar nix.«

»Aber sie hat doch kein Wort zu mir gesagt!« rief ich aus.

Er schupfte seine Achseln auf.

Nun habe ich ihm beide Hände vorgehalten: »Bruder, jetzt ist mir

leicht. Seit ich weiß, sie hat's mir verziehen und sie gibt mir den

Segen. Auch mit dir will ich auf gleich sein, Gidi.«

»In kurzer Zeit hast dein Geld, nachher sind wir zwei auf gleich.«

»Ich verlang's nicht, Bruder, ich brauch's jetzt nicht. Nein, ich werde

dich nie drängen, ich verspreche dir's.«

Er stand von der Bank auf. »Die Magd wird dir das Essen richten, eh du

gehst. Ich muß jetzt zum Pfarrer.« Einen kaum merklichen Deuter mit der

linken Hand -- so ging er davon. --

Solches hat der Johann Stadlhofer mir erzählt im nächtigen Wald bei

Mariagrün. Dann ist er aufgestanden und wir sind stumm nebeneinander

hergegangen über den Rosenberg in die Stadt. Ich konnte mit der Sache

nicht fertig werden. Mir war die Ursache nicht klar. Mir schien, als

sei hier aus nichts etwas geworden, das nun nicht mehr aus der Welt zu

bringen ist.

»Ich hab' zuerst gemeint,« sprach plötzlich mein Weggenosse, »es wäre

jenes häßliche Wort, das ihn so sehr getroffen. O nein. Da lassen sie

sich zehn Erbschleicher eher gefallen, als einen Advokaten, der einmal

Geistlich hätte werden sollen.«

»Und das,« antwortete ich, »soll dir genug sein. Es ist doch ein braves

Stück von deinem Bruder, daß er dir's hat ausgerichtet.«

Wir gingen wieder still nebeneinander hin. Bis in die Stadt. Das

Hündlein watschelte vor uns her im Straßenstaub. Wir kamen zur Stelle,

wo unsere Wege auseinandergingen. Da reichten wir uns schweigend die

Hand. Und darauf sagte er es ganz leise und betrübt, als das letzte

Wort: »Mir tut's halt leid.« --

Wenn ich nicht damit schließe, sondern noch etwas erzähle, was nach

zehn oder zwölf Jahren erst eingetreten ist? Vielleicht will es ein

Engel bekannt machen, daß für Menschenbrüder, die von einem unseligen

Dämon auseinandergehalten werden und die doch wieder gerne beisammen

wären, Rat zu finden ist.

Der Gidi Stadlhofer hatte längst schon Weib und Kind und sein Anwesen

stand in Ansehen, als er eines Tages seinen Nachbar totschlug. Im

Wirtshaus am Wasser war's. Die Leute hatten sehr viel getrunken. Der

Elmischbauer, ein berüchtigter und vielbestrafter Raufbold, war da,

schleuderte zuerst der Kellnerin ein unflätiges Schimpfwort zu und

wiegelte alles auf, um dann mit dem Messer dreinzustechen. Da erfaßte

der Gidi in der Küche einen eisernen Kochtopf und mit einem Hieb

streckte er den Unfriedstifter zu Boden. Aus war's. Der Gidi gönnte

sich nicht ein einziges Wort der Rechtfertigung. Das Weinen hörte

man weitum, als er von seiner Familie Abschied nahm für mindestens

acht Jahre. Aber nachher in der Kreisstadt die Herren meinten, so

schlimm würde es nicht sein; wenn er Glück habe, so komme er mit

zwei Jahren davon. Da kam auch der Advokat +Dr.+ Johann Stadlhofer

und sagte: »Wenn ich Glück habe, so kriegt er auch die nicht!« und

erbot sich zum Verteidiger. Seine Rede bei der Verhandlung wußte so

überzeugend den braven Charakter des Angeklagten darzustellen und zu

beweisen, daß gerade sein Gerechtigkeitssinn und sein Abscheu vor

jeder verbrecherischen Gewalttat die Ursache seines Werkes gewesen

sei, ein Werk, das in der Gegend nur als Befreiungstat, nicht als

Verbrechen empfunden werde. Und die ganze Glut der Bruderliebe kam bei

seiner Verteidigungsrede zum Ausdruck. Die Geschworenen haben den Gidi

Stadlhofer freigesprochen.

Und war es allerdings an der Zeit, daß dieser zum Bruder ging mit

dem Bekenntnisse, daß unter Umständen doch auch ein Advokat nicht zu

verachten ist.

Der Bahnwächter.

