Der Bauer erschrak fast vor seinem eigenen Worte, das war so gewichtig,

daß es den Jakob schier umstimmen könnte, und um solches war dem

Stockbattner heute durchaus nicht mehr zu tun. Doch der Jakob ließ

sich nicht umstimmen. »Wer ein Geld hat,« sagte er knurrend, »dem

kann nichts an. Von dir werd' ich mir kein Almosen erbitten, das

kannst heilig glauben. Laß es gut sein, ich will von dir und vom

Stockbattnerhof nichts mehr hören.«

»Aber klagen gehst mich doch nicht, Bruder!«

Der Jakob blieb fest stehen: »So gewiß ich da steh, klagen geh ich

dich.«

Bald hernach kamen sie zum Franzmeierhof.

Vor der Tür stand der Franzmeier und sein Schwager, der Stoppel-Zenz,

mit einer Laterne. Beide waren im Feiertagsgewand. Der Stockbattner

ahnte etwas. Er hatte was läuten gehört. Sagte aber nichts ....

»Recht ist's mir, daß ihr beieinander seid,« redete er die Nachbarn an.

»Ihr müßt mir gerad' einen kleinen Gefallen tun. Ich zahl' jetzt meinem

Bruder Jakob die Erbschaft aus, und da wollt' ich euch gebeten haben,

daß ihr mir dabei Zeugenschaft leistet.«

»Wohl rechtschaffen gern,« antwortete der Franzmeier, »ist eh

wunderselten heutzutag', daß man wen zahlen sieht. Kommt doch in die

Stube herein!«

»Ah, 's tut's da beim Roßtrog auch,« entgegnete der Stockbattner, »sei

so gut, Zenz, halt' ein bissel deine Laterne her!« ging zum Pferdetrog,

der am Wege stand, zog die Brieftasche aus dem Sack und legte in den

Trog vor den Jakob hin nagelneue Bankozettel für fünfhundertacht Gulden.

Mit nicht geringer Verblüffung schaute der Jakob drein.

Und als vor den Zeugen das Geld aufgezählt war, sagte der Stockbattner:

»Ich hab's ja gesagt, Bruder Jakob, du gehst mich nicht klagen!«

»Bauer!« brummte nun der Jakob, mit seinen hageren Fingern langsam

die Noten zusammenkrabbelnd, »woher hast denn du jetzt auf einmal das

viele Geld? Das möcht' ich wissen!« Schon die Miene allein, die er dazu

machte, wäre eine Ehrenbeleidigung gewesen, wenn der Seppel sie für

eine solche genommen hätte.

»Also, deine Sach' hast jetzt?« fragte der Bauer. »Hast sie jetzt?«

»Meine Sach' hab' ich,« knirschte der Jakob, bei sich ärgerlich, daß

er nun machtlos war und den Bruder in keine Verlegenheit mehr bringen

konnte.

»Gut, nachher bringst mir vom Notar die Quittung mit.«

»Die kannst auf der Stell' haben, wenn du fürchtest, ich könnt' dich

etwan ein zweitesmal fordern,« sagte der Jakob, dann gingen sie erst

noch in die Stube hinein, wo das Schriftstück ausgefertigt und mit

Zeugenschaft unterschrieben wurde.

»So wär's in Ordnung,« sagte der Stockbattner, das Papier in den Sack

steckend, »und ich geh jetzt wieder heim zu meiner Arbeit.«

»Ja, gehst du nicht mit nach Rottenstein?« fragte ihn der Stoppel-Zenz.

»Was soll denn ich heut' in Rottenstein?«

»Hast du die Vorrufung nicht erhalten?«

»Was für eine Vorrufung?«

»Ist doch gestern der Amtsbot' von Haus zu Haus gegangen und hat

angesagt, daß alle Besitzer als am heutigen Tag Stund acht auf dem

Kirchplatz in Rottenstein sein müßten?«

»Bin gestern nicht daheim gewesen,« entgegnete der Stockbattner, »was

mag's denn da schon wieder geben?«

»Kein Mensch weiß es,« sagte der Franzmeier.

