Hof? Ich habe ja gemeint, er wird enterbt, wenn er die Knechtin nimmt.
Haus und Hof das behaltet selber, Herr Vater.« Dann richtete sie sich
auf: »Ich weiß von Reichtum nichts und von Armut nichts, ~ihn~ will ich
haben, sonst will ich nichts, ist mir alles zu schlecht.«
Dem Alten wurde heiß und kalt, als er diese Leidenschaft sah. Nach so
einer hatte er auch geplangt in seiner Jugend, aber keine gefunden.
War auch ein Glück, der Mann muß seinen Kopf aufrecht halten für die
Wirtschaft. Und die Weiber? Liebhaben kann man die armen, heiraten tut
man die reichen.
Diesmal war weiter nichts zu machen. Abwarten, bis er ausgebrannt hat,
der dumme Junge. Nachher wird er von selber klug. -- Wenn man sich nur
darauf verlassen könnte! O verzweifelt, verzweifelt!
Es gibt Versicherungsgesellschaften gegen Feuer, gegen Wasser, gegen
Hagel, gegen Seuchen, gegen Diebe, gegen alles Mögliche, dachte der
Stadinger, nur gegen das größte Elementarunglück, gegen die Dummheit,
gibt es keine. Diese verdammte Liebe, diese vermaledeite! Aber wer
gescheit ist, dem macht sie nichts. Nur den Toren! -- Verlobt haben
sie sich. Meinetwegen, wenn sie nur nicht heiraten. -- Auf jeden Fall
müssen die Sensenhammerischen warm gehalten werden.
Er fuhr auf seinem Wäglein nach Solgenstein, aber die
Sensenhammerischen waren schon kalt. Als er sich anmeldete, ließen
sie sich verleugnen, es wäre niemand zu Hause. Der Stadinger kehrte
beim Hirschenwirt ein, und aus Ärger kam er zu tief ins Glas. Auf der
Heimfahrt nächtigte es, das Rössel wurde ungebärdig und warf Wagen
und Fuhrmann in den Straßengraben. Wohl packte der Mann mit Mühe und
Not sich wieder zusammen, aber als er nach Hause kam, wimmerte er
vor Schmerzen. Das rechte Bein war ausgerenkt. Der Kurschmied wurde
gerufen, aber darauf wurde es noch schlimmer. Die ganze Nacht lang
ächzte und schrie der freilich durch beständiges Wohlergehen wehleidig
gewordene Mann; alle Hausleute liefen zusammen, selbst die Gäste aus
der Schankstube, jedes wußte einen Rat, aber keiner war etwas nutz.
Auch die sieche Frau Stadingerin kam aus ihrem Zimmer, aber nur um ihm
heftige Vorwürfe zu machen, daß er umgeschmissen habe; dann siffelte
sie wieder in ihr Nest, welches sie fast nie mehr verließ. Sie kümmerte
sich um nichts, nur wenn sie Grund zum Keifen witterte, kroch sie
hervor. Endlich blieb die Frau ganz liegen, vergraben in ihrer Gicht
und Giftigkeit. Als die Sofferl sah, der Stadinger hätte keine Hilfe
und keine Labe, streifte sie ihre blauen Ärmlinge auf: Das wolle sie
doch sehen, ob dieser ungute Fuß denn nicht ordentlich zu verbinden
sein sollte! -- Sie richtete Späne und Binden zusammen, ging frisch an
die Arbeit.
Als das Bein gleichgerichtet und gefatscht war, hörte das Wimmern des
Kranken auf, und er fragte im Halbtaumel: »Ist es der Doktor?«
Die Sofferl wäre es.
»Vertrakte Dirn! Kann die auch Beine einrichten? Jetzt soll sie aber
schauen, daß sie weiterkommt!«
Am nächsten Tage tat's ihm wohl, aber als er aufstehen wollte und einen
Fehltritt tat, war der Teufel wieder los. Es kam eine elende Nacht, man
löste das kranke Bein und verband es wieder, die Schmerzen steigerten
sich so sehr, daß er gegen Morgen nach der Sofferl verlangte. Das
Dirndl legte neuerdings den Verband an, da seufzte der Stadinger auf:
»Ach, das tut gut!« Jetzt durfte sie nicht mehr von seinem Lager, sie
pflegte und begutete ihn Tage und Nächte lang. War er ruhig, so war sie
heiter und plauderte über angenehme Dinge; war er mürrisch, so schwieg
sie und war geduldig.
