hören; hüben kein Lärm und Laut, drüben kein Schuß. Dann flüstern die
Leute wieder; sie haben dem Brautpaare alle mögliche Ehre vorbereitet.
Der Schulmeister rückt mit seinen Musikanten aus, gar die große
Fronleichnamstrommel mit den Klingscheiben wird mitgeschleppt. Keiner
versucht mehr sein Instrument, es ist alles schon gestimmt. Die Küster
in der Kirche zünden alle Kerzen an, und das ist am düsteren Morgen
ein feierlicher Schein in dem festlich gezierten Raum. -- Drei Jungen
stehen unter dem Turm und haben die Glockenstricke in den Händen. Sie
warten nur noch auf das Zeichen.
Das Wirtshaus steht still da, aber in der großen Küche schießt ein
Rudel Weiber umher, und die Herdflammen knattern wie ein wildes
Schlachtfeuer.
Endlich dringt ein Jauchzen her über den See und ein Schellenklingen.
Da fächelt ein Mann mit seinem Hut. In demselben Momente klingen
alle Glocken. Dunkle Massen treten auf der Seefläche aus dem Nebel
hervor -- rasch werden sie zu Gestalten; die Rosse traben heran, die
Schlitten fliegen nach, und auf den Schlitten jauchzend und johlend und
hüteschwingend die Hochzeiter.
Bums! fällt die große Trommel ein, und die Trompeten schmettern auf,
und die Pfeifen jodeln drein, und von der Loserwand knallen Pöller, daß
die Kirchenfenster schrillen.
Der Hochzeitszug ordnet sich rasch, und in der Mitte das Brautpaar, so
zieht er zur Kirche hinan.
* * * * *
Sie knieten am Altar, und der Pfarrer legte die Stola um die Hände. In
demselben Augenblick huschte die Gret draußen an der offenen Kirchentür
vorüber, und tat einen Fluch, und eilte davon.
Sie watete durch den Schnee hinaus in den Wald; die fallenden Eisnadeln
strichen ihre heißen Wangen. -- Jetzt werden sie getraut, dann ist
diese Haldegger Seesteinerin. Ist sie reicher, vornehmer, besser wie
ich? -- Mir hat er's verheißen, ihr hält er's; jetzt reicht er ihr
den Ehering. Dann ist lustige Hochzeit den ganzen Tag, und sie heben
die Gläser und trinken zum Gutleben, und sagen Ehrensprüche für das
Brautpaar, und singen Spottlieder auf die guldene Gret. -- Und wenn der
Abend kommt, da fahren sie wieder über den See, fahren ein in den Hof --
Eine unbeschreibliche Gewalt wütete im Busen der Dirne. Sie eilte
am Ufer des Sees dahin; dann rief sie laut: »Und wär' das Wasser
auch nicht zugedeckt, hineinspringen tät' ich nicht! Ja, wenn ich
sie mitreißen kunnt, all' miteinander -- nachher mit Freuden -- mit
Freuden!«
Sie raste fort. Sie kam ins Gefälle und auf wüste Gründe; Rehe und
Füchse und wildes Geflügel spürte sich im Schnee. »Jetzt gehe ich und
zünde den Seesteinerhof an,« sagte sie und eilte weiter. Sie lief über
den See, sie war gehüllt in Nebel, kein Mensch konnte sie von der Ferne
sehen.
Sie kam ans Ufer. Der Hof lag still da; die Eiszapfen der Dächer
troffen rings umher, oder fielen klirrend zu Boden; das war die ganze
Wache.