»Gewiß wieder eine große Robot, oder eine Heu- oder Haferlieferung für

die Franzosen.«

»Wer nicht kommt, der hat sich's selbst zuzuschreiben, hat der Amtsbote

gesagt.«

»Wenn's so ist, da muß ich freilich mit,« sagte der Stockbattner, »die

Herren sind grob, wenn man ihren Willen nicht tut, weißt eh.«

Also gingen sie nun mitsammen, die vier Männer, und der Knecht

Jakob machte den kleinen Umweg über Rottenstein, er war schon

auch begierig, zu sehen, was da wieder los ist. -- Die Besitzer!

die Bauerngrundbesitzer! Vielleicht wird ihnen alles weggenommen.

Gesund wär's ihnen! Ein Glück, wer sein Geld im Sack hat und kann's

verstecken. -- So dachte der brave Jakob.

In den Wirtshäusern zu Rottenstein ging's an diesem Morgen recht lustig

zu. Leute gab's überall wie bei der Kirchweih. Voll Erwartung steckten

sie die Köpfe zusammen, keiner wußte was, jeder mutmaßte allerlei.

»Mir träumt halt alleweil,« sagte ein alter Bauer, »und was einem

stehend träumt, das ist selten derlogen! -- mir träumt halt alleweil,

unsere Kontributionen kriegen wir endlich zurück, wie es der Bonaparte

versprochen hat.«

»Ja, ich glaub' es auch,« antwortete ein zweiter, »unser Korn und Heu

und Stroh und Vieh und Holz wird uns jetzt bezahlt, das wir seit Jahr

und Tag den Franzosen haben liefern müssen.«

»Das ist gewiß!« sagte ein dritter, »unsere Sach' wird uns heut'

vergütet. Zeit ist's dazu!«

Und das sprang von Wirtshaus zu Wirtshaus, von Gruppe zu Gruppe: »Geld

gibt's heut'!«

Auch war der Regierungskommissär schon gesehen worden, der mit seinem

schwarzen Schildkäppchen und mit seinem rasselnden Säbel nicht wenig

Aufsehen machte. »Natürlich wird er den Säbel bei sich haben, wenn er

so viel Geld umträgt!«

Die Lustigen vertranken im Wirtshause ihren vorletzten Bankozettel, die

Lustigsten ihren letzten. »Wird ja eh frisch nachgefüllt in die Säcke!«

Auch der Stockbattner ließ sich ein stattliches Glas bringen, da setzte

sich gleich wieder sein Bruder Jakob zu ihm; zu diesem sagte er aber

heute: »Geh, du hast mehr Geld als ich -- weißt eh!« und kehrte sich

mit seinem Glase von ihm ab.

Zur Zeit um halb acht war der ganze Kirchplatz überfüllt mit Menschen.

Alles war heiter, witzig und lachbereit und manche sprachen

untereinander Mutmaßungen aus, auf welche Weise jedem das Seine

eingehändigt werden würde. »Das kunnt sogar noch einen Rummel geben!«

gab einer zu bedenken. »Alle werden gleichviel haben wollen. Aber so

viel Stroh, wie ich, hat keiner geliefert.«

»So viel wie ich, auch keiner!« rief ein anderer.

»Die Strohmänner kommen zuletzt,« sagte ein dritter, »die sollen

warten, was die Korn- und Holzmänner übrig lassen.«

»Wollen schon sehen, wer stärker ist!« schrie der eine zurück und

ballte die Faust.

Schlag acht Uhr stand der Regierungskommissär auf der obersten Stufe

des Kirchentores.

»Am Ende predigt er uns einen neuen Glauben!« flüsterte einer.

»Wär' eine überflüssige Sach', wo wir eh den alten nicht halten.«

»Still seids!« herrschte jemand, »er liest was. Vom Kaiser ist die

Rede!«

»Vom Kaiser!« murmelten sie und drängten nach vorwärts, sie waren doch

allzu neugierig, was ihnen der gute Kaiser Franz mitteilen lassen würde.

Der Kommissär hatte einen großen Bogen in der Hand und las lange

eintönig fort. Plötzlich hob er die Stimme und rief es schallend hin

über die Köpfe: »Wir beschließen demnach, daß die Bankozettel noch mit

dem ~fünften Teil~ ihres Nennwertes vom Staate eingewechselt werden.

