Sie hat den Schwamm unter ein Häuflein dürrer Zündspäne gelegt und
bläst nun drein, bis es lichterloh brennt. »Na greif' halt zu!«
Rasch legt er seinen Arm um ihre Mitte.
»Oha Helm!« sagt sie in der Redeart und schiebt den Arm von sich. Denn
sie ist eine von besonderer Art.
»Hast ja g'sagt,« lacht er, »daß ich zugreifen soll.« Und setzt dann
bei: »Kann's eh so auch machen,« nimmt einen Span und zündet die Pfeife
an. Und als sie brennt und als er saugt und zwischen den Lippen einen
Rauchstrahl hervorsprüht, setzt er sich an den Rand des Herdes und sagt
halblaut: »Hast schon nachdenkt drüber? Weißt eh.«
»Da braucht's kein Nachdenken. Was ich g'sagt hab' vorig Sonntag,
dabei bleibt's.« Emsig legt sie Scheiter über das Feuer.
»G'scheit wärst nit,« sagt er. »Einem Dirndl wie dir, hätt' ich
gemeint, müßt's taugen -- Großbäurin werden.«
»Aussuchen kann ich mir's, die Bauernhöf', wenn mir drum ist. Alle Tag
feilt mir ein anderer einen an. Ich mag nit und ich mag einmal nit.«
Der Bursche stellte sich auf die Füße. »Wie du halt glaubst. -- Laß
deinen Vater schön grüßen. Und mit dem Kornmalen wird's derweil nix
sein auf meiner Mühl'. 's ist zu kalt. 's ist frei zu kalt. 's hat das
Wasser vereist.« -- Aber sogleich tritt er sie zärtlich an: »Saggrisch
leid tut's mir wohl um dich. Weil ich mir keine Liebere weiß, ich weiß
mir keine. Wenn du's nur tätest sagen, was für einen großen Fehler ich
hab' -- daß d' mich so kannst fortschicken!«
»Was für einen Fehler? Zu schön bist mir. Zu brav bist mir. Zu reich
bist mir auch.« Hell lachte sie zum Spott. Und der Sandbichlersohn ist
fortgegangen.
Als das Mittagessen gekocht ist, schiebt sie ein Glasfensterl seitlings
und tut durch die Lücke hinaus einen Pfiff. Vom Strohdach, die Leiter
herab, steigt ein betagter Mann. Der Dachdecker Karl, der heute einmal
den Schopf seiner eigenen Hütte ausgebessert hat. Der kleine Tisch
ist weiß gedeckt, eine Schüssel dampfender Milchsuppe, ein Topf mit
Erdäpfeln, ein Salzgefäß und ein Laib Brot. Das Brotmesser zieht der
Karl aus seinem Sack.
»Sanna,« sagt er während des Essens, »heut früh, wie ich Weiden
schneiden geh, ist mir der Tonhofer begegnet. Und -- er hat mich wieder
gefragt. Und will morgen noch einmal anfragen. -- Sanna, was darf ich
ihm denn sagen?«
Schon wieder einer! denkt sich das Dirndl.
»Was meinst denn von wegen seiner?«
»Ich hab's schon gesagt.«
Der Alte schält einen Erdapfel, tunkt ihn in Salz. »Daß d' gar so
trutzig magst sein,« sagt er heiser und schiebt den Erdapfel in den
Mund.
»Wenn ich nit mag. Wer kann mich zwingen?«
»Zwingen -- kein Mensch. Aber leid wird's dir einmal tun, wenn du dein
Glück bei der Tür hinausjagst. Wohl, wohl -- bei der Tür hinausjagst,
nit anders. Das klemmige Kummerörtel da. Und dort der prächtige
Bauernhof, überall Sachen zum hernehmen. Und der Mensch ist ja auch nit
z'wider.«
»Wem er gefallt!«
»Gern hat er dich, sagt er. Ihm stehen zehn für eine, wenn er will.
Wohl auch angesehene Bräut. Dich hätt' er halt so viel gern, sagt er.
Und -- mir wollt's taugen, wenn ich mir's in alten Tagen ein eichtel
leichter geschehen lassen kunnt.«
Da schaut sie auf. Traurig und müd' ist sein Gesicht. Alt und
zusammengeknickt sitzt er da, der sein Lebtag fleißig gewesen ist und
noch im weißen Haar für ihn, für sie das Brot soll herschaffen.