»Ich hätt's nicht geglaubt,« sagte er, »ich hätt's nicht geglaubt.«
Sie machte ihm das Kissen recht, legte ihm das Bein recht, stellte
ihm den Teller recht, wenn er aß. Anfangs zankte er und ärgerte sich
darüber, daß es bei ~der~ eigentlich nichts zu zanken gab. Allmählich,
denn sein Fußleiden dauerte wochenlang -- es war noch eine Sehne
verrenkt und entzündet -- wurde er freundlich mit ihr, ließ sich von
der Wirtschaft erzählen, hielt es nicht unter seiner Würde, mit ihr
über Haus und Geschäft zu sprechen. Er hatte es gern, wenn ihre Hände
geschickt und zart das Bein betreuten, wenn sie ihm das graue Haar von
der Stirn strichen, und einmal faßte er ihre Hand in die seine, hielt
sie eine Weile und, um dabei etwas zu sagen, sagte er: »Du bist so
schön warm, Sofferl!«
Endlich konnte der alte Stadinger wieder aufrecht stehen. Und eines
Morgens, nachdem die Sofferl ihm den Kaffee gebracht und gezuckert
hatte, schickte er sie hinaus: Der Karl soll hereinkommen.
Der Bursche, frisch und munter wie immer, trat herein und wollte mit
seinem gewohnten Wirtschaftsbericht anheben.
»Das ist ja recht, ist ja recht!« unterbrach ihn der Alte. »Etwas
anderes wollte ich sagen. -- Wenn du sie haben willst, so nimm sie
bald. Sonst nehm' ich sie.«
Da lachte die Sofferl draußen, denn sie hatte es gehört.
»Das dumme Papier unter meinen Schriften,« fuhr der Stadinger fort.
»Sei so gut, Karl, lange mir das Packel aus dem Kasten. So wohl. -- Da
ist der Wisch. Zerreiß ihn.«
Stand das Dirndl an der Tür: »Von einer Schrift ist da die Rede, die
möchte ich mir ausbitten.«
»Was geht's dich an!« fuhr der Alte empor. »Bist mir eh zum Unheil
ins Haus gekommen, du! Geschämt hab' ich mich schon vor mir selber,
deinetwegen. Kummer und Ärger hast mir gemacht. Deine verdammte
Bravheit! Jetzt bist eingenestelt. Gefangen hast uns! Höllisch
aufgebracht bin ich. Da, da hast ihn, deinen Loter! Wenn er dich nimmt!
Ich wett', er nimmt dich gar nicht.«
»Nein, er nimmt sie nicht!« rief der Bursche, »er ~hat~ sie schon
genommen.« Und halste sie und küßte sie so heftig und schmatzend, daß
dem Alten die Zähne wässerten.
Wie dem Dirndl zu Mut war, wir können es uns denken. Sie hatte
geschworen, sich zu rächen für die Schmach, mit Geld gekauft worden zu
sein. Sie wollte in einem anderen Sinne Stadingers unveräußerliches
Eigentum werden, sie hatte es erreicht. Ihre Rache bestand in Liebe,
und sie ist gut dabei gefahren.
Noch an demselben Tage wurde die Hochzeit bestimmt und der Ehevertrag
aufgesetzt vom Notar. Als der unterfertigt war von allen Seiten, lief
die Sofferl hinaus ins Freie, lief den Hügel hinan, von wo aus die
weiten Besitzungen des Hofes zu übersehen sind. Dort reckte sie sich
empor, daß sie groß wie eine Hünin wurde, dehnte ihre Arme in die Luft
und rief: »Knechtin? -- ~Herrin!~ -- Juchhe!«
Das Christkind von Scharau.
Das Frommsein ist süß. Nur schade, daß es bloß alle heiligen Zeiten
einmal sein kann. Die übrige Weile muß der Mensch an was anderes
denken. Zu viel von der Gattung macht mager, meint der Baumbart-Bauer.