Der Bankozettel von einem Gulden (damals hatte der Gulden sechzig

Kreuzer) wird also auf zwölf Kreuzer, der Bankozettel von fünf Gulden

auf einen Gulden bewertet und so weiter, und sind in diesem Betrage

bei allen öffentlichen Kassen unweigerlich anzunehmen. -- Die weitere

Belehrung in dieser Angelegenheit ist gedruckt und bei mir zu haben.«

Als der Regierungskommissär seine Vorlesung geschlossen hatte und nun

seinen Bogen gelassen zusammenfaltete, war es totenstill über den

Hunderten von Menschen. Allmählich erst begannen sie sich zu bewegen

und zu flüstern: »Was ist das gewesen?«

Dort an der Kirchhofsmauer hatte jemand einen heiseren Schrei

ausgestoßen. Derselbe jemand war einer der ersten, denen klar

wurde, was es geschlagen. Der Knecht Jakob war es, der seit einer

Viertelstunde um vierhundert Gulden ärmer geworden. Er taumelte fürbaß.

Ja, ein ungeheurer Geldfall hatte stattgefunden. Haus Österreich --

grausam geschwächt durch »Seine Majestät den Herrn Schwiegersohn«

und anderes Unglück -- hatte zu wenig Vermögen, um das massenhaft

ausgegebene Papiergeld einzulösen; und weil das ein Lump ist, der mehr

gibt als er hat, so gab Haus Österreich nicht mehr, und das übrige --

hebt sich.

Den Kopf mit den Händen haltend, so liefen die Leute in Rottenstein

-- und anderswo wahrscheinlich auch an jenem merkwürdigen Tage --

wirr durcheinander. Die einen fluchten, die anderen lachten! heute

lachten zur Abwechslung gerade solche, die kein Geld hatten. Ja, auf

der Bäuerei lachten eigentlich die meisten. Die liegenden Güter, die

Fahrnisse, die Kuh im Stall, das Stück Brot auf dem Tische, ja sogar

der Taschenfeitel im Sack hatten von dem Augenblicke an, als das Geld

fünfmal weniger galt, einen fünfmal höheren Wert.

Mancher ging nach solchem Schrecken wieder ins Wirtshaus, um auch noch

den letzten Groschen zu vertrinken, aber siehe, der Pfiff Wein, der vor

einer Stunde noch um einen Groschen zu haben war, kostete jetzt fünf

Groschen. Beim Bäcker die große Semmel kostete statt zwei Kreuzer deren

zehn. Der Fleischhauer schmunzelte, als er dem Hausbauer den Braten

anstatt zu zwanzig Kreuzer, zu einem Gulden vierzig Kreuzer rechnen

durfte, aber er schmunzelte nicht lange. Als er dem Hausbauer hernach

ein vier Wochen altes Kalb abkaufen wollte, kostete dasselbe anstatt

neun Gulden deren fünfundvierzig. Jetzt kam die Zeit, da ein Paar

Ochsen eintausendfünfhundert, ein Pferd tausend, eine ordinäre Sackuhr

hundertfünfzig, ein mittelgroßes Bauerngut im Gebirge dreißigtausend

Gulden wert war. Damals vertrank einer an einem Abende beim »Adler«

spielend zwanzig Gulden und verspielte trinkend deren vierzig und

hundert und mehr. Sparsinn und Redlichkeit hatten aufgehört. -- »Was

den Großen erlaubt ist, wird den Kleinen nicht verboten sein.« -- Die

alten Schulden durften nicht nach der alten Ziffer bezahlt werden,

sondern nach der fünffachen neuen. So daß der Stockbattner, als er des

Abends zu seiner Braut kam, ausrufen konnte: »Mali, das Glück, wie

mir's mein lieber Bruder Jakob mit seinem Drängen gut gemeint hat!

Hätte ich ihm heute früh seine Sach' nicht ausgezahlt, so wären wir

ihm jetzt anstatt fünfhundertacht Gulden nicht weniger als schwere

zweitausendfünfhundertundvierzig Gulden schuldig!«

Der Jakob betrachtete die Kehrseite und raufte sich Haar' aus dem Kopf.

