der Sandinger; bald hernach waren wir glücklich auseinander. Der
Hochzeitszug bewegte sich unter Musikklang und Pöllerknall ins Dorf
hinein, wir schritten mit lautem Gebete vollends zum Kirchhof hinauf.
Ich war selbst froh, daß wir so gut auseinander gekommen, und ich
dachte: Christian! trotz deiner Anlage zum Zorn! Das Stilett an der
Hand, warst du Mannes genug, die Rache dem zu überlassen, dessen sie
ist.
Mir war aber nun bange vor dem Augenblick, da wir den Sarg ohne
priesterlichen Segen in die Grube senken sollten.
Das Grab war etwas gar zu nahe an der abseitigen Kirchhofmauer. Als
wir nach seiner Richtung hin zwischen den wildbewucherten Hügeln und
Kreuzen hindurch eingebogen hatten, wehte durch die Luft der Schall
eines Glöckleins. In der Kapelle zum heiligen Dismas wurde geläutet.
Mehreren der Leidtragenden wurden die Augen feucht darüber, daß der
welteinsame mißachtete Heilige der armen Katharina einen Gruß sandte in
das Grab. Und da fiel es einem Weibl plötzlich ein, und schrill sagte
es zwischen den Worten des Gebetes heraus: »Christ erbarme dich der
armen Seelen im Fegefeuer, Leut', vielleicht ist der alte Herr daheim!«
Der alte Herr! Das war der mühselige Benefiziatenpriester, welcher sich
den Dismasstein gewählt hatte, um hier still und arm seine Tage zu
beschließen. Man sah ihn selten, außer wenn er in der Kapelle die Messe
las; seine alte Haushälterin, die manchmal ein bißchen umging, um milde
Gaben zu sammeln, erzählte, auch wenn niemand danach gefragt hatte, daß
der alte Herr in seinem Lehnstuhle sitze, das Brevier bete und Tabak
schnupfe.
»Ja!« sagten wir alle, »wahrlich! vielleicht ist der alte Herr so gut,
daß er ihr den letzten Segen gibt ins Grab.« Nicht lange überlegten
wir. Der Sarg wurde abgeladen auf grünem Rasen, die Leute stellten sich
rings um denselben und beteten und hielten ihre Hände vor die Augen,
weil die heiße Sonne niederschien vom Himmel. Der Sandinger und ich
stiegen den Steinhügel hinan gegen die ruinenhaften Gebäude. Aus der
Kapelle eilte uns der Meßner entgegen und hielt uns den Hut offen, weil
er der Meinung sein mochte, wir kämen, um ihn fürs Läuten zu entlohnen.
Das geschah auch und dann fragten wir dem alten Herrn nach.
Die Steintreppe, welche wir hinaufgewiesen wurden, war mit Moos und
Gras so sehr bewachsen, daß wir gleich merkten, ein großer Ein- und
Ausgang fände hier nicht statt. Endlich standen wir in einem gewölbten
Zimmer mit tiefen, vergitterten Fensternischen. Ein Tisch, ein
Büchergestelle, ein Vogelkäfig mit schreiendem Star, ein Betpult vor
dem Bildnisse des Gekreuzigten, und am Fenster ein Ledersessel, in
welchem der alte Herr saß. Ich sah von ihm hinter der Lehne anfangs
nichts, als ein weißes Haupt. Das richtete sich nun ein wenig auf, um
zu erforschen, wer denn so fremd und ungeschlacht in die Stube trete.
»Hochwürden!« redete ich ihn nun an. »Wir bitten tausendmal um
Verzeihung, daß wir Sie so in Ihrer Häuslichkeit stören. Wir kommen mit
einem Anliegen, mit einer großen Bitte.«
»Nun, nun,« murmelte der Greis mit ganz heiserer Stimme und richtete
sich mühsam empor. Sein offenes, glattrasiertes Gesicht hatte
freundliche Züge, aber mit seinen grauen Augen schaute er starr vor
sich hin. Er tastete nach dem Stock, der am Sessel lehnte.
