gewesen. Nachbarsjungen waren in den Ziegenstall gedrungen und hatten
ein Zicklein entführt. Einer hatte sogar ein Schußgewehr bei sich, um
dem Kohlenbrenner die Hühner abzuschießen. Ich kam hier gerade zurecht,
wie die Jungen vom eigenen Vater den Lohn erhielten; aber einer davon
sagte während der Prügel zu seinem Vater: »Schlag' zu, schlag' zu! Bist
selber ein Wilddieb!«
Ein paarmal leuchtet aus dem Hintergrunde dieses Tales über dem
Waldkamme das weiße Gewände des Fölzsteins auf, denn endlich treten wir
in das engere Bereich der Hochschwabkette. Das Thörl bei Aflenz mit
seiner uralten Felsenruine ist der Eingang. Hier gehen an beiden Seiten
von den Hängen Felsenrippen nieder, die das ganze Tal einengen nicht
bloß zu einem Tor, sondern sogar zu einem Törl, durch das zwischen
dem stattlichen Eisenwerk und anderen Gebäuden, die sich gerade hier
festgestellt haben, Straße und Fluß nur mit Mühe durchkommen. Knapp
hinter der Enge zweigt sich das Tal; links geht's nach St. Gilgen und
ins Herz der Schwaben hinein. Da drinnen steht auch jenes Wirtshaus, wo
einmal ein übermütiger junger Mensch gebührend bestraft worden ist, wie
der Verlauf dieser Darstellung zeigen wird.
Saß also damals -- als ich an einem himmelblauen Sommernachmittag in
goldener Jugendseligkeit dem Tale entlang wanderte -- im beschriebenen
Thörlgraben, unter dem Schatten einer Esche, ein lieblich Dirndl. Auf
dem Schoß hatte es in blaues Tuch geschlagen einen flachen viereckigen
Gegenstand, auf den es die Hände legte. So saß es da und schaute
mir entgegen. Ich wußte nicht, wollte es auf mich warten oder mich
vorüberziehen lassen, nahm aber das erstere an. Ein Vollgesichtlein
hatte es und zwei kugelrunde Augen drin und ein feines Näschen, das
sich so ein wenig aufstülpte, als wollte es sagen: »Bitte, wenn du
bei den Lippen was zu tun hast, ich steh dir nicht im Weg'!« Und das
Lippenpaar! Zwei rote, sanft aneinander liegende Kißlein, so harmlos
preisgegeben den Blicken des herannahenden Knaben. Ein blaues Tuch
hatte die junge Maid um das Haupt gebunden und darunter schlängelten
sich an den Stirnseiten so ein paar Goldlockenringlein herab, daß es
schon des Teufels war.
Ich setzte mich zum Mädel hin, der Stein war breit genug für zwei, nahm
sie bei der Hand und sagte: »Das ist schön von dir, Mariandl, daß du
auf mich wartest.«
Wer wochenlang Zeit hat, der mag die Bekanntschaft mit einem herzigen
Mädel unter »Sie« anheben; auf der Wanderschaft ist mir diese
Umsiederei immer zu langweilig gewesen.
»Warten tu' ich ja nicht,« lachte sie, »ich will nur ein bissel rasten,
weil ich in Kapfenberg gewesen bin, und Mariandl heiß' ich auch nicht.«
»So?!« rief ich, »hab' doch gehört daß in der Aflenzer Gegend alle
sauberen Dirndeln Mariandl heißen. Was tragst du denn da?«
»Da drinnen, da?« fragte sie und hob den tafelartigen Gegenstand ein
wenig empor. »Das sag' ich nicht.«
»Sicherlich eine schöne Heiligkeit.«
»Nein, kein Heiligenbild ist es nicht,« schmunzelte das Dirndlein.
»Oder der Liebste!«
»Keinen Liebsten hab' ich nicht.«
»Oder hast dich gar selber malen lassen!«
»Jawohl, gewiß!« lachte sie auf; »malen lassen werde ich mich! Wer mich
sehen will, der soll zu mir selber kommen.«
»Das habe ich getan. Malen kann man dich doch nicht. Der Maler täte
früher mit der ganzen Staffelei niederbrennen vor lauter Lieb'.«
»Da müßt' man halt löschen,« meinte sie.