Seitab stand ein Fischerhäuschen. Der alte Fischer Wolf saß davor auf
einem Bänkl. Er rauchte eine Pfeife, und zog jedes hervorgeblasene
Wölkchen fast gierig mit der Nase wieder an sich. Das ist ein Tabak,
wie ihn sonst kein Fischer raucht; der Kaiser raucht ihn. -- Der
Seesteiner hatte dem Alten zur Hochzeitsfreude eine ganze Schachtel
davon bringen lassen. So ein Kraut! Das ist dem Alten das höchste
Ereignis in seinem Leben; die Eisdecke möchte er aufreißen und es
den Fischen zurufen: »Laufet, laufet, laufet euere Wege; ich rauche
Kaisertabak!«
Die Gret schritt rückseits des Häuschens vorüber und schlüpfte durch
ein Türchen in die Stallungen. Kein Mensch war da; alles ruhig
und verlassen. Große Heu- und Strohvorräte waren hier aufgehäuft;
ganze Wände von Hafer- und Roggengarben, noch teilweise mit den
Fruchtähren, waren geschichtet und darüber spannte sich das mächtige
Gebälke des Dachstuhls und das weite, hohe Schindelgedache. An diese
Stallung schließen sich andere Scheuern, Fruchtkammern bis hin zu dem
weitläufigen Wohngebäude. -- »Das ist dein Hof, du schöner, stolzer
Seesteiner Michael. Wenn die Brautleute heimkommen, wird's recht warm
eingeheizt sein. Aber so viel finsterer Nebel wird sein, daß sie gar
das Haus nicht mehr finden. Morgen stellt dir der Pfarrer einen Brief
aus: Brandgaben-Sammlungsschein für Michael Rehling.« --
Die Gret sucht aus ihren Taschen Zündzeug hervor, da hört sie unter
ihren Füßen poltern. Sie erschrickt, legt sich auf den Boden und guckt
durch die Bretterfugen hinab. Da unten stehen und kauern an den Barren
die Rinder in ganzen langen Reihen. Dort steht eine Kuh und daneben
hüpft ein junges, falbes Kälbchen flink umher und legt seinen Kopf an
den Hals der Mutter, um den die Hängekette liegt, und macht kluge Augen.
Das stoßt der Gret ans Herz. Sie bewacht ihre Hand; nur ein einziger
Strich mit dem Zündhölzchen ist nötig, und es prasselt und schmettert
das Feuer, es wogt der glühende Rauch. Die Tiere brüllen, sie hängen an
der Kette; nur das Kälbchen ist frei, aber es läuft nicht zum Ausgang,
es verläßt die Mutter nicht. Da stürzen die lodernden Balken
nieder -- --
Blaß ist das Mädchen geworden, zurückgleiten läßt es das Zündzeug in
den Sack, und flieht aus der Stallung und davon, als stehe hinter ihm
der große Hof wirklich in Flammen. Jetzt schlug der Kettenhund an. Eine
Magd sah zum Fenster heraus: »Uh, da läuft die guldene Gret vorbei, ist
die denn heut' nicht im Dorf? Und ist sie vom Hund so erschrocken? Sie
fürchtet sich sonst nicht einmal vor dem Teuxel.«
Die Gret eilte über die Eisfläche des Sees; bald sah sie nichts mehr
vom Ufer, nur den Hund hörte sie noch eine Weile bellen.
Es graute, als wollte schon die Nacht anbrechen. Im Dorfe zünden sie
die Lichter an und es klingen die Gläser und die Geigen.
Grete fühlte, daß sie unsäglich einsam war. -- Über dem Haupte die
dichte graue Hülle; der Himmel hat seine Wolken auf sie niedergeworfen.
Unter den Füßen Eis und Fluten -- ist das eine trübe, kalte Welt!
Ihre Kleider, ihre Haare waren feucht, aber auf ihrer Stirn glühte das
aufwallende Blut.
So floh sie über die Öde dahin, sie war das einzige Menschenwesen
hier, über und unter den Gewässern. Da stand sie plötzlich still,
sie hörte ein Schnalzen, ein Knistern, wie wenn ein Hirt mit der
Peitsche knallte. Sie wußte nicht, woher es kam; war das Ufer nahe,
zog ein Schlittengespann heran? Sie horchte. Da war wieder alles
still. So still und lind war's auch in jener Sommernacht gewesen, da
sie mit Michael über den See fuhr; die Wellen rieselten leise, lose
Fischlein schnappten empor, und da gurgelte das Wasser, und oben und
unten leuchteten die Sterne. Michael hielt sie an der Hand und sagte:
»Margarete, schlag' dir den Franz aus dem Kopf, der bringt dich nur ins
Unglück. Schau gut auf deine alte Mutter; leidet sie Not, so stehe ich
euch gern bei.« Später sagte er das vom Heiraten, und daß ihm keine zu
arm und zu gering sei. Sie lag an seiner Brust. -- Jetzt sitzt er mit
der andern bei der Hochzeitstafel. --
Wieder ist das seltsame Knistern und ein zwei-, dreifaches Schnalzen,
und heran auf der Fläche, und hin an den Füßen des Mädchens in Zick und
Zack fliegt eine dunkle Linie -- ein Riß -- -- es birst das Eis.
