Der Jahre sieben oder acht sind vergangen seit jenem Christenwerke, das

der Großhofbesitzer, Wirt und Fleischermeister Stadinger an der armen

Witwe und ihrem Kinde geübt hatte. Seither hat sich allerlei verändert

in der Welt. Die arme Hubsteinerin ist gestorben, ihr Knäbel hatte

ein Waldbauer zu einem Hirtenknaben aufgenommen aus Barmherzigkeit

und nichts dafür gegeben. Die Sofferl ist im Stadingerhofe groß und

hübsch geworden, und sie hat sich nicht zu beklagen. Beklagt sich

auch nicht. Aber daß sie eine Stalldirne abgeben muß, das ist ihr für

die Länge nicht recht. Sie möchte lieber Leute tränken, als Vieh --

Kellnerin möchte sie sein. Der schlanke Knabe, den wir damals auf dem

Pferde aus dem Hofe reiten gesehen, ist ein stattlicher junger Mann

geworden, der auch heute noch auf dem Pferde umherreitet, weil er die

große Wirtschaft zu leiten und die Arbeiten des Gesindes zu überwachen

hat. Die Fleischhauerei überläßt er seinem Vater, ihn freut das rüde

Geschäft nicht, er sagt, er tue lieber pflanzen, säen und züchten,

als schlagen und totstechen. Und der junge, aufrechte Mann mit den

freundlichen Zügen und dem offenen Blick sieht auf seinem Rößlein eher

einem Landgrafen ähnlich als einem Fleischhauerssohne. Er hatte ein

paar Jahre Landwirtschaft studiert und sich in den Kopf gesetzt, das

ausgedehnte Gut seines Vaters zu einer Musterwirtschaft emporzubringen.

Es ging auch vorwärts.

Der alte Stadinger ist ein klein wenig gebückt geworden, hat aber

sonst noch sein rotes, rundes Gesicht, seine klugen Äuglein und seine

verschmitzte Freundlichkeit wie vor und ehe. Zu Fuß ging er nicht

mehr viel um in der Gegend, im Steirerwäglein fuhr er, leitete selbst

das Pferd und wurde überall mit Achtung gegrüßt, wo er sich zeigte.

Sehr gerne fuhr der Stadinger in den Markt Solgenstein hinüber und

kehrte dort beim Hammerherrn Kloggenberger ein. Mit dem war er seit

einiger Zeit in freundlicher Bekanntschaft, die gelegentlich eines

Viehhandels gemacht worden. Der Hammerherr besaß ein großes Sensenwerk,

einen Hochofen, mehrere Bauernhuben, ausgedehnte Waldungen und eine

erwachsene Tochter. Aber keinen Sohn.

Eines Tages nahm der Stadinger auch seinen Burschen, es war sein

einziger, mit nach Solgenstein. Der junge Mann wollte auf dem Bocke

sitzen und kutschieren, wenn er schon nicht reiten konnte; der Alte

bedeutete, daß im Wagen Platz für beide sei, daß man da bequemer sitze,

und daß es mancherlei zu plaudern gebe. Daher setzte der Junge sich zum

Alten in den Wagen.

»Wir werden beim Sensenhammer zukehren,« sagte der Vater.

»Nicht nötig. Hab' ihrer erst ein Dutzend aus Sagbach bestellt,«

antwortete der Sohn.

»Was hast bestellt?«

»Sensen.«

»Du nimmst die Sensen in Sagbach?«

»Wir haben sie immer von dorther bezogen.«

Der Vater zog den Leitriemen an. »Karl,« sagte er nachher, »von jetzt

an nehmen wir Solgensteiner Ware. Ich habe einen Gedanken. Kennst du

die Hammerleute dort?«

»Recht gut.«

»Hast du keinen Gedanken, Karl?«

»O, allerhand!« lachte der Bursche auf.

»Nachher mag auch der rechte dabei sein,« sagte der alte Stadinger.

