Das Weib stieß ein grelles Lachen aus; ganz natürlich hub es sofort

darauf zu weinen an. Der Thomas -- so klagte sie -- sei ihr bei

Lebzeiten nie zuwider gewesen. Da sei er -- alleweil den »Tiegel«

im Mund -- beim Ofen gesessen und habe an seinen großen und kleinen

Ewigkeiten herumgefeilt; die Ewigkeiten, so habe er die Uhrrädchen

genannt, er sei sehr gescheit gewesen und habe alles erbaulich auslegen

können. Er sei auch unglaublich gut gewesen, und habe sie -- die

Haushälterin -- sich oft gedacht: besser hätte er es nicht treffen

können, als Uhrmacher werden, weil er ja die gute Stund' selber ist. So

habe sie den Thomas alleweil recht gut leiden können, aber jetzt -- sie

sage es frei -- jetzt, wenn er bei dieser Hitze noch länger im Hause

verbliebe, werde er ihr zuwider. Und sie wolle ihn endlich unter der

Erden haben.

Der Pfarrer gab ihr nun den Rat, sie möchte zu den Leuten gehen; wenn

sich ein paar fänden, die den Thomas über die gefährdete Brücke auf den

Friedhof hinübertrügen, so wolle er ihn sogleich einsegnen.

Jetzt ging das Weib zu den Leuten. Da kam sie schön an! Die wollen sich

nicht einmal für einen Lebendigen in eine Gefahr begeben, wie erst für

einen Toten, der gar nicht einmal erkenntlich dafür sein kann. Er soll

warten, bis das Hochwasser abgelaufen ist. Einer nahm die Gelegenheit

wahr, um tüchtig über die Behörden zu schimpfen, die den Kirchhof nicht

bei der Kirche, sondern über dem Wasser angelegt hätten, und wofür der

Mensch denn Steuern zahle, wenn er sich dann nicht einmal begraben

lassen könne, wann er wolle! Und als er sich ausgeschimpft hatte,

kehrte er dem Weibe den Rücken.

Dieses erinnerte sich in solcher Not an einen reichen Bauer, der

auf dem Berge sein Haus hatte und der hartherzige Gerhab hieß. Seit

Jahrhunderten trug der Bauernhof diesen unchristlichen Namen; mancher

der Besitzer war hartherzig, mancher weichherzig gewesen, um den Namen

hatte sich keiner viel gekümmert und niemandem fiel es auf, wenn der

Pfarrer manchmal von der Kanzel verkündete: »Am nächsten Freitag läßt

der hartherzige Gerhab eine heilige Messe lesen für die armen Seelen

im Fegefeuer.« Der gegenwärtige Besitzer -- ein Mann, der das Herz auf

dem rechten Fleck hatte, nämlich in der Nähe der Brieftasche -- ärgerte

sich des Namens, und er beschloß, ihn gründlich zuschanden zu machen.

Er tat den Leuten, die zu ihm kamen, Gutes, wo und wie er konnte. Zu

dem ging nun unser Weib und bat um Beistand, daß der Thomas auf den

Kirchhof käme.

Der hartherzige Gerhab ließ sie zum Tisch hinsitzen, wartete ihr

Apfelwein auf und Weißbrot. Dann nahm er auch selber einen Trunk,

strich auf seinem kleinen Köpfel das weiße Haar über die Stirn

und sagte: »Brav ist es von dir, Wirtin des Uhrmachers Thomas, daß

du zu mir gekommen bist. Ich kann dich wohl brauchen. Ich habe mir

vorgenommen, als Mensch und Christ die sieben Werke der Barmherzigkeit

zu üben. 's geht auch passabel, denn die Hungrigen zu speisen, die

Durstigen zu tränken und die Nackenden zu bekleiden, ist gar nicht

schwer, wer's hat. Die Kranken zu besuchen, die Betrübten zu trösten

und die Unwissenden zu weisen, da gehört zum Herzen auch schon ein

bissel der Kopf. Ich befleißige mich nach geringen Kräften. Da ist mir

denn alleweil noch eins abgegangen, daß ich die sieben beisammen hätt',

und hab' schon keine Hoffnung mehr gehabt, denn es weigert sich keine

Gemeinde, ihre Toten zu begraben. Die Leute sind jedem dankbar, der

Platz macht, und stecken ihn in die Grube, heute lieber wie morgen.