Angstvoll beginnt das Mädchen zu fliehen. Sie fühlt den Boden wanken;
sie eilt hin über das große Grab, jeden Augenblick kann es sich auftun.
Endlich aber ist sie aus dem Bereiche der Gefahr; es ist kein Knistern
mehr, der Boden ist fest und sicher, wie er seit Monaten war.
Die Gret geht noch eine gute Strecke dahin und kommt endlich gegen
das Dorf. Die hellbeleuchteten Fenster des Wirtshauses ziehen breite,
rötliche Bänder hinaus in den Nebel. Die Gret hat Hunger und Durst, und
da oben ist Überfluß, da oben ist Pracht und Stolz.
Plötzlich kommt ihr ein Gedanke, der noch viel düsterer ist, als dieser
Wintertag. -- Die Hochzeit wird zu Ende sein, der Seesteiner fährt
mit seiner Braut lustig über den See; die Rosse traben und schnauben
und schellen, der Schlitten saust hinten drein, die Hochzeitsbänder
flattern in der Nacht -- der Boden kracht -- wankt. -- Glückliche
Fahrt, Seesteinerleut'! -- Es muß so sein, der Himmel will es selbst so
haben. Der Michael -- nun will er mit einer andern in die Brautkammer
gehen; aber das Brautbett ist im tiefen, kalten Seegrund. Sie, die
Gret, tut nichts dazu, Gott hat's gestellt -- sie weiß es nur um eine
Stunde früher. --
Hunger und Durst ist vergessen. Die Gret schleicht durch die Dorfgasse
und wieder dann am Ufer hin. Da kommt ein Mann über den See. Der alte
Fischer ist's; der hält das Pfeifchen noch immer in der Hand, raucht
aber nicht.
»Das ist kein Gehen mehr jetzt, da herüber,« murmelt er, »'s ist wohl
wahr: Paulibekehr, Schlitten weg, Wagen her. Wir brauchen den Kahn.«
Der Gret fährt's durch den Kopf: Der Alte geht geradeswegs ins
Wirtshaus, verrät die Sach' und kehrt alles um. -- Sie eilt auf ihn zu:
»Gut, Wolf, daß Ihr da seid, ich hätt' hinüberlaufen sollen zu Euch,
Ihr sollt geschwind, aber geschwind, zum Bauer an der Wand hinauf, und
schrecket Euch nicht, ich denk' 'leicht gar, Eure Schwester liegt im
Sterben!« Sie erschrak fast über ihr eigenes Wort, aber sie gehorchte
dem Rachetrieb.
Des Alten Schwester war Dienstmagd beim Bauer an der Wand und war schon
jahrelang krank gewesen.
»Ei schau, die Kat,« sagte der Wolf wie zu sich, oder zur Sterbenden,
»will's dich doch packen, jetzt auf einmal! Du arme Haut; die Welt ist
schon allweg so übel gewesen auf dich, ist der lieb' Herrgott doch
so gut, und nimmt dich zu sich. -- Ja, ja, ich komm' schon. Dank dir
Gott, Gret! -- Und sei so gut, sag's den Leuten: Der See ist unsicher!«
Er steckte die Pfeife in den Sack und holperte hastig die Dorfgasse
entlang und durch die Halde, und kletterte die Holzleiter der Loserwand
hinan, und ging hin über die Höhe.
Die Gret eilte ihm nach, und als er davon war, stieß sie an der Wand
die Leiter um. Diese fiel lang und schwer hin in den Schnee; das
Mädchen lief seitab.
* * * * *
Es war nicht so arg mit der alten Kat; es hatte auch kein Mensch nach
dem Bruder geschickt. -- »Diese liederlich Dirn da, jetzt hebt sie zu
lügen auch schon an! -- Na, weil du nur nicht schlecht bist, Kat; jetzt
geht der Winter vorbei, ich mein', du stehst mir wieder auf.« So sagte
der alte Fischer, der für jede Seite, ob Sterben oder Gesundwerden,
sein Trostwort hatte. Dann ging er bald wieder davon.