»Hast sie dir schon einmal angeschaut?«

»Wen?«

»Sie ist sauber -- und reich. Das wird ein Kapitalshaufen, wenn ihr

zwei eure Sachen zusammentut. Mußt ja doch auch ans Heiraten einmal

denken. Mein Weib wird mühselig und so viel wunderlich. An ihr hab'

ich keine Stütze mehr. Mich verdrießt's auch manchmal und will nach

und nach ausspannen. Da brauchst du eine. Spiel' einmal ein wenig

an, bei der Sensenhammerischen. Wenn's zustand' käm', 's wär' mir

eine rechte Freud'. Ein Rittergut, wenn die zwei großen Wirtschaften

zusammenstehen. Das wär' mir schon ein Trumpf!«

»Mir wär's auch nicht zuwider,« meinte Karl.

Also das Gespräch unterwegs zwischen Vater und Sohn.

Beim Hammerherrn wurden sie sehr artig aufgenommen und zum

Nachmittagsbrot eingeladen. Fräulein Agnes bediente die Gäste, ein

feines zierliches Wesen, das den jungen Grundbesitzer aus Pichlern mit

gar schelmischen Augen anguckte. Allerlei wurde gesprochen, und als

unsere beiden wieder auf ihrem Wagen heimwärts fuhren, sagte der Alte:

»Ich habe gar keine Sorge. Es geht. Ein Jahr mußt halt Geduld haben,

weil sie ja, wie du gehört haben wirst, über den nächsten Winter noch

einmal ins Institut geht. Du bekommst eine Gebildete. Herrgott, Bub, du

hast mehr Glück wie Heu!«

Karl spitzte mit den Finger sein blondes Schnurrbärtchen und

schmunzelte vor sich hin.

»Nur eins! Hi, Brauner! -- Nur eins muß ich dir sagen, Karl,« fuhr

der Stadinger fort. »Mit der Krämerischen tust nicht mehr weiter. Die

dankst gleich ab. Die könnt einen Balawatsch in die Geschichte bringen.

Die Mädels wollen alle gleich geheiratet sein. Gib Achtung! --

Kannst's nicht graten, so gibt's andere. -- Bist mit der Sofferl immer

noch über quer? Geh, dumm!« --

Diesmal brach er ab. Einige Zeit drauf war's, daß die Sofferl dem

Stadinger anzeigte, sie wolle sich um einen anderen Dienstort umsehen.

Sie möchte nicht immer beim Vieh bleiben, sondern auch etwas lernen.

Daß sie in diesem Hause etwa in die Küche oder in die Gaststube käme,

dafür sähe sie keine Wahrscheinlichkeit, also möchte sie fort.

»Schau, schau,« antwortete ihr der Stadinger. »Wie gut ist's, daß

ich dieses Kalb am Strickel hab'. Davonlaufen! Nein, mein liebes

Sofferl, darauf mache dir keine Hoffnung. Du gehörst mein, bis ich

dich freiwillig fortlaß. Und das wird nicht sein, ich habe die jungen

starken Leute zu gern in der Wirtschaft. Wegen Essen und Gewand hast

wohl keine Klag'?«

»Das nicht, Herr Vater. Freiwillig bliebe ich vielleicht, aber das

Müssen ist so viel sauer.«

»Lapperl!« sagte er und versetzte ihr ein artiges Klapschen an die

runde Wange, »so bleib halt freiwillig. Und tust es freiwillig nicht,

so ~mußt~. Ein bissel Recht habe ich schon auch als Gerhab mit dir.