Jetzt kommst du und sagst, es läge wirklich ein Toter, der auf mich

ansteht. Sei getröstet, ich gehe mit meinen Knechten; die Brücken hat's

gehalten die langen Jahre her für schwere Sünder, sie wird's auch

halten für den guten alten Thomas. Er soll ordentlich bestattet werden.

Mich gefreut's.«

Eilends lief das Weib heim ins Haus und rief schon zur Tür hinein dem

Toten zu: »Na, wart' nur, Thomas, jetzt wird's bald. Halt dich nur noch

ein paar Stündlein brav.«

Während sich Kirche und Wirtshaus für das Hochzeitsfest des Hans

Gertinger rüstete, wurde der Uhrmacher in sein letztes Gehäuse getan

und von den Knechten des hartherzigen Gerhab davongetragen. Die

Haushälterin ging als die einzige Leidtragende hintendrein. Unter

der Last dieses Leides brauchte die Brücke just nicht zu brechen. Als

sie gegen den Fluß kamen, hörten sie schon das Dröhnen und Brausen

des wilden Wassers, das in schmutzig braunen Fluten wie rasend

heranschoß. An steilen Ufern grub und nagte es, sprang manchmal hoch

auf in schäumender Wut und fiel rücklings wieder ohnmächtig in den

Strom zurück. An seichteren Stellen lief es hastig hinaus, eine Welle

die andere jagend und wie in Sturmlauf an den Grundfesten der Gebäude

hinankletternd. An der hölzernen Brücke, die mit drei Jochen im Flusse

stand, schien das Wasser seinen vollsten Zorn auszulassen. Die Brücke

ächzte zuweilen, hielt aber stand und ließ die Wellen, welche manchmal

an der einen Seite über sie hereinschlugen, an der anderen wieder

sachte hinabrinnen. Das dauerte so schon den ganzen Tag über und an

den Ufern waren Leute versammelt, die in munterer Stimmung fortwährend

erwogen: »Wird sie gehen? -- Wird sie's halten?«

Auf dem trüben Wasser wogten, jetzt hoch auf den Rücken der

Wellen, dann wieder in die Tiefen gleitend, allerhand Gegenstände

daher: Vielarmiges Baumgewurzel, wie Riesenkrabben anzusehen, dann

Holzscheiter, Blöcke, Bretter, auch Hausgeräte; in den oberen Gegenden

mußte das Wasser also noch schlimmer wirtschaften. Ein totes Ferkel kam

in zierlichen Wogungen herangeschwommen, so daß ein Dorfwitzbold sagte,

er hätte nicht gedacht, eine Zeit zu erleben, wo es in der Sallach

schweinerne Fische gebe.

Plötzlich wurden auf dem Flusse lange schwarze Körper sichtbar, große

Holzbalken, die Trümmer der Obergamser Brücke.

»Jetzt ist's um die unserige geschehen!« rief ein Mann. Allein etliche

der Balken glitten zwischen den Brückenjochen hindurch und davon; ein

paar Stücke aber klemmten sich ein und an diesen begannen sich nun das

Gewurzel, die Scheiter und Bretter zu stauen. Die Brücke ächzte und

zitterte, gab aber immer noch nicht nach.

»Tapfer hält sie sich!« sagte ein Bauer, »wenn sie's überdauert, so

kriegt sie ein Kreuzel von mir.«

»Hast du Orden zu vergeben?« wurde er gefragt.

»Nicht so. Ein Kruzifixel laß ich aufstellen mitten auf der Brucken,

zum Angedenken an die Gefahr.«

Vom Hügelgelände jenseits des Flusses hörte man durch die klare Mailuft

Pöller knallen und manchmal selbst einige Musikklänge, sofern das

Brausen des Wassers nicht alles übertönte. Der Hochzeitszug des Hans

Gertinger. »Na, die mögen sich schleunen, wenn sie noch herüber wollen!«

Von der Dorfgasse herab kam der kleine Leichenzug des Uhrmachers Thomas.

»Ist nicht ratsam!« warnte ein alter Mann, »ist deutsch nicht ratsam!

Es kunnt der Brautzug mitsamt dem Totenzug in die Ewigkeit fahren!«

Denn die Brücke bebte und hub in allen Jochen an zu krachen.