Aber wenn eine heilige Zeit kommt -- insonderheit die Weihnachtszeit,
da tut er die Bibel herfür. Die Bibel und das Bübel, das letztere ist
sein jüngstes Söhnlein und dem legt er die Bibel aus und sagt: »Mein
Gott, die Kinder!«
Denn der Knabe brennt durch und durch vor Liebe zum Christkind und
die heiligen Flammen schlagen ihm zu den hellen Augen heraus. Und die
Fäustlein sind gar fest gekniffen, denn es gibt auch ganz elendlich
schlechte Leute in der Bibel.
Es ist der heilige Abend und es geht schon um's Dunkeln. Der
Baumbart-Bauer ist eben auch schon in den Jahren, wo man mit der
Frömmigkeit nicht mehr viel versäumt. Er hat sich's in der Stube bei
der Bibel recht behaglich gemacht, denn das gehört dazu, und er deutet
nun dem Kleinen das Weihnachtskapitel:
»Ist selb' Zeit, mußt wissen, im heiligen Land eine Volkszählung
gewest, im Vergleich wie bei uns vorigen Sommers, wo der Schulmeister
als Umgangssprache die lateinische angegeben hat, was richtig ist, weil
beim Fronleichnamsumgang Geistlichkeit und Meßner lateinisch beten.«
»Und die Ministranten auch,« vervollständigte der Knabe, weil er ja
selber einer war.
»Gehört nicht her da,« sagte der Baumbart-Bauer. »Und bei der
Leutaufschreibung im heiligen Land ist auch unsere liebe Frau von weit
her nach Bethlehem kommen, wo sie zuständig gewesen, und daß sie sich
angeben wollt'. Ist ein arm' Weib gewesen und wie's finster worden ist,
hat sie in der ganzen Stadt Bethlehem keine Nachtherberg' gefunden.«
»Hat sie nicht bei ihren Blutsfreunden anfragen können, wenn sie
zuständig ist g'west?« warf der Knabe sehr brav ein.
»Meinen sollt' man's,« sagte der Alte, »aber wer so bettelarm ist,
der hat keine Vettern und keine Muhmen. So gern sich die ganze
bethlehemitische Freundschaft später bei der Himmelfahrt der Mutter
Gottes an ihre Falten angeheftet hätte, so gern hat sie zu Bethlehem
dem armen Weib die Tür vor der Nase zugeschlagen. So sind die Leut',
mein Bübel, so sind die Leut'!«
»Gelt, wenn sie zu uns wär' kommen, die liebe Frau, wir hätten ihr das
hintere Stübel warm heizen lassen?«
»Gehört nicht her da!« sagte der Bauer, »so christlich sind wir
gleichwohl in der Scharau, daß wir die Mutter Gottes nicht in einem
Ochsenstall übernachten ließen, wie das Judenvolk von Bethlehem so
unbarmherzig ist gewest; die armen Hirten haben braver sein müssen.
Hör' nur zu!«
Da ist die christliche Unterhaltung plötzlich unterbrochen worden.
Die Baumbart-Bäuerin kam eilig in die Stube getreten, aber so leise,
als ginge sie in eitel Socken; und halb über den Tisch hingelehnt,
lispelte sie dem Ehemann zu: »Du, jetzt ist eine draußen, die will
sicher dableiben heut' Nacht.«
»Aha,« meinte er, »für die Festtage sucht sich das Bettelvolk allemal
den Großhof. Die Krapfen, die du gebacken hast, riechen halt weitum in
der Luft.«
»Ein Bettelweib ist's dieweilen zwar noch nicht, die draußen steht,«
sagte die Bäuerin.
»Ist's wer der will, behalt' sie und gib ihr eine Suppe.«
»Und bist gar nicht begierig, wer's sein möcht'?« fragte das Weib.
»Raten kannst lang', derraten wirst es nicht.«
»Nachher wird sie von weit her sein.«
»Vom Masenthal herüber.«
»Etwan doch nicht die Plonel?«
»Schau, was du für eine scharfe Nasen hast,« sagte die Bäuerin und
indem sie sich weiter über den Tisch bog und noch näher ans Ohr ihres
Mannes hin: »Das stinkt aber auch danach. -- Sie laßt den Vetter schön
grüßen.«
»Kann mir's denken. Umsonst kommt die nicht zu ihrem Vetter. So Leut'
tragen allemal weniger ins Haus herein, als hinaus.«
»Dasmal,« meinte nun die Bäuerin, wies aber, bevor sie weiter sprach,
den Knaben davon; die Kinder brauchen nicht alles zu hören. »Dasmal
möcht's umgekehrt sein, däucht mich schier --«
»Wie meinst das?« fragte der Bauer und lugte sie schief an.