Für alle Fälle ist ein Briefel da. Ja, Dirndl, da hilft dir nichts, je

mehr du hinwegzerrst, je schärfer schneidet dir das Strickel in den

Hals. Sei nur g'scheit, vielleicht bringst es noch zur Kellnerin, wenn

du klug bist, vielleicht. Nur schön folgen dem Karl, wenn er dir was

schafft! Und jetzt geh' zu deiner Arbeit.«

Wenige Wochen nach dieser Unterredung standen der Stadinger und

sein Sohn in einer Abenddämmerung unter dem Weichselbaum, und der

Vater sagte mit halblaut flüsternder Stimme und heftiger Gebärde zum

Burschen: »Karl, ich sag' dir's, du wirst dich verbrennen! Hab's wieder

wahrgenommen gestern auf dem Abend. Bist ein verfluchter Kerl und wirst

noch alles verderben! Soll's mit der Sensenhammerischen Ernst werden,

so laß die Krämerische sein. Die legt dir Fallen! Wirst dir doch

anderswie zu helfen wissen die paar Monat. -- Eine Knechtin. Schick sie

in den Wald hinaus, die Sofferl -- fürs Vieh streurechen. Nachschauen

mußt gehen bei der Arbeit. Ach, geht mir weg, ihr jungen Leut' könnt

euch nichts anschicken.«

Karl stand stramm da, ließ seine Hände in den Hosentaschen stecken und

antwortete jetzt leichthin: »Für so ein Streurechen, wie der Vater

meint, ist mir die Sofferl doch zu gut.«

»Wie du glaubst,« sagte der Stadinger, »für wen sparst sie denn auf?

Ein dummer Halter oder Holzknecht oder so einer wird nicht lange

fragen, oder schon kurz gefragt haben. Und bissel ein Recht werden wir

doch noch haben übers Dirndl, das ich von der Straßen hab' aufgehoben

... Nun, wie du glaubst. Aber verpatsch dich nicht. Der Köder von der

Krämerischen! Ist eine Angel dran, ich sag' dir's! Wenn du mir die

Sensenhammerische verspielst, ich -- ich weiß nicht was ich tät!«

Mit diesen Worten wendete sich der Stadinger und ging in den Hof. Der

Karl pfiff ein lustiges Liedl und schlenderte über das Feld hin.

Auf dem Weichselbaum, unter welchem sie gestanden, saß eine, der

raste jetzt das Herz und das Blut. Das waren saure Weichseln, die

auf diesem Baume wuchsen! Die Sofferl hatte alles gehört. Und jetzt

überdachte sie es. Manches fiel ihr ein, wurde ihr jetzt klar. Es

fehlte dem Dirndl ja nichts auf dem Stadingerhofe, sie wurde gehalten

wie jede andere Magd und arbeitete auch so. Nur daß sie nicht fragen

durfte: wofür arbeite ich? Wo ist mein Jahrlohn? In der Schule

hatte sie gehört, daß es Leibeigene gegeben, welche ganz dem Willen

ihres Herrn unterworfen gewesen wären, daß Länder sind, wo es noch

heute Leibeigene gibt. Und der Stadinger hatte den Kaufbrief. Sie

hat fleißig gearbeitet, war treu und gewissenhaft gewesen in allem.