»~Wenn~ er noch einmal fragt, in Gottesnamen Vater -- sag' halt ja.«
Er hält im Essen ein, schaut sie von der Seite an. »Wenn's grad' nur
meinetweg wär', Sanna! Das dürft' auch wieder nit sein. Das möcht' ich
nit verantworten.«
»Deinetweg und seinetweg. Zwei gelten mehr als eins.«
* * * * *
Und noch an demselben Abend ist's, sie liegt schon im Bette, klopft der
Holzknecht an ihr Fenster. Schade, daß es schon nachtet und man nicht
mehr sieht, was das für ein schöner Mensch ist. Susanna zieht die Decke
über ihr Haupt. So herrisch sie gegen alle andern ist, aber vor dem
vermag sie sich nicht zu schützen. Sie fürchtet sich vor ihm und -- vor
sich selber.
»Warum tust denn heut so, Dirndl?« flüstert er durch das Fenster.
»O mein Siegi, mit uns zweien ist's aus.«
»Du Narrl,« lacht er, »mit uns zweien hebt's erst an. Gestern bin ich
Holzmeisterknecht geworden. Um einen ganzen Gulden mehr Wochenlohn.
Wenn du willst, können wir jetzt ernst machen?«
»Mein Gott!« schluchzt sie, »ich hab' mich einem anderen versprechen
müssen.«
»Geh, mach' keinen dummen Spaß.«
»Behüt' dich Gott, Siegmund! 's kann nit sein bei uns. Behüt' dich
Gott!«
»Was b'hüt' dich Gott? Wie b'hüt' dich Gott? Geh, mach' auf, 's ist
schad' um die Zeit.«
Da geht im Fenster der Holzschuber zu.
Er hat lange geklopft und gebettelt und geschmeichelt und geflucht.
Verschlossen ist das Fenster geblieben und still hinter demselben,
als wäre alles abgestorben. Bergwärts ist er gegangen gegen seinen
Hochwindschlag und hat sich unterwegs mit der Faust an den Kopf
geschlagen, weil er sich vor seiner selbst hat geschämt. Denn wie
ein Kind weinen hat er müssen. Nur weiß er nicht, aus Zorn oder aus
Liebe. Dumm ist beides -- ganz dumm. »Jetzt -- jetzt, wenn ich ~die~
nit krieg', ist mir alles eins. Eine Freud' muß der Mensch haben.
Ein nixnutziger Kerl will ich werden.« Damit will er sich trösten
und schleicht jenem Dickicht zu, wo er unter Moos und Steinen seinen
Kugelstutzen versteckt hat. Das Dirndl hätte ihn zurechtbringen können
von seiner alten Leidenschaft. Wenn's nicht sein kann, muß der Mensch
halt zugrunde gehen. --
Der Tonhofer, wie er von dem Alten hört, er dürfe kommen, da steht er
auch schon vor der Haustür. Ein dicklicher, gutmütig dreinschauender
Bursche, nicht mehr gar jung, so daß er -- wenn's nicht sein muß --
den Hut ungern vom Kopf tut. Es muß auch nicht sein. Aber, als er zum
Suppenessen eingeladen wird und der alte Decker Karl das Tischgebet
ruft, da muß es doch sein. Es ist nicht anders, beinahe bis an den
Scheitel geht sie hinauf, die Glatze. Der Susanna macht die gerade
nicht viel. Sein untertäniges Girren und Schleichen um sie herum
ist ihr viel zuwiderer. Zwingen muß sie sich zur Freundlichkeit,
und was die Hütte in Vorrat hat, das kocht und brät sie und bringt
es auf den Tisch. Solange er ißt, hat sie Ruh vor seinen läppischen
Schmeicheleien. Und denkt weiter: Die so viel essen, die leben nicht
lang', und am liebsten wäre ihr, seine Glatze ginge auch noch hinten
hinab, so daß seitlings nur ein paar weiße Haarschüberln stünden und er
keinen Zahn mehr im Mund hätt' und er bucklig und hustend und trensend
auf dem Stecken herumhinkte -- da wollte sie ihn am liebsten nehmen,
da wollte sie ihn sogar recht liebreich hegen und pflegen -- lange
könnt's ja nachher nicht dauern und sie säße mit ihrem guten Vater
allein auf dem schönen Tonhof.
Nach dem Abendessen streichelt der Tonhofer die Sanna am Arm -- weiter
hin wagt er sich noch nicht, spricht aber vom Dableiben.