Ich trug ihm hierauf unser Leid vor, erzählte die traurige Geschichte
von der Katharina Radstuberin, wie der Herr Pfarrer von Wenkelbach
uns die kirchliche Einsegnung verweigert habe und wir nun auf das
inständigste bäten, der hochwürdige Herr wolle an ihrem Grab ein kurzes
Gebet sprechen, bevor die Grube zugescharrt würde.
»Pscht!« machte der alte Herr und schlug mit der flachen Hand auf die
Kutte, da war der Vogel im Käfig still, und er konnte sprechen.
»Der Herr Pfarrer will sie also nicht einsegnen,« sagte er in sehr
mildem Tone. »Es wird ihm gewiß recht schwer ums Herz sein, daß er es
nicht tun kann, aber er hält sich halt strenge an die Vorschriften.«
»Mein Gott!« rief der Sandinger, »so soll das unglückliche Wesen
wirklich wie ein Hund verscharrt werden!«
»O Narrle, wer sagt denn das?« sprach der alte Herr gegen die Wand hin,
ohne sein Haupt auch nur einmal nach uns zu wenden. »Ich tue es ja
recht gern. Die Traurigen muß man wohl trösten. Die Welt ist so voller
Leid und Schuld, ich weiß es. Nicht noch tiefer in das Elend drücken,
neu aufrichten muß uns der heilige Glaube. Ich will schon hinabgehen.
Nur daß meine Regerl jetzt nicht da ist, so daß ich euch bitten muß,
ihr möchtet mir ein wenig die Hand reichen. Der liebe Gott hat mich
recht mit Alter und Mühsal gesegnet.«
Da merkten wir's, er war fast lahm und blind. Der Sandinger zu seiner
Rechten, ich zu seiner Linken, so führten oder trugen wir ihn vielmehr
die Treppe, den Hügel hinab gegen den Kirchhof. Als die am Grabe uns
so kommen sahen, erhob sich unter ihnen eine Bewegung, sie eilten dem
alten Herrn entgegen, um ihm ehrerbietig und dankbar die Hände zu
küssen. Er ließ es ruhig geschehen. Mittlerweile war auch der Meßner
mit Chorhemd, Stola und Weihwassersprengel gekommen. Gestützt auf
meinen Arm, hat der ehrwürdige Greis das Grab gesegnet, den Sarg, als
er in der Tiefe stand, mit geweihtem Wasser besprengt und für die
Seele der Abgeschiedenen ein Gebet verrichtet. Dasselbe schloß mit den
Worten, die unser Herr am Kreuze zum bußfertigen Missetäter gesprochen:
»Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein, Amen.«
Wir alle waren bewegt. Und zum Priestergreise, der aus dem
unerschöpflichen Borne des Christentums so reichen Trost den Trauernden
spendete, blickten wir auf wie zu einem Heiligen.
In demselben Augenblicke, als der Totengräber unter raschen
Spatenstößen das Grab mit Erde füllte, dröhnten vom Dorfe her rasch
hintereinander drei Pöllerschüsse. Das Zeichen der vollzogenen Trauung.
Die Rache der Knechtin.
Die Hubsteinerin saß in ihrer frostigen Kammer auf dem Schemel und
wiegte an der Brust ein kleines Kind.
»O Närrlein!« sagte sie zum vergeblich sich mühenden Säugling, »es
ist halt noch nichts drinnen. Bei uns geht's zu, wie bei den hohen
Herrschaften: um vier Uhr erst Mittag essen. Bis nur die Sofferl
heimkommt, die wird schon wieder was bringen. Hab' nur ich erst meine
gute Suppe, dann wird's auch dir nicht fehlen. Eio, popeio!«
Der kleine Wurm schien sich denn auch zufrieden zu geben; er war
dergleichen Verspätungen schon gewohnt und mochte sich als gescheites
Wickelkind denken: Ich hab' auf den Hunger gewartet, ich will auch auf
das Essen warten. Warten, das ist ja die Arbeit der kleinen Kinder.
Jetzt kam die Sofferl heim, das rundwangige muntere Schuldirndl. Vom
Pfarr- und Schuldorfe Pichlern kam sie. Das Dirndl hatte ein blaues
Handbündl, das sich kalt und schwer und schwammig anfühlte. Ein Stück
frischen Fleisches war drin.