Nun zur Feierabendzeit auf dem Weichselbaume sitzend, hatte sie

gehört, daß solches nicht ihre ganze Aufgabe war in diesem Hause. Ein

heißer Aufschrei war zurückzudrängen in ihre Brust. Sie mußte jetzt

schweigen, durfte nichts gehört haben. Sie mußte arglos bleiben. Das

stand klar in ihr, sie wollte sich rächen. Rächen an dem Alten, dem

gewissenlosen Vater und Gerhab. Der Junge? Leise begann ihr das Herz

zu zittern. -- »Dafür ist sie mir doch zu gut,« hatte er gesagt. --

Seit langem hatte sie eine stille Neigung zu Karl, dem Haussohn, in

sich zu bekämpfen, und war es ihr auch gelungen, die Liebe mit Trotz zu

maskieren. War sie doch die Knechtin, die zur Liebe kein Recht hat, die

nur Gleichgültigkeit oder gar Verachtung erfährt von Mitgenossen und

Herrschaft. Wie aber soll es ~jetzt~ werden? Er hat ein Wort gesagt, in

welchem Achtung für sie lag, vielleicht mehr noch ... Soll sie jetzt

ihre Karte ausspielen? Soll sie's versuchen? Es war ja nichts für sie

zu verlieren. Und gelänge es? Glück und Rache. --

Kurze Zeit darauf war der Karl wieder einmal am Zaun gestanden und

hatte Scherzworte hinübergerufen in den Garten, wo die Krämerstochter

Blumen jätete. Das Mädchen tat recht anzüglich und meinte, wenn er ein

Sträußlein von ihr wolle, so möge er sich einen Sprung über den Zaun

nicht verdrießen lassen, nachtrage sie ihm nichts. -- Wenn er mit der

zu weit kommt, so ist's mit der Sensenhammerschen vorbei. Man muß ihm

aus dem Traume helfen. -- Das war wieder des alten Stadingers Gedanke,

als er jetzt vom Fenster heraus rief: »Karl, just denk' ich dran, du

wirst müssen nachsehen, ob in der Kornscheune das Dach nicht schadhaft

ist für den Winter. Geh' gleich, sonst vergißt's.«

Der Bursche ging in die Kornscheune. Das Dach war ganz gut, und unter

dem Dache kroch die Sofferl umher und legte die Garben glatt, die einen

Tag früher eingeführt worden waren. Beide erschraken voreinander, als

sie sich sahen. Im Augenblick aber fiel es dem Burschen ein, ob er es

nicht untersuchen solle, um wieviel das Dirndl besser oder schlechter

sei, als die Meinung war.

»Sofferl,« redete er sie ruhig an, »hast nicht Langeweile, allein beim

Korngarbenlegen?«

»Bin ja nicht allein!« rief sie, »sind ja die Korngarben da.«

»Zu zweien wäre es vielleicht kurzweiliger,« sagte er.

»Das weiß ich nicht. Unsereins denkt nicht an die Langeweile, denkt an

die Arbeit.«

Weil der Raum unter dem Dache zu niedrig war, um aufrecht zu stehen, so

mußte er kniend zu ihr hinankriechen.

»Das Nest ist gar nicht schlecht, daheroben,« flüsterte er und legte

seine Hand an ihren Arm. Sie schob ihn rasch von sich und sagte: »Karl,

du irrst dich!«

Jetzt wußte er einen Augenblick nicht, was er machen sollte.

»Daß du mich aber doch sogleich verstanden hast, Sofferl,« sagte er.

»Es ist keine Kunst, das zu verstehen,« gab sie zurück und legte

ununterbrochen die wirr übereinander geworfenen Garben glatt und

ordentlich aneinander. »Aber ich will's nicht verstehen. Du bist mir zu

gut dafür, Karl.«

Er stutzte. Es fiel ihm auf, was da gesagt wurde, aber auch, wie es

gesagt wurde. Schier traurig und innig. Und wie er ihr jetzt ins Auge

blicken wollte, wendete sie sich hinweg, trotzdem sah er noch auf ihren

Wimpern ein Tröpflein. -- Ohne noch ein Wort zu sagen, stieg er nieder

in die Tenne und ging hinaus. Wieder am Gartenzaun kam er vorbei, aber

er rief nicht mehr hinüber zur Krämerischen, er ging still vorüber.

Wenige Tage später trafen sie sich im Walde beim Streurechen. Die

Sofferl sah ihn schon von weitem kommen und ging ihm entgegen.

»Mir ist's recht, daß du da bist, Karl, oder wie ich sagen soll,«

sprach sie ihn an. »Das Dusagen wird sich bald nicht mehr schicken bei

uns.«

»Wenn du eine bessere Anred' weißt, so ist es mir auch recht,« sagte

der Bursche. »Die liebste Ansprach' zwischen uns wär' mir ~das~!« Einen

Kuß wollte er ihr geben.

»Da weiß ich eine andere,« sagte sie entschieden ablehnend. »Wie es

sich heute schon das zweitemal zeigt, tut's nicht gut, daß wir zwei

nebeneinander in diesem Haus sind. Du der Herr, ich die Knechtin. Sind

schon viel zu geschwisterlich worden miteinand. Du wirst es einsehen,

und deswegen bitt' ich dich gar schön, laß mich fort.«

»Fort, Sofferl! Ja, wohin willst du denn?«

»Das ist ganz gleich für dich und für mich. Aber um tausend Gottes

willen, zwingt mich nicht, daß ich in diesem Hause bleibe«

»Vom Zwingen ist keine Rede.«

»Dein Vater hat mich gekauft!«

»Vom Zwingen ist keine Rede,« wiederholte der Bursche. »Du bleibst

freiwillig.«

»Dein Vater laßt mich nicht, er hat mich gekauft!« rief das Dirndl.