»Fragst halt den Vater!« rät sie ihm, das weiß sie wohl, der Alte
winkt ab, denn er ist streng in solchen Sachen. Der Karl hat für
diese Strenge seinen besonderen Grund. Wenn so ein Großbauer einmal
weiß: Dableiben kann ich so auch, dann verschiebt er das Heiraten.
Solche Leut' muß man brav aushungern lassen, bis sie dazukommen, die
Hochzeitstafel zu decken. -- Also heimgehen, Tonhofer! Da sagt der
noch: »Und wenn du willst, daß wir zum Pfarrer gehen -- wir sind
allzeit bereit. Gelt, Sanna!«
»Na freilich!«
So ist er willig heimgegangen.
»Einen kamoden Mann kriegst!« sagt der Karl zu seiner Tochter. »Jetzt
derweil hältst ihn fest, verstehst und daß er dir nit auskommt. Daß
ich dir sag', ein bissel kunnt'st just schon zutunlicher sein zu ihm,
weißt, es gibt auch noch andere Weiberleut', die nach ihm angeln. Nach
der Hochzeit nachher ist's nit mehr so heikel -- kannst dich schon
besser gehen lassen wie du willst. Froh bin ich halt wohl, daß die
Heirat zustande kommt. Jetzt sind wir auch einmal wer. Das taugt.«
Die Susanna ist still. Aber als sie in ihre Schlafkammer geht, muß sie
doch ganz laut aufkreischen: »Jesses, diese Mannerleut'. In alles tun
sie sich drein und alleweil denken sie auf sich selber und von der
Lieb' wissen sie nix.« Wer in derselbigen Nacht gehorcht hätte an ihrem
Fenster. Der Alte hat's ganz zufällig gehört und bei sich gesagt: »Daß
sie wieder so viel Zahnweh hat, die arme Dirn! Und kunnt sonst jetzt
so lustig sein!« -- Aber am nächsten Morgen hat sie sich die Augen mit
kaltem Wasser gewaschen. Kein Mensch merkt es.
* * * * *
Eine Woche später, an einem kühlen Aprilmorgen, sind sie früh
aufgestanden. 's ist über zwei Stunden weit ins Kirchdorf und auch der
Tonhofer wird sich dort einfinden. Dann wollen sie in den Pfarrhof zum
»Versprechen«.
Unterwegs auf dem kiesigen Waldweg fallen dem Karl rote Flecken auf und
zerrupfte Vogelfedern. Er hebt eine auf und sagt: »Sanna, schau einmal
her. Da ist heut' schon ein Schildhahn geschossen worden.«
»Wegen meiner,« sagt sie und geht ihren Schritt weiter. 's ist ihr
alles gleichgültig. Wird noch nicht ausgeschlafen haben, denkt sich der
Alte. Oder sollt sie doch so verschossen sein in den Zukünftigen, daß
sie alles andere übersieht und überhört, wie der Hahn auf der Balz? Bei
den Weiberleuten kennt sich eins frei nit aus.
Im Kirchdorf beim Bräuer müssen sie warten. Er ist noch nicht da. --
Es wär' schon Zeit, kunnt schon da sein. Hat auch nit weiter, wie wir,
sinniert der alte Karl. Die Kirche läutet zur Messe. Man sollt' doch
zu Meß' gehen an so einem Tag. Sonst wird sich der Pfarrer was Schönes
denken von so Brautleuten, die den Herrgott beiseite schieben, just
wenn man ihn am notwendigsten zu brauchen haben möcht'. -- Der Alte
wird unruhig. Der Tonhofer! Wenn er sich's überlegt hätt'! -- Kriegen
tät so ein Großbauer jede. Auch angesehene. Daß ihm seine Blutsfreund'
abgeredet hätten: Ein Tonhofer wird eine Häuslerin nehmen! Das wär
schon gar schön. -- So unruhig wird der Karl, daß er nicht mehr sitzen
bleiben kann bei seinem Bierglas. Er geht hinaus und schaut die
Dorfstraße hin, ob er nicht endlich daher steige. Die Susanna denkt:
Was soll eins da auch noch hersitzen wie ein angemal'ner Kineser. Als
ob man ihn schon nit möcht' derwarten. So einen! Ich geh lieber in die
Mess'.