»Und ich möcht' so gern sehen, was du da drinnen für ein schönes Bild
hast.«
»Ja, das glaub' ich!«
»Dirndel, zeig' es mir!«
»Das zeig' ich nicht her,« sagte sie schalkhaft und legte die Hände
fester über die verhüllte Tafel. Als ich sie des Rahmens wegen ein
wenig befühlen wollte, schob sie meine Finger weg, sagte, sie könne
ihre Lebenszeit hier nicht versitzen, und machte sich auf den Weg. Ich
ging mit ihr und wir plauderten gemütlich dahin.
»Wie alt bist denn schon?« war meine Frage.
»Kann Er gut raten?«
Ich streckte meine zehn Finger aus: »Doppelt so viel!«
»Höher, Peter!«
»Höchstens noch einen dazu!«
»Stimmt.«
Bei manchem Stadtfräulein dürfte man beim Erraten der Lebensjahre der
Wahrheit nicht so nahe kommen.
Nun begegnete uns eine Kreuzschar, die aus Mariazell kam. Hinterdrein
kristelte einer nach, der vielleicht bei der Rast in Aflenz sein Leben
etwas zu sehr durchgeistigt hatte; er traf die Straße nicht immer
haarscharf und trollerte ein paarmal an die Telegraphenstangen.
»Aber der ist fromm,« sagte meine Begleiterin, »der telegraphiert sogar
seinen Rausch nach Mariazell!«
Ich fragte sie nun, unsere Unterhaltung wieder anknüpfend, ob auch sie
einmal in Mariazell gewesen sei.
Sie verneinte es.
»Aber,« bemerkte ich nach dem bekannten Bauernspruch, »jedes Dirndel
muß ja neunmal nach Mariazell wallfahren gehen, bis es einen Mann
kriegt!«
»Ja,« entgegnete sie, »und ein Mann muß neunmal nach Mariazell
wallfahren gehen, bis er das Weibsbild wieder losbringt. Unser alter
Knecht sagt's. So einen Spott brauch' ich nicht. Ich mag keinen Mann.«
»Da hast ganz recht. Die Burschen sind auch viel feiner. Geh, Dirndel,
gib her dein Bild, ich will dir's tragen.«
»Dazu bin ich schon selber stark genug,« war ihre Antwort, und dabei
nahm sie die verhüllte Tafel noch fester unter den Arm.
»Woher hast sie denn?« wieder meine Frage.
»Vom Kapfenberger Glaserer.«
»Was ist denn drauf?«
»Das braucht Er nicht zu wissen.«
»Wo gehst denn hin damit?«
»Heim.«
»Ich geh mit dir.«
»Der Weg ist breit genug dazu.«
»Wo wirst denn das Bild aufhängen?«
»Halt über der Stübeltür.«
»Zu deiner Schlafkammer?«
»Kann schon sein.«
In dem Augenblick stand's bei mir fest: Du gehst mit ihr! Sie mag
hingehen, wo immer.
Vor dem Wirtshaus in Thörl werde ich sie -- so viel mir noch
erinnerlich ist, und was auch schicksam war -- gefragt haben, ob sie
nicht einkehren wolle? Nein, sie könne auch daheim trinken. Wartete
aber doch nicht so lang'. Auf dem Wege gegen St. Gilgen, unter einem
verknorpelten Ahorn, ist ein Brunnen. Zu dem beugte sie sich nieder,
nutzte die hohle Hand zu einem Schöpfer und trank.
»Kalt ist's!« sagte sie und schlenkerte von der Hand das Nasse.
»Jetzt geschwind ein Busserl drauf, daß es warm wird!« war mein Rat.
»Warum denn nicht!« sagte sie und trocknete die Lippen, »ein Busserl in
Ehr'n geb' ich Bauern und Herrn.«
»Und laß mir auch das Bild ansehen. Geh, deck's auf!«
»Oha!« rief sie, und es war so weit, daß sie mir die Tafel entwinden
mußte. »Da zeig' ich's nicht her, weil Er so gamerig (darnach lüstern)
ist! just nicht!«
Etliche Minuten später trat sie in ein Haus, über dessen Türe
Fichtenreisig und Hobelspäne winkten. Wein und Bier! Also ein
Wirtshaus. Und da ist sie daheim. Um so besser, da kehrt man ein und
bleibt über Nacht, wenn's zu spät zum Weiterwandern wird. Also ins Haus.