»Sagt nur, was ich wert bin, ich will mich loskaufen!«

Darauf der Bursche: »Mein Vater hat dich erzogen und soviel ich weiß,

deine Mutter ein wenig unterstützt bei ihren Lebzeiten. Er wird's gern

sehen, wenn du dankbar dafür bist und noch ein paar Jahre auf dem Hof

bleibst, jetzt weil du brav arbeitest. Von mir aus bist gar nichts

schuldig, ich zwinge dich nicht zu bleiben, aber du bleibst freiwillig.«

»Es wäre unser Verderben, Karl!« rief das Dirndl scharf. »O, nein. Ich

bin nur eine niedrige Knechtin, aber meine Ehr', die hab' ich, und

sonst nichts, als wie die, und die will ich mir behalten. Geh' weg von

mir!« Sie hob ihren Eisenrechen drohend gegen ihn.

»Du bist ein Kind!« sagte er und ging seines Weges.

An die Sensenhammerische hatte der junge Stadinger zu dieser Zeit

seltener gedacht von Tag zu Tag. Als sie in das Institut abgereist war,

hatte sie ihm ein Abschiedsbrieflein geschrieben. Karl säumte mit der

Antwort so lange, bis er sie als zu spät hielt, dann gab er sie gar

nicht. In der Nacht nach dieser Begegnung im Walde nun lag der Bursche

schlaflos auf seinem Bette. Sie stand wie ein Lichtbild. Dieses runde,

weiße Gesicht mit dem roten Mund! Dieses schwarze, üppige Haar! Diese

heißen Augen, die auch so sanft und betrübt sein konnten! Diese ganz

ebenmäßig gerundete Gestalt! Ein schönes Weib! Und ein braves!

So lange lag er schlaflos, bis er aufstand und hinausging in die kühle

Sternennacht. Da kam er gerade recht, wie jemand mit einem Bündel über

den Anger huschte und gegen den Wald hin. Der Bursche eilte dem Diebe

nach, es war aber keiner, es war ein Weibsbild, ein junges und hieß

Sofferl. Sie versetzte dem Angreifer einen Schlag auf die Hand, doch

er hielt sie fest, trotz ihres verzweifelten Losringens. Und er sagte

ernsthaft: »Nein, Sofferl, so geht man nicht fort vom Stadingerhof.«

Sie schaute ihm schweigend und zornig ins Gesicht. Endlich hauchte sie

schweren Atems: »Also du willst mich nicht lassen?«

»Nein, Sofferl, ~so~ gehst du nicht fort.«

»Gut,« sagte sie schrill und tonlos. »Du hast es zu verantworten. --

Karl! -- Karl!« In rasender Erregung warf sie ihre Arme um seinen

Nacken, preßte sein Haupt an das ihre, seinen Mund an den ihren, und

gewaltsam, wütend vor Leidenschaft, küßte sie ihn, daß beiden der Atem

vergehen wollte ....

Nach dem Sturme stand der Bursche ganz verblüfft da. Aber seine Finger

hielten ihren Arm umklammert. Er schämte sich, geküßt worden zu sein

und schickte sich nun an, es wett zu machen; daß seine Leidenschaft

der ihren mindestens gleichkam, das sollte sie erfahren -- heute noch.

»Jetzt, Karl, gehen wir miteinand'!« sagte sie, hing sich rasch in

seinen Arm, und sie schritten aus dem Walde über den Anger dem Gehöfte

zu. -- Je näher sie zur Tür kamen, je fester und enger hielt er das

Dirndl im Arm. Plötzlich sagte sie: »Nur bis da her, Büberl! Wie es

steht, das weißt jetzt. Am Sonntag nachmittag fangen wir an. Jetzt geh'

und schlaf' dich aus!« Ein Ruck, und der Bursche stand allein vor der

zugeschlagenen Tür.