»Geh' hinaus, in der Küche steht sie, wenn sie sich nicht niedergesetzt
hat. Betracht' sie dir einmal, die Plonel, ob sie nicht schwerer
aufgefaßt hat, als ein Weibmensch in solchem Alter tragen soll ...«
In der Küche stand sie wirklich, denn sie hatte sich nicht
niedergesetzt. Obwohl der größte Teil ihres Gesichtes und Körpers in
ein wollenes Umhängtuch eingemummt war und obwohl sie so demütig und
armselig dastand, merkte man doch leicht, daß sie jung und hübsch war.
Die Augen, die zwischen der Vermummung aus einem vor Kälte und anderem
geröteten Gesichte hervorschauten, waren treuherzig und traurig dabei.
Die Hände, die in fingerlosen Handschuhen staken, hielt sie vorne unter
dem Busen aneinander und in denselben ein Handbündel.
In die Länge war sie seit zwei Jahren nicht gewachsen, das sah der
Baumbart-Bauer auf den ersten Blick. Die Plonel war ein armes,
fleißiges und gutherziges Ding, eine Waise und zur Zeit, als ihre
Dienstherren mit ihr wohl zufrieden, mit dem Baumbart-Bauer weitläufig
verwandt gewesen. Aber seit sie vor zwei Jahren aus der Scharau ins
Masental hinübergewandert war, wo die Leute um ein gut Stück lustiger
sind als da herüben, und wo sie in dieser Sache die Ehre der Scharauer
rettete, indem sie tatsächlich dartat, daß Scharauerblut noch viel
lustiger sein könne, als welches vom Masental, und seit der Ruf davon
ins Heimatsdorf zurückgekehrt war -- fand der Baumbart-Bauer, daß die
Verwandtschaft mit ihr eigentlich nur eine »erheiratete« gewesen und
dieselbe längst »mit Tod abgegangen«.
Diese erheiratete, aber mit Tod abgegangene Verwandtschaft hatte
das Mädchen jetzt mitten im scharfen Winter aus dem fernen Tale
herübergeführt, um zu den Weihnachtsfeiertagen ihre Vettern und Muhmen
auf dem Baumbarthofe heimzusuchen. Als der »Vetter« in die Küche trat,
wollte sie ihm die Hand küssen. Er ließ es nicht angehen, sondern sagte
recht gutmütig, das wäre was Neues, daß sich die Plonel auch wieder
einmal anschauen ließe. Sie sollt' nur ein wenig abrasten und einen
Löffel warmer Suppe essen, auch dürfe sie ein Stück Weihnachtsbrot
nicht verschmähen, obwohl er wisse, daß die Masentaler ein besseres
hätten. Er täte gern sagen, daß sie in seinem Haus über Nacht bleiben
möchte, wenn ein einzig Platzel aufzutreiben wäre; aber es sei über
und über alles besetzt; Verwandte, die ihn über die Feiertage besucht,
hätte er auch im Haus. -- Na, wie's ihr alleweil ginge? Das Aussehen
wär' nicht schlecht.
Der Plonel hatte es die Rede verschlagen. -- Wie es ihr ginge? Daß sie
müde ist vom weiten Weg und in einer schweren Bangigkeit! Und daß sie
jetzt in der Scharau keine Herberg' hat! -- Sie hat's nicht gesagt. Als
sie des Bauers, ihres einzigen Verwandten, Worte gehört hatte, konnte
sie weder essen noch trinken. Da müsse sie wohl wieder anrücken, sagte
sie kleinlaut und betrübt, sie hätte noch einen weiten Weg. Die Bäuerin
suchte ihr etliche Krapfen aufzunötigen; der Bauer sagte ihr noch
freundliche Worte, und als das Mädchen das Umhängtuch fester um ihren
Körper gebunden hatte und langsam, mit jedem Schritte völlig zögernd,
in den dämmernden Winterabend hinausgegangen war, atmeten die guten
Baumbartleute auf: »Gott sei Dank, daß wir die fortgebracht haben!«
Der muntere Knabe trachtete den Vater bei den Rockschößen wieder in die
feierliche Stube zu zerren und rief: »Jetzt mußt du mir die Geschichte
von unserer lieben Frau in Bethlehem weiter erzählen!«
»Gehört nicht her da!« sagte der Bauer etwas unwirsch, wußte aber
selbst nicht, warum er unwirsch war.