In Karnburg hielt der Eilzug an. Der Stationsvorsteher eilte

erschrocken herbei, denn der Eilzug hatte programmäßig nicht zu halten

in Karnburg. Einem Abteil erster Klasse entstieg ein kleiner ältlicher

Herr in dunklem Anzug; in seinem verwitterten Gesicht zuckten die

Muskeln, und indem er dem Schaffner winkte, daß der Zug weiterfahre,

rief er in kurzausgestoßenen Atemzügen dem Vorstande zu: »Wächterhaus

Numero 180! Der Mann auf 180. Rufen Sie ihn sofort herbei!«

»Wir haben hier keine Telephonverbindung, Herr Oberinspektor. Ich will

einen Arbeiter nach ihm schicken.«

Nach einer halben Stunde kam der Arbeiter von der Strecke zurück;

schnaufend berichtete er: »Der Bahnwächter auf Numero 180 kann im

Augenblick nicht ab, es fährt in wenigen Minuten der Postzug durch.«

»Er kann nicht ab?« sagte der Oberinspektor scharf und rieb sich das

glattrasierte Kinn. »Ei, ei, er kann nicht ab -- der gewissenhafte

Mann. Als aber der Schnellzug durchfuhr, da konnte er ab. Da konnte er

ab! Ich sah es vom Fenster aus, wie der Mann den Zug Zug sein ließ und

über die Wiese hin gegen die Weidenbüsche lief. Am Wächterhaus stand

nicht eine Katze. Eine solche Gewissenlosigkeit ist mir seit dreißig

Jahren nicht vorgekommen. So recht auffällig, wie aus reiner Bosheit,

lief er vor dem durchfahrenden Zug davon in die Büsche hin. Und dann

hat's die Direktion auf dem Buckel, wenn das Unglück geschieht.

Ich werde kurzen Prozeß machen. Herr Vorstand, halten Sie einen

provisorischen Wächter bereit.«

Mit schnellen Schritten ging der Erzürnte den Platz vor dem Bahnhofe

hin und her. Der Postzug fuhr ein und nach kurzer Zeit wieder ab, und

wenige Minuten später keuchte auf dem Bahnkörper der Gerufene heran.

Sein Kleid war feucht und es schien, als klebe es stellenweise am Leibe.

Der Oberinspektor ging ihm rasch entgegen: »Sie sind der vom

Wächterhause Numero 180?«

»Jawohl --«

»Der Herr Generalinspektor spricht mit Ihnen!« raunte ihm der ebenfalls

herbeigeeilte Vorstand zu, worauf der Wächter eine ehrerbietige

Verneigung machte.

»Wollen Sie mit ins Bureau kommen!« gebot der Inspektor und ging

voraus. Und dort begann das Verhör.

»Wie heißen Sie?«

»Franz Heimgartner.«

»Sagen Sie, Heimgartner, wann fährt der Eilzug Numero 5 an ihrem

Wachposten vorüber?«

»Nachmittags 3 Uhr 24 Minuten, Herr Oberinspektor.«

»Auch heute so?«

»Auch heute.«

»Waren Sie auf dem Posten, als er vorüberfuhr?«

Der Wächter blieb ein Weilchen ohne Antwort zu geben, aber nicht, weil

er etwa nicht wußte, was zu sagen war, vielmehr um zu überlegen, wie

das, was er vorzubringen hatte, gesagt werden müsse.

»Herr Oberinspektor,« sprach er dann, »ich weiß wohl, daß ich schwer

gefehlt habe. Aber es war nicht anders möglich!«

»Es war nicht anders möglich?« wiederholte der Herr und dehnte die

Worte zum Zeichen höchster Verblüffung.

»Jeder würde es an meiner Stelle getan haben, tun haben müssen,« sagte

der Wächter.

»So! Na, da bin ich aber doch begierig zu erfahren, weshalb Sie

davonlaufen ~mußten~, als der Eilzug herankam und Sie vorschriftsmäßig

auf Ihrem Posten zu stehen hatten?«

Der Franz Heimgartner zerrte ein wenig so an seiner Mütze herum, dann

begann er: »Es ist ja leicht einzusehen. Ein Kind, das ins Wasser

gefallen war.«

»Ein Kind ins Wasser gefallen?«

»Schon seit Mittag sah ich auf der Wiese, vom Wächterhaus hin, einige

Kinder von umliegenden Bauernhöfen herumlaufen. In den Büschen

versteckten sie sich, kletterten auf die Weide und schaukelten. Wenn

nur keines ins Wasser fällt! habe ich mir gedacht, unter den Weiden

rinnt ja der Fluß. -- Weiter habe ich ihrer nicht geachtet, es ward

der Eilzug signalisiert. Der rollte bald heran, und wie ich mit meinem

Fähnlein mich an die Strecke stelle, lauft vom Flusse her ein Junge und

schreit: Ins Wasser gefallen! Ich springe über den Bahnkörper, über die

Wiese hin, durch das Gebüsch zum Wasser und sehe, wie ein Kind mit dem

Baumast, an dem es sich noch gehalten, davonrinnt. Bei so was schwimmt

der Mensch, auch wenn er's nicht gelernt hat. Mich hat's nicht schlecht

gewundert, daß ich's kann und wie ich den Knaben heraußen auf dem

Rasen habe. Er hat stark gesoffen gehabt und es gibt zu tun, bis er so

weit bei sich ist. Derweil sind Leute gekommen und ich denke an meinen

Zug. Mein Gott, wo ist mein Zug! Verunglückt, das sah ich, ist er auf

meiner Strecke nicht, -- so war ich halt zufrieden.«

Geschichten aus Steiermark · 第 15 / 22 段