»Gott sei Dank!« sagte sie und legte in der Stube ab, dann zu mir
gewendet: »Was schaffen wir?«
Ich aß und trank. Es waren ein paar lustige Burschen und Dirnen da, sie
tranken Apfelmost und Branntwein und tranken einander, und auch mir und
meiner »Mariandl« auf gute Gesundheit zu. Stadtleute, die immer oben
hinaus wollen, trinken sich ein »Hoch« zu, Landleute »gute Gesundheit«.
Um so viel sind diese klüger. Endlich, als die Burschen und Dirnlein
recht viel Gesundheit in sich hatten, gingen sie davon.
Ich blieb zurück und machte mir mit dem Dirndl zu schaffen. Als sie
neben mir auf der Bank saß, legte ich meinen Arm sehr gesittig auf ihre
Achsel, und es war wieder die Sprache von dem verdeckten Bilde.
Weil es mittlerweile dämmerig geworden war, so meinte sie: »Jetzt
warten wir schon damit, bis das Kerzenlicht kommt, daß wir eine gute
Beleuchtung haben.«
»Auch gut. Wir können bis Mitternacht trinken, mir macht's nichts, und
hier gibt's weder einen Nachtwächter, noch sonst einen Büttel. Wir
können eins singen miteinander und lustig werden, mir macht's nichts.
Gelt, dir auch nicht?«
Endlich, als sie mit ihrem Vater und dem kleinen Gesinde Milchsuppe
und Salat mit Speck gegessen und einiges von Kapfenberg ausgesagt
hatte, ging sie an die Tafel, die auf einer Bank an der Wand lehnte,
band die Tuchecken auseinander und schlug sie zurück. Daß ich, den
Kerzenleuchter in der Hand, nahe hinter dem Dirndel stand, daß ich mit
sehnsüchtiger Augenlust auf das Bild blickte, welches so geheimnisvoll
getragen und bewacht worden war und welches jetzt enthüllt wurde -- ist
leicht zu glauben. Die Hülle fiel und ich sah.
-- -- Wie heißt es in jenem Gedichte? »Auf ewig war seines Lebens
Heiterkeit dahin ...«
Die Polizeiordnung. An der Wand lehnte frisch enthüllt die
Polizeiordnung in Glas und Rahmen.
»Von der K. K. Statthalterei wird strengstens kundgemacht« usw.
»Und jetzt schlafen gehen!« sagte der Wirt. »Mariandl, führ' den Herrn
auf die Bodenkammer!«
Aus der Küche kam ein altes, schiefäugiges Weibsbild gewackelt, das
nahm die Kerze und knurrte mich an, mitzukommen. ~Das~ war die Mariandl.
Am nächsten Morgen, als ich wohlausgerastet in die Gaststube trat, war
die Sonne da und der Kaffee und das freundliche Dirndel von gestern.
Und die Polizeiordnung hing über der Tür zum Nebenstübel.
Ich verlangte nach dem Wirt, um zu rechnen. Das Dirndel nahm die
Kreide und sagte, ich hätte ~gestern~ die Rechnung ohne den Wirt
gemacht, ich möge es heute nur auch tun. Sie betrage just zwei Gulden,
und froh sollte ich sein, daß sie mir keine größere machen könne.
Zwei Gulden! Darauf war nun mein Handwerksburschenbeutel freilich nicht
gefaßt. Aber sie hat recht, dachte ich, 's kunnt schlimmer sein!
Zur Gesundheit! Am nächsten Morgen schrieb ich in mein Tagebuch: »Wenn
das Dirndel hübsch ist, so lockt es die Burschen selbst mit einer
Polizeiordnung ins Haus.« -- Gott, wenn so ein dummer Junge gefoppt
wird, das ist zu lustig!
Sein Geld will er haben.
An einem nebelgrauen Märztage war's im Jahre des Heils 1811. Der
Stockbattner werkte in seiner Geräthütte umher und besserte Pflug und
Egge aus. Denn es kam die Zeit zum Ackern. Der Stockbattner war ein
noch junger Mann, der die Tabakspfeife, wenn das Feuer ausgegangen war,
nicht noch im Munde baumeln ließ, sondern sie weglegte und sich nicht
sobald Zeit nahm, sie wieder anzuzünden. Er hatte vor kurzem erst den
Bauernhof übernehmen müssen; sein rüstiger Bruder war schon früher zu
einem Nachbarn als Knecht gezogen, um sich Geld zu verdienen; sein
altes mühseliges Elternpaar war bis zum letzten Ende im Hause geblieben
-- also hieß es jetzt tapfer anschieben, um die Wirtschaft zur Not im
Gange zu halten.