»Auch einen Brief habe ich mit!« rief das vom Laufen noch frisch
gerötete Mädchen fröhlich.
»Einen Brief?« fragte die Mutter, »wer soll denn mir schreiben?« Sie
hatte in der weiten Welt keine Bekannten und keine Verwandten. »Hast
ihn von der Schul'?«
»Der Herr Stadinger hat mir ihn mitgegeben, und er laßt dich grüßen,
und du sollst ihn nur lesen.« So das Dirndel.
Wichtiger als das Briefchen war aber jetzt das Zubereiten des
Stückchens Rindfleisch, welches der Arzt dem kränklichen Weibe
verordnet hatte, das vor sechs Monaten Witwe und vor drei Monaten zum
dritten Male Mutter geworden war. Das Weib eines Wegmachers; den Mann
hatte man eines Tages tot am Steinbruche gefunden. Ein herabstürzender
Felsblock hatte nicht erst gewartet, bis der Mensch ihn zu Schotter
geschlagen, da wollte er lieber einmal der angreifende Teil sein. Als
wenige Monate später das Knäblein erschien, kam auch die erste Rate der
Jahrespension, die im ganzen hundertvier Gulden betrug nach Abzug der
Steuer. Reicht das jährlich für ein krankes Weib und drei Kinder? Der
zweijährige Junge gab für seine Person darauf Antwort, er erkrankte an
Auszehrung und starb. Für die übrigen wird's doch langen? Ja, meine
liebe Hubsteinerin, man erlebt viel in kurzer Zeit, und wir sind noch
nicht fertig.
Während die Fleischbrühe kochte, las das Weib den Brief. Der Wirt und
Fleischhauer Stadinger schrieb mit eigener und fester Hand folgendes:
»Liebe Hubsteinerin!
Bitt schön um Entschuldigung, dasmal wird's wohl das letzte Mal sein
mit dem Fleisch ohne Geld. Jetzt macht's glatt sechzig Gulden, auch das
Brot und alles zusammen. Habe lang genug gewartet und muß Dich jetzt
wohl bitten um Zahlung, indem ich es sonst dem Notar übergebe. Ich
nimm auch die Kuh, wann's Dir lieber ist und das Geld nit hast.
Pichlern, 13. Juni 1876.
Mit Achtung
~Johann Stadinger~,
Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«
Der Brief war gelesen, das Fleisch im Topfe hub an zu brodeln. Das Weib
seufzte nur, sagte aber nichts.
Bald darauf bekam das Schuldirndl, die Sofferl, ihr Mittagsmahl. Suppe
und Brotschnitten; auch vom Fleisch durfte sie heute essen, der Mutter
war der Hunger vergangen. Wenn's so stand, wollte es aber auch dem
Dirndl nicht recht schmecken. Einstweilen schaukelte es die Wiege mit
dem Brüderlein.
Da war jemand draußen. Im Vorgelaß des Häuschens schwerfällige Schritte
und im Dunkeln ein Tasten nach der Türklinke. Die Hubsteinerin
öffnete von innen, da stand der Herr Stadinger vor ihr. Ein großer
breitschulteriger Mann mit rotem Gesicht, kleiner Stumpfnase,
Doppelkinn und grauem, kurzgeschnittenem Haar. Der schmalkrempige Hut
saß im Nacken. Um den Leib eine weiße Schürze geschlungen, in der
fleischigen Hand einen Knorpelstock, hinter sich einen großen zottigen
Hund. Mit den klugen Äuglein zwinkerte er, sein Gesicht ging gutmütig
in die Breite, der Mann sah ja gar nicht so schlimm aus, als er sich in
seinem Briefe gestellt hatte. Er reichte dem Weibe auch gleich die Hand
und sagte:
»Schaust noch nicht gut aus, Wegmacherin! Mußt dir besser zuklauben.«
Sie antwortete nicht. Er tat, als wäre er ganz zufällig da, und weil
er gerade im Vorübergehen sei, so wolle er ein wenig rasten und sich
vom Herde Tabakfeuer nehmen.