Es war schon Nacht, aber der Nebel hatte sich ein wenig gehoben,
es zog ein frisches Lüftchen. -- Die Hochzeiter werden doch nicht
schon abfahren? dachte der Alte, ob sie's sagt, daß draußen von der
Hirschwand herüber der See einbricht. -- Ei, ja, die bleiben heut'
schon noch eine Weil' beisamm'; 's ist nur, daß ich mich völlig nit ins
Wirtshaus trau', sie werden meinen, ich bin da, daß sie mir ein Glasel
sollten einschenken. Tun wird er's gern, der Seesteiner, tät's aber
nicht verlangen; ich hab' schon meinen Teil und bin zufrieden. -- Der
Fischer griff nach seiner Pfeife und eilte hastig dahin.
Wie er jedoch zur Loserwand kam, da wäre er schier in den Abgrund
gepurzelt. Es war die Leiter umgefallen, nun konnte er nicht weiter.
Sollte er umkehren und den weiten Fahrweg gehen? da kommt er wahrhaftig
spät in das Dorf hinab.
Er blickt hinaus; sein Auge ist alt, aber er sieht nun in der dunkeln
Nacht fast mehr, als am nebeligen Tag. Der Wald, die Felsen sind
schwarz bis empor, wo sie wieder in die Nebelschichte hineintauchen.
Dorthin liegt die breite, graue Tafel des Sees. Der Seesteinerhof
drüben ist nicht zu sehen, vor ihm ragt die finstere Hirschwand. Vom
Dorfe da unten ist nichts zu erkennen, als einige rotschimmernde
Fensterscheiben. Plötzlich aber klingen Trompetenstöße herauf und
Fackeln schweben zwischen den Häusern hinab gegen das Ufer.
Sie gehen, sie sind auf der Heimfahrt.
Den Fischer erfaßt Angst. Ob sie es wohl ausgerichtet hat? -- Sonst
rennen sie ins Verderben und er kann nicht hinab, sie zu warnen. Er
läuft über der Felswand hin und her, und weiß es, kein Abstieg. Er hebt
an zu rufen, aber seine Stimme ist dumpf; unten schallt die Musik,
schallt das Gejohle der angeheiterten Hochzeiter. Er hört jauchzen,
er hört die Pferde wiehern, hört das lustige Schellengeklingel. Da
trennen sich zwei Fackeln von den übrigen und gleiten hinaus über den
See. Die schlechte Dirn hat nichts gesagt! Jetzt haben wir's. Jetzt
haben wir's.
Der Alte ist in Verzweiflung. Er flucht über den Leichtsinn der jungen
Leute, die außer ihrem Heiraten schon gar nichts mehr denken mögen. Sie
haben kein Tauwetter wahrgenommen die Tage her, sie meinen, wenn im
letzten Jahr das Eis erst im März gebrochen ist, so muß es heuer auch
so sein. Die merken's nicht in ihrem Taumel, wenn die Decke kracht,
Jesus, und nachher ist alles vorbei! --
Die zwei Fackeln zogen hin über die Fläche. Immer weiter entfernten sie
sich vom Ufer, immer leiser wurde das Schellen der Pferde. Sie waren
schon weit draußen, sie nahten endlich der Hirschwand; die Fackeln
waren wie zwei Sternchen.
Der Alte starrte hinaus und hielt den Atem an, als wäre sein warmer
Hauch imstande, die Eisdecke vollends zu lösen. Er meinte, sie würden,
ja sie ~müßten~ stehen bleiben und umkehren. Aber die Sternchen glitten
weiter. Da sank der alte Wolf auf ein Knie, schlug die Hände zusammen
und rief wild aus: »O, Herrgott, hast denn keinen Schutzengel für sie!
Maria rein, so nimm sie du in deinen heiligen Schirm!«
Still war die Musik, still lag der See, weit draußen ragte die finstere
Hirschwand. Und die Sternlein waren dem Alten entschwunden.
In demselben Augenblicke dämmerte unten im Dorfe ein blutroter Schein
auf. -- --
* * * * *
In den zwei größten Stuben des Wirtshauses war die Hochzeitstafel
abgehalten worden, und das will ich noch erzählen. Lust und Frohlocken
war überall, und alle sahen in dem jungen Brautpaar ihren König und
ihre Königin.
Als das Mahl zu Ende war, und der Pfarrer auf das Wohl des Seesteiners
und seiner anmutigen Frau einen Spruch ausbrachte und mit dem Ehepaare
anstieß, ging sein Glas in Scherben, und der Wein löschte eine Kerze
aus und ergoß sich über den Tisch.