Dem Pfluge fehlte ein Sech, er stemmte es ein; dem Rade mangelte ein
Reifen, er schlug ihn an; der Egge gingen etliche Zähne ab, er setzte
sie ein -- der Ungeschicktesten war er keiner, gab es Schmiede-,
Wagner- oder Zimmermannsarbeit, er wußte anzugreifen und nachzuhelfen.
Natürlich, wenn wir die auf dem Hofe liegenden Schulden tilgen sollen,
wenn wir die Gebäude ausflicken und die Grundstücke in bessere
Tragfähigkeit bringen müssen, wenn wir am Ende gar noch heiraten
wollen, da muß man wohl überall nach dem Rechten sehen und Bescheid
wissen.
»Mir scheint, du hast mit dem Werkzeug dein G'frött,« redete den Bauer
jemand an. Er schaute von seiner gebückten Stellung auf, stand sein
Bruder Jakob hinter ihm.
»Ah, du bist es,« lachte der Stockbattner, »hab' mir schon nicht
denken können, wer heut' dahersteigen kunnt. Ja freilich hab' ich mein
G'frött; es ist hübsch alles zerlempert umundum, und wenn das Werkzeug
nichts nutz ist, wird die Arbeit auch nichts nutz. Weißt eh, wie's
geht.«
»Wenigstens ist jetzt alles dein,« sagte der Jakob.
»Wär' schon recht, wenn ich erst einmal die Schulden weggezahlt hätte.
Willst nicht ein bissel in die Stuben hineingehen und abrasten, Bruder?
Mit einem Glasel Schnaps kann ich dir aufwarten. Sonst bring' ich halt
nichts für. Wenn die Hauswirtin fehlt, weißt eh.«
»Schnaps mag ich alleweil,« beschied der Jakob, und sie gingen ins
Haus, wo der Bauer den Bruder mit Zwetschkenbranntwein und Schwarzbrot
bewirtete. Der Jakob schnitt sich vom Brotlaib ein großes Stück ab,
machte in diesem dann mit seinem Taschenmesser mehrere Querschnitte, um
es solchergestalt brockenweise in den Mund stecken zu können.
»Hast kein' Speck dazu?« fragte er.
»Der tausend ja, Speck, ei freilich! Bin wohl ein schlechter Hauswirt,
ich, daß ich nicht daran denk': Mußt mir's schon nicht für übel
halten.« Damit beeilte sich der Stockbattner, aus einem rußigen
Küchenkasten das Gewünschte hervorzuholen. »Laß dir's nur schmecken,
Bruder. Mich gefreut's. Weißt eh, daß es mich allemal gefreut.«
Und als der Bruder Jakob sich tapfer geatzt hatte, das Taschenmesser
zuklappte und den Mund mit der breiten Hand abwischte, pfiff er dem
Bauer ein Liedel ins Gesicht und sagte hierauf gemütlich: »Weißt, warum
ich da bin? Was glaubst?«
»Das Heimatshaus sucht der Mensch gern manchmal auf. Ist auch recht.«
»Hau, das Heimatshaus!« lachte der Jakob. »Bin ja doch fremd, seit du
darauf sitzest.«
»Aber Bruder!«
»Bin ja hinausgebissen worden.«
»Aber Bruder Jakob! Du hättest ihn doch haben können, den Hof, hast ihn
nicht genommen, hab' halt ich mich müssen dranmachen, daß er nicht in
fremde Hände kommt. Weißt eh.«
»Ist gut,« brummte der Jakob mit einer unwilligen Handbewegung. »Wir
wollen nicht streitend werden. Ich bin nur da, Bruder, um dir zu sagen,
daß ich mein Geld haben will.«
Der Stockbattner schaute ihm eine Weile forschend ins Gesicht. »Das
wird doch nicht dein Ernst sein.«
»Ich will mein Geld haben.«
»Wärst aber nicht gescheit, Bruder! Ja, zu was brauchst es denn auf
einmal?«
»Das ist mein Sach'. Ich wart' nimmer zu.«
»Um Gottes-Christi willen, woher sollt' ich jetzt auf der Stell'
fünfhundert Gulden nehmen?«
»Fünfhundertachti, mein Lieber! Schenken tu' ich dir keinen Kreuzer.