Das half aber nichts, dadurch hatte er weniger Haar' und nicht mehr

Geld. Seine fünfhundert Scheine gingen nur mehr für einhundert Gulden,

und da kann man's noch nicht wissen, ob's dabei bleibt; wenn so ein

Teufelszeug einmal anhebt zu purzeln, so purzelt es hinab bis in den

Dreck. Die Bankozettel! was war das für ein kamodes Geld gewesen. Und

jetzt gerade gut genug, um sich damit die Pfeife anzuzünden. Das heißt,

wenn er brennt, der schmutzige Fetzen! -- O Jakob, Jakob! Wie fein wäre

es, wenn dir dein Bruder das Fünfundzwanzigfache schuldig wäre von dem,

was du jetzt im Sack hast! Wie hübsch könntest ihn zwicken und drücken

und abtrennen, ihn gar zum Bettler machen, der du jetzt selber bist!

Ja, wenn man so was im voraus wissen tät'!

Leute, denen er seinen Jammer klagte, meinten fast, die Sache könnte

anfechtbar sein. Alsogleich lief der Jakob zu einem Advokaten. Der

Advokat aber riet ihm, wenn er nicht mehr als hundert Gulden zu

verlieren habe, das Prozessieren sein zu lassen.

Als der Stockbattner es mit seiner Mali Ernst machte, lud er

anstandshalber auch den Bruder zum Ehrentage. Der Jakob aber schrie

herum, nicht sechs Rösser brächten ihn auf diese Hochzeit. Der

Stockbattner sei ein unglaublich falscher Mensch, der habe es zu Fleiß

so eingerichtet, daß er die Erbschaft just und knapp vor dem verdammten

Geldfall hinausbezahlt!

Darob kränkte sich die Mali, und was die Leute sagen würden, wenn der

einzige Bruder des Bräutigams fehle?

»Der Jakob ist halt jetzt ein bissel gewissensbissig,« antwortete der

Seppel, »wir werden aber auch ohne seiner eine lustige Hochzeit haben,

denk' ich. Wir werden uns die Zeit schon vertreiben -- weißt eh.«

Die guldene Grete.

»Es begeben sich in den Stand der heiligen Ehe: Der Bräutigam Michael

Rehling, katholisch, großjährig, Besitzer des +vulgo+ Seesteinerhofes

in hiesiger Pfarre. Die Braut Maria Haldegger, katholisch,

minderjährig, derzeit in Dienst beim Bauer an der Wand. Dieses

Brautpaar wird heute zur Aufdeckung eines allfälligen Ehehindernisses

öffentlich verkündet zum erstenmal.«

So las es der Pfarrer von der Seeau auf der Kanzel aus einem großen

Papierbogen der Gemeinde vor.

Es war das Fest der heiligen drei Könige.

Die Gemeinde war im Festkleid und in Festfreude versammelt, und

vor dem mit frischen Tannenzweigen umgebenen »Krippel« -- der

bildlichen Darstellung von unseres Heilandes Kindheit -- brannten zwei

Wachskerzen, die heute nicht, wie sonst gern, nach einer Seite hin

abrannen, da es sehr kalt war und das Wachs gefror ganz nahe an der

Flamme.

Wenn plötzlich die Tür aufgegangen wäre in allen Angeln, und die

heiligen drei Könige mitsamt ihren goldenen Kronen und Schätzen, und

ihren Mohren und Kamelen und mit ihrem Stern hochfeierlich durch die

Kirche gezogen wären, und hin zum Krippel, es hätte kaum so viel

Aufsehen gemacht unter den Leuten, als die Verkündigung der Heirat

des jungen Seesteiners und der Maria Haldegger. Der Seesteiner, ein

Bursche, stramm und frisch, hoch und stolz wie ein junger Tannenbaum,

dem der größte Hof gehörte jenseits des Sees. Sein Hof stand da wie

ein Schloß, und seine Waldungen waren so groß und weit, daß, wenn

neun Jäger in demselben zu gleicher Stunde ihre Gewehre abschossen,

einer von dem anderen keinen Schuß hörte und keinen Hall. Vorwitzige

Leute nannten den Seesteiner den Gaugrafen, weil ihm schier alles

untertan war weit und breit. Wenn dich in der Gegend ein böses Wetter

überraschte, und du stelltest dich unter eine buschige Tanne, so

standest du unter einem Seesteinerschen Schirmbaum, und wäre auf dem

Seesteinergrunde keine Quelle aufgeronnen, die ganze Pfarre hätte

verdursten müssen, und die hunderttausend Forellen im See dazu.