Allsogleich nahm die Sofferl mit der Feuerzange eine glühende Kohle,
und der Herr Stadinger, welcher schon auf einem umgestülpten Bottich
saß, mußte sich beeilen, daß er mit dem Rauchzeug zurecht kam, bevor
die Kohle verglost war.
»Ein kreuzbraves Dirndl bist,« lobte er das Schulmädchen.
»Wenn sie nur nicht so arge Briefe heimbringen tät!« meinte die
Hubsteinerin einlenkend. »Um Gottes willen, Fleischhacker, du willst
dein Geld. Glaub' dir's ja gern, aber wo soll ich jetzt so viel Geld
hernehmen? Ich sitz' mitten im Nichtshaben.«
Sehr gutmütig antwortete der Stadinger: »Ich sehe es wohl ein, daß es
hart ist für dich. Aber schau, wenn du heute nicht zahlen kannst, wo
das Elend erst anhebt, später, wenn es größer ist, wirst noch weniger
können.«
»Das ist ein schöner Trost,« sagte sie. »Da wäre es freilich besser,
heute verhungern, statt morgen, wenn es doch schon einmal verhungert
sein muß.«
»Ich will dich nicht drücken,« sagte der Stadinger. »Es muß nicht
Bargeld sein; wie ich dir geschrieben habe, ich nehm' auch die Kuh.«
»Unser Herrgott den Mann und der Fleischhacker die Kuh! Kinder, alsdann
sind wir fertig.« Diese Worte richtete das Weib gegen die Wiege hin,
dann fuhr sie sich mit dem Schürzenzipf rasch über das Gesicht.
Der Stadinger schwieg. Am Ende war er gerührt! Ein Jammer war es mit
diesen Leuten, das sah er freilich. Das kranke Weib und die Kinder,
die nichts verdienen können und doch essen möchten!
»Sofferl heißt sie, gelt?« fragte er die Witwe, auf das Dirndl weisend.
»Mein Gott, nur ein paar Jahr noch, und ich hätte an ihr eine Stütze,«
sagte das Weib.
»Willst sie bei dir behalten? Hubsteinerin, das täte ich nicht. Daheim
bei dir lernt sie nichts, als Notleiden und Kinderlocken. Wäre schad'
ums Dirndl. Mußt ihr's besser meinen. Geht's schon dir selber schlecht,
so mach's wenigstens deinen Kindern besser. Wie alt ist sie denn?«
»Die Sofferl?« fragte das Weib entgegen, dachte eine Weile nach und
sagte dann: »Im zehnten wird sie sein.«
»Ist Zeit, daß sie in ein Haus kommt. Hubsteinerin! Ich rat' dir gut,
mir derbarmt das Schluckerl. Mach's deinen Kindern besser, als du's
selber hast!«
»Lieber Gott im Himmel!« seufzte das Weib und faltete die Hände über
ihre Brust. »Es den Kindern besser machen! Welche Mutter möchte das
nicht!«
»Weißt du was, Hubsteinerin,« sagte er und spielte mit dem Knotenstock,
als wollte er damit auf dem Fletz etwas hinzeichnen. »Gib mir das
Dirndl.«
Sie machte sich abgewandt am Herde zu schaffen.
»Gib mir's!« wiederholte der Fleischhacker. »Bei mir hat sie's gut, ißt
sich satt und lernt einen Verdienst. Mir fehlt eh so ein Dirndl. Man
braucht's. Kann einmal Kellnerin werden, wenn sie brav ist. Ich nehm's.
Gib sie mir!«
»Wäre gut gemeint,« entgegnete das Weib. »Aber was fang' ich an, wenn
ich das Dirndl nicht hab'. Ich brauch's ja schon auch fürs Kleine.«
»Das Kleine ist bei dir selber am besten aufgehoben,« wendete er ein.
»So lang bis du wieder gesund bist und dir wieder erwerben kannst,
sollst von mir das Fleisch haben und die Schuld ist gestrichen von dem
Tag an, wo du mir das Dirndl gibst.«
Die Sofferl horchte jetzt ein wenig auf. Die Mutter wendete sich um und
sagte: »Du wärest erst gut, Fleischhacker, das kunnt dem armen Wesen ja
zum Glück sein.«
»Wenn sie anstellig ist, so weiß man nicht, zu was sie es noch bringen
kann. Eine Kellnerin, sagt man, hat allerhand Schlüssel an der Schürze.«
»Du machst mir grad das Herz leicht!« rief das Weib.