Und auf dem Weg zur Kirche hinauf, im kleinen Birkenschachen, steht auf
einmal der Holzknecht vor ihr. Er ist im lodenen Werktagsgewand und ein
wenig verstört. »Sanna!« sagt er, zischt es fast nur, »komm' ein bissel
mit mir!«
»Ich geh in die Kirchen,« sagt sie, »wenn du mit willst, wird dir auch
nit schaden.«
Er faßt sie am Arm und zerrt sie mit gelassener Gewalt zwischen den
Birken und Erlensträuchern hin. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. So
hat sie noch kein Mensch in seine Kraft genommen.
Er steht still, läßt sie los und fällt vor ihr auf beide Knie: »Sanna!«
Er ringt die Hände: »Sanna! Ich weiß, auf wen du wartest. Um deines und
meines Lebens und Sterbens willen, das darf nit sein.«
»Was das dich angeht, will ich wissen!«
Da nimmt er sie heftig an beiden Händen, zieht sie nieder an sich: »Du
gehörst ~da~ her! Zu mir gehörst du! Zu mir gehörst du!«
Sie wehrt ab, will sich losreißen, da versetzt er ihr einen Schlag an
den Kopf. -- --
Nach dem Schlage stehen beide bewegungslos da. Er hat sie losgelassen.
Er hat sie geschlagen -- und sie bleibt vor ihm stehen, ohne Trotz und
Zorn. Ihre Augensterne werden so groß, daß sie das Weiße ausfüllen.
Dann kommt eine Träne hervor. Er verdeckt mit den Händen sein Gesicht
und sein Leib schüttert.
»Siegmund,« sagt sie in einem wunderlich innigen Ton. »Wenn du mich so
unsinnig gern hast, daß du mich schlagen mußt -- --! Ich hab' ja auch
keinen so gern, als wie dich. Keinen Menschen auf der ganzen Welt. --
Führ' du mich, wohin du willst.«
Der Tonhofer war freilich zu spät gekommen. Im Bräuhause haben er und
der Alte gewartet, dann sind sie hinausgegangen und haben gesucht und
gerufen. Derweil sind die Susanna und der Holzknecht Siegmund oben im
Pfarrhof gewesen und haben sich versprochen.
Wie der Holzknecht nachher allein hinübergeht in seinen Hochwindwald,
begegnet ihm der Sandbichlersohn. »Was ist's, Holzknecht?« ruft er
diesem zu, »verkaufst mir deinen Schildhahnschwanz?« Das ist kein
kleiner Schreck für den Siegmund. Aber ganz unbefangen stellt er sich
und sagt: »Geh, Sandbichler, was du nit plauschest!«
Der Sandbichler macht einen Ruck mit der Achsel, gleichsam: Ich kann
schweigen, kann dich aber auch verraten. Dann geht er seines Weges. Er
hat die Absicht, hinein ins Tal zur Dachdeckerhütte zu gehen und es
nochmals zu versuchen mit der Susanna. Warum just dieses Fleisch und
Blut von Stein sein sollt', das möcht' er wissen. Unterwegs, nicht
weit vom Forsthause, begegnet er dem gräflichen Oberjäger. Der ist in
einer wütenden Erregung. Seine Gnaden, der Herr Graf, kommt in einer
Stunde von der Stadt daher auf den Hahn. Morgen sollt' Jagd sein und
heute früh ist der Hahn abgeschossen worden!
»So, so,« sagt der Sandbichlersohn, »der Hahn ist dir abgeschossen
worden. Nachher schau nur, Jager, daß du den Wilddieb nit derwischest,
sonst kommst auf zehn Jahr ins Zuchthaus.«
»Ich?«
»Freilich du. Weil du ihn niederschießest.«
Dann gehen sie auseinander.
In der Dachdeckerhütte ist der Sandbichlersohn nicht eingelassen worden
am selbigen Abend. Er hat auch kein Begehr danach gehabt. Denn drinnen
ist ein wildes Schreien und Fluchen und Weinen gewesen. -- Wenn der
Vater frägt: Du Sanna, der Tonhofer hat lang' auf dich gewartet beim
Bräuer, daß er mit dir zum Pfarrer geht. Wo bist du denn gewesen? --
Vater, ich bin mit dem Holzknecht Siegmund beim Pfarrer gewesen -- so
ist ein solches Zwiegespräch vergleichbar mit einem Zunder, den man ins
Pulverfaß legt.