Das Altarbild der Seeauer Kirche stellte den heiligen Erzengel Michael

dar; aber gar viele Seeauer und Seeauerinnen, wenn sie davor ihre

Andacht verrichteten, dachten dabei schier gottlos an den Michael

Rehling; der war es eigentlich, was das Altarbild vorstellte: der

Schutzengel, der Erzengel, der Patron der Gemeinde.

Und Maria Haldegger war die arme Dienstmagd, im Sommer auf der Alm, wie

hundert andere, im Winter beim Bauer an der Wand, bei dem ein Festtag

war, wenn sie sich einmal an der Haferbrotsuppe satt essen konnten.

Kein Mensch, außer vielleicht ein armer, pechiger Waldteufel, hätte

sich um die Maria Haldegger gekümmert, wenn im letzten Sommer mit ihr

nicht etwas vorgefallen wäre, was eben nicht gar oft vorfällt.

Ein Prinz, der einen so klingenden Namen hatte, daß sie ihn in der

halben Welt hörten, war auf der Jagd dagewesen, hatte die Maria

Haldegger auf der Alm gesehen, und hatte sich ausgerechnet in sie

verliebt, und hatte ihr einen Ring geben wollen, der zweimal so viel

wert war, wie das ganze Bauernhaus an der Wand. -- Die Maria Haldegger

aber hatte gesagt: »Nichts für ungut, Herr Prinz, ich bitt', aber für

Guld und Geld und alle Herrlichkeit der Welt ist eine ehrliche Magd

nicht zu kaufen. Wollt Ihr's aber redlich meinen, so fragt bei meinem

Paten an; ich kann nichts versprechen.« Der Prinz hat sich zufrieden

gegeben und die Maria Haldegger nur noch ersucht, daß sie ihm für

mehrere Stunden möge Unterstand gewähren auf ihrem Heuboden, da schon

die Nacht käme. Aber die junge Magd hat ihm's rundweg abgeschlagen, und

der Prinz ist zornig davongegangen bis zur nächsten Almhütte.

Zwei alte Seesteinersche Jäger, die -- ohne daß es die Maria wußte --

hinter der Hütte auf dem Moos gelegen, haben den Vorgang belauscht und

haben ihn erzählt im Wirtshause der Seeau, und jenseits des Wassers,

und überall, wo Schick war zum Erzählen.

Da hat denn alles weit und breit von der Maria Haldegger gesprochen,

und der Bauer an der Wand hat nur so lächelnd mit dem Kopf genickt,

wie seine wackere Magd im Herbst von der Alm zurückgekommen ist und

Rechenschaft abgelegt hat über alles, was sie auf der Alm zu verwalten

gehabt.

Es kam der Winter, es fiel klaftertiefer Schnee, es fror der See. Es

war Jagen im Wald, der junge Seesteiner ging oft mit der Flinte am Dorf

vorüber, und ging gegen die kleinen Bauerngüter hinaus, und stieg die

Holzleiter der Loserwand hinan gegen die Waldhöhen. Zu Weihnachten war

großes Eisschießen auf dem See, und jetzt zu Heiligendreikönig wurde,

unerwartet wie ein Blitz vom Himmel im Eismonat, die Neuigkeit von der

Kanzel verkündet.

Das also war heute, und als hierauf das Hochamt abgehalten wurde,

betete kein Mensch ein andächtig Vaterunser, jeder und jede mußte

fortwährend an das Brautpaar denken und sich verwundern.

Der Seesteiner saß heute im hintersten Stuhle des Chores; seine

Braut war gar nicht in der Kirche. Noch bevor der letzte Segen und

die Sprenge -- das Bespritzen der Gemeinde mit Weihwasser durch den

Priester -- zu Ende war, verließ Michael die Kirche und eilte seines

Weges.

Er ging nicht über den See seinem Gehöfte zu, er nahm die Richtung

gegen die Wand. Als er nach dem tiefen Schneepfade durch die Halde

schritt, kreischte ihm eine Stimme nach: »Laß Zeit, Herr Bräutigam!