Das war keine gute Vorbedeutung; viele Anwesende stutzten; draußen im
Vorhause gellte ein wildes Auflachen.
Die Grete war's, die eine Weile an der Tür gestanden und durch das
Menschengewühle das Brautpaar angestarrt hatte. Ihre alte Mutter, die
Gstettnerin, saß in der Küche bei Krapfen und Braten, heute hatte sie
in Überfluß; sie war ja bei den Vorbereitungen Helferin gewesen. Das
alte Weib sah sich nach der Tochter um; die hatte es heute den ganzen
Tag wieder nicht zu Gesicht bekommen; wäre sie jetzt da, so bekäme sie
auch.
Die Wirtin sah sie nun stehen im Vorhause und sagte: »Geh' her, Gret,
magst was essen, was trinken? Deine Mutter ist auch da.«
Im selben Moment zersprang dem Pfarrer das Glas; da kreischte die Gret
auf, und verließ das Haus.
Sie ging wieder am Ufer entlang und horchte, ob auch nicht hier die
Eisdecke krache. Sie hörte nichts -- ja, das Wirtshaus hörte sie, und
den Jubel, und immer nur das.
Da kamen sie endlich mit Hall und Schall heraus in die Nacht, und als
die Schlitten zurecht gerückt, und die Pferde eingespannt wurden, da
duckte sich die Gret hinter einen Strauch. Ihr war, als müsse alles
auf sie hinsehen, auf sie zukommen, und sie war ja unschuldig -- der
Herrgott hat das laue Wetter gemacht, und das Eis bricht selber ein.
-- Laut war's am Ufer, aber zum erstenmal war's, daß die Gret das
Pochen in ihrer Brust hörte, und sie hatte doch nicht darauf gehorcht.
Einen Zweig des Hagebuttenstrauches zerknitterte sie in ihren bebenden
Fäusten; die Dornen gingen ins Fleisch.
Endlich zog das Gefährte hinaus auf die Fläche; die Fackeln loderten
nach rückwärts, wie rote Fähnchen.
Eine Weile stand die Dirne still, wie eine Säule, dann sprang sie
einige Schritte auf den See hinaus und breitete die Arme und tat einen
heiseren Schrei. -- --
Die Fackeln eilten weiter und blickten zurück wie zwei Augen. Wie seine
treuherzigen Augen ....
Der Grete wurde anders, sie lief durch die Dorfgasse und rief: »Eilet,
eilet zu Hilf', das Eis bricht ein!« Sie lief zur Kirchenpforte, der
Glockenturm war gesperrt. Leute eilten zusammen und wußten nicht, was
das zu bedeuten. »Kein Mensch holt sie mehr ein!« schrie das Mädchen
und schlug sich ins Gesicht, und raste wieder hinab gegen den See. Weit
draußen schwebten die zwei glühenden Augen.
Sie sah hin. Sie preßte die Hände auf die Brust und tat einen
fiebernden Atemzug. Ist denn kein Mittel, sie zurückzurufen? Plötzlich
fuhr sie sich gegen die Stirn. Rasch holte sie ihr Feuerzeug hervor,
eilte, watete im Schnee gegen die Dorfwiese; dort war früher ein
winterlicher Heuschober gestanden. Aber er war eingeheimt. Die Grete
kehrte um. Immer den Blick auf den See gerichtet, lief sie gegen das
obere Ende des Dorfes. Die letzte einzeln stehende Hütte, das war ihr
Haus und Heim. Sie erreichte es, im Nu hatte sie ein Flämmchen und fuhr
damit unter das Strohdach. Vielleicht, vielleicht --
Wie ein freigelassenes Vöglein hüpfte die Flamme weiter, knisterte,
leuchtete.
Bald war die helle Lohe da, das Dorf glühte im Feuerschein, das Gewände
oben war rot, auf der Seefläche spiegelten die Flammen.
Während die Leute herbeieilten und die Achseln schüttelten, weil nichts
mehr zu retten war, und nur ihre eigene Habe wahrten, irrte die Gret
draußen auf dem See. Sie sah noch die zwei Lichtlein, die standen auf
der Fläche nächst der Hirschwand und waren völlig im Erlöschen. Jeden
Augenblick konnten sie erblinden, versinken.