»Daß du weißt, ich bin kein Stein. Und bist dem Fortkommen deines
Kindes nicht im Weg, so machen wir's richtig. Das Dirndl laß ich holen,
und du hast um eine Sorg' weniger. Ich nehm's ganz, brauchst dich gar
nicht mehr drum zu bekümmern. Ganz nehm' ich's.«
Jetzt kam das Weib an ihn heran, tastete unsicher nach seiner Hand
und sagte mit zitternder Stimme nichts als: »Vergelt dir's Gott,
Fleischhacker!«
»Hast Feder und Papier?« fragte er. »Ich verpflichte mich schriftlich.«
»Das hat's nicht not, um Gottes willen!« rief sie. »Daß du's ehrlich
meinst, weiß ich wohl eh.«
»Ich verpflichte mich schriftlich,« wiederholte er. »Im Guten wie
im Schlimmen, eine Schrift ist allemal gut. Ich kunnt' heut' oder
morgen sterben, daß es meine Nachfolger wissen, was ihre Pflicht und
Schuldigkeit ist. Richtig ist richtig.«
Nun war in dem armen Häuschen Schreibzeug aber schwer aufzutreiben.
Die Hubsteinerin brachte ihren Ehevertrag herbei, der hatte ein leeres
Blatt. Wenn der Mann tot ist, hat auch der Vertrag keine Wichtigkeit
mehr; dieser hatte eigentlich nie eine gehabt; auf »randlose
Gütergemeinschaft« lautete er, hatte der Mann nichts besessen und das
Weib nichts. Auf jeden Fall ist das leere Blatt daran überflüssig;
der Stadinger riß es herab. Der Tintentiegel wurde auch aufgefunden,
in demselben war nichts, als eine schwarze Kruste, der Stadinger goß
einige Tropfen Wasser drauf. Eine Feder brachte das Dirndl vom Freien
herein. Es war eine Rabenfeder; »aber sie tut's schon,« sagte der
Fleischhacker, »zur Not tut sie's schon.« Er schnitt sie, spaltete sie
geschickter, als solches seiner plumpen Hand zuzutrauen war, setzte
sich an den Schubladkasten, ein Tisch war nicht vorhanden, und begann
zu schreiben.
Das Weib säugte ihr Kind; die Sofferl schaute dem Schreiber zu und
stellte insgeheim Vergleiche an zwischen diesem und ihrem Schulmeister.
Nach einer Weile war's fertig:
»~Kontrakt!~
Die Maria Hubsteinerin gibt dem Anton Stadinger, Fleischhackermeister
und Grundbesitzer zu Pichlern, ihre Tochter Sophie, und Anton Stadinger
nimmt zeitlebens alle Pflichten und Rechte auf sich, indem er auch der
Hubsteinerin die Schuld von sechzig Gulden nachläßt und sie weiter
noch unterstützen wird. Mit freiem Willen unterschrieben von
~Anton Stadinger.~
Fleischhackermeister und Grundbesitzer.«
»Und dahier,« sagte der Stadinger, nachdem er die Zeilen gelesen,
»dahier schreibst du auch deinen Namen: Maria Hubsteinerin.«
Ohne ein Wort zu sagen, ergriff das Weib mit leise zitternder Hand
die Feder -- ach, wie sie spröde war! -- und schrieb mit deutlichen
Buchstaben langsam ihren Namen hin.
»Alsdann wär's fertig,« sagte der Fleischhacker, legte das Papier in
seine bauchige Brieftasche und schob diese in den Sack. »Morgen oder
übermorgen kannst sie bereit halten. Das Fleisch laß ich dir später
durch einen Kohlenfuhrmann schicken, der ohnehin vorbeifährt. Und
jetzt, behüt' Gott! Halt' dich gut, Sofferl, derweil!« Dann pfiff er
seinem Hund und ging schwerfällig davon.