Das Unwetter hat gedauert die halbe Nacht, dann sind sie müde gewesen
vor Schreien und Klagen, haben sich in ihre Betten gelegt und hat jedes
für sich gesagt: In Gottesnamen! -- In Gottesnamen! sagt die Susanna,
ich nehm' den, der mir gefallt. -- In Gottesnamen! sagt der alte
Karl, bleib' ich halt mein Lebtag ein armer Teufel. Ist vielleicht eh
g'scheiter, so.
* * * * *
Erfahrene Leute wissen zu sagen, daß manch ein großes Glück, das
viele Jahre lang mit allen Sehnsüchten herbeigefleht, mit allen
Kräften angestrebt wurde, wenn es plötzlich da ist, nicht die Freude
verursacht, die man von ihm erwartet hat.
Sollte das auch dem Holzmeisterknecht Siegmund so ergehen? Seit dem
Tage, da er sich mit seiner Herzallerliebsten versprochen hat, ist
er nicht mehr lustig. Er tut ihr alles, was er kann, zulieb, aber er
ist oft in sich versunken, schweigsam und nicht mehr lustig. Susanna
weiß sich das nicht zu reimen, mag ihn aber auch nicht fragen nach der
Ursache. Am Ende -- denkt sie -- ist es gar, daß ihm der Schlag weh
tut, den er ihr damals in der Aufregung versetzt hat. Mein Gott, dieser
Schlag ist es ja gerade gewesen, der sie zu ihm hingerissen hat. Nach
einem heißen Menschen hat's ihr ja immer verlangt. Weichmütige Leute,
die haben sie nur zum Trotz gereizt. Aber dem Mann, der sie geschlagen
hat, weil sie nicht hat lieben wollen, dem hat sie ~ja~ sagen müssen.
Die Trauung wird angesetzt für einen Sonntag nach dem
Nachmittagsgottesdienst. Aber just noch vor diesem Gottesdienst hat
der Holzknecht die Braut in eine Ecke der Kirchhofmauer geführt und
gesagt: »Oder was meinst, Sanna, ob wir's nit etwa auf ein paar Wochen
verschieben sollten?« Ihre Antwort: »Siegmund, ich versteh dich nit!«
Da ist er mit ihr in die Kirche gegangen.
Die Anwohner des Gottesdienstes sind nach demselben alle sitzen
geblieben. Bei dieser Trauung wollten sie doch dabei sein. Wenn eine
arme Häuslersdirn reiche Bewerber ablaufen läßt, einen um den andern
und einen notigen Holzknecht auserwählt -- ein solches Brautpaar muß
man sich doch anschauen. In ihrem einfachen Sonntagsgewand kommen sie
daher. Er hat im Knopfloch eine Nelke, sie hat in das gescheitelte
Haupthaar ein schütteres Rosmarinstämmlein gewunden -- anders
unterscheiden sie sich nicht von den übrigen. Der Altar trägt keine
Zier, der Pfarrer hat den einfachen Chorrock an und eine abgeblaßte
Stola. Im Gebettone liest er aus dem Buch eine kurze Traurede, dann
schreitet er zur Trauung. Dann kommt, wie es im Lande herkömmlich,
die dreifache Frage. Den Bräutigam frägt der Priester, ob es sein
ernstlicher und ungezwungener Wille sei, diese anwesende Braut zum
Weibe zu nehmen. Der Bräutigam stockt und murmelt ein unentschlossenes
ja. Sie macht es bei derselben Frage kräftiger. Der Priester fragt das
zweite Mal, ob er ihr treu bleiben wolle und all Freud und Leid mit ihr
teilen, bis sie der Tod trennt. Er zögert -- dann antwortet er kaum
vernehmlich ein zagendes ja. Dabei neigt er sein Haupt über die Brust
hinab und ein Zucken geht durch seinen Körper. Susanna möchte versinken
vor Angst und denkt: Er stirbt mir. Aber sie bleibt starr auf ihrem
Stein stehen. So frägt ihn der Pfarrer, und zwar mit nachdrücklicher
Stimme, das dritte Mal um seinen Willen, den ewigen Bund abzuschließen.
Siegmund steht unbeweglich und schweigt. In derselben Sekunde ist kein
Atemzug getan worden in der ganzen Kirche. Da richtet der Bräutigam
sich plötzlich in die Höhe und ruft laut: »Nein! Jetzt nit! Ich kann
nit!« und eilt durch die Sakristeitür davon.