Was da hinter ihr vorging in der Not des Feuers, in der Verwirrung
des Dorfes, das achtete sie nicht; ihr Blick bewachte mit unsäglicher
Angst die zwei Augen auf dem See. -- Und siehe, endlich leuchteten sie
heller, wurden frischer, größer, kamen näher. Da johlte die Gret auf,
und das war das lustigste Jauchzen an diesem Hochzeitstage.
Sie waren gerettet. --
Das Mädchen zog ihnen entgegen über die Fläche. Sie sah schon das
Sausen des Windes in den heranschwebenden Fackeln. Sie fiel den Pferden
in die Zügel. »Was ist's, wo brennt's?« rief der Seesteiner aus dem
Schlitten. Da stürzte ihm das Mädchen wortlos an die Brust, sank
zurück auf den kalten Eisboden, und das Gefährte glitt weiter.
»~Das~ ist ein Hochzeitstag! Seid Ihr auch wieder zurück!« sagte ein
Mann, als der Seesteiner aus dem Schlitten sprang und seinem jungen
Weibe den Arm zum Aussteigen gab.
»Na, Gott sei Lob und Dank, die Gefahr ist vorüber, nur das
Gstettner-Häusel ist niedergebrannt. -- Eine Närrische haben wir auch
im Dorfe. Ist's denn wahr, daß auf dem See das Eis einbricht?«
Die Brautleute sahen sich an und sagten kein Wort. -- Das Eis bricht
ein auf dem See! -- Man konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wie sie
erbleichten.
Die alte Gstettnerin hatten sie ins Wirtshaus zurückgebracht; sie
verlor kein Wort über ihr zerstörtes Heim, nur ihre Tochter rief sie
mit kläglicher Stimme.
Ihre Tochter aber saß an der Brandstätte und wärmte sich. Sie saß
zwischen den glühenden Balken und rief ein- über das andere Mal: »Das
Eis bricht ein!« Und dann lachte sie.
Da kam von seinem Umweg der alte Fischer vorüber, der wollte sie von
der rauchenden Brandstätte entfernen.
»Gehet Eures Weges,« rief sie ihm zu, »und wollet Ihr zum Seesteinerhof
hinüber, so fahret über Land, auf dem See bricht das Eis. -- Ich habe
das Feuer gemacht, daß sie umgekehrt sind.« Sie sagte ihm noch ein
Wort. Er eilte zum Wirtshaus und rief schon zur Tür hinein: »Geht,
Leute, helft mir die Gret von der Brandstelle wegbringen, sie ist von
Sinnen!«
Als sie zu den rauchenden Trümmern kamen, fanden sie das Mädchen am
Herde kauern. Aber leblos. Niemand wußte wie das gekommen. Der alte
Fischer sagte: »'s muß ihr jäh das Herz zerbrochen sein.«
* * * * *
An dem Tage, als die arme Grete begraben wurde, schnalzte und krachte
es hin über den ganzen weiten See. Unzählige Sprünge zuckten hin und
her, und der Reihe nach brachen die Schollen durch in das dunkle
Gewässer. An der Hirschwand waren sie zwei Tage früher durchgebrochen.
Auf dem stundenlangen Landweg verkehrte das Dorf mit dem
Seesteinerhofe, bis sich die schwimmenden Schollen im Wasser zerrieben
und gelöst hatten. Auf dem Landwege wurde die alte Gstettnerin in
das Gehöfte gebracht, wo ihr für ihre letzten, einsamen Tage eine
gesicherte Stube bereitet war. Auf dem Landwege ging der Pfarrer in den
Seesteinerhof, daß er sich umsehe nach dem glücklichen Paare.
Aber im schaukelnden Kahn rudert der alte Fischer an einem
Frühlingsmorgen nach Seeau herüber. Er schritt, ein hölzernes Kreuz auf
der Schulter, die Dorfgasse hinan, in den kleinen Kirchhof hinein und
zu einem graskeimenden Hügel am Heckenzaun.
Heute noch steht dort das Kreuz, und folgende Worte sind darauf
geschrieben:
»Hier ruht die guldene Grethe,
Gedenk' an sie und bete!«
Die Brücke.