Als sie wieder allein waren, versuchte es das Weib mit dem Essen. Das
ging aber noch immer nicht. --
Nun strichen mehrere Tage dahin wie gewöhnlich. Es war keine Rede
von der Übersiedlung des Dirndls, es kam das halbe Kilo Fleisch wie
gewöhnlich, und die Hubsteinerin glaubte schon; es sei alles wieder
in Vergessenheit geraten und beim Alten geblieben. Da sprach eines
Nachmittags der Kohlenführer zu, der Herr Stadinger zu Pichlern hätte
gesagt, er solle das Wegmacher-Dirndl mitbringen.
»Heute ist die Wäsche nicht fertig, es soll morgen oder wann wer
anfragen.« So beschied das Weib.
Zwei Tage darauf stand draußen auf der Straße der zottige Hund, bald
hernach kehrte der Fleischerknecht des Herrn Stadinger im Häusel ein.
Der sei, wie er berichtete, nach Unterdorf um ein Kalb geschickt
worden und habe den Auftrag, falls er das Kalb nicht erstünde, die
Wegmacher-Sofferl mit nach Pichlern zu bringen.
Als ob der Fleischerknecht ihr das Messer ins Herz gestoßen hätte, so
war jetzt dem armen Weibe. Hören und Sehen verging ihr.
Nach einer Weile mußte ihr der Mann den Auftrag nochmals ausrichten.
Der Stegbauer zu Unterdorf sei ein Narr, sein Kalb wiege nicht vierzig
Kilo, und der Mann wolle zweiundzwanzig Gulden dafür haben. Da soll er
sich's selber braten, habe er, der Fleischerknecht, gesagt, der Herr
Stadinger wisse billigere und bessere Ware.
So erzählte der geschwätzige Knecht. Die Hubsteinerin blieb jetzt
aufrecht und sagte: »Geht Eures Weges, mein Kind ist nicht feil.«
Da kann sie schon recht haben, dachte der Fleischerknecht. »Pst!
Sultan, komm!« Und ging seiner Straße.
Aber als die Sofferl am nächsten Tage wieder zur Schule gegangen war,
kam sie nicht mehr nach Hause. Ein Bote brachte das Fleisch und wollte
etwaige Sachen fürs Dirndl mitnehmen. Es sei schon daheim geblieben.
Daheim geblieben!
Die Hubsteinerin wickelte ihr kleines Kind dicht in Lappen, denn in
den Bäumen rauschte der Wind, nahm es an sich, verließ das Häuslein
und ging den zwei Stunden langen Weg nach Pichlern. Es dunkelte schon,
als sie vor dem großen Hause des Fleischhauers stand, in den Wolken
zuckten Blitze. Im Gemüsegarten waren zwei Mägde tätig, junge Pflanzen
durch Überdachen mit Stroh vor etwaigem Hagel zu schützen, und die
Sofferl war ihnen dabei behilflich. Als das Dirndl der Mutter ansichtig
geworden war, lief es ihr entgegen, klatschte in die Hände und rief:
»Das ist gescheit, Mutter, daß du auch da bist! Da ist's lustig. Das
ist meine Freundin, die Zilli, und das ist die Theresel. Du, die sind
brav!« Und sie lief wieder in den Garten.
Die Hubsteinerin begehrte zum Stadinger. Er kam ihr in Hemdärmeln
und mit dem Samtkäppchen auf dem Graukopf entgegen und begrüßte sie
freundlich. Ohne seine dargebotene Hand zu fassen, sagte sie, das leise
wimmernde Kind immer an der Brust haltend: »Fleischhacker, so ist's
nicht gemeint, mit unserem Handel, daß du mir mein Dirndl wie ein Kalb
aus dem Haus treiben lassen sollst!«
»Aber Hubsteinerin!« rief er überlaut, »was fällt dir denn ein? Wie ein
Kalb! Was das für eine Red' ist! -- Ei, setz' dich doch hier auf die
Bank. Der weite Weg. Willst denn du heute noch heim?«
»Mein Kind will ich wieder haben,« sagte sie völlig tonlos. »Mein Kind
laß mir, dann wirst mich nicht lang sehen vor deinem Haus.«
Der Stadinger schüttelte den Kopf, dann ließ er aus dem Keller ein
halbes Glas Wein bringen.
»Trink, Hubsteinerin! Du bist so viel aufgeregt.«
»Soll das der Kauftrunk sein?« fragte sie ihn. »Du tust nicht allein
Vieh einkaufen, auch Leut. Erst nachher ist's mir zu Sinn kommen:
verkauft hätt' ich mein Dirndl! Verkauft!«
»Was du aber einfältig bist!« sagte der Fleischhauer. »Wer spricht denn
vom Verkaufen! Und ~wenn~ es wär'! Andere arme Leute verschenken ihre
Kinder und sind froh, wenn sie wer geschenkt nimmt. Ich hab' die Schuld
nachgelassen und versprochen, daß ich mich ganz annehmen will ums
Dirndl. Wüßt' nicht, wie der Mensch ein besseres Christenwerk machen
kunnt, wüßt' nicht! -- Wenn du mir keinen andern Dank hast, so sollst
lieber daheim bleiben. Schau, sie geht dir eh nimmer zu, die Sofferl.
Recht gut gefällt's ihr bei uns und wird ihr noch besser gefallen, wenn
sie gescheit ist.«
»Du magst sagen, was du willst, Fleischhacker, es ist was Unrechtes
geschehen. Gib mir die Schrift.«
»Recht gern, Hubsteinerin. Eine Abschrift sollst haben. Deine
Unterschrift geb' ich nicht aus der Hand. Ich weiß schon, was du im
Sinn hast. Du wolltest mir das Dirndl jetzt lassen, daß ich's zücht'
und anleit'; nachher, wenn sie zu brauchen ist zur Arbeit, möchtest
sie mir wegnehmen, und ich wär' der Gefoppte. So macht ihr's gern,
ihr Bettelleut'! Da hab' ich mich rechtzeitig sichergestellt mit der
Schrift und da hilft dir nichts mehr, Wegmacherin. Kannst fragen, wen
du willst. -- Trink jetzt, nachher kriegst eine warme Suppe und ein
Bett und morgen schau, daß du weiterkommst.«
Die Einfalt, auf welche gerechnet worden, war wirklich vorhanden. --
»Kannst fragen, wen du willst« -- Ja, das hatte sie freilich immer
gehört: was man einmal unterschrieben, daran wäre nichts mehr zu
ändern. Verschrieben, verspielt! -- Weh war dem armen Weibe.
»Kaufst nicht auch Wickelkinder?« fragte sie bitter und hob ihr
Kleines gegen ihn auf. »Nimmst nicht auch den Buben?«
»Die Buben sind nicht viel wert,« entgegnete er halb scherzend. »Hab'
selber einen. Sind sie groß, nimmt sie der Kaiser ohne Vergütung. Ein
fleißig Dirndl dient's zehnmal ab, was es kostet. -- Aber trink' doch;
ein kräftig Tröpfel sollst nicht verschmähen, das tut dir gut.«
Ähnlich redete er ihr zu, riet ihr Frohsinn an und klopfte ihr
leutselig auf die Achsel.
Also geschah es, daß die Hubsteinerin, statt ihr Dirndl von diesem
Hause abzuholen, heute selbst in demselben blieb. Beim Nachdenken in
der schlaflosen Nacht kam ihr die Sache doch wieder nicht so schlimm
vor, und sie hielt sich selber für töricht. Am nächsten Morgen, als sie
fortging mit ihrem Säugling, wollte sie noch die Sofferl sehen. Ein
hübscher, schlanker Junge war im Hofe just dran, auf ein braunes Pferd
zu springen, den rief die Wegmacherin an, ob er nicht wisse, wo die
Sofferl wäre?
»Die ist schon fort,« antwortete der Knabe, leicht seine Kappe lüftend.
»Sie sind früh aufs Feld. Ich reite auch nach.« Damit war er auf dem
Rößl und trabte davon.
»In Gottesnamen!« seufzte das Weib bei sich und ging mit dem einen
Kinde, das noch ihr Eigentum war, wegshin der Gegend zu, wo ihre Hütte
stand.
* * * * *