Lieber einem wildfremden Menschen, wie dir.«
»Und um mir das zu sagen, hast dir die Gurgel mit Speck einschmieren
müssen?«
»Wenn du mir das Stückel Speck neidest -- soll dir vergütet werden.«
»Ach nicht so, nicht so, Bruder. Wer wird so was denken! Ist dir wohl
vergunnt. Nur mit der Forderung tu' mir noch ein bissel warten, ich
bitt' dich gar schön. Woher sollt' ich's nur nehmen? Die Ochsen sind
noch nicht feist. Hafer verkaufen kann ich erst im Herbst, weißt
eh. Die vielen schlechten Jahre her -- in der Franzosenzeit. Die
schreckbaren Abgaben alleweil, es ist hart hausen. Die Leich' von Vater
und Mutter, die wir so schnell nacheinand' verloren, haben auch was
gekostet.«
»Hau, soll ich, der arme Bauernknecht, die Alten noch ins Grab zahlen,
meinst?«
»Aber Jesses, wer redet denn von so was!«
»Wo ich eh verkürzt genug bin worden!«
Nach einem Weilchen versetzte der Stockbattner: »Sei doch nicht gar so
harb, Jakob. Ich will gern mit dir tauschen und ich will dir nachwarten
mit dem, was nachher ich von dir zu kriegen hätt'.«
»Was nutzt die Rederei!« unterbrach der Jakob, »ich will mein Geld
haben, in acht Tagen will ich's haben, sonst wirst sehen, was
geschieht.«
Damit goß er noch ein Gläschen Schnaps in seine Gurgel, stand auf und
ging fort.
Der Stockbattner trottete wieder hinaus zu seinem Pfluge und arbeitete
gelassen wie vorher daran herum. Am Abende aber, als es dunkel wurde,
und das Gesinde in der großen Stube herumsaß und auf das Nachtmahl
wartete, welches eine alte Magd in der rauchigen Küche zusammentat,
ging der Bauer hinab in den Torhof. Im Vorhause dieses Hofes,
bei einem Kerzenlichte, tat die saubere Haustochter Mali Leinwand
glätten. Die übrigen Hausbewohner waren in Stuben, Kammern und Ställen
zerstreut und kümmerten sich nicht drum, daß der Stockbattner neben dem
bügelnden Dirndl saß und mit ihm plauderte. Das geschah ja oft, daß
die so plauderten, und ist weiter auch kein Geheimnis, daß die zwei
zusammenhalten.
»Ja, so geht's,« hatte der Stockbattner angefangen, »immereinmal ist es
schwer, Mensch zu sein.«
»Was hat's denn?« fragte das Mädchen teilnehmend.
»Jetzt kann's erst sein, daß alles miteinander nichts wird, was wir uns
so fein ausgedacht haben, allzwei. Weißt eh.«
Sie ließ das Bügeleisen stehen auf einem Fleck, und schier zu lang.
»Schrecken tust einen, Seppel!« hauchte sie, da hatte das Linnen schon
eine leicht versengte Stelle.
»Mein Bruder ist heut' bei mir gewesen.«
»Der Jakob?«
»Ja, der Jakob.«
»Ist's dem leicht nicht recht -- unsertwegen!«
»Ah, davon hat er nichts gesagt. Sein Geld will er haben.«
»So gib ihm's.«
»Jesses, Mädel, wenn ich's nicht hab'. Ich müßt' rein ein Grundstück
verkaufen, oder sonst was, aber der Stockbattnerhof hat nichts übrig,
weißt eh. Und hat ja nichts einen Wert jetzt.«
»Grundstück darfst kein's verkaufen und sonst auch nichts, wenn nichts
übrig ist und nichts einen Wert hat.«
»Aber woher nehm' ich das Geld?«
»Ja, mein Mensch, das weiß ich halt auch nicht.«
»Wenn er mir nur wenigstens bis Pfingsten warten tät', nachher hätt'
ich vielleicht ein paar Ochsen -- klecken aber nichts.«
»So geh, schau, bitt' ihn halt noch einmal, daß er dir bis Pfingsten
warten tut; das Paar Ochsen, kleckt es nicht viel, so kleckt es ein
bissel, und das übrige zahlst ihm im Herbst.«
»Und sonst --« sagte der Stockbattner scheinbar zerstreut, »sonst
kannst mir keinen Rat geben?«
»Wenn mein Vater was hätt', der wollt' dir's gewiß gern leihen, aber
er hat halt auch kein Bargeld. Das Geld ist halt frei so viel klug
(spärlich).«
Mit solchem Bescheide stieg der Bauer wieder sachte hinan zu seinem
Hof. Er dachte hin und er dachte her, was da zu machen wäre, aber es
fiel ihm nichts ein.