-- Und das ist die Knechtin! dachte er, das ist das demütige, willige

Dirndl, das sich ohne Widerred' alles gefallen läßt, immer geduldig und

immer lammfromm! Herrgott, wie die sich jetzt auseinander tut. Das ist

keine Knechtin! Die weiß ganz genau, wo ihr Recht und Eigentum anhebt.

Das ist eine Kernige! Eine Feurige! Bei der ist einer versorgt! Auf

die ist ein Verlaß! Für einen Batschen hab' ich sie nie gehalten, die

Sofferl, aber so hab' ich sie nicht gekannt!

Um diese Zeit machte der alte Stadinger seinem Sohn den Vorschlag,

wieder einmal nach Solgenstein zu fahren und die Sensenschmiedischen zu

besuchen. Da der Karl dafür keine Neigung zeigte, so sagte der Vater:

»Du glaubst, weil jetzt das Fräulein nicht daheim ist, so hast nichts

zu tun dort. Mußt aber auch auf den Schick nicht vergessen, gegen die

Vatersleut'.«

»Sollen herüberkommen, wenn sie mich sehen wollen,« gab der Bursche

kurz zurück. Da guckte ihn der Vater so von der Seite an und dachte:

Sauber ist er, aber manchmal dumm wie ein Kalb! Na, der Dumme hat's

Glück, das tröstet mich wieder. Gefreut mich nur, daß er bei der

Krämerischen endlich ausgelassen hat.

Und nun vom Sonntag nachmittag, an dem die Sofferl anfangen wollte. Das

Wirtshaus war voller Leut', aber das Dirndl, welches sonst nun schon

manchmal Aushilfe in der Kellnerei leistete, war heute nicht zu finden.

Der Karl auch nicht. Es hatte auch niemand Zeit, sie zu suchen; die

Kammer war verschlossen.

»Mit allem bin ich einverstanden,« flüsterte die Sofferl dem trauten

Gaste zu, »nur ein kleines Gebitt hab' ich, und das mußt du mir vorher

erfüllen.«

»Könntest schon bitten, was du wolltest!« sagte der Bursche. »Für

dich bin ich zu allem aufgelegt!« Sein Antlitz glühte und um seine

Mundwinkel zuckte die Freude, bei ihr zu sein.

»Schererei macht's dir keine,« sagte sie. »Schau, da habe ich eine

Tinte, und da hab' ich eine Feder, und geschrieben ist's auch schon.

Nur deinen Namen drunter.« Sie zog aus dem Busenlatz ein Papier.

»Was hast du denn da?« fragte er.

»'s ist nur brauchshalber,« sagte das Dirndl. »Gegen gute Bekannte

muß man artig sein. Ein kleines Briefel an die Sensenhammerischen zu

Solgenstein.«

»An die Sensenhammerischen? Laß das jetzt, Sofferl, ~die~ Leut' sind

mir zuwider.«

»Kannst sie lesen, meine Schrift?«

Er konnte sie lesen. Auf dem Papier standen etliche ganz zierlich

hingemalte Zeilen folgenden Inhaltes:

»An das ehrenwerte Haus Kloppenberger, Hammergewerke

zu Solgenstein.

Unterschriebener erlaubt sich die freundliche Mitteilung zu machen,

daß er sich am Sonntag den 11. Oktober 1885 mit der Magd Sophie

Hubsteinerin auf Ehr' und Treu' verlobet hat.«

»Jetzt da drunter, mein Bübel, schreibst deinen Namen!« bat das Dirndl

zärtlich.

Da schaute er einmal drein. Schaute drein und sagte nichts. Endlich

schnalzte er mit der Zunge, tauchte die Feder tief in das Tintenglas,

und mit fester Hand schrieb er unter die Zeilen seinen Namen.

»Gut ist's!« hauchte sie, sich ihm an die Brust legend, »Karl, jetzt

hast mich!«

»Eine verdammt Feine bist!« sagte er. »Aber mir ist's schon recht.