Fast zu gleicher Zeit waren sie da. Diesseits der Brücke der

Leichenzug, der wollte hinüber zum Kirchhof; jenseits der Brücke

der Hochzeitszug, der wollte herüber zum Traualtare. In demselben

Augenblick wurde die Brücke lebendig. Zuerst schnalzten die Pfosten

des mittleren Joches, dann begann das Geländer zu brechen und sich

in seinen Splittern aufzubäumen, während die Brücke in der Mitte ein

Weniges einknickte. Ein Weilchen stand's wieder fest. Das Wasser

flutete donnernd an den Bau und übergoß ihn mit wilden Gischten,

da brach plötzlich das zweite Joch, und nun stürzte die Brücke mit

schmetterndem Krachen ein. In teils noch zusammenhängenden Trümmern

wogte sie schwerfällig davon. Wo die Brücke gewesen, ragten nur

noch ein paar Pfeiler aus den Fluten, ihre scharfen Splitter gegen

Himmel reckend. Sonst nichts mehr. Und der Leichenzug hier und der

Hochzeitszug dort standen da und wußten nicht, was jetzt anfangen.

Der Dorfwitzbold machte den Vorschlag, der Thomas und der Hans

Gertinger sollten ihr Vorhaben tauschen, der Thomas sich hüben ins

Wirtshaus und das Brautpaar sich drüben auf den Friedhof legen. Damit

war nun aber das Brautpaar durchaus nicht einverstanden, und während

der Thomas sich den Dingen gegenüber höchst gleichmütig verhielt,

begann drüben der Bräutigam zu fluchen und die Braut zu weinen. Es

ist begreiflich. Wenn schon der Kirchgang ein andermal gemacht werden

konnte, so ließ sich doch das bereitete Hochzeitsmahl im Wirtshaus

nicht verschieben. Die gescheitesten Leute kamen nun zusammen an die

Stelle, wo die Brücke gestanden war und hielten Rat, was da zu machen.

Viele gute Gedanken, aber keiner so stark, das wilde Wasser zu

bändigen. Der Brautführer, dessen Nase nicht bloß im Mai, sondern das

ganze Jahr über in holdem Purpur glühte, gestand: das Wasser habe er

überhaupt nie leiden können; es habe mancherlei Untugenden, doch daß es

so über alle Maßen boshaft sein könne, das erfahre er erst heute. Jetzt

sehe er, das ungebundene Naß sei noch weit schlimmer, als das unter

Gebinde.

Ei geht mir, ihr Leute mit eueren närrisch klugen Reden. Hinüber

wollen wir: der Thomas zu seiner Rast, der Hans zu seiner Unrast.

Es ist aber ganz unmöglich. Die Obergamser Brücke ist weg, die Lackner

Brücke ist weg und jene, die in Untereben stand, kann auch nicht stehen

geblieben sein, wenn die Trümmer wie Sturmböcke angerückt kamen. Es ist

eine Bestie, so ein Wasser!

Der hartherzige Gerhab sprach endlich das Wort: Geduld! aus. -- Das

kann auch nur der hartherzige Gerhab aussprechen, dachte sich das

Brautpaar. Dem Thomas war's einerlei. Der Thomas ist im Vorteil, er

kann warten und hat einstweilen seine Notherberge in einem Gewölbe

unterhalb der Kirche. Der Hochzeitszug ließ zwar auch keine Traurigkeit

spüren, sondern zog sich mit klingendem Spiele zurück. Das Brautpaar

sah endlich ein, daß gewartet werden mußte, bis das Hochwasser

abgelaufen, und daß Geduld die verläßlichste Brücke ist, welche über

alle Hindernisse endlich sieghaft hinwegsetzt.

Eine Woche später konnte der hartherzige Gerhab über die Sallach

eine Notbrücke schlagen lassen, um an dem Thomas das siebente Werk

der Barmherzigkeit zu vollziehen. Aber die ersten, die sie flink

überschritten, waren die Hochzeiter.

Die höllische Lieb', natürlich!