Am nächsten Tage war Sonntag. Nach dem Gottesdienst lud der
Stockbattner seinen Bruder Jakob ein auf eine Halbe Wein beim »Adler«.
Der Bruder ließ sich nicht lange bitten, tat dem Glase wacker Bescheid
und bemerkte noch, zu einem so guten Wein gehöre auch ein guter
Rostbraten.
»Haben sollst ihn, Jakob!« rief der Bauer und hieb ihm launig die Hand
auf die Achsel. »G'freuen tut's mich, wenn du mir's nicht verschmähst.
Wir sind unser zwei einzige Brüder, wir müssen schön zusammenhalten,
gelt!«
»Ei freilich!« meinte der Jakob und machte sich an den Braten.
Später, beim Auseinandergehen, als der Stockbattner schon dachte:
Gottlob, heut' sagt er nichts davon, hat sich's doch überlegt! -- tat
der Jakob plötzlich noch einen Schritt zurück und sagte: »Richtig, daß
ich nicht vergess', Stockbattner. Am fünfzehnten März muß ich nach
Schirbach zum Notar von wegen meiner G'schrift. Wenn du mir bishin mein
Geld nicht fürbringst, so übergeb' ich gleich auf eins die ganze Schuld
dem Notar.«
»Klagen gehen willst mich?« fragte der Bauer.
»Der Notar wird nicht viel Geschichten machen, der laßt dich pfänden.«
Also der Jakob, wendete sich wegshin und der Stockbattner stand allein
da mit einem langen Gesichte und beklagte fast noch mehr den Wein und
den Rostbraten, als die fünfhundert Gulden. Von diesen war er bloß
neugierig, wie es der Notar angehen würde, ihrer habhaft zu werden.
Als der Bauer demnächst wieder mit der Mali plauderte, sagte er sehr
leise: »Wir halten auch auf weiterhin noch zusamm', gelt, Dirndel?«
Sie schaute ihn an. »Wesweg sollten wir denn nicht zusammenhalten -- wo
wir uns doch versprochen haben!«
»Na, ist recht. Ich hab' nur gemeint, weil's mit dem Heiraten nichts
ist.«
»Du, sei so gut!« begehrte die Thorhofertochter auf.
»Sonst kriegst leicht einen andern ...« murmelte der Stockbattner
betrübt.
»Ja, wart' a bissel, ich werd' ein' andern nehmen!« lachte sie laut
auf, ohne daß ihr der Mund viel auseinanderging. »Ich will deine
Stockbattnerin werden, verstehst? Ich laß mich nimmer abschütteln.
Schau du, das wär' kamod, ein ganzes Jahr gernhaben und nachher
ins Winkel stellen wie einen Strohschneidstock, wenn der Sommer
kommt! Bübel, zum Auseinandergehen müssen ~zwei~ sein. Ich geh nicht
auseinander, daß du's nur weißt!«
»Ja mein du, ich auch nicht. Aber wenn ich halt den Stockbattnerhof
verkaufen muß! dem Erstbesten verkaufen, bietet er, was er will, dafür.
Weißt eh, mein Bruder gibt nicht nach.«
»Will der noch alleweil sein Geld haben?«
»Sicherlich, so lang' bis er's hat. Am fünfzehnten März geht er mich
klagen und laßt mich pfänden. Nachher kann ich gehen vom Haus, wie die
Dirn vom Tanz.«
Die Mali rang über ihrem Magen die Hände: »Das ist doch ein Elend! ein
solcher Bruder! das ist gar kein Bruder!«
»Leider ja, es ist einer, sonst braucht' ich ihm seine Erbschaft nicht
auszuzahlen.«
»Wird gewiß heiraten wollen!«
»Vielleicht -- nimmst ihn,« sagte der Stockbattner; da wurde das Dirndl
wild: »Jetzt weiß ich's, meiner ledig willst sein. Zuerst den Hof
verkaufen, nachher mich beschimpfen auch noch!«
»Jesses, Mali, was sagst? das war ja nur Spaß, wirst doch desweg
nicht weinen! du, weinen darfst mir nicht, das kann ich nicht leiden,
himmelsakra, nein! wenn ich dich so flennen sehen tu', da möcht' ich
gleich am liebsten zuschlagen oder ins Wasser gehen!« er riß ihr die
Hände vom Gesicht und drückte zum Ersatz das seine darauf, daß auch
seine Wangen ganz naß wurden von ihren bitteren Tropfen.