Eine gescheite Frau zu haben, ist kein Schaden. Das Briefel will ich

besorgen.«

»Das tu' ich selber,« sagte das Dirndl. »Es kommt an den rechten Ort,

brauchst dich nicht drum zu bekümmern.«

Jetzt war ihm gut, jetzt war ihm leicht. Ach, das war für den jungen

Stadinger ein glückseliger Nachmittag. Der alte Fleischhauer fluchte

über die Abwesenheit des Jungen. »Gewiß!« so rief er dann angeheitert

den Gästen zu, »gewiß steckt er drüben in Solgenstein bei den

Sensenhammerischen. Ist ja in die ganze Familie vernarrt. Und ich mach'

gleich meine Einladung zur Hochzeit. Ja, ja, wenn wir das Stadingergut

und die Hammerherrschaft zusammentun, das gibt einen Eselsfleck auf der

Weltkugel. Ein Narrenglück hat er, mein Karl!«

Am Abende sah der Stadinger die Sofferl über den Hof eilen. Na,

die bekam es! Heute war er giftig. Wo sie gesteckt habe den langen

geschlagenen Nachmittag? Ein Tunichtgut und ein Taugenichts und ein

Faultier, und allerlei Donnerwetter und Kreuzsapperments darunter! So

stark ging's los, daß das Dirndl sagte:

»Herr Vater! Eine solche Litanei lasse ich mir nicht vorbeten. Wir

müssen uns jetzt einmal ein gemütlicheres Reden angewöhnen zueinander.«

»Was sagst? Knechtin, was nimmst dir heraus? Soll ich dir deinen

Standpunkt wieder einmal klar machen? Ich habe einen schönen Brief über

dich, wenn du ihn sehen willst!«

»Ich habe auch einen schönen Brief!« sagte das Dirndl, das Schreiben in

der Luft schwingend. Dann lief sie mit demselben dem Posthause zu. --

Am nächsten Tage ließ der alte Stadinger seinen Sohn in die Stube rufen.

»Gestern hast mich wieder einmal sauber allein gelassen bei den

Gästen,« redete er ihn an, »na, sei nur still, ich weiß, wo du gewesen

bist. Macht auch nichts. Was anderes wollt' ich sagen. Mit dieser

Bettlerdirn! Zum Totärgern ist's, was die mir gestern für Gegenred'

gehabt hat. Ich glaub', die wird spießig, ich glaub', die muß man

walgen. Schick sie diese Wochen in den Holzschlag hinaus, die hart'

Arbeit wird sie schon wieder weicher machen.«

»Wen?«

»Die Sofferl mein' ich!« brummte der Alte.

»Ist mir recht, daß wir von ihr reden,« sagte der Bursche. »Kommt mir

aber nicht leicht an, Vater, was ich zu sagen habe. Dem Menschen ist's

halt angeboren, man kann nichts dagegen machen, und die Sach' läßt sich

nicht zwingen und nicht wehren.«

»Was ist denn das für eine Umrederei?« fragte der Alte scharf.

»Ich denk', wir reden ein andermal davon,« sagte der Bursche. »Auf

einmal geht's nicht, und jetzt muß ich auf's Rübenfeld. Das gute Wetter

hält nicht an, es sinkt der Barometer.«

Viel mehr wurde nicht gesprochen an diesem Montagmorgen. Als jedoch

am Dienstag der Alte schärfer drauf drang, das Dirndl zur Züchtigung

in den Holzschlag zu schicken, konnte Karl das, was einzugestehen

war, nicht mehr länger verschieben. Auch konnte mit jeder Stunde aus

Solgenstein die Rückwirkung der Verlobungsanzeige eintreffen.

»Ich glaube, Vater,« begann er, »Ihr kennt die Sofferl noch nicht gut

genug. Ihr behandelt sie immer nur als Knechtin, und das ist ganz

natürlich. Aber so einfältig ist sie nicht mehr, daß sie an den dummen

Schein noch glaubte. Ist auch Zeit, daß dieser Spaß aufhört. Sie bleibt

freiwillig, ich stehe dafür. Die muß man kennen! Daß sie frisch,

fleißig, sparsam, treu und gescheit ist, das wisset auch Ihr, ist keine

letze Person. Ich kenne sie noch von einer anderen Seite ...«

Der Alte trat einen Schritt zurück, er stolperte dabei über einen

Schemel, so daß der Sohn ihn stützen mußte.