Hast aber eilig.«

Die »guldene Gret« war's, ein kaum vierundzwanzigjähriges Mädchen mit

krausen, gelblichten Locken, falben Augenbrauen und stets geröteten,

zuweilen sommersprossigen Wangen. Sie war mehr klein als groß, hatte

eine sehr geschmeidige Gestalt, hatte gern ein Lächeln um den scharfen

Mund, konnte schmeicheln und spotten und näschenrümpfen und liebäugeln,

wie gar keine mehr sonst um den ganzen weiten See. Sie war die Tochter

einer Häuslerin. Man kannte sie als ein leidenschaftliches Mädchen,

zuweilen boshaft, zuweilen gar ein wenig bösartig, und dann doch wieder

hochsinnig zum Erstaunen. Man nannte sie die »guldene Gret«, weil sie

goldhaarig war, und weil sie das Gold wohl zu schätzen wußte, mehr wie

manch andere auf der Alm.

Die Gret ging zuweilen wurzelgraben und kräuterrupfen auf die Alm, aber

ihr wollte ein Prinz nimmer begegnen. --

Der junge Mann blieb nun auf den Ruf stehen.

»Magst mich heut' nimmer über den See rudern, junger Herr Seesteiner?«

sagte das Mädchen, ihm näher kommend.

»Der See ist gefroren,« entgegnete Michael kurz.

»Aber ich bin's nicht,« rief sie, »ich weiß noch recht gut eine warme

Kirchweihnacht --«

»Wo ich dich aus Gefälligkeit über den See geführt habe.«

»Wo du mich an dich gezogen hast --«

»Weil du mir sonst im Finstern leicht über den Rand gefallen wärest.«

»Wo du mir die Liebschaft mit dem Holzmeisterfranzl abgeredet hast --«

»Weil er leichtsinnig ist und Weib und Kind nicht ernähren kann.«

»Du hast damals gesagt, daß du meine alte Mutter unterstützen wolltest.«

»Das tue ich, weil sie eine arme Frau ist.«

»Michael, du hast gesagt, daß du heiraten wollest, und daß dir kein

Mädchen zu arm und zu gering sei --«

»Das hab' ich nicht vonnöten, ich schau nur auf die Bravheit.«

»Und daß du redlich seiest und keine betrügen wollest!«

»Das hab' ich gesagt und gehalten.«

»Aber du hast mich an der Hand genommen, an dich gedrückt, und ich habe

den Franzl fahren lassen, und hab' keinen mehr angeschaut, und hab'

gearbeitet im Taglohn, und bin brav gewesen, und nur an dich hab' ich

gedacht. -- Michael, du bist ein Falscher. Der Teufel soll in deine

Maria fahren!«

Die Gret lief davon, sie war wild anzusehen; sie ballte die Fäuste

gegen den Bräutigam, und als sie hinauf kam zum Waldrande, warf sie

sich in den Schnee, und schlug mit den Händen um sich, daß der dichte,

weiße Staub auseinanderstob nach allen Seiten.

Michael schritt ruhig weiter, sein Gewissen warf ihm nichts vor. Er

stieg über die Leiter die Loserwand hinan und ging über den Hochboden

hinaus; dadurch schneidet man den halben Weg ab, der zum Bauer an der

Wand führt.

* * * * *

Ein Windwehen hatte die dicken, schweren Schneemäntel von den Bäumen

geschüttelt. Die Waldwipfel waren dunkelschwarz und die Gründe waren

lichtweiß. Aber da kam ein Nebel, der legte sich hin über das ganze

Waldland, nur die höchsten Berge ragten aus ihm hervor und standen in

der Sonne, während unten alles versunken war in die feuchte Trübe und

in die frostige Winterlichkeit. Darüber bekam der Wald einen grauen

Bart, und allen Geästen und allen Gezweigen wuchsen weiße, zartbezähnte

Ränder von glitzernden Nadelchen. Selbst auf der glatten Eisdecke des

Sees keimte dieses schneeweiße Moos des Nebelfrostes, daß es knisterte,

wenn Mensch oder Tier darüber hinschritt.

Es war sehr schön, und die Städter würden gesagt haben, das ganze

Waldland sei versilbert, oder sei aus weißem Kandiszucker geformt. Die

Leute der Seeau aber greinten über so ein Wetter; es sei den ganzen Tag

finster, und doch nicht die Nacht zum Ruhen; es sei frostig, und doch

nicht frischkalt, und es werde zu tauen anheben noch weit vor der Zeit.