Und nach solchem Zwiste und nach solcher Aussöhnung -- Gott, wie sind
die bitteren Tropfen süß, wenn sie der Liebste von den Augen wegküßt!
-- wurde die Mali wieder ganz ruhig und ernsthaft und fragte: »Seppel,
weißt also kein Mittel, wie du jetzt zu Geld könntest kommen?«
»Und wenn du mich auf den Kopf stellst, ich weiß keins.«
»Gar keins? Gar nicht ein bissel eins?«
»Gar keins.«
»Nachher muß halt ich schauen,« sagte sie. »Geh her da, Seppel, ich muß
dir ein Geheimnis sagen.«
Der Seppel erschrak, ging aber her.
»Noch näher,« sagte sie, »ganz her. So. -- Ich muß dir was sagen,
Bübel. -- Ich hab' Geld. Der verstorbene Klausenmüller, mußt wissen,
der ist mein Vetter gewesen. Hat keinen Menschen gehabt, wie er auf
den Tod krank ist gelegen, und hab' ich ihn gewartet, weil er ja doch
mein armer Vetter ist gewesen. Jetzt, wie er gestorben ist, heißt's,
er hätt' mir um sechshundert Gulden Bankozettel vermacht. Hab' sie
nachher auch bald bekommen mitsamt dem eisernen Trühel. Hab' dich erst
an unserem Hochzeitstag damit überrumpeln wollen. -- Jetzt, Seppel,
wenn du's aber schon jetzt so notwendig brauchst, mir ist nichts um die
Papierfetzen, nimm sie und zahl' ihn damit beim Loch hinaus, diesen
grauslichen Bruder. Und nachher soll er mir nimmer ins Haus kommen. So,
jetzt weißt es.«
Man kann es sich denken, was dem Stockbattner dieses Geplauder für
Vergnügen machte. So war er jetzt auf einmal obenan und konnte, wenn er
nur wollte, nun auch einmal tüchtig grob sein gegen den übermütigen
Jakob, der ihm mit seiner Forderung schon so lange in den Ohren und im
Magen gelegen. --
Der fünfzehnte März. Schon in dunkler Früh' klopfte es an der Tür
des Stockbattners, arg polterte es, und der Jakob draußen rief: »He,
Bruder, ist das Frühstück schon fertig?«
»Ei freilich,« antwortete der Stockbattner, indem er mit Schwamm und
Stein Feuer zu schlagen suchte.
»So mach' doch auf, Seppel!«
»Ja, ja, wenn der Teuxel nicht brennt!«
Als »der Teuxel« brannte, ging er mit dem Leuchtspan und sperrte die
Tür auf.
»Geh nur her, Jakob, iß einen Löffel Sterz mit mir, wenn du warten
willst, bis er fertig ist; wir gehen nachher miteinand.«
Der Jakob ließ sich Sterz und Milch dazu wohl schmecken, dann gingen
sie; auch der Seppel war im Feiertagsgewand.
»Wohin gehst denn du?« fragte der Jakob.
»Ich begleite dich bloß bis zum Nachbar Franzmeier hinüber, weil ich
dich halt so viel gern hab', Bruder, weißt eh.«
»Bauer,« sprach hierauf der Jakob, »mit dem Schmeicheln und Süßreden
richtest du bei mir nichts aus. Du weißt, wohin ich heute geh. Ich geh
nach Schirbach zum Notar, von heut' an sollst schon die Unkosten haben,
ich klag' dich um meine fünfhundertacht Gulden!«
»Ah geh, Bruder, das mußt nicht tun,« antwortete der Bauer bittweise.
»Mußt nicht einen so großen Prügel werfen zwischen dich und dein
Heimatshaus, den du nachher dein Lebtag nicht wieder kannst wegheben.
Bist jetzt gleichwohl ein starker, gesunder Bauernknecht, so kannst
doch nicht wissen, wie es dir gehen wird, und ob du nicht einmal einen
Heimgang brauchst bei mir.«