Zur Zeit, als der Hans Gertinger die Hane Heider nahm, dachte der
Tod: Holla, jetzt heißt's wieder Platz machen, da kommen ein paar
kernfrische Leut' zusammen! Er hatte erst im vergangenen Kriegsjahre
Ernte gehalten, daher war er wohl gelaunt und fragte, was sonst nicht
seine Art ist, die Todeskandidaten, welcher zuerst daran wolle? Einer
duckte sich hinter den anderen, die Jüngeren sagten, an ihnen sei nicht
die Reihe, und der älteste, ein lahmer, tauber, blinder Bettelmann, der
in einer dumpfen Kellernische auf faulem Stroh lag, bat flehentlich,
nur ein Jährchen solle ihm der Tod noch gönnen von diesem Leben.
Drinnen, im Gebirge -- wo eben das kernfrische Paar ineinandertrachtete
-- war ein alter Uhrmacher, der mit seinen Wanduhren hausieren ging.
Der wußte, wie es geht auf der Welt: ist es zwölf Uhr geworden, so
fängt's mit eins wieder an -- immer das gleiche. Dieser Mann meldete
sich dem Tod und sagte: Mir ist's allzeit recht. -- Da schlief er
auch schon, und jetzt tat es den anderen schier leid, ein so sanftes,
seliges Ende verscherzt zu haben.
Sollte dir, lieber Leser, das wie ein Märchen vorkommen, so würdest
du dich täuschen. Die Launenhaftigkeit des Todes -- hier grausam,
unerbittlich, dort neckisch, gutmütig -- ist ja doch weltberühmt. Daß
bei dem Umstande, wie der Zeiger doch nicht höher als bis zwölf steigt,
einem Uhrmacher langweilig werden kann auf der Welt, ist am Ende
auch kein Wunder, und daß die folgende kleine Geschichte auf Wahrheit
beruht, wird am besten aus ihrer sehr alltägigen Entwicklung erhellen.
Es war im schönen Monat Mai, als der Hans Gertinger mit der Seinigen
die Hochzeit vorbereitete. An drei Sonntagen fragte der Pfarrer zu
Lacken von der Kanzel herab, ob bei vermeldetem Paar den Leuten kein
Ehehindernis bekannt sei? Bekannt war keins und so hub der Dorfwirt an,
Kälber und Schweine zu schlachten, denn wenn sich's der eine Teil gut
sein läßt, so muß es der andere büßen, das ist einmal so eingerichtet.
-- Es war in demselben schönen Monat Mai, daß der Uhrmacher schlank und
starr und kalt auf dem Bette lag. Der Sonnentag mit seiner Rosenzier
und seinem Schwalbenjubel ist geradeso wie damals, als der Uhrmacher,
noch ein Knabe, Vögel fing, als er den Dirndl nachstrich, schier
unbewußt, wie der Blütenstaub an der Kiefer streicht, bis er seinen
Ort findet. Und der Mai war immer wieder gekommen, aber hatte den
Mann kühler gelassen von Jahr zu Jahr, bis der Thomas, nun ganz kalt
geworden, auf dem langen Brette lag und sich rein um gar nichts mehr
kümmerte.
Er lag zwei und er lag drei Tage, da ging seine alte Haushälterin zum
Pfarrer und fragte, was es denn sei, daß man den Thomas nicht hole!
»Ja, liebe Frau,« sagte der Pfarrer, »das ist leichter gesagt als
getan. Er wird hinüber auf den Kirchhof wollen, und das Grab ist ja
auch schon offen für ihn. Ihr hört es doch, wie es rauscht!«
»Aber der Thomas liegt müßig da und will endlich einmal in die frische
Erden hinein,« rief die Haushälterin: »Ich sage es ganz aufrichtig, er
wird mir nimmer besser im Haus.«
Der Pfarrer ging im Zimmer auf und ab und sprach: »Es ist wirklich eine
unangenehme Geschichte. Im Hochgebirge schmilzt der Schnee, und seit
vielen Jahren ist die Sallach nicht mehr so groß und reißend gewesen
als jetzt. Alle Lackenwiesen sind überschwemmt; in Obergams hat's die
Brücke weggerissen und auch unsere Dorfbrücke kracht schon in allen
Fugen, daß sich kein Mensch mehr hinüberwagt. So können wir mit dem
Thomas nicht hinüber auf den Friedhof und deswegen ist es, daß er Euch
noch im Hause liegt.«