Als es ganz finster geworden und so recht der Frieden der heiligen
Nacht über das Dorf ausgebreitet lag, als auch das Aveläuten verklungen
war, die Glocken mit ihren letzten Schlägen aber noch anzudeuten
schienen: Heute sagen wir nicht: gute Nacht! heute fangen wir noch
einmal an! -- da hieß es im großen Baumbarthofe plötzlich: »Der
Kinigl-Peterl ist da!« Das Knäblein schoß wie ein Pfeil zur Tür hinaus
und stand auch schon vor dem wunderlichen Mann.
Der Kinigl-Peterl war ein alter, großer, hagerer Patron, der zu jenen
bestgesuchten und schlechtest geachteten Leuten gehörte, wovon jedes
Dorf die seinen hat, Leute, die alles können und anfassen, wofür
zufällig sonst niemand zuwege ist. Sie sind Strohdachdecker und
Brunnengräber, Krankenwärter und Rattenfänger, Obstbaumpelzer und
Honigausheber, Kapaunzüchter und Ochsenmacher, und noch viel mehr,
kurz: nahezu alles -- und darum nichts.
Der Kinigl-Peterl, der mit seinem rechten Namen Peter König hieß,
verlegte sich außerdem noch auf die Kaninchenzucht, was ihm allerdings
nicht viel zu schaffen machte, denn die Kaninchen züchten sich selber.
Er hatte davon manch feines Brätlein und den Namen Kinigl-Peterl.
Nebenbei hatte er eine kleine Familie mit einem nicht immer harmonisch
gluckenden Weiblein und drei Töchtern, die schon erwachsen waren und
zur Sommerszeit vor dem Häusel mitten auf der Straße saßen und mit
Sandhäuflein und Steinchen spielten. Es waren die »drei armen Hascher«
von Scharau. Ihr Vater hatte denn viel zu schaffen, daß sie zu ihrer
geistigen Verkrüppelung nicht auch noch Hunger leiden mußten. Im Häusel
sah's wohl arm aus, aber nicht bettelhaft, und der Peterl nahm jede
Gelegenheit wahr, sich was zu »verdienen.«
Eine solche Gelegenheit zum »Verdienen« war die heilige Weihnachtszeit,
da er von Haus zu Haus ging und den Leuten die »Geburt Christi« sang,
wofür er eine kleine Gabe erntete. Denn überall beschloß er seinen Sang
mit den Worten: »Glück hinein, Unglück hinaus, Gott besegne dieses
Haus!«
So stand der Kinigl-Peterl in seiner langbemantelten, hageren,
vorgeneigten Gestalt, mit dem kleinen Gesichtl und den weißen
Bartstoppeln dran, mit frommen Gebärden, aber fürwitzigen Äuglein
-- so stand er da an der offenen Haustür; der Schein des Herdfeuers
fiel auf ihn und er sang die Geschichte der Einkehr zu Bethlehem, wie
sie eine Stunde früher der Baumbart-Bauer aus der Bibel dem Knaben
erzählt hatte. Nun kam der Bauer und legte sich aus dem Beutel zwei
Silberzehner in die hohle Hand zurecht, denn das christliche Singen
nach altem Brauch gefiel ihm gar wohl, und das Almosengeben schien ihm
heute recht stimmungsvoll; es kam ihm bedeutend leichter an wie sonst:
Nur heraus damit, heiliger Abend ist nicht alle Tag'.