Der mir mit Namensunterschrift zugegangene Bericht lautet unter

Veränderung einiger Orts- und Hausnamen wie folgt:

Nachdem die alten Radstuber-Leute gestorben, waren zwei minderjährige

Kinder da. Ich, ein entfernter Verwandter und ihr Taufpate, bin zum

Gerhab bestellt worden. Ein Gerhab sein, das ist ein gefährliches

Ehrenamt, man kann Schand und Spott davon haben und eine große

Verantwortung für Zeit und Ewigkeit.

Ein Knabe und ein Mädchen. Sie waren in Bauernhöfen untergebracht, in

ihrem Heimatsdorfe Wenkelbach. Der Bub hatte Anlage zum Leichtsinn.

Mit zwölf Jahren rauchte er hinter der Leute Rücken schon Tabak,

wozu er die Kreuzer sich auf der Gasse erbettelte. An den Sonn- und

Feiertagen während des Gottesdienstes trieb er sich mit anderen Jungen

in den Büschen umher und spielte Karten. Mit siebzehn, achtzehn Jahren

war er schon auf jedem Bauernball zu sehen, wo er bei seiner Anlage

zum Jähzorn manchmal Händel suchte. Auf Jahrmärkten kaufte er kleine

Angedenken zusammen für Mädchen, bei denen er um Liebe warb. Ich wohnte

einige Stunden vom Orte Wenkelbach entfernt und hatte nicht viel tun

können; ein paarmal zwischen die Füße habe ich ihn genommen und mit

der Peitsche über seine Abachseite her! Es hat aber nichts genützt und

nichts geschadet. Sonst war der Junge zutunlich, ehrlich, flink und

heiter, man konnte ihm nicht feind sein. Zum Glücke wuchs er aus meiner

Botmäßigkeit endlich heraus und in den Kaiserrock hinein, in welchem

er es nach kurzer Zeit zum Feldwebel brachte, als solcher er mir

schrieb, daß er ganz beim Militär zu verbleiben gedenke. -- Das wäre

der Christian.

Das Mädel, die Katharina, hatte mir anfangs weniger Sorge gemacht, und

da sieht man, wie unerforschlich die Wege Gottes sind.

Die beiden Geschwister hatten sich sehr lieb und alles, was die

Katharina sich absparen konnte, schickte sie dem Bruder, sowie auch er

keinen Katharinentag vorübergehen ließ, ohne ihr ein Seidenband, ein

Messingkreuzl, ein bemaltes Briefchen oder dergleichen zu senden.

Die Katharina war um sechs Jahre jünger als der Christian und wuchs

zu einer -- ich muß wohl sagen -- schönen Jungfrau heran. Weil sie

immer brav, sittsam und fleißig war und ihr Dienstgeber stets mit ihr

zufrieden, so hat man sich weiter nicht viel um sie gekümmert. Des

Jahres ein paarmal, wenn ich nach Wenkelbach kam, sah ich sie, brachte

ihr irgendein Kleidungsstück, einen Leckerbissen mit, und sie war mir

anhänglich und dankbar, wie einem Vater. Gott sei Dank! dachte ich

dann, diese Kinder machen dem Gerhab nicht vielen Kummer. Es ist ja von

Haus aus ein guter Kern in ihnen. Die Radstuberleute waren zwar arm

und kümmerlich, aber kreuzbrav. Ein einziges Mal war mir der Gedanke

gekommen, ob ich die Katharina nicht in mein Haus und unter meine

Aufsicht nehmen sollte. Aber bei der Erwägung, daß sie ja beim Sandiger

zu Wenkelbach sehr gut aufgehoben sei, in meinem Hause aber zwei

übermütige Burschen heranwüchsen, bin ich von dem Gedanken bald wieder

abgekommen.

Nun kommt eines Tages ein Bote in mein Haus und bringt die Nachricht,

zum Leichbeten wäre es, die Radstuber Katharina wäre gestorben. --

Anfangs meinte ich, das sollte vielleicht ein Spaß sein und dürfte

wohl eher das Gegenteil bedeuten, das Mädel gäbe gar keine schlechte

Hausfrau. Nein, es wäre aber, es wäre gewiß! Aus dem Mühlteich sei sie

gezogen worden, es heiße, sie habe etwas abzuwaschen gehabt. -- Jetzt

war es mir, ich müßte den Boten niederschlagen. Aber es war der alte

redliche Haus-Michel, der sich selbst nichts weniger als erbaut zeigte

von seiner Nachricht. Eine Labnis ward ihm vorgesetzt, ich selbst ging

hinaus hinter das Gehöfte, schlug mir die Hände an das Haupt und rief:

»Was ist da vorgegangen?«

Es ist hernach wohl erzählt worden. Die höllische Lieb', natürlich! Der

Brandschacher Lois, ein hübscher Bursche mit stattlichem Bauernhof, hat

ihr den Kopf verdreht. Da ist er gekommen in schweigenden Nächten, sie:

nein, und er: ja! wie es schon geht und er müsse doch heiraten. So ein

unerfahrenes Ding, noch nicht zwanzig Jahre alt, glaubt ja alles, was

es sich wünscht, besonders wenn es der sagt, von dem sie es am liebsten

hört. Aber der Brandschacher Lois hat ja gar nicht gelogen, sie hat

ihn nur unrecht verstanden. Heiraten muß er, das ist richtig, und so

heiratet er auch. Wie der Pfarrer das Brautpaar von der Kanzel herab

verkündet: Der Bräutigam Alois Miederegger, insgemein Brandschacher,

und die Braut: Emilie Sewinger, Tochter des Groß-Sewinger usw. -- da

vergeht wohl der armen Katharina auf ein Weilchen Hören und Sehen. Sie

tut aber weiter nichts desgleichen, sie verrichtet die nächstfolgenden

Tage wie gewöhnlich ihre Arbeiten, nur daß sie nicht ganz so heiter

ist und schweigsamer als sonst. Einer Kameradin hat sie alles vertraut,

diese hatte ihr lachend gesagt: Du bist nicht die erste und nicht die

letzte, der es so ergeht! und das war der ganze Trostspruch gewesen.

Die Katharina wartete noch das dritte Verkünden ab, denn sie war der

Zuversicht, er würde sich im letzten Augenblicke noch besinnen. Aber

auch das drittemal hieß die Braut Emilie Sewinger. Also ging das

Mädchen eines Abends, nachdem sie mit gewohnter Genauigkeit ihre Arbeit

verrichtet hatte, hinaus zum Mühlteich ...

In ihrer Gewandtruhe hatte man einen Zettel gefunden, von ihrer Hand

geschrieben: »Ich verzeihe ihm und bitte Gott und die Menschen, daß sie

auch mir verzeihen, ich bin mir nimmer stark genug. Mein' Lieb', mein'

Ehr', alles ist mir zertreten. O schöne Welt! O falsche Welt!«

Soviel hatte der Bote zu erzählen gewußt.

Am nächsten Frühmorgen war ich in Wenkelbach. Als ich die Dorfgasse

hinanging, wunderten mich die festlich geschmückten Leute, die

überall herumstanden, als ob Ostersonntag wäre. Am Kirchentor war ein

Reisigbogen aufgerichtet mit Fähnchen und bunten Bändern. In einem

Hause hörte ich fiedeln, wie man's macht, wenn man sich auf eine

große Musik vorbereitet. So kam ich an den Hof, wo die Katharina im

Dienst gestanden. Dort war es sehr still, nur ein Pintscher keifte,

als ich durch das Hoftor trat, und einige alte Weiblein standen umher

und hatten Rosenkränze in den braunen knochigen Händen. Eines davon

erkannte mich und wies hinaus durch einen engen Gang zwischen Stadl

und Holzstoß in die hintere Kammer, deren Törchen auf die freie Wiese

ging. Dort war ihre Schlafstätte gewesen, und dort lag sie auch jetzt.

Der Sarg stand mitten auf dem Fußboden, er war schon geschlossen. Er

war aus glattgehobeltem Fichtenholz, an der Decke mit einem schwarzen

Kreuze bemalt. Allmählich versammelten sich mehrere Leute vor dieser

Kammer. Alte Frauen waren es zumeist und junge Mädchen, Freundinnen von

ihr, die still in ihre Tüchlein weinten. Zwei Männer banden den Sarg

auf eine Trage, und hierauf standen sie still da und schauten einander

an. Einem Knechte wurde bei diesem Stehen die Zeit lang, und er hub an,

mit dem Pintscher zu spielen, dem er das hölzerne Grabkreuz, welches er

in der Hand hatte, hinhielt und damit wieder zurückzuckte, so oft das

Tier hineinschnappen wollte.