Das Volk in der Kirche ist auf und fährt murrend und fast laut
sprechend durcheinander. Der alte Dachdecker Karl, der hinter dem Paare
gestanden, streckt beide Arme empor wie einer, der im Ertrinken ist,
und schnappt nach Luft. Aber nur ein paar Augenblick' so, dann duckt
er sich unter die Menge. Der Pfarrer ist rasch dem Flüchtigen in die
Sakristei gefolgt. Die Braut steht vor dem Altare unbeweglich wie eine
Säule. Da steht sie nun. Die reichsten und angesehensten Werber hat sie
heimgeschickt. Und der arme mißachtete Holzknecht hat sie verschmäht.
-- -- Endlich wendet sie sich -- und geht auch hinaus.
Aber den Flüchtling hat niemand eingeholt. Die Dorfgasse lief er hinab,
dann hat ihn keiner mehr gesehen.
* * * * *
Die Susanna steht wieder am Herd ihrer Hütte und schlägt mit Stahl
und Stein Feuer, um ihrem Vater die Suppe zu kochen. Arme Leute sind
abgehärtet. In Gottesnamen, denkt sie, auf der Welt geht alles vorbei,
wird auch das nit stehen bleiben. Etliche hätten gerne gewußt, ob sie
ihn liebt oder haßt. Andere haben gemeint, jetzt wäre sie vielleicht
billiger zu haben. Der Sandbichlersohn machte einen Versuch, der
abscheulich mißlang, und der Tonhofer war froh, daß er unbeweibt
geblieben. Eines Abends gehen drei Burschen an der Hütte vorüber und
singen spottweise: »Susanna, nit wana!« -- Und sie weint ja auch gar
nicht. Sie verliert über den durchgegangenen Bräutigam kein Wort, kein
gutes und kein schlechtes. Weil aber der Vater doch immer anfangen
will, seiner zu fluchen, so ist ihr die Zeit am liebsten, da er in der
Arbeit aus ist und sie ihr wehes Gedenken still für sich hat. Wenn
der Vater aber Samstags heimkommt, so ist's halt doch immer wieder die
Frage: »Und kannst dir's denn gar nit denken, Sanna, warum er's hat
getan?« Blickt sie nicht von ihrer Arbeit auf, zuckt die Achseln und
sagt trocken: »Wird ihm halt grad' so gepaßt haben.«
Da ist eines Tages der Brief gekommen. Verknittert, schlecht zugeklebt,
mit gelblich blasser Tinte, von einer Hand, die besser das Holzbeil
führt als die Feder:
»Liebe Susanna!
Bitt' um verzeichen, indem ich dich so in Unehr. Ist schlecht aber
hat nich andersch Sein können und dich vor den leuten in unehr hab
gebracht. Jetz mus ich wol hart Büssen und in 5 Wochen dir vor Augen
treten kann.«
Das ist alles. Kein Ort, kein Datum, kein Name. Aber sie weiß es ja
doch. Und sie schweigt. Als ob nichts wäre, so arbeitet sie in der
kleinen Wirtschaft ihre Tage dahin.
Der Brief muß lange gegangen sein, denn noch vor der angegebenen Zeit
steht der Mensch bei der Hütte am Brunnen. Er hat sein Gewand an wie
damals. Sein Gesicht ist schmäler und blasser geworden, aber gut
rasiert. Seine Augen schauen größer aus, so wie nach einer Krankheit.
Er nimmt einen Schluck Wasser. -- Sie sieht ihn, geht langsam hinaus
und reicht ihm die Hand. Er hält sie fest, schaut sie an und sagt
nichts. Sie führt ihn in die Hütte, setzt ihm eine Schüssel mit Milch
vor, legt ein Stück Brot daneben hin und einen Löffel.
»Ich tu' lieber trinken,« sagt er und führt den Rand der Schüssel zum
Mund. Jetzt, da sie sieht, wie gierig er die Milch austrinkt, kann
sie ihr Herz nimmer verhalten. »Aber, Siegmund!« schreit sie weinend
heraus, »warum hat denn das so sein müssen?!«
Er fährt sich mit seinem zerknüllten blauen Sacktuch über das Gesicht
und tut ein kurzes heiseres Auflachen.
»Wenn's dich gereut hat mit mir, wesweg bist denn jetzt wieder da?«
fragt sie.