Der Peterl hatte die »Geburt« schier zu Ende gesungen; jetzt war er
gerade dabei, wie die römischen Beamten zur heiligen Familie in den
Stall treten, um von ihr die Beschreibung aufzunehmen. Da spricht
~Der Schreiber~: »Sagt an, sagt an, wie des Kindleins Namen ist?«
~Der Vater Josef~: »Das Kindlein heißt Herr Jesu Christ.«
~Schreiber~: »Sagt an, wie heißt die Mutter fein?«
~Josef~: »Die Mutter heißt Maria rein.«
~Schreiber~: »Und saget, wie der Vater heißt?«
~Josef~: »Der Vater heißt der heilige Geist.«
Während solcher Zeremonie war aber auf dem Gesichtlein des Peterl keine
rechte Andacht zu erkennen. Das gefiel dem Bauer nicht. Er hielt dem
Alten die flache Hand mit den Silberstücken hin und sagte: »Du siehst,
Peterl, es sind ihrer zwei. Und hab' sie dir geben wollen allzwei.
Aber weil du's ein wenig schlampert machst mit der heiligen Sach', so
kriegst nur einen.« Damit nahm er mit der andern Hand den einen weg und
schob ihn in die Tasche. Den zweiten nahm der Peterl mit einer schönen
Verbeugung und sang den Schlußvers:
»So sei dir, Haus, wohl ehrenwert
Des Boten letzter Gruß beschert,
Glück hinein, Unglück hinaus,
Gott --«
Der Peterl unterbrach sich und sagte recht demütig: »Ich hab' dir zwar
das Ganze vermeint gehabt, Baumbart-Bauer, aber ich denk', das Letztere
behalte ich für mich selber.«
Und schob davon. --
Wie diese Zwei zu solcher Stund' und in der Weise auseinandergingen,
hätte man nicht vermutet, daß sie sobald wieder miteinander sollten zu
tun kriegen. Und doch schon in derselbigen Nacht.
Als der Baumbart-Bauer vom Mitternachtsgottesdienste nach Hause ging
-- es war ein heftiges Schneien und Stöbern eingetreten --, und als er
an seinem einsam stehenden Heustadl vorüberkam, eilte aus diesem eine
Gestalt hervor. Eine lange, hagere Gestalt. Der Bauer rief sie an, was
sie im Stadel zu suchen gehabt? Der Kinigl-Peterl war's und der sagte
ganz erregt: »Ah, du bist's, der Baumbart! Schau, das ist schon wieder
überflüssig, daß eins bei Nacht und Nebel so weit in die Kirchen geht,
wenn man das Christkindl auf eigenem Grund und Boden hat. Willst es
wissen: da drinnen ist's, da drinnen im Heustadl. Ochs und Esel stehen
nicht dabei, drum geh nur geschwind hinein, ich komm' auch bald nach.«
Er lief davon. Wie der Alte noch laufen konnte! Im Stadl war etwas zu
hören. Der Bauer horchte. Das war ja schier das Schreien eines kleinen
Kindes! -- Er ging in die alte Bretterhütte, kroch über Stroh und Heu,
rief herum, was denn da wäre und war endlich ganz nahe dem jungen
Geschrei. Da es stockfinster war, so machte er keinen Schritt mehr
weiter, sondern fragte, wer da sei.
Nun antwortete ihm die matte Stimme eines Weibes, wenn er etwa nur aus
Neugierde frage, so nenne sie ihren Namen nicht.
»Ist auch nicht nötig,« sprach der Bauer, »ich kenne deine Stimme, mir
scheint, die habe ich heut' schon gehört. Warum sagst es denn nicht,
daß es so mit dir steht?«
»Der Vetter hat mir beizeiten den Riegel vor den Mund und vor die Türe
geschoben.«
»Wenn ich dein Vetter bin, so wird's mir auch zustehen zu fragen, wer
die Schuldigkeit hat, daß er jetzt für dich sorgt; heißt das, wenn du's
selber weißt.«
»Bauer!« sagte sie und ihre Stimme war kräftiger, »mein Mann ist jetzt
beim Militär!«
Warum sie's nicht gesagt hätte, daß sie verheiratet wäre?
Weil sie nicht darum gefragt worden sei. Ihr Mann sei ein Auswendiger
(Fremder), und mit so einem hebe man in Scharau keine Ehre auf.
Warum sie jetzt in die Scharau herübergekommen sei?
Weil sie noch vor den Wochen ihre Verwandten besuchen wollte. Die Zeit
aber sei Gott bekannt. Die Verwandten hätte sie nun wohl gesehen --
jetzt wolle sie Frieden haben.