»Nun, was soll denn werden?« fragte ich endlich den Sandinger, der wie

planlos hin und her ging, »ist es nicht schon Zeit?«

»Vetter, ich weiß nicht, was das ist,« entgegnete mir dieser, »daß der

Geistliche nicht kommt! Er hält ja sonst die Stund'! Der Christian

ist auch da, ist gestern abends gekommen. Hab' ihn schon zum Pfarrer

geschickt, daß wir warten.«

»Er wird halt lieber Brautleut' zusammengeben, als Leut' eingraben,«

sagte der Knecht, da schnappte der Hund ins Kreuz.

»Jetzt hör' mir mit diesem verfluchten Getu' auf,« fuhr ihn der Bauer

an.

Hernach standen wir wieder da und warteten. Eines der Weiblein hub

endlich ein lautes Gebet an, aber wir waren fast zu ungeduldig für

so etwas, dessen Ende nicht abzusehen war. Nun kam der Feldwebel

Christian rasch dahergeeilt; kaum begrüßte er mich, so rief er fast

atemlos: »Der Pfarrer kommt nicht.«

»Er kommt nicht? Ist er krank?« so fragten wir alle.

»Ich geh' hin,« erzählte der Soldat, »klopf höflich an. Bitte

gehorsamst, sag' ich, Herr Hochwürden, wir tun schon warten. Sind schon

alle beisammen, sag' ich. -- Schön, sagt er, tragt sie nur hinaus, der

Totengräber wird's schon machen. -- Wegen der Einsegnung, Hochwürden!

sag' ich. Einsegnung? sagt er und macht ein Gesicht, just als hätte

er von solchen Sachen noch nie etwas gehört; seit wann werden denn

Selbstmörder eingesegnet? sagt er. -- So ein Wort, das stoßt einen

nieder. Hochwürden, sag' ich, melde gehorsamst, meine arme Schwester,

die immer so heiter und fromm gewesen! Da kann man sich's denken, was

für Herzensnot sie hat ausgestanden, bis zu diesem letzten Schritt.

-- Herzensnot! Flausen! sagt darauf der Herr Pfarrer, die höllische

Lieb', natürlich! nicht so liederlich leben, dann bleiben solche Sachen

aus. -- Mir ist jetzt schon der Zorn gekommen,« erzählt der Feldwebel

weiter, »aber ich halt' noch die Hände zusammen und bitte ihn: Nur

nicht auch noch diese Schande zu der anderen! -- Natürlich, sagt jetzt

der Pfarrer, um die Schand' ist Euch, und nicht um den kirchlichen

Segen. Soll der Sünderin unbußfertiger Tod noch geehrt werden?

Meinetwegen, wer's tun mag! ich gebe mich dazu nicht her. Ich will ein

Vaterunser für sie beten, doch sie einsegnen -- nein. Und das ist mein

letztes Wort.« -- Jetzt schnauft der Christian sich aus und fährt mit

dem Tuch über sein erhitztes Gesicht.

Einige Weiber huben auf diesen Bericht alsbald an zu weinen, der

Sandinger war in seinem knochigen Gesicht ganz blaß geworden und

ballte eine Faust. Ich befahl den Männern, daß sie den Sarg heben

sollten, nachher ging es langsam unter lautem Gebete vorwärts. Die

Kirchenglocken schwiegen, als ob Karfreitag gewesen wäre. Aus den

Gruppen der Dorfleute, an denen wir vorüber mußten, vernahm ich manches

höhnische Wort, suchte es aber mit einem Gebete laut zu überschreien,

weil ich befürchtete, daß der Feldwebel, welcher neben mir herging

und sehr aufgeregt war, sich mit den herzlosen Spöttern in einen

unangenehmen Handel einlassen könnte.

Am unteren Ende des Dorfes zogen wir hinaus. Der Friedhof liegt

jenseits des engen Tales, hinter welchem die hohen Berge ansteigen.

Er liegt am Fuße eines felsigen Hügels, auf welchem die Ruine einer

Kirche steht, die im Revolutionsjahr niedergebrannt worden ist. Der

dachlose Turm mit der zu einer Seite abgebröckelten Mauer steht da wie

ein hohler Riesenzahn, das Kirchendach ist stellenweise eingebrochen.