»Du weißt es halt nit, Sanna,« sagt er. »Du hast es halt nit
wahrgenommen. Wie wir in die Kirche sind gegangen und am Tor das
Gedräng' ist, streicht mich der Sandbichlersohn an und raunt mir ins
Ohr: Mußt dich schleunen mit der Koplation, in einer Stund' sind die
Schandarm da! -- Da weiß ich, er hat mich verraten. Weil ich den
Schildhahn hab' geschossen und der Sandbichler hat mich dabei gesehen.«
»Und was denn weiter?« fragt sie.
»Jetzt kannst dir's ja wohl denken. -- Hätt' ich dir's leicht antun
sollen, daß mich die Schandarm vom Altar wegtreiben? Da geht einer
schon lieber so. Schnurgerade zum Landsgericht bin ich, hab' mich
gestellt und mein' Sach' abgebüßt.«
Susanne steht da, hält die Hände über der Brust gefaltet und schweigt.
Nach langem Schweigen endlich: »Eines Schildhahns wegen!«
»Ungeschickt genug, daß ich so bin davongelaufen. Und dir eine andere
Schand' gemacht, derweil ich dir die eine hab' ersparen wollen.«
»Und auf mein Leid hast nit gedacht?!«
Er reißt sie an sich und herzt sie und küßt sie.
»Und wenn's gutzumachen wär', Susanna. Freilich hab' ich des Hahns
wegen auch meine Holzmeisterstell' verloren. Bin halt gar nix jetzt ...«
»Ich frag' nit nach Schand' und Ehr' und Holzmeisterstell'. Vier
gesunde Händ' haben wir und wenn du ordentlich ja sagen kannst, so
woll'n wir's halt noch einmal miteinander probieren.«
Ist aus den zwei armen Leuten ein zufriedenes Ehepaar geworden. Und
ist's ihnen am liebsten, wenn sich fremde Leute nicht weiter um sie
kümmern.
Das geheimnisvolle Bildnis.
Das Tal von Kapfenberg bis Aflenz kennen zu lernen, kann niemandem
schaden. Es ist ein steirisches Gebirgstal, wie es »im Buch steht«.
Auf dem Boden des Kurortes Steinerhof wandelnd, sieht man noch die
schönen Berge des Rennfelds, des Flonings und andere Almen im freien
Sonnenschein. Wir wandern den Thörlbach entlang aufwärts bis zum
Felsenblock, auf welchem die grünen Almen des Floning aufgebaut sind.
Hier engt sich das Tal; an beiden Seiten steile, üppigbewaldete
Berghänge, an den Lehnen manch kleines Äckerlein oder eine Matte mit
Heuduft. Im tiefen Grunde die weiße breite Straße mit massigem Geländer
hin und hin, und mit den drei Telegraphendrähten darüber. Daneben
rauscht und tost zwischen wuchtigen Felsblöcken das Wasser, oder es
wallt rasch und weiß über die Steine hin, die in den Jahrtausenden
von der grünlichen Alpenflut glatt geschliffen worden sind. Wo neben
Straße und Fluß noch ein grünes Wieslein Platz hat im Tale, da liegt
es zwischen Silberweiden, Schlehdornsträuchern und Eschen. Dort auf
dem Hange oder hier in der schattigen Nebenschlucht blinken zwischen
Linden, Ahornen oder wilden Kirschbäumen die taubengrauen Dachbretter
eines Hauses hervor, ein wehmütig Denkzeichen an die Zeiten, da diese
Berge noch traute Heimstatt fleißiger Bauern gewesen sind. Jetzt
versinkt alles in die Schatten der aufwuchernden Wildnis, und nur der
stattliche Eisenhammer im Talgrunde sucht mit dem Klingen seiner
Werkzeuge das Jodeln und Jauchzen zu ersetzen, das ehedem die Gegend
belebt hatte. (Die Eisenbahn, die heut' durch das Tal zieht, ist zur
Zeit dieser kleinen Geschichte noch nicht gewesen.)
So schlängelt sich das Tal zwischen den waldigen Bergen hin, und
oft muß der Weg den rollenden, grollenden Bach auf festen Brücken
überspringen. Dann wieder eine räucherige Holzhauerhütte, deren Fugen
der Wandzimmerung mit Kalk verklebt sind; davor, schier unter dem
Schatten des aufsteigenden finsteren Fichtenwaldes, ein Gärtlein mit
kümmerlichen Kohlpflanzen und freundlichen Nelken.