Im großen Seeauer Wirtshaus wurde zur Hochzeit vorbereitet. Es war eine

Unzeit für alle Kälber und Hühner im ganzen Gau; kaum sicher gingen

die Tiere des Waldes, obwohl die Jagdmonate schon vorüber, und die

übriggebliebenen Hasen und Rehlein sich zu Paaren schon wieder des

Lebens freuten. Der Wirt ließ im Keller sein großes, ältestes Weinfaß

aufspunden.

Schon tagelang stiegen zu ungewöhnlichen Stunden aus dem Schornstein

des Wirtshauses blaue Rauchwölkchen auf, und ein hocherfreulicher

Geruch reichte sogar bis zum Pfarrhofe hinüber.

Der Pfarrer hatte seine Sache schier getan; er hatte das löbliche

Brautpaar bereits dreimal von der Kanzel würdevoll verkündet, und beim

letzten Aufgebot hatte der Schulmeister auf dem Chor einen vollen Tusch

blasen lassen, eine Ehre, die er sonst nur seinen Musikanten anzutun

pflegte, wenn einer davon sich ein Weib nahm.

In der Kirche arbeiteten zwei Küster, und schmückten den Altar mit

allen vorrätigen Bändern und Papierblumen. Die alte Häuslerin vom

Ende des Dörfchens, die Mutter der Gret, half auch mit; sie saß in

der Sakristei und band mit halberfrorenen Fingern aus immergrünem

Reisig einen großen Kranz für das Bild des heiligen Michael. Die

»guldene Gret« aber saß daheim im Häuschen und starrte in die

verlöschende Herdglut hinein. Ihr Auge funkelte und ihre Züge waren

schauderhaft verzerrt. Jetzt fuhr sie sich mit den Fingern in die

losen, geschlängelten Locken und riß und zerrte wütend an ihnen. Dann

ließ sie ab, sah auf die ausgerauften Haarfäden in ihrer Faust, tat

einen wilden Atemzug aus der wogenden Brust und murmelte: »Was soll

ich dich ausreißen, du mein goldenes Haar! Ja, wären es seine, wären

es die von der Haldeggerin! Pfui, Gret, mit den Haaren fange nicht

an, das tut jede eifersüchtige Dirn. Ich bin nicht eifersüchtig --

aber in der Leut' Mäuler hat er mich gebracht, um meinen Franzl hat

er mich gebracht. Was schert mich der dalkert' Michael mit seiner

vornehmen Lahmleidigkeit -- aber Seesteinerin hätt' ich mögen sein,

das habe ich laut gesagt, und sie haben mich schon so geheißen. Jetzt

hab' ich die Schande und den Spott, jetzt kommt keiner mehr um mich.

Jesses, ich weiß nicht, was ich tu; wenn nur ein schwer Unglück wollt'

niederfallen, und tät uns all miteinander erschlagen! Aber ihn und sie

um drei Minuten früher als mich, daß ich's noch kunnt sehen! -- --«

* * * * *

Wenn sie am jenseitigen Seeufer vor dem Seesteinerhause einen Pöller

loslassen, so sieht man's von der Seeau aus wohl aufblitzen, aber man

kann bequem bis in die Zwanzig hinein zählen, bis der Schuß kracht. Der

Knall fliegt über die glatte Fläche hin, doch er prallt an zahllosen

Felsvorsprüngen an, und weckt in den Wänden und Wäldern allerlei Echos

auf, bis er endlich an das Ohr der Seeauer schlägt.

Heute aber hört man hier nur den dumpfen Knall, sieht aber kein

Aufblitzen. So dicht liegt der Nebel über dem See, daß man ihn -- wie

die Leute sagen -- mit einem Messer könnte in Stücke schneiden.

Es ist ein Jännermorgen. Ein großer Teil der Seeauer steht am Ufer und

guckt und horcht. Jetzt fallen drüben drei Schüsse rasch nacheinander,

jetzt gehen die Hochzeiter ab. In einer halben Stunde sind sie da, denn

über das Eis gleitet sich's leichter mit glatten Schlitten, als mit

Kähnen zur Sommerszeit.

Geschichten aus Steiermark · 第 9 / 22 段