»O, ich dank' dir, ich steh' schon, ich fall' nicht!« stieß er heraus.

»Also die Sofferl gefällt dir so gut!«

»Ihr habt mir ja selber dazu geraten.«

»Und das --« Der Alte unterbrach sich. »Ja, du hast recht,« sagte er,

»ein braver Bursch', der seiner Zuhälterin das Wort redet. Sie soll

nicht in den Holzschlag, kann auf dem Rübenfeld bleiben.«

»Das was Ihr genannt habt, ist sie mir nicht, war sie mir nie,« sagte

der Bursche.

Der Alte entgegnete mit leiser Stimme: »Brauchst es ja nicht zu

leugnen. Ist ja eine natürliche Sach'.«

»Vater,« sagte jetzt Karl mit ruhigem Ernste, »über die Sofferl werden

wir jetzt schon in einem anderen Ton reden müssen.«

Nach einem Weilchen, als der alte Stadinger ein paarmal die Stube auf

und ab geschritten war, sprach er: »Du tust ja gerade, als ob -- als ob

-- Solltest zu weit sein gekommen mit ihr?«

»So weit als man kann,« antwortete der Sohn. »Sie ist meine Braut.«

Hierauf schwieg er und erwartete den Sturm.

Der Sturm kam nicht. Der Alte schritt wieder auf und ab. Einmal war's,

als wollte er sprechen und es fehlte dazu der Atem. Endlich nahm er das

Sacktuch und trocknete sich die Stirn. Dann begann er zu lachen. »Wenn

einer,« stieß er inzwischen hervor, »wenn einer, den man mit Sorgfalt

führt zu seinem Wohlergehen, jäh ausreißt und dumm weiter tappt und ins

Unglück springt, so ist das zum Lachen! Zum Lachen ist's, ha, ha! Das

Weinen wär' er nicht wert. Du bist das Lachen und das Weinen und deinen

Vater nicht wert. Wenn ich dich enterben könnte ...«

Der Sohn suchte ihn sanft und kindlich zu beruhigen. Er wies darauf

hin, daß der Stadingerhof für sich groß und reich genug wäre, daß man

kein fremdes Stück dazu mehr brauche, daß er ordentliche und fleißige

Leute reichlich ernähre und in Ansehen erhalte, und daß die Hauptsache

in der Ehe die Liebe und das Sichverstehen sei. Er sagte alles, was man

in solchem Falle eben zu sagen pflegt, und als er nichts mehr wußte,

schwieg er.

Der alte Stadinger schüttelte den Kopf und immer wieder den Kopf. Er

war völlig fahl geworden in seinem runden Gesichte. Endlich zuckte

er die Achseln und sagte aus gehobener Brust: »Verhext hat sie ihn!

-- Aber --« Er stellte sich mit gefalteten Händen hin vor den Sohn,

»daß du gerade die beste hättest haben können, und daß du gerade die

schlechteste nehmen willst! -- Ah nein, du bist Schelm genug und hast

mich brav gefoppt. Hauptspaßvogel du! Die Betteldirn! Die Knechtin! Hi

hi!« Er versetzte dem Burschen einen Puff an die Seite, der schalkhaft

hätte sein sollen.

Karl hielt es für das klügste, für heute abzubrechen. Die Portion war

groß genug gewesen.

Wieder einen Tag später ließ der alte Stadinger das Dirndl zu sich

rufen, trug ihr einen Sitz an, den sie nicht nahm, und fragte sie fast

demütig, wieviel sie verlange, daß sie den Zauberbann löse, mit dem

sein Sohn umgarnt worden sei.

»Um Haus und Hof geht's dir!« rief der Stadinger.

Geschichten aus Steiermark · 第 13 / 22 段