Da kam schon der Kinigl-Peterl mit einem Laternlicht und mit einem
breiten Buckelkorb, wie man solche im Sommer zum Grastragen braucht. Er
stäubte sich am Eingang sorgsam den Schnee ab, dann kroch er über das
Heu her und hinter ihm kroch sein Weib nach, das schleppte Mäntel und
Bettdecken und rief der Mutter mit dem Kinde schon von weitem Koseworte
zu, und daß sie nur getrost sein sollten, es kämen ja schon die Hirten
mit warmen Suppen und Wollzeug und allerlei. Und der Peterl schlug vor,
sie solle das liebe Christkindel nur keck anpacken und damit in den
Korb kriechen, dann wolle er sie beide rechtschaffen weich und warm
einwickeln und in sein Häusel tragen, wo schon alles bereit sei.
Und als der Baumbart-Bauer merkte, die zwei Häuslersleute wollten sich
hier wirklich auf die frommen Hirten von Bethlehem hinausspielen, da
schämte er sich und stellte sich bereit, die Arme in sein Haus zu
nehmen. Sie aber dankte für die gute Meinung: »Ich bin eine arme Magd
und will mit den Hirten gehen.«
Sie ging aber nicht, sondern ließ sich hübsch tragen und dankte Gott
in ihrem Herzen, daß diese nötenreiche Nacht einen so freundlichen
Christmorgen gefunden hatte.
Am Christtage, als die Leute erfahren hatten, was sich Merkwürdiges in
der Scharau zugetragen, kamen sie ins arme Häuslein mit Lob und Gaben.
Die Gaben für Mutter und Kind, das Lob für den Peterl und sein Weib.
Die »drei armen Hascher« standen auch vor dem Bett und schauten das
Wunder an. Es war, als ob von diesem ein Strahl ausginge, so verklärt
lächelten ihre einfältigen Augen. Und so ist das Wort laut geworden
und ist dem Kleinen, der hold heranwächst, der Name geblieben: »Das
Christkind von Scharau«.
Die Brüder Stadlhofer.
In einer schlaflosen Nacht fiel mir der Johann Stadlhofer ein. Er
war unweit meines Ortes daheim, in der Gegend von Wenigzell oder
Strallegg -- dort oben irgendwo. Kennen lernten wir uns in Graz, wo er
an der Universität studierte, dieweilen ich -- älter als er -- in der
Vorbereitungsklasse der Handelsakademie saß. Aber ich war ihm nicht zu
schlecht; an Sonntagen gingen wir gern miteinander aufs Land hinaus, am
liebsten auf solche Höhen, wo man die fernen grauen Bergrücken unseres
gemeinsamen Heimatgaues sehen konnte. Der Johann lachte immer, wenn wir
von der Heimat sprachen, er erinnerte sich an die Narreteien, die er
dort als Bauernjunge getrieben, doch manchmal blitzte ein jäher Zorn
auf, ohne merkbare Ursache. Dann ließ er sich wieder alles gefallen
und bisweilen, wenn unser mehrere beisammen waren, trieben wir's wüst
mit ihm. Er verband sich die Augen und stemmte in wagrecht gebückter
Stellung den Kopf an den Baumstamm. Einer von uns anderen schnellte die
Beine, hüpfte auf seinen Rücken: »Esel, wer reitet?« Und er antwortete:
»Der Goldleitner Gelm!« oder »Der Waldbauernbub, der Schelm!« und
erriet es allemal. »Der muß auch hinten Augen haben!« riet einer der
Spielgenossen. »Freilich,« lachte der Johann, »ich hab sogar an deinen
Ohren Finger. Merkst du's?«
Jener merkte es. Aber nicht grob.
Noch mehr als seine rückwärtigen Augen bewunderte ich an ihm die
Artigkeiten mit schönen Stadtdamen. Da war's wieder so, daß er seinen
Mund an ihren Fingern hatte. Er küßte ihnen die Hand. Aber wie? Er
nahm so ein weiches, schmales Händchen in seine Bauernpratze, faßte
die Fingerchen zusammen in seine Faust, so daß nur die rosigen Spitzen
hervorstanden. Und diese Spitzen küßte er. Aber so nachdrücklich, daß
man meinte, er wolle ihnen das süße Blut aussaugen. Und die Dame wurde
gar nicht einmal so böse. Er war ein hübscher, frischer Junge, und
solcher braucht sich an keinerlei Kußregeln zu halten.