Wo der Hochaltar gewesen, dort hatte man außerhalb eine hölzerne

Kapelle hingebaut, die dem rechten Schächer Dismas geweiht ist. Über

dem Eingange derselben stehen die Worte: »Heute noch wirst du bei

mir im Paradiese sein.« Doch hat dieser Heilige in der Gegend keine

große Anhängerschaft. Nur einmal des Jahres, am ersten Freitage nach

Ostern, wird in der Kapelle die Messe, welche der alte, daneben im

halbverfallenen Pfarrhause wohnende Benefiziatenpriester liest, von

einer größeren Anzahl Andächtiger besucht, weil an diesem Tage auf der

angrenzenden Wiese eine Art von Jahrmarkt sich zu entwickeln pflegt.

Sensen, Sicheln, Wetzsteine, Futterrechen, Strohhüte, Gartensämereien

und dergleichen, was der Frühling und Sommer heischt, gibt es auf

diesem Markte. Den Schächer Dismas und seine Messe nimmt man nur so

nebenbei mit. Ein alter Schuhflicker, welcher in der Kapelle den

Meßnerdienst versieht, wollte dem verkommenden kleinen Orte dadurch

aufhelfen, daß er es bei jeder Gelegenheit dartat, wie es im Himmel und

auf Erden keinen wirksameren Patron gegen verhexte Wetter gebe, als den

heiligen Dismas. Es half aber nicht viel, denn jenseits des Baches im

Dorf steht das Schulhaus, und darin ist zu hören, so oft man will, daß

es gehexte Wetter gar nicht gebe. Also ist der Dismasstein, wie die

felsige Stätte heißt, dem langsamen und sicheren Untergange geweiht.

Nur die Toten kommen hinaus zu ihm. Nun trugen wir ihm auch den unsern

zu.

Als wir zur Brücke hinabkamen, krachten schon die Pöller, worauf einer

der Träger zum anderen murmelte: »So fürnehm wird nicht bald eins

begraben, wie jung Katharina.«

Jenseits zwischen Auen und Feldern hinan war ein tiefer enger Hohlweg;

und als wir diesen entlang zogen, begegnete uns an der Biegung der

Hochzeitszug. Die lustigen Burschen und Mädeln, die Musikanten, der

Wagen mit dem Brautpaare von oben herab, wir mit dem Sarge von unten

hinauf.

Als wir uns fast plötzlich so gegenüberstanden, sagte der Sandinger zum

Brautführer: »Da sind wir!«

Die Hochzeitsleute waren weit erschrockener als wir. Unser Knecht mit

dem losen Maul schnob sehr vernehmlich mit der Nase und rief dann: »So

geht's, wenn bei einem Begräbnis nicht geläutet wird; können sich die

lustigen Leut' nicht vorsehen. Na, Musikanten, aufgespielt!«

Den Hochzeitsleuten war der Witz geradezu vergangen. »Wenn das eine

gute Vorbedeutung sein soll!« rief einer laut hin.

»Wer weicht aus?!« fragten unsere Träger.

Aus dem ersten Wagen hatten mehrere Burschen schon die Braut gehoben

und an den Weghang gelehnt. Ei ja, die reiche Sewingerin! War aber so

kugelrund, daß sie der Brautführer an der Lehne festhalten mußte.

»Das ist er!« knirschte der Feldwebel und legte die Hand an sein

Stilett, »dieser Brandschacher Loisl!« und deutete auf den feinen

Bräutigam, der rasch aus dem zweiten Wagen sprang und eifrige Anstalten

traf, daß die Pferde ausgespannt würden und alle Wägen an die Berglehne

gehoben.

»Den will ich fragen, mit welcher er jetzt zu gehen hat!« murmelte mein

Feldwebel mit unheimlich wildem Auge.

»Valentin!« schnaufte ich und hielt seinen Arm fest. Er heißt aber

Christian. Der Valentin kam mir nur plötzlich aus dem »Faust« durch den

Kopf geschossen.

Die Träger standen ein wenig zur Seite, so gut das gehen mochte. Die

Hochzeitsleute, auch die Musikanten und die Kranzeljungfrauen darunter,

drängten sich vorbei, und unter ihnen duckte sich auch der Bräutigam

hastig am Sarge vorüber.

Geschichten aus Steiermark · 第